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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 17
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Filmkurse per Post

»Warum hast du auf deinem Notizblock den Namen ›Hickory Bomper‹ stehen, Anthony?« erkundigte sich Paul neugierig. »Du willst wohl Filmschauspieler werden, wie?«

Der Preller lachte.

»Ja, die Absicht hatte ich«, gab er zurück. »Ich glaube, ich hätte Talent dazu.«

Die beiden Freunde wohnten gegenwärtig am Kensington Square, wohin sie sich nach ihrem letzten Streich zurückgezogen hatten. Die Wohnung war möbliert und paßte ihnen ausgezeichnet. Anthony hatte sie vorläufig nur auf drei Monate gemietet. Vor ihrem Fenster breitete sich der grüne Schmuckplatz des Square aus, auf dem sich Kinder im Spiel tummelten. Nachdenklich trat Anthony ans Fenster und starrte hinaus.

»Scherz beiseite, Anthony«, sagte Paul, »du hast wohl Bomper als künftiges Opfer erkoren?«

Der Preller nickte. Dann fragte er den Freund:

»Woher weißt du denn, mein Junge, daß Bomper Kurse für künftige Filmschauspieler gibt?«

»Das weiß doch jedes Kind. Seine Inserate sind doch in jeder Tageszeitung, und seine Plakate verunzieren alle Straßen.«

»Sein Auftreten in Bayswater ist ebenso auffällig«, vervollständigte Anthony die Mitteilung des Freundes.

»Wer ist er eigentlich?«

»Ein früherer Zuchthäusler namens Griggs.« Paul schien von dieser Auskunft überrascht. »Hätte die Polizei von seiner gegenwärtigen Beschäftigung eine Ahnung – ich bin sicher, sie hätte ihn längst wieder dingfest gemacht. Auch ich habe es nur einem Zufall zu verdanken, daß ich davon Kenntnis bekam.«

Paul wußte, was es mit derartigen ›Zufällen‹ beim Preller auf sich hatte. Anthony kannte jeden Londoner Ganoven von Ruf, obwohl sein eigener Beruf den Bekannten in der Londoner Unterwelt unbekannt geblieben war. Nur dem unstreitig begründeten ›Sprichwort‹ von der ›Ehre unter Dieben‹ hatte Bomper es zu verdanken, daß nicht auch die Polizei das erfahren hatte, was Anthony jetzt seinem Sekretär mitteilte.

»Bomper ist wohl ehrlich geworden?« fragte Paul.

»Der? Ehrlich? Derselbe Schwindler, der er früher war. Die größte Gemeinheit ist ja die, daß er nur Arme – meist Dienstmädchen – schröpft.«

»Was treibt er denn? Verdient er viel?«

»Das will ich erst ausfindig machen. Er gibt nämlich Unterrichtsbriefe für die Filmschauspielkunst heraus. Sein Geschäft blüht und gedeiht. Komm! Zieh dich so einfach wie möglich an, und dann: Auf in den Kampf! Mal sehen, was Bomper für seine Unterrichtsbriefe verlangt.«

Die Akademie für ›Filmschauspielkunst‹ befand sich in einem alten Haus am Elgin Crescent. Das Innere des Hauses deutete ebenfalls darauf hin, daß Bomper wenig Geld auf die Neuausstattung der ›Akademie‹ verschwendet hatte. Der Herr Direktor selbst wohnte nicht im Gebäude, sondern benutzte es nur für seine geschäftlichen Zwecke.

Die beiden Besucher wurden von einem jungen Mädchen – anscheinend der Privatsekretärin – empfangen.

»Hatten Sie sich vorher angemeldet, meine Herren?« fragte sie Anthony. Der Ton ihrer Worte verriet, daß Mr. Bomper hier eine große Respektsperson sein mußte.

»Nein, leider nicht«, gab der Preller zurück. »Wir hätten ihn aber sehr gern in einer wichtigen Angelegenheit gesprochen.«

»Ich will Mr. Bomper benachrichtigen«, versprach die Sekretärin und entfernte sich. Nach etwa fünf Minuten kehrte sie mit dem Bescheid zurück, daß der Herr ›Direktor‹ die Besucher empfangen werde. An dieser Bereitschaft hatte Anthony allerdings noch keine Sekunde gezweifelt.

