Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walther Kabel >

Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140611
projectid9aca5f10
Schließen

Navigation:

5. Kapitel. Freund Kasi

Der Blonde hatte plötzlich dicke Schweißperlen auf der Stirn.

»Hinsetzen!« befahl Harst wieder.

Der Mensch sank in den Sessel.

»Ah – der Mokka wirkt schon,« meinte Harst. »Sie kämpfen umsonst gegen die Müdigkeit an. Unsere Kännchen enthielten Mokka und einen Schlaftrunk. Ihr Kännchen nur Mokka! Sie haben sich jetzt in der eigenen Schlinge gefangen –«

Der Magere schloß die Augen. Sein Kopf fiel ihm auf die Brust.

»Einen hätten wir,« sagte Harald. »Der zweite wird sehr bald erscheinen. Schlafen wir ebenfalls, aber – mit der rechten Hand in der Jackentasche.«

Wir brauchten nicht lange zu warten.

Es trat jemand ein.

Dieser Jemand murmelte:

»Alle drei?! Was bedeutet das?«

Ich blinzelte zwischen den Lidern hindurch.

Tokaru beugte sich gerade über den Fremden und rüttelte ihn.

»He, Kasi, – schläfst Du auch?!«

Kasi schlief wirklich. Und er schlief wie ein Toter.

Tokaru stand da und überlegte. Dann schüttelte er mich.

»Ich werde nicht daraus klug!« murmelte er wieder.

Diesmal erhielt er Antwort.

»Aber ich!« rief Harst.

Ich öffnete die Augen. Harald stand, aufrecht und zielte auf den patenten Inder.

Tokaru war zurückgeprallt. Ich war ebenso schnell an der Tür und versperrte ihm den Weg.

»Fülle die Tasse da aus dem Kännchen!« befahl Harst dem Inder. »Vorwärts! Du weißt, mit wem Du es zu tun hast!«

Tokaru zitterte am ganzen Leibe.

»Sahib, ich – ich –«

»Gehorche!« rief Harst unerbittlich.

Und auch Tokaru trank eine Tasse Mokka nebst Schlaftrunk.

»Setz' Dich!« verlangte Harald weiter.

Der Inder tats – Er wollte noch etwas sagen. Harst gebot ihm Schweigen.

Nach drei Minuten schlief Tokaru in dem Sessel dem Blonden gegenüber.

»Mein Alter, jetzt telephoniere von der Teestube vorn an Marlan, Davis und Britton. Sie sollen herkommen. Es hat aber keine Eile damit«

Ich erledigte den Auftrag. Der Chinese Tschodri beobachtete mich, als ich am Telephon stand. Der dicke Gelbe kam herbeigeschlichen. Er hörte, wie ich Davis noch zurief: »Gut, bringen Sie den Polizeiarzt mit« – In dem feisten Gesicht Tschodris zeigte sich eine wachsende Unruhe. Ich beachtete ihn nicht Er trippelte hinter mir drein. So betrat er gleich nach mir das kleine Gemach. Hier hatte Harald bereits seine Perücke und den falschen Bart entfernt und beides vor sich auf den Tisch gelegt

Tschodri stierte sprachlos auf »Kasi« und Tokaru.

»Nur näher heran,« meinte Harald. »Ich möchte Dich einiges fragen, würdiger Tschodri. Mein Name ist Harald Harst, um dies vorauszuschicken. – Kennst Du jenen Mann da?« Er deutete auf den mageren Blonden.

Tschodri nickte eifrig. Jetzt machte er durchaus nicht den Eindruck, als ob er ein böses Gewissen hätte.

»Er verkehrt viel mit Tokaru. Seit einem halben Jahr ist er häufig im Salon.« Er meinte die Opiumhöhle. »Was ist aber mit ihm und Tokaru geschehen?«

»Oh – nichts Besonderes. Sie schlafen. Und wenn sie erwachen, werden sie wegen Raubmordes verhaftet werden.«

Der dicke Tschodri machte vor Schreck einen Satz nach rückwärts und keuchte dann:

»Haben die Schufte, etwa hier bei mir jemand umgebracht?«

»Nein. Beruhige Dich. Anderswo. Du kannst jetzt gehen. Sobald die Herren von der Polizei kommen, führe sie hierher.«

Tschodri watschelte ab. – Harald faßte dem schlafenden »Kasi« in die Brusttasche und holte ein Portefeuille heraus. Es enthielt Ausweispapiere für den Artisten Andrew Bourton und etwa 8000 Rupien an Geld.

»Wer ist dieser Mensch nun eigentlich?« fragte ich.

Harald hatte sich gesetzt und rauchte. »Weißt Du es wirklich nicht?« meinte er. »Tokaru nannte ihn »Kasi«. Das sagt genug, denke ich.«

Ich mußte mich gedulden. Wenn die Herren von der Polizei erst hier waren, würde auch ich alles erfahren.

Und die drei Erwarteten erschienen auch bald und brachten den Polizeiarzt mit.

»He – was ist's mit den Beiden?« fragte Marlan kopfschüttelnd.

»Es sind Albemarles Mörder, Master Marlan,« erwiderte Harst. »Der Doktor ist wohl so liebenswürdig und bringt sie wieder zur Besinnung. Sie haben den Schlaftrunk trinken müssen, der uns zugedacht war.«

Die Auferweckungsmethode des Polizeiarztes war recht einfach und recht wirkungsvoll. Es genügt, wenn ich den Namen »Brechweinstein« erwähne.

