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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 12
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Das Mädchen von Gibraltar

Baltimore Jones hatte in der Levante reinen Tisch gemacht; vom Piräus bis Alexandrien, von Tripolis bis Messina hatten müde, erschöpfte Männer auf Kosten des Inhalts ihrer Brieftaschen seine Fingerfertigkeit im Kartenspielen bewundern dürfen. Immer lächelnd, hatte er Piaster und Drachmen, Lire, Pfund Sterling und Dollars eingeheimst, immer und immer wieder – höhnischer Trost – den Leidtragenden die Worte zugerufen: »Schade, aber – was will man machen, wenn einem das Glück so treu bleibt?« Es gehörte zu seinen ständigen Redensarten: »Nicht jeder kann gewinnen.« Dies mochte zutreffen, aber wo Baltimore Jones mitspielte, kam nur er als Gewinner in Frage, gleichgültig, wie Fortuna die Karten mischte. In seiner Hüfttasche ruhte, wohlverwahrt, ein dickes Banknotenbündel, mit dem er, um eine Abschlußsitzung zu veranstalten, eines schönen Tages in Gibraltar landete.

Zu tun hatte er eigentlich wenig in diesem langweiligen Städtchen, das sein Leben nur Englands Gnade verdankte. Zu Tode gelangweilt, war er dem Heulen nahe, während er sich – sehr gegen seinen Willen – beim Klang der Instrumente des Alameda-Orchesters spät abends ›erholte‹. Seine Aufmerksamkeit wurde auf ein schluchzendes junges Mädchen gelenkt, das immer noch auf einer versteckten Bank saß, obwohl sich alle militärischen und Zivilpersonen schon auf dem Nachhauseweg befanden.

Baltimore Jones hörte eine Weile zu. Dann erhob er sich und versuchte, die Weinende – Agathe Maccall, genannt Bessie – zu trösten. Seine weiche, wohllautende Stimme, die auch einem Griechen das Geld aus der Tasche zu ziehen vermochte, versagte nicht. Bessie Maccall unterbrach ihr Schluchzen, um ihm ihre Leidensgeschichte zu erzählen. Sie war Gouvernante im Haus des Oberst Sipp, dessen Gattin ihr das Leben sauer machte. Nachdem Bessie sich beruhigt hatte, begleitete er sie nach Hause und sah unter dem Licht eines Kandelabers zum erstenmal ihr Gesicht. Und was er sah, erschien ihm gut und annehmbar. Von nun an traf er sich mit ihr an jedem Konzertabend, bis er nach Ablauf einer Woche dieser platonischen Verehrung überdrüssig wurde. Seine Einladung, zum Wochenende nach Algeciras zu fahren und dort am Sonntag einem Stierkampf beizuwohnen, hatte Bessie Maccall zu seinem Erstaunen als ›unpassend‹ abgelehnt. Er hatte sein schwerstes Geschütz aufgefahren, hatte alle seine Beredsamkeit spielen, alle Sprüche aufmarschieren lassen, die längst verstorbene Lebemänner für derartige Situationen auf Lager hatten – alles war vergebens gewesen. Bessie Maccall blieb in diesem Kampf um ›Prinzipien‹ Siegerin.

Erst nach Ablauf einer Woche lächelte Mr. Jones das Glück, Bessie hatte einen neuen Auftritt mit Frau Oberst Sipp gehabt, der dem Faß den Boden ausgeschlagen hatte. Baltimore Jones unterstützte den Sturm auf die geschwächte feindliche Position noch dadurch, daß er ihr in glühenden Worten die Herzlichkeit des Willkommensgrußes vor Augen hielt, der ihr bei ihrer Rückkehr nach England gewiß sei. Alles schien demnach für die Pläne Mr. Jones' gutzugehen; er sah sich am Ziel seiner Wünsche, wenn nicht ...

Der Preller hatte seinen Urlaub abgebrochen. Er glaubte, es sei genügend Zeit verflossen, man habe ihn vergessen und über seine anrüchigen Taten sei Gras gewachsen. Er war heute zum erstenmal nach Gibraltar gefahren, während Paul, sein Sekretär, in Algeciras zurückgeblieben war und sich inzwischen im herrlichen Garten des Hotels Regina Christina nach Kräften langweilte. Erst als Sandy sich seinem Sitzplatz näherte, blickte Paul auf, und ein Ausdruck von Interesse huschte über sein Gesicht, als er den Dritten im Bund willkommen hieß.

