Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 2
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
Schließen

Navigation:

Seit Jahren war Pony Nelson, der Hochstapler und Falschspieler, nicht so glücklich gewesen. Sein letzter Raubzug, dessen Hergang mit dieser Geschichte nichts zu tun hat, brachte ihm mehr als fünfunddreißigtausend Pfund Sterling ein. Selbst nach reichlichen Spenden an seine Mitarbeiter blieb ihm noch genug, daß er weitreichende Pläne machen konnte. Eine Sommerreise per Auto, eine Angelkarte im mondänsten Fischparadies, eine Jagdhütte in Schottland, das waren mehr oder weniger die Freuden, die Pony Nelson sich aus den Erträgnissen seines Fischzuges zu verschaffen gesonnen war. Im letzten Augenblick vor Antritt dieser geplanten Reise erhielt er von seinem Freund, dem Kriminalinspektor Bradley von Scotland Yard, noch einen Wink, daß sein unversöhnlichster Feind, Kriminalsergeant Sennet, ihm scharf auf den Fersen sei und nur noch geringe Beweise brauche, um ihn für längere Zeit hinter schwedische Gardinen zu bringen. Ohne zu zögern, sprengte Pony das Gerücht aus, daß er seinen Paß in Ordnung habe und im Begriff sei, Südfrankreich aufzusuchen.

Das Stammlokal der Bande, die ›Sieben Federn‹, sah am selben Abend sämtliche Mitglieder der ›Nelson-Bande‹ zum Abschied vereinigt: Simmy Diamond, Colethorpe, May Blumenthal und Chris O'Heckett sprachen dem leckeren Mahl und den ausgewählten Weinen, die Pony zum Abschiedsdiner anfahren ließ, ebenso freigebig zu wie ihr Chef. Der ›Preller‹ war nicht anwesend, denn er gehörte nicht zur Bande des erfindungsreichen Pony, obwohl er über ihn und seine Pläne genauso gut unterrichtet war wie Nelson selbst.

»Du hast wirklich enormen Massel gehabt«, meinte May, die neben Pony saß. Pony kicherte.

»Ja, die Geschäfte hätten schlechter sein können«, antwortete er vergnügt, »aber ich fahre doch jetzt weg, obwohl die Saison kaum begonnen hat. Schade, daß ich so viele Lämmlein ungeschoren zurücklassen muß.«

Er schüttelte bedauernd den Kopf. Pony liebte es zu posieren – diese Eigenschaft hatte er mit vielen großen Künstlern gemeinsam.

»Ja«, fuhr er nachdenklich fort, »ihr habt es gut; ihr könnt hierbleiben und leicht Geld verdienen. Ich gönne es euch, aber der Gedanke, daß ich völlig abseits stehen soll, schmerzt mich doch.« Er unterbrach sich, und ein Funken blitzte in seinen Augen auf. »Ich fahre morgen früh«, meinte er. »Um acht. Meine Koffer sind schon aufgegeben.« Wieder ließ er eine sprechende Pause eintreten, und die anderen Teilnehmer am Abschiedsmahl harrten gespannt der Dinge, die, wie sie wußten, schnell genug kommen würden. »Die Reise wird teuer werden«, Ponys Augen blitzten vor verhaltenem Lachen, »wahrscheinlich mehr als hundert Pfund, denn Fahrt, Trinkgelder und dergleichen verschlingen eine Masse Geld.«

Diese Mitteilung löste bei seinen Kumpanen lautes Gelächter aus, denn alle wußten, daß Pony in den verschiedenen Taschen seines eleganten Abendanzuges über vierzigtausend Pfund Sterling verborgen hatte.

Als erste wurde sich May darüber klar, was der Chef eigentlich meinte.

»Sei kein Esel, Pony«, warnte sie ihn ernst. »Du hast genug und solltest dich nicht wieder in Gefahr begeben. Geh nach Hause und schlaf dich aus. Fahre ruhig los. Ja, ich weiß schon, was du im Sinn hast.«

»Nun?« forderte Pony sie heraus.

