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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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5. Kapitel. Lady Anna Broog

Wir erhielten Essen und Trinken. Man hatte uns auch die Fesseln wieder abgenommen. Vor der Kammertür lagen auf einer Matte beständig die beiden Malaien. Wir durften nicht sprechen. Als Harald dieses Verbot mißachtend mit mir zu flüstern begann, warf der eine Malaie seinen Dolch haarscharf an Harsts Kehle vorbei in die Wand, wo die lange Waffe stecken blieb.

Nein – dieses Abenteuer wurde jetzt wirklich ungemütlich. Die Tür blieb offen. Und die Acetylenlaterne umhüllte uns ständig mit ihrem grellen Licht.

Ich sah nach der Uhr. Es war jetzt genau Mittagszeit. Noch neun Stunden beließ man uns in der Kammer. Dann wurden wir wieder gefesselt und mit verbundenen Augen in ein Boot geführt. Es war ein Motorboot. Ueber eine Stunde, so schätzte ich, fuhren wir auf einem Flusse entlang. Ich hörte Bäume rauschen, hörte das Gekreisch von Affenherden, hörte auch das Brüllen von Wasserbüffeln und den heiseren Schrei von Vögeln.

Das Boot hielt an. Man brachte uns über eine Laufplanke an Land. Man führte uns offenbar durch eine felsige Wildnis, ließ uns klettern, half uns über Hindernisse hinweg.

Dann ging es eine endlose Steintreppe abwärts. Es mußte ein Tunnel, ein Schacht sein, in dem die Treppe abwärts lief. Die Luft wurde kühler und kühler, dann wieder wärmer. Wir schritten nun über kahlen, ebenen Felsboden hin. Und abermals ging es eine Steintreppe aufwärts. Dann schienen wir am Ziel zu sein. Man nahm uns die Tücher wieder ab.

Vor uns standen die beiden Malaien und der Matrose Brigham.

»Master Goorb laßt Ihnen sagen.« erklärte Brigham, »daß es ihm sehr leid tut, Ihnen gegenüber Zwang anwenden zu müssen. Er macht Ihnen nochmals den Vorschlag, daß Sie beide –«

Harst winkte kurz ab! »Lassen Sie, Brigham. Jedes weitere Wort ist zwecklos. Sie werden die Suppe ausessen müssen, die Sie sich hier eingerührt haben.«

Der Pockennarbige blickte zu Boden. Ihm war offenbar nicht ganz behaglich zu Mute. – »Ich habe Ihnen dann zu eröffnen,« erklärte er darauf recht kleinlaut, »daß jeder Fluchtversuch Sie das Leben kostet. Sie haben hier zwei Räume zur Verfügung. Am Tage werden Sie ein paar Stunden im Tale auf und ab gehen dürfen.«

Er nahm uns die Handfesseln ab. »So – ich lasse Ihnen diese Petroleumlaterne hier. Gute Nacht.«

Die schwere, dunkle Holztür fiel zu. Wir waren allein. Harald schaute mich an und lächelte.

»Spiegelfechterei, mein Alter!« sagte er auf deutsch. »Diese exzentrische Dame hat bis zuletzt gehofft, wir würden nachgeben –«

Er beleuchtete dann mit der Laterne diesen kleinen Raum, der mit seinen kahlen Steinwänden und den dürftigen Möbeln nicht gerade wohnlich wirkte. Eine durch einen Vorhang verhüllte Türöffnung führte in ein noch kleineres Gemach, das so etwas wie ein Badezimmer ohne Badewanne vorstellen sollte. Auch hier gab es nur schießschartenähnliche Fenster, die für einen Mann zum Durchkriechen zu schmal waren.

Harst löschte die Laterne aus. Wir hatten ja unsere Feuerzeuge. konnten sie also jeden Augenblick wieder anzünden. Wir setzten uns auf das eine Bett, nachdem wir versucht hatten, durch die Schießscharten einen Blick ins Freie zu werfen. Es war draußen jedoch so dunkel, daß wir nichts sehen konnten.

»Lady Anna Broogs Absichten sind jetzt geklärt,« begann Harald leise. »Sie will Lady Blackmoore aus Eifersucht verschwinden lassen.«

»Lady Anna Broog? Wer ist denn das?« fragte ich erstaunt.

