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Der Prediger von Aldekerk

Joseph von Lauff: Der Prediger von Aldekerk - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorJoseph von Lauff
titleDer Prediger von Aldekerk
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
printrunElftes Tausend
year1926
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131205
projectid2aa88794
wgs9110
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Siebentes Kapitel

Eheu fugaces ...! und was sich unter der alten historischen Eiche begeben. Bedenken und Einwände, aber leicht behoben bei einer guten Bouteille im ›Goldenen Anker‹. Benjamin Seraphikus Rückert als mildtätiger Samaritan in der Gesellschaft von Heideläufern und bresthaften Menschen. Ein bisher Unbekannter erscheint unvorhergesehen in der priesterlichen Wohnung mit englischen Stoffen, und wie Benjamin gezwungen wird, an Khalifah, den glücklichen Fischer von Bagdad, zu denken.

 

» Eheu fugaces ...! Zur Sache, zur Sache!«

Die Stimme dröhnte. Sie kam hinter der großen Eiche her, woselbst er noch vor einer kleinen Stunde den Seufzer hatte fahren lassen: »O Haupt voll Blut und Wunden ...« genau hinter der großen Eiche her, berühmt in der ganzen Umgebung, die vieles gesehen und erlauscht hatte: heiße Tränen, Beteuerungen und heimliche Küsse bei verschwiegenem Mondlicht – unter deren Schirm und Schutz die jungen Paare ihr Genüge darin fanden, sich zu schnäbeln, um in aller dörflichen Unschuld die Mysterien der ersten Liebe zu ergründen.

Unter ihrem Schatten hatte der wilde Egmond von Geldern seinen Heerbann gegen die ›Quaetwilligen‹ aufgerufen, hier noch einmal gerastet, ein toter und geschlagener Mann, als seine Getreuen ihn zur letzten Ruhe in die Eusebiuskirche nach Arnheim überführten ... und noch immer gespensterte sein Geist zwischen den Sparren, glaubte man die Worte zu hören:

»Hoog van moed, Klein van goed,
Een zwaard in de hant,
Is't wapen van Gelderland.«

» Eheu fugaces ...!«

Nein, diese Stimme!

Mit der schmetternden Kraft eines Kornetts à piston lärmte sie durch die herbstliche Einsamkeit. Dazu wurde ein knorziger Bakel geschwungen, drängte sich ein wuchtiger Arm nach, eine derbe Gestalt in grobwollenem Surtout, die Schirmmütze tief in den Nacken gezogen: Kosman Theophil Banning, wie er leibte und lebte und gleichsam aus der Pistole geschossen.

»Na und, Reverende?! Holla, heda! Ich melde mich gefälligst zur Stelle. Diese Ewigkeiten! Jede Viertelstunde – sie hatte für mich Pech an den Schuhen. Ich warte schon lange. Habe hier auf Posten gestanden ... auf Posten ... auf Posten ...«

Benjamin taumelte bei diesem Kornett à piston-Ruf aus seiner süßen Betäubung. Er versalzte gleichsam, wie Lots Weib versalzte, als sie nach Zoar kam und sich bemüßigt fand, rückwärts zu schauen. In dieser Verfassung war er außerstande, eine Antwort zu geben.

»Na und ...?!« trompetete es abermals über ihn hin.

Ein Krähenvogel, der im höchsten Topp aufgebaumt hatte, flügelte schwerfällig dem zunächst gelegenen Holz zu.

»Holla, heda! Wer Baumwolle bei sich führt, soll diese Baumwolle hinwegtun.«

Der eschene Knüttel bohrte sich tief in den Boden.

