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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 13
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Eine Spielklub-Razzia

Gemächlich spazierten der Preller und sein Sekretär die Strandpromenade von Brighton entlang, anscheinend ganz in die Herrlichkeit des Sommermorgens vertieft. Ein zufälliger Beobachter konnte der Meinung sein, daß sie für nichts anderes Interesse hätten als für die letzte Mode in Herrenanzügen und Krawatten. Sie schwiegen, gemäß ihrer Vereinbarung, sich in der Öffentlichkeit so wenig wie möglich zu unterhalten. Anthony lebte in dieser Beziehung nach einer Theorie, die er einst folgendermaßen ausgedrückt hatte:

»Man kann sein Gesicht ändern, die Gestalt, alles, nur die Stimme kann man nicht verstellen. Eine Unmenge Leute kann an einem vorbeigehen, ohne dem Äußeren eines Menschen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu zollen; läßt man aber seine Stimme hören, dann ist es mit dem Verbergen vorbei.«

Erst als die beiden beim Frühstück saßen, fing Anthony zu sprechen an:

»Hier in Brighton gibt es für meinen Geschmack zu viel Leute, die nicht wissen, was sie mit ihrem Geld und ihrer Zeit anfangen sollen. Es macht mich nervös, wenn ich die alte Dicke in ihrem echten Chinchillamantel betrachte.«

»Der, wie ich fest glaube, über dreitausend Pfund gekostet haben muß«, stimmte ihm Paul mißmutig zu. »Es ist eine Verschwendung sondergleichen und außerdem sinnwidrig, denn der Mantel macht sie noch viel dicker, als sie wirklich ist.«

»Ich bin der gleichen Meinung«, gab Anthony zu. »Wenn wir aber hingingen und ihn ihr wegnähmen? Was, um Gottes willen, sollen wir mit dem Mantel anfangen?«

»Du könntest eine neue Autodecke gebrauchen«, schlug Paul vor.

Anthony lachte nur.

»Ist dir jemand auf der Promenade besonders aufgefallen?« erkundigte sich Paul.

»Groggenheimer mit einer Perle für vierhundert Pfund in der Krawatte. Dann der Kriegsgewinnler, der ekelhafte Stork, der einen Pelz trug, der deinem Ideal einer Decke wohl am nächsten käme. Ferner Mr. Kandeman ...«

»Kandeman? Wer ist denn der? Ich habe seinen Namen noch nie gehört.«

»Dachte ich es doch, daß dir der Name unbekannt sein würde«, meinte Anthony lächelnd. »Paul, ich schäme mich für dich: Du bist zwanzig Jahre hinter dem Mond zurück. Du bist wie ein vorjähriger Kalender. Du ...«

»Wenn du fertig bist mit Schimpfen, kannst du mir langsam sagen, wer jener Kandeman ist«, unterbrach ihn sein Freund.

Anthony antwortete nicht sofort. Erst als abgeräumt worden war, nahm er das Gespräch wieder auf.

»Kandeman ist ein außerordentlich reicher und geschmeidiger Herr, Vorsitzender der Antispiel-, der Antiraucher-, der Antialkohol-Ligen. Ich weiß ja nicht, ob dies die Bezeichnungen der Vereine sind, denen er-vorsteht, nenne sie aber so, um dir einen Begriff zu geben, wie hoch er über uns steht.«

»Wovon lebt er denn? Diese ›Anti‹-Geschäfte ernähren' ihn doch bestimmt nicht«, meinte Paul.

»Er arbeitet überhaupt nicht, außer vielleicht hin und wieder beim Kuponabschneiden. Er ist Besitzer der größten Lebensmittel-Engros-Firma Großbritanniens. Mit anderen Worten, der Schieber, der an der Spitze der Zuckergesellschaft steht, um dem englischen Publikum dieses angenehme Nahrungsmittel soviel wie möglich zu verteuern. Er wohnt 903 Prince's Gardens, London, ist Junggeselle, ein langweiliger Kerl und verbohrt bis dahinaus. Jede Art von Zeitvertreib, die ein wenig Vergnügen mit sich bringen würde, ist ihm verhaßt. Ich werde heute mittag mit ihm lunchen.«

Paul zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe.

»Du willst wohl endlich eine neue Seite in deinem Lebensbuch aufschlagen?« fragte er. »Zeit wäre es, und vielleicht hast du auch Grund genug, dich endlich etwas zu bessern«, setzte er anzüglich hinzu.