»Du willst noch eine Kiste landen, um deine Reisespesen zu verdienen. Was wirst du damit erreichen? Nichts weiter, als daß dich die Polizei noch auf dem Bahnhof festnehmen wird. Du weißt, daß Sennet scharf hinter dir her ist, und wenn du einen einzigen Fehler begehst, hat er dich unwiderruflich beim Schlawittchen.«

Der andere lachte.

»Die Polente ist seit Jahren hinter mir her, May«, sagte er, »und hat mich bisher noch nicht schnappen können, nicht wahr? Glaubst du wirklich, May, daß ich mich jetzt noch in letzter Stunde von ihr angeln lasse? Nein, Kind, wenn ich heute abend wirklich noch eine Sache drehe, dann darf es nur eine bombensichere sein. Und – ich werde schon was finden!«

Nun mischte sich auch Simmy ins Gespräch.

»Du forderst das Schicksal heraus, Pony«, erklärte er kopfschüttelnd. »Wie oft sind uns unsere besten Leute verschütt gegangen, weil sie nicht genug bekommen konnten! Du darfst dir doch nicht einbilden, Chef, daß niemand etwas von dir weiß. Jeder verdammte Plattfuß in Uniform kennt dich und weiß, was für ein Geschäft du betreibst. Wenn sie den Schatten eines Beweises gegen dich hätten, würden sie dich schon lange festgenagelt haben. Wo du hingehst, wirst du beobachtet. Seit wann bist du so leichtsinnig geworden, eine Sache ohne genügende Vorbereitungen zu drehen? Wie kannst du deine Spuren verwischen, wenn du noch nicht einmal weißt, was und wie du die Sache drehen wirst?«

Den anderen Anwesenden leuchteten die Vorhaltungen Simmys ein, und sie murmelten beifällig, aber Pony hatte schon ein wenig zuviel des guten Weines getrunken und war, in Voraussicht der kommenden guten Tage, übermütig geworden. Ja, er hatte gut verdient, trug genug Geld bei sich, um sorglos einige Jahre leben zu können, aber – sein Ruf stand auf dem Spiel! Er vertraute seinem Glück blindlings.

»Mir scheint, als täten euch Ferientage auch recht gut, Kinder«, meinte er ironisch. »Was ist denn mit euch los? Ihr glaubt doch nicht etwa, ich würde jetzt hier weggehen und das Schaufenster eines Juweliers einschlagen, wie? Oder vielleicht auf dem Piccadilly, wo die Polente herumwimmelt, jemand niederschlagen, um ihm die Brieftasche abzunehmen? Paßt auf: Ich hole mir meine hundert Pfund, um meine Reisespesen zu verdienen! Es wird wie geschmiert gehen!«

Simmy lachte verächtlich.

»Du scheinst immer noch an Wunder zu glauben«, brummte er.

Und das Wunder ereignete sich.

Die ›Sieben Federn‹ nahmen das Erdgeschoß und das erste Stockwerk eines Hauses in Soho ein. Pony hatte sich mit seiner Gesellschaft in einem Zimmer zu ebener Erde niedergelassen, weil er hier die Möglichkeit ungestörter Beobachtung aller Ein- und Ausgehenden hatte. Sein Tisch stand in einer Art Alkoven, der vom übrigen Lokal durch einen Vorhang getrennt war und nur noch zwei anderen Tischen Platz bot. Im Hauptteil des Zimmers befand sich eine Bar, deren Cocktails in Kennerkreisen den besten Ruf genossen. Vom Zimmer aus führten drei Ausgänge ins Freie, ein weiterer Grund, warum Pony gerade das Erdgeschoß als Festraum benutzte. Von seinem Platz aus konnte er durch eine kleine Öffnung im Vorhang das Hauptlokal ungestört beobachten, und während Simmy seine ironischen Bemerkungen machte, hatte Pony zwei junge Leute das Lokal betreten sehen, die sich schwankend ihren Weg zur Bar suchten. Auch wenn er sie nicht gesehen hätte, würde er sie doch gehört haben; denn einer von ihnen sorgte dafür durch lautes Grölen. Gespannt erhob sich Pony und blickte durch die Öffnung des Vorhangs ins Nebengemach. Er wußte, daß das Wunder, von dem Simmy so ironisch gesprochen hatte, eingetreten war. Stille heischend, hob er die Rechte, aber seine Warnung war überflüssig, denn die Teilnehmer am Festmahl hatten den Ausdruck auf dem Gesicht ihres Führers schon richtig gedeutet.