»Das ist James Goorb, mein Alter. In den Zeitungen, die auf dem Tische in der Kabine lagen, fand ich noch mehr recht interessante Notizen. Aus ihnen ging hervor, daß die »exzentrischste Dame dieses Jahrhunderts« eine junge Witwe Anna Broog, Lady Broog, ist. Ihr Name war mir nicht fremd. Sie hat schon manchen tollen Streich sich geleistet und – Horch', was war das eben?! Das klang wie Weinen und Schluchzen!« Er sprang auf und eilte an das eine Fenster. Dort stand noch der Tisch, auf den wir vorhin gestiegen waren, um hinausschauen zu können. Harst war mit einem Satz oben und steckte den Kopf durch die schmale Maueröffnung, zog ihn wieder zurück und flüsterte: »Hilf mir! Vielleicht kann ich in der Seitenlage doch hindurch. Hebe mir die Beine an. – Warte – so, nun los!«

Und wirklich: es glückte! Der schlanke Harst hing jetzt nur noch mit einem Fuß in der Oeffnung, den Kopf nach abwärts. Dann verschwand auch dieser Fuß. – Unsere Zellen lagen im Erdgeschoß dieses Steingebäudes. Man hatte uns im Innern des Hauses seine Treppe hinaufgeführt. Harald konnte sich also kaum beschädigt haben, als er sich aus dem Fenster auf den Boden fallen ließ. Trotzdem wartete ich auf ihn mit steigender Ungeduld und Sorge. – Das Weinen und schluchzen war verstummt.

Mit einem Male ein Geräusch von der Tür her, dann eine Stimme: »Komm', es sind nur die beiden Malaien als Wächter hier. Sie sitzen eine Treppe höher in einem Gemach und rauchen und schwätzen.«

Ich mußte die Stiefel ausziehen. Harald nahm mich bei der Hand. Es ging in tiefster Dunkelheit eine gewundene Steintreppe empor. Dann sah ich in dem etwas helleren Gange vor mit einen Lichtschimmer.

»Dort stecken sie,« hauchte Harst. »Sie haben unsere Pistolen vor sich auf dem Fußboden liegen. Ich habe mir zwei Steine besorgt. Ich bin nicht gerade für Roheiten. In diesem Falle geht's nicht anders –«

Er huschte weiter. Ich beobachtete, wie er den Arm zum Wurfe schwang. Ich wußte, wie tadellos er traf.

Drinnen ein Aufschrei. Harst schleuderte den zweiten Stein, sprang sofort hinterdrein.

Als ich nun selbst in das Gemach stürzte, war schon alles vorüber. Harald hatte unsere Pistolen in der Hand, und die Malaien lagen halb bewußtlos auf dem Steinplattenboden.

»Binden!« sagte er kurz. Ich beeilte mich. Die Lederriemen, mit denen wir gefesselt gewesen waren, fand ich neben der Laterne, die auf einem Schemel stand. Die beiden Malaien wagten keine Gegenwehr. Wir nahmen ihnen die Waffen ab. Ich blieb dann als Wächter vor der Tür. Harst schritt mit der Laterne den Gang entlang, riegelte eine Tür auf, klopfte und trat ein.

Ein lauter Aufschrei: »Master Harst – also doch! Auf Sie hatte ich gehofft!«

Gleich darauf erschien Harald wieder im Gange und öffnete nun auch die andere verriegelte Tür, hatte sie aber kaum eine Handbreit aufgezogen, als Albemarle und Blackmoore, die offenbar neben der Tür gelauert hatten, sich in völliger Verkennung der Sachlage auf ihn stürzten und ihn zu Boden reißen wollten.

»Stopp!« rief Harald und parierte einen Boxhieb des grimmen Albemarle. »Belohnt man so den Befreier, meine Herren?!«

Auch Lady Blackmoore trat jetzt auf den Gang hinaus. – Harald gab sich mit langen Erklärungen nicht ab. Die beiden Malaien ließen sich einschüchtern und verrieten das, was sie wußten. Viel war es nicht. Vor vier Wochen hatte »James Goorb« ihrer fünfzehn angeworben und durch glänzende Bezahlung gefügig gemacht. Zehn Malaien und zwei Europäer von der Mohalla hatten in jener Montagnacht die Atlanta entführt, nachdem die Besatzung ohne Blutvergießen und ohne Lärm überwältigt worden war. Diese beiden Malaien waren jedoch nicht dabei gewesen. Sie konnten mir noch angeben, daß der Tuwan Goorb der Atlanta im Motorkutter gefolgt, sehr bald aber wutschnaubend zurückgekehrt war, und daß dieses Gebäude hier eine alte Radschaburg sei, die in einem steilen Felsental unweit der Mündung des sehr sumpfigen Tamari-Flusses liege. Brigham sei jetzt an Bord der Mohalla geeilt, die auf dem Tamari ankere; er habe morgens wiederkommen wollen. –