Der letzte Dampfer von Gibraltar ist eben angekommen«, meldete Sandy. »Der Chef dürfte an Bord sein. Etwas Besonderes?«

»Das weiß ich nicht, Sandy«, gab Paul zurück. »Er fuhr hinüber, um die Sache, die da zwischen Baltimore Jones und Miss Agatha Maccall spielt, genauer zu untersuchen.«

»Ach so, die Gouvernante?«

»Ja«, beschied ihn der andere kurz.

»Ich bin jetzt genauso klug wie vorher«, meinte Sandy und entfernte sich.

Wenige Augenblicke später erhob sich Paul, um seinem Chef entgegenzugehen. Der Preller schien in bester Laune zu sein.

»Warum so lustig?« erkundigte sich sein Sekretär.

»Lustig? Nein, übermütig bin ich«, gab der Preller zurück. »Ich habe einen herrlichen Tag verlebt.«

»Und anscheinend auch einen Teil der Nacht?«

»Der Abend verlief leider nicht so wunschgemäß«, meinte Anthony. »Dieser Baltimore Jones ist ein sehr zurückhaltender Mann. Ich weiß aber gleichwohl Bescheid, denn ich stand hinter der Bank auf der Alameda, während ihm Bessie Maccall die traurige Geschichte ihres Daseins beichtete.«

»Ich dachte, sie hieß Agatha?«

»Tut sie auch, aber sie nennt sich Bessie, das heißt Baltimore Jones gegenüber hat sie diesen Namen genannt. Eine Tante von ihr wohnt in Stirling. Sie ist die einzige Verwandte, der sie nähersteht. Dann sind noch drei Vettern vorhanden, die schon frühzeitig ihre Heimat verließen und irgendwo in London in Stellung sind. Die Tante heißt Maggie. Bessie besuchte in Glasgow die Schule und brachte einmal vierzehn Tage Ferien in Blackpool zu. Das ist alles, was ich vom Stammbaum der Maccalls erfahren konnte. Was Baltimore Jones betrifft, so weiß ich über ihn bedeutend mehr.«

»Er ist ein Ganove, nicht wahr?«

»Ja, und ein ganz großer«, bestätigte der Preller. »Sein Schlafzimmer ist, was Mechanismen zum Schröpfen der geistig Armen betrifft, die reine Maschinenfabrik. Siebenundzwanzig Pack Spielkarten hat er sich so fein gezinkt, daß er sie jederzeit mit großem Gewinn für sich selbst verwenden kann. Ich habe mir erlaubt, ihm fünf davon abzuservieren und hierher mitzubringen. Wenn er sie vermißt, so läßt sich das natürlich nicht ändern, aber ich glaube es nicht, denn er hatte es heute sehr eilig.«

»Ist er hier in Algeciras?«

»Ja, er mußte plötzlich von Gibraltar abrücken und wohnt nun hier im ›Continental‹. Er kam eben mit mir zusammen an. Mittlerweile hat er zwei Plätze im Madrider Schlafwagen reservieren lassen, da er Miss Bessie Maccall in ihr Heimatland zurückbegleiten will.«

»So, so!« erwiderte Paul gedehnt. »Das bedeutet natürlich, daß das arme Mädchen über Madrid nicht hinausgelangen wird. Morgen früh wollen sie weiter, nicht wahr?«

Anthony nickte.

»Agatha wird ihn zeitig morgen früh treffen, denn sie hat früh eine halbe Stunde frei, um ihren Verdauungsspaziergang zu machen. Anstatt nach Hause zurückzukehren, wird sie das Schiff nach Algeciras besteigen und hier Baltimore Jones treffen. Eine Woche lang habe ich midi mit der Frage gequält, ob ich es wagen dürfe, nach London zurückzukehren. Mit dieser neuesten Entwicklung sind alle Zweifel zerstoben: Wir fahren nach England.«

»Komm, wir wollen packen«, meinte Paul lakonisch. Dann kehrten sie ins Hotel zurück und begannen mit den Vorbereitungen zur Abreise.

Am frühen Morgen stieg das frische junge Mädchen in Algeciras an Land und wurde von Baltimore Jones empfangen, einem gutaussehenden jungen Mann von militärischem Äußeren, mit sorgfältig gepflegtem Schnurrbart. Das Mädchen schien nervös zu sein, dennoch strahlten ihre hübschen Augen.

