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Der Preller

Edgar Wallace: Der Preller - Kapitel 11
Quellenangabe
authorEdgar Wallace
titleDer Preller
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun14. Auflage
year1982
isbn3-442-00116-1
firstpub
translatorArthur A. Schönhausen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20161214
projectid29b290b9
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Ein merkwürdiges Filmabenteuer

Bilbao ist wirklich eine heiße Stadt, aber die junge Dame, die eben unter dem schattigen Dach des Restaurants eines der besten Hotels der Stadt ihre geeiste Limonade schlürfte, merkte von dieser drückenden Hitze wenig. Sie war jung und hübsch, aber ihre Schönheit wurde durch ständiges Stirnrunzeln zunichte gemacht. Es verunzierte ihr Gesicht. Nach spanischer Mode war sie ganz in Schwarz gekleidet. Im Hotelregister hatte sie sich als Madame Gilot aus Paris angemeldet, was aber nicht verhinderte, daß sie bei der Polizei der ganzen Welt als Milwaukee Meg berüchtigt war. Van Deahy befand sich in ihrer Gesellschaft.

»Nun?« fragte sie ihn.

»Nichts Neues«, brummte er. »Die spanischen Detektive haben so wenig Geschick wie ein Kind, jemand ausfindig zu machen.«

»Darin bin ich nicht deiner Meinung«, widersprach ihm Meg. »Gonzalez ist der klügste Kopf in Spanien. Er war bei der Kriminalabteilung, ehe er Schwindeleien beging und hinausgeworfen wurde.«

»Dann muß es eben daran liegen, daß uns der Preller über ist«, gab van Deahy zurück.

»Unsinn!« Dieser Name schien Meg nervös zu machen. »Er ist auch nicht klüger als die Polizei. Weißt du auch, daß der Kerl uns beinahe unser gesamtes Vermögen gestohlen hat?«

Van Deahy lachte.

»Darf ich dich vielleicht daran erinnern, meine liebe Meg«, meinte er, »daß uns immer noch genug zum Leben bleibt? Ich hielt zu dir, als du dich an dem Preller rächen wolltest, aber daß du dich nur deswegen nach Spanien begibst, um dem Preller seine Gelder abzunehmen, das grenzt an Wahnsinn.«

»Du hast also Angst?« höhnte sie.

»Ja«, gab er zu. »Ich fürchte mich vor seiner Klugheit und Erfindungsgabe. Habe ich nicht Ursache dazu? Du mußt dir die ganze Sache auch ein wenig von meinem Standpunkt aus betrachten, Meg. Ein junger Engländer, klug und kaltblütig, nimmt sich allen Ernstes vor, Ganoven auszubeuten. Er hat Kumpane, die nur wenig hinter ihm zurückbleiben: einen ehemaligen Offizier, tapfer und kaltblütig, und einen Soldaten mit gleichen Eigenschaften. Ich bin überzeugt, daß, wüßte die große Öffentlichkeit, was er treibt, er der Sympathien aller sicher sein könnte. Er läuft ja auch bei seinen Unternehmungen keinerlei Gefahr, denn die Lämmlein, die er schert, wagen es ja gar nicht, sich zu wehren, aus Angst, es käme der Wolf – die Polizei! Du und ich haben trotz alledem nicht schlecht abgeschnitten. Außer den sechzigtausend Pfund, die du leichtsinnigerweise nach Spanien mitgebracht hast, liegt noch allerhand gutes Geld von uns in Südamerika. Darum, Meg, laß es genug sein und komm mit mir. Du weißt, daß ich dir dies schon geraten hatte, als wir an Bord des Torpedobootes nach Devonport zurückfuhren.«

Madame erhob sich.

»Ich bin anderer Meinung«, sagte sie. »Wenn du Angst hast, ist das deine Sache. Ich werde nicht locker lassen, ehe ich ihm nicht seinen Raub wieder abgejagt habe. Nicht einen Augenblick früher werde ich die Jagd aufgeben, ehe ich mich nicht mit seinem Geld in meiner Tasche in Südamerika befinde.«

Van Deahy zuckte die Achseln. Er wollte gerade eine Antwort geben, als einer der Hotelpagen sich Meg näherte und ihr etwas auf spanisch meldete.

»Führen Sie den Herrn hierher«, gebot sie in gleicher Sprache. Dann wandte sie sich an ihren Komplicen: »Es ist Gonzalez«, erklärte sie. Einige Minuten später trat ein untersetzter, dunkelhäutiger Herr ein.

