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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 16
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Der vierundsiebzigste Diamant

Der Inspektor von Scotland Yard warf einen prüfenden Blick auf den hageren Maharadscha von Tikiligi. Der Inder war noch reichlich jung und sah in seinem eleganten Frackanzug viel hagerer aus, als er in Wirklichkeit sein mochte. Seine Gesichtsfarbe war ein dunkles Oliv, das durch den kleinen, schwarzen Schnurrbart und das gut eingefettete schwarze Haar noch mehr zur Geltung gebracht wurde.

»Hoheit werden die Belästigung entschuldigen?« bat der Beamte.

»Oh, sicherlich«, gab der Fürst kopfschüttelnd zurück. »Ich mich freuen, Sie zu sehen. Ich sprechen englisch sehr gut, sein aber kein englisches Untertan. Ich sein holländisches Untertan.«

Der Inspektor suchte nach Worten, um dem Maharadscha den Zweck seines Besuches plausibel zu machen.

»Wir haben erfahren«, begann er endlich, »daß Ew. Hoheit eine Unmenge wertvoller Schmucksachen nach England gebracht haben.«

Hoheit nickte.

»Ja, ja«, gab er zu. »Verdammt schönes Juwelen, viele großen Steine, so großen wie Enten – wie heißen sie – ja, Eier. Ich haben zwanzig Stück davon hier.«

Er sagte einige Worte in unbekannter Sprache zu seinem Sekretär. Dieser öffnete ein Schreibtischfach und entnahm ihm eine herrliche Sammlung schönster und größter Diamanten, in deren feingeschliffenen Facetten sich das Sonnenlicht in tausend Farben brach.

Die Edelsteine schienen ihre Wirkung auf den Inspektor nicht verfehlt zu haben. Nicht der Wert war es, der seine Augen beinahe aus den Höhlen treten ließ, sondern die Gefahr, die diesen Schätzen drohte.

»Wegen dieser Edelsteine hat man mich zu Ihnen geschickt, Hoheit«, erklärte er dem Fürsten. »Ich habe Sie im Auftrag des Polizeipräsidenten zu warnen, daß gerade gegenwärtig zwei Schwindler in London ihr Unwesen treiben, die sich nur mit dem Diebstahl derartiger Juwelen befassen.«

»Ich haben keine Angst«, wies der Inder die gutgemeinte Warnung zurück. »Dieser Mann« – er zeigte auf seinen Sekretär –, »sein in großer Stellung in meiner Heimat. Er sein Oberpolizist und behandeln Diebe sehr schlecht. Er schneiden ihnen Köpfe ab, eins, zwei, drei.«

Wieder sprach er einige Worte zu seinem Begleiter in einer dem Inspektor unbekannten Mundart. Der ›Oberpolizist‹ lächelte, wobei er zwei Reihen blitzender Zähne zeigte.

»Denken Sie daran, Mr. Polizeiinspektor«, wandte sich nun der Maharadscha an den Beamten. »Ich nicht hierherkommen zum Verkauf. Ich kommen zu kaufen, den vierundsiebzigsten Diamanten zu kaufen, den ich für mein Halsband brauchen.«

»Den vierundsiebzigsten Diamanten?« fragte der Inspektor.

»Dreiundsiebzig haben ich schon«, belehrte ihn der Fürst. »Alle sein gleich groß und schön. Sehen Sie!«

Er schritt zum Schreibtisch hinüber und entnahm ihm erneut die vorhin gezeigte Kassette. Dann zeigte er dem Inspektor einen wunderbaren Diamanten, groß und untadelig.

»Ich wollen einen wie diesen kaufen«, erklärte er. »So groß, so schön, so klar – und ich will Millionen zahlen dafür.«

Der Inspektor lächelte grimmig.

»Ja, Fürst«, erwiderte er, »das glaube ich wohl, aber vergessen Sie dabei nicht, nach Benny Lamb Ausschau zu halten. Er befindet sich in London und ist, wie ich Ihnen versichern darf, ein recht geschmeidiger Ganove.«

»Ganove? Was sein das? Ah, ein schlechter Mann?« Seine Hoheit schien ausnehmend interessiert zu sein.

»Ja, ein sehr schlimmer Mensch«, bestätigte der Inspektor.

