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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 14
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Der Gelegenheitskauf

Unbedingt wurde dem Preller und seinen Komplicen nach dem letzten Streich, dem Mr. Kandeman zum Opfer gefallen war, der Boden in Brighton zu heiß. Es wurde höchste Zeit, daß er sich ein neues Hauptquartier suchte. Er fand es in einem möblierten Haus in Westminster, wo er und seine Freunde als Studenten der Medizin auftraten.

Kandeman sah sich zu seinem Erstaunen nicht nur seines Rufes als unentwegter Bekämpfer aller Auswüchse der heutigen Gesellschaft beraubt, sondern beklagte auch den Verlust einer Summe von zweitausend Pfund, die er dem heuchlerischen Mr. Jackson zum Wetten auf Greylegs anvertraut hatte. Dieses Pferd, seinerzeit eines der besten auf den Rennplätzen, war seit Jahren schon zu seinen Vätern versammelt – eine Tatsache, die Mr. Kandeman leider zu spät bekannt wurde, um wieder zu seinem Geld zu gelangen. Die versuchte Sperrung des Schecks war dadurch hinfällig geworden, daß Mr. Jackson das Geld bereits abgehoben hatte, als Kandeman die Bank avisierte. Die ausnehmend hohe Geldstrafe, die über das unschuldige Opfer des Prellers vom Schnellrichter verhängt worden war – einhundert Pfund Sterling oder dreißig Tage Gefängnis –, hatte er, da er Berufung einlegte, zwar noch nicht bezahlen müssen; die Wahrscheinlichkeit sprach aber für diesen weiteren Verlust.

Immerhin war die Polizei von dem neuesten Streich des Prellers unterrichtet worden, und aus diesem Grund hatten sich die drei Freunde nach London zurückgezogen, da sie hier leichter unterzutauchen hofften als in dem zwar angenehmeren, immerhin aber leicht übersehbaren Brighton.

Der Preller kam mit seinen Freunden in der neuen Wohnung an. Alle drei versuchten, sich das akademische Äußere, das für ihren angeblichen Beruf als Medizinpraktikanten notwendig war, durch Philosophenbrillen zu verleihen. Anthony und Paul waren darin einigermaßen erfolgreich, während Sandy auch beim besten Willen nichts von einem Akademiker an sich hatte.

Um dem Pförtner des Hauses gleich von Anfang an ihren Beruf bekanntzugeben, erwähnte der Preller gesprächsweise, daß er seinen Onkel erwarte und, falls er bei dessen Vorsprechen nicht im Haus weilen sollte, der Pförtner diesen Onkel nach dem Middlesex Krankenhaus senden möge, wo er, Anthony, als Praktikant tätig sei. Der Erfolg dieser Mitteilung war der erwartete. Der Pförtner nahm sich gleich vor, die Dienste dieser jungen Mediziner so bald wie möglich gratis in Anspruch zu nehmen, und versprach, dem Onkel des sympathischen jungen Herrn den Auftrag genau auszurichten.

In ihrer Junggesellenhöhle angekommen, wandte sich Anthony an seinen Sekretär:

»Ich halte es für sehr ratsam, Paul, wenn wir uns zwei oder drei Monate so ruhig wie möglich verhalten. Wenigstens aber bis zu dem Zeitpunkt, wo der Maharadscha von Tikiligi in London eintrifft.«

»Woher weißt du nun das schon wieder?« verwunderte sich Paul, der von der bevorstehenden Ankunft dieses reichen Inderfürsten gleichfalls in der Zeitung gelesen hatte.

»Ich erinnere mich im Augenblick nicht, wer es mir gesagt hat, oder wo ich es gelesen habe«, erwiderte Anthony. Dann wandte er sich einem anderen Thema zu.

Ihre Wohnung lag im zweiten Stock eines Hauses, das einem Zivilingenieur der indischen Regierung gehörte und von einem Verwalter betreut wurde. Anthony legte sich zeitig schlafen. Er wachte plötzlich auf und blickte sich verwundert in seinem Schlafzimmer um. War das nicht ein Schrei gewesen? Er stand auf und blickte auf den zu Pauls Zimmer führenden Gang hinaus. Als er die Tür öffnete, erblickte er seinen Gehilfen, der gerade im Begriff war, ihn aufzusuchen.

