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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 19
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Schätze in Spanien

Es kam selten vor, daß der Preller mit seinem Grundsatz brach, niemals auf der Straße geschäftliche Dinge zu besprechen. Heute aber, an diesem schönen Sonntagnachmittag, blieb er auf seinem Spaziergang nach Barnet plötzlich stehen, und Paul, der ihn begleitete, mußte wohl oder übel seinem Beispiel folgen.

»Das dort wäre das richtige«, rief Anthony erfreut aus und zeigte auf ein altes Gebäude aus der Viktorianischen Zeit, das inmitten eines verwilderten Gartens stand. Das Haus nahm eine Straßenecke ein. An der Gartentür klebte einer der üblichen Vermietungszettel, der gleichzeitig den Namen des Verwalters angab.

»Ein ganz scheußlicher Kasten«, kritisierte Paul. »Der Garten kommt mir vor wie ein Dschungel. Der Baumeister muß betrunken gewesen sein, als er den Plan für dieses Gebäude entwarf.«

Das Haus und seine Umgebung sahen allerdings übel aus. Es glich eher einem Gefängnis als einem Wohnhaus. Die Fenster des Erdgeschosses waren mit starken Eisengittern gesichert, was den traurigen Eindruck, den der unbefangene Beschauer von dem Grundstück erhalten mußte, noch erhöhte.

»So ein Haus habe ich gesucht«, erklärte der Preller enthusiastisch.

»Zu welchem Zweck?« erkundigte sich sein Freund. »Willst du eine Irrenanstalt eröffnen?«

Anthony lächelte verstohlen.

»Du hast's auf den ersten Hieb getroffen, Paul«, entgegnete er. »Das ist meine Absicht. Wie heißt denn die Bude eigentlich?«

Er trat näher an das Schild heran, das den Namen der ›Villa‹ aufwies.

»Depe Dene? Wie treffend!« Er notierte sich den Namen des Vermieters.

»Bitte, Anthony, erweise mir den Gefallen und laß mich, wenn du diesen Kasten wirklich zu mieten beabsichtigst, woanders wohnen«, bat Paul. »Du weißt, ich leide an Rheumatismus, und diese Ruine macht mir keineswegs den Eindruck, als wäre sie übermäßig zuträglich für meine Gesundheit.«

»Eine Trennung von mir kommt gar nicht in Frage, Paul.«

Auch weiterhin lehnte es der Preller ab, sich mit Paul über den beabsichtigten Verwendungszweck von ›Depe Dene‹ auszusprechen. Die beiden Freunde kehrten nach Hause zurück, aber Anthony erging sich auch jetzt nur in geheimnisvollen Andeutungen darüber, was er eigentlich in ›Depe Dene‹ zu treiben beabsichtige.

Am selben Abend traf er im Café de Palais auf der Regent Street mit einem Herrn zusammen, den er während seiner Reisen in Spanien kennengelernt und mit dem er brieflich für heute diesen Treffpunkt vereinbart hatte. Señor Maura, der Gesellschafter des Prellers, war der Chef einer Kriminalabteilung in Madrid, wo der Preller ihn anläßlich einer seiner häufigen ›Luftveränderungen‹ getroffen und mit ihm Freundschaft geschlossen hatte. Señor Maura befand sich, wie er Anthony mitteilte, in London, um ein Auslieferungsverfahren zu betreiben, und hatte sich die Gelegenheit, den ihm so sympathischen ›Señor Smith‹ wiederzusehen, nicht entgehen lassen wollen.

Während des Essens unterhielten sich die beiden so grundverschiedenen Männer über alle möglichen Dinge. Maura war ein ausgezeichneter Gesellschafter, der ständig eine reiche Auswahl von Anekdoten auf Lager hatte.

»Ich habe einen Brief von einem Ihrer berüchtigten spanischen Gefangenen erhalten. Sie wissen ja, einer von jenen, die vor ihrer Verhaftung die geraubten Schätze vergraben konnten.«

Maura blickte den Sprecher gespannt an.