Sie traten ins Allerheiligste ein. Mr. Bomper, ein untersetzter, rotgesichtiger und vollkommen glatzköpfiger Herr in mittleren Jahren, saß an seinem Schreibtisch und erhob sich eiligst, um den Besuchern Sitzgelegenheiten heranzuschieben.

»Grüß Sie Gott, meine Herren«, bewillkommnete er sie leutselig. »Bitte nehmen Sie gleich hier Platz. Sie haben Glück gehabt, daß Sie mich gleich sprechen konnten. Ich bin sonst keine Minute frei. Was kann ich für Sie tun?«

»Wir wollten an Ihren Filmkursen teilnehmen«, beantwortete Anthony die Frage.

»Mittels meiner Unterrichtsbriefe?«

»Nein, das hätte für uns keinen Zweck. Wir wollen den Unterricht von Ihnen mündlich und persönlich haben. Ich selbst bin mir keineswegs klar darüber, ob man Filmunterricht per Post überhaupt erteilen kann.«

»Sie täuschen sich, mein Herr.« Bomper nahm die Miene eines Schullehrers an, der einem Abc-Schützen die ersten Geheimnisse des Lesebuches offenbaren will. »Mimik, Gang, Technik, kurz alles, was für einen derartigen Beruf in Frage kommen könnte, kann ebensogut schriftlich wie mündlich gelehrt werden. Natürlich bin ich gern bereit, Ihnen persönlichen Unterricht zu erteilen. Das Honorar würde dann selbstverständlich bedeutend höher sein als beim brieflichen Unterricht.«

Er musterte prüfend die Besucher. Anscheinend wollte er sich darüber klarwerden, wie tief er den Aderlaß würde anbringen können.

»Das Honorar spielt bei uns keine Rolle«, beruhigte ihn der Preller, der den abschätzenden Blick wohl bemerkt hatte. »Wir ziehen beide den mündlichen Unterricht vor.«

Er hatte sich schon gewundert, warum Mr. Bomper so unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte. Augenscheinlich war der Herr Direktor aus irgendwelchen Gründen sehr nervös.

»Gut, wenn es so ist, bin ich natürlich gern bereit, Ihnen den gewünschten Unterricht zu erteilen. Das Honorar würde pro Kopf und Kursus vierzig Pfund Sterling, für beide also achtzig betragen. Auf welchen Namen darf ich die Quittung ausstellen?«

Er hatte aus dem Fach seines Schreibtisches ein Formularheft gezogen, um die Quittung auszuschreiben.

»Wir haben beide nicht genug Geld mit, Mr. Bomper«, machte ihn Anthony darauf aufmerksam, daß er keinesfalls schon heute das Honorar bekommen würde. »Sobald wir aber mit dem Kursus beginnen, bringen wir Ihnen den Betrag mit.«

»Aber bitte in bar. Schecks liegen mir nicht. Die sind mir unsympathisch.« Mr. Bomper legte besondere Betonung auf das Wörtchen ›bar‹. Anthony lächelte Paul verständnisinnig zu.

»Wie Sie wünschen«, beruhigte er den Herrn Direktor.

»Wir haben heute Montag«, fuhr der Preller fort. »Würde es Ihnen passen, wenn wir Donnerstag zur ersten Stunde kämen?«

»Donnerstag ist es zu spät!« Die Worte waren Bomper anscheinend unüberlegt herausgeschlüpft, denn er unterbrach sich sofort. »Ich habe Donnerstag eine wichtige Unterredung und kann Sie deshalb an diesem Tag nicht empfangen. Paßt es Ihnen Mittwoch um vier, Mr. Smith?«

»Ganz wie Sie wünschen«, gab Anthony höflich zurück.

Die Tür zum Nebenzimmer hatte sich geöffnet, ohne daß ein Anklopfen zu hören gewesen wäre. Der Eintretende war ein hagerer Herr mit finsterem Gesichtsausdruck und einem Anzug, in den er nur für einen Augenblick hineingestellt worden zu sein schien. Ohne den Besuchern auch nur zuzunicken, trat er an Bomper heran.

