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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 9
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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3. Kapitel. Der neue Mieter der Mohalla

»Britton, kennen Sie Albemarle genauer?« fragte Harald nun.

»Gewiß. Wir haben seiner Zeit zusammen im Kamelreiterkorps in Agra gestanden. Der Lord wer Major, ich Leutnant. Ich hatte Schulden und mußte den Abschied nehmen. Ich wurde dann aus Neigung Detektiv.«

»War Albemarle Opiumraucher?«

»Hm – er war es. Aber mit Maßen.«

»Er ist sehr reich?«

»Man schätzt ihn auf fünfzehn Millionen. Außerdem besitzt er die berühmte Stoschra-Sammlung, das heißt, jene zwölf gelben Diamanten, die der seiner Zeit weltberühmte Edelsteindieb Stoschra aus dem Museum in Kalkutta stahl und die Albemarle ihm wieder abjagte. Ihnen dürfte die Geschichte bekannt sein. Stoschra war ein eleganter Pole, der vor sechs Jahren alle Hauptstädte unsicher machte, so ein zweiter Manolescu.«

»Hm – ich besinne mich. Und diese zwölf gelben Diamanten kaufte Albemarle dann dem Museum ab, nicht wahr?«

»Stimmt. Für anderthalb Millionen.«

»Wie fing er doch den Dieb?«

»Im Auto – oder per Auto besser. Die Jagd ging von Kalkutta bis zur Grenze von Nepal hinauf. Stoschra kam dabei ums Leben. Er stürzte in den Prilowa-Wasserfall.«

»Hat man die Leiche gefunden?«

»Ich bitte Sie – aus dem Prilowa-Wasserfall?! Die Prilowa verschwindet dort ja in einem Berge und tritt erst zwei Kilometer südlich wieder zu Tage.«

»Wo befindet sich diese seltene Sammlung?«

»Das weiß niemand. Man nimmt an, Albemarle hat sie im Tresor der India-Bank untergebracht. An die zwölf gelben Edelsteine knüpft sich ein Aberglaube. Sie gehörten ursprünglich dem Nizam (Fürsten) von Haidarabad. Aber es klebte Unheil an den Steinen.«

»Hat Albemarle Verwandte?«

»Ja, einen Neffen, mit dem er aber sehr schlecht steht. Der junge Mann wäre der einzige Erbberechtigte. Er heißt James Kingsarl und ist Arzt in Bangalore. Ich habe ihm bereits eine Depesche geschickt.«

»Weshalb vertrugen Onkel und Neffe sich nicht?«

»Weil Kingsarl die Heiratsabsichten des Lords zu hintertreiben suchte.«

»Ah – die Heirat mit Bessie Flepp! Das Zerwürfnis besteht also noch nicht lange.«

»Zwei Jahre. Albemarle hatte seinem Neffen bis dahin jährlich 1000 Pfund als Zuschuß gegeben. Das hörte auf, nachdem Kingsarl ihm einen sehr wenig respektvollen Brief geschrieben hatte – Bessies wegen.«

Harald erhob sich. »Gehen wir nochmals zu dem Toten hinein,« meinte er.

In dem Arbeitszimmer Albemarles räumte Harst den Rauchtisch ab und trug ihn ans Fenster, legte ihn auf die Seite und sagte: »Also auch die zweite Platte des Tisches ist aus Kupfer. Zwischen der oberen und der unteren muß sich ein Hohlraum von 12 Zentimeter Höhe befinden.«

Er hob den Tisch und schüttelte ihn.

»Hören Sie, Britton, – es klappert etwas zwischen den Platten.«

Er befühlte die erhabenen Figuren der eigentlichen Tischplatte. Ein äußerer Kranz von vier Drachen schloß ein Buddhabildnis ein. Die Drachen hatten rote Steinaugen. Als Harald nun diese Augen drückte zeigte es sich, daß zwei beweglich waren und zwar je eines zweier gegenüberliegender Drachen.

Mit einem Male schnellte das Buddhabildnis nach oben, und man konnte in den Hohlraum hineinsehen.