»Jawohl, mein Sohn, ich bin im Begriff, mich zu bessern«, gab Anthony in aller Ruhe zurück.

Zu seinen Gewohnheiten gehörte es, allein und sorglos in allen möglichen Gegenden herumzuwandern. Versammlungen irgendwelcher Art übten stets eine große Anziehungskraft auf ihn aus. In allen solchen Veranstaltungen war, soweit sie öffentlich stattfanden, der Preller Stammgast. Gleichgültig, ob es sich um eine Säuglingspflege-Versammlung oder um eine Predigt irgendeines verstiegenen Anarchisten blutrünstigster Sorte handelte – der Preller war dabei. Am gestrigen Abend hatte eine Protestversammlung gegen die Freigabe des Sonntags für sportliche Veranstaltungen stattgefunden, und Anthony war einer der begeistertsten Zuhörer der flammenden Reden gewesen, die die Schutzgemeinschaft für Sonntagsruhe in Brighton vom Stapel gelassen hatte. Hier war es, wo er Mr. Kandeman kennengelernt hatte, einen hageren Herrn mit den hektisch geröteten Wangen eines Fanatikers, der noch den Backenbart der Vorväter trug. Anthony hatte es auf sich genommen, auch sein Teil zu den munteren Reden beizutragen, die vom Pult aus an die Versammlungsteilnehmer gerichtet wurden. Glänzender Redner, der er war, war es ihm leichtgefallen, die Aufmerksamkeit der Anwesenden zu fesseln. Mr. Kandeman hatte dem neuen Apostel der Bewegung seine herzlichsten Glückwünsche ausgesprochen und ihn eingeladen, mit ihm am nächsten Tag beim Lunch zusammenzutreffen. Der Köder, der ihm von Anthony hingehalten worden war, hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Niemals mochte es einen engstirnigeren Menschen gegeben haben als diesen Mr. Kandeman.

»Nein, mein Junge«, beantwortete der Preller eine Frage Pauls. »Ich glaube nicht, daß wir etwas dabei verdienen werden, außer ich bringe es fertig, den alten Truthahn zum Wetten zu bewegen.«

»Zum Wetten?« fragte Paul erstaunt. »Du glaubst doch nicht etwa im Ernst, daß ein Mensch seines Charakters wetten wird?«

»Wer weiß?« war die orakelhafte Antwort des Prellers.

Anthony zog seinen unmodernsten Anzug an und ging zum Essen. Eine schwarze Krawatte deutete seine, zum mindesten seelische Trauer an. Mr. Kandeman erwartete ihn bereits im Foyer des größten und teuersten Hotels des Badeortes und rieb sich, als er die reuige Miene seines Gastes sah, vergnügt die Hände.

»Na, da sind Sie ja, Mr. Jackson«, bewillkommnete er ihn. »Es freut mich, Sie pünktlich begrüßen zu können. Die jungen Leute von heute haben ja überhaupt keinen Zeitbegriff mehr. Vorige Woche ließ mich eine junge – hm – hm – Person volle fünf Minuten warten.«

»So etwas ist mir ganz und gar unverständlich«, erwiderte ›Jackson‹. »Schon mein teurer, vom Herrn abberufener Onkel John hielt stets auf Pünktlichkeit. Mein Gott, ich wünschte, ich hätte ihm auch in anderer Beziehung besser gefolgt.« Er seufzte. Kandeman musterte ihn mit dem Interesse, als sähe er sich einer Spezies Insekten gegenüber.

»Reue kommt nie zu spät«, dozierte er. »Ich sagte es Ihnen ja schon gestern abend, Mr. Jackson.« Er führte seinen Gast in den Speisesaal. »Ich habe einen Tisch in einer ruhigen Ecke gewählt, damit Sie, falls Sie mir etwas mitzuteilen haben, was nicht jeder zu hören braucht, ungeniert sprechen können.«

Als sie Platz genommen hatten, schenkte Mr. Kandeman seinem Gast ein Glas Wasser ein.

»Ich hasse zwar Wein, aber mein Arzt hat mir zum Essen ein Gläschen Rheinwein verordnet«, sagte er. »Da muß man schon ein wenig gegen seinen eigenen Wunsch leben.«

Für einen Menschen, der Wein haßte, trank er allerhand. Die Flasche, die er sich bestellt hatte, war schon halb leer, als er endlich das Gespräch wieder aufnahm.

