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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 3
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Die Rennlotterie

Der Eigentümer von Gut Graeside, einem der nettesten Landhäuser in der Nähe der nordenglischen Großstadt, pflegte den größten Teil des Jahres in den Hochalpen zu verbringen, um dort sein chronisches Brustleiden auszuheilen. Herrlich eingerichtet und gelegen, war das englische Landhaus gleichwohl für den kranken Besitzer eine Quelle fortwährender Sorgen, weil es ihm bisher nicht gelungen war, es für mehr als sieben Pfund wöchentlich zu vermieten. Gegenwärtig stand es wieder leer, und er beichtete bei der Nachtischzigarre im Hotel Bellevue in Interlaken, wie gern er es sehen würde, wenn es ihm gelänge, einen Dauermieter für Graeside zu finden. Mr. Burnstid, ein zufällig gefundener Freund Mr. Fergusons, des Kranken, hörte dem Lamento nur mit geringem Interesse zu, erwachte aber zu voller Aufmerksamkeit, als Ferguson ihm die Vorzüge seines unvermietbaren Landhauses zu schildern begann.

Mr. Burnstid war ziemlich beleibt, und sein sanft gerötetes Gesicht mit gleichfarbiger Nase bewies deutlicher, als Worte es vermögen, daß er kein Verächter eines guten Tropfens war. Was Kleidung anbetrifft, so konnte es seine Eleganz gut und gern mit dem übrigen Publikum des vornehmen Hotels aufnehmen.

»So, so?« meinte er. »Gut eingerichtet, wie? Und die Nachbarschaft auch angenehm?«

»Darüber können Sie beruhigt sein«, versicherte ihm der unglückliche Besitzer dieser Perle unter allen Landhäusern.

»Das Haus steht allein, sagten Sie, nicht wahr?« fragte Burnstid, worauf ihm Ferguson erneut darlegte, daß es völlig allein stehe und von niemand eingesehen werden könne.

»Hm!« unterbrach ihn der nunmehr höchlichst Interessierte. »Vermieten Sie das Haus selbst, oder haben Sie einen Grundstücksagenten damit beauftragt, Mr. Ferguson? Ich würde derartige Geschäfte nur durch Agenten machen lassen.«

»Ich habe die Vermietung einem Agenten übertragen«, beruhigte ihn der andere und nannte Burnstid den Namen und die Adresse seines englischen Vertreters.

Kurze Zeit darauf verabschiedete sich Burnstid von Ferguson und begab sich auf sein Zimmer. Sofort vertraute er die Adresse, die ihm Ferguson gegeben hatte, seinem Notizbuch an. Damit war Graeside für die Gespräche der beiden Herren erledigt, aber der Besitzer des Landhauses wurde acht Tage später angenehm durch die Mitteilung seines Grundstücksverwalters überrascht, daß Graeside endlich einen gut zahlenden Mieter gefunden habe. Er ahnte nicht, daß es Burnstid gewesen war, der ihm die Sorge um das unvermietete Graeside abgenommen hatte, denn er sah den Landsmann in Interlaken nicht wieder.

Burnstid hatte den Fall seinen Teilhabern vorgetragen, ebenfalls zwei wohlbeleibten Herren, die sich nur durch das Rauchen sehr teurer Zigarren von ihrem Berichterstatter unterschieden. Das Rendezvous hatte auf Veranlassung Burnstids in einem Hotel am Genfer See stattgefunden. Mr. Epstein und Mr. Cowan blickten ihren Teilhaber fragend an.