Da erwachte der versinterte Mann aus seiner Erstarrung. Seine Mundecken kräuselten sich. Mit dem sichtlichen Behagen eines Tröpfleins Olivenöl sickerte es ihm von den Lippen herunter: »Oh! er hat mir eine Prise verstattet.«

»Wer hat verstattet?«

»Der Baron haben verstattet.«

» Optime! Über alles Erwarten. Und ferner?«

»Er hatte die Gnade, nach meinen homiletischen und katechetischen Studien zu forschen, desgleichen nach Klabunke und Rathjen, nach Tersteegen und dem Doktor Budäo.«

»Gefällt mir. Solche Männer verdienen es, sowohl in jedermanns Munde zu sein, als auch der Vergessenheit entrissen zu werden. Ich harre des weiteren, denn mit Vorliegendem werden noch keine Mäuse gefangen.«

»Herr Kantor, allerdings – nein,« und Benjamin legte sich etwas bedrückt in die Weste, »indessen, er erörterte mir gegenüber auch die fatalen Familienmiseren seines erlauchten Geschlechts, und da sollte ich annehmen ...«

»Gewißlich, ein Gnadenbeweis. Ich unterstreiche diesen Gnadenbeweis, erwarte aber hinsichtlich Ihrer werten Person, noch auf einen fetteren Hammel zu stoßen. Cum grano salis natürlich; sonst bleiben wir fundatim am Leim des Alltäglichen kleben.«

»Ja so! Ich bitte noch vermerken zu wollen: er machte mich bekannt mit den metaphysischen Schwingungen und den überfeinen Gefühlen eines weiblichen Herzens und meinte: das Rascheln von seidenen Röcken sei wie das Flügelschlagen seltsamer Vögel. Die Pflicht eines kundigen Seelsorgers hätte dies zu ergründen.«

»Seelsorger hat er gesagt?«

»Mit voller Betonung.«

»Auch das mit den metaphysischen Schwingungen eines weiblichen Herzens?«

»Auch dieses.«

»Unterschreibe solches bei Pauken- und Trompetenbegleitung. Es ist ein Erbauliches, sich auf diesem Gebiet zu betätigen. Nur hüte man sich vor Fußangeln. Außerehelich ist das Weib mit mancherlei Finessen behaftet, wie ein Proviantmeister der großen Armee mit allerlei Falsifikaten und Quertreibereien. Ich sehe: das Kolloquium unter vier Augen beschäftigte sich mit subtilen und dabei tief einschneidenden Fragen. Wie zu erwarten. Es ist jedenfalls höchst erfreulich, von den Professoren Klabunke und Rathjen, den Doktoren Tersteegen und Budäo zu hören, nicht weniger interessant, sich von dem Geraschel eines weiblichen Unterrockes umschmeicheln zu lassen, sobald es von Rechts wegen und in Ehren geschieht, desgleichen ... Aber ich harre der größeren Dinge. Fassen wir den Bock bei den Hörnern. Um der Herren Klabunke und Rathjen wegen sind Sie nicht vorstellig geworden, noch weniger aus dem fadenscheinigen Grunde heraus, die mißlichen Zustände im Familienleben derer van Klabasterboompjes zu beschönigen oder gar abzustellen. Schürfen wir tiefer. Es handelt sich hier um das springende Punktum, um den Kern allen Bestehens, um geistige Güter und solche, die einen wohlgeordneten Hausstand zu begründen vermögen. Ich meine, wenn es erlaubt ist zu reden: ist die Stelle verbürgt?«

Benjamin räusperte sich.

»So gut wie verbürgt,« sagte er mit glücklichen Augen.

»Was verstehen Sie unter ›so gut wie verbürgt‹?«

Der Alte stützte sich schwer auf den Bakel.

»Wie man so sagt, Herr Magister,« kam es weniger zuversichtlich zurück, »denn wenn ich mich auch nicht als unfehlbar hinstellen möchte, so denke ich doch: um die Wende des Jahres darf ich mich wohl, und zwar durch Gottes Einsehen und Fürsorge, als Prediger loci der evangelischen Kirchengemeinde betrachten, einschließlich der Sprengel, die im Klevischen liegen.«

»Hat er das schriftlich gegeben?«

»Schriftlich nicht, aber unter bedeutsamen Worten, mit sichtlicher Hingabe und berückender Güte.«

»So, so! Also mit berückender Güte und unter bedeutsamen Worten?!« und Kosman Theophil Banning hustete dreimal. Er hustete allezeit zu dreien Malen hintereinander, wenn er Zweifelhaftes zu überlegen, zu entwirren und auf die richtige Stelle zu placieren hatte.

