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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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2. Kapitel. Der vielseitige Albemarle

»Hast Du denn gar nichts bemerkt, Mutter Flepp?« fragte Harald in vorsichtigem Flüsterton. »Bessie muß doch mit irgend jemand in letzter Zeit vertrauter gestanden haben. Hat ihr nicht dieser oder jener Deiner Gäste stärker den Hof gemacht?«

Sie schüttelte den Kopf, holte aus der Tasche eine Photographie hervor und hielt sie uns hin.

»Das ist meine Bessie, mein einziges Kind. Für sie hab' ich als Witwe mich hier mit dem verfluchten Matrosenvolk herumgeärgert. Für sie habe ich gespart. Zweiundzwanzig ist sie alt, war in England zwei Jahre in Pension –«

»Halt,« meinte Harst. »Sie war stets sehr ablehnend Männern gegenüber, erzählte Davis uns.«

»Das stimmt. Sie galt für hochmütig. In der Kneipe war sie nie zu sehen. Sie hatte die Küche unter sich, und sie war fleißig und kochte großartig.«

»Wann kehrte sie aus England zurück?«

»Vor acht Monaten.«

»Und sie hatte hier keinen Verehrer, Mutter Flepp?«

»Verehrer?! Jung', bei der hätt'st Du nicht mal Glück gehabt.«

»Sie kann dann doch aber unmöglich mit einem Manne durchgebrannt sein, Mutter Flepp?!«

»Es ist so. Sie ist ja gesehen worden. Sie war Montag abend in das Gayty-Theater gegangen. Es gab so 'n modernes Stück. Zufällig war Käp'ten Dobbler auch da.«

»Wer ist Dobbler?«

»Der Eigentümer und Kapitän des Motorschleppers »London«, ein Freund meines seligen Mannes. Und dieser Dobbler hat beobachtet, wie Bessie nach dem zweiten Akt mit einem Herrn, der neben ihr gesessen hatte, hinausging. Sie kam auch nicht wieder. Sie hat sich eben von diesem Unbekannten umgarnen lasten und – na, – seitdem ist sie eben weg.«

Harald schob den Teller beiseite und besichtigte die Photographie.

Diese Bessie Flepp war wirklich ein hübsches Mädchen. Sie sah geradezu vornehm aus. In ihrem Gesicht war ein Zug von hochmütiger Verschlossenheit.

Harald steckte die Kabinettphotographie zu sich. »Du gestattest doch, Mutter Flepp. Ich werde das Bild brauchen,« sagte er kurz. Dann fragte er: »Wer wohnt dort neben uns?« Und er zeigte auf die verstellte Tür.

»Der Steuermann einer französischen Jacht.«

»Jacht? Etwa die, die unweit der Atlanta am Kai liegt?«

»Ja, die französische Jacht »Mohalla«, einem Monsieur James Goorb gehörig. Goorb, ein alter Herr, treibt sich im Lande herum. Die Besatzung hat er bis auf drei Mann beurlaubt. Zwei Leute sind als Wache an Bord, und der Steuermann Malcolm wohnt hier. – Weshalb fragst Du nach der Mohalla, Jung'?«

»Ich frage immer sehr viel, Mutter Flepp. Das liegt so bei uns im Beruf. – Ist einer der Leute von der Mohalla ein kleiner pockennarbiger, bärtiger Kerl mit goldenen Ringen in den Ohren?«

»Stimmt, Jung'. Das ist der eine Mann der Wache. Er heißt Brigham und ist Schotte.«

»So so – Ob der Steuermann Malcolm jetzt nebenan auf seinem Zimmer ist?«

»Nein, Harst, – da ist er nicht. Der Brigham holte ihn vor anderthalb Stunden aus der Kneipe unten weg. Sie hatten's mächtig eilig, die beiden. Seitdem ist Malcolm noch nicht zurückgekehrt.«

»Mutter Flepp, hast Du Bessies Zimmer ordentlich durchsucht? Vielleicht könnte man dort etwas finden, das Aufschluß über den Herrn gibt, mit dem sie das Gayty-Theater verließ.«

»Dort findest auch Du nichts, Jung'. Ich hab' alles um und um gekehrt. – Hm, nur etwas möchte ich Dir zeigen. Es lag auf Bessies Schreibtisch unter dem Marmorschreibzeug.«

Sie faßte in die Tasche und reichte Harst eine Spielkarte, und zwar eine Karo-Sieben.