Wir waren jetzt unserer fünf. Denn Lady Blackmoore konnten wir getrost als Mann rechnen. Sie schoß vorzüglich und brannte geradezu darauf, dieses verbrecherische Weib unschädlich zu machen, das, wie der Lord ihr offen anvertraut hatte, einst wohl Ansprüche auf ihn gehabt, diese aber durch ihr unweibliches Verhalten sich völlig verscherzt hatte.

Einer der Malaien sollte dann den Führer zum Flusse spielen. Der andere bat und flehte so lange, bis wir ihn ebenfalls mitnahmen. Beide versprachen, fortan treu zu uns zu halten. Unterwegs überredete Harald sie dann noch zu einem listigen Streich, der die Mohalla am bequemsten in unsere Gewalt bringen sollte. Lord Blackmoore sicherte ihnen hohe Belohnungen zu, wenn sie genau nach Harsts Anordnungen handeln würden. Sie sollten sich an Bord der Piratenjacht begeben und ihre Landsleute veranlassen, die mir aus 8 Mann bestehende weiße Besatzung zu überwältigen.

Ich gehe über diese Einzelheiten hinweg, da sie seiner Zeit in der Presse aller Länder bis ins kleinste geschildert worden sind. Der Plan gelang jedenfalls. Die beiden Malaien hatten sich sehr klug benommen.

Die Mohalla lag an einem halb verfallenen Landungssteg. Der Morgen graute gerade, als wir auf das vereinbarte Signal hin an Bord gingen. –

Lady Anna Broog saß im Salon, von zwei Farbigen bewacht. Als wir eintraten, schnellte sie hoch und schoß auf Harst zu. – »Sie sind an allem schuld! Nur Sie!« fauchte sie ihn wie eine Katze an. »Sie werden mich noch kennenlernen! Ich bin eine unversöhnliche Feindin!«

Dann ging sie – scheinbar zu ihrem Sessel zurück. Sie trug noch Männerkleidung. Plötzlich war sie mit zwei Sätzen an der getäfelten Wand, drückte eine verborgene Tür auf und verschwand. Ehe wir die Tür eingeschlagen hatten – ein Verschluß war nicht zu finden, – hörten wir schon den Motorkutter der Mohalla knatternd davonrasen. Wir stürzten an Deck. Am Steuer des Kutters stand Lady Broog und winkte uns höhnisch zu. –

Die Mohalla fuhr eine halbe Stunde später den Fluß hinab und nahm Kurs auf das nahe Madras.

Im Salon gab Harald uns die letzte Aufklärung über dieses einzig dastehende Piratenstückchen einer englischen Aristokratin. Und Brigham, in Wahrheit ein Franzose namens Tallien und Besitzer der Mohalla, die Lady Broog nur gemietet hatte, bestätigte alles. – Als Bessie Flepp und ihr Verlobter Melkope damals nachts an Bord der Atlanta gegangen waren, hatten die Spione Lady Broogs sie für Lord Blackmoore und seine Gattin gehalten, ein Irrtum, der insofern leicht möglich war, da Melkope entfernte Aehnlichkeit infolge seines falschen Bartes mit Lord Blackmoore hatte und weil Lady Broog wußte, daß das Ehepaar sich demnächst wieder auf der Atlanta einschiffen wollte. – Nur deshalb war in jener Montagnacht die Atlanta entführt worden. Lady Broogs Spione beobachteten dann auch unsere Ankunft in Madras und ließen uns nicht mehr aus den Augen. – Die Atlanta, ebenso Lord Albemarles Meteor waren bereits wieder freigegeben worden. Wir fanden sie denn auch im Hafen von Madras vor. –

Lord Albemarle zog aus diesem Abenteuer die einzig richtige Lehre und – machte selbst bei Mutter Flepp den Freiwerber für seinen Rivalen Toni Melkope. Bessie und Tom sind längst ein glückliches Paar. Alles weitere erfährt der Leser in der folgenden Erzählung, in der einer der goldenen Spangenschuhe der Lady Broog eine nicht alltägliche Rolle spielt.

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