»Nun?« hatte ihn Epstein begrüßt. »Wie sind die Aussichten?«

»Gut«, erwiderte Burnstid. »Ich werde über siebenhunderttausend Rundschreiben hinausgehen lassen, und zwar nicht von hier, sondern von England aus. Ich rechne bestimmt damit, daß wir zum mindesten zweihunderttausend Anträge bekommen werden, genauso wie bei der Cäsarewitsch-Rennlotterie. Ihr seht, daß ich die Wintermonate über nicht untätig war.«

»Schön», nickte ihm Epstein beifällig zu. »Du glaubst also, daß diese Lincoln-Rennlotterie uns Erfolg bringen wird?«

»Glauben?!« wiederholte Burnstid lachend. »Da gibt es nichts zu glauben. Ich bin mir des Erfolges sicher! Es wird leichter sein als Schoten auspellen; hunderttausend schöne runde Pfündchen springen für uns dabei bestimmt heraus.«

»Welche Prämien hast du denn angeboten?« erkundigte sich nun auch Cowan höchlichst interessiert.

Burnstid entnahm seiner Brieftasche einen eng bedruckten Bogen Papier und legte ihn vor sich auf den Tisch.

»Hier steht alles haargenau«, sagte er. »Hauptgewinn: Zwanzigtausend Pfund, zweiter Hauptgewinn zehntausend, dritter fünftausend, vierter eintausend. Dann kommen noch zehn Trostpreise zu je sechshundert Pfund und weitere fünfhundert für jedes Pferd, das auf der Starterliste steht.«

Cowan schien befriedigt. Er nickte beifällig.

»Diese Köder sollten eigentlich genügen, uns eine Menge Vögel ins Garn zu locken«, meinte er. »Würde es nicht noch mehr ziehen, wenn wir den Hauptgewinn auf das gewinnende Pferd auf vierzigtausend erhöhten?«

Burnstid schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

»Nee, mein Junge, dann bekämen die Idioten es mit der Angst zu tun. Zwanzigtausend genügt als erster Preis. Du mußt bedenken, daß das Publikum von einem anderen Standpunkt ausgeht als wir. Man weiß, oder glaubt zu wissen, daß wir bei Veranstaltung dieser Pferderennlotterie auch etwas verdienen werden. Böten wir als Hauptgewinn vierzigtausend an, dann würden die meisten unserer Vögelchen Lunte riechen. Das Lincoln-Rennen ist nicht so wichtig, um einen so hohen Hauptgewinn, wie du ihn vorschlägst, zu rechtfertigen. Nein, unsere Gewinnchancen müssen Hand und Fuß haben, dürfen nicht zu niedrig, aber auch nicht zu hoch sein. Ich glaube, mein Vorschlag hält den goldenen Mittelweg.«

»Gut«, stimmte auch Epstein bei. »Wer soll denn das Geld für die anfänglichen Spesen aufbringen?«

»Der Spaß wird uns etwa zehntausend kosten«, erklärte Burnstid nach kurzem Nachdenken. »Natürlich sind darin nicht meine persönlichen Ausgaben einbegriffen. Ich für mein Teil will zweitausend Pfund aufbringen, während ihr jeder viertausend aufblättern müßt. Der Reingewinn würde jedoch in drei gleiche Teile gehen.«

Nach kurzem Handeln, das aber vergeblich blieb, stimmten die beiden Teilhaber dem von Burnstid aufgestellten Verteilungsplan der Spesen und des Reingewinns zu.

»Wo willst du denn das notwendige Personal herbekommen?« fragte Epstein endlich.

»Das ist schon alles in Ordnung«, beruhigte ihn Burnstid. »Ich habe auch hierin Glück gehabt; die Räume, die ich brauche, habe ich billig bekommen; es sind einige Zimmer, die während des Krieges vom Kriegsministerium belegt waren. Mein neuer Direktor ist ein intelligenter junger Mensch, auf den wir uns verlassen können.«

Diese Bemerkung schien das Mißtrauen Epsteins zu erregen.

»Ein junger, intelligenter Mensch?« fragte er. »Woher hast du ihn?«

»Er ist ein ehemaliger englischer Feldoffizier aus bester Familie«, gab Burnstid Auskunft. »Er spricht Deutsch und Französisch und macht den Eindruck, als würde er für Geld alles tun, was man von ihm verlangt. Zu den Behörden scheint er die besten Verbindungen zu haben. Ich werde schon die ganze Sache so arrangieren, daß er der Geleimte ist, wenn irgend etwas schiefgehen sollte.«

Epstein lächelte verhalten, Cowan grinste, und Burnstid belachte laut seine eigene Schlauheit.