»Ich muß Sie sofort sprechen.« Die Stimme klang rauh und ungebildet.

Bomper warf ihm einen unsicheren Blick zu. Dann stand er auf und schickte sich an, dem andern zu folgen.

»Bitte, entschuldigen Sie mich einige Sekunden, meine Herren«, bat er die beiden. Dann verließ er das Zimmer, Anthony und Paul allein lassend.

»Hast du gehört, wie er sagte, Donnerstag sei es zu spät?«

Paul blickte ihn fragend an.

»Was meinte er denn damit?« wollte er wissen.

»Warte, bis er zurückkommt. Dann wirst du es erfahren.«

Erst nach Ablauf von fünf Minuten kam Bomper wieder herein.

»Darf ich Sie bitten, Mr. Smith, am Mittwoch bestimmt zu kommen und das Geld – aber in bar, bitte – mitzubringen.«

»Wird besorgt«, beruhigte ihn der Preller. »Eines möchte ich, ehe ich mich verabschiede, noch erwähnen: Ist es Ihnen möglich, am Mittwoch so eine Art Atelier vorzubereiten, wo wir einen Film, für den mein Freund hier das Drehbuch verfaßt hat, durchproben können?«

Er blickte den Herrn Direktor der Akademie gespannt an.

»Gewiß, gewiß«, erwiderte Bomper in offenbarer Eile. »Alles, was Sie wünschen. Guten Tag, meine Herren.«

Auf dem Gang trafen sie den Hageren, der sie mit brummigem Gruß an sich vorbeigehen ließ. Als sie auf den Crescent hinaustraten, fühlte Anthony, wie jemand ihn am Arm berührte.

»Verzeihen Sie, meine Herren«, sagte ein Unbekannter, dem man jedoch die Zugehörigkeit zur Kriminalpolizei von weitem ansehen konnte. »Darf ich Sie einen Augenblick sprechen?«

»Zehn Augenblicke, wenn Sie wollen«, gab Anthony leutselig zurück, und der andere verfiel neben ihnen in gleichen Schritt.

»Gehören Sie zu den Kunden Mr. Bompers?«

»Jawohl.«

»Haben Sie schon bezahlt?«

»Nein, bisher noch nicht.«

»Dann folgen Sie meinem Rat, und tun Sie es auch künftig nicht.«

»Was ist denn los? Sie sind doch Kriminalbeamter, nicht wahr?« Paul hatte bisher überhaupt nichts gesagt, sondern die Unterhaltung dem Preller überlassen.

»Ja, ich bin von der Kriminalpolizei, meine Herren«, gab der Mann zu. »Was mit Mr. Bomper los ist? Nun, uns liegen verschiedene Anzeigen aus der Provinz gegen ihn vor, denen wir eben nachgehen. Man hat sich beschwert, daß sein Briefkursus Schwindel sei und man nichts dabei lerne.«

»Bisher habe ich noch nichts bezahlt«, wiederholte Anthony, »und glaube nach Ihren Auskünften auch nicht, daß ich je etwas bezahlen werde.«

Schweigend legten die beiden Freunde den Weg nach dem Kensington Square zurück. Erst nach dem Abendessen, als beide sich Zigarren angebrannt hatten, nahm der Preller das Thema ›Bomper‹ wieder auf.

»Ha, ha, Donnerstag ist es zu spät! Hast du's gehört, Paul?«

»Was meinte er denn damit?« Paul stimmte in das Lachen des Freundes ein. »Er will wohl vorher verschwinden?«

»Jawohl, das und nichts anderes. Jemand scheint ihn verpfiffen zu haben, und er fühlt den Boden unter sich heiß werden. Der Mann, der eintrat, als wir bei Bomper waren, hat ihn wohl benachrichtigt, daß die ›Akademie‹ unter Polizeibeobachtung stehe. Es scheint sein Kompagnon ...«

»Kompagnon? Glaubst du, daß Griggs mit ihm zusammen die Sache drehen will?«

»Daran zweifle ich keinen Augenblick. Sie werden nun wahrscheinlich beide verschwinden müssen.«

»Wann glaubst du denn, daß dieser Akt des Verschwindens stattfinden wird?« fragte Paul.