»Schneiden Sie seinen Kopf ab«, riet die Hoheit. »Das sein das einfachste.«

»Bei uns hierzulande nicht«, klärte ihn der Inspektor auf und hielt, um sein Lächeln nicht sehen zu lassen, die Hand vor den Mund. »Ehe wir das hier machen können, müssen wir Beweise haben, und die haben wir bei Benny Lamb nicht.«

»In mein Fürstentum wird schlechter Mann schnell tot gemacht, und mein Land sein wunderschönes Land. Ich haben Tausende und nochmals Tausende Sklaven für mich in Bergwerken arbeite ...«

»Ja, ja«, unterbrach ihn der Detektiv, »und gerade deshalb ist der zweite der von mir erwähnten Langfinger noch gefährlicher als Benny Lamb. Der andere nennt sich ›Preller‹, und wenn er herausbekommt, daß Sie Ihr Geld mit Sklaverei verdienen, müssen Sie viel Glück haben, wenn es Ihnen gelingt, Ihre Edelsteine wieder mit nach Hause zu bringen.«

»Der – wie nannten Sie ihn – Preller?« erkundigte sich der Maharadscha.

In kurzen Worten schilderte ihm der Inspektor das System des Prellers und erwähnte gleichzeitig einige seiner Eskapaden. Als der Beamte das Great Empire Hotel verließ, wußte er, daß er den indischen Fürsten doch etwas unsicher gemacht hatte.

Zu gleicher Zeit bildeten in einem Londoner Restaurant des modernen Westens der Fürst und der Preller das Thema eines Gespräches, das Mr. Benny Lamb, ein gut angezogener, eleganter junger Mann amerikanischer Abstammung, mit zweien seiner Freunde führte. Sie besprachen den größten Fang ihres Lebens.

»Er wälzt sich im Geld wie ein Schwein in seinem Koben«, berichtete Benny kopfschüttelnd seinen Gästen. »Und, was die Hauptsache ist, Jimmy«, wandte er sich an einen der beiden, »es wird so leicht sein, wie Grießbrei essen.«

Der Angesprochene, ein untersetzter Rotkopf, zog verächtlich die Stirn kraus.

»Es gibt kein leicht verdientes Geld in der Welt«, warnte er. »Aber wenn alles, was du uns von dem verrückten Fürsten erzählt hast, auf Tatsachen beruht, dann wird er eines unserer leichtesten Opfer werden.«

»Nur auf eines müssen wir achtgeben«, erklärte Lamb und wurde ernst. »Ein Vöglein hat mir zugezwitschert, daß der Preller sich wieder einmal in London herumtreibt. Du weißt doch, der Kerl, der voriges Jahr alle Londoner Ganoven, die etwas hatten, geschröpft hat. Ich weiß, daß er wieder auf dem Kriegspfad ist. Baltimore Jones hat ihn gesehen. Das Schwein von Preller hat ja den armen Kerl auch ganz ausgemietet. Ihn ohne einen Cent in Paris zurückzulassen! So eine Gemeinheit.«

»Glaubst du, daß er auch hinter dem Maharadscha her ist?« erkundigte sich der dritte Mann, der bisher geschwiegen hatte.

Benny nickte energisch.

»Gerade so einer wie der Inder wirkt auf den Preller wie Honig auf die Fliegen«, sagte er. »Ich habe den Fürsten gestern abend in einer Loge im Theater sitzen sehen. Er hatte Diamanten an Manschetten- und Hemdknöpfen, ja sogar an seiner Uhrkette. Er sah aus wie ein Christbaum. Einer der Hotelkellner sagte mir, daß er sogar an seinem Schlafanzug Diamanten trage.«

»Hast du dir schon einen Plan gemacht, wie du an ihn herankommen willst?« fragte Jimmy. Benny Lamb dachte einen kurzen Augenblick nach. Dann sagte er:

