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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140611
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4. Kapitel. Die Frau mit den goldenen Schuhen

Harst und ich fuhren gleichzeitig empor.

Ein überlauter Knall und eine starke Erschütterung des Schiffes hatten uns hochgetrieben.

»Ein Geschützschuß,« meinte Harald. »Er dürfte dem Meteor Lord Albemarles gegolten haben, als Signal zum Stoppen.«

»Meteor?«

»Natürlich, mein Alter.« Harst setzte sich wieder. »Du sahst doch, wie erregt Brigham vorhin im Salon der Jacht mit dem Weibe flüsterte. Man wird den Meteor bemerkt haben, der der Mohalla gefolgt ist. Und weil der Meteor der Jacht folgte, muß Albemarle irgendwie erfahren haben, daß man uns beide gefangen genommen hat.«

Oben auf Deck liefen eine Menge Leute hin und her. Aber ein zweiter Schuß wurde nicht abgefeuert.

Und ich nahm wieder Platz. Mir war der Kopf ganz wirr von all den Eindrücken der letzten Stunden. Ich konnte gar nicht daran glauben, daß die Mohalla ein Piratenschiff sein sollte.

Ueberhaupt – Piraten?! Gewiß, in den malaiischen und in den chinesischen Gewässern gab es noch hin und wieder farbige Seeräuber. Aber die Mohalla war doch ein elegantes Schiff mit Schonertakelung und Hilfsmotor! –

Harald hatte die Zeitung jetzt in der Hand, die ich vorhin durchgeblättert hatte.

Ich sah, wie er nun den Artikel über die gestörte Trauung Lord Blackmoores überflog.

Es legte das Blatt weg, nahm die anderen Zeitungen vor und vertiefte sich hie und da in eine Notiz.

Seine Stirn lag in Falten. Seine Augen waren ganz klein geworden. Ich merkte: er las nicht, nein, – nur seine Augen suchten einen beliebigen Ruhepunkt. Er starrte unverwandt auf dieselbe Stelle der Zeitung.

»Wenn's das wäre!« murmelte er nun.

Und dann schlug er sich mit der flachen Hand vor dir Stirn.

»Goorb – Goorb! Ich hätte sofort daran denken müssen,« rief er. »Man ist eben noch immer nicht sorgfältig genug! Es wird mir eine Lehre sein!« – Er wollte noch mehr hinzufügen. Die Tür wurde jedoch plötzlich aufgestoßen, und herein traten zwei Farbige, die nur mit Leinenhosen bekleidet waren. In den um die Hüften geschnallten Riemen steckten lange Dolche und hingen Revolvertaschen.

»Ihr sollt gefesselt werden,« sagte der eine in schlechtem Englisch. »Der Tuwan befiehlt es.« (Tuwan, Herr. Malaiischer Ausdruck).

Harald nickte nur. Wir standen auf. Der andere Farbige, dem Gesichtsschnitt nach ebenfalls ein Malaie, hielt einen Revolver schußbereit, während der erste uns mit dünnen Büffelriemen die Hände vor der Brust in sehr raffinierter Art so zusammenband, daß wir die Knoten einer dem anderen unmöglich aufmachen konnten, anderseits dadurch aber auch nicht gepeinigt wurden. Das Bestreben des Malaien, uns Schmerzen zu ersparen, war deutlich herauszumerken. – Dann verband er uns die Augen und führte uns auf Deck und das Fallreep hinab in ein Boot. Wir wurden hier auf eine Bank gedrückt Benzindüfte umwehten uns. Ein Motor sprang an. Das Boot schoß davon. Die See ging ziemlich hoch. – Nach etwa einer Stunde brachte man uns wieder auf ein größeres Schiff und über eine schmale Treppe in eine winzige Kammer. Hier wurden uns die Tücher von den Augen entfernt. Wieder standen die Malaien vor uns. Der eine hatte eine Petroleumlaterne in der Hand.

»Wenn Ihr nicht zu entfliehen gedenkt, nehme ich Euch die Fesseln ab.« sagte derselbe Sprecher von vorhin.

Harald schien zu überlegen. Dann erwiderte er:

»Wie lange sollen wir hier gefangen gehalten werden?«

»Das bestimmt der Tuwan.«

»Dann bestelle dem Tuwan, daß er sich vor mir inachtnehmen soll. Ich werde die Rache vernichten.«

Ich horchte auf. – Die Rache vernichten?! Was hieß das?

Der Malaie stand unschlüssig in der Kammertür.

»Der Tuwan würde Euch sofort freilassen,« meinte er zögernd.