Der Gröler an der Bar war mit dem Mixer anscheinend in Streit geraten. Er und sein Begleiter gehörten unstreitig der Jeunesse dorée an, die infolge der wundervollen Cocktails der ›Sieben Federn‹ öfters einmal das Lokal beglückte. Die jungen Leute befanden sich in tadellosen Abendanzügen; jeder hielt einen Spazierstock mit Goldgriff unter den Arm geklemmt, und aus der Westentasche des einen baumelte eine schwergoldene Uhrkette. Der jüngere der beiden hielt eine reich mit Edelsteinen besetzte Uhr in der Hand und schwenkte sie vor dem Gesicht des protestierenden Barkeepers aufgeregt hin und her. Der andere war ruhiger, anscheinend aber ebenso betrunken wie sein Begleiter.

»Wartet!« flüsterte Pony seinen Gästen zu und schlich sich hinaus. Er war, wie seine Gäste, im Frack und trug ihn so gut, daß niemand ihn für einen der zahlreichen Kellner gehalten hätte. Er schlenderte der Bar zu, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben, eine Zigarre im Mund, und nahm neben den beiden Angeheiterten Platz. Kaum hatte er sich gesetzt, als der jüngere ihm leutselig eine Hand auf die Schulter legte.

»Kommen Sie – hick – alter Freund – hick – und trinken Sie einen mit uns«, lud er Pony ein. »Wir – hick – haben viel Geld – hick -, und ›die Nacht ist ja so jung‹«, fügte er singend hinzu.

Pony lächelte.

»Im allgemeinen pflege ich mit Fremden nicht zu trinken«, machte er den anderen aufmerksam.

»Quatsch, alter Genosse«, meinte der Betrunkene, »ich habe Geburtstag.«

»Ja, so ist es«, mischte sich sein Freund ein. »Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.«

Pony schien noch ein wenig zu zögern, nahm dann jedoch die Einladung an. Nach gegenseitigem Zutrinken griff das Geburtstagskind in die Tasche, zog eine dicke Rolle Banknoten hervor und warf sie nachlässig auf den Tisch. Mit einem raschen Blick versicherte sich Pony, daß es lauter Zwanzig-Pfund-Noten waren. Sein Plan war fertig und rollte programmgemäß ab. Die Unterhaltung wurde lebhaft, und als nun der eine der beiden jungen Leute ein gemütliches Spielchen vorschlug, herrschte bei den drei Zechern bald eitel Gemütlichkeit. Man spielte ›Gerade oder Ungerade‹. Eine Banknote wurde so gefaltet auf den Tisch gelegt, daß man die Nummer nicht sehen konnte. Der Mitspieler hatte zu raten, ob die Endziffer der laufenden Seriennummer gerade oder ungerade war. Pony ließ die beiden bei ihrer interessanten Beschäftigung und begab sich zu seinen Gästen zurück.

»Das Wunder ist geschehen, Simmy«, verkündete er seinem pessimistischen Freund. Dann wandte er sich dem jungen Mädchen zu: »Dich brauche ich heute abend noch, May«, teilte er ihr lächelnd mit. »Ist deine Wohnung in der Albany Street bereit, Gäste aufzunehmen?«

Sie schien von dieser Frage wenig entzückt.

»Du willst die beiden doch nicht etwa in meine Wohnung schleppen, Pony?« – Der Chef nickte.

»Mein Anteil aus der Kiste wird genau hundert Pfund betragen«, gab er zurück. »Die beiden haben aber mindestens tausend bei sich.«

Diese Aussicht überzeugte auch die Zögernde.

»Das ändert natürlich die Sache«, sagte sie. »Was soll ich tun?«

In kurzen Worten teilte ihr Pony seinen Plan mit und ging dann zu den noch immer Spielenden zurück.