»Schön!« sagte er schließlich und zog den Eschenen aus dem lauwarmen Boden. »Offen gestanden: ich hatte mir mehr von dieser Stunde versprochen. Der Schriftsatz ließ auf höhere Werte schließen. Ich gedachte mit Pfunden zu wiegen und muß mich mit Quentchen begnügen. Der Baron bleibt mir nach wie vor so abstrus wie die Quadratur des Zirkels. Der obenvermeldeten Fußangeln kann ich mich schlechterdings nicht erwehren. Aber abgesehen hiervon: trotz seiner Schwächen und kapriziösen Anwandlungen – sein gegebenes Wort ist nicht anzufechten. Dies zugestanden, können wir uns als ziemlich befriedigt erachten; auch der Vokation gegenüber. Der erste Schritt ist getan. Die letzten Monde des Jahres ziehen sich nicht mehr hin wie das Strumpfband einer liederlichen Köchin. Alles hat seine Zeit: Steine sammeln und Steine zerstreuen. Auch das Warten in Geduld hat seine Bemessung und ist zu ertragen. Gratulor tibi. Möge die kommende Weihnacht ein übriges bringen – für Sie, Reverende, und das schlichte Dach eines gewesenen Schulmagisters und Kantors. Ich denke dabei an meine einzige Tochter. Sie verdient den Himmel auf Erden. Nicht bildlich gesprochen. Nein, lediglich aus der Realität einer glücklichen Lebensgemeinschaft heraus; und wie bekömmlich würde es für sie sein, wäre es ihr vergönnt, dereinstmals zu stammeln: Mein Leib ist wie ein fruchtbarer Weinstock über der Türe, dem es an Sonne nicht mangelt. Alljährlich setzt er Augen an, alljährlich ist er mit köstlichen Früchten behangen. Er träufelt voll Wohlbehagen, und meine Seele lobt deshalb den Herrn.«

Seine Stimme wurde zu einer siderischen Orgel.

» Favete linguis! Genug der Rede. Jedenfalls: Sie haben den Mut aufgebracht, sich an die zuständige und richtige Adresse zu wenden. Das ehrt Sie. Gehen wir jetzt, und trinken wir eine Flasche zusammen. Eine ungewöhnliche Zeit zwar; mit Rücksicht jedoch auf das heute Erlebte, begreiflich und wohl zu verstehen.«

Benjamin nickte.

Er schöpfte neue Zuversicht aus den kernigen Worten des Alten. Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Er atmete auf, und völlig einig in Gedanken und Zukunftsplänen, schritten die beiden der anheimelnden Stätte zu, über deren Eingang ein illuminiertes Schild hing.

Eine verstellbare Futterkrippe stand dicht neben der Haustür. Etliche Spatzen priesterten um den am Boden verstreuten Häcksel und Hafer.

»Dorthin!« gebot Kosman Theophil Banning, deutete mit seinem Stock auf einen goldenen Anker, ließ eine herzhafte Lachsalve über Futterkrippe, Häcksel und Hafer knallen, daß davon die Spatzen nach allen Ecken und Kanten auseinander stöberten, und trat mit seinem Begleiter über die Schwelle.

» Salve! Und auf glückliche Zeiten!«

* * *

Die Tage vergingen.

Die letzten Kartoffelfeuerchen hatten abgeschwelt, die letzten Acker ihre Stoppeln verloren. Ab und zu begann es zu frösteln. Die Häher lärmten in den Buchenhecken, ihre blauen Spiegelchen zeigend: die Ebereschen funkelten wie böhmische Granaten im spärlichen Laubwerk, überspannt von einem atlasfarbigen Himmel, der um diese Jahreszeit zu den Seltenheiten gehörte.

Und doch dieses Hinziehen bis zum Tag des heiligen Silvester!

Um die Zeit zu beflügeln, hatte Benjamin sich eine weiße Pappdeckelscheibe zurecht geschnitten, sie sorgfältig liniiert und die einzelnen Rubriken mit den entsprechenden Daten versehen.