»Nun, was haben Sie zu melden?« empfing ihn Madame.

Der Besucher entnahm seiner Aktentasche ein Bündel Papiere und blätterte darin.

»Señora«, sagte er endlich, »ich habe bei meinen Nachforschungen Erfolg gehabt. Ich habe den Herrn, für den Sie sich interessieren, gefunden. Er langte vor sechzehn Tagen mit zwei anderen Herren und einer hübschen jungen Dame in einem Motorboot hier an. Sie wohnten im ›Hotel de las cuatro Naciónes‹, während die Dame mit dem ersten nach England fahrenden Dampfer Bilbao verließ.«

Milwaukee Meg nickte verständnisvoll.

»Er hat Miss Stillington in Sicherheit gebracht! Nun, ich glaube, er hat damit klug gehandelt. Du bist dein Mädchen los, van Deahy«, meinte sie ironisch.

Ihr Komplice lachte.

»Ich gräme mich nur, wenn ich Geld verliere«, gab er zurück.

»Was haben Sie sonst noch zu berichten, Gonzalez?« wandte sich Madame Gilot an den Detektiv.

»Die drei Herren blieben nach der Abreise der jungen Dame noch eine Zeitlang im Hotel wohnen und fuhren dann nach Madrid. Dort kamen sie vor acht Tagen an und stiegen im ›Hotel de la Paix‹ an der Puerta del Sol ab.«

»Sie wohnen wohl auch jetzt noch dort?« erkundigte sich Meg. Aber der andere schüttelte verneinend den Kopf.

»Nein, Señora. Ich verfolgte ihre Spuren nach Burgos, wo sich eine kleine Villa des Marquis d'Algeciras befindet. Diese Villa haben sie gemietet und auch schon bezogen. Es sind dieselben Herren, die hier im Hotel gewohnt und sich dann nach Madrid begeben hatten. Darüber besteht kein Zweifel, daß es die Herren sind, für die sich Madame so sehr interessiert.«

»Ja, es scheint so«, meinte Meg. »Der zweite ist, wenn der Preller keine andere Verwendung für ihn hat, sein Sekretär, und der dritte spielt den Kammerdiener.«

»Diesmal ist der Sekretär auch als Diener beschäftigt«, meinte Gonzalez.

»Wie lange werden sie wohl in jener Villa wohnen bleiben?« wollte Meg wissen.

Der Spanier zuckte die Achseln.

»Das weiß ich nicht. Der Herr hat das Haus für drei Monate gemietet. Was er aber in Burgos, dem ödesten Platz unter der Sonne, macht, das weiß ich ...«

Madame unterbrach ihn.

»Setzen Sie Ihre Leute auf die Fährte, Gonzalez«, befahl sie. »Und lassen Sie jene Männer in Burgos nicht aus den Augen. Halten Sie sich ständig zu meiner Verfügung, damit Sie bereit sind, wenn ich Sie plötzlich benötige.«

Sie überreichte ihm ein Päckchen spanischer Banknoten, für die sich der Detektiv mit einer Verbeugung bedankte.

»Ich stehe zu ihrer Verfügung, Madame«, versprach er.

Vierzehn Tage später saßen Anthony und Paul im Wintergarten der Villa in Burgos.

Der Tag war wie alle vorhergehenden schwül gewesen, obwohl noch an diesem Morgen ein heftiges Gewitter über der Stadt niedergegangen war. Der Garten war jedoch schattig und wurde von der kühlen Brise, die von Osten her wehte, angenehm durchlüftet.

»Jetzt verstehe ich erst, was man unter ›Château en Espagne‹ versteht«, meinte Paul und holte sich mit fauler Bewegung eine Zigarette aus dem Etui. »Die Hitze! Die reine Hölle.«

Sein Freund und Gebieter antwortete nicht. Seine Augen blickten in die Ferne und hatten einen geistesabwesenden Ausdruck. Nachdenklich biß er sich auf die Lippen.

»Dreimal habe ich versucht, mich mit ihm zu unterhalten«, philosophierte Paul laut vor sich hin. »Er ist entweder zu faul zu antworten, oder er schwitzt seinen Verstand aus. Vielleicht könnte er« – dies mit einem lustigen Seitenblick auf das schweigende Ziel dieser Bemerkungen –, »wenigstens durch eine Handbewegung verraten, daß noch Leben in ihm weilt. Lange genug wohnen wir ja schon hier, um die spanische Art zu reden angenommen zu haben.«

»Entschuldige«, bat Anthony, als wäre er eben aus einem tiefen Traum erwacht, »ich habe wirklich nicht gehört, was du sagtest.«

Paul lachte.