»Unter welchen Bedingungen?«

»Daß Ihr schwört, Euch nie mehr mit der Mohalla oder dem Tuwan oder sonst einem der Besatzung irgendwie zu beschäftigen.«

»Das lehnen wir ab. Geh' und sage das dem Tuwan. Ich werde ihn finden – später! Ich heiße Harald Harst!«

Der Malaie drückte die Tür zu. Wir waren im Dunkeln. Die Laterne hatte er mitgenommen. Wir hörten, wie zwei Riegel vorgeschoben wurden.

Bisher hatte mich dieses Abenteuer nicht sonderlich erregt. Jetzt aber begann ich diese Haft doch mit ernsteren Augen anzusehen. Zunächst aber fragte ich Harald:

»Was hieß das vorhin: »Ich werde die Rache vernichten«?«

»Mohalla ist ein malaiisches Wort und bedeutet Rache oder Vergeltung.«

»Ah – das also ist's!«

»Ja – es ist eben Rache, mein Alter. Und die Hauptsache: jetzt weiß ich alles! Jetzt werde ich James Goorb beweisen, daß man mich nicht ungestraft derart behandelt.«

»Wer ist dieses verkleidete Weib?« – In demselben Moment, wo mir diese Frage über die Lippen kam, dachte ich an die Notiz in der alten Nummer der englischen Zeitung in der Kabine der Mohalla, an die Notiz über die gestörte Hochzeit Lord Blackmoores.

Man wendet so oft die Redensart an, daß einem »die Erleuchtung blitzartig kommt.«

So war es jetzt bei mir in dieser Phrase vollster Bedeutung: ich dachte an die millionenreiche, exzentrische Dame, die vom Chor herab aus verschmähter Liebe den Lord mit dem Revolver bedroht hatte. – Konnte nicht diese Frau James Goorb sein?! Konnte nicht die Atlanta von diesem Weibe aus Rache entführt worden sein?! Hieß nicht die Schonerjacht dieser Frau Mohalla = Rache?!

»Harald,« flüsterte ich, »James Goorb ist die Dame, die Lord Blackmoore erschießen wollte, als –«

»Aha!« rief er leise. »Es beginnt zu tagen –!«

»Diese Frau hatte die Atlanta in ihren Besitz gebracht, um sich an Blackmoore zu rächen,« fuhr ich fort.

»Stopp, lieber Alter! Ein logischer Fehler! – Was macht es einem so reichen Lord aus, wenn man ihm seine Jacht stiehlt und vielleicht vernichtet?! Wird sich so eine Frau rächen, die den Lord einmal geliebt hat und der er dann doch eine andere vorzog?! Nein – niemals!«

Ich schwieg und grübelte.

»Dann – dann ist mir die Sache rätselhaft,« meinte ich schließlich. –

Harald und ich hatten uns nebeneinander an die Rückwand der Kammer gelehnt. Es folgte eine lange Pause tiefsten Schweigens. Wir merkten, daß wir auf einem durch Maschinenkraft angetriebenen Fahrzeug uns befanden. Der Schiffsrumpf zitterte leicht.

Ich hielt dieses Schweigen nicht länger aus.

»Wo mögen wir jetzt sein, Harald?« fragte ich. »Vielleicht gar auf der Atlanta?«

»Dasselbe nehme ich an. Wir werden –«

Die Riegel wurden zurückgeschoben. Man leuchtete in die Kammer hinein. Es war das grellweiße Licht einer Acetylenlaterne, das uns geradezu blendete.

»Folgen Sie uns!« sagte eine rauhe Stimme. Sie gehörte dem Matrosen Brigham.

Wir standen auf. Brigham ging voraus. Hinterdrein kamen die beiden Malaien.

Gleich darauf waren wir in einem so luxuriös eingerichteten Schiffssalon, daß der Salon der Mohalla dagegen als recht bescheiden bezeichnet werden mußte.

Und – wir waren hier mit James Goorb allein. – Die Verkleidete winkte. Wir setzten uns ihr gegenüber in zwei weiche Saffianleder-Klubsessel.

»Master Harst,« begann die Frau wieder mit verstellter Stimme, »wenn Sie nicht das Versprechen abgeben, das ich Ihnen dem Inhalt nach bereits durch den Malaien mitteilen ließ, werden Sie ein volles Jahr Ihren selbsterwählten Beruf nicht ausüben können, das heißt, ich werde Sie an einem Orte gefangen halten, von wo es kein Entrinnen gibt. Ich verlange sofort eine Antwort. Ueberlegen Sie sich diese aber genau. Ich drohe wirklich nicht zum Scherz.«

»Oh, das weiß ich, Mistreß, das weiß ich –«

Sie schnellte hoch. »Mistreß – Mistreß?! Seien Sie nicht albern! Ich bin kein Weib!«

Harald lachte leise auf. »Das stimmt: ein Weib wird nicht so leicht zum Kapitän eines Piratenschoners werden. Ein solches Weib ist nur dem Namen nach –«

»Genug!« rief sie. »Genug! Ich verlange Antwort!«

»Nein!« erklärte Harald kurz.