»Sie meinen doch die Briefe, die habsüchtige Lämmlein in die Hürden überlegener Schlauköpfe treiben sollen, nicht wahr?«

»Ja, man hat mir, wie ich Ihnen schon sagte, ein gleiches Angebot zugehen lassen. Wer mag wohl hinter diesem uralten Schwindel stecken? Viel Geld kann doch keinesfalls damit zu verdienen sein, denn derartige Dummköpfe, die an solch einem Köder anbeißen, gibt es doch sicherlich nicht mehr.«

»Sie täuschen sich, Don Antonio«, erwiderte der Spanier ernst. »Die Malejala-Bande verdient Unsummen.«

»Was sagen Sie? Dieser Schwindel wird von einer Bande betrieben? Ich habe bisher immer geglaubt, einzelne, am Ende ihrer Mittel angelangte Betrüger versuchten die Menschheit auf diese dumme Art und Weise zu brandschatzen?«

»Es ist so, wie ich Ihnen sagte. Der Führer ist ein gewisser Malejala, einer der klügsten Köpfe, der mir je vorgekommen ist. Wir haben ihm, trotz aller Verdachtsgründe, bisher noch nicht das geringste nachweisen können, was eine Verhaftung rechtfertigen würde. Malejala selbst ist zwar Spanier, wurde aber in England erzogen und spricht die Sprache dieses Landes wie ein Einheimischer. Sie haben ja gar keine Ahnung, Señor Smith, wie viele Leute auf diese Schatzgräberbriefe hereinfallen. Habsucht und Dummheit sind die besten Verbündeten für Leute wie Malejala und seine Bande.«

Anthonys Augen leuchteten.

»Was bekomme ich, wenn ich dem Monsieur Malejala das Handwerk lege?« fragte er seinen Gast.

Maura lachte. – »Von der spanischen Regierung ist eine Belohnung von zwanzigtausend Pesetas für denjenigen ausgesetzt, der die Beweise für die Schuld des vielseitigen Señor Malejala beibringt«, erwiderte er. »Bisher hat sich aber noch niemand gefunden, der sich das Geld hätte verdienen können. Ich zweifle, auch sehr daran, daß Sie dieses Unternehmen werden erfolgreich durchführen können. Woher mag wohl die Bande Ihre Adresse haben?«

»An mich war der Brief ja auch nicht gerichtet«, erklärte der Preller. »Ich habe ein Haus gemietet, das vor mir von einem anderen Herrn bewohnt worden war. Ihn hat man, als er schon ausgezogen war, mit dem Angebot aus Spanien beglückt, und der Brief wurde mir nur versehentlich zugestellt.«

»Ihr Vorgänger scheint einen in der Finanz weit bekannten Namen gehabt zu haben«, meinte Maura. »Solche Herren werden nämlich von Malejala meist als künftige Opfer ausgewählt. Er ist recht oft in London, was er sich bei dem Schweinegeld, das er verdient, auch leisten kann. Ich glaube, er hat sein ganzes Vermögen vorsichtshalber in England deponiert, so daß wir, auch wenn es uns gelänge, ihn zu verurteilen, in bezug auf die Beute doch das Nachsehen haben würden.«

Paul hatte von seinem Freund über ›Depe Dene‹ nichts mehr gehört und glaubte deshalb diesen neuesten Plan des Prellers ad acta gelegt. Um so unangenehmer war er überrascht, als ihm Anthony am nächsten Tag den Mietvertrag unterschrieben und gesiegelt vorlegte.

»Ich mußte die Miete für ein ganzes Jahr zahlen«, erklärte der Preller.

Paul seufzte.

»Ging es denn wirklich nicht anders zu machen?« fragte er. »Du weißt doch, was ich gegen jene alte Bude für einen Widerwillen habe, und ...«

»Wie mag dir, mein Junge, ein blauer Lüsteranzug und ein Cowboyhut stehen?« unterbrach ihn der Freund, ohne seinen beweglichen Klagen irgendwelche Aufmerksamkeit zu zollen.

»Was soll denn diese Frage nun wieder bedeuten?«

»Das sollst du sofort erfahren.« Anthony beugte sich vor und flüsterte Paul längere Zeit ins Ohr. Immer heller wurde dessen Miene, bis er endlich, als Anthony schwieg, in helles Lachen ausbrach.

