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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
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Der Piratenschoner

1. Kapitel. Bei Mutter Flepp

Lord Percy Blackmoore, einer der reichsten Kohlenmagnaten Englands, hatte uns telegraphisch nach Madras gerufen. Wir hatten ihn und seine Gemahlin vor kurzem bei dem Maharadscha von Dschaipur kennengelernt, wo Harald Harst, wie ich im »goldenen Gongong« berichtet habe, die überaus kostbare schwarze Perlenkette der Lady Blackmoore dem Juwelendiebe Daniel Blooce wieder abnehmen konnte.

Wir trafen abends um 7 Uhr in der Hafenstadt Madras ein, die bekanntlich an der Ostküste Vorderindiens liegt.

Der Lord, ein schlanker Mann von dreißig Jahren, holte uns vom Bahnhof ab. Er befand sich mit seiner jungen Gattin auf einer Weltreise, hatte seine Motorjacht Atlanta in Madras verlassen und mehrere Städte im Innern besucht. Diese elegante, große Jacht war dann plötzlich aus dem Hafen von Madras, wo sie am Westkai nun schon drei Wochen gelegen hatte, eines Nachts verschwunden, und Harst sollte diesen Vorfall, dessen Einzelheiten wir nun erst erfuhren, aufzuklären suchen.

Blackmoore hatte uns vom Bahnhof in sein Hotel gebracht. Im Salon begrüßten wir die Lady und den Privatsekretär des Lords Marc Tousam, den wir ebenfalls schon kannten. Außerdem war der Chef der Hafenpolizei Inspektor Davis anwesend.

Mr. Davis, ein früherer Kapitän der Handelsmarine, hatte bereits die eingehendsten Nachforschungen nach dem Verbleib der Atlanta angestellt, deren Verschwinden jetzt drei Tage zurücklag.

Davis schilderte den Sachverhalt folgendermaßen.

Am Montag nachmittag hatte er noch mit dem Kapitän der Atlanta, Master Braxler, im Cafee Westminster eine Partie Schach gespielt. Braxler war ein alter Bekannter von ihm. Er hatte ihm erzählt, daß der Lord nun bald nach Kalkutta in See zu gehen gedenke. Um 7 Uhr abends hatten sie sich getrennt.

Am Dienstag früh drei Uhr hatte eine Barkasse der Hafenpolizei bei strömendem Regen die Atlanta etwa 500 Meter nach Osten zu auf der Reede getroffen. Die Jacht fuhr mit vorschriftsmäßigen Lichtern und mit halber Kraft zwischen den ankernden Schiffen hindurch. Da Kapitän Braxler die Jacht bei der Hafenpolizei nicht abgemeldet hatte, wie der auf der Barkasse befindliche Polizeibeamte wußte, nahm dieser an, es handele sich nur um eine Maschinenprobe, und ließ die Atlanta ungehindert passieren.

Aber – die Jacht kehrte nicht zurück. Der Dienstag und der Mittwoch vergingen. Davis telegraphierte Mittwoch abend an den Lord, der sich in Dehli befand. Der Lord depeschierte zurück, daß er Kapitän Braxler keinen Befehl zum Verlassen des Hafens von Madras gegeben hätte, und reiste sofort mit seiner Gattin ab, weil er bereits argwöhnte, daß sich irgend etwas Besonderes zugetragen haben müsse.

Davis hatte nach Eintreffen der Antwort Blackmoores sofort die Polizei mobil gemacht, um zunächst einmal festzustellen, ob die ganze Besatzung sich auf der Atlanta befände. Einschließlich Kapitän Braxlers zählte diese Besatzung vierzehn Köpfe. All die vierzehn Leute waren mit verschwunden.

Davis konnte nur annehmen, daß hier irgend ein Schurkenstreich vorlag und daß die Atlanta von einer Bande von Verbrechern in der regnerischen Nacht entführt worden war.

Diese Ansicht äußerte er jetzt auch Harst gegenüber, der ihn bisher durch keine Zwischenfragen unterbrochen hatte.

Wir saßen um einen großen Tisch herum in kostbaren Brokatsesseln. Das Hotel Imperial, in dem der Lord abgestiegen war, hätte jeder europäischen Weltstadt Ehre gemacht. Es war das erste in Madras.