»Hast du den Schrei gehört, Anthony? Da oben scheint die Hölle los zu sein.« Er wies nach dem dritten Stockwerk.

»Ja, auch mich hat der Radau aus süßen Träumen erweckt. Da oben scheint die schönste Prügelei im Gang zu sein.«

Durch die dünne Decke drang aufgeregtes Murmeln. Nicht länger imstande, seine Neugierde zu zähmen, holte sich der Preller seinen kleinen elektrischen Abhörapparat hervor, der ihm, für gleiche Zwecke, schon häufig gute Dienste geleistet hatte.

Angestrengt lauschte er. Plötzlich fing er an zu sprechen.

»Zieh dich an und mach, daß du schnellstens hinauskommst!«

Paul starrte ihn verwundert an. Erst als Anthony den Zeigefinger vielsagend an die Lippen legte, verstand er, daß sein Freund die Auseinandersetzung im dritten Stock wiederholte.

»Wo soll ich um diese Nachtstunde hingehen?« fuhr der Preller fort. »Das war eine Frauenstimme, Paul.«

»Zieh dich an!!«

Plötzlich richtete sich Anthony auf, und in seinen Augen tauchte ein merkwürdiger Blick auf.

»Er hat sie geschlagen!« rief er Paul zu und starrte ihn an.

Nun begann auch Paul unruhig zu werden.

»In Auseinandersetzungen zwischen Mann und Frau dürfen wir uns wohl kaum einmischen, Anthony«, meinte er.

Wieder ein Schrei; durchdringender noch als der vorhergehende, der die beiden Freunde aus dem Schlaf geschreckt hatte. Ein schwerer Fall folgte.

»Ob Mann und Frau oder nicht«, erklärte nun der Preller, »ich werde mal nachsehen, was da eigentlich los ist. Man wird dem brutalen Herrn begreiflich machen müssen, daß man Damen nicht schlagen darf.«

Er zog sich den Mantel an, fuhr in seine Hausschuhe und begann langsam die Treppe hinaufzusteigen, die elektrische Taschenlampe in der Hand. Im dritten Stock machte ihn ein unterdrücktes Schluchzen auf eine gegen die Wand gelehnte Frauengestalt aufmerksam. Die Ausgesperrte trug nur Nachthemd und Überwurf und blickte Anthony erschreckt an.

»Kann ich Ihnen irgendwie zu Diensten sein?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. Er wollte die neben der Korridortür angebrachte Klingel in Bewegung setzen, als die Frau ihm in den Arm fiel.

»Bitte, lassen Sie das«, bat sie. »Es hat ja doch keinen Zweck, denn er kommt nicht heraus.«

»Aber ich kann Sie doch nicht die ganze Nacht hier stehenlassen«, meinte Anthony zögernd. »Kommen Sie wenigstens mit hinunter in unsere Wohnung.«

Sie warf noch einen zweifelnden Blick auf die verschlossene Tür. Dann sagte sie: »Ja, es wird vielleicht besser sein, ich folge Ihrer gütigen Einladung. Es bleibt mir ja nichts anderes übrig. Ich weiß, er macht heute nicht mehr auf, denn er hat mich vor drei Wochen ebenso wie heute die ganze Nacht vor der Tür stehenlassen.«

»Ist dieser liebenswürdige Herr Ihr Gatte?« fragte Anthony.

Die Frau zögerte mit der Antwort. Endlich sagte sie trotzig: »Ja.«

Anthony forschte nicht weiter, denn der Ton, in dem dieses Ja gesprochen worden war, ließ ihn erkennen, daß sie die Unwahrheit sagte. Er eilte in seine Wohnung hinunter, um Paul von dem bevorstehenden Besuch der Ausgesperrten in Kenntnis zu setzen.

»Du mußt mir helfen, sie zu unterhalten, Paul«, bat er. »Wie spät ist es denn eigentlich?«

»Halb drei. Was willst du denn mit ihr anfangen?«

Anthony wußte es selbst nicht und schüttelte ratlos den Kopf. Als er ins Wohnzimmer zurückkam – er hatte Paul mit dem Mädchen allein gelassen, um sich anzukleiden –, saß sein Gast auf der Chaiselongue und weinte. Es dauerte lange, bis Anthony das Mädchen beruhigt hatte. Sie war von nettem Äußeren, wenn auch die hübschen Augen jetzt vom Weinen gerötet waren. Endlich war sie so weit, daß sie von sich selbst sprechen konnte.

