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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Der Spangenschuh der Lady Broog

1. Kapitel. Die schwarze Silhouette

Ein so wahnwitziger Racheakt, wie ihn die Entführung der Atlanta und die Gefangennahme des Ehepaares Blackmoore darstellte, mußte notwendig ganz Indien und bald auch die übrige zivilisierte Welt in die hellste Aufregung versetzen.

Lord Blackmoore suchte es nach Kräften zu verhindern, daß all diese Dinge an die Oeffentlichkeit kamen. Er hatte keinen Erfolg damit. Die Wahrheit sickerte schnell durch, und um allen lästigen Zeitungsreportern zu entgehen, verließen wir mit der Atlanta bereits drei Tage später den Hafen von Madras und verrieten niemand, wohin wir uns wenden wollten. Der Lord hatte uns eingeladen, mit ihm und seiner Gattin seine Tabakplantagen auf der Insel Celebes zu besuchen. Angeblich gingen wir nach Kalkutta in See.

Wir waren in Madras noch mehrfach von der Hafenpolizei vernommen worden. Lord Blackmoore hatte gegen Lady Broog und die Besatzung der Schonerjacht Mohalla, die eigentlich L'Aigle (Adler) hieß, ebensowenig wie Albemarle und wir Strafantrag gestellt. Polizeiinspektor Davis war der Ansicht, daß hier nicht Seeraub, also nicht Piraterei, sondern einfache Freiheitsberaubung vorliege. Da bei diesen Gewaltstreichen des exzentrischen »James Goorb« niemand verletzt worden war, gehörte nach englischem Recht zur Strafverfolgung ein Antrag der Betroffenen. Ein solcher wurde nicht gestellt. Mithin kamen Monsieur Tallien alias Brigham sowie die anderen von Lady Broog bestochenen Leute mit einer Verwarnung weg. Tallien zahlte für die Armen von Madras freiwillig 3000 Pfund. Damit war die Sache erledigt – für ihn, nicht für uns! –

Die Atlanta sollte am Montag früh sechs Uhr in See gehen. Monsieur Tallien, übrigens ein früherer Kapitän der Handelsmarine, erschien um ein halb sechs bei uns an Bord, überreichte Lady Blackmoore einen wundervollen Rosenstrauß und entschuldigte sich abermals bei uns wegen seiner Teilnahme an diesem neuesten Streich Lady Broogs, wobei er betonte, daß diese ihm die ganzen Verhältnisse ganz anders dargestellt hätte, so daß er tatsächlich angenommen hatte, Lord Blackmoore wäre Lady Broog ohne Grund untreu geworden und hätte nur aus Berechnung seine jetzige Gattin geheiratet.

Dieser alte Charles Tallien war kein übler Mensch. Man merkte ihm an, wie unangenehm es ihm war, sich auf diese fragwürdige Sache eingelassen zu haben. Er betonte, daß Lady Broog ihm versichert hatte, sie würde die Gefangenen in kurzer Zeit wieder freigeben; es sei nur ihre Absicht, Lord Blackmoore, als dessen Braut sie sich seiner Zeit betrachtet hätte, öffentlich bloß zustellen. Gerade dieser Gewaltstrich, meinte sie, würde die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf den Mann lenken, der als Schurke an ihr gehandelt hätte.

Wir schieden von Tallien jedenfalls in Frieden. Er erzählte uns noch, daß er seine Jacht durch eine Maklerfirma bereits an einen Amerikaner für eine Kreuzfahrt in die Südsee auf drei Monate vermietet hätte.

Kaum war er gegangen, als ein indischer Dienstmann einen Brief brachte, der an Harst gerichtet war mit dem Zusatz: »An Bord der Jacht Atlanta, Westkai.«

Wir saßen auf dem Achterdeck unter dem Sonnensegel. Der Koch trug gerade das Frühstück auf.

»Ich werde den Brief erst nach dem Frühstück öffnen,« meinte Harald und schob ihn in die Tasche. »Ich möchte uns den Appetit nicht verderben.«

Lady Blackmoore schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nicht, Master Harst. Appetit verderben?«

»Ja, Mylady. Anno Broog ist keine wohlschmeckende Beigabe zu einem ersten Frühstück.«

»Ah – der Brief ist von ihr?« meinte der Lord.

»Ich nehme es bestimmt an. Wir haben seit ihrer Flucht im Motorkutter nichts von ihr gehört. Daß sie sich melden würde, damit rechnete ich.«

»Dann wäre sie also in Madras?«

»Ja, Mylord. Ich habe sie gestern zweimal gesehen.«

»Gesehen?!« stieß Lord Percy ungläubig hervor.

In demselben Moment kam ein kleiner, magerer Herr hastig über die Laufplanke. Ich erkannte ihn sofort. Es war der Privatdetektiv Britton. Harald hatte ihn ebenfalls bemerkt.