»Haben Sie denn hier in Madras Verbrecher, denen Sie einen so großzügigen Streich zutrauen. Master Davis?« fragte Harald nun. »Die Entführung einer Jacht muß doch sehr sorgfältig vorbereitet werden. Ein solcher Plan erfordert genaueste Abwägung aller Einzelheiten.«

»Hm – eigentlich gibt es hier kaum so intelligente Schurken,« meinte Davis. »Wir sehen dem Gesindel verdammt scharf auf die Finger. Ich gebe zu, Master Harst, ich stehe hier vor einem Rätsel, da es ja ausgeschlossen ist, daß etwa ein Teil der Besatzung gemeutert hat und mit der Atlanta davongefahren ist«

»Ganz ausgeschlossen!« bestätigte der Lord. »Die Besatzung ist schon viele Jahre in meinen Diensten. Die Leute haben keinen Grund zur Unzufriedenheit. Ich bezahle sie gut, und zwischen mir und dem letzten Mann der Atlanta herrscht ein beinahe kameradschaftliches Verhältnis.«

»Dann kann nur eine Entführung vorliegen,« meinte Harst. »Ich möchte vorschlagen, daß wir getrennt arbeiten, Master Davis. Setzen Sie Ihre Ermittlungen fort, während Schraut und ich auf eigene Faust uns bemühen werden, die Sache aufzuklären. Ich kann damit jedoch erst übermorgen beginnen. Ich muß noch nach Bangalore reisen, wo ich etwas zu erledigen habe. Sonntag früh bin ich wieder hier.«

Lord Percy machte ein sehr enttäuschtes Gesicht.

»Ist das, was Sie in Bangalore vorhaben, Master Harst, denn wirklich so dringend?« fragte er.

»Ueberaus dringend, Mylord. Ich reise sogar noch heute wieder ab. Wenn ich mich nicht irre, geht um 10 Uhr ein Zug nach Bangalore.«

»Nur ein Personenzug, kein Eilzug,« erklärte Davis. –

Wir blieben noch eine halbe Stunde zusammen. Dann verabschiedeten wir uns. Davis kam mit. Es war jetzt ½9 abends.

»Ist es Ihnen recht, wenn wir mal nach dem Hafen fahren, Master Davis?« meinte Harald. »Ich möchte mir die Stelle am Kai ansehen, wo die Atlanta gelegen hat«

»Gewiß. Obwohl dort nicht viel zu holen ist, Master Harst. Der Westkai ist ein Kai wie jeder andere.«

Wir nahmen einen Wagen und waren in zehn Minuten mitten zwischen Lagerspeichern. Hafenkneipen und düsteren alten Häusern, die noch aus der Entwicklungszeit von Madras stammten.

»Lassen Sie den Wagen etwas vor der Liegestelle halten,« bat Harold den Polizeiinspektor.

Wir fuhren jetzt am Bollwerk auf den Schienen der Hafenbahn entlang.

Dann stiegen wir aus. Der Wagen sollte auf uns warten.

Wir gingen nun dicht am Wasser entlang. Schiff an Schiff lag hier vertäut. Ziehharmonikaklänge und Gesang umtönten uns. Halb trunkene Matrosen aller Nationen schwärmten umher. Händler schrien ihre Waren aus. Schlanke Inderinnen lauerten im Schatten von haushohen Stapeln von Fässern und Kisten. Dampfwinden kreischten. Von der Reede her klang das Heulen von Schiffssirenen herüber.

»Hier fühle ich mich wohl.« sagte Davis und sog an seiner kurzen Pfeife. »Das ist für mich die schönste Musik: Ziehharmonika, Dampfpfeifen, Ankerkettenklirren und das Quietschen der ausschwingenden Kranbalken.«

Wir blieben stehen.

Harst schaute sich um, schaute hierhin und dorthin.

»Das da drüben ist eine Kneipe, nicht wahr?« fragte er dann.

»Ja – die anständigste Hafenkneipe von Madras. Gleichzeitig Logierhaus. Gehört einem in ganz Indien bekannten Original, der Mutter Flepp. Hat jetzt Kummer, die Mutter Flepp. Ihre Tochter ist durchgebrannt.«

»Seit wann denn?«

»Hm – warten Sie mal. Richtig, seit Montag. Mutter Flepp ist wütend. Die Bessie war ein patentes Mädel, hatte Bildung und war so eine »Rühr' mich nicht an«! Niemand weiß, mit wem sie auf und davon gegangen ist.«

»So – so,« sagte Harald nur.