»Wie ich gehört habe, kam er nur deshalb nach London, um Diamanten zu kaufen. Man sollte es bei den vielen, die er schon hat, kaum für möglich halten, aber es ist so. Er hat eben diesen Klaps. Zu Hause hat er, wie mir einer der Hotelleute sagte, ein Halsband mit dreiundsiebzig Diamanten, alle gleich groß und gleich schön. Er sucht nun den vierundsiebzigsten. Ich habe es mir überlegt. Das beste wäre, wir stellten eine Kollektion Diamanten zusammen und suchten ihn auf. Ich glaube zu wissen, wo ich einen Stein, wie er ihn sucht, bekommen könnte, aber das nur so nebenbei. Ich will vor allen Dingen mal einen Blick auf seine Steine werfen, damit ich weiß, wie sie aussehen.«

»Ich wüßte einen besseren Weg«, warf Jim ein. Benny musterte ihn achtungsvoll, denn er wußte, daß Jimmy schon oft gute Ideen gehabt hatte. »Schieb ihn mit dem alten Kümmelblättler-Trick«, riet er. »Ja, ich weiß, das klingt zu einfach, aber gerade diese Sorte Menschen wie der Maharadscha fällt auf alte Tricks am ehesten herein.«

Benny erkundigte sich, wie denn die Sache gehandhabt werden solle. Jimmy erklärte es ihm.

»Du ziehst dich richtig an und besuchst ihn mit so vielen Steinen, wie du zusammenbekommen kannst. Steck sie alle in einen Beutel und gib dir den Anschein, als machtest du dir keinerlei Sorgen, was die Sicherheit deiner Steine anbetrifft. Lasse sie ihm meinetwegen zur Ansicht zurück und sage ihm, du holtest sie dir am nächsten Tag mit seinem Bescheid wieder ab. Diese großen Herren haben es gern, wenn man ihrer Ehrlichkeit Vertrauen schenkt. Am nächsten Tag gehst du wieder hin und bittest ihn, dir einen seiner großen Steine zu zeigen. Wenn du ihn gesehen hast, teilst du ihm ganz einfach mit, daß du ihm als Abschlußstück für sein Halsband einen gleichen besorgen könntest, wenn er dir einen Musterstein mitgäbe.«

»Unsinn«, lehnte Benny den Vorschlag ab. »Hältst du ihn wirklich für so dumm? Ich hatte gehofft, einen gescheiten Gedanken von dir zu hören.«

Erst als das Lokal geschlossen wurde, war der Plan perfekt geworden.

Am nächsten Tag fuhr Mr. Benny Lamb in einem eleganten Auto vor dem Hotel vor und ließ sich bei Seiner Hoheit, dem Maharadscha von Tikiligi, anmelden. Bei sich trug er einen Lederbeutel voll Diamanten. Er hatte sie sich von seinen Freunden aus der Unterwelt verschafft.

Hoheit empfing den ›Juwelenhändler‹ in seinem Salon, befand sich aber immer noch im Pyjama, trotz der vorgerückten Vormittagsstunde. Er kaute energisch.

Betel-Nuß, schloß Benny Lamb, der mit den Gebräuchen des Ostens einigermaßen vertraut war.

Der Fürst betrachtete den Besucher anfangs mit mißtrauischen Blicken und weigerte sich, von seinen Juwelen zu sprechen.

»Ohne Anmeldung ich Sie nicht empfangen können werde, Mr. Händler«, erklärte er. »Woher ich soll wissen, Sie nicht sein der Preller?«

Benny mußte lachen, als er diese Vermutung hörte.

»Es ist gut, daß Sie vor dem Kerl gewarnt worden sind, Hoheit«, meinte er. Plötzlich tauchte in ihm ein Gedanke auf. »Hat er versucht, Sie zu belästigen?« fragte er.

»O nein, nein«, gab der Inder zurück. »Ich nichts haben von ihm gehören. Was aber wollen Sie von mir?«

Ohne weitere Einleitung kam Benny auf die Sache zu sprechen, die ihn hierher geführt habe. Als er den Zweck seines Besuches erklärt hatte, legte er den Beutel auf den Tisch, den er als Köder mitgebracht hatte. Der Fürst prüfte die Steine.

»Die nichts taugen«, sagte er nach kurzer Betrachtung. »Sie sein zu klein. Ich wollen große haben. Hier, solche!« Er klatschte in die Hände, worauf der Sekretär – der Oberpolizist – wieder erschien und auf einen Befehl seines Herrn dem Besucher die Kassette mit den Musterdiamanten zeigte. Mit einem Ausruf des Entzückens schlug Benny die Hände zusammen.