+++

Señor Malejala bewohnte in Madrid auf der Recoletas ein luxuriös eingerichtetes Haus. Er nannte einen Luxuswagen neuester Konstruktion und ein Reitpferd sein eigen, das jeden Morgen erneut auf dem Prado Aufsehen erregte. Wenn auch der erfindungsreiche Malejala nicht in den höchsten Kreisen Einlaß gefunden hatte, so war er doch in den besten angesehen und willkommen. Oper und Hippodrom zählten ihn zu ihren Stammbesuchern. Er lebte wie eine Drohne in den Tag hinein, obwohl er genau davon unterrichtet war, daß die Madrider Kriminalpolizei für alle seine Bewegungen das höchste Interesse verriet. Unbesorgt schlief er jede Nacht den traumlosen Schlaf des Gerechten, unbedrückt von Sorgen und Reue.

Seine geschäftlichen Angelegenheiten erledigte er in einem kleinen Büroraum, an dessen Tür sein Name mit dem Zusatz ›Korke en gros‹ verzeichnet stand. Die geheimnisvollen Besucher, die bei Malejala zu jeder Tageszeit vorzusprechen pflegten, sahen jedoch nicht danach aus, als ob sie sich für die nützlichen Produkte der Korkeiche besonders interessierten.

An einem hellen, schwülen Junimorgen – die Wasserwagen der Madrider Straßenreinigung versuchten immer noch vergeblich, den Straßenstaub zu löschen – empfing Señor Malejala wieder einen seiner häufigen Besucher. Erst als der ›Korkkaufmann‹ sich vergewissert hatte, daß sie nicht belauscht werden konnten, gab er seinem Besucher einen Wink, worauf dieser aus dem Futter seiner Mütze einen Brief zog, den er Malejala überreichte. Der Hausherr riß den Umschlag auf und begann den langen Brief zu lesen.

›Geehrter Herr! Ich habe Ihre zu Herzen gehenden Klagen gelesen und wäre nicht abgeneigt, dem Zweck, den sie nannten, einige tausend Pfund zu widmen. Die einzigen Zweifel, die ich noch habe und die mich verhindern, Ihnen schon heute eine endgültige Zusage zu erteilen, sind darin begründet, ob es nicht den göttlichen und menschlichen Gesetzen widerspricht, unrecht Gut zu erstehen. Andererseits verhehle ich mir nicht, daß man ja den Ertrag wohltätigen Zwecken zuführen könnte ... ‹

Hier unterbrach Malejala seine Lektüre und lächelte verächtlich. Er kannte diese Logik, mit der die Habsucht die eigenen Taten vor dem Gewissen entschuldigen will.

›Leider habe ich selbst kein Scheckbuch, da mir mein Onkel, Oberst Sunning, jede Verfügung über mein Vermögen entzogen hat. Ich habe vor einigen Jahren ein großes Vermögen geerbt und das ganze Geld auf der Bank liegen. Ich darf aber, wie ich schon schrieb, nicht an das Geld heran. Mein Onkel, in dessen Haus ich wohne, hält mich so gut wie gefangen, verbietet mir jeden Ausgang, weil er mich zwingen will, seinen Sohn zu heiraten. Ich hasse ihn aber und werde nie den Wunsch seines Vaters erfüllen. Oh, Señor, wie sehne ich mich nach Freiheit! Onkel drohte mir, er würde mich, wenn ich Felix, seinen Sohn, nicht heirate, in einer Irrenanstalt unterbringen lassen. Ich habe dem Diener des Obersten, meinem Wächter, hunderttausend Pfund geboten, wenn er mich nur ein einziges Mal aus dem Haus entkommen ließe. Alles vergeblich. Er hat vor Onkel zuviel Angst und wagt nicht, sich seinen strengen Befehlen zu widersetzen. Ich will versuchen, einen Scheck auf meine Bank zu bekommen, zweifle aber daran, ob es mir gelingen wird. Das einfachste wäre ja, wenn Sie den Versuch machen würden, mir einen solchen zugehen zu lassen. Ich könnte ihn unterschreiben und Ihnen damit die Summe, die Sie für Ihre Pläne benötigen, zur Verfügung stellen. Mein Name wird Ihnen nicht unbekannt sein. Ich bin die Universalerbin Sir Veille Mortimers, der vor zwei Jahren in Indien starb. Ihre ergebene Mary Mortimer.‹

Señor Malejala lächelte und las den Brief nochmals durch. Er war ein durchaus gewissenhafter, methodischer Mensch, der alles, was ihm unterbreitet wurde, bis zur letzten Kleinigkeit durchschauen wollte. Auch jetzt blätterte er, ehe er sich zu einem Entschluß aufraffte, die Zeitungen durch, die er einem Archiv – das die Aufschrift ›England‹ trug – entnahm. Bald hatte er die Berichte gefunden, die den Tod Sir Veille Mortimers betrafen. Er vergewisserte sich noch, daß wirklich eine Miss Mary Mortimer Universalerbin des enormen Vermögens von Sir Veille geworden war, und nahm dann die Erledigung dieser Sache energisch in die Hand.