Zunächst fiel dort ein halbes Stückchen Zigarettenpapier auf. Es war der Rest des Blättchens, das Harald vorhin abgerissen hatte. Es lag auf einem schwarzen Ebenholzkasten von länglicher Form. Als Harst ihn herausgenommen und geöffnet hatte, rief Britton:

»Ah – die sogenannte Stoschra-Sammlung! Aber – die Steine fehlen!«

Der Kasten war mit weißer Seide ausgeschlagen. Man sah noch genau, wo die Diamanten in diesem Seidenbett ihre Plätze gehabt hatten.

Harst trat mit dem Kasten ans Fenster und hielt ihn schräg gegen das Licht.

»Nein – es sind seine Fingerabdrücke darauf,« meinte er. Dann legte er ihn wieder in das Versteck zurück.

»Schweigen Sie hiervon, Britton,« sagte er ernst. »Sie merken nun wohl: Marlan haut weit daneben, wenn er Lady Broog für die Mörderin hält. Ich behaupte: dieser Fall ist so kompliziert, daß er mir viel Arbeit bereiten wird. – Wer ist der Täter? Was war das Motiv zur Tat? Diese Fragen wollen wir zunächst mal prüfen. Lady Broog scheidet aus. Einen Mord wird diese exzentrische Frau nie begehen. Ausgeschlossen! – Dann der Pole Stoschra. Ist er wirklich tot? Niemand hat Beweise dafür. Er kann also sehr wohl seine Diebesbeute zurückgeholt haben. – Schließlich der Neffe James Kingsarl. Auch er kommt in Betracht. Ich rate Ihnen also, diese beiden Fährten zu verfolgen, Britton.«

»Und Sie, Master Harst?«

»Ich werde mit Schraut jetzt mal zum Hafen hinabfahren und Charles Tallien, den alten Kapitän, auf seiner Mohalla besuchen.«

Britton wollte noch etwas fragen, aber Harst verließ schon das Zimmer und sagte dann: »Schließen Sie es ab, Britton, und bringen Sie Marlan den Schlüssel. Auf Wiedersehen.« –

Die Mohalla lag wieder an her alten Stelle am Westkai. Als wir über die Laufplanke schritten, kam uns Tallien entgegen, begrüßte uns sehr erstaunt und überschüttete uns mit Fragen. Er glaubte uns auf der Atlanta weit in See.

»Ich möchte einiges wissen,« sagte Harst, nachdem er Tallien kurz den Grund unserer Rückkehr nach Madras mitgeteilt hatte. »Es handelt sich darum, ob Lady Broog, als sie damals auf dem Tamari-Flusse im Motorkutter entfloh, ihre Spangenschuhe mitgenommen hat. Können Sie darüber etwas angeben?«

»Nur das eine, daß vorgestern nacht ein Dieb hier an Bord gewesen ist und die verschlossene Kabine Lady Broogs ausgeplündert hat. Ob die Spangenschuhe sich in der Kabine befanden, kann ich nicht sagen, Master Harst.«

»Wer bemerkte den Dieb?«

»Der eine Mann der Nachtwache. Der Dieb war an die Jacht herangeschwommen. Wir bemerkten noch die nassen Spuren. Den Rückzug trat er mit einem Bündel auf dem Rücken sehr frech über die Laufplanke an und verschwand im Gewirr der Hafengassen. Es war jedenfalls ein Eingeborener.«

»Könnte ich mir die Kabine ansehen?«

»Master Troobler bewohnt sie jetzt. Es ist dies der Amerikaner, der die Jacht für drei Monate gemietet hat. Ich werde fragen, ob Sie sich in der Kabine mal umschaun dürfen. Einen Augenblick, ich bin sofort wieder da.«

Tallien kam nach kaum zwei Minuten zurück.

»Troobler läßt bitten. Er schreibt Briefe.«

Wir stiegen die Achterschifftreppe hinab. Die Kabine lag nach dem Steuer zu, gegenüber dem Eingang in den Salon.

Harst klopfte an. Tallien kehrte an Deck zurück.

»Bitte!« rief der Amerikaner. Bei unserem Eintritt erhob er sich vom Schreibtisch. Es war ein sehr dicker, rotbärtiger Herr mit einer verdächtig blauen Nase.

Wir stellten uns vor.

»Freut mich, Sie kennenzulernen,« meinte der gemütliche Yankee. »Tun Sie, als ob Sie hier zu Hause waren.«

Er setzte sich wieder und kramte in seinen Papieren.