»Ja, sie ist jetzt schon über eine Woche wieder in England«, meinte er. »Sie wird wohl bald schreiben.«

Anthony errötete. »Was, zum Teufel, meinst du damit?«

»Sei kein Schaf! Ich dachte nur, ich wüßte, über wen du so nachdachtest.« Er beeilte sich aber gleichwohl, das Thema zu wechseln: »Darf ich dich nach berühmtem Muster fragen: Quo vadis? Wohin wir uns von hier aus begeben wollen?«

»Irgendwohin«, erwiderte der andere gleichgültig. »Ich hatte schon die Absicht, auch einmal Australien kennenzulernen. Wir könnten uns in bequemen Etappen durch Spanien bis nach Gibraltar durcharbeiten und von dort das Schiff nehmen.«

»Um uns in Gibraltar von Bord holen zu lassen, nicht wahr? Du, Anthony, Spanien ist ein verdammt heißes Loch, aber wenn ich die Wahl zwischen einem englischen Zuchthaus und zehn Jahren weiteren Aufenthalts in dieser Gegend habe, ziehe ich das letztere vor.«

»Du hast recht«, gab der Preller zu. »Wir würden uns in die Höhle des Löwen begeben, wenn wir nach Gibraltar führen.«

»Was macht denn Meg?« Paul wandte sich einem anderen Thema zu, das beide interessieren konnte. »Ist sie schon in Südamerika?«

»Sie ist in England. Die letzte Nachricht, die ich über sie erhielt, kam von Devonport.«

»Donnerwetter! Sie ging nach England zurück?«

»Als ich ihr den Raub abgejagt hatte, telegrafierte der Kapitän der ›Obo‹ nach Devonport. Man sandte ihm einen Zerstörer, auf dem dann Meg die Heimfahrt nach England antrat.«

»Verdammt frech von ihr.«

»Sie bringt noch ganz andere Dinge fertig. Ihr ganzes Trachten geht nur auf eines hinaus: mit mir quitt zu werden. Ich habe eine Ahnung, als triebe sie sich, Revolver in der Tasche, in Spanien herum, errötend meinen Spuren folgend. Ich habe da von dem Besitzer dieser Villa einen Brief bekommen«, schloß er abschweifend und holte das Schreiben aus seiner Tasche.

»Vom Marquis d'Algeciras?« fragte Paul.

»Ja, das Schloß, das wir hier bewohnen, scheint eine große geschichtliche Vergangenheit zu besitzen, denn es soll vom Cid selbst erbaut worden sein. Die Hispano-Film Co. möchte hier einen Film drehen, um eine historische Szene geschichtsecht darzustellen. Der Marquis bittet mich nun, zu gestatten, daß die Aufnahmen hier stattfinden.«

»Ahnte ich doch schon immer, daß du noch einmal beim Film landen würdest«, erklärte Paul.

»Man wird mich nicht zur Mitwirkung auffordern, wenn es das ist, was du meinst. Sie bringen ihre eigenen Leute mit, und ich komme, da es sich nicht um ein Lustspiel handelt, nicht in Frage.«

»Du erniedrigst dich selbst ganz unnötig«, gab Paul höflich zurück. »Wann soll es denn losgehen?«

»In zwei bis drei Tagen. Ich habe dem Marquis telegrafiert, daß ich gegen die Filmerei hier nichts einzuwenden hätte; Der Direktor der Filmgesellschaft hat mir daraufhin sofort einen von Dankbeteuerungen überfließenden Brief geschrieben und mich benachrichtigt, daß er bereits früh um neun mit einem reich assortierten Lager von Rittern, Edeldamen, Räubern und ähnlichem Gelichter hier eintreffen werde.«

»Das klingt interessant«, murmelte Paul.

Am Mittwoch früh erschienen die erwarteten Filmleute unter Führung eines älteren, gesprächigen Spaniers, der sich wegen der Belästigung der Mieter des Schlosses vielmals entschuldigte. Anthony hörte ihm vergnügt zu.