»Britton! Hierher!« rief er und ging ihm entgegen.

Ich sah, wie er mit Britton hastig ein paar Sätze austauschte. Sie flüsterten dabei. Mir erschien diese Geheimniskrämerei nicht ganz geheuer.

Dann näherten sie sich unserem Tische. Britton, den Lady Broog ebenso wie Bessie Flepp sofort mit der Atlanta hatte heimkehren lassen, verbeugte sich.

»Ich wollte mich nur von den Herrschaften verabschieden,« sagte er. »Ich soll auch noch Grüße von Lord Albemarle ausrichten. Es geht ihm seit gestern abend nicht gut. Er fühlt sich plötzlich sehr schwach und fiebert leicht.«

»Wir waren doch aber gestern abend bis neun Uhr noch mit ihm zusammen,« meinte Lady Blackmoore. »Vielleicht nur ein Malariaanfall, Master Britton. Es würde mir herzlich leid tun, wenn Albemarle ernstlich unpäßlich wäre.«

Britton nahm die Zigarre, die ihm der Lord anbot, schnitt bedächtig die Spitze ab und erwiderte:

»Ich war gestern um halb zehn abends bei Seiner Lordschaft. Er lag im Sessel und schalt auf die betrunkenen Matrosen, die ihn vorhin auf dem Heimweg angerempelt hatten. Er sah recht schlecht aus und suchte umsonst das körperliche Unbehagen durch Kognak zu bekämpfen.«

»Es wird Malaria sein,« sagte Lord Blackmoore achselzuckend. »Albemarle schont sich auch zu wenig. Er ist kein Jüngling mehr. Er übertreibt die Sportausübung. Alles hat seine Grenzen. Mit zweiundfünfzig Jahren soll man mit seiner Kraft haushalten.«

Britton sagte uns dann sehr bald lebewohl und verließ die Atlanta. Punkt sechs Uhr wurden die Trossen von den Kaipfählen losgemacht, und die Motoren der Jacht begannen zu arbeiten. Wir saßen bequem in unseren Liegestühlen und genossen behaglich den frischen Morgen und den Anblick des immer ferner rückenden Landes.

»So – nun der Brief!« sagte der Lord da und schaute Harst erwartungsvoll an.

Harald nickte ernst, zog den Brief aus der Tasche und hielt ihn Blackmoore hin. »Es ist doch Lady Broogs Schrift?« meinte er.

»Ja. Nur sie malt so fingerlange Buchstaben.«

Harald schnitt den Umschlag auf. Dabei erklärte er bedächtig:

»Ich glaube nicht, daß es ein gewöhnlicher Brief ist. In dem Umschlag kann dem Gewicht nach kaum ein ganzer Briefbogen enthalten sein.«

Und wirklich: er zog nur ein einzelnes Blatt schwarzes Papier heraus.

»Ah – ein Damenschuh!« rief Lady Blackmoore.

Es war in der Tat die Silhouette eines Damenhalbschuhs mit sehr hohen Absätzen, eines Spangenschuhs.

Ich dachte unwillkürlich sofort an die goldenen, brillantbesetzten Schuhe, die Lady Broog zu der Gesellschaftsrobe hier im Salon getragen hatte.

Harst drehte die kaum 12 Zentimeter lange Silhouette in der Hand hin und her und hielt sie gegen das Licht. Dann reichte er sie mir und prüfte den Umschlag, während Lady Blackmoore und ich die Köpfe über die Silhouette beugten. Das schwarze Papier war ziemlich dick und beiderseits schwarz, fühlte sich auch recht hart an.

»Der Umschlag enthält nichts weiter,« erklärte Harald. »Mithin steckt die Mitteilung in dem Schuh.«

Wir drei tauschten ungläubige Blicke aus.

Harst rief einen Matrosen herbei. »Bringen Sie mir bitte eine kleine Schüssel lauwarmes Wasser. «

»Die Silhouette besteht aus zwei Stücken Papier,« sagte er dann zu uns. »Es ist schwarzes Glanzpapier, das man mit den weißen Seiten zusammengeklebt hat. Wenn man ganz scharf hinsieht, bemerkt man auf der einen Seite des Silhouetten-Schuhs eine Reihe feiner Wölbungen. Ich nehme an, daß dort mit Bleistift etwas geschrieben steht. Natürlich auf der weißen Seite. Die Schrift hat sich etwas durchgedrückt. Bleistiftzeilen verlaufen nicht, wenn man sie mit Kleister überzieht.«

Der Matrose brachte die Schüssel, und Harald legte den papiernen Spangenschuh in das Wasser.

»Was wird wohl diese Mitteilung enthalten, Master Harst?« fragte Lady Blackmoore interessiert.