»Ach, ich habe solche Angst gehabt«, meinte sie. »Im letzten Augenblick glaubte ich die Frau Oberst am Kai zu bemerken. Gott sei Dank war es nur eine Täuschung.«

»Machen Sie sich keine Sorgen mehr, meine Liebe«, beruhigte sie Jones. »In ein paar Tagen werden Sie sich schon auf dem Weg von London nach Norden befinden.«

»Wir fahren doch heute bis Paris durch, nicht wahr?« erkundigte sich das Mädchen.

»Ich glaube, wir haben in Madrid einige Stunden Aufenthalt, aber Sie brauchen sich deshalb keine grauen Haare wachsen zu lassen«, erwiderte ihr Begleiter.

Das Mädchen seufzte erleichtert auf, aber ehe es noch etwas sagen konnte, kamen drei Männer auf die beiden zu. Sie waren im Begriff vorüberzugehen, als der eine plötzlich seinen Schritt verhielt.

»Donnerwetter!« rief er aus. »Ist das nicht Bessie Maccall?!«

»Meinst du unsere Kusine?« fragte der zweite neugierig.

»Natürlich ist sie es«, bekräftigte nun auch der dritte, Sandy. Er war Schotte, und als solcher besonders geeignet, den Verwandten einer Schottin zu spielen. »Wie geht's dir denn, Bessie? Kennst du mich nicht mehr? Sandy Maccall?«

»Nein, ich erinnere mich wirklich nicht«, entgegnete Bessie lächelnd. »Sie sind wirklich meine Vettern?«

»Jawohl, wir alle drei.« Es klang wie ein Sprechchor, als die drei jungen Leute gleichzeitig die Verwandtschaft bestätigten.

»So ein Zufall, hier unsere Kusine Bessie zu treffen.«

Das junge Mädchen freute sich über die Begegnung, obwohl sie nicht einen einzigen der so unvermutet aufgetauchten Verwandten wiedererkannte. Nur Baltimore Jones teilte diese Freude nicht. Nervös fingerte er an seinem Schnurrbart herum und musterte die drei Neuankömmlinge mit mißtrauischen Blicken.

»Eure Gesichter kommen mir wirklich nicht bekannt vor, aber ich muß ja, als ich euch zum letztenmal sah, noch ganz klein gewesen sein«, fuhr Bessie, schon zutraulicher geworden, fort.

»Ich weiß, wo du uns zuletzt gesehen hast«, sagte Anthony. »Es war in Stirling. Ich erinnere mich noch ganz genau an dich, denn ich vergesse ein Gesicht niemals. Wann hast du sie denn zuletzt gesehen, Sandy?« wandte er sich an ihn.

»Sie war noch ganz klein«, log Sandy tapfer. »Ich wollte sie in Glasgow besuchen, aber sie hatte sich während der Ferien nach Blackpool begeben. Wie lange mag das schon her sein?«

»Das war vor vier Jahren«, half ihm das Mädchen. »So ein Zufall! Kennt ihr Mr. Jones?« fragte sie die drei.

Sie verbeugten sich höflich, und Mr. Jones erwiderte die Verbeugung. Sie fragten ihn, wie es ihm ginge, und Mr. Jones erwiderte »gut«; dann sprach er die Hoffnung aus, daß auch sie sich wohl befänden, ohne diesen Wunsch wirklich zu empfinden.

»Komm, Bessie, wir müssen einsteigen«, wandte er sich an seine Begleiterin.

»Wo wollt ihr denn hin?« erkundigte sich der Preller.

»Nach Madrid«, gab die ›Kusine‹ Auskunft. »Mr. Jones hatte die Liebenswürdigkeit, mir anzubieten, mich nach London zu begleiten.«

»Mit diesem Zug?« rief Anthony erstaunt. »Merkwürdig, wir wollen ihn nämlich ebenfalls benutzen.«

Bessie freute sich aufrichtig.

»Großartig!« rief sie aus. »Das klappt aber gut.«

Baltimore Jones zerbarst beinahe vor Wut, ließ sich aber nichts anmerken. Er schritt mit dem Mädchen einige Meter voraus, während die drei ›Vettern‹ ihnen folgten.

»Kennen Sie die drei Kerle?« fragte er Bessie leise.

»Ob ich sie kenne? Nein, das nicht, aber sie sind meine Vettern.«

»Wie können Sie das behaupten?« fragte er erregt.