»Eine Bitte hätten wir noch«, schloß der Direktor. »Und zwar möchten wir Sie ersuchen, sich mit Ihrer Dienerschaft nicht im Haus aufzuhalten und sich überhaupt so weit wie möglich von den Aufnahmepunkten zu entfernen. Wenn in diesem Film des Mittelalters auf einmal jemand in moderner Kleidung auftauchte, wäre die ganze Sache verdorben.«

»Das sehe ich ein«, erklärte Anthony. »Vielleicht geben Sie mir einen kleinen Auszug aus Ihrem hiesigen Programm?«

Eine schöne Señora, erklärte der Regisseur, befände sich in diesem Schloß als ständig bewachte Gefangene und riefe vom Gitterfenster aus einen vorüberreitenden Ritter zu Hilfe. Die schöne Dame sei eine Nonne, fügte er hinzu.

»Sie erscheint also verschleiert, nicht wahr?« fragte Anthony.

»Gewiß, Señor, denn die geistlichen Schwestern jener Periode trugen ja alle einen dichten Schleier.«

»Und der rettende Ritter? Was ist mit ihm?« fuhr Anthony in seinen Erkundigungen fort, denn er war nunmehr aufs höchste interessiert. »Wird man wenigstens sein Gesicht sehen können?«

Der andere schüttelte lächelnd den Kopf.

»Nein, denn er trägt ja sein Visier geschlossen.«

»So, so! Wie heißen denn die betreffenden Herrschaften, die die Hauptrollen spielen?«

Das wußte der Regisseur selbst nicht. Man hatte ihn ausdrücklich nur für diesen Film engagiert. Sie seien, soweit er unterrichtet war, Franzosen, denn man habe zur Bedingung gemacht, daß ein Spielleiter gesandt werde, der Französisch spreche. Der Regisseur hatte die Schauspieler für die Nebenrollen zusammengetrommelt und erwartete die Stars, die Nonne und den Ritter, in kurzer Zeit. Sie warteten seine Nachricht in einem kleinen, etwa dreißig Kilometer entfernten Gasthaus ab und würden erst erscheinen, wenn alles zur Aufnahme bereit sei. Die Herrschaften wünschten dann sofort nach Frankreich zurückzureisen. Das wenigstens wußte der Regisseur genau, denn er hatte den großen Tourenwagen der beiden gesehen.

»Schön«, meinte Anthony und begab sich auf die Suche nach Paul.

»Gib Sandy Auftrag, alles zur sofortigen Abreise bereitzuhalten«, befahl er ihm. »Er soll uns mit dem Wagen in dem kleinen Gehölz erwarten, das einige Kilometer nördlich von hier liegt. Wenn er ein Auto kommen sieht, soll er sich versteckt halten.«

»Was geht denn nun schon wieder vor?« wollte Paul wissen.

»Später werde ich es dir sagen. Erwartet mich beide im Wäldchen.«

Erst gegen elf traf das erwartete Auto ein. Zwei merkwürdige Gestalten entstiegen ihm, als es vor dem Tor des Schlosses anhielt. Die eine war ein Ritter in silberner Rüstung, die andere – eine Nonne, tief verschleiert. Der Regisseur begrüßte die beiden Neuankömmlinge und ließ die übrigen Schauspieler sofort zusammenrufen.

»Es ist alles bereit«, verkündete er seinen Auftraggebern. »Der Herr, der das Schloß bewohnt, hat mir Erlaubnis gegeben, sein Haus als mein Eigentum zu betrachten und mich darin nach Belieben zu bewegen. Darf ich Sie führen, Señora?« Er bot der Nonne galant den Arm und führte sie ins Haus.

Dort erwartete Anthony seine Gäste. Er reichte der Verschleierten die Hand und murmelte auf französisch einige Begrüßungsworte. Als er dem Mädchen die Hand entgegenhielt, zuckte es einen Augenblick zurück, erwiderte dann aber mit leiser Stimme den Gruß. Der Regisseur führte sie in Anthonys Schlafzimmer, das als Gefängnis für die Nonne dienen sollte.

Der Hausherr trat in den Garten hinaus und beobachtete einige Minuten die Aufnahmen, ehe er sich entfernte.

