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Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog

Walther Kabel: Der Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
authorWalther Kabel
titleDer Piratenschoner / Der Spangenschuh der Lady Broog
publishero.A.
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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4. Kapitel. Eine vornehme Opiumhöhle

Wir fuhren nach dem Hafenpolizeiamt. Harald wollte. Inspektor Davis sprechen. Wir trafen ihn dort auch an.

»Lieber Davis,« begann Harst. »Ich möchte Sie etwas im Vertrauen fragen. Sie haben Albemarle doch auch genauer gekannt. Er war Opiumraucher. Huldigte er diesem Laster daheim oder in einer geheimen Opiumhöhle?«

Davis runzelte die Stirn. »Hm – Albemarle ist jetzt tot. Da kann man ja wohl indiskret sein, zumal ich annehme, daß Sie einen sehr triftigen Grund für diese Frage haben.«

»Sie irren sich, Davis. Ich habe keinen besonderen Grund.«

»So, so. Nun, Albemarle war Stammgast bei dem Chinesen Tschodri. Wir dulden dessen Opiumhöhle stillschweigend. Wir müssen es, da hier in Madras eine ganze Menge Zugehörige der sogenannten besten Gesellschaft dort verkehren. Das ist nun mal nicht anders hier in Indien, lieber Harst.«

Harald nickte. »Ich weiß Bescheid. – Eine Bitte, lieber Davis. Ich möchte gern dort bei Tschodri mich etwas umsehen, natürlich verkleidet. Lassen Sie doch unsere Koffer herholen. Braucht man für Tschodri eine Empfehlung oder dergleichen?«

»Und ob! In seinem Gasthause in der Barklay-Street an der Grenze des Eingeborenenvierels befindet sich im Erdgeschoß eine recht elegante Teestube und daneben ein Verkaufsraum für echten chinesischen Tee. Wer Opium rauchen will, verlangt von der Verkäuferin im Teegeschäft drei Pfund allerfeinsten Hongkong-Tee. Die Verkäuferin ist Tschodris Frau. Sie führt den Betreffenden dann durch den Laden über einen engen Hof in Tschodris Wohnhaus, das in einem Garten steht. Das Erdgeschoß ist auf raffinierteste Art in eine Opiumhöhle umgewandelt. Na – Sie werden ja selbst sehen, wie's dort zugeht.« –

Gegen fünf Uhr nachmittags erschienen wir einzeln bei Madame Tschodri im Teegeschäft. Erst betrat ich den Laden. Harald kam zehn Minuten später.

Davis hatte nicht zu viel gesagt: diese Opiumhöhle war wirklich »erstklassig«. Das war keine »Höhle«, das war ein luxuriöses Cafee mit fein abgetönter künstlicher Beleuchtung, mit seidenen, gemalten Tapeten, mit kostbaren Teppichen und einer Musikkapelle, die stets nur gedämpft und dazu unsichtbar spielte. Die vier Räume waren nur durch Perlvorhänge voneinander getrennt. Lautlos huschten kleine, zierliche Chinesinnen auf ihren Stöckelschuhen hin und her und bedienten die Gäste. Ein würdiger Inder mit langem schwarzen Bart führte die Oberaufsicht. An den Wänden zogen sich die kleinen, durch Seidenvorhänge abgeteilten Kabinen hin. In jeder stand ein Diwan und daneben ein niedriges Tischchen.

Ich hatte mit Harst alles genau verabredet. Ich wählte eine Kabine zwischen zwei unbesetzten. Als Harald kam, nahm er die Box links von mir.

Eine der Chinesen-Püppchen setzte sich zu mir und plapperte in schlechtem Englisch so allerlei. – Nun gut – ich bestellte zunächst Sekt. Diese Opiumhöhle war das richtige Nepplokal.

Auch Haralds Chinesin kam mit einem Sektkühler angetänzelt. Dann erschien der würdige Herr »Oberkellner«, der einen schneeweißen Leinenanzug trug und offenbar sehr eitel war.

In Harsts Kabine wurde es bald recht lebhaft. All das war zwischen uns vereinbart. Ich sollte den »Sparsamen« spielen. Als meine schlitzäugige Holde mir noch eine zweite Flasche Sekt abschmeicheln wollte, lehnte ich grob ab und ließ mir eine Opiumpfeife geben und die Vorhänge der Box schließen.

Ich konnte genau hören, was nebenan bei Harst gesprochen wurde. Die fidele Gesellschaft war bereits bei der vierten Flasche Sekt. Ich schnitt ein winziges Loch in den Zwischenvorhang und sah nun auch Freund Harst in seiner Rolle als lebenslustigen, splendiden Engländer.