»Wie ich das behaupten kann? Welch komische Frage?« Sie lachte. »Natürlich sind sie meine Vettern. Sonst würden sie doch nichts von meiner Tante Maggie wissen und sich auch nicht erinnern können, daß ich vor vier Jahren während meiner Ferien in Blackpool war.«

Mr. Jones schwieg. Er führte sie in den Schlafwagen, während die anderen ihre Plätze im gleichen Waggon einnahmen. Der Zug war nur wenig besetzt, so daß sich Anthony zwei Abteile reservieren lassen konnte.

»Ich will mal sehen, wie du untergebracht bist, Bessie«, sagte er zu seiner ›Kusine‹.

»Lassen Sie nur«, mischte sich Baltimore Jones ein. »Ich habe für die junge Dame alles bestens erledigt.«

»Wirklich zu gütig von Ihnen«, bedankte sich Anthony, drängte aber den vor Zorn bebenden Mr. Jones zur Seite und begleitete das vom Luxus des Abteils sichtlich überraschte Mädchen.

»Nicht wahr, das ist schön«, meinte Anthony. »Und du kannst ganz allein in diesem Abteil wohnen.«

»Ich kenne mich in diesen Dingen gar nicht aus«, meinte das junge Mädchen. »Es wird schon seine Richtigkeit haben. Mr. Jones hat alles für mich geregelt.«

Jones befand sich neben Anthony, als dieser sieh ihm zuwandte: »Sie hat doch das Abteil allein, nicht wahr?«

»Ich glaube, ja«, gab der andere widerwillig zu.

»Wie lange wirst du denn in Madrid bleiben, Bessie«, fragte Anthony die neuerworbene Verwandte.

»Wir fahren durch«, erklärte sie.

»Mit diesem Zug kannst du das nicht«, belehrte sie Anthony. »Erst am nächsten Tag gibt es Anschluß. Du wirst eine Nacht in Madrid bleiben müssen, was dir Mr. Jones bestätigen wird.«

Sie blickte ihren Begleiter erstaunt an.

»Sie sagten mir doch, der Zug habe sofort Anschluß«, rief sie vorwurfsvoll aus.

»Der Herr ist eben über Fahrpläne besser als ich unterrichtet«, gab Jones schroff zurück. »Vielleicht hat er recht.«

»Na, das ist ja nicht so schlimm, Bessie. Du kannst ja mit uns im Hotel de la Paix bleiben«, beruhigte Anthony seine Kusine.

»Ich habe aber Zimmer im ›Paris‹ reservieren lassen«, widersprach Jones.

»Na, Sie können uns ja besuchen«, winkte Anthony ab. »Wir werden uns immer freuen, wenn Sie kommen, nicht wahr, Bessie? Haben Sie eigentlich für sich selbst ein Bett reservieren lassen? Wenn nicht, kann ich Ihnen eines in meinem Abteil abtreten.«

Der andere nahm die Einladung widerwillig an.

Er wurde besser gelaunt, als ihm Anthony später am Abend sagte, daß er mit seinen beiden Vettern in Marokko Maultiere für die italienische Regierung eingekauft habe und seinen reichen Gewinn bei sich trage, um ihn in London zur Bank zu bringen. Er gab weiter an, daß er zu Bankschecks kein Vertrauen habe und sein Geld immer in bar mit sich führe. Die geschäftliche Tüchtigkeit Mr. Jones' erwachte sofort. Am nächsten Morgen – sie verließen eben im Auto den Madrider Südbahnhof – gesellte sich Mr. Jones zu den drei Vettern und teilte ihnen mit, daß er sie am gleichen Abend im Hotel aufsuchen würde.

»Wie wäre es mit einem kleinen Poker?« meinte er. »Ich verstehe ja nicht viel davon, und ihr werdet mir wohl mein Geld abnehmen, aber ihr seid mir sympathisch, und ich will das Risiko auf mich nehmen.«

Sandy übernahm die Antwort. Er musterte Mr. Jones mit einigem Mißtrauen. Dann sagte er lachend:

»Ich will mitspielen, möchte aber vorher von Ihnen wissen, was Sie als Gewinnerhand betrachten: ›Volles Haus‹ oder ›doppelte Paare‹?«

Vielleicht sei die Reise doch nicht umsonst gewesen, meinte Mr. Jones nachdenklich, während er sein Hotel allein betrat, obwohl er in Gibraltar geglaubt hatte, sein Schlafzimmer in Madrid mit Bessie teilen zu können. Am Abend suchte er die vier im Hotel de la Paix auf.