»Glaubst du, daß er ehrlich ist?« erkundigte sich der vorsichtige Epstein. »Wir können in diesem Geschäftchen keine Ganoven brauchen. Das weißt du doch, Burnie, nicht wahr? Was glaubst du, was er tun wird, wenn er ausfindig macht, daß wir gar nicht die Absicht haben, irgendwelche großen Gewinne auszuzahlen?«

»Die Sorge kannst du ruhig mir überlassen«, erklärte Burnstid mit sichtbarem Selbstvertrauen. »Ich weiß, daß er für tausend Pfund, für uns durchs Feuer gehen wird. Und wegen der Ziehung selbst? Na, du wirst mir doch genug Talent zutrauen, daß ich sie so handhaben kann, daß er nichts merkt. Ich habe schon Vorsorge getroffen, um den künftigen Gewinner des Haupttreffers ausfindig zu machen.«

Seine Teilhaber im edlen Spiel glaubten ihm diese Versicherung, auch ohne daß er ihnen nähere Erklärungen gab. Am selben Abend reisten Epstein und Cowan nach Paris und überließen die weitere Ausführung ihrer Pläne dem zurückbleibenden Burnstid. Jener hatte wirklich die vorzüglichen Eigenschaften seines Geschäftsführers nicht übertrieben. Die Bekanntschaft der beiden ging auf eine zufällige Begegnung auf der Dampferfahrt nach Ouchy zurück, und Burnstid, der ein ausgezeichneter Psychologe war, hatte den jungen, intelligent aussehenden Menschen bald als das erkannt, was er wirklich war: als skrupellosen, etwas gesprächigen Glücksritter.

Nachdem er seine Freunde zum Bahnhof begleitet und sich von ihnen verabschiedet hatte, fuhr Burnstid ins Café du Planet zurück, wo er sich mit seinem künftigen Geschäftsführer treffen wollte. Er fand ihn gelangweilt vor einer kaltgewordenen Tasse Kaffee. Beim Anblick seines künftigen Chefs blickte er auf.

»Alles in Butter, Stevens«, beruhigte ihn Burnstid leutselig. »Meine Teilhaber sind mit Ihrem Engagement einverstanden.«

»Das ist wirklich zu nett von Ihnen, Mr. Burnstid«, rief der dankbare junge Mann aus. »Was sind Sie doch für ein prächtiger alter Mann.«

»Na, na, so alt bin ich eigentlich noch gar nicht«, wehrte Burnstid ab, denn in Altersfragen war er ziemlich empfindlich. »Kurz und gut: Sie verstehen doch, daß ich meinen Teilhabern gegenüber mit Ihrem Engagement eine große Verantwortung übernommen habe, nicht wahr? Das Geschäft, das wir in Aussicht haben, ist nämlich nicht ... hm ... was man ein ... hm ... regelmäßiges Geschäft nennen würde.«

»Ich verstehe, ich verstehe«, kam ihm Stevens zu Hilfe. »Ich halte Sie für einen guten Sportsmann, und Sie brauchen sich nicht unnötig den Kopf zu zerbrechen, denn ich bin ziemlich unbelastet von dem, was man als Gewissen bezeichnet.«

In kurzen Worten machte ihn Burnstid mit seinen Pflichten bekannt. Sie schienen darin zu bestehen, daß Stevens den ganzen Tag in einem elegant möblierten Büro zu sitzen und seine scharfen Augen auf die Arbeit vieler junger Männer und Mädchen zu richten hatte, die damit beschäftigt waren, Briefumschläge zu öffnen, die Geld enthielten.

Diese Gelder würden aus England, Schottland und Irland eingesandt werden, von Leuten, die ihr Scherflein zu der großen Rennlotterie, veranstaltet von Burnstid, Epstein und Cowan, beizutragen wünschten.