»Es fiel mir auf,« erklärte Mutter Flepp weiter, »daß Bessie diese Karte dort versteckt hatte. Sonst hätte ich das Ding gar nicht beachtet. Ich habe die Karte auch Inspektor Davis schon gezeigt. Der lachte aber und wollte sie zerreißen.«

Harald erhob sich und trat unter die elektrische Hängelampe, besichtigte die Karte und schob sie dann ebenfalls in die Tasche.

»Du hast doch nichts dagegen, Mutter Flepp?« meinte er.

»Ne, Jung', – wenn Du nur die Bessie wiederbringst. Ich hab' doch nicht deshalb jeden Pfennig gespart, daß sie nun womöglich irgend einen hergelaufenen Kerl heiratet! Ich hab' ihr immer gesagt: Bessie, ich bin reich, Du kannst 'ne feine Partie machen!«

»Du hattest wohl schon einen Schwiegersohn in Aussicht, Mutter Flepp?«

»Und ob, Harst, und ob! Schon seit vier Jahren. Ein feiner Mann, ein Lord!«

»Was Du sagst – ein Lord!«

Sie lächelte geschmeichelt. »Ja, Lord Albemarle, früher Oberst in der Kolonialarmee.«

»Wohnt er hier in Madras?«

»Ja, seit fünf Jahren. Er ist in Bessie sehr verliebt. Sie könnte längst seine Frau sein. Schon bevor ich sie nach England in das Pensionat schickte, hätte sie sich mit dem Lord verloben können. Er ist sehr reich. Freilich, mit dem Alter paßt das nicht ganz. Er ist um die Fünfzig herum.«

Harald hatte sich eine Zigarette angezündet.

»Wo war Bessie in Pension, Mutter Flepp?«

»In Liverpool bei Miß Allins. Das vornehmste Töchterpensionat in Liverpool.«

»Gut, Mutter Flepp. Vorläufig weiß ich genug. Wir werden jetzt noch ausgehen. Gibt es eine Möglichkeit, unbemerkt ins Haus zu gelangen?«

»Ja, folgt mir nur.«

Wir schlossen das Zimmer ab. Wir ahnten nicht, daß wir es nicht wieder betreten sollten.

Mutter Flepp brachte uns über eine Seitentreppe auf den Hof und von hier durch einen überdachten Gang zwischen Grenzmauer und Haus an eine kleine Eisentür, die durch die Mauer auf eine Seitengasse führte. Sie gab uns den Schlüssel zu der Eisentür und zeigte uns, wo wir ihn draußen verbergen sollten. – Wir verabschiedeten uns von ihr mit kräftigem Händedruck. Sie rief uns noch leise nach: »Auf Geld kommt's nicht an, Jung's! Bringt mir nur die Bessie wieder!«

Die Hafengasse hier war völlig finster. Wir tappten nach dem Kai hinab.

»Ich fürchte, die Bessie wird nicht zurückkehren und erst recht nicht den Lord heiraten,« meinte Harst. »In Liverpool war sie in Pension. Da kann sie so leicht einen schmucken Seemann kennengelernt haben! – Mutter Flepp ist nicht so harmlos, wie sie scheint. Sie hat Bessie offenbar zu diesem Schritt gezwungen. Sie will, daß das junge Mädchen den Lord um jeden Preis heiratet –«

Er schwieg plötzlich. Er hatte noch mehr sagen wollen. Seine Hand krallte sich um meinen Arm.

»Da – da – der Mann mit den Ohrringen,« flüsterte er. »Und – neben ihm –«

»Ja – was gibt's denn? So sprich doch!«

Ich sah die beiden Gestalten, die dort an einem Haufen Fässer im Lichtschein einer der Bogenlampen standen. Gewiß – einer der beiden Leute war der Matrose Brigham, war der Spion, der uns auf dem Bahnhof beobachtet hatte.