»Na, hier seid ihr doch alle«, begrüßte er sie jovial. »Wie geht es denn meiner kleinen Freundin?« Er schüttelte dem Mädchen die Hand.

»Sie will eben schlafen gehen«, berichtete Anthony. »Sie hat schwere vierundzwanzig Stunden hinter sich, und da wir morgen früh zeitig abreisen wollen, riet ich ihr, schlafen zu gehen.«

»Ich finde das sehr klug«, stimmte Baltimore Jones herzlich zu, obwohl er gehofft hatte, diese drei Lämmlein in Gegenwart der ›Kusine‹ zu scheren.

Sandy erwähnte das geplante Spiel zuerst.

»Ja, ich hatte gehofft, daß wir spielen würden«, meinte Jones, »und habe mir deshalb gestattet, gleich meine eigenen Karten mitzubringen, da man hier die richtigen ja doch nie bekommt.«

»Ja, das hatte auch uns Sorge bereitet«, gab Anthony zu. »Haben Sie etwas dagegen, vierhändig zu spielen? Natürlich wird es dadurch viel teurer«, warnte er.

»Ich mache alles mit. Wie hoch soll das Limit sein?« erkundigte sich Baltimore Jones.

»Limit? Das Wort kenne ich nicht«, meinte der Preller.

»Sie wollen ohne Limit spielen?« Die Pupillen des Spielers verengten sich vor unterdrückter Spannung.

»Ich werde nicht viel verlieren, denn ich spiele sehr vorsichtig.«

»Na, da werde ich wohl das Opfer sein müssen«, meinte Jones lachend. Er mischte und schnitt die Karten. »Sie geben, Mr. ...«

»Nennen Sie mich Anthony«, gestattete der Preller großmütig. »Dadurch gewinnt das Spiel eine persönliche Note.«

Eine halbe Stunde lang ging das Spiel mit wechselndem Glück hin und her. Niemand verlor, niemand gewann viel.

»Das ist mir zu langweilig«, meinte Jones, der zum Geben an der Reihe war. »Geben Sie mir die Karten.«

Niemand schien bemerkt zu haben, daß er die Karten, die man benutzt hatte, mit einem Paket austauschte, das er bisher in seiner Hand verborgen gehalten hatte.

»Einen Augenblick«, hielt ihn Anthony zurück. »Welche merkwürdigen Zeichnungen sind das doch hier. Ist das nicht ein Tintenfleck?«

»Sehen Sie sich die Karten ruhig an, Anthony«, meinte Jones. Er hatte einen Augenblick lang geglaubt, man habe den Austausch bemerkt, aber die Erwähnung des Tintenflecks, der, wie er wußte, gar nicht existierte, sondern Teil der Kartenzeichnung war, beruhigte ihn wieder.

Anthony gab das Päckchen zurück.

»Entschuldigen Sie die Verzögerung«, bat er, und Jones fing an zu mischen.

Jones warf einen Blick auf seine Karten; er hatte vier Asse; es mußte ja auch so sein, denn er hatte die Karten so gemischt, daß er entweder diese vier Asse oder einen ›Flush‹ haben mußte.

»Mein Blatt ist gut«, meinte Anthony. »Ich werde halten!«

Er zog eine Rolle Banknoten aus der Tasche, bei deren Anblick die Augen des Spielers glitzerten.

»Da du dein Geld zeigst, Anthony, möchte ich nicht hinter dir zurückstehen«, rief Paul aus, und warf ebenfalls ein Päckchen Noten auf den Tisch.

»Schotten sind vorsichtig«, erklärte nun auch Sandy, »und da ich einer bin, werde ich vorläufig nur dreihundert Pfund aufs Spiel setzen.«

Sandy war an der Reihe, er bot.

»Ich halte!« gab Jones zurück.

»Dreihundert höher!« rief Anthony.

»Nochmals dreihundert«, kam es von Paul.

Man hatte gekauft und abgelegt, und Baltimore befand sich, wie ein Tiger im Dschungel, in seinem Element. Er wartete auf die gemästeten Lämmchen, die bald unter seinem Messer verbluten sollten.