»Spätestens Mittwoch abend, denn er sagte uns ja, daß Donnerstag unser Besuch für ihn zu spät komme.«

Den nächsten Tag brachte der Preller mit dem Einziehen von Erkundigungen über Bompers ›Akademie‹ zu. Der Redakteur einer Sonntagszeitung, die sich das Aufdecken von Schwindeleien und betrügerischen Manipulationen zur Aufgabe gemacht hatte, gab ihm die notwendigen Auskünfte.

»Hickory Bomper?« wiederholte der Zeitungsmann den Namen, den ihm Anthony genannt hatte. »Der und Professor der Schauspielkunst? Ha, ha, daß ich nicht lache. Seit Wochen laufen bei uns über ihn Beschwerden ein. Er prellt hauptsächlich Dienstmädchen um ihren schwerverdienten Lohn, indem er ihnen vorspiegelt, sie hätten Filmtalent. Die Polizei ist auch schon hinter ihm her, und das Handwerk dürfte ihm wahrscheinlich bald genug gelegt werden.«

»Sie glauben also, daß eine briefliche Unterrichtsmethode für künftige Filmbeflissene überhaupt keinen Zweck hat?«

»Das behaupte ich ja gar nicht, wohl aber, daß Bomper von der Filmkunst nicht mehr Ahnung hat als ich vom Seiltanzen. Das ist es ja gerade, was mich so empört. Der Gedanke einer Akademie für Filmleute ist ja an sich gar nicht so dumm. Einmal ein Dieb, immer ein Dieb – Sie kennen ja das alte Sprichwort. Diese Ganoven nehmen sich in ihrer Ungeduld, Geld zu verdienen, gar nicht die Zeit, abzuwarten, ob es denn nicht auch auf ehrliche Weise zu machen gehe. So eine Sorte ist auch Hickory Bomper. Daran habe ich noch nicht einen Augenblick gezweifelt.«

Diese Auskunft genügte Anthony. Erst am nächsten Morgen, dem Mittwoch, stellte Paul die Frage, die ihn seit dem Besuch bei Griggs beschäftigt hatte.

»Was meintest du mit deiner Bemerkung zu Bomper, daß ich ein Drehbuch verfaßt hätte, Anthony?«

»Genau das, was ich sagte. Du hast es zwar nicht geschrieben, dafür habe aber ich ein Manuskript verbrochen, das voll von dramatischen Situationen ist.«

»Aber, Mensch«, gab Paul zu bedenken, »so ein Filmmanuskript hat ja mehrere hundert Szenen.«

»Meines nicht«, beschied ihn der Freund.

Im Lauf des Vormittags rief Bomper, dem Anthony seine Telefonnummer gegeben hatte, den Preller in der Wohnung an.

»Ich wollte Sie bitten, Mr. Smith«, sagte er, »schon um drei Uhr nachmittags zu kommen und das Geld nicht zu vergessen.«

»Schön, ich werde pünktlich dasein«, beruhigte ihn Anthony. »Das Honorar bringe ich in Banknoten. Ist Ihnen das recht?«

»Vollkommen. Danke sehr.«

Anthony legte auf und trat ins Nebenzimmer zu Paul. Er traf ihn bei seiner üblichen Patience.

»Ich habe das dauernde Umherziehen von einer Wohnung zur anderen wirklich satt«, beklagte er sich bei seinem Sekretär. Paul legte die Karten hin und starrte den Freund an.

»Willst du denn schon wieder fort? Hier ist es doch recht nett.«

»Es wird nicht zu vermeiden sein, mein Junge«, sagte Anthony bedauernd. »Zieh los und suche uns eine passende Wohnung, am liebsten im Norden Londons. Mietpreis Nebensache. In Finchley soll es recht nette Häuschen geben.«

»Und in welcher Rolle soll ich bei unserem neuen Hausherrn auftreten?« erkundigte sich Paul auf alle Fälle.