»Darf ich ...?« fragte er und wollte die Hand ausstrecken, um einen der Steine in die Hand zu nehmen.

»Nein, nein«, wehrte der Fürst ab. »Bringen Sie mir solche großen Steine, wie ich brauche. Morgen, übermorgen, wann Sie wollen. Um welche Stunde werden Sie kommen mit sie?«

»Paßt Ihnen morgen nachmittag fünf Uhr?« erkundigte sich Mr. Lamb.

»Gut. Sein schöne Steiner, nicht wahr?« Der Maharadscha schien auf seine Juwelensammlung außerordentlich stolz zu sein. »Was glauben Sie, sie gekostet haben?«

»Nicht einer unter fünfzigtausend Pfund«, schätzte Benny.

»Und Sie glauben, Sie mir können versorgen einen genauso schön und groß?«

Benny wagte nicht zu antworten. Er nickte nur.

Als er am selben Abend wieder mit seinen Komplizen zusammentraf, war der Plan, wie man dem Maharadscha einen seiner Steine entführen könne, fix und fertig.

»Faukenberg wird die Steine liefern müssen, ob er will oder nicht«, erklärte Mr. Lamb. Faukenberg war einer der berüchtigtsten Juwelenhehler Londons, der nur große Geschäfte mit Leuten machte, die als Fürsten in ihrem Fach – nämlich dem Juwelendiebstahl – galten. »Es muß übrigens ein Stein sein, der denen, die der Maharadscha schon hat, ähnlich ist. Er ist kein Dummkopf, dieser Inder, und ich glaubte eine Zeitlang, ich würde bei ihm überhaupt nichts erreichen. Kommt, wir wollen zu Hody und uns einen auf das Gelingen des Planes genehmigen.«

Die drei vertagten sich in das bekannte Lokal. Auf dem Weg dorthin gab Mr. Benny Lamb die Unterredung zum besten, die er mit dem Inder geführt hatte.

»Sogar vor dem Preller hatte man ihn gewarnt«, berichtete er lachend. »Sieht aus, als wäre der Kerl auch hinter ihm her. Ich habe mich erkundigt. Einige Freunde von mir wohnen im Great Empire Hotel, und sie teilten mir mit, daß sie dort einige verdächtige Herrschaften bemerkt hätten.«

Hodys Bar war dicht gefüllt; sie brachen sich aber Bahn und hoben, als man ihnen die bestellten Getränke gebracht hatte, in stummem Toast auf das Gelingen ihres Planes die Gläser. Benny bezahlte eben eine zweite Runde, als der Kellner sie auf einen Brief hinwies, der auf ihrem Tisch lag.

»Gehört der Ihnen?« fragte er.

»Mir? Nein!« Benny war erstaunt, denn er hatte nicht gesehen, daß irgend etwas auf dem Tisch gelegen hatte, als sie ihre Plätze einnahmen. Er warf einen Blick auf die Adresse: »Mr. Benny Lamb?« fragte er unruhig. »Wer, zum Donnerwetter, kann den Brief hierhergelegt haben?. Habt ihr jemand bemerkt?« wandte er sich an seine Begleiter.

Sie schüttelten die Köpfe. Benny riß den Umschlag auf und entnahm ihm ein Blatt Papier, dessen Inhalt wie folgt lautete:

»Sie sind hinter den Juwelen des Maharadscha her. Ich auch. Ich sehe nicht ein, warum wir nicht zusammenarbeiten und die Sore teilen sollten. Wollen Sie mich heute abend um zehn Uhr Ecke St. John's Avenue, Maida Vale treffen? Kommen Sie allein, wie auch ich es sein werde.«

»Nanu? So eine Frechheit! Mit ihm die Sore teilen? Was haltet ihr von so einer Unverschämtheit?« Mr. Lamb übergab seinen Freunden den Brief, den sie gemeinschaftlich lasen.

»Willst du gehen, Benny?« fragten sie fast gleichzeitig.