Der ›Pott‹ war schon auf dreitausend Pfund angewachsen, als Jones, mißtrauisch geworden, ob die anderen auch wirklich zahlen könnten, die Karten zu sehen verlangte. Paul und Sandy hatten gegen seinen Wunsch nichts einzuwenden; nur Anthony widersprach. Es war ein Glück für Jones, daß er den ›Pott‹ nicht höher trieb, denn Anthony war darauf vorbereitet, die auf dem Tisch liegende Summe zu verdoppeln, sobald er an die Reihe käme.

»Vier Asse«, verkündete Jones und legte sie auf den Tisch.

»Einen kleinen Flush«, sagte Sandy und warf die ›Drei‹, ›Vier‹, ›Fünf‹, ›Sechs‹ und ›Sieben‹ hin.

Jones erbleichte. Er schien kaum seinen Augen zu trauen. Dann nahm er die Karten Sandys und betrachtete eingehend jede einzelne. Mit sichtbarem Widerstreben zählte er einunddreißig Hundertpfundnoten ab und händigte sie dem glücklichen Gewinner, Sandy, ein.

»Schön!« meinte Paul, mischte und gab.

Jones betrachtete die ihm zugeteilten Karten. Er faßte neuen Mut, denn er hatte einen ›Flush‹, eine direkte Folge bis zum König. Er wußte, daß sein System nicht zweimal an einem Abend fehlgehen konnte, und sicherheitshalber hatte er, als Anthony die Karten auf den Tisch legte, damit Paul geben konnte, wiederum ein neues Päckchen für das alte ausgetauscht. Das Bieten begann, zuerst vorsichtig, dann höher und höher, und zwar auf Jones' Veranlassung. Endlich lagen sechstausendfünfhundert Pfund auf dem Tisch.

»Ich möchte Ihre Karten sehen«, sagte Anthony.

»Ich gehe mit«, meinte Paul.

Sandy sagte gar nichts, sondern warf nach einem Blick auf seine Blätter die Karten auf den Tisch.

»Sie werden wohl berappen müssen, meine Herren«, erklärte Baltimore Jones, mit gut gespieltem Bedauern in seiner Stimme. »Glück in der Liebe, Unglück im Spiel! Manchmal winkt Fortuna diesem, manchmal jenem. Alle können wir doch nicht gewinnen, nicht wahr?«

»Was haben Sie denn?« fragte Anthony.

»Einen hohen ›Flush‹, Folge bis zum König.«

»Schade«, meinte Anthony. »Der meine geht bis zum As.« Er zeigte seine Karten; wie von einer höheren Macht getrieben bewegte sich die Hand Jones dem Banknotenhaufen zu, aber Anthony war schneller. Gewandt zählte er das Geld.

»Von Ihnen fehlen noch zweitausend, Mr. Jones«, sagte er.

»Ich gebe Ihnen morgen früh einen Scheck dafür. Ich habe nicht soviel Bargeld bei mir«, versprach der Gerupfte.

»Ich habe meiner seligen Tante auf dem Sterbebett versprechen müssen«, gab Anthony traurig zurück, »niemals für Spielgewinne einen Scheck anzunehmen. Suchen Sie nur, Mr. Jones, Sie werden schon noch irgendwo ein Päckchen Banknoten stecken haben.«

Fluchend zog Jones aus der Hüfttasche seinen Reservefonds und zählte zwanzig Hundertpfundnoten ab.

Er war nicht nur schmerzlich von seinem Verlust berührt, sondern auch höchst verwundert.

So etwas war ihm in seiner ganzen Falschspielertätigkeit noch nicht vorgekommen. Er war doch seiner Sache immer sicher gewesen und hatte die Karten stets so gut zu mischen verstanden, daß immer seine Mitspieler die Verluste zu tragen hatten.

»Ich will mein Glück nochmals versuchen«, entschloß er sich. Diesmal war Sandy mit Mischen an der Reihe. Wieder hatte Jones ein neues, seinem Rockärmel entnommenes Spiel eingeschmuggelt, ohne daß die anderen es bemerkt zu haben schienen. Er warf einen Blick auf seine erste Karte. Wenn alles stimmte, mußte sie das Karo-As oder der Treff-König sein, oder, wenn die dritte, von ihm vorbereitete Kombination richtig arbeitete, der Herz-König. Die erste stimmte: Es war das Karo-As, und freudig bewegt lehnte er sich in seinen Stuhl zurück. Nun war er nicht mehr zu schlagen. Er legte seine Karten hin, um die Beträge so hoch wie möglich zu treiben. Höher und höher ging es, bis Baltimore Jones wußte, daß er sein letztes bares Geld verwettet hatte und nicht mehr mitmachen konnte.