»Du bist ein Plantagenbesitzer aus Ceylon, der hier auf Ferien weilt und auch seinen Bruder aus Südamerika erwartet. Dieser Bruder wird seinen eigenen Kammerdiener mitbringen. Also wird auch die Anwesenheit Sandys nicht auffallen. Sorge aber vor allen Dingen dafür, daß wir keine neugierigen Diener mitvermietet bekommen. Es gibt ja die sogenannten Junggesellenhäuser, wo alles, was nötig ist, von den Hausangestellten erledigt wird. So etwas dürfte für uns das Passendste sein.«

Paul begab sich auf die Suche, und am selben Nachmittag traten sie dann ihre beabsichtigte Fahrt nach dem Elgin Crescent zur Akademie Mr. Bompers an. Ehe sie die Freitreppe hinaufschritten, blickte sich der Preller vorsichtig nach dem Beobachtungsposten der Kriminalpolizei um, der, wie er wußte, sich irgendwo in der Nachbarschaft herumtrieb. Zu seinem Erstaunen und zu seiner inneren Beunruhigung war der Mann jedoch nirgends zu erblicken.

»Das sieht bös für Bomper aus«, meinte Anthony. »Man scheint im Yard bereit zu sein, das Nest noch heute auszuheben.«

Die beiden Filmbeflissenen sahen wirklich ergötzlich aus. Jeder von ihnen trug unter dem Arm ein Schwert, was besonders bei Anthony, der ein kleines Stadtköfferchen in der Hand hielt, einen grotesken Eindruck hervorrief. Dieser Meinung war wohl auch der Kompagnon Bompers, der sie von einem Erdgeschoßfenster aus beobachtet hatte. Als sie klingelten, war er es, der ihnen die Tür öffnete.

»Was haben Sie denn da?« fragte er brummig. Wie Anthony später erfuhr, hieß dieser liebenswürdige Mann Tinkle.

»Wir haben uns für die Aufnahmen vorbereitet«, gab Anthony Auskunft. »Wir wollten uns gleich richtig anziehen, denn wir glaubten, wir würden dann schon von Anfang an die Rolle lebensähnlicher spielen.«

Mr. Tinkle brummte etwas in seinen Bart und wies sie dann in das ungemütliche Vorderzimmer. Schon als der Preller die Treppe zum Haus hinaufgestiegen war, hatte er bemerkt, daß sämtliche Jalousien heruntergelassen waren.

Mr. Tinkle erklärte ihnen die Ursache.

»Wir machen immer alles dunkel, wenn wir Aufnahmen vorhaben«, meinte er. »Sonst hätten wir die halbe Nachbarschaft hier! Mr. Bomper erwartet Sie, meine Herren.«

Anthony nickte. Dann zog er eine Hundertpfundnote aus der Brieftasche.

»Ich gehe gleich hinein zu ihm«, erklärte er.

Der Herr Direktor freute sich unzweifelhaft über den Besuch seiner neuen Schüler. Anthony bemerkte sofort bei seinem Eintritt, daß in einer Ecke des Zimmers verschiedene Reisetaschen fertig gepackt des Abtransportes harrten. Neben dem Schreibtisch stand ein großer Geldschrank, in dessen Schloß die Schlüssel steckten, die Bomper aber beim Eintritt der Freunde sofort in seine Tasche versenkte.

»Guten Tag, meine Herren«, begrüßte er seine Besucher. Er schien nervöser als sonst zu sein, denn der Gruß war nicht so herzlich wie das letztemal. »Haben Sie das Geld mit?«

Anthony legte ihm die Banknote hin.