»Ich muß weg, Kinder«, sagte er zu ihnen, und das Bedauern drückte sich unmißverständlich in seiner Stimme aus. »Ich muß zu einer Dame, die mich zum Essen eingeladen hat. Sie ist eine richtige Spielratte, und wenn sie wüßte, daß ihr euch hier so gut amüsiert, ließe sie euch überhaupt nicht mehr aus den Händen.«

»Das ist die richtige Sorte«, gab der Schreier zurück, aber Pony schüttelte abwehrend den Kopf. Er schwieg einen Augenblick und schlug dann beiden Angeheiterten leutselig auf die Schulter.

»Ich will euch einen Vorschlag machen«, sagte er, »ich werde sie euch vorstellen, und wir fahren mit ihr in ihre Wohnung. Sie ist eine Schönheit.«

Der Vorschlag wurde enthusiastisch angenommen. Pony verschwand und kam nach wenigen Augenblicken mit May wieder, die scheinbar keinen anderen Wunsch hegte, als so schnell wie möglich nach Hause zu fahren.

Die beiden jungen Leute hatten sich Pony bisher nicht vorgestellt, und er trug auch gar kein Verlangen, ihre Namen kennenzulernen. Er rief ein Taxi und fuhr mit May und den neu hinzugekommenen Gästen in die Albany Street.

»Pony ist leichtsinnig geworden, Kinder«, meinte Simmy bedeutsam. »Wer weiß, ob die beiden nicht zur Polente gehören.«

»Unsinn«, entgegnete ein anderer. »Ich weiß, wie die von der Polente aussehen. Die beiden sind ganz gewöhnliche Hühnchen, die nur darauf warten, gerupft zu werden.«

Die Fahrt in die Albany Street verlief programmäßig. Als das Taxi sich der Wohnung Mays näherte, ließ sie es halten.

»Wir wollen noch ein Stück zu Fuß laufen«, bat sie die anderen. Es war besser, die beiden ›Opfer‹ wußten am Morgen nicht, in welchem Haus sie die Federn hatten lassen müssen. Sie würden wegen ihres Rausches wohl kaum wissen, wo sie hingebracht worden waren, aber der Chauffeur könnte es, wenn Nachforschungen einsetzten, verraten. Die beiden jungen Leute hatten gegen einen kurzen Spaziergang nichts einzuwenden, und so schritten die vier nebeneinander der Wohnung Mays zu. Die Besucher sahen sich in einem elegant möblierten Empfangszimmer, schienen aber in der wirklichen Eleganz der Einrichtung nichts Außergewöhnliches zu finden. Pony nahm May beiseite und flüsterte ihr einige Verhaltensmaßregeln zu. Dann wandte er sich an die Angeheiterten.

»Miss Johnston bittet Sie, erst ein Glas zu trinken, ehe Sie wieder aufbrechen«, teilte er ihnen mit, »aber ich glaube, Sie werden beide genug haben, meine Herren, nicht wahr?«

»Nichts zu machen«, gab der eine der beiden zurück. »Wir nehmen an.«

Immer noch zögerte Pony.

»Spielen Sie Bakkarat?« fragte er. »Miss Johnston liebt das Spiel. Ich möchte Ihnen aber davon abraten, denn sie hat unverschämtes Glück mit den Karten.«

»Bakkarat?« Der Gefragte ließ einen Jauchzer los. »Mein Lieblingsspiel!« Er schlug Pony auf den Rücken, daß es klatschte. »Los, die Karten her! Aber ein bißchen rasch!«

»Ich spiele ungern!« warf der also Aufgeforderte ein.

Endlich mußte er den Bemühungen der beiden jungen Leute nachgeben. May brachte die Karten, und das Spiel begann.

Erst wendete sich das Spiel zugunsten der Gäste, bald aber kehrte ihnen Fortuna den Rücken. Ohne mit der Wimper zu zucken, bezahlten sie die immer größer werdenden Verluste, und der Banknotenhaufen, den May vor sich liegen hatte, wurde höher und höher. Sie mußte, wie Pony in Gedanken kalkulierte, bereits zweitausend Pfund gewonnen haben.

Endlich kam der erwartete Augenblick.

»Mein Geld ist alle«, verkündete der ältere der beiden Gäste. »Borg mir fünfzig, Anthony.«

Sein Freund schüttelte den Kopf. »Nee, mein Lieber. Ich habe auch nur noch zwanzig, und die werde ich noch setzen.«

Er tat es und verlor. Eine tiefe Stille herrschte im Zimmer, die nur von dem Knistern der Banknoten unterbrochen wurde. Langsam und mit geübten Fingern zählte das Mädchen ihren Gewinn.