»Meine Angehörigen wohnen auf dem Land«, sagte sie. »Vielleicht wäre es Ihnen morgen früh möglich, mir einige Kleidungsstücke zu besorgen und mir etwas Geld zu leihen, damit ich ...«

»Natürlich, alles, was Sie brauchen«, unterbrach Anthony sie hastig. »Ich werde alles für Sie tun, was in meinen Kräften steht. Zu Ihrem ... Gatten wollen Sie wohl nicht zurück?«

»Nie wieder! Wie dumm war ich doch, wie unsäglich dumm!« Die Lippen zitterten, und nur mit Aufbietung aller Kräfte konnte sie einen neuerlichen Tränenausbruch zurückhalten. »Wenn er ein anständiger Mensch wäre, würde ja alles halb so schlimm sein, aber er ist ein Lump, ein Schwindler, und ich, ich wußte es von Anfang an.«

Anthonys Pupillen verengten sich. Er wiederholte:

»Ein Schwindler ist er? Wen beschwindelt er denn?«

Erst jetzt schien sie einzusehen, daß sie zuviel gesagt hatte, und zögerte mit der Antwort. Offenbar hatte sie noch allerlei auf dem Herzen, was sie nicht auszusprechen wagte.

»Ich weiß nicht recht, was er treibt«, erklärte sie, »und würde ihn, auch wenn ich es wüßte, nicht verraten. Ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Aber dieses Geschäft mit den Seidenstrümpfen wird ihm doch nicht so glatt gelingen.«

Anthonys Interesse erwachte.

»Seidenstrümpfe?« wiederholte er. »Ach so, Sie meinen ...?« Er unterbrach sich, um sie zum Sprechen zu veranlassen. Sie fiel aber nicht auf diesen Trick herein, sondern preßte ihre Lippen noch fester aufeinander. Kein Wort verriet sie weiter von den Plänen ihres ›Gatten‹.

Am nächsten Morgen wurde er aus dem Dilemma, ihr Kleidungsstücke zu besorgen, befreit. Der Mann hatte so zeitig sein Zimmer verlassen, daß die Ausgesperrte sich hinaufschleichen und die verschlossene Tür mit einem Schlüssel öffnen konnte, den sie der Tasche ihres Nachtgewandes entnommen hatte.

»Als er mich vor drei Wochen aussperrte«, meinte sie, »habe ich, um ähnlichen Fällen vorzubeugen, einen zweiten Korridorschlüssel machen lassen.«

Anthony versah seinen Gast mit genügend Geld, damit sie zu den Eltern zurückfahren konnte. Er sah das Mädchen niemals wieder.

Inzwischen hatte er sich nach dem Bewohner des dritten Stockwerks erkundigt. Es war wenig genug, was er erfuhr.

»Er tätigt Gelegenheitskäufe«, berichtete er Paul. »Unter der Firma Bidder & Bidder. Er selbst heißt John Bidder, hat in Long Acre zwei Zimmer als Büros eingerichtet und inseriert in den Tages- und Wochenzeitungen, um seine Gelegenheitsgeschäfte zu propagieren.« – »Was verkauft er denn?« wollte Paul wissen.

»Alle möglichen geschlossenen Posten, die er auf Versteigerungen der Regierung ersteht. Er verkauft die Sachen mit kleinem Gewinn weiter. Mein Berichterstatter weiß nicht viel von ihm, außer, daß keine Schulden vorhanden sind und seine Inserate ohne weiteres auch von den besten Zeitungen angenommen werden.«

»Scheint nichts Hinterhältiges vorhanden zu sein«, sagte Paul, der von der Auskunft ein wenig enttäuscht war.

Anthony biß sich nachdenklich auf die Unterlippe.