»Entsetzliches Zeug«, meinte er. »Wasser, mein Sohn, Wasser ist es, was uns gesund und jung erhält. Man wird stark davon, denn auch die Löwen trinken es!« Er lachte über seinen eigenen Witz, ohne zu ahnen, daß Anthony im stillen an Esel dachte, die ebenfalls Wasser tranken. Sie waren beim Dessert.

»Nun, Mr. Jackson«, sagte der Gastgeber. »Sie sprachen doch gestern abend davon, daß etwas Ihr Gewissen bedrücke, nicht wahr? Vielleicht kann ich, frommer Christ, der ich bin, Ihnen Ihre Last tragen helfen?«

Nachdenklich und anscheinend in sich versunken, spielte Anthony mit seiner Gabel. Er machte ein Gesicht wie eine Naive, die zum ersten Male vor das Publikum treten soll.

»Ja, es ist so, Sir«, erwiderte er endlich traurig. »Mich bedrückt etwas, und als ich Sie gestern so herrlich reden hörte, wurde meine Reue um so größer.«

»Bitte, fahren Sie fort«, bat Mr. Kandeman, der die Unterhaltung interessant zu finden begann.

»Wenn ich doch nur den Mahnungen meines teuren Onkels gefolgt wäre«, seufzte der Reuige. »Niemals wäre ich zum gewerbsmäßigen Spieler herabgesunken.«

»Ein gewerbsmäßiger Spieler?«

»Ja, leider, Sir«, gab Anthony zu. »Ich bin ein gewerbsmäßiger Spieler, ein Hochstapler, ein Dieb, der vertrauende Menschen bestiehlt, ein Rennbahnhai und Gott weiß, was noch alles!« Er schwieg einen Augenblick, um dann mit leiser Stimme fortzufahren: »Noch vor einer Woche bildete ich mir viel auf meine Kunstfertigkeit ein, wollte noch ein reicher Mann damit werden, aber – was sind Schätze, die von Mäusen gefressen werden?«

»Ja«, pflichtete ihm Kandeman bei. »Was gewönne ich mit allen Schätzen der Welt, wenn ich meine Seele verlöre?«

»Ich wünschte mir, ›Greylegs‹ würde das Rennen verlieren, aber niemand hätte etwas davon, denn nur die Buchmacher würden die Verluste der anderen einstecken.«

»Greylegs? Was ist denn das?«

»Ein Rennpferd, sicherer Gewinner des Jesland Handicap. Ich zweifle an seinen Chancen nicht im geringsten und ebenso nicht daran, daß ich dadurch mindestens zwanzigtausend Pfund gewinnen werde. Das aber will gar nichts besagen, denn ob ich mein Geld durch Karten oder durch Pferde gewinne, bleibt sich alles gleich; das Publikum, das nicht soviel davon versteht wie ich, muß ja doch die Kosten für meine Gewinne aufbringen. Schrecklich!«

»Entsetzlich!« Der Ausruf mangelte der Überzeugung, denn Mr. Kandeman hatte noch nicht recht verstanden, warum sein Gast so zerknirscht war.

»Natürlich«, fuhr Anthony fort, und seine Miene klärte sich auf, »könnte ich ja meine Gewinne einem wohltätigen Zweck zuführen.«

»Jawohl, das wäre der beste Ausweg, denn es würde aus den Taschen von Spielern stammen, den Leuten zugute kommen, die es bitter nötig gebrauchen könnten. Aber, Mr. Jackson, woher wissen Sie so genau, daß – hm – Greylegs gewinnen wird? Wenn er das Rennen nicht macht, verlieren Sie ja Ihr Geld!«

»Das würde mich nicht so schwer treffen«, wehrte Anthony achselzuckend ab, »aber darüber mache ich mir nicht die geringste Sorge. Greylegs wird gewinnen, ohne Zweifel.«

»Mir sind natürlich die Ausdrücke, die in Rennkreisen üblich sein mögen, fremd«, meinte der Gastgeber, »und ich verstehe deshalb nicht, was Sie meinen, wenn Sie Greylegs als sicheren Gewinner bezeichnen.«

Anthony klärte ihn so gut wie möglich auf, und Kandeman folgte seinen Worten mit immer wachsendem Interesse. Die Mahlzeit verging mit dieser Unterhaltung. Nachher begab sich der Preller zu Paul zurück. Er legte ihm einen von Kandeman unterzeichneten Scheck über zweitausend Pfund vor.