Als er den Brief nochmals durchlas, entdeckte er auf der letzten Seite eine Nachschrift, die er bisher übersehen hatte.

›PS. Mein Vermögen liegt bei der Bank von England.‹

Einen Scheck auf diese Bank zu erhalten, war für Malejala ein leichtes. Er konnte Scheckbücher auf jede Bank, sei es in England oder sonstwo, beschaffen.

Nach Verlauf zweier Tage hatte er seinen Plan gemacht. Er verließ Madrid und traf am Samstag früh in London ein.

Auf dem Piccadilly begegnete er seinem Landsmann, Señor Maura, der ihn freundlich begrüßte.

»Buenos dias, Señor Malejala. Que està haciendo en Londres? Was machen Sie denn in London?«

»Ich besuche einige Freunde«, gab Malejala ebenso liebenswürdig zurück. »Es ist mir wirklich ein besonderes Vergnügen, Sie hier zu sehen. Die Verbrecher in Madrid werden sich freuen, da sie nun in Ihrer Abwesenheit freie Hand haben.«

»Alle sind ja nicht mehr in Madrid. Einige haben sich gleichfalls nach England begeben«, erwiderte der Beamte mit anzüglichem Lächeln.

Malejala zuckte die Achseln.

»Es wird wirklich ein Verlust für das spanische Volk sein, wenn Sie ihm durch einen ›Unglücksfall‹ entrissen würden, Señor Maura. Ich sende täglich meine Gebete zur heiligen Gottesmutter, daß nicht ich es sein möge, der die Ursache zu Spaniens Trauer sein wird.«

Maura lächelte.

»Diesem Gebet schließe ich mich in anderer Form an, Señor Malejala. Ich bete zu Gott, daß ich niemals Zeuge sein möge, wenn die scharfe Spitze der. ›Garotte‹ Ihnen den Halswirbel durchbohrt.«

Mit diesen gegenseitigen Segenswünschen trennten sich die beiden Herren. Malejala setzte seinen Weg nach Finchley fort. ›Depe Dene‹ fand er ohne besondere Schwierigkeit. Langsam spazierte er vor dem Haus, das einen nüchternen Eindruck auf ihn machte, auf und ab, bis plötzlich hinter einem der Fenster des obersten Stockwerks eine weibliche Gestalt auftauchte. Er winkte ihr freudig zu, worauf die oben Stehende mit einem sichtbaren Zusammenzucken ins Zimmer zurücktrat. »Mut hat auch der Mameluck«, sagte sich Malejala. Er beschloß, den Stier bei den Hörnern zu nehmen. Ohne zu zögern, öffnete er die Gartentür und spazierte gemächlich bis an die Haustür heran. Dann klingelte er. Ein finster dreinblickender Diener öffnete und warf auf den Einlaßbegehrenden einen prüfenden Blick.

»Wohnt hier Herr Oberst Sunning?« erkundigte sich der Besucher.

»Jawohl, Sir.«

»Ist er zu Hause?«

»Nein. Er ist nach Newmarket gefahren, Sir.«

Malejala steckte dem Diener eine Fünfpfundnote zu.

»Ich möchte gern Miss Mortimer begrüßen.«

»Miss Mary?« Der Diener schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich bedaure. Ich kann Sie nicht zu der Dame führen. Sie ist nicht ganz wohl. Kommen Sie von der Bank von England, Sir?«

»Nein. Wie kommen Sie auf diese Vermutung?«

Der Diener trat verlegen von einem Fuß auf den andern.