Die Verkleidete stampfte mit dem Fuße auf. Auch diese Aeußerung des Aergers war echt weiblich, war die Angewohnheit einer verwöhnten, launischen Frau. – Dann verließ sie den Salon durch die Tür nach der Treppe zu. Sofort traten die beiden Malaien ein und bewachten uns.

Wir blieben nicht lange allein. Uns standen noch ganz ungeahnte Ueberraschungen bevor.

Die andere Tür des Salons ging auf. Als erster erschien Lord Robert Albemarle; hinter ihm kam Lord – Blackmoore. Zuletzt Lady Blackmoore.

Die drei sahen bleich und verstört aus. Albemarle hatte uns kaum erblickt, als er auch schon in einem Anfall ohnmächtiger Wut brüllte:

»Ah – auch Sie, meine Herren, hier, auch Sie! Daß Sie auf die Mohalla geschleppt wurden, beobachtete Master Tousam, der Privatsekretar Blackmoores, den ich vom Hotel Imperial aus Ihnen nachgeschickt hatte. – Ich wollte –«

Der eine Malaie hatte auf Albemarle angelegt und drohte:

»Der Tuwan hat zu schießen befohlen! Schweig'!«

Albemarle und Blackmoore, ebenso die Lady waren nicht gefesselt. Man hielt sie für harmlos. Albemarle machte Miene, sich auf den Malaien zu stürzen. Aber Blackmoore hielt ihn zurück und zerrte ihn nach dem Wandsofa hin, neben dem unsere Sessel standen. Die Lady folgte ihnen mit verängstigtem Gesicht. Ihre Augen waren vom Weinen stark gerötet.

Wir fünf saßen nun schweigend da und warteten. Worauf? – Keiner von und ahnte es.

Eine Viertelstunde mochte verstrichen sein, als die andere Tür aufging und – eine verschleierte, schlanke Frau eintrat.

Sie trug eine Gesellschaftsrobe, mattlila, reich mit Spitzen garniert, dazu einen Spangenschuh aus mattgoldenem Stoff. Auf den Schuhen blitzten und sprühten Diamanten. Ihr Gesicht war durch einen jener silberdurchwirkten Kaschmirschleier verhüllt, wie sie höchst selten in den Handel kommen. Dieser Schleier aber befindet sich jetzt in Haralds Raritätensammlung.

Sie schritt langsam bis in die Mitte des Salons, winkte den Malaien, die sofort verschwanden, und zog den Schleier vom Gesicht.

Es war ein pikantes Frauenantlitz von eigenartigem Liebreiz. Es waren aber James Goorbs Augen, die sich jetzt fest auf Lord Blackmoore richteten.

Blackmoore schrie leise auf, hatte die Hände wie abwehrend erhoben.

Die Frau machte ebenso plötzlich kehrt und ging wieder hinaus.

Diese kurze Szene war wie ein seltsamer Spuk. Leider aber war das, was nun folgte, desto eindrucksvoller durch die Gebärden und die Mienen der Beteiligten.

Lady Blackmoore weinte und rief mit halb erstickter Stimme:

»Percy, wer war diese Frau?!«

Und Albemarle brüllte wieder in neu erwachter Wut:

»Blackmoore, ich verlange Aufschluß über –«

Percy Blackmoore war mit einem Male wie in einer Ohnmachtsanwandlung zusammengesunken und hatte die Stirn auf die Tischkante gestützt. –

Die Malaien eschienen. »Folgt uns!« rief der eine dem Ehepaar und Albemarle zu. Dieser jedoch hatte schon einen Sessel gepackt und wollte ihn auf den Malaien schleudern. Im selben Moment erlosch das Licht im Salon.

Harald und ich hörten Albemarle fluchen, hörten noch ein Röcheln, einen Aufschrei Lady Blackmoores und ihres Gatten matte Stimme: »Ich wehre mich nicht. Meinetwegen könnt Ihr mich ersäufen –«

Das Licht flammte wieder auf. Wir waren wieder im Salon mit den beiden Malaien allein, die uns nun zurück in unsere Kammer brachten.

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