»Unglaublich!« rief der Freund aus. »Wie kann Kandeman so ein Idiot sein?«

»Im Gegenteil, Paul«, belehrte ihn Anthony. »Kandeman ist ein sehr kluger Mensch. Gerade diese Leute sind am leichtesten zu rupfen. Nicht der Dumme wird von den Hunden gebissen, sondern der Überkluge. Nimm einen Mann wie ihn und mache ihm etwas plausibel, was er nicht versteht, und er wird dir durch alle Höllen folgen.«

»Das sind Gemeinplätze, Anthony«, meinte Paul.

»Gewiß, mag sein. Ein Geschäftsmann ist meist ein Mensch, der alles, was seine eigenen Geschäfte betrifft, sehr gut beherrscht. Gib ihm eine Nuß zu knacken, die aus einer anderen Branche stammt, und er wird an sie herangehen wie eine neugierige Maus und so lange knabbern, bis die Falle zuschlägt. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, daß Leute, die die Welt oder auch nur die Menschheit in ihr verbessern wollen, die vertrauensseligsten Menschen sind, die es geben kann. Wenn du eine Schnapsbrennerei gründen willst, suche dir deine Teilhaber unter absoluten Temperenzlern, denn sie werden der Meinung sein, durch ihre Beteiligung den Verbrauch und die Güte der alkoholischen Getränke beeinflussen zu können. Wer sind die leichtesten Opfer von Kümmelblättlern? Nun, mein Junge, stets die Leute, die alles, was Kartenspiele betrifft, zu wissen glauben. Sie denken, sie sind zu klug, um betrogen zu werden. Ein Mann, der niemals eine Karte anrührt, wird auch nicht geneppt werden.«

»Du hast es also wirklich fertiggebracht, daß er auf Greylegs wettete?«

»Natürlich. Ich machte ihm plausibel, daß er ja mit seinem gewonnenen Geld die Spielleidenschaft bei anderen bekämpfen könne. Er stimmte mir zu und meinte, er werde es öffentlich bekanntgeben, daß er die Buchmacher mit von ihnen selbst beigebrachten Mitteln zu besiegen hoffe.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, erwiderte Paul skeptisch.

»Das letztere, mein Sohn, das letztere«, meinte Anthony. Er betrachtete nachdenklich den Scheck seines Opfers.

»Du hast recht«, sagte er dann, »es klingt unglaublich, aber lebt nicht in uns allen ein klein wenig Habsucht?« Er faltete das Papier und steckte es ein. »Das ist aber noch lange nicht der beste Witz, den ich mir mit Mr. Kandeman leisten werde«, fuhr er fort. »Ich habe nach langer Überlegung zugestimmt, in seinem Haus und in Gegenwart seiner Freunde eine Sitzung abzuhalten, in der ich die Tricks der Falschspieler demonstrieren soll.«

»Was willst du denn damit bezwecken?«

»Vergiß nicht, Paul, daß mich Kandeman für einen gewerbsmäßigen Spieler hält«, machte ihn der Freund aufmerksam. »Ich will ihm zeigen, wie leicht es ist, das Publikum zu bestehlen. Er und einige seiner besten Freunde und Freundinnen werden Zeugen sein, wie man als Croupier in Monte Carlo die Besucher der Kasinos verlieren lassen kann, ohne daß sie auch nur die geringste Ahnung davon haben.«

»Unsinn! Du wirst doch nicht so dumm sein, das für möglich zu halten! Du weißt doch, daß in Monte Carlo ein Betrug ausgeschlossen ist! Wie oft wurde das schon versucht, aber ...«

Der Preller lächelte vergnügt.

»Natürlich weiß ich das alles, du Esel, aber Kandeman weiß es nicht. Die Leute, die gegen das Spielen wettern, glauben alles, was man ihnen darüber erzählt. Berichtete ich ihm, daß die Gewinner im Kasino systematisch von den Pförtnern beim Verlassen der Säle bestohlen würden – er und seinesgleichen würden nicht einen Augenblick an der Wahrheit meiner Behauptung zweifeln.«

Am Abend traf er wieder mit Kandeman zusammen.

»Ich habe alles vorbereitet, Sir, und die notwendigen Instrumente bereits von London angefordert«, unterrichtete er ihn. »Nur ...« Er zögerte. »Ich möchte nicht ...«

»Immer heraus mit der Sprache, mein Junge«, ermutigte ihn der andere.