In Reichweite hing sie neben der Studierkommode, und wenn der Nachtwächter gebot, sich die blau- und weißgewürfelte Bettdecke über die Ohren zu ziehen, griff er zum Rotstift und rötelte die letzten vierundzwanzig Stunden mit einem grimmigen Behagen zum Teufel.

Seines Amtes jedoch waltete er in vorbildlicher Weise. Seit der Audienz mehr noch als früher. Kein Trostgang war ihm zu weit, kein Weg zu beschwerlich. Er zog die einsamsten Pfade entlang, suchte die entlegensten Gehöfte und Katstellen auf. Langen Schrittes durchquerte er die trostlosen Strecken, wo die Heideläufer wohnten und solche, die ihre Schnapsbouteillen aus dem nahegelegenen Holland bezogen. Hier predigte er, wie der Täufer in der Wüste gepredigt, verkündete das Evangelium und suchte ihnen das Brot des Lebens zu spenden. Sein Dank war vielfach Spott und Verhöhnung. Statt eines reuigen und bekehrten Gesichtes, hielten ihm manche den Treffwenzel entgegen. Das hinderte ihn nicht, immer wieder in die nämliche Kerbe zu hauen ... und wo ein Bresthafter lag – er tröstete ihn, und wo die Not aus den Fenstern grinste – er gab von seinem spärlichen Scherflein, und wo ein Sterbender zum letztenmal sein Auge suchte – er glättete ihm das zerknitterte Sterbelaken und geleitete die arme Seele in das Himmelreich ... um abends wieder ...

Ja, abends schrieb er an den Memoiren der Gräfin Kolbe. Allen Schnipseln und Schnipselchen stöberte er nach, die es vielleicht ermöglichten, das Bild einer geborenen Rückert in einem ruhigen und schönen Rahmen zu zeigen. Und hätte sie, wie sie selber behauptet, eher die Muscheln am Strande von Scheveningen zählen können als ihre galanten Abenteuer – auch sie war aus Gottes Hand gekommen, also berechtigt, seiner Verzeihung und Gnade teilhaftig zu werden. »Kein Mensch ist sonder Tadel und Fehl, und den Spiegel möchte ich sehen, der sich erdreisten würde, zu sagen: Ich erstrahle in ewiger Reinheit: an mir ist keine schadhafte Stelle zu finden.« So Benjamin Seraphikus Rückert in seinen Betrachtungen, bei seinem eifrigen Wollen, nur Verbrieftes niederzulegen, dieses Verbriefte aber von dem ihm anhaftenden Schmutz und Unrat zu säubern. Er dachte dabei an die Ehebrecherin und die Pharisäer im Evangelium, an die schöne Maria von Magdala, die in ihren Jugendtagen an der Straße nach Jeruschalaim harrte, zwischen Tamarisken und Kapernstauden, nur leicht bekleidet, und ihren Gürtel hinwegnahm, wenn die Reisenden und Kaufleute nach Genezareth zogen ... und um sie blühte der Flachs in rosigem Schaum, der See winkte ihr zu und von weither blaute der Hermon herüber.

»Wer sonder Schuld und Untugend ist, der wage es, mit ungelösten Riemen in den Tempel zu treten! Aber ich weiß es: nur Pharisäer haben die Stirne, nur solche, die allzeit Jesum Christum auf den Lippen führen und weit davon entfernt sind, ihn auch im Kämmerlein ihrer Herzen zu tragen, nur solche, die mit religiösem Rüstzeug über Gebühr versehen, an fremde Fischweiher treten, um ihre zappelnden Sonderreusen aus dem getrübten Wasser zu heben. Pfui über diese!«

So ging Benjamin still seines Weges, sprach bei den Bresthaften und Heideläufern vor, schrieb an den Memoiren der Gräfin Kolbe, bestrebte sich, seiner Blutsverwandten ein Ehrenkränzlein zu winden, und machte allabends einen dicken, fettleibigen und gewaltigen Strich mit weicher Boluserde.