»Ich will offen sein, Sir«, sagte er endlich. »Miss Mary hat dem Herrn Oberst mitgeteilt, daß sie an die Bank geschrieben habe, um ein neues Scheckbuch zu bekommen. Der Herr Oberst hatte aber einige Tage vorher ein gleiches getan, und ich vermute nun, daß die Bank stutzig werden und sich erkundigen würde, wie es sich mit dieser doppelten Bestellung verhalte.«

Señor Malejala freute sich. Er wollte eben auf seinen Wunsch, die junge Dame zu sprechen, zurückkommen, als er hinter dem Diener eine weibliche Gestalt auftauchen sah. Der Diener hatte ebenfalls die sich nähernden Schritte gehört und drehte sich um.

»Sie dürfen nicht herunter, Miss Mortimer«, rief er. »Der Herr Oberst hat es strengstens verboten. Entschuldigen Sie mich, Sir«, wandte er sich an den Besucher, schob ihn aus der Tür und schlug sie ihm vor der Nase zu.

»Sie hat mir also die Wahrheit berichtet«, murmelte Malejala vor sich hin. Seine dunklen Augen leuchteten auf. »Hier ist allerlei zu verdienen.«

Er trat auf die Straße hinaus, wo er sich einen Platz aussuchte, vom dem aus er das ganze Haus übersehen konnte. Gegen Abend fuhr ein Auto vor dem Gebäude vor. Ein älterer Herr stieg aus und schritt langsam, einen Stock als Stütze benutzend, den Gartenweg zur Haustür hinan. Mit ihm, so folgerte Malejala, befanden sich nun zwei Männer im Haus: der Diener, klapprig und alt, und ein nicht weniger gebrechlicher pensionierter Offizier, der sich beim Gehen eines Stockes bedienen mußte. Leicht genug, mit diesen beiden fertig zu werden!

Malejala machte sich auf, um unter seinen Landsleuten in London einen Gehilfen zu suchen.

Mit Hilfe eines Dietrichs, bewaffnet mit einem Revolver und einer Blendlaterne, drangen die beiden Spanier erst in den Garten ein; dann ließ Malejala den Landsmann als Wächter zurück und schritt dem dunklen Haus zu.

Vom zweiten Stock aus drang aus einem Fenster ein Lichtschein, und Malejala glaubte hinter den schützenden Gittern die Silhouette einer weiblichen Gestalt zu sehen.

Durch die Haustür würde das Eindringen, wie er glaubte, am leichtesten sein. Er hatte während seiner Unterhaltung mit dem Diener seine Augen offengehalten und wußte, daß kein Riegel, sondern nur ein einfaches Schloß die Tür sicherte. Er brauchte genau fünf Minuten, um das altertümliche Schloß zu öffnen. Es war nicht das erstemal, daß sich Señor Malejala in dieser Weise betätigte. Früher war das Einbrechen für ihn ein Beruf gewesen, bis er sich endlich einem lohnenderen und weniger gefährlichen Geschäft zuwenden konnte. Ohne ein Geräusch zu verursachen, betrat er das Haus. Der Lichtstrahl seiner Blendlaterne leuchtete jeden Winkel des Vorraumes ab. Erst als er sich überzeugt hatte, daß niemand erwacht war, stieg er langsam und vorsichtig die Stufen zum Obergeschoß hinan.

Er war Junggeselle geblieben, aber kein absoluter Gegner der Ehe. Während er sorgfältig seinen Weg fühlte, tauchten vor seinem geistigen Auge Visionen auf, in denen er sich als Gatten dieser Mary Mortimer, der mehrfachen Pfundmillionärin, sah. Er wollte nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Person in seine Gewalt bringen.

Endlich hatte er die Tür erreicht, hinter der er gemäß seinen Beobachtungen Miss Mortimer vermutete. Leise, nur für das Mädchen hörbar, klopfte er an die Tür.

»Miss Mortimer!« flüsterte er.

Nun hörte er einen leichten Schritt.

»Wer ist da?« drang es leise an sein Ohr.

»Ihr spanischer Freund!« erwiderte er.

Die Tür öffnete sich, und er fuhr zurück. War das nicht der Duft gerauchter Zigaretten? War sie es, die geraucht hatte?

Mutig trat er ein. Zu seiner Überraschung befand sich in dem Zimmer nicht ein einziges Möbelstück. Es war völlig leer. Auch war die Erbin nicht allein. Auf einem Stuhl am Fenster saß der Diener, der ihm heute morgen die Tür geöffnet und nun auf seinem Knie einen Revolver liegen hatte, dessen Mündung drohend auf Malejala zeigte.

»W-a-s?« stotterte der überraschte Eindringling.