Den anderen kannte ich nicht. Es war ein Herr mit grauem Spitzbart, der einen weißen Flanellanzug von etwas sehr jugendlichem Schnitt trug, dazu Lackschuhe mit weißen Gamaschen, einen Panamahut und – einen Kragen von beängstigender Höhe. – Kurz – es war der Typ des Lebegreises, der unbedingt noch jugendlich wirken will.

Die beiden waren keine zwanzig Schritt von uns entfernt. Wir befanden uns im Schatten. Sie standen in strahlender Helle.

»Lord Albemarle,« flüsterte Harst. »Kein Zweifel, es ist Albemarle. Ich besinne mich jetzt genau auf sein Gesicht. Sehr genau. Man findet ihn jede Woche in indischen Sportzeitungen abgebildet. Der Mann macht alles. Es gibt keinen vielseitigeren Menschen wie Albemarle.«

Nun erinnerte auch ich mich an den Namen Albemarle.

»Robert Albemarle, der Pferdezüchter, der Rennstallbesitzer und Autofex, – ich weiß Bescheid!« meinte ich.

»Da – er zieht sein Portefeuille,« flüsterte Harald wieder.

»Brigham lehnt das Geld ab –«

»Sie treten in den Schatten des Fässerstapels. Warte hier auf mich –«

Im selben Moment begann Harst auch schon ein bekanntes Matrosenlied zu gröhlen und torkelte, scheinbar schwer trunken, um die Ecke und den Weg an den Häusern entlang.

Sein Gesang wurde bald schwächer, verstummte ganz.

Ich ahnte, was er vorhatte. Er wollte die beiden belauschen.

Zehn Minuten verstrichen. Albemarle und Brigham standen noch immer dort hinter den Fässern. Ich war aufs höchste gespannt, was Harald ausrichten würde. Ich konnte mir gar nicht denken, daß es ihm gelingen sollte, so nahe an die beiden heranzukommen, um auch ganze Sätze ihres doch fraglos sehr leise geführten Gesprächs mit anhören zu können.

Jetzt löste sich dort aus dem Dunkel die helle Gestalt des Lords heraus. Er ging sehr eilig davon. Brigham entfernte sich nach der anderen Seite – dorthin, wo die Jacht Mohalla am Kai lag.

Gleich darauf taumelte Harald leise singend auf mich zu.

»Ihm nach – aber einzeln!« rief er halblaut. »Jetzt wird die Sache interessant –«

Er schritt weiter, torkelte immer weniger, setzte sich in Trab.

An der Ecke der Bond-Street hielt ein Auto. Lord Albemarle wollte gerade einsteigen, als Harst neben ihm auftauchte. Ich war nur drei Schritte zurück.

»Mylord, ein armer Seemann bittet um eine milde Gabe,« grunzte Harald, noch ganz atemlos.

Der Lord musterte ihn, griff in die Tasche und gab ihm eine Münze.

»Schicken Sie das Auto weg,« flüsterte Harst. »Wir wissen, wo Bessie Flepp ist –«

Der Chauffeur, ein Inder, konnte nicht verstehen, was sein Herr und der Seemann verhandelten.

»Wer sind Sie?« fragte Albemarle ebenso leise.

»Harald Harst –«

Der Lord fuhr zusammen.

»Harald Harst?! – Ach – Sie sind der Atlanta wegen hier –«

Dann befahl er dem Chauffeur, ihn vor dem Hotel Imperial zu erwarten. Das Auto schoß davon.

Wir drei bogen in die Anlagen ein.

»Setzen wir uns,« meinte Harald und wies auf eine Bank, die von einer der Laternen nur halb beleuchtet wurde.

Albemarle hatte die rechte Hand in der Jackentasche.

»Beweisen Sie mir, daß Sie Harst sind.« sagte er kurz. Er war mißtrauisch. In der Tasche steckte sicherlich eine Waffe.

»Mylord, meine Muttersprache mag Ihren Argwohn zerstreuen.« Er hatte deutsch gesprochen.

Albemarle reichte ihm die Hand. »Das genügt mir, Master Harst.« Dann gab er auch mir die Hand.

Wir setzten uns.