»Ah, hundert Pfund?« Die Stimme des Herrn Professors drückte die Befriedigung aus, die er beim Anblick des Geldes fühlen mochte. »Ich will sie Ihnen nachher wechseln. Gedulden Sie sich einige Minuten.«

»Vielleicht können Sie mir gleich jetzt das Wechselgeld geben«, bat Anthony. »Dann brauche ich Sie später nicht mehr daran zu erinnern.«

Bomper zögerte einige Sekunden. Dann erhob er sich und öffnete den Geldschrank, dem er eine Holzkassette entnahm. Als er den Deckel zurückschlug, bemerkte der Preller, daß sie gestopft voll von Noten war. Bomper zählte zwanzig Pfund ab und gab sie seinem Schüler. Dann begaben sich alle drei wieder in den ›Salon‹ zurück, wo Mr. Tinkle sie erwartete.

»Mein Drama behandelt folgendes«, begann Anthony und zog sein Manuskript aus der Tasche. »Zwei Sträflinge werden, während sie durch eine Kanalröhre ihre Flucht aus dem Zuchthaus bewerkstelligen, von den Stickstoffgasen der Kanalisationsröhren übermannt und ersticken. Das richtig darzustellen, wäre ja nicht so schwierig, aber«, hier wandte er sich freimütig an Mr. Tinkle, der mit schlecht verhehlter Ungeduld den Worten des Prellers gelauscht hatte, »die Mimik, die für den Ausdruck der Todesangst in den Gesichtern der beiden Todgeweihten notwendig ist, die bringen wir – mein Freund und ich –, so sehr wir uns auch abmühen, nicht fertig. Sie wissen, was ich meine, nicht wahr? Jeder der Flüchtlinge haßt den anderen, der ihm die kostbare Luft wegatmet, und kann sich seiner doch nicht entledigen!«

»Hm?« Nachdenklich starrte Bomper vor sich hin. »Na, wir wollen es versuchen. Fahren Sie fort, Mr. Smith.«

»Sie stellen sich dort drüben auf«, wandte sich Anthony an Tinkle. »Genau auf den Platz, den ich Ihnen anweise.« Er zog ein Paar Handschellen aus der Tasche. »Sie sind zusammengefesselt«, erklärte er ihnen ihre Rollen. »Das ist nämlich in dem ganzen Stück die Hauptsache.«

»Geht es nicht ohne das?« fragte Tinkle brummend.

»Nein, wirklich nicht, Sir. Wir müssen ja gerade die Bemühungen festzuhalten versuchen, die Sie beide machen, um auseinanderzukommen. Verstehen Sie?«

»Na, gut«, gab Bomper nach und lachte. »Für achtzig Pfund kann man sich schon mal fesseln lassen.«

»Aber damit ist doch der Kursus nicht zu Ende?« fragte Paul und starrte den Herrn Professor der Filmkunst erschrocken an.

»Nein, natürlich nicht«, beruhigte ihn Bomper hastig. »Nächsten Samstag können Sie schon die zweite Stunde haben. Komm, Tinkle, los, damit wir fertig werden.«

Beide hielten freiwillig ihre Hände hin, die Anthony mit geübten Fingern zusammenfesselte. Die Handschellen wurden so angelegt, daß das rechte Gelenk Tinkles mit dem linken Bompers zusammengeschlossen war. Mit gerunzelter Stirn warf Tinkle auf die ihm wahrscheinlich nicht unbekannten Handfesseln zweifelnde Blicke. Sicherlich fühlte er sich dabei nicht ganz gemütlich.

»So«, meinte Anthony. »Das hätten wir. Stell du dich hinter ihnen auf, Paul.« Der ›Sekretär‹ gehorchte, aber Anthony gab ihm vorläufig keine weiteren Befehle, denn Paul wußte auch ohnedies, was er nun zu tun hatte.

Aus seiner Manteltasche zog er eine dünne, aber sehr feste Handschnur und wand sie einige Male um die Handschellen. Das andere Ende des Strickes warf er über den Türgriff und zog mit aller Gewalt daran.

»Verdammt noch einmal«, brummte Bomper ärgerlich. »Was treibt ihr denn da?« Er versuchte sich gegen den Zug zu stemmen, erreichte aber nichts weiter, als daß ihm der Arm in die Höhe gezogen wurde. Schritt für Schritt holte Paul die beiden freiwillig Gefangenen zu sich heran, bis endlich beide, eng an die Tür gepreßt, bewegungslos in ihrer unbequemen Stellung stillstehen mußten.