»Einen Moment noch,« bat Harald.

Troobler drehte sich um.

»Sie wünschen?«

Harst zog einen Sessel herbei und nahm Platz. Dann sagte er leise:

»Mylady, ich bewundere Sie!«

Ich zuckte zusammen. – Mylady?! Etwa Anna Broog?!

»Ihre Maske ist vorzüglich,« fuhr Harst fort. »Besonders die Nase muß man loben. Auch die Stimme verstellen Sie besser als in der Rolle des Master Goorb.«

Der angebliche Troobler hatte plötzlich unter einer Zeitung vom Schreibtisch eine Pistole hervorgerissen.

»Sitzen Sie still!« rief jetzt Lady Broog mit ihrer hellen Frauenstimme. »Diese Waffe macht keinen Lärm. Die beiden Läufe sind mit Pfeilen geladen, die vergiftet sind.«

Harald lachte heiter auf.

»Mylady, ich werde Ihnen den Gefallen tun und mich so verhalten als wären wir in Ihrer Gewalt. Ich glaube Sie zu kennen. Sie würden niemals abdrücken. Und die Giftpfeile sind nur hübsch erfunden. Ich ahnte, daß Sie die Jacht gemietet hätten. Tallien erzählte uns heute früh von einem Amerikaner. Ich wollte diesen mir gern ansehen, außerdem aber auch feststellen, wo die Spangenschuhe geblieben sind. Der Dieb waren Sie, nicht wahr?«

»Ja, Master Harst.« Ein überlegener Hohn tränkte diese Antwort.

»Weshalb haben Sie sich als Dieb hier eingeschlichen?«

»Weil ich meine Requisiten zum Verkleiden brauchte. Außerdem wollte ich den einen Spangenschuh so verwenden, wie ich es dann auch getan habe.«

»Bei Albemarle?«

»Ja.«

»Sie geben zu, den Lord ermordet zu haben?«

»Wer sonst, Master Harst?«

Harald schaute sie fest an. »Sie lügen, Mylady. Mich täuschen Sie nicht. Sie haben Albemarle nicht auf dem Gewissen. Ich bin mir über den Zweck des gefährlichen Spiels, das Sie hier treiben, noch nicht klar. Aber ich werde dieses Spiel aufdecken.«

Jetzt lachte Anna Broog ironisch auf.

»Aha – der berühmte Harst wittert ein großartiges Problem! Die Sachlage ist ihm zu einfach!«

»Da haben Sie ganz recht. Die Diamanten habe ich nämlich mitberücksichtigt.«

»Diamanten?!« – Man merkte, daß Lady Broog von den Steinen keine Ahnung hatte.

»Ach so –!« meinte sie dann schnell. »Die Diamanten! Die sind für mich sehr nebensächlich.«

Harald lachte jetzt ehrlich erheitert und sagte darauf kopfschüttelnd:

»Mylady, Sie vergessen, wer Ihnen gegenüber sitzt. Wann wollen Sie in See gehen?«

»Morgen früh.«

»Das genügt mir. Ich meine, die Zeit genügt mir.«

Er wollte aufstehen.

»Sitzen bleiben!« zischte das tolle Weib. Gleichzeitig ein schwacher, ganz schwacher Knall, und hinter Harst zersplitterte ein an der Wand hängender Spiegel.

Trotzdem erhob sich Harald. Lady Broog war aufgesprungen. zielte wieder, zielte und drückte nicht ab.

»Wozu die Komödie, Mylady?« meinte Harst achselzuckend.

»Gut, – verhaften Sie mich!« rief sie zornbebend. »Sie – Sie – sollen –«

Sie war in den Schreibsessel gesunken.

»Verhaften?! Nein. Dazu liegt kein Grund vor.« sagte Harald höflich. «Ich durchschaue Sie jetzt, Mylady. Werden Sie morgen früh ehrlich sein, wenn ich Ihnen beweise daß ich – Ihnen nichts beweisen kann?«

Sie blickte starr zu Boden. Widerwillig erklärte sie dann:

»Gut, es sei!«

Harald verbeugte sich. »Auf Wedersehen, Mylady –«

Dann gingen wir hinaus.

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