»Wenn ich nur wüßte, was das Mädchen mit den ›Seidenstrümpfen‹ sagen wollte!«

Er lauerte Mr. Bidder auf, um ihn nochmals eingehender zu prüfen. Der Verdächtige war ein ziemlich hochgewachsener, gelenkiger Herr, dessen hervorragendsten Merkmale in stutzerhafter Kleidung und enormen Diamantringen zu bestehen schienen. Ein glänzender Zylinder schloß den modernen Herrn nach oben ab. Der Mann drängte sich an dem Preller vorüber und begnügte sich, das Hindernis mit einem impertinenten Blick anzustarren. Dann stieg er gemächlich die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, hinter sich den Duft einer teuren Zigarre zurücklassend.

Wie wir wissen, hatte der Preller gegenwärtig wenig zu tun, was mit der Notwendigkeit zusammenhing, nicht ›aufzufallen‹. Er begrüßte deshalb das Intermezzo mit Mr. Bidder aufs herzlichste. Vor allen Dingen versuchte er, weitere Auskünfte über den eleganten Mitbewohner des Hauses einzuziehen. Seine Methoden waren einfach genug. Er machte sich an Mr. Bidders einzigen Angestellten heran, einen sommersprossigen jungen Menschen von etwa achtzehn Jahren. Er war leichter zu bearbeiten, als Anthony erwartet hatte.

Bei einer Tasse Tee in einer nahegelegenen Konditorei sprach Mr. Willie Grames voller Offenheit über seinen Arbeitgeber.

»Würden Sie ihn für einen Wohltäter der Menschheit halten, wenn Sie ihn so auf der Straße sehen?« fragte er den gespannt zuhörenden Herrn. »Nein? Nun, er ist ein Philanthrop reinsten Wassers. Ein Wohltäter ist er, mein Chef, der Mr. Bidder.«

»Ich habe den Namen noch nie gehört«, gab Anthony zu. Grames lachte hellauf.

»Das kann ich mir denken«, erklärte er, nachdem er sich etwas beruhigt hatte. »Er hatte diesen Namen, ehe er ihn zum zeitweiligen Gebrauch annahm, selbst noch nie gehört. Wissen Sie, was ich glaube?« Er beugte sich vor und senkte seine Stimme zum Flüstern: »Ich glaube, er heißt gar nicht so! Ich weiß sogar bestimmt, daß ich recht habe. Ich habe nämlich einmal einen an ihn adressierten Brief gesehen, den er auf seinem Pult vergessen hatte. Bidder lautete der Name nicht, der auf dem Umschlag stand, sondern – Leggenstein.«

Anthony freute sich über die herzerfrischende Offenheit, mit der Mr. Grames über seinen Brotgeber sprach, wurde aber bald über die Ursache der offenen Kritik aufgeklärt.

»Ich gebe am Samstag meine Stelle bei ihm auf«, teilte ihm der Berichterstatter mit. »Bidder, alias Leggenstein, ist nichts für mein Gewissen.«

»Er hat Sie wohl hinausgeworfen?« nannte Anthony das Kind beim richtigen Namen.

»Mich?« Der andere legte alle Verachtung, die er für seinen Chef empfand, in dieses eine Wort. »Der sieht gerade so aus, wie mich hinauswerfen! Nein, ich habe selbst gekündigt!«

»Sie sagten vorhin, Mr. Bidder, oder wie er sonst heißen mag, sei ein Philanthrop. Was meinten Sie damit?« erkundigte sich der Preller.

»Das, was ich sagte. Seit achtzehn Monaten betreibt er sein Geschäft, und die ganze Zeit über arbeitete ich für ihn. Wir haben Tausende und aber Tausende Pfund umgesetzt, ohne daß er dabei so viel verdient hätte, um seine Zigarren zu bezahlen. Und er begnügt sich damit! Er, der hinter dem Geld sonst wie ein Teufel hinter einer armen Seele her ist! Ich will Ihnen nur ein Beispiel nennen: Wir erstanden von der Regierung ein ganzes Lager bester, alter Militärhandschuhe. Unter alt meine ich nicht etwa, daß sie getragen worden waren, nein, sie stammten noch aus den Kriegsmagazinen. Die schönsten Handschuhe, die Sie sich denken können; Leder mit Pelz gefüttert und mit Pelzrand, solche, wie sie von Fliegern benutzt wurden. Wir zahlten achtzehn Pence für das Paar; wert waren sie im Verkauf mindestens fünfundzwanzig Schilling, die wir auch ohne weiteres bekommen hätten. Was aber glauben Sie, was er dafür verlangt hat? Zweieinhalb Schilling pro Paar, eine halbe Krone! Er verdiente noch nicht einmal das Geld, das er zu ihrem Verkauf für Inserate ausgegeben hatte.«

