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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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2. Kapitel. Der Schlangenbiß

Britton stand vor uns und sagte überhastet:

»Lord Albemarle ist tot. Der Arzt hat festgestellt, daß er vergiftet worden ist. Ich wollte Sie, Master Harst, bitten, umzukehren. Polizeiinspektor Davis riet mir, den Meteor benutzen.«

»Unglaublich!« murmelte Blackmoore. »So haben Sie doch recht gehabt!« Und er nickte Harst ganz verstört zu. –

Unsere Koffer wurden in den Motorkutter geschafft. Wir verabschiedeten uns von dem Ehepaare Blackmoore und waren fünf Minuten später an Bord des Meteor, der sofort wendete und der Küste wieder zujagte. –

Wir saßen im Salon der Jacht des toten Lords. Britton erstattete kurz Bericht.

»Als ich heute kurz vor sechs Uhr die Atlanta verlassen hatte, begab ich mich zu Lord Albemarle. Der Leibdiener Albemarles sagte, daß Mylord noch schliefen. Ich schaute dann von der Veranda aus in das Arbeitszimmer hinein und sah Albemarle in demselben hochlehnigen Sessel sitzen, in dem er gestern abend Platz genommen hatte. Der Leibdiener war erstaunt. Er hatte seinen Herrn im Schlafzimmer vermutet. – Meine dumpfe Ahnung bewahrheitete sich: der Lord war tot! – Während der Diener den Arzt Doktor Madferking benachrichtigte, schaute ich mir die Leiche genauer an. Das Gesicht war mit schwärzlichen Flecken besät; die Wangenmuskeln waren wie im Krampf gespannt. Dann entdeckte ich zwischen den Füßen des Toten einen nicht alltäglichen Gegenstand. Sie werden kaum raten, was es war. Master Harst, obwohl Sie nach den Vorgängen der letzten Stunden gerade auf –«

Harald hatte eine Bewegung mit der Hand gemacht.

»Der Gegenstand war ein goldener, mit Brillanten besetzter Spangenschuh,« sagte er schnell.

»Tatsächlich – Sie haben's erraten! Also wieder ein Spangenschuh, Master Harst! Sie erzählten mir ja von der Silhouette und von den Bleistiftworten –«

»Weiter!« meinte Harald.

»Nun – es ist nicht mehr viel zu berichten. Doktor Madferking stellte fest, daß Albemarle durch Gift gestorben ist und zwar ein Gift ähnlich dem der Giftschlangen. Er fand auch am linken Oberarm eine Stelle, die geschwollen und schwarz verfärbt war. Mit dem Vergrößerungsglase ließen sich auch die beiden Stiche erkennen, die offenbar von Schlangenzähnen herrührten. Sie liegen mitten in dem schwarz verfärbten Fleck. – Inzwischen hatte ich die Polizei herbeigerufen. Es kamen Davis und Detektivinspektor Marlan, denen ich sofort mitteilte, daß der Spangenschuh, den ich gefunden, Lady Broog gehöre und daß hier ein Verbrechen vorliegen müsse. – So, das wäre alles.«

Harald schaute vor sich hin. »Wie denkt sich Marlan die Ausführung dieses Mordes, Britton?« fragte er zerstreut.

»Albemarle wird in dem Sessel nach dem überreichlichen Kognakgenuß eingeschlafen sein. Das eine Fenster des Arbeitszimmers war nur angelehnt. Der Mörder, oder – die Mörderin stieg ins Zimmer. Sie hatte eine Kobra mit und ließ diese den Schlafenden beißen. Dann entwich der Täter wieder.«

»Und – der Spangenschuh?!«

»Mag ihr vom Fuß geglitten sein –«

»Blödsinn, lieber Britton. Sie denken an Lady Broog als Mörderin. Wo wird die Frau für dieses nächtliche Unternehmen sich diese auffallenden Schuhe angezogen haben?!«

»Gestatten Sie, Master Harst: es handelt sich um Anna Broog! Die bekommt alles fertig.«

Jetzt mischte ich mich ein.

»Was hattest Du mit Master Britton zu flüstern, als Du ihm bei seinem heutigen Morgenbesuch auf der Atlanta entgegengingst?!« fragte ich Harst.

»Britton berichtete mir, daß er Anna Broog in Madras aufgespürt hätte, mein Alter.«

»Ja,« meine der Detektiv, »ich kam ja nur deshalb auf die Atlanta, um Master Harst dies mitzuteilen. Ihr Freund hatte aber kein besonderes Interesse für diese Nachricht, Master Schraut.«

»Gehen wir an Deck,« sagte Harald da und erhob sich. »Ueber den Fall Albemarle sprechen wir an Ort und Stelle weiter.« –

Lord Robert Albemarle wohnte etwas außerhalb der Stadt auf dem sogenannten Knoxword-Hügel, einer langgestreckten, felsigen Anhöhe, deren flache Kuppe unter großen Kosten in einen Park umgewandelt war.