»Es sind höchstens sechs Worte,« erwiderte Harald. »Zu einer Drohung genügen sechs Worte, Mylady.« Er lächelte etwas. »Lady Broog liebt die Effekthascherei. Dieser Schuh ist eine ganz nette Spielerei. Anna Broog rechnete damit, daß ich die Mitteilung finden werde.«

Er versuchte, ob die Teile der Silhouette sich bereits trennen ließen.

»Ein guter Klebstoff,« meinte er. »Es wird noch eine Weile dauern, bevor wir lesen können, was Lady Broog mir zu melden hat.« Das klang wieder so gutmütig-ironisch.

Lord Percy erhob sich und sagte ablenkend:

»Die Küste ist verschwunden –« Er stellte sein Fernglas ein. »Ah – es kommt ein weißer Dampfer hinter uns her. Nein – kein Dampfer. Das muß ebenfalls eine Motorjacht sein –«

Harald sprang auf.

»Bitte das Glas, Mylord –«

Blackmoore reichte es ihm. Harald trat an die Reling und schaute lange nach dem mit bloßem Auge nur schwer erkennbaren Schiffe aus.

»Es ist der Meteor Lord Albemarles.« sagte er dann.

»Wie – der Meteor?!« rief Blackmoore. »Ob man etwa –«

Er führte den Satz nicht zu Ende. Harst hatte die beiden Teile der Silhouette jetzt gelöst und hielt das eine Stück auf der flachen Hand.

Lord Percy bemerkte ebenso wie die Lady und ich auf Haralds Gesicht einen ganz besonderen Ausdruck, – den der Ueberraschung und einer gewissen Unruhe.

Da hob Harald den Kopf und sagte zu mir:

»Lieber Alter, packe unsere Koffer wieder. Wir werden nach einer halben Stunde die Atlanta verlassen.«

»Aber weshalb denn?!« meinte Lord Percy etwas verletzt. »Ich denke, Sie haben keinen Grund –«

Vor Harsts ernstem Blick verstummte er.

»Wir haben Grund, die Atlanta zu verlassen,« erklärte Harald noch immer etwas geistesabwesend. »Hier steht mit Bleistift geschrieben:

»Sie werden um ¼8 umkehren!«

Es ist dies die Mitteilung Lady Broogs an mich. Und Britton sprach von einer Unpäßlichkeit Albemarles. Und – dort hinten kommt Albemarles Jacht in voller Fahrt auf uns zu. Es ist etwas passiert in Madras, Mylord. Und daß etwas passieren würde, wußte Lady Broog. Sie wußte auch, daß dieses Etwas mich bestimmen würde, um ¼8 umzukehren –«

Er hatte seine Uhr gezogen.

»Bitte – es ist fünf Minuten nach sieben Uhr. In zehn Minuten hat uns der Meteor einholt. Lady Broog scheint mit diesem Silhouetten-Schuh doch nicht lediglich eine Effekthascherei beabsichtigt zu haben. Sie zwingt mich, nach Madras umzukehren, wo sie sich in allerlei Verkleidungen aufhält. Gestern erkannte ich sie, wie ich schon erwähnte, zwei Mal: als junger Hindu und als ältere, grauhaarige Europäerin. Vielleicht wird ein drittes Wiedersehen mit ihr für beide Teile nicht ganz harmlos verlaufen.«

Lady Blackmoore wandte sich ihrem Gatten zu.

»Percy, wir setzen unsere Reise fort,« meinte sie. »Ich möchte dieser Frau nicht nochmals begegnen. In meinen Augen ist sie nicht lediglich die exzentrische Lady Broog. Ich traue ihr alles Schlechte zu.«

Der Lord nickte. »Ganz einverstanden. Zunächst aber müssen wir abwarten, ob Master Harsts Voraussage eintrifft. Ich kann an diesen Zusammenhang nicht recht glauben. Wenn etwas in Madras passiert ist – etwas, also doch wohl ein Verbrechen! – und wenn Lady Broog dieses vorherwußte, dann – dann kann sie selbst an diesem Verbrechen beteiligt sein, mehr noch, – sie muß dabei die Hand mit im Spiel gehabt haben. Wäre dem so, dann müßte man sie anderseits für geistig nicht ganz normal halten, da sie ja ihren gefährlichsten Verfolger, eben Master Harst, durch die Silhouette und deren Aufschrift auf sich aufmerksam gemacht hat. – Nein, lieber Harst, diese Ihre Annahme kann nicht stimmen.«

Harald saß im Liegestuhl und starrte in die Ferne. Es schien, als hätte er Lord Percys Worte gar nicht gehört.

Wir schwiegen und schauten nach dem Meteor aus. Die weiße Jacht kam näher und näher.

Gleich darauf näherte sich der Atlanta in dem Motorkutter des Meteor ein kleiner, hagerer Herr, der uns schon von weitem eifrig zuwinkte.

Der Herr war der Privatdetektiv Britton aus Madras.

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