»Pech!« meinte Pony lächelnd zu den beiden Gerupften. »Jetzt wollen wir noch einen auf den Schrecken genießen, Kinder. Habt ihr wirklich kein Geld mehr? Ich kann euch fünfzig borgen, wenn ihr weiterspielen wollt.«

Aber die Opfer winkten ab. Während May die Getränke vorbereitete, stand der schweigsamere der beiden jungen Leute auf und begab sich zur Tür. Sein Freund nahm das Glas, das vor ihm stand, in die Hand und roch daran.

»Laudanum?« sagte er dann ruhig. Pony starrte ihn an. Seine Augen wurden noch größer, als ihm der andere das Glas anbot.

»Trinken Sie!«

»Was soll das heißen?« rief Pony verwundert.

»Trinken Sie!« wiederholte der andere. Im gleichen Augenblick verriegelte sein Freund die Tür. Pony wandte sich blitzschnell um und konnte gerade noch sehen, wie der zweite der Gerupften den Schlüssel in die Tasche steckte.

»Was, zum Teufel, habt ihr denn vor?«

»Eine große Sache, Freund Pony«, unterrichtete ihn der andere, der ein Monokel in das rechte Auge geklemmt hatte. »Trinken Sie das Glas aus, sonst schieße ich Sie nieder.«

Das Mädchen sprang auf ihn zu, aber der junge Mann, der die Tür verschlossen hatte, fing den auf seinen Freund gerichteten Angriff auf. Muskulöse Arme umfingen das Mädchen.

»Lassen Sie mich los«, schrie sie hysterisch. »Ich brülle so lange, bis die Polizei kommt. Pony, warum stehst du dort und ...?«

»Nur ruhig, schönes Kind«, murmelte der Mann mit dem Einglas, ohne seine Umarmung zu lockern.

»Ja, nur ruhig«, ließ sich auch sein Freund vernehmen. »Ich würde Ihnen abraten, die Polizei zu rufen. Pony wird Ihnen sagen, warum.«

»Was wollt ihr von uns?« erkundigte sich jetzt Pony.

»Zuerst möchte ich Sie um das Geld erleichtern, das Sie uns in so ungastlicher Weise abgenommen haben. Mit gezeichneten Karten soll man nicht spielen.« Der Fremde nahm May die Geldpäckchen aus der Hand und steckte sie in seine Tasche. Dann fuhr er fort:

»Sie können sich dieses Glas ansehen, Pony«, sagte er. »Der Wein hätte uns wahrscheinlich schlafen geschickt. Nun möchte ich mir gestatten, euch einen Umriß des Planes zu geben, den ihr ausführen wolltet. Nachdem wir unser Geld verloren hatten, sollten wir ein kleines Schlafmittelchen eingeflößt bekommen und in irgendeiner Seitenstraße ausgesetzt werden. Ihre Freunde haben Ihren Anruf schon erwartet, um Ihnen dabei zu helfen. Morgen wollten Sie, geehrter Freund Pony, nach Frankreich abrutschen, um dort die Ergebnisse Ihrer Raubzüge durchzubringen. Sie haben jedenfalls Ihren Paß schon in der Tasche, aber, was uns mehr interessiert, auch das Geld, mit dem Sie sich in Frankreich die notwendigen Zerstreuungen verschaffen wollen.«

»Nun, und?« fragte Pony.

»Nun?« wiederholte der andere höhnisch. »Ehe ich meine Forderungen an euch stelle, möchte ich mich wenigstens vorstellen. Meinen Familiennamen werde ich euch nicht nennen, er tut nichts zur Sache. Man nennt mich Anthony oder häufiger noch: den Preller! Dieser junge Mann hier ist Paul, während der dritte Angehörige meiner Gesellschaft draußen vor der Tür auf uns wartet.«

»Ihr wollt uns wohl bluffen?« erkundigte sich Pony.