Das saß man so.

Es waren Zeichen wie die eines Scharfrichters.

Der Anfang des Monats November stand in einer schaurigen Lache. Schon manche Tage hatten Hals geben müssen. Die Pappscheibe leuchtete auf, rot und blutrünstig wie der Revolutionsplatz am Morgen des 7. Thermidor, wo immer neue Zufuhren kamen von Sainte-Pelagie, den Madelonnettes und der Conciergerie. Nur mit dem Unterschied: damals schmunzelte Samson, heute Benjamin Seraphikus Rückert, denn er freute sich des getanen Werkes und handhabte den Stift wie der Kammerherr der Dame Guillotin sein haarscharfes Messerchen.

In diesen Tagen geschah es, daß sich ein seriöser Herr bei dem ordinierten Adjunktus melden ließ.

Er kam unerwartet, unter Beistand eines jungen Mannes, der einen in Packpapier und Wachstuch verstauten Ballen vor sich her balancierte.

Nach Namen, Stand und Wohnort gefragt, stellte es sich heraus: der Herrenschneider Pittje Kordelmann aus Geldern, ein vives Kerlchen, geschmalzt und gestriegelt und wie aus der Pomadenbüchse genommen, gab sich die Ehre.

»Herr Kordelmann, wo soll ich das hintun?«

Benjamin bewegte sich wie auf dem dunkeln, geheimnisvollen Pfad einer schönen Legende. Er begriff nicht, was der dunkle Pfad und die schöne Legende bezweckten. Ein merkwürdiges Gefühl durchrieselte ihn. Wie kam dieser Glanz nur in seine bescheidene Wohnung? Und so sah er denn auch die Neulinge mit einem begreiflichen Interesse, ja bedeutungsvoll an. Seit vielen Jahren hatte er keinen veritablen, leibhaftigen Schneidermeister mehr vor Augen bekommen. Erst recht nicht einen solchen Heros aus der gefeierten Gilde. Eine derartige Nadel führte kein zweiter im Stromgebiet der langsam dahinschleichenden Niers mit ihren Nebenflüssen. Sie war berühmt in der Grafschaft, aber nur solche bedienten sich ihrer, die den dazu nötigen Zwirn aufbringen konnten, als da waren: der Herr van Klabasterboompjes auf Aldekerk, die Vertreter des niederrheinischen Adels, diverse Amtsbrüder der alleinseligmachenden Fakultät, die bei fettem Geläut die Einkünfte ihrer ertragreichen Pfründen verzehrten, und solche, die mühelos ihre Renten empfingen. Er glaubte, vom Sockel einer klaren Besinnung stolpern zu müssen. Nein, dieser Herr Kordelmann! Wie konnte er nur? Ein solcher Ellen- und Nadelolympier war unter den gegenwärtigen Zeitläuften ein Unding für ihn, ein nicht greifbares Wesen, eine phantastische Gestalt, ein widersinniges Begebnis, ebenso widersinnig, wie wenn der Tod eine junge Menschenblüte entwurzelt und dazu einer safranschnäbeligen Amsel gebietet, ›Freut euch des Lebens‹ zu singen.

Mit quadratischem Gesicht sah er auf den gestriegelten Herrn.

Pittje Kordelmann aus Geldern sprach zuerst keine Silbe. Nur von Zeit zu Zeit fand er ein Achselzucken und vielsagendes Schmunzeln. Um so emsiger machte er sich unter Assistenz seines jungen Mannes an dem schweren Ballen zu schaffen, entschnürte ihn, entnahm ihm etliche Zeugstücke und spreitete sie sorglich auf dem Tisch nebeneinander – schwarze, feinwollige Tuche, erste Qualität, mit dem Stempel englischer Firmen gezeichnet, wenn auch in Deutschland hergestellt, und bevor es sich Benjamin noch versah, nahm das vive Kerlchen bereits eifrigst bei ihm Maß, duckte sich nieder, schnellte ebenso fixbeinig wieder auf, befragte das Meßband und übertrug die ermittelten Zahlen in ein Büchlein von braunem Juchten.