Als wir drei vor dem Bungalow anlangten kam uns der lange Inspektor Marlan entgegen und führte uns in das Arbeitszimmer des Toten.

Der Sessel, in dem die Leiche noch genau so belassen war, wie man sie aufgefunden hatte, stand rechts von dem Diplomatenschreibtisch an der Wand neben einem chinesischen Rauchtisch mit kupferner Platte.

Harst besichtigte die schwarze Bißstelle am linken Oberarm. Dann erklärte er, man möchte uns beide hier eine Weile allein lassen.

Detektivinspektor Marlan und Britton verließen auch sofort das Zimmer.

Harald stand neben dem Toten, dessen linker Rockärmel noch hoch aufgekrempelt war.

»Schau' Dir den Biß genau an.« sagte Harst. »Er sitzt etwa fünf Zentimeter über dem Ellenbogengelenk an der unteren Außenseite. Die Verfärbung der Haut hat einen Durchmesser von gut zehn Zentimeter und reicht bis zum Gelenk.«

Er nahm von Albemarles Schreibtisch ein Vergrößerungsglas und reichte es mir. Dann schaltete er seine Taschenlampe ein und beleuchtete die Bißstelle.

»So, mein Alter, nun beweise, daß Du sehen und denken kannst,« meinte er. »Es gibt etwas zu sehen. Ich wundere mich, daß Marlan und der Arzt nicht stutzig wurden. Ob Britton ebenso blind war, weiß ich nicht genau. Ich glaube, ihm erscheint die Sache auch nicht ganz einwandfrei.«

Ich mußte ja das Vergrößerungsglas nehmen und den Eifrigen spielen. Daß ich nichts entdecken würde, war mir klar.

Nach einer Weile erklärte ich denn auch:

»Bedauere – ich finde nichts Besonderes!«

Harald sagte nichts, streifte den Aermel herunter und deutete auf den Oberärmel. Dort, wo die Bißstelle sich befand, war der Stoff der bastseidenen Jacke leicht beschmutzt.

»Die Kobra scheint ein schmutziges Maul gehabt zu haben.« meinte er.

Er zog sein Taschenmesser hervor und schabte mit der großen Klinge von dem beschmutzten Stoff winzige Stofffäserchen auf ein Blatt Papier, das er dann zusammenfaltete und zu sich steckte.

Zwischen den Füßen des Toten lag noch der goldene Spangenschuh der Lady Broog. Harald hob ihn auf.

»Es ist derselbe Schuh, den Anna Broog im Salon der Jacht Atlanta trug,« sagte er in grüblerischem Tone. »Auf der Atlanta, mein Alter! Vergiß das nicht. Es ist wichtig!«

»Darf ich fragen weshalb?«

»Frage lieber: woher? – Findest Du nicht auch,« fuhr er in einem Atem fort, »daß dieser chinesische Rauchtisch eine überreiche Ausstattung für Opiumraucher enthält? – Es liegen hier sechs kostbare Opiumpfeifen, zwei goldene Büchschen für Opiumkugeln und eine Menge Elfenbeinstäbchen zum –«

Er schwieg und beugte sich tiefer über den Tisch.

»Wie gut es doch ist,« meinte er leiser, »wenn man auf alles achtgibt. Der arme Albemarle hat vielleicht neben seiner Leidenschaft für allerlei Sportarten noch einer anderen Leidenschaft heimlich gefrönt – dem Opium! Als Reiseandenken oder dergleichen legt man sich doch nicht gleich sechs so überaus wertvolle Opiumpfeifen nebst Zubehör hin. Außerdem: Albemarles Augen zeigten jene Empfindlichkeit gegen grelles Licht, wie man es nur bei Opiumrauchern findet. Ich beobachtete ihn einige Male, maß damals jedoch dieser starken Reaktion seiner Augen keinerlei Wichtigkeit bei. Soeben erst dachte ich wieder daran. Und deshalb habe ich auch auf diesem Tische noch etwas anderes entdeckt. Bitte – in der Mitte zwischen der dritten und vierten Opiumpfeife wirst Du ein Stückchen Papier bemerken.«

Ich bückte mich tiefer.

»Allerdings – es liegt zwischen den erhabenen Verzierungen der getriebenen Kupferplatte des Rauchtischchens.«

»Ungenau, mein Alter, ungenau! Gewöhne Dich in unserem Liebhaberberuf an äußerste Sorgfalt! Bitte – rühre das Papierstückchen doch einmal an.«

Ich tat es.