»Nein, ganz und gar nicht«, näselte sein Gegner. »Der draußen Wartende heißt Sandy, und er hat uns vor kurzer Zeit von den ›Sieben Federn‹ aus hierhergefahren. Er war im Feld mein Bursche und ist – ich kann es, da er nicht hier ist, ruhig sagen ein vortrefflicher Kerl. Er hat es vorgezogen, nach Kriegsende bei mir zu bleiben, anstatt seinen alten Posten als Lagerhausarbeiter wieder anzutreten. Ich habe ihm außerdem versprochen, daß er eines Tages genug Geld haben wird, um sich aufs Land zurückziehen zu können, und ich gedenke, mein Versprechen zu halten. Was meinen Freund hier und mich selbst anbetrifft, Mr. Nelson, so kann ich Ihnen verraten, daß Sie Helden aus dem Kriege vor sich haben, die nach der Demobilisierung von der undankbaren Nation nicht so behandelt wurden, wie es sich nach den Opfern, die sie brachten, gehört hätte. Mein Freund Paul ist Offizier der Ehrenlegion. Nicht wahr, Paulchen?« wandte er sich an seinen Begleiter. Paul nickte, und Anthony, der sich selbst den ›Preller‹ nannte, fuhr in seinen Aufklärungen fort:

»Unser Vaterland scheint unser nicht mehr zu bedürfen und will von uns, die wir das Heer unter für uns ungünstigen Verhältnissen etwas vorschnell verlassen mußten, nichts mehr wissen. Paul mußte abgehen, weil er seinen Urlaub um sieben Tage überschritten hatte. Ich möchte erwähnen, daß er vor dem Kriegsgericht keineswegs die alte Ausrede gebrauchte, er habe das Gedächtnis verloren. Ich? Ja, ich wurde schimpflich entlassen, weil ich einem jungen Mann, der das Abzeichen eines Offiziers der Feldpolizei trug, so aufs Auge schlug, daß es blau wurde.«

»Und was wollt ihr von uns?« erkundigte sich Pony, der dem anderen schweigend gelauscht hatte.

»Unser Beruf besteht darin, daß wir so leicht wie möglich unser Geld zu verdienen trachten«, gab ihm sein Gegner Auskunft. »Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen, wie man es am leichtesten verdienen kann, und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß man es Leuten eures Schlages abnehmen muß. Nur dieses System würde mein Freund Paul, der eine starke moralische Ader hat, als Erwerbszweig anerkennen, sonst hätte er sich wahrscheinlich in meiner Branche schon lange selbständig gemacht. Jedenfalls steht die Sache nun so, daß er sich entschlossen hat, sein Teil mit dem meinen zusammenzuwerfen und euch Bande so zu schröpfen, daß ihr nackt und bloß dasteht, ohne zu wagen, großes Geschrei zu erheben.«

»Bei mir werdet ihr euch die Zähne ausbeißen«, warnte ihn Pony.

»Im Gegenteil.« Der höfliche Preller verbeugte sich vor seinem künftigen Opfer. »Ich werde Ihnen alles, was ich brauche, abnehmen. Wissen Sie, wieviel ich brauche? Nein? Nun, es wird jeder Pfennig sein, den Sie in der Tasche tragen, mein sehr verehrter Mr. Nelson.«

»So wahr mir Gott helfe, ihr Lumpen, ich werde mich bei euch revanchieren«, zischte Pony. Anthony lächelte ein wenig müde.

»Bedenken Sie doch, mein Freund«, erklärte er, »daß wir, um unseren Beruf erfolgreich auszuüben, ein bedeutend größeres Risiko eingehen müssen. Wir haben also vor Ihrer Rache nicht die geringste Angst. Alles, was ihr uns tun könntet, können wir euch auch verabfolgen, und vielleicht«, er drohte mit dem Finger, »tun wir es ein klein wenig schneller und besser. Auspacken, Pony, los!« Seine Stimme klang scharf und befehlend.

»Ich weigere mich«, gab Pony zurück und versuchte, ihn anzuspringen.

Seine Arme griffen in die Luft, und dem Kampf wurde ein schnelles Ende bereitet, als ihn der Kolben eines kräftig gehandhabten Revolvers zu Boden schlug. Das Mädchen, mit einem Gesicht so weiß wie Schnee, hatte dem stummen Kampf bewegungslos zugesehen. Als sich Anthony über den Körper des Bewußtlosen beugte und ihm die Taschen zu leeren begann, fand May ihre Stimme wieder.