»Sie werden alle diese Gelder an sich nehmen, Stevens«, instruierte ihn der Vertreter der Firma, »und im allgemeinen der ›Chef vons Janze‹ sein. Wenn jemand kommt und von Ihnen wissen will, wer die Veranstalter der Rennlotterie sind, werden Sie ihm mitteilen, daß Sie der einzige sind, der die Sache in Gang gebracht hat. Außerdem werden Sie alle Schecks – eingehende und ausgehende – unterzeichnen.«

Der mit so großem Vertrauen Beehrte lächelte geschmeichelt.

»Das heißt, die ausgehenden Schecks werden erst von mir gegengezeichnet«, verabreichte ihm Burnstid eine Dusche.

»Das finde ich ganz in Ordnung«, stimmte der junge Mann zu.

Burnstid senkte seine Stimme, bis sie einem Flüstern glich.

»Es kommt natürlich sehr oft vor«, meinte er, sich vertraulich zu seinem Geschäftsführer vorbeugend, »daß nicht genug Teilnehmer an der Lotterie vorhanden sind, um die ausgesetzten hohen Prämien zu zahlen. In diesem Falle sind natürlich, wie Sie einsehen werden, die Hauptgewinne zurückzusetzen, nicht wahr? Das ist ja nur gerecht.«

Stevens schien dies einzusehen, denn er nickte zustimmend.

»Andererseits kommt sehr oft genug Geld herein, aber die Spesen sind so hoch, daß auch hier wieder eine Reduzierung der Hauptgewinne ins Auge gefaßt werden muß, das leuchtet Ihnen doch gleichfalls ein, Stevens? Nun, wir machen es dann gewöhnlich so, daß überhaupt niemand auf den Gedanken kommen kann, wir hätten die Hauptgewinne reduziert.«

»Das ist ein verdammt schlauer Gedanke«, erklärte Stevens begeistert. »Sie wollen doch damit sagen, Mr. Burnstid, daß der arme Teufel, der den Hauptgewinn bekommen hätte, ihn überhaupt nicht zu sehen kriegt, nicht wahr? Das ist doch der Trick?«

»Nein, ganz so schlimm ist es nicht.« Burnstid rieb sich verlegen die Nase und zögerte ein wenig, ehe er fortfuhr: »Nun, da Sie jetzt doch einmal mit in der Clique sind, wird es gut sein, wenn ich Sie voll und ganz aufkläre. Sie bekommen ja doch tausend Pfund als Anteil an ...«

»... der Sore?« warf Stevens verständnisvoll ein.

»Ja, das ist die richtige Bezeichnung. Wir müssen jemand finden, der als Empfänger des Hauptgewinnes auftritt. Sie wissen doch, daß die Ziehung einen Tag vor dem Rennen stattfindet, noch ehe jemand weiß, welche Pferde laufen. Es könnte leicht passieren, daß einer unserer Mitspieler den Favoriten geraten hat und dann das Geld bekommen müßte. Wir werden also erst einen Tag nach dem Rennen die Namen der Gewinner veröffentlichen, denn dann weiß man ja schon, wer das Gewinnpferd hatte, und unter den vielen, die ausgelost werden, um die Prämien zu bekommen, wird dann keiner vom andern etwas wissen. Die Sache ist also ganz einfach« schloß Burnstid.

»Ja, wirklich, da haben Sie recht«, stimmte ihm Stevens zu. »Ich weiß jetzt schon, wie es gemacht werden soll. Wir müssen eben die Lotterie von einem rein geschäftlichen Standpunkt betreiben, und bei einem reellen Geschäft darf nichts dem Zufall überlassen werden, nicht wahr, Mr. Burnstid?«

Der andere lächelte.