»Ah – es ist in die Verzierungen eingeklemmt!«

»Ja – und es ist ein Blättchen Zigarettenpapier. Albemarle drehte sich seine Zigaretten selbst. Das Blättchen Papier beweist, daß dieser Rauchtisch noch ein kleines Geheimnis birgt und zwar in Gestalt eines Geheimfachs. Ich werde dieses Stückchen Zigarettenpapier jetzt so abreißen, daß der untere eingeklemmte Teil des Blättchens nicht mehr sichtbar ist. Wir werden uns das Geheimfach später ansehen. Zu Marlan und Britton kein Wort davon. Wir wollen sie nicht zu lange warten lassen. Gehen wir –«

Marlan und Britton saßen auf der Veranda an einem Bambustisch und rauchten. Wir nahmen gleichfalls Platz.

»Nun?« fragte Marlan gespannt. »Sie erkennen den Spangenschuh doch wieder, Master Harst?«

»Gewiß. Es ist der Schuh der Lady Broog.«

»Inzwischen hat mir Britton von dem anderen Schuh erzählt.« meinte Marlan eifrig. »Von dem Silhouettenschuh und von der Aufschrift. Es ist ganz klar: Lady Broog ist die Mörderin! – Sie wußte von diesem Verbrechen. Daher konnte sie Ihnen auch die Silhouette mit der Mitteilung zusenden, daß Sie um ¼8 umkehren würden. Den Schuh hat sie absichtlich zurückgelassen. Sie will uns dadurch verhöhnen, will von vornherein zeigen: »Ich bin die Mörderin! Nun sucht mich!« – Wir haben es hier eben mit der tollen Lady zu tun!«

Harald schwieg. Nach einer Weile schaute er den kleinen Britton an.

»Und Sie?« fragte er.

»Meine Meinung kennen Sie ja, Master Harst.«

»Ist es Ihre wahre Meinung?«

Britton blickte zur Seite und sagte:

»Hm – ich werde mich doch nicht in Gegensatz zu Davis und Marlan stellen. Wenn ich ganz ehrlich sein will: mich stört der Spangenschuh! Ich kann mir nicht denken, daß diese Frau aus Rache einen Mord begehen und sich gleichzeitig selbst als Täterin sozusagen anzeigen wird.«

»Auf dem Meteor sprachen Sie anders, Britton.«

»Ja – um Ihren Widerspruch herauszufordern.«

Detektivinspektor Marlan beugte sich weit vor.

»Ihre Ansicht, Master Harst?«

»Ich habe noch keine. Jedenfalls zweifle ich sehr stark, daß Lady Broog hier in Betracht kommt, trotz des Silhouettenschuhs, dessen Aufschrift man freilich sehr zu ihren Ungunsten deuten kann.«

Marian zuckte die Achseln. »Ich werde die Broog trotzdem verhaften lassen. Britton erzählte mir, daß er sie gestern abend, als er von Albemarle kam, auf dem Bahnhofsplatze traf – als Hindu verkleidet. Er schlich ihr tusch und stellte fest, daß sie im Eingeborenenviertel in einem Gasthause verschwand.«

»Das weiß ich bereits,« nickte Harst. »Haben Sie Befehl gegeben, jenes Gasthaus zu bewachen?«

»Nicht nur das. Ich hoffe, Lady Broog wird bereits verhaftet sein. Ich erwarte jeden Augenblick eine Meldung.«

Harald rauchte eine seiner Mirakulum-Zigaretten.

»Sie stellen sich diesen Fall zu einfach vor, Master Marlan,« sagte er, nachdem er einige Rauchringe geformt hatte. »Albemarle mußte doch geradezu sinnlos betrunken gewesen sein, wenn er den Biß der Kobra nicht gemerkt haben sollte.«

Auf der Verandatreppe erschien ein eingeborener Polizist. Der Mann näherte sich zögernd.

»Was gibt's Sumru?« rief Marlan. »Habt Ihr Erfolg gehabt?«

Der Inder zog einen Zettel aus der Tasche.

Marlan riß ihm das Stück Papier aus der Hand:

»Suchen Sie Albemarles Mörder anderswo! Daß Britton mir folgte, merkte ich sehr wohl. Vielleicht hilft der große Harst Ihnen. – Anna Broog.«

Marlan hatte laut vorgelesen.

»Eine bodenlose Frechheit!«, rief er jetzt. »Sagte ich's nicht: sie verhöhnt uns! Aber – ich werde sie fangen, so wahr ich Edward Marlan heiße.«

»Wette angenehm?« fragte Harst.

»Wette? Worauf?«

»Daß Sie Anna Broog als Mörderin Albemarles nicht fangen werden!«

»Oho!« Der lange Marlan ereiferte sich. »Oho – Sie unterschätzen uns, Master Harst! Ich habe fünfzig Detektivbeamte zur Verfügung und gegen zweihundert zuverlässige Spitzel. Gut – ich halte dagegen. Sind Ihnen fünfzig Pfund recht als Einsatz?«

»Natürlich. – Also der Wortlaut: Sie werden Lady Broog als Mörderin Albemarles nicht fangen.«

»Abgemacht!« Marlan stand auf. »Ich fahre nach der Polizeidirektion. Auf Wiedersehen.«

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