»Ich habe von Ihrem Gespräch mit Brigham genug verstanden, Mylord,« begann Harald sofort, »um daraus den Schluß ziehen zu können, daß Sie die Jacht Mohalla mit Bessie Flepps Verschwinden in Zusammenhang bringen. Sie haben Brigham schließlich 5000 Pfund geboten, wenn er Ihnen alles mitteilen würde. Er behauptete, er wüßte nichts, und er blieb dabei, obwohl 5000 Pfund doch ein Vermögen sind. Sie gingen dann auseinander, indem Sie Brigham drohten, die Mohalla polizeilich durchsuchen zu lassen. Der Matrose lachte dazu.«

»So war's,« meinte Albemarle. »Ich will Ihnen auch kurz berichten, wie die Dinge liegen, Master Harst. Ich gebe zu, daß ich Bessie Flepp über alles liebe. Man spöttelt hier in Madras über diese meine Leidenschaft. Ich bin aber anderseits auch kein so blinder Narr, daß ich Bessie gegen ihren Willen zu einer Ehe zwingen würde. Vielleicht haben Sie den Verdacht gehabt oder haben ihn noch, daß ich Bessie entführen ließ.«

»Ich hatte ihn, Mylord –«

»Nun gut. Sie werden Ihren Irrtum eingesehen haben. Die Sache ist die. Ich habe Bessie beobachten lassen, schon als sie in Liverpool war. Sie hat dort einen Steuermann kennengelernt, der zu der Besatzung der Atlanta Lord Blackmoores gehört. Der Mann heißt Melkope – Thomas Melkope. Ein hübscher Bursche, ohne Frage. Ich weiß weiter, daß dieser Melkope hier in Madras mit Bessie heimlich Briefe wechselte. Die beiden waren stets sehr vorsichtig, denn mit Mutter Flepp ist nicht zu spaßen. Sie hätte Bessie eine Verlobung mit dem Steuermann nie erlaubt und sie sofort enterbt. Am Montag abend beobachtete mein Beauftragter –«

»Also ein Privatdetektiv,« warf Harst ein.

»Ja – ein Detektiv namens Britton im Gayty-Theater, wie Bessie von einem Fremden mit blondem Vollbart – also nicht von Melkope – angesprochen und hinausgeführt wurde. Sie gingen sehr hastig. Britton kam zu spät. Das Pärchen war im Auto schon davongefahren. Britton vermutete, daß Bessie und der Fremde, den der Detektiv noch nie in Madras gesehen hatte, die Atlanta aufsuchen würden. Er eilte zum Westkai hinab und verbarg sich dort, um die Atlanta nicht aus den Augen zu lassen. Es regnete stark. Gegen Mitternacht tauchte dicht am Bollwerk der Matrose Brigham auf und unterhielt sich mit der Deckwache der Atlanta. Die beiden Matrosen, die auf der Atlanta die Wache hatten, lehnten an der Reeling. Brigham trank wiederholt aus einer Flasche, ließ dann auch die beiden anderen trinken. Nach einer Weile entfernte er sich. Britton war auf ihn argwöhnisch geworden und folgte ihm. Er kannte Brigham damals noch nicht. Er sah, daß der Mann mit den goldenen Ohrringen das Deck der Mohalla betrat und im Niedergang des Achterschiffes verschwand. Da auf der Mohalla keine Wache aufgestellt war, kroch der Detektiv an Bord und versuchte, durch das Oberlichtfenster des Kajütaufbaus in den Salon der Jacht hinabzusehen, der hell erleuchtet war. Die Oberlichtfenster waren zum Teil offen. Britton hörte, wie jemand sagte:

»Master Goorb, Sie können überzeugt sein, daß sie's waren. Alles ist in Ordnung. Die Atlanta geht sofort in See.«

Britton wußte nun, daß der Besitzer der Mohalla, ein Franzose James Goorb aus Marseille, angeblich im Innern irgendwo weilte. Nun hatte er den Beweis, daß dies nicht stimmte. Goorb befand sich auf der Mohalla. – Er hörte noch, wie Goorb befahl: »Haltet den Motorkutter bereit!«

Dann mußte Britton seinen Lauscherposten verlassen. Eine halbe Stunde später fuhr die Atlanta bei strömendem Regen davon. Von der Mohalla aber entfernte sich der zu dieser Jacht gehörige gedeckte Motorkutter. Wer drin war, konnte Britton nicht feststellen.«

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