»Hören Sie weiter zu, Stevens. Ich habe in Nordengland ein Landhaus – Graeside heißt es – gemietet und werde jemand dorthin setzen, dem ich vertrauen kann. Der Betreffende soll bis nach der Ziehung dort wohnen bleiben, und ich brauche wohl nicht zu betonen, daß der Hauptgewinn dem in Graeside wohnenden Mann zufallen wird. Wenn jemand glaubt, geschädigt zu sein, kann er sich ja in Graeside erkundigen. Der Gewinner existiert und wird jede Frage befriedigend beantworten können. Ich habe die Absicht, meinen Sohn Barney hinzusenden. Niemand ahnt ja, daß ich mit diesem ...«

»Schwindel?« versuchte ihm sein Geschäftsführer in der Wahl des passenden Ausdrucks behilflich zu sein.

»Nein, das ist nicht die richtige Bezeichnung«, wies ihn der Chef scharf zurück. »Nennen Sie es ›Unternehmen‹. Jedenfalls wird also mein Sohn in Graeside wohnen und der glückliche Gewinner des Haupttreffers werden. Jetzt wissen Sie über alles Bescheid, und wenn wir mit unserer Lotterie erfolgreich sind, werden Sie sogar noch mehr als nur tausend Pfund bekommen. Ich bin kein Geizhals und belohne gern treue Arbeit. Wenn wirklich Schweinereien vorkommen sollten und irgendwelche Unzuträglichkeiten entstehen, dürfen Sie nie vergessen, daß Sie stets als der Verantwortliche auftreten. Sie werden bezahlt und müssen eben die Medizin schlucken, wenn sie auch noch so bitter schmeckt.«

Der junge Mann machte sich über diese Frage offensichtlich nicht viel Kopfzerbrechen. Wenn wirklich etwas vorkomme, werde er sich auch nicht umbringen. Mr. Burnstid möge in dieser Hinsicht ganz und gar beruhigt sein.

Die nächsten Wochen brachten Burnstid die Erfüllung aller seiner Wünsche.

Sein Büro in Genf, dem Stevens vorstand, funktionierte tadellos; die Lotterie war gut vorbereitet und propagiert worden, und der Erfolg war dementsprechend. Die Postanweisungen und Banknoten strömten in beinahe unversiegbarer Flut in die Kassen des Unternehmens. So sehr aber auch die Arbeit zunahm, Stevens behielt alles in der Hand und verlor auch im größten Andrang nicht den Kopf. Erst als alles in schönster Ordnung dem Ende zuging, traf Burnstid wie ein Blitz aus heiterem Himmel der erste Schlag.

Eines Tages wurde Stevens dringendst von seinem Chef ins ›Bellevue‹ befohlen. Burnstid lief im eleganten Salon wie ein gefangener Löwe auf und ab.

»So eine Schweinerei«, schimpfte er. »Jemand in England hat herausbekommen, daß Barney mein Sohn ist. Das ist um so schlimmer, als ja Barney mit seiner Frau schon in Graeside wohnt.«

»Donnerwetter, das ist wirklich eine miese Sache«, urteilte Stevens. »Nun ist Ihr schöner Plan ins Wasser gefallen, und Sie können den Haupttreffer Ihrem Sohn nicht mehr zuschanzen.«

Burnstid antwortete nicht. Dann verfluchte er die neugierigen Zeitungsschreiber in allen Tonarten. In alle Dinge, die keinen Menschen etwas angingen, steckten die Reporter ihre Nasen.

»Verdammt noch einmal, zu schlimm«, sagte er endlich. »Wir haben auch gar keine Zeit mehr, einen anderen Strohmann zu finden, der die Rolle meines Sohnes übernehmen könnte.«

»Was soll denn nun werden?« fragte sein Direktor.

Burnstid riß sich gewaltsam zusammen.