»Ich glaube, ja. Ich möchte mir den Kerl einmal näher ansehen. Vielleicht rennen wir doch eines Tages mal zusammen, und dann wird es nützlich sein, zu wissen, wer er ist.«

Punkt zehn Uhr war er am vereinbarten Treffpunkt. Mit dem zehnten Schlag einer benachbarten Kirchenuhr kam ein Mann, sorglos den Spazierstock hin und her schwenkend, auf den Wartenden zu. Er trug einen langen, bis an das Kinn zugeknöpften Mantel, während der obere Teil seines Gesichts durch einen tief in die Stirn gezogenen breitrandigen Hut verdeckt wurde.

Er trat an Benny heran.

»Mr. Lamb?« fragte er.

»So heiße ich«, gab Benny zurück. Er warf einen mißtrauischen Blick in die Runde, um sich zu vergewissern, daß der Preller allein gekommen war. Es schien so zu sein, denn er sah niemand in der Nähe.

»Kommen Sie, wir wollen hier diese Straße benutzen. Sie ist menschenleer«, lud ihn Anthony ein. Seite an Seite schritten sie dahin.

»Ich will keine langen Umschweife machen«, meinte der Preller. »Wollen wir die Sache mit dem Inder zusammen drehen?«

»Ich weiß überhaupt nicht, was Sie meinen«, gab der andere unwirsch zurück. »Wenn Sie darauf ausgehen, mich zu einer Beichte über eine beabsichtigte Schwindelei zu verleiten, dann sind Sie an den Unrechten gekommen. Ich wäre Ihrer Einladung überhaupt nicht gefolgt, aber ich wollte nicht, daß Sie glauben, ich fürchte mich.«

»Lassen Sie doch diesen Unsinn«, forderte ihn der Preller auf. »Wollen Sie oder wollen Sie nicht mit mir teilen?«

»Haben Sie wirklich im Ernst geglaubt, ich würde, falls ich hinter den Diamanten des Fürsten her wäre, sie mit jemand teilen? Eines möchte ich Ihnen noch sagen!« Er blieb stehen und starrte dem andern ins Gesicht. »Sie sind der Herr, der Ganoven die Tour vermasselt, nicht wahr? Nun, wenn Sie mich als Opfer vorgesehen haben, dann können Sie sich diesen Gedanken ruhig aus dem Kopf schlagen. Wenn ich die Diamanten erwische, werde ich sie auch zu behalten wissen.«

»Wer sagt Ihnen denn, daß ich Ihnen die Sore abnehmen wollte?« fragte Anthony höhnisch. »Ich kam hierher, um Ihnen einen Vorschlag zu machen. Wollen Sie teilen?«

»Eher soll Sie der Teufel holen«, erklärte Benny.

»Schön, dann ist unsere Unterredung beendet.« Er wollte sich abwenden, als ihn der andere am Arm faßte.

»Ehe Sie gehen, möchte ich gern noch einen Blick in Ihr Gesicht werfen«, rief er dem Preller zu.

Er wollte ihm den Hut vom Kopf reißen, als ihn ein harter Schlag ans Kinn traf. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank er aufs Pflaster. Erst glaubte er, sein Gegner hätte zum Niederschlagen den Spazierstock benutzt, mußte sich aber schnell genug überzeugen, daß es die harte Faust des Prellers gewesen war, die ihn kampfunfähig gemacht hatte.

»Stehen Sie auf!« befahl ihm sein Überwinder streng, »und entschuldigen Sie sich für Ihre Unverschämtheit.«

Mr. Benny Lamb war so zerknirscht, daß er es wirklich fertigbrachte, die verlangte Entschuldigung zu stammeln. Anthony musterte ihn noch einen Augenblick, dann wandte er sich lachend von ihm ab. Mr. Lamb versuchte nicht, ihm zu folgen, berichtete auch seinen Kumpanen nichts von seinem Mißgeschick, denn er fühlte, daß die Episode für ihn wenig Schmeichelhaftes enthielt. Er wollte den Kinnhaken vergessen, bis die Zeit gekommen war, ihn mit Zinsen zurückzugeben. Er wußte nicht, daß er nur einer von etwa zwei Dutzend Leuten war, die einen gleichen Vorsatz gefaßt hatten.

Am nächsten Morgen suchte er seinen Freund Faukenberg auf, der in Clerkenwell ein großes Juweliergeschäft betrieb. Der Hehler widersprach dem Verlangen des ihm bekannten Benny nicht. Er war zu vernünftig, um nicht zu wissen, daß Lamb seinen Coup ohne seine Hilfe nicht auszuführen vermochte.