»Hier müssen Sie sich hinstellen, Pizarro«, brüllte unterdessen der Spielleiter den übrigen Schauspielern zu. »Soll das eine Verbrecherphysiognomie sein, die Sie da aufgesteckt haben? Ich vermag nur Blödsinn darin zu erkennen. Hier, Gomez, Sie haben wie ein Soldat über den Hof zu laufen, nicht wie eine Holzpuppe. Dort oben das Fenster ist es, wo die Nonne gefangengehalten wird, nicht im Keller, wo Sie hinblicken!« Er schöpfte tief Atem und wandte sich an den Ritter, der mit geschlossenem Visier auf den Zeitpunkt seiner Rolle gewartet hatte. »Bitte, treten Sie nunmehr vor, Monsieur, und halten Sie sich im Bereich der Kamera. Wenn ich sage ›Jetzt!‹, ziehen Sie Ihr Schwert und greifen diese Leute an. Dann erst wird die Dame die Strickleiter heruntergelassen, über die Sie sich in ihr Gefängnis zu begeben haben.«

Van Deahy schwitzte unter seinem Stahlpanzer und dem schweren Helm wie im Backofen. Er fluchte im stillen dem Regisseur, den Schauspielern und vor allen Dingen Meg, die diesen Plan ausgebrütet hatte und im Augenblick sicherlich im Begriff war, die Schatzkammer des Prellers auszuräumen. Er durfte nicht ungeduldig werden. Vielleicht war das Geld in einem Schrank eingeschlossen, den Meg erst öffnen mußte. Sie konnte es nicht zum erstenmal. Er mußte sich also bescheiden und warten, bis Milwaukee Meg soweit war. Endlich erschien sie am Fenster und winkte. Sie hatte Erfolg gehabt. Van Deahys Herz schlug vor unterdrücktem Triumphgefühl hoch auf. Gewiß, er war gegen diesen Plan gewesen, aber nun vergaß er alle seine Einwendungen. Das Mädchen am Fenster hielt ein in schwarzes Papier eingehülltes Paket in der Hand.

»Ich hab's!« rief sie freudig:

Zur größten Überraschung des Regisseurs warf sie jedoch keine Strickleiter hinunter, sondern trat gleich darauf wie eine gewöhnliche Sterbliche durch die Haustür.

»Ich hab's!« wiederholte sie. Dann wandte sie sich an den Spielleiter: »Wir werden diese Aufnahmen um einige Zeit verschieben müssen.«

»Aber – aber – aber, Madame!« wehrte sich der Regisseur. »Was soll aus allen diesen Leuten hier werden?«

»Die Aufnahmen müssen verschoben werden«, gab sie brüsk zurück. »Komm!« Sie ergriff den eisengeschienten Arm des ›Ritters‹ und eilte mit ihm dem Auto zu. Aber die Gartentür, die bisher offengestanden hatte, war nunmehr verschlossen. Durch die Gitterstäbe sah sie Anthony, der anstelle ihres Chauffeurs am Führersitz des Wagens saß. Bei ihrem Anblick wandte er sich ihr lächelnd zu:

»Schachmatt, Meg!« rief er. »Sie hatten alles schön für mich gepackt, nicht wahr? Hier im Wagen befindet sich doch sicherlich der Rest Ihres Raubes, wie? Feine Idee übrigens, die Sache mit der Filmerei, das muß ich zugeben, aber ...«

»Wir sind quitt, Mr. Preller«, rief sie ihrem Gegner zu und hielt ihm das Paket entgegen, das sie in seinem Schlafzimmer geraubt hatte.

»Lauter alte Zeitungen, mein Liebling«, höhnte er. »Ich hatte sie für Sie bereitgelegt. Auf Wiedersehen.«

Eine Woche später erst hörte Meg wieder vom Preller. Die Nachricht kam in Form eines Briefes, der, an Milwaukee Meg adressiert, in ihrem Brieffach im Hotel zu Bilbao steckte.

›Verehrteste Meg!

Ich habe Spanien den Rücken gewandt, und da das Geschäft in den letzten Wochen wirklich einträglich war, will ich einen kurzen Urlaub antreten. Ich würde es aufs tiefste bedauern, wenn ich Ihnen den letzten Penny geraubt hätte, aber ich habe eine Ahnung, als hätten Sie noch irgendwo genug Geld versteckt, um davon leben zu können. Mein Gewissen ist also wieder einigermaßen beruhigt. Wenn Sie wenigstens das behalten wollen, was Sie noch haben, dann würde ich Ihnen raten, mich von nun an in Ruhe zu lassen und mir nicht zu folgen. Die Hälfte des Schatzes, den Sie mir freundlicherweise zur Verfügung stellten, habe ich einem edlen Zweck, der Gründung einer Kolonie für mittellose Invaliden, zugeführt.

Ihr ergebener
Preller‹

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