Wir gingen noch ein Stück weiter. Die Stelle am Kai, wo die Atlanta gelegen hatte, war noch nicht wieder besetzt worden. Die Jacht hatte hier zwischen zwei kleineren Seglern ihren Platz gehabt.

»Da liegt ja noch eine Jacht,« meinte Harald, als wir an dem einen Segelschiff, einer Bark, vorüber waren.

»Ganz recht. Sie gehört einem Franzosen, der sich jetzt im Innern herumtreibt. Es ist nur eine Wache von drei Mann an Bord.«

»Gut, kehren wir zu unserem Wagen zurück.«

»Na sehen Sie Master Harst,« sagte Inspektor Davis lachend, »das war nun ziemlich zwecklos, diese Fahrt hierher.«

»Scheint so.« erwiderte Harst zerstreut.

Ich merkte: es war nicht zwecklos gewesen! Irgend etwas hatte Harst entdeckt.

Davis fuhr nur bis zur Stuart Street mit. Wir verabschiedeten uns von ihm mit einem »Sonntag auf Wiedersehen.« – Uns beide brachte der Wagen nach dem Bahnhof. Wir lösten Fahrkarten bis Bangalore, obwohl wir gar nicht die Absicht hatten, dorthin zu reisen. –

Am Fahrkartenschalter hatte mir Harald leise zugeflüstert, die anderen Leute zu beobachten, die nach ihm an den Schalter herantreten würden.«

Ich studierte zum Schein die aushängenden Plakate.

Bald fiel mir ein Matrose auf, der, den leicht Angetrunkenen spielend, sich am Schalter dicht hinter Harst drängte. Der Matrose war fraglos ganz nüchtern. Das erkannte ich an dem gespannten Gesichtsausdruck, mit dem er hinhorchte. als Harald die Karten nach Bangalore forderte.

Ich wußte genug. Harald hatte mit Spionen gerechnet. Und er hatte richtig vermutet: wir wurden beobachtet –

Zwei Stationen hinter Madras verließen wir den Zug. Der Matrose, ein kleiner Kerl mit goldenen Ohrringen, hatte auf dem Bahnsteig in Madras aufgepaßt, ob wir wirklich abfuhren. Den Zug hatte er nicht bestiegen. Wir waren also sicher vor ihm.

Ein Mietauto brachte uns nach Madras zurück. Wir langten gegen elf Uhr abends vor einem kleinen Hotel an, belegten zwei Zimmer im Erdgeschoß nach dem Garten hinaus, zahlten für acht Tage voraus und sagten dem Hotelbesitzer, wir würden frühmorgens auf ein paar Tage nach einer Plantage ins Innere reisen; er möchte unsere Koffer in Verwahrung nehmen. –

Um 12 Uhr nachts verließen zwei ältere, bärtige Seeleute, jeder mit einem Bündel in der Hand, das Hotel durch das Fenster und wandten sich dann dem Hafen und dem Westkai zu. –

Bei Mutter Flepp war noch großer Betrieb.

Die Kneipe bestand aus einem einzigen Raum, der an den Wänden durch Efeukästen in einzelne Boxen abgeteilt war. Der Schanktisch lag dem Eingang gegenüber. –

Und hinter diesem Schanktisch thronte auf einem hohen Schemel die Besitzerin dieses Seemannsheims, die in ganz Vorderindien berühmte Mutter Flepp.

Das große, hagere Weib trug ein schwarzes Seidenkleid, dazu einen weißen Spitzenkragen und so viel Brillanten an Händen, Hals und Ohren, daß diese Pracht jeden Gauner gereizt hätte, wenn der Schmuck echt gewesen wäre. Wenigstens hielt ich ihn damals nicht für echt. Das hochfrisierte, zum Teil wohl falsche Haar Mutter Flepps machte das längliche, faltige und stark geschminkte Gesicht noch länger. Alles in allem wirkte sie etwa wie eine an der Kasse sitzende Jahrmarktbudenbesitzerin.