»Ich weiß, wo ich einen derartigen Stein finden könnte«, erklärte er, als er die Absicht des anderen erfahren hatte. »Aber billig wird die Leihgebühr dafür nicht sein, Benny, das wirst du dir denken können. Der Stein kostet dreißigtausend Pfund. Lew hat ihn von Frankreich mitgebracht, wo er ihn einer Gräfin abserviert hat. Ich habe vorläufig noch nicht versucht, ihn zu verkaufen; erst muß über die Geschichte ein wenig Gras gewachsen sein. Es hat den Anschein, als wäre es für dich der passendste Stein. Vielleicht könntest du sogar mehr verdienen, wenn du ihn wirklich an den Fürsten verkauftest. Er wird wohl nicht wissen, wo er herstammt, und ihn vielleicht gut bezahlen. Tausend Pfund, Benny, für Leihgebühr, und du kannst ihn für drei Tage bekommen. Natürlich werde ich als Sicherheit für den Stein einstweilen dein Guthaben behalten, das du bei mir stehen hast.«

»Mach dir keine Sorgen«, beruhigte ihn der andere lächelnd. »Dein Diamant wird nicht verlorengehen.«

Pünktlich traf er bei dem Inder ein, nicht ohne sich vorher durch einen Anruf im Hotel vergewissert zu haben, daß ihn der Fürst empfangen werde. Mit dem großen Diamanten und einer recht gut gelungenen Imitation davon in der Tasche, begrüßte er sein Opfer.

Der Maharadscha prüfte den Stein. »Ja«, sagte er endlich, »das sein schöner Stein, ein sehr schöner.«

Er war offenbar Fachmann, denn er brachte eine Augenlupe herbei, wie sie Juweliere zu benutzen pflegen, und prüfte eingehend die Facetten des Edelsteins.

»Wieviel Sie wollen für dieser Stein haben?« fragte er endlich.

»Dreißigtausend Pfund«, nannte Benny den Preis. Nachdenklich starrte der Fürst den Stein an.

»Das sein viel Geld«, sagte er endlich. »Ich ihn werden wohl nicht kaufen. Nein, dreißigtausend Pfund sein zuviel. Außerdem sein er auch nicht groß genug.«

Er reichte das Etui mit bedauerndem Kopf schütteln zurück.

»Meine sein viel größer«, fügte er hinzu. Wieder sprach er einige Worte zu seinem Sekretär, der, wie Benny erwartet hatte, seinem Herrn die Kassette mit den Steinen hinreichte.

»Sehen Sie, dieser und dieser hier sein viel größer«, machte der Inder seinen Besucher aufmerksam. »Nur dieser eine sein dieselbe Größe wie der, den Sie gebracht haben.« Er zeigte auf einen blitzenden Diamanten, der neben einem anderen, viel größeren lag.

»Sie haben recht«, gab Benny zu. Er griff in seine Tasche, öffnete mit geschickten Fingern das darin befindliche, den Simili enthaltende Etui und ließ den Stein in seine Handfläche schlüpfen. »Darf ich ihn mir nochmals betrachten?« bat er.

»Ja, Sie dürfen. Wunderherrlich schön, nicht wahr? Viel besser als Ihrer, denn er kosten vierzigtausend.«

»Herrlich«, stimmte Benny begeistert zu.

Unter den beobachtenden Blicken des Fürsten brachte er es fertig, den seiner Tasche entnommenen Simili mit dem Stein des Maharadscha zu vertauschen.

»Wirklich herrlich«, wiederholte er, während er den echten Stein des anderen krampfhaft in seiner Handfläche festhielt und den ausgetauschten Similidiamanten in das Etui des Fürsten zurücklegte. »Wollen Hoheit also diesen Stein von mir nicht kaufen?« fragte er.

»Er sein wirklich nicht gut genug«, lehnte der Inder ab. »Vielleicht ich mir es bis morgen anders überlegen.«

Nee, mein Junge, morgen wirst du ihn nicht mehr kaufen können, dachte Benny, als er sich im Lift nach unten begab. Ohne einen Augenblick zu verlieren, sprang er in das wartende Auto. Er war wie im Sektrausch, als er bei Faukenberg eintrat.