»So, meine Herren«, meinte Anthony. »Ich hoffe, daß Sie vernünftig sein werden.« Um seiner Hoffnung stärkeren Ausdruck zu verleihen, zog er einen Browning aus der Tasche.

»Was soll das heißen?« fragte Bomper heiser.

»Was das heißen soll? Nichts weiter, als daß wir der Polizei den Rang ablaufen konnten. Ist das Seil fest, Paul? Ja? Gut«, wandte er sich wieder an die Gefangenen, »dann dürfte ich Sie jetzt wohl bitten, mir die Schlüssel auszuhändigen, Mr. Bomper. Sie können sich nicht rühren? Schön! Paul, greife in die Westentasche und sei den Herren bei der Übergabe der Schlüssel behilflich.«

Mit der freien Hand versuchte Bomper sich gegen den Zugriff Pauls zu wehren, aber vergeblich.

»Hier sind die Schlüssel, Mr. Smith«, wandte sich Paul an den Preller.

»Das Geld hat er im Geldschrank«, erklärte Anthony. »Ich weiß zwar nicht genau, wieviel es ist; es sah aber nach einer ganzen Menge aus, als er mir vorhin meine zwanzig Pfund herausgab.«

»Ihr Hunde!« Die Stimme Tinkles überschlug sich vor Wut. »Ihr Kanaillen! Wartet, bis ich meine Hände frei habe! Dann gnade euch Gott!«

»Die Polizei wird euch entfesseln«, tröstete ihn Anthony. »Wenn ihr mich übrigens verpfeifen wolltet, so würde euch doch niemand auch nur eine Silbe glauben!«

»Du bist der ... Preller?!« Es war mehr eine Behauptung als eine Frage, die Hickory Bomper eben ausgesprochen hatte. »Der bist du! Du bist der Kerl, der die Diebe ...« Er unterbrach sich.

»... beraubt«, ergänzte der Preller ruhig. »Ich kann Ihre Vermutungen nur bestätigen, mein sehr verehrter Mr. Griggs, alias Hickory Bomper.«

Paul kehrte mit der Geldkassette zurück, deren Inhalt schnell in Anthonys und seines Begleiters Taschen wanderte.

»Alles dürfen wir nicht nehmen«, erklärte der Preller. »Wir müssen der Polizei auch etwas übriglassen. Wenn sie gar nichts findet, würde sie uns für habsüchtiger halten, als wir sind.«

Sie ließen die beiden fluchenden und sie in alle Abgründe der Hölle verwünschenden Geprellten zurück und eilten auf die Straße.

»Schnell nach dem Waterloo-Bahnhof«, befahl der Preller dem Chauffeur. Er warf einen Blick durch die Rückwandscheibe auf den Elgin Square, von dem sie sich rasch entfernten. »Dort kommt schon die Polente«, sagte er zu Paul. »Wenn sie uns wegkriegen, müssen wir gewärtig sein, als Zeugen geladen zu werden und das« – er lachte – »würde uns absolut nicht in den Kram passen. Schneller, schneller, Sie Mann da!« rief er dem Chauffeur zu.

Es schien eine Ewigkeit zu währen, ehe sie den Crescent aus den Augen verloren. Als sie um die Kurve schwenkten, bemerkte der Preller mit einem erleichterten Seufzer, daß es ihnen gelungen war, der Polizeiabteilung gerade noch zu entkommen. Paul hatte einen gebrauchten Briefumschlag aus der Tasche gezogen und machte eifrig Notizen.

»Was treibst du denn da?« wollte sein Freund wissen.

»Ich mache mir nur einige Notizen für ein wirklich gutes Filmdrama, das ich schreiben will«, gab Paul zurück.

»Nanu? Was denn für eines?«

»Was wir eben erlebt haben, ist ein herrliches Thema.«

Anthony lachte hellauf.

»Dann rate ich dir aber, so lange mit der Aufnahme zu warten, bis Mr. Hickory Bomper und sein Freund Tinkle aus dem Kittchen kommen. Sie könnten die Helden wohl am besten darstellen.«

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