»Wie viele Paare waren es denn?«

»Etwa fünftausend! Das einzige, was er erreichte, war, daß er als ›billiger Mann‹ bekannt wurde. Seine Inserate bezahlt er gegen Kasse und hat deshalb bei den Zeitungen den besten Ruf. In achtzehn Monaten hat er, wie ich mir ausgerechnet habe, etwa zweitausend Pfund draufgelegt. Na, ist das nun Philanthropie oder nicht?«

Anthony dachte eine Weile nach; dann fragte er:

»Wie viele Bestellungen liefen denn ein?«

»Zwanzigtausend für die fünftausend Paar Handschuhe. Ich brauchte eine ganze Woche, um den Leuten, die nicht bedacht werden konnten, ihr Geld zurückzusenden. Mein Gott, die Inserate! Sie hätten sie sehen müssen. Über die ganze Seite: ›Bidders Gelegenheitskäufe!‹ Er kauft und verkauft alles, aber die Handschuhe waren bisher sein größter Schlager. Natürlich betreiben wir unser Geschäft nicht im Büro; dorthin bekommen wir nur die Briefe. Er hat in einem Londoner Vorort ein Lager und, wie ich erfahren habe, ein zweites in Manchester.«

Er fuhr fort, von seinem Chef zu erzählen, aber der Preller hörte nur noch oberflächlich zu.

»Ich glaube«, berichtete er nachher Paul, »er wird erst dann aus sich herausgehen, wenn sein Angestellter, Mr. Grames, aus dem Weg ist. Der junge Mann erklärte zwar, selbst gekündigt zu haben; ich bin aber überzeugt, daß ihm gekündigt wurde.«

Die Ahnung bestätigte sich. In der folgenden Woche, am Montag, suchte ihn Paul im Schlafzimmer auf, wo er mit Ankleiden beschäftigt war.

»Hier hast du deine ›Seidenstrümpfe‹, Anthony«, sagte er und reichte dem Freund die Zeitung hin. Mr. Bidders Inserat nahm die ganze Vorderseite der Zeitung ein: Quer über das Blatt liefen die Worte:

›Bidders GELEGENHEITSKÄUFE.‹

Diesmal waren Mailänder Seidenstrümpfe an der Reihe: »Alle Farben«, teilte das Inserat mit, »weiß, schwarz, grau, beige usw.« Mr. Bidder unterrichtete eine aufhorchende Kundschaft darüber, daß er durch einen glücklichen Zufall einen Posten echter Seidenstrümpfe habe erstehen können. Er habe die Ware so billig eingekauft, teilte er weiter mit; daß es ihm möglich sei, Paar für Paar der kostbaren Seidenstrümpfe für dreieinhalb, und drei Paar für zehn Schilling weiterzugeben. Die Dame, deren irdische Güter es gestatteten, konnte sieben Paar für ein Pfund Sterling geliefert bekommen. Die Strümpfe waren abgebildet; eine Zeichnung führte eine Dame vor, die fünfzig Zentimeter ihres Beines nur deshalb zeigte, um ›Bidders Strümpfe‹ um so sichtbarer vorzuführen. Das Inserat schloß mit den Worten: ›Wenn Sie vermögend aussehen und sich auch so fühlen wollen, dann sind Sie es auch wirklich!‹

Zehntausend Paar sollten abgegeben werden, nur zehntausend und nicht ein einziges Paar mehr. Einzelne Paare würden nur geliefert, wenn nach Befriedigung der Drei-Paar-Besteller noch welche übrigblieben. Man sollte das Geld in bar an den Abschnitt stecken, der das Inserat begleitete, und ihn adressiert an ›Bidders Gelegenheitskäufe‹ schnellstens einsenden.

Anthony las das Inserat von Anfang bis Ende durch.