»Ich hab' ihn«, jubelte er. »Ich muß aber abreisen, so schnell wie möglich. Nimm den Stein einstweilen in Verwahrung und versuch ihn loszuwerden.«

»Wie hast du ihn denn gelandet?« erkundigte sich interessiert der Hehler. »Das übliche Taschenkunststückchen?«

Benny nickte. »Wenn er meinen Stein gekauft hätte, wäre die Sache leichter gewesen«, meinte er. »Ich hätte ihm deinen echten zeigen und, wenn er zugegriffen hätte, die Imitation einschmuggeln können. So aber mußte ich die Sache anders anfangen; ich nahm seinen schönen Stein aus dem Etui und vertauschte ihn mit dem Similistein, den ich in der Hand bereithielt.« Er lachte vergnügt. »Hier hast du deinen Stein wieder, Faukenberg, glaub ja nicht, daß ich dir tausend Pfund geben werde.«

»Im Gegenteil, mein Junge«, gab der Hehler ruhig zurück. »Er wird dich sogar noch viel mehr kosten. Du glaubst doch nicht etwa, daß ich dir zu einem solchen Fang verhelfen werde, ohne auch mein Teil ...« Er unterbrach sich, als er den Stein sah, den ihm Benny zurückgebracht hatte. »Mein Gott!« rief er aus. Er wurde bleich wie ein Toter.

»Was ist denn los?« erkundigte sich Benny besorgt.

»Das ist doch nicht mein Stein.« Der Hehler stotterte vor Aufregung. »Du Idiot!« brach er los. »Was hast du mit meinem Stein gemacht?«

»Das wäre nicht dein Stein, sagst du?« rief Benny erschrocken.

»Oh, du Riesenheupferd!« brüllte Faukenberg los. »Das ist ein Simili, wie du sie dutzendweise in Bond Street für fünf Pfund kaufen kannst. Sause los und hol mir um Gottes willen meinen guten Stein zurück, sonst passiert etwas!«

Benny sah schneeweiß aus.

»Irrst du dich auch nicht?« fragte er bebend.

»Hol ihn, du Esel!« Faukenberg heulte beinahe. Im ersten Taxi, das ihm begegnete, raste Lamb ins Hotel zurück. Er kam zu spät. Der Fürst hatte das Hotel schon verlassen.

»Sind Sie ein Freund Seiner Hoheit«, erkundigte sich der Empfangschef. »Er hat nämlich versäumt, die Hotelrechnung zu bezahlen. Die Abreise ging sehr schnell, und ich mache mir Sorgen um das Geld.«

»Ich? Sein Freund?« Die Frage klang, als schlüge man mit einem Hammer auf ein leeres Faß, tonlos und leer. »Nein, das bin ich ganz gewiß nicht.«

»Verzeihen Sie«, sagte nun der Hotelmann. »Wie war doch gleich Ihr Name? Sind Sie vielleicht Mr. Lamb?«

»So heiße ich«, gab Benny zu.

»Dann ist der Brief, den Hoheit hinterlassen hat, für Sie bestimmt«, teilte ihm der Chef mit.

›Besten Dank, Benny, für den wirklich schönen Stein.
Herzliche Grüße auch an Faukenberg. Der Preller.‹

Im gleichen Augenblick, als der Bauernfänger die Mitteilung las, rieb Paul, der ›Oberpolizist‹ des Maharadscha, in dessen Wohnung in Westminster mit Kokosbutter die olivgrüne Farbe von seinem Gesicht, während Sandy ein gleiches Liebeswerk bei Anthony vollendete.

»Paul«, meinte der Preller und entzog sich für einen Augenblick der Beharrlichkeit Sandys, »ich habe vergessen, die Rechnung zu bezahlen.«

»Zweihundert Pfund die Woche für die Zimmer«, seufzte Sandy. »Es ist eine Sünde. Und dabei hätten wir noch drei Tage gut, wenn wir bezahlt haben.«

»Ich werde das Geld heute nachmittag in Banknoten einsenden«, sagte der Preller, »und an Benny ein Telegramm mit der Bitte richten, für mich die drei noch verbleibenden Tage im Hotel abzuwohnen.«

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