»Mein Teilhaber, Mr. Cowan, hat schon ein Plänchen gefaßt«, sagte er. »Ich halte seine Idee für gut. Haben Sie schon einmal etwas vom Preller gehört?«

»Vom Preller?« Stevens lächelte. »Davon gibt es doch sicherlich mehr als einen.«

»Quatsch. Ich meine den wirklichen, den berühmten Preller! Vor einigen Tagen erst stand etwas über ihn in der Zeitung. Er hat einen Ganoven in London um die Früchte seiner Tätigkeit geprellt und ihm sein ganzes Banknotenbündel abgenommen.«

»So was!« rief Stevens verwundert. »Wer ist er denn?«

»Die Zeitungen meinen, er sei ein ehemaliger Offizier, der das Geld leicht verdienen möchte. Seine Opfer sind die Ganoven. Eigentlich ist das sehr moralisch«, setzte er pharisäerhaft hinzu, »Ich halte das Unternehmen dieses Prellers für sehr gut. Wenn jemand stiehlt, dann geschieht ihm ganz recht, wenn er wieder bestohlen wird.«

»Was hat denn der Preller mit unserer Sache zu tun?« erkundigte sich Stevens.

»Setzen Sie sich, und ich werde es Ihnen erzählen.« Nach kurzer Pause fuhr er fort: »Nehmen Sie an, daß Sie und ich das Geld nach der Ziehung persönlich nach London schaffen und daß es zwischen Folkestone und London geklaut wird. Natürlich vom Preller«, fügte er auf den fragenden Blick Stevens' hinzu.

»Sie meinen, es wird gar nicht gestohlen, sondern wir geben nur vor, daß es geschehen sei?«

»Richtig!« Burnstid schlug dem intelligenten Stevens enthusiastisch auf den Rücken: »Verdammt noch mal, Stevens, dumm sind Sie wirklich nicht. Wir sprengen also das Gerücht aus, daß uns der Preller das ganze Gewinngeld geklaut hat. Aber wir, meine Teilhaber und ich, lassen uns dadurch nicht beeinflussen; wir werden die Hälfte der Gewinne, die uns ja gestohlen sind, aus eigener Tasche bezahlen.«

»Eine glänzende Idee«, erklärte der junge Mann voller Bewunderung. »Sie haben aber wirklich die Sache erfaßt.«

»Dazu kommt noch, daß unser Angebot, die halben Gewinne aus eigener Tasche zu bezahlen, obwohl sie uns gestohlen worden sind, eine glänzende Reklame für unsere nächste Lotterie sein wird. Man wird unsere Ehrlichkeit bewundern, während wir doch rund fünfzigtausend Pfund allein an ersparten Prämien in der Tasche haben. Um jedem Verdacht die Spitze abzubrechen, werden wir die Presse einladen, zur Ziehung Berichterstatter zu senden.«

»Ich habe einen Gedanken, Mr. Burnstid«, warf Stevens ein. »Damit alles so echt wie möglich aussieht, schlage ich vor, daß wir uns, während wir das Geld, das uns gestohlen werden soll, nach London überführen, von zwei Detektiven begleiten lassen. Ich kenne einen Mann, der eine Agentur betreibt, und bin sicher, daß er uns ein paar passende Leute besorgen könnte.«

Burnstid war von diesem Vorschlag keineswegs entzückt. Er stimmte ihm erst nach langer Überlegung zu.

Genau, wie sich die beiden die Dinge ausgemalt hatten, spielten sie sich später ab. Die Ziehung fand in Anwesenheit von Presseangehörigen statt. Zwei kräftige junge Londoner Detektive trafen rechtzeitig genug ein, um die beiden Geldtransporte, Burnstid und Stevens von Basel nach Boulogne zu begleiten.

»Wir haben die Detektive kommen lassen«, erklärte Burnstid den Presseleuten, »um die Transportgefahren zu verringern.«

Der Plan, den er mit Stevens vereinbart hatte, war einfach genug. In Folkestone sollte der Sack, der die Geldgewinne enthielt, einem der Teilhaber überreicht werden, der im Austausch hierfür Stevens einen Beutel mit alten Zeitungen einhändigen sollte. Der Teilhaber mit dem wirklichen Geld hatte sich per Auto so schnell wie möglich nach London zu begeben. Das Schiff würde in Folkestone gegen Abend bei Dunkelwerden eintreffen. Im Durcheinander der Landung konnte dann, trotz der Anwesenheit der Detektive, der Sack mit dem Zeitungspapier geraubt werden. Stevens übernahm die Aufgabe, diesen Raub so echt wie möglich zu inszenieren.