»Ich verstehe zwar nicht viel von Damenkleidung«, meinte er, »weiß aber so viel, daß man diese Art Strümpfe im Laden nicht unter sechzehn Schilling pro Paar kaufen könnte.«

Paul wußte es besser. – »Du irrst dich, mein Sohn«, gab er zurück. »Sie kosten normal einundzwanzig! Ist das Inserat auch noch in anderen Zeitungen erschienen?«

Alle Zeitungen brachten es.

Anthony warf einige Zahlen auf ein Blatt Papier. Dann sagte er:

»Diese Inserate müssen Bidder siebentausend Pfund gekostet haben. Und diesen Betrag gibt er aus, um für fünfzehnhundert Pfund Strümpfe zu verkaufen!«

Paul warf einen Blick auf das Inserat. Dann las er vor:

»Dieses Angebot machen wir nur, um unsere Geschäftsprinzipien, ›billig und gut‹, unserer Kundschaft noch einmal einzuprägen. Passen Sie auf unsere, demnächst im März inserierten Gelegenheitskäufe auf, die alles bisher Dagewesene übertreffen werden.«

»Man sagt«, meinte Anthony, »daß in jeder Minute ein Dummkopf in die Welt gesetzt wird. Ich könnte auch ebensogut ›Idiot‹, ›Lämmchen‹ oder noch andere Bezeichnungen für diese Art Leute gebrauchen. Unser Freund Bidder ›bittet‹ sich aus, keine Schecks zu senden. Das bedeutet, daß er genau drei Tage zur Verfügung hat, um seinen dunklen Plan reifen zu lassen. Erkundige dich mal beim Pförtner, Paul, ob Bidder – Leggenstein – Anstalten getroffen hat, in Urlaub zu gehen.«

Die Erkundigung brachte greifbare Resultate. Mr. Bidder, so berichtete der Pförtner dem mitfühlenden Paul, sei gesundheitlich so heruntergearbeitet, daß er ernstlich an eine Ausspannung denken müsse.

»Sobald er seine Seidenstrümpfe verkauft hat, Sir – die Inserate haben Sie doch gesehen, nicht wahr?« meinte der Pförtner, »wird er nach Paris fahren. So hat er es mir gesagt.«

Mr. Bidders Absichten waren trotzdem nicht ganz richtig berichtet worden. Noch ehe die letzten Strümpfe versandt waren, genau gesagt, am dritten dem Erscheinungstag seiner Inserate folgenden Abend, kehrte er zeitiger als gewöhnlich nach Hause zurück und fing, leise vor sich hinsingend, zu packen an. Er war das Muster eines gutgelaunten und seelenruhigen Menschen. Paß und Fahrkarten ruhten wohlverwahrt in seiner Brusttasche, während ein dickes Bündel Banknoten auf dem Kaminsims des Einsteckens harrte. Mr. Bidder ging streng seiner Methode gemäß vor und ließ sich auch jetzt nicht zu Übereilungen hinreißen.

Ein leises Klopfen trug nicht dazu bei, seinen Verdacht zu erregen, und er drehte sich erst um, als im Zimmer jemand leise hüstelte. Mr. Bidder erschrak, denn vor ihm stand ein Mann in langem Leinenmantel, der sich, Gesicht und Hals von einer Maske verborgen, höflich für sein unerwartetes Erscheinen entschuldigte.

»Verzeihen Sie meinen melodramatischen Auftritt mit Maske«, bat der Eindringling. »Ich hasse derartige Dinge, aber die Versuchung, einen Damenstrumpf zur Maskierung zu benutzen, war zu groß.«

»Verdammt, wer sind Sie?« Mr. Bidder war bleich geworden.

»Ich bin Mr. Henry M. Nemesis«, gab der andere zurück. »Wenn Sie Ihre Hände nicht ruhig halten und immer an Ihrer Hüfttasche nach dem Revolver herumfingern, muß ich Sie kampfunfähig machen, mein Herr. Ich mußte mich leider bei meinem diesmaligen Unternehmen in Widerspruch zur Polizeiverordnung setzen, die unbefugtes Waffentragen verbietet. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich gut schieße, und ich kann nicht umhin, schon jetzt mein Bedauern auszusprechen, wenn ich Sie mit einer widerrechtlich mitgeführten Pistole totschießen müßte.«