Kasi und Tokaru wurden von je zwei Polizisten wieder in das kleine Zimmer geleitet, nachdem sie im Garten Seekrankheitsstudien gemacht hatten. Sie waren mehr tot als lebendig. Trotzdem hatten sie noch die Frechheit, die Empörten zu spielen, als Harst ihnen den Raubmord an Albemarle mit den Worten vorhielt: »Geben Sie die sogenannte Stoschra-Sammlung heraus! Die Beweise, die ich gegen Sie habe, genügen zu Ihrer Ueberführung.«

Die beiden Verbrecher leugneten, und Kasi rief Inspektor Marlan zu: »Dieser Mensch (dabei zeigte er auf Harst) hat uns durch irgend ein Mittel betäubt. Ich bin Amerikaner und werde mich unter den Schutz meines Konsuls stellen.«

Harst schaute den Hageren durchdringend an. »Sie wissen recht gut, wer ich bin,« sagte er ruhigen Tones. »Sie sind uns ja hier in die Opiumhöhle gefolgt, nachdem Sie uns schon vor dem Bungalow Albemarles aufgelauert hatten. Sie sind der Dieb der gelben Diamanten und heißen in Wahrheit Kasimir Stoschra, der anscheinend in jenem Wasserfall ums Leben kam. – Sie wollten diese Diamanten um jeden Preis wieder an sich bringen. Zu diesem Zweck verbündeten Sie sich mit Tokaru. Dieser sollte Lord Albemarle das Geheimnis entlocken, wo die Edelsteine versteckt waren. Es ist eine bekannte Tatsache, daß man Leute, die nach einem Opiumrausch noch im halben Dämmerzustand daliegen, zum Ausplaudern von allerlei Dingen veranlassen kann, indem man ihnen Fragen ins Ohr flüstert. Ich habe die Chinesin Mio-Ka vorhin betrunken gemacht. Sie hat mir erzählt, daß Tokaru so und so oft, wenn Albemarle opiumberauscht auf dem Diwan lag, neben ihm kniete und zu ihm sprach. Der Lord hat dann auch eines Tages das Geheimnis des chinesischen Rauchtisches unbewußt preisgegeben. Sie und Tokaru ermordeten dann, indem Sie ihm auf der Straße als er in eine Rotte trunkener Matrosen geriet, zwei am Ende eines Spazierstocks angebrachte vergiftete Nadeln in den linken Oberarm stießen. So sollte ein Schlangenbiß vorgetäuscht werden. Albemarle spürte die Wirkungen des Giftes sehr bald. Britton war bei ihm. Und Britton erzählte mir, daß der Lord von Matrosen angerempelt worden war. Auf dem Aermel der Jacke des Lords fand ich an der Stelle, wo die Stiche saßen, Straßenschmutz. Die Straßen waren abends gesprengt worden und wahrscheinlich ist irgend wie etwas Schmutz an den Spazierstock gespritzt. Daß die Stiche von keinem Schlangenbiß herrührten, sah ich sofort. Sie lagen viel zu weit auseinander. Die Giftzähne einer ausgewachsenen Kobra der größten Giftschlange Indiens, liegen allerhöchstens 2 Zentimeter auseinander. Die Stiche im Oberarm des Lords hatten einen Zwischenraum von 2½ Zentimeter. – Ich fand das Geheimfach im Rauchtisch, weil Sie aus Unachtsamkeit ein Blättchen Zigarettenpapier in die Verschlußplatte eingeklemmt hatten, als Sie Diamanten aus dem Zimmer holten, in dem der tote Lord saß. Er hatte zu niemandem über dies Versteck gesprochen. Ich überlegte mir, daß man ihm als Opiumraucher dies Geheimnis dort entlockt haben könnte, wo er diesem Laster frönte. Deshalb besuchte ich Tschodoris Opiumhöhle, deshalb fragte ich die Chinesin aus. Und als Sie, Kasimir Stoschra, dann hier erschienen und mit Tokaru allerhand zu flüstern hatten, erkannte ich in Ihnen Tokarus Spießgesellen.«

Harald ging jetzt in eine Ecke des Zimmers. Dort stand ein reichgeschnitzter, sehr dicker Spazierstock aus Bambusrohr. Er hielt Marlan das untere Ende des Stockes Hin. »Bitte, – dort sind noch die Löcher zu sehen, in denen die vergifteten Nadeln saßen!« sagte er nur. Dann winkte er mir zu. »Gehen wir, mein Alter. Wir haben noch anderswo etwas zu erledigen.«

In demselben Moment trat ein indischer Dienstmann ein. »Hier – ein Brief für Sahib Harald Harst!«

Harald steckte den Brief in die Tasche. Wir beide gingen in Tschodris Garten. Harst öffnete den Brief und ließ mich mitlesen. Da stand in Lady Broogs großer Schrift: »Master Harst! Ich weiß, Sie haben mich durchschaut. Ich habe Tokaru und den Blonden bei Tschodri belauscht. Ich konnte nicht alles hören. Ich wollte Albemarle vor diesem Anschlag schützen. Aber ich kam zu spät. Als ich durch das Fenster einstieg, war er schon tot. Ich holte den einen Spangenschuh und legte ihn dem Toten zwischen die Füße. Ich wollte dieses Mordes wegen verhaftet werden – von Ihnen! Und Sie wollte ich später dadurch blamieren, daß ich die wahren Mörder nannte. Diese Rache ist mir nicht geglückt. – Leben Sie wohl. Ich bin fortan Ihre begeisterte Verehrerin. – Anna Broog.«

»So, mein Alter,« meinte Harst, »nun weißt Du alles. Dieser Fall war ganz interessant.« –

Tokaru legte ein Geständnis ab und verriet auch den Ort, wo er und Stoschra die Diamanten verborgen hatten. Beide wurden zum Tode verurteilt. –

Eine Woche später sollten wir nochmals mit der tollen Lady zusammentreffen. Hierüber berichte ich im nächsten Bande, in

Die Büchse der Pandora.

 << Kapitel 10 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.