»Um des Himmels willen, was betreiben Sie, was tun Sie, Herr Kordelmann?«

»Fünfzehn, dreiundzwanzig, vierundvierzig,« war die lakonische Antwort.

»Hören Sie auf! Ich ersuche Sie dringend. Exerzieren Sie nicht an meinem irdischen Körper herum. Was haben Sie vor und wessen befleißigen Sie sich?«

»Was meines Amtes, Hochwürden.«

»Mein Gott, ich habe Ihnen doch keinen Auftrag gegeben, weder schriftlich noch mündlich! Selbst in meinen kühnsten Träumen ist mir kein neuer Anzug vor die Sinne getreten. Wie sollte ich können? Und wenn ich auch wollte, es wäre für mich ein Ding der Unmöglichkeit, solche Anwandlungen zu berücksichtigen. Ich begehre keine kostbaren Stoffe. Auch die Apostel sind barfuß und in schlichten Kleidern gegangen und wandelten doch im Schatten des Erlösers. Herr, mein ganzer Reichtum ist Armut. Ich beneide die Kirchenmäuse bei ihrem üppigen Schwelgen, die Spatzen, wenn sie sich an den Futterkrippen zu schaffen machen. Kaum, daß ich mir ein Rübengericht zu erpredigen vermag, einen sauren Hering mit Pellkartoffeln zulegen kann – wie sollte ich da in englischen Tuchen ... in Buckskin und Kammgarn ...«

»Tut nichts, Hochwürden. Es wird sich alles schon finden.«

»O Jesus!« seufzte der Ärmste und legte gottergeben die Hände zusammen.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als geduldig auszuharren. Seine Kraft war zu Ende. So mußte er sich denn in sein Schicksal ergeben und stand nun zwischen Diele und Decke wie ein Scheumann mit gespreizten Gliedern in einer Erbsenrabatte.

Pittje indessen ... er arbeitete weiter, maß nach Höhe und Tiefe, nach Länge und Breite, beugte sich vorwärts, dann rücklings und hörte erst aus, nachdem er auch das Geringfügigste kalkuliert, die winzigste Zahl errechnet und mit dem verbindlichsten Gesicht von der Welt sein Notitzbuch zugeklappt und seinen èrayon, wie er den Bleistift nannte, beigesteckt hatte.

»Ich danke ergebenst.«

»Herr,« fuhr Benjamin aus seiner ungewollten Erstarrung, »wer hat mir dieses getan? Die Tage der Zeichen und Wunder sind doch lange vorüber. Bevor ich dieses begreife, eher noch bin ich willens zu glauben, daß mir die Kraft innewohnt, mir den Kopf von den Schultern zu nehmen, um mit dem Haupt aus der Schüssel nach dem zunächst gelegenen Gnadenorte zu pilgern. Herr Kordelmann, ich muß Sie nochmals ersuchen ... sonst zwingen Sie mich, mich an Körper und Geist für insolvent zu erklären.«

Sein Blick war fest und energisch auf den Herrenschneider gerichtet.

»Ja, Herr Kordelmann, ich muß Sie dringlichst ersuchen.«

Da schlug dieser seine Hacken zusammen, duftete stärker nach Stangenpomade und Eau d'Espagne und sagte: »Der Herr Baron haben Auftrag gegeben.«

Auch der junge Mann neben den Tuchstücken nahm Paradestellung ein und straffte sich pielgerade aufrecht.

»Mein Gott, wer hat Auftrag gegeben?«

»Der Herr Baron van Klabasterboompjes, Erbherr auf Aldekerk, um es nochmals zu sagen.«

Da blickte Benjamin ergeben zur Decke, faltete die Hände und stammelte: »Der den jungen Raben ihr Futter zumißt, mißt auch mir die Speise zu. Der die Lilien aus dem Felde kleidet, kleidet auch mich. Eine große Freude mit Gleichmut und Gelassenheit zu ertragen, ist ein schweres Unterfangen. Aber ich will es versuchen. Nur fürchte ich: geht das so weiter, gleitet mir zu guter Letzt noch die Robe eines Konsistorialpräsidenten über die Schultern.«