Alles verlief programmäßig, mit einer einzigen Ausnahme. Einer der überwachenden Detektive wurde in Boulogne und auf der Überfahrt nach Folkestone so krank, daß er sofort aussteigen und in der genannten Stadt zurückbleiben mußte. Burnstid setzte deshalb die Fahrt nach London nur mit Stevens und einem der überwachenden Detektive fort.

Bei der Ankunft auf dem Charing-Cross-Bahnhof in London öffnete Burnstid den Geldsack in Gegenwart des begleitenden Detektivs und schrie, als er anstatt des Geldes das Zeitungspapier bemerkte, in gutgespieltem Entsetzen auf.

»Wir sind bestohlen worden, bestohlen! Mein Gott!« Er zog aus dem Beutel einen Briefbogen, der folgende Worte aufwies:

»Mit Gruß und vielem Dank vom Preller.«

»Entsetzlich!« stöhnte Burnstid.

»Fürchterlich!« murmelte Stevens.

Eine Anzahl Zeitungsberichterstatter hatten sich in Charing Cross eingefunden, um die Herren zu erwarten, die hunderttausend Pfund Banknoten zur Auszahlung der Gewinne mit sich führten. Ihnen vertraute Burnstid das schreckliche Ereignis an. Einige der Gewinner waren gleichfalls erschienen. Ihre Gesichter wurden, als sie die Mär vom Diebstahl der Gewinne erfuhren, merklich länger.

»Meine Herren«, wandte sich Burnstid an das Empfangskomitee, und seine Stimme schien vor unterdrückter Rührung zu zittern. »Die Gewinner sollen keinen Schaden erleiden. Ich selbst, ja ich, werde aus meiner Tasche die Hälfte der Prämien bezahlen. Dieses mein Versprechen ist ernst gemeint und mag den Betroffenen als Trost dienen.«

Stevens und Burnstid erreichten das Hotel. Als sie endlich in ihrem gemeinschaftlichen Salon allein waren, lächelten sie sich an.

»Alles in allerbester Butter«, meinte Burnstid. »Sie haben den Köder wie Zucker geschluckt. Wunderbar, die Reklame für mich, mein Freund.« Er warf einen Blick auf seine schwergoldene Taschenuhr: »Ich werde bald nach Ealing fahren, wo mich Cowan mit dem Geld erwartet.«

Cowan begrüßte ihn schon auf der Schwelle.

»Hast du das Geld!« fragte ihn Mr. Burnstid ohne Austausch von Höflichkeiten.

»Geld?« brüllte Cowan. »Du hast mir doch telegrafiert, ich solle dich in Folkestone erst morgen erwarten.«

»Was? Du warst nicht in Folkestone?«

»Natürlich war ich nicht dort. Ich sagte dir doch eben, daß ich von dir ein Telegramm ...«

Aber Burnstid hörte schon nicht mehr zu. Er eilte so schnell wie möglich ins Hotel zurück, um mit Mr. Stevens einige ernste Worte zu reden.

Aber Stevens – bei seinen Freunden besser unter dem Namen Anthony bekannt – befand sich in diesem Augenblick schon in Gesellschaft der beiden Detektive, um die erbeuteten Banknoten zu zählen und zu sortieren. Der Preller hatte mit Unterstützung seines sanften Freundes Paul und des lustigen Sandy das Pseudoverbrechen in ein wirkliches umgewandelt.

»Du kannst die Zehnpfundnoten zählen, Paul«, wandte er sich an seinen Freund. »Ich sortiere die Postschecks, die ich dem alten Burnstid wieder zusenden werde. Viel ist es ja sowieso nicht, aber es wird ihm ein bißchen helfen, sein Versprechen einzulösen, die halben Gewinne aus seiner Tasche zu bezahlen. Er hat es ja offiziell versprochen.«

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