»Also ... Ich bin natürlich auf meine Vergangenheit nicht sehr stolz, Sir, und möchte nicht, daß Ihre Dienerschaft erfährt, daß ich ein gewerbsmäßiger Spieler war. Wenn nämlich durch irgendeine Indiskretion meine früheren Kollegen davon Wind bekommen, daß ich ihre Geheimnisse verraten habe, würden sie mich ...«

»Beruhigen Sie sich«, fiel ihm Kandeman ins Wort. »Ich habe nur wenig Dienerschaft, aber die wenigen sind jahrelang bei mir und vertrauenswürdig. Ich habe bereits angekündigt, daß an dem Abend in meinem Hause eine Sitzung der Keuschheitsliga stattfinden wird, zu der keine Fremden zugelassen werden. Die Sitzung wird im Salon im zweiten Stock meines Hauses stattfinden, und es wird nicht die geringste Gefahr bestehen, daß Außenseiter zufällig in unsere Sitzung hineinschneien.«

»Ich bin beruhigt«, gab Anthony zurück, fügte aber, dem anderen unhörbar, hinzu: »Du habsüchtiger Heuchler!«

»Ihre Instrumente werden so ins Haus gebracht werden«, fuhr Kandeman fort, »daß nur mein Butler, der schon zwölf Jahre in meinen Diensten steht, sie zu sehen bekommt. Ich kann Ihren Wunsch, Redereien zu vermeiden, verstehen.«

»Wie viele Ihrer Freunde werden anwesend sein?« fragte der Preller, nachdem er sich für die Rücksichtnahme bedankt hatte.

»Mr. und Mrs. Dawby, die letztere bekannt wegen ihrer hochgezüchteten Pekinghündchen, Sir John Smather, einer unserer Propagandaredner und ...«, er nannte noch etwa ein Dutzend Persönlichkeiten, die alle mehr oder weniger gleichen Neigungen folgten wie der Gastgeber selbst.

»Vielleicht bitten Sie die Herrschaften, etwas Geld mitzubringen«, riet Anthony. »Ich möchte die ganze Sache so natürlich wie möglich aufziehen, damit sie eine Ahnung bekommen, wie es ein wirklicher Spieler macht. Nachdem ich ihnen einige Tricks gezeigt habe, wie sie ihr Geld verlieren können, werde ich ihnen alles an Hand meiner Kenntnisse erklären.«

»Natürlich sollen sie Geld mitbringen«, stimmte Kandeman begeistert zu.

Zwei Tage später brachte Anthony seine Instrumente, geheimnisvoll zugedeckt, in Mr. Kandemans Salon unter. Auch der Gastgeber war nicht müßig gewesen. Er hatte seinen Freunden die Nachricht zukommen lassen, sich bei der ›Séance‹ einzufinden, die ein für allemal mit den Tricks der Croupiers aufräumen solle.

Eine halbe Stunde vor Beginn der Sitzung traf der Preller die letzten Vorbereitungen. Er stellte einen mit grünem Tuch überzogenen Tisch auf, der ein genaues Gegenstück des Roulettespiels im Kasino von Monte Carlo war.

»Wirklich ein intelligenter Mensch«, pries Mr. Kandeman den Gästen gegenüber seinen neugefundenen Freund. »Ich freue mich, daß ich dazu beitragen konnte, ihn seinem üblen Handwerk zu entreißen.«

»Ist er alt oder jung?« erkundigte sich Sir John Smather.

»Noch ganz jung.«

»Ich wollte schon immer gern einmal lernen, wie die Leute von Falschspielern betrogen werden«, äußerte eine rotnasige, dicke Dame. »Ich glaube, die Sitzung wird interessant werden.«

Der Veranstalter strahlte.

»Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken«, sagte er bescheiden. »Mr. Jackson hat alles aufgezogen.«

Ein alter Mann, der zur Gesellschaft gehörte, warf einen Blick auf seine Uhr.

»Schon halb zehn«, meinte er anzüglich.

»Ja.« Kandeman erhob sich. »Wollen Sie mir bitte folgen.«

Er stieg ins zweite Stockwerk hinauf, wo sich der Raum befand, in dem die Vorstellung stattfinden sollte. Anthony, im Frack, stand hinter dem grünen Spieltisch und begrüßte die Eintretenden mit einer tiefen Verbeugung.