»Machen Sie, daß Sie weiterkommen«, zischte der Bedrohte. »Was wollen Sie von mir? Die Wohnung gehört zwar mir, aber nicht der Inhalt. Ich habe ihn nur gemietet.«

»Das weiß ich«, erklärte der Besucher ruhig. »Ich möchte Ihre Brieftasche mit den vielen neuen Tausend-Pfund-Noten, die Sie heute nachmittag bei Ihrer Bank abgeholt haben. Sie waren ja die letzten drei Tage sehr mit ›Einnehmen‹ beschäftigt.«

»Der Teufel soll Sie ...«

»Das wird er nicht, das heißt, Sie würden es nicht merken, wenn er mich holt, es sei denn, Ihr Astralleib nimmt Kenntnis davon. Kann man eigentlich Geister von Abgeschiedenen fotografieren?«

»Reden Sie keinen Unsinn!« Bidder war unruhig geworden. »Ich will mit Ihnen ein Abkommen treffen. Hier haben Sie tausend Pfund, und nun machen Sie, daß Sie fortkommen.«

»Nein, mein Freund. Alles, was Sie in der Tasche haben, will ich. Wenn Sie frech werden, nehme ich Ihnen nicht nur Ihr Geld weg, sondern verbrenne auch noch Ihren Paß«, fügte der Maskierte drohend hinzu. Bidder sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl.

Aber erst nach etwa fünf weiteren Minuten hatte er eingesehen, daß sein Besucher es ernst meinte.

»Ich werde mich bei Ihnen für diese Niederträchtigkeit revanchieren«, drohte er halb schluchzend, als er endlich dem Preller seine Brieftasche einhändigte.

»Diese Worte kommen mir bekannt vor. So wurde mir nämlich schon oft gedroht.« Er zählte die Noten durch: »Achttausend Pfund?« Er pfiff überrascht vor sich hin. »Also nur sechzehntausend Lämmlein sind ins Garn gegangen, wie? Nein, so bescheiden schätze ich Ihre Kunst doch nicht ein, mein Freund. Los, die andere Brieftasche, die Sie noch irgendwo stecken haben!«

Leggenstein zog eine zweite Börse. Wieder zählte Anthony.

»Ja, das mag, abgesehen von einigen tausend Pfund, die Sie noch haben, eher stimmen.«

Der Blick, den ihm Leggenstein zuwarf, sprach Bände.

»Ich lasse Ihnen, was Sie noch im Stiefel stecken haben, mein Freund«, beruhigte ihn sein Besucher. »Ich bin kein solcher Raffer wie Sie. Die Zeitungen werden wohl auch ihrem Geld nachtrauern müssen, wie? Achtzehn Monate haben Sie den heutigen Schlager vorbereitet. Schöne Strümpfe und vor allen Dingen billig, ihr Frauen Englands!«

Endlich fand Mr. Bidder die Sprache wieder:

»Sie sind wohl von der Polente?« fragte er.

»Seit wann trägt die Kriminalpolizei Masken?« erkundigte sich der Preller seelenruhig. »Seien Sie doch vernünftig, Leggenstein. Sie kennen doch die Polizei, denn Sie haben ja für eine ähnliche Sache wie diese schon gesessen. Nehmen Sie Ihre Handtasche und gehen Sie in Frieden. Denken Sie aber daran, daß ich Sie bis zur Haustür beobachten werde.«

An der Tür drehte sich der Geprellte nochmals um. Sein Gesicht war wutverzerrt.

»Meine Zeit wird kommen«, drohte er. »Wenn ich ein Ganove bin – bist du vielleicht etwas anderes? Ich bestehle das Publikum, du aber auch, und zwar durch mich!«

»Nein, mein lieber Freund«, gab Anthony zurück. »Ich will nur der verschwenderischen Weiblichkeit eine Lektion über Sparsamkeit erteilen. Ich halte es für ein Verbrechen, Geld für seidene Strümpfe auszugeben. Los, verschwinden Sie! Ich gebe Ihnen zehn Minuten Zeit, sich davonzumachen, und wenn Ihnen meine Methoden nicht passen, können Sie sich bei der Polizei beschweren, die ja, soweit ich unterrichtet bin, sich jetzt schon für Ihr Strumpflager zu interessieren beginnt.«

Mr. Bidder machte sich davon.

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