Zwei Mixter (Mischer) bedienten die Gäste, die direkt am Schanktisch saßen. Drei Chinesen spielten die Kellner.

Wir quetschten uns noch mit an den Schanktisch heran und bestellten nach der Karte einen recht teuren Mischtrank und ebenso teure Zigarren.

Mutter Flepp musterte uns mit ihren schwarzen, stechenden Augen so durchdringend, daß ich schon fürchtete, sie durchschaue unsere Maske.

Aber ihr Gesicht wurde sofort freundlicher, als Harst für uns ein gutes Zimmer für drei Tage verlangte und dabei Mutter Flepp eine Zwanzigpfundnote nachlässig zuwarf.

Sie rutschte mit ihrem hohen Schemel mehr nach links und saß uns nun gegenüber.

»Wo kommt Ihr her, Jung's?« fragte sie auf englisch und schob ein frisches Stück Kautabak in den Mund.

Harald spuckte auf den Fußboden, grinste und sagte:

»Geht Dich 'n Dreck an, Mutter Flepp. – Was können wir zu essen haben?«

Ihre Stirn zog sich kraus. »Nur Kaltes, Jung's. Die Bessie, das verdammte –, ist ja ausgekniffen. Sie kochte für die Gäste. Hab noch keinen Ersatz für sie.«

Harald beugte sich weit über den Tisch und flüsterte:

»Mutter Flepp, hab die Bessie gesehen. Gestern. Droben in Pulikat« (Pulikat ist eine kleine Hafenstadt nördlich von Madras).

»Wie?! Gesehen?! Jung, Du lügst. Du warst ja noch nie hier. Du kennst die Bessie gar nicht«

Harald krümmte sich vor Lachen.

»Noch nie hier?! – Gewohnt hab' ich bei Dir noch nicht, Mutter Flepp. Aber versoffen hab' ich hier schon manche Heuer.«

Sie nickte zerstreut und rief dem einen Mixter zu, auf die Kellner aufzupassen. Sie schloß die Kasse ab und sagte: »Kommt mit, Jung's –«

Wir tranken aus und gingen hinter ihr drein. Sie führte uns in den Hinterflur und eine Treppe hinauf in die Logierräume.

Es war nur noch ein einziges Vorderzimmer frei. Die Fenster hatten Aussicht über den ganzen Hafen. Wir nahmen dieses Zimmer, warfen unsere Bündel auf den Tisch und setzten uns.

Mutter Flepp seufzte, und schaute Harst fragend an.

Harald lächelte. »Du willst was über Bessie hören, Mutter Flepp. Ich weiß nichts, gar nichts. Ich hab' gelogen,« sagte er leise. »Inspektor Davis erzählte uns, daß man sich auf Dich verlassen könne. Du bist verschwiegen, und Du stehst mit der Polizei gut. Ich heiße Harald Harst –«

Mutter Flepp riß die Augen auf.

»Aha. Jung, – aha! Ahnt ich's doch!« flüsterte sie. »Harald Harst! – Jung, Du wirst mir die Bessie suchen.«

»Das werd' ich, Mutter Flepp. Ich suche noch was anderes, die Atlanta.«

»Dacht ich mir schon, Harst, – dacht ich mir schon! Eine dolle Geschichte mit der Atlanta. Käpten Braxler war oft hier bei mir, auch der Steuermann und der Obermaschinist. Hatten Geld wie Heu, Jung. Der Lord bezahlt anständig.«

»Mutter Flepp, niemand darf wissen, wer wir sind.« sagte Harald eindringlich. »Auch Davis nicht. Wir heißen Halper und Shmits.«

»Gut. Halper und Shmits. – Ich werd' Euch was zum Essen bringen, Jung's. Bin gleich wieder da.«

Sie eilte hinaus.

»Ein Original,« meinte Harald. Dann sah er sich im Zimmer um.

Alles war peinlich sauber. Links führte eine Tür in das Nebenzimmer. Sie war durch einen Schrank verstellt und mit dicken Decken verhängt.

Gleich darauf kam Mutter Flepp mit einem Riesenteebrett, auf dem allerlei gute Sachen standen.

Wir hatten Hunger und machten uns sofort darüber her. Unsere Verbündete setzte sich zu uns.

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