»Bitte, meine Herrschaften, nehmen Sie um den Tisch herum Platz«, bat er. »Sie, Mr. Kandeman, werden die Stelle des Croupiers einnehmen. Hier ist der Rechen. Während ich noch einige Vorbereitungen treffe, bitte ich Sie, das Rouletterad in Bewegung zu setzen, und Sie, meine Herrschaften, nehmen Ihr Geld und setzen es auf die Nummern, die Ihnen am aussichtsreichsten scheinen. Ihr übriges Geld müssen Sie vor sich auf den Tisch legen.«

Die Herrschaften folgten seinem Wunsch. Es war für sie alle etwas so Neues, so Anreizendes, daß sie es nur zu gern taten.

»Bitte, setzen Sie das Rad in Bewegung«, wandte sich der Vortragende an den ›Croupier‹ – Mr. Kandeman. »Nicht so schnell, bitte. Der Ball wird gegen die Laufrichtung des Rades geworfen. Gut, sehr gut.«

Mr. Kandeman begann an seiner Tätigkeit Vergnügen zu finden. Wieder und wieder setzte er sein Rad in Bewegung.

»Zéro!« rief Anthony aus. »Das heißt: Alle haben verloren mit Ausnahme derjenigen Spieler, die auf ›Zéro‹ gesetzt haben. Fahren Sie so fort, Mr. Kandeman, während ich meine Vorbereitungen beende.«

Er zog sich mit einer leichten Verbeugung zurück und verließ durch eine zweite, zu den Dienstbotenräumen führende Tür das Zimmer.

»Herrlich«, rief Mr. Kandeman unterdessen aus. »Ich fühle mich schon wie ein richtiger Croupier.«

Viele Male setzte er das Rad in Bewegung. Plötzlich öffnete sich die Tür.

Ein Polizeiinspektor, gefolgt von drei uniformierten Beamten, stand auf der Schwelle. Mr. Kandeman stand wie vom Schlag getroffen. Er kannte den Führer der Beamten.

»Mr. Wilson?« stotterte er. »Was soll das Eindringen in mein Haus bedeuten?«

Der Inspektor schüttelte den Kopf.

»Ich wundere mich über Sie, Mr. Kandeman. Sie wissen, wie sehr wir hinter Spielhöllen her sind, und Sie, der Sie uns unterstützen sollten, um diesem Treiben ein Ende zu bereiten, haben selbst eine private Spielhölle aufgemacht? Was werden die Leute sagen, wenn sie es in den Zeitungen lesen?«

»Sie wollen mir doch nicht etwa ernstlich den Vorwurf machen, ich betreibe eine Spielhölle, wie? Wo ist Mr. Jackson?«

Er war spurlos verschwunden.

»Ich will Ihnen alles erklären, Mr. Wilson«, meinte der verzweifelte Kandeman. »Diese Herrschaften hier sind alle mit mir befreundet, und ...«

»Schenken Sie sich das übrige, Sir!« gab der Inspektor brüsk zurück. »Ich weiß Bescheid. Alles andere können Sie dem Schnellrichter erzählen.«

Der gelehrte Herr war noch ungläubiger als der Inspektor. Er begnügte sich damit, den Beamten zu vernehmen:

»Uns ist ein Brief zugegangen, der von einem Mr. Jackson unterzeichnet war und uns darauf aufmerksam machte, daß im Haus Mr. Kandemans, 903 Prince's Gardens, ein Spielklub betrieben werde«, lautete die Aussage des Razzialeiters. »Ich begab mich mit meinen Leuten in das angegebene Haus und fand dort die angeklagten Herrschaften mit Roulettespielen beschäftigt. Mr. Kandeman schien als Croupier tätig zu sein. Eine größere Summe Geldes lag auf dem Tisch. Ich habe sie mit den übrigen Beweisgegenständen beschlagnahmt.«

Auf diese Bekundungen hin war die Verurteilung aller Teilnehmer so gut wie sicher.

»Wieder ein Spielklub ausgehoben, Paul«; meinte der Preller und legte die Zeitung, in der er den betreffenden Bericht gelesen hatte, zur Seite.

»Da du selbst die Razzia veranlaßt hast, glaube ich dir raten zu können, Polizeibeamter zu werden«, gab Paul ironisch zurück.

»Der Gedanke ist der Überlegung wert«, sagte Anthony in aller Seelenruhe. »Ich werde mir ihn durch den Kopf gehen lassen.«

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