»Ich passe«, sagte nun auch Anthony. »Decken Sie auf!«

Paul hatte bereits seine Karten hingeworfen, als die zweitausend Pfund erreicht waren, während Sandy überhaupt nicht mitgeboten hatte.

»Darüber hinaus werden Sie wohl kaum können«, meinte Jones lachend, der bereits im Geist das gewonnene Geld zählte. »Einen Flush, As hoch.«

»Das wäre für mich natürlich hoffnungslos«, gab Anthony zu. »Zeigen Sie her!«

»Sie glauben mir wohl nicht?« fragte der andere lächelnd. Er drehte seine Karten mit den Gesichtern nach oben.

Es stimmte; es war ein großer ›Flush‹, mit As hoch, nur durch irgendeinen Zufall hatte sich in ihn eine sechste Karte eingeschmuggelt.

»Sechs Karten?!« Erstaunt stellte es der Preller fest. »Das ist eine zuviel! Tut mir leid, aber das Geld gehört mir.«

Mit einem Ausruf der Wut riß Jones den Pott an sich.

»Legen Sie das Geld hin«, befahl ihm Anthony.

Sandy hatte sich bereits gegen die Tür gestellt, während der Revolver in Anthonys Hand Bände sprach.

Vom Augenblick, als Jones das Zimmer ohne sein Vermögen verließ, bis zu dem Augenblick, als die drei Paris hinter sich ließen, sahen sie den Falschspieler nicht wieder. Merkwürdig genug, Bessie Maccall war die erste, die von Jones sprach, als sie mit Paul im Gang des D-Zuges stand.

»Komisch«, sagte sie, »daß der arme Mr. Jones in Madrid krank werden mußte.« Anthony hatte einen Blick seines Sekretärs aufgefangen und folgte ihm ins Abteil.

»Unser Freund sitzt im Schlußabteil dieses Wagens«, berichtete Paul. »Außerdem befinden sich bei ihm zwei verwegen aussehende Galgenstricke. Das Theater wird also bald losgehen.«

Anthony nickte nachdenklich.

»Natürlich wird der Überfall in dem Tunnel zwischen Boulogne und Calais in Szene gesetzt werden«, sagte er. »Bis dahin haben wir unsere Ruhe.«

Seine Vermutung stimmte. Erst als der dahinrasende Zug im Tunnel hinter Kap Gris Nez untergetaucht war, begannen sich die Ereignisse abzuspielen, die Anthony prophezeit hatte. Plötzlich verlöschten sämtliche Lichter im Wagen.

»Setz das Mädchen in die Fensterecke«, befahl Anthony. Paul folgte dem Befehl; dann schichtete er zur Verwunderung Bessies Polster und Decken um sie auf.

Der Angriff erfolgte mit überraschender Plötzlichkeit. Eine Taschenlampe blitzte auf und warf einen kurzen Lichtschein auf das Gesicht des Prellers. Er hörte etwas durch die Luft pfeifen und duckte sich gerade noch rechtzeitig, um dem Schlag auszuweichen. Mit einem Knall traf der bleibeschwerte Knauf eines Spazierstockes das Samtpolster. Ehe der Angreifer die Waffe zum neuen Schlag heben konnte, hatte Anthony ihn gepackt und durch die Tür auf den Gang hinausgeworfen. Wieder blitzte das Licht auf, und in seinem Schein sah Anthony die Klinge eines Messers blinken. Er faßte nach der Hand, die es hielt, und drehte mit Aufbietung aller Kräfte das Gelenk des Angreifers nach unten. Es erscholl ein Ausruf des Schmerzes, den Paul mit einem wohlgezielten Fußtritt gegen einen unsichtbaren Körperteil beantwortete. »Los, deine Taschenlampe, Paul!«

Sandy beantwortete den Befehl, und ein Lichtkreis umspielte zwei auf dem Gang liegende reglose Gestalten.

»Bring sie hier herein, schnell!«

Beim Licht der Taschenlampe suchten sie nach weiteren Waffen. Sie fanden keine. Anthony raste den Gang entlang zum letzten Abteil des Wagens.