»Hände hoch, Freund Malejala!« befahl die ›Dame‹ in einem recht männlichen Baß. »Laß ihn nicht von der Mündung weg, Sandy. Gott sei Dank, daß ich meine Perücke abnehmen kann.«

Malejala starrte ungläubig auf ›Miss Mortimer‹, als sie nun ihre Perücke absetzte und sich als ein recht hübscher junger Mann entpuppte. Wiederum öffnete sich die Tür, und der Oberst trat ein. Aber er war nicht mehr der gebrechliche Mann, als den ihn Malejala am Abend gesehen hatte. Nur an seinen Kleidern erkannte er ihn noch.

»Señor Malejala«, sprach ihn der ›Oberst‹ an. »Du bist erschossen!«

»Was soll das heißen? Wer sind Sie?«

»Was das heißen soll? Nun, daß endlich einmal das, was Sie so häufig zu sein vorgaben, in Erfüllung gegangen ist: Sie sind der spanische Gefangene.«

Es dauerte eine ganze Weile, ehe sich das spanische Blut des Überlisteten so weit beruhigt hatte, daß man mit ihm die Sachlage besprechen konnte.

»Seien Sie vernünftig, mein Freund«, bat ihn der Preller. »Ihr Lösegeld wird genau sechstausend Pfund betragen. Eher lasse ich Sie nicht frei.«

»Und wenn ich Ihnen das Geld nun nicht gebe?«

»Dann werden wir Ihnen im Garten ein herrliches Leichenbegängnis bereiten, natürlich erst, nachdem wir Sie totgeschossen haben«, setzte Anthony hinzu. »Ich kann Sie ja, wenn Sie es vorziehen, Ihrem Freund, dem Señor Maura, übergeben, der, wie Sie wissen, gegenwärtig in London weilt.«

»Sie können gegen mich nichts vorbringen«, machte ihn der Gefangene aufmerksam.

»Will ich ja auch nicht. Ich beabsichtige nur, Ihren Leichnam als Andenken zu behalten. Los, wo haben Sie Ihr Scheckbuch? Zahlen Sie und lächeln Sie dabei!«

»Ich habe keine Schecks mit«, brummte Malejala und schüttelte den Kopf.

»Ich habe auch diesen Fall vorausgesehen«, lächelte der Preller. »Hier haben Sie einen Scheck auf die Lothbury Filiale der London, Leicester & Norfolk Bank. Wie ich mich überzeugt habe, wird dort Ihr Konto geführt. Ich weiß sogar, wieviel Sie dort haben. Wollen Sie es genau wissen? Achttausenddreihundert Pfund.«

»Der Teufel soll Sie und mich holen, ehe ich Ihnen den Scheck gebe!«

»Nur Sie, mein Freund, nicht mich!«

Endlich bequemte sich der Spanier zum Nachgeben.

»Lassen Sie sich ja niemals von mir in Spanien erwischen«, drohte er, ehe er das Haus verließ. Seine Augen verrieten, daß er es mit dieser Warnung ernst meinte.

»Warum denn nicht? Spanien ist mir ein sehr sympathisches Land!«

»Das werden Sie schon merken, Freundchen«, rief der andere zornig.

Der Preller lachte.

»Ihre freundliche Warnung verdient eine Gegenleistung meinerseits, Señor Malejala«, sagte er liebenswürdig. »Ich möchte Ihnen gleichfalls einen Rat geben: Kehren auch Sie niemals nach Spanien zurück.«

Er wußte, Malejala würde seinem Rat nicht folgen. Er war deshalb auch nicht verwundert, als er erfuhr, daß Malejala bei seiner Rückkehr nach Spanien verhaftet und verurteilt worden war. Maura hatte die Drohungen, die sein Landsmann bei dem Zusammentreffen auf dem Piccadilly gegen ihn ausgestoßen hatte, doch ernster aufgefaßt, als Malejala geglaubt hatte. Jedenfalls war Malejala an der spanischen Grenze von Guardia-Civil-Beamten durchsucht worden. Man fand in seiner Tasche einige gut gelungene Banknotenfalsifikate, die sich vor der Durchsuchung zwar nicht in Malejalas Taschen befunden hatten, aber völlig genügten, um ihm einen fünfzehnjährigen Aufenthalt im Zuchthaus zu Ceuta zu verschaffen.

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