»Immer schon möglich,« pflichtete ihm Herr Kordelmann bei, »aber das tut nichts. In acht Tagen ist der Anzug zu liefern, fix und fertig, und falls meine unmaßgebliche Ansicht dazu beitragen könnte, Ihre Wahl zu bestimmen, so würde ich mich für Ihre werte Person zweifelsohne für Tuchqualität sieben entscheiden. Fühlen Sie selber, Hochwürden. Primissima Webwerk. Streichgarn mit 'nem Einschlag von Merinowolle. Nirgendwo besser zu haben. Also ich sehe: Stoff Nummer sieben. In acht Tagen ist der Anzug in Ihren Händen,« und während er noch redete, hatte er die Stücke geordnet, sie zusammengerollt, den Ballen eingewickelt und ihn seinem Adlatus unter die linke Achsel geschoben.

»Ich empfehle mich ganz ergebenst, Hochwürden,« und fort war er, fort mit dem eiligst zurechtgeschnürten Paket, seinem Begleiter und dem aufdringlichen Duft nach Stangenpomade und Eau d'Espagne – fort, als hätte ihn die Hand eines Magiers aus der kristallklaren Fläche eines Zauberspiegels genommen.

Der Kandidat sah ins Leere, ins Nichts.

Sein Kopf rauchte ihm, wie der Berg rauchte unter dem Wetter von Sinai.

Diese Mirakel und Wunder!

Er erfaßte sie nicht und hatte nur das vage Gefühl von einer göttlichen Vorsehung.

Mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer; er trat ans Fenster und konnte noch eben wahrnehmen, wie Herr Kordelmann ein leichtes Korbwägelchen bestieg und eiligst davonkarriolte.

Noch lange verspürte er das Rattern der Speichen und Felgen in den Ohren. Es dröhnte ihm zu wie das Lärmen von Drehbrettern und Kirmestrubel.

Und doch welch schöne Musik!

»Primissima Webwerk. Streichgarn mit 'nem Einschlag von Merinowolle. Nirgendwo besser zu haben. Ich sehe somit: Stoff Nummer sieben, Hochwürden.«

Also ein exquisites Priestergewand sollte ihm werden, aus der ersten niederrheinischen Offizin heraus, ihm, dem kümmerlichen Adjunkten, der sich allzeit damit begnügt hatte, seine Blöße nur mit der äußersten Sparsamkeit zu bedecken ... und jetzt diese Fülle!

Rein unbegreiflich und nicht zu verstehen!

War da irgendetwas nicht richtig bei ihm? Vielleicht ein kleines, bald vorübergehendes Manko zu verzeichnen? Keineswegs. Er blieb, was er war: gesund an Leib und Seele, der Predigtamtskandidat Benjamin Seraphikus Rückert in seiner schlichten Aufmachung ... und dennoch kam er sich vor wie Khalifah, der Fischer von Bagdad, den Harun al-Raschid -Klabasterboompjes erhob und erhöhte und fünfzigtausend Golddinare nebst einem kostbaren Ehrenkleid anweisen ließ, alles um der Liebe und der Hochachtung willen ... und Benjamin fühlte sich so wohl in diesem hyperbolischen Gedanken, daß er durch eigene Kraft noch ein Weiteres hinzutat, sich schwarze Sklaven aus dem Sudan bestellte, dazu eine Kairensische Jungfrau, lichter als Silber, weicher als Seide und zarter als der Schwanz eines Fettschafes, mit Hinterbacken, schwer wie zwei Hügel weißen Sandes. Mit dieser bestieg er eine schnelle baktrische Kamelstute, um so, von ihrem Reiz umgeben, sein Paradies und seine Traumwelt zu durchreiten, bis zu ihm kam der Vernichter der Wonnen, der Trenner aller Gemeinschaft, der Verwüster der Palastkuppeln und der Bevölkerer der Gräber.

Ein Anzug aus englischem Buckskin! ... und er erfreute sich dieses Anzuges und seines glücklichen Träumens.

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