Baltimore Jones war kein Kämpfer vor dem Herrn. Auch die Aussicht, sich an seinen Überwindern im gestrigen Spiel zu rächen, konnte ihn nicht veranlassen, das sichere Abteil zu verlassen. Er wartete auf die Rückkehr seiner beiden Abgesandten, als Anthony plötzlich vor ihm stand und ihn mit der Lampe anleuchtete.

»Wer ist da?« fragte der geblendete Jones.

»Sieh mal an, wenn das nicht Mr. Jones ist!« Anthony gab sich den Anschein, als habe er eben erst die Anwesenheit des Spielers bemerkt. »Bleiben Sie sitzen, wenn Sie nicht einen Bauchschuß bekommen wollen, mein sehr geehrter Mr. Baltimore Jones.«

»Ein kleiner Raubüberfall, wie?« fragte Jones höhnisch, während die geschickten Finger des Prellers seine Taschen durchsuchten.

»Nein, danke. Ich habe, was ich suchte. Ihre beiden privaten Mordbeauftragten liegen, falls Sie sie suchen sollten, draußen auf dem Bahnkörper; das heißt, wenn der Zug, wie ich hoffe, beim Verlassen des Tunnels seine Geschwindigkeit vermindert.«

Das Erhoffte trat ein, der Zug fuhr langsamer. Anthony eilte in sein Abteil zurück, auf dessen Polstern immer noch die beiden Mordgesellen lagen. Ihr Bewußtsein fing langsam an zurückzukehren. Sie gaben ihren Gefühlen in französischer Sprache derartig Ausdruck, daß Anthony seinem Schöpfer dankte, daß Miss Maccall die Sprache nicht verstand. Er packte die beiden und führte sie auf die Plattform des Wagens. »Messieurs«, bemerkte er in ihrer Muttersprache »Sie können entweder abspringen oder hinausgeworfen werden. Was wählen Sie?«

»Sie haben mir den Arm gebrochen«, beschwerte sich der eine der beiden, den Paul bearbeitet hatte.

»Unsinn, er ist nur verstaucht. Wollen Sie springen oder geworfen werden?«

»Wir springen!« Als der Zug den Tunnel mit verminderter Schnelligkeit verließ, sprangen die beiden auf den Bahnkörper, und Anthony begab sich ins Abteil zurück.

Auf dem Dampfer nach Dover machte er Bessie ernsthafte Vorhaltungen. Er sprach wie ein Bruder zu ihr und riet ihr, in Zukunft sich niemals fremden Leuten anzuvertrauen, wenn sie je wieder eine Reise auf das Festland machte.

»Mr. Jones bat mich, Ihnen ein kleines Andenken zu überreichen«, schloß er seine Ermahnungen. »Ich sollte es Ihnen geben, als wir noch in Paris waren, vergaß es aber.«

»Seine goldene Uhr und Kette?« rief Bessie verwundert aus, als sie das ›Andenken‹ erkannte.

»Stecken Sie sie ruhig ein«, riet ihr Anthony, »und schenken Sie beides ihrem Zukünftigen. Und ... trauen Sie niemand.«

»Aber ich vertraue doch Ihnen«, meinte das Mädchen lächelnd.

»Das durften Sie auch, denn wir sind ehrliche Menschen«, gab Anthony zurück. Er begab sich zu Paul zurück und erzählte ihm, was er getan hatte.

»Jones wird wohl kaum auf diesem Dampfer sein?« erkundigte sich Paul.

»Nein, ich glaube nicht. Ich habe ihm den Paß und die Billetts abgenommen, und ohne diese beiden Dinge wird es ihm wohl nicht gelungen sein, in Calais an Bord zu kommen.«

»Einen Augenblick«, sagte sein Sekretär und hielt ihn am Ärmel zurück: »Sagtest du nicht eben, du hättest uns Miss Maccall gegenüber als ehrlich ausgegeben?«

»Ja, das habe ich getan«, gab Anthony kaltblütig zurück. »Du weißt, daß der Begriff ›Ehrlichkeit‹ nur relativ ist.«

»Und wie willst du diese Relativität auf uns anwenden?« erkundigte sich sein Freund.

»Wir sind mit der Ehrlichkeit wenigstens weitläufig verwandt«, beschied ihn Anthony. »Sobald wir das Mädchen sicher nach London geleitet haben, werde ich eine neue Laufbahn beginnen, gegen die unsere bisherige so aufregend ist wie ein Kreiselspiel unter Säuglingen.«

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