»Ich werde euch das nicht vergessen«, flüsterte sie.

»Schade«, höhnte Paul, der sie immer noch am Arm festhielt.

»Auch mir würde es leid tun«, warf der Preller ein, »wenn Sie uns so schnell vergessen würden.«

Sie starrte ihn nachdenklich an. Dann fragte sie:

»Was werdet ihr mit mir anfangen?«

»Wir lassen Sie hier zurück. Das ist es ja gerade, was meine Methoden so erfolgreich und gefahrlos macht: Ich brauche meine Opfer nicht zu fesseln, nicht zu schlagen, nicht zu vergiften, nicht zu knebeln – sie schweigen alle, wenn ich mit ihnen fertig bin. Bitte, rufen Sie ruhig die Polizei. Ich glaube nicht, daß Sie das tun werden, denn sie hat die merkwürdige und tadelnswerte Gewohnheit, sich nach dem Hergang einer Sache sehr eingehend zu erkundigen.«

»Und Sie wollen ein Mann sein?« fragte sie ihn mit beißender Ironie.

»Jawohl. Ich halte mich sogar für einen Gentleman«, gab Anthony feierlich zurück.

Das Durchsuchen der Taschen Ponys währte nicht lange, war jedoch um so einträglicher. Der Preller hatte den Taschen des Bewußtlosen sechs dicke Banknotenrollen entnommen, die er, eine nach der anderen, in die Taschen seines Frackes schob.

»Ich glaube, Paul«, wandte er sich an den Freund, »wir sind fertig und können nun gehen. Sandy wird sich wundern, wo wir bleiben.«

Mit kurzem Nicken verabschiedete er sich von dem Mädchen, das ihm, ohne eine Bewegung zu machen, nachstarrte. Dann schritt er mit seinem Begleiter über die Treppen nach unten. Er öffnete die Haustür, um im nächsten Augenblick rasch zurückzutreten. Auf der Schwelle standen drei Herren, während am unteren Ende der zur Straße führenden kurzen Treppe ein Polizist in Uniform lehnte.

Nur eine Sekunde zögerte der Preller, dann trat er hinaus und wollte bei den wartenden Männern vorbeigehen. Einer von ihnen hielt ihn am Arm fest, und eine elektrische Lampe leuchtete ihm ins Gesicht.

»Wer sind Sie?« fragte eine Stimme.

»Was geht Sie das an?« gab Anthony schlagfertig zurück. »Was wollen Sie von mir?«

Eine befehlende Stimme unterbrach die Unterhaltung voller Ungeduld:

»Das ist nicht unser Mann. Wer ist der andere, der bei ihm ist?«

Der Strahl der Taschenlampe fiel auf Paul.

»Der geht uns auch nichts an«, fuhr der Unsichtbare fort. »Was hatten die Herren hier im Haus zu suchen?«

Anthony stellte sich trunken.

»Ihr – hick – fragt – viel zuviel. Seit wann – hick – dürfen wir nicht mehr – hick – aus Häusern herauskommen?«

Der Unsichtbare, es war Sennet, der Sergeant der Kriminalpolizei, zögerte einen Augenblick. Dann sagte er:

»Laßt die beiden gehen; sie wohnen wahrscheinlich hier im Haus. Wissen Sie bestimmt, daß dies das richtige Haus ist?«

»Jawohl, Sir«, gab jener zurück. »Ich weiß, daß May zu Hause ist, denn ich sah in ihrer Wohnung Licht aufflammen.«

»Gut.« Dann wandte er sich an Anthony: »Ist das Ihr Wagen, Sir?« Er wies auf das wartende Taxi mit Sandy am Steuer.

»Ja«, gab der Preller kurz zurück.

»Dann gute Nacht«, grüßte Sennet und trat ins Haus.

Wenige Minuten später kam er bereits wieder über die Treppen heruntergerast, um nach dem Taxi Ausschau zu halten, aber es war mit seinen Insassen und dem sehnlichst gesuchten Preller spurlos verschwunden.

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.