Er spielte den ganz leicht Bezechten und den renommierlustigen Sportfex, erzählte von seinen Autowettfahrten, von Segelregatten und Tennistournieren und behauptete immer wieder, so einen »Kerl« wie ihn gebe es nicht wieder auf der Welt.

Ah – es klappte! Die eine Chinesin, die hübscheste, widersprach jetzt. Auch sie war nicht mehr ganz nüchtern. Sie sagte mit einem gewissen vertraulichen Stolz, sie kenne hier in Madras einen englischen Lord, der als Sportsmann geradezu berühmt sei.

Harald änderte die Taktik, ließ noch zwei Flaschen Sekt bringen und jagte die anderen Dämchen davon, zog die Vorhänge zu und war nun mit seinem »Opfer« allein.

Was die beiden dann flüsterten, verstand ich nicht. Ich tat jetzt, als wäre ich auf meinem Diwan eingeschlafen, hatte die Augen geschlossen und gab trotzdem auf alles genau acht – sehr genau.

Mit einem Male hörte ich draußen eine energische, ziemlich helle Stimme, die nach Tokaru rief. So hieß der patente braune »Oberkellner«. Das Englisch dieses Mannes verriet den Nichtbriten.

Ich wurde neugierig, richtete mich auf und lugte durch die Vorhänge hindurch. Inmitten dieses Raumes standen ein paar Korbsessel um ein Tischchen gruppiert. In dem einen Sessel saß ein magerer, blonder Europäer mit tiefgebräuntem Gesicht und einer scharfen, leicht gekrümmten Nase. Drei der Chinesinnen schauten ihn aus einiger Entfernung fast ängstlich an. Dann erschien Tokaru, dienerte vielmals und fragte nach den Befehlen des Sahib.

Der Fremde deutete mit einer kurzen Handbewegung auf die schlitzäugigen Püppchen. Tokaru schickte sie weg. Sie trippelten in den Nebenraum.

Tokaru beugte sich tief zu dem mageren, bartlosen Herrn herab. Sie flüsterten miteinander. Dann bemerkte ich, wie beider Augen gleichzeitig erst über Haralds und darauf über meine Kabine mit besonderem Ausdruck hinwegglitten.

Mir war sofort klar, daß Tokaru und der blonde Fremde, dessen Kinnpartie geradezu brutal in ihrer Breite und mit ihren tiefen Falten wirkte, etwas besprachen, das uns beide irgendwie anging. Von dieser Ueberzeugung bis zu dem Verdacht, der magere Blonde könnte wissen, wer wir in Wirklichkeit waren, gehörte nur ein kurzer Gedankensprung.

Sie flüsterten jetzt abermals miteinander.

Drüben bei Harst war es ganz still geworden.

Dann sagte der Fremde laut:

»Also eine Pfeife und die doppelte Portion Gift.«

Er stand auf und schritt auf die Kabine rechts von mir zu.

Ich legte mich schnell auf den Diwan.

Eine halbe Stunde verging. Der Fremde hatte seine Opiumpfeife erhalten und regte sich nicht mehr.

Allmählich wurde mir das Warten doch langweilig. Der Opiumdunst, der den ganzen Raum durchzog, machte müde. Um nicht einzuschlafen, strengte ich mein Hirn durch scharfes Nachdenken an. Harald hatte mir zwar für den Besuch in Tschodris Opiumhöhle genaue Verhaltungsmaßregeln gegeben, mir aber nicht gesagt, weshalb er diesen Besuch für zweckdienlich halte. Er folgte eben wieder seiner alten Gewohnheit, mich nur halb einzuweihen. Er hatte lediglich erklärt: »Vielleicht finden wir den Schlüssel dieses Geheimnisses bei Tschodri.«

Ich gab mir die größte Mühe, alles das, was wir über des Lords Tod wußten, logisch zu verneinen und das zu konstruieren, was man eine »Theorie« nennt. Es wollte mir nicht glücken. Immerhin – ich blieb munter dabei.

Wieder war eine Stunde vergangen.

Da – aus Harsts Kabine eine matte, schlaftrunkene Stimme:

»Kaffee! Kaffee! Mio-Ka, – Kaffee!«

Mio-Ka war das hübsche Püppchen.

Ein anderes Püppchen betrat Harsts Kabine.

»Kaffee!« stöhnte Harst, indem er den vom Opiumkater Gepeinigten spielte.

Dann Tokarus Stimme:

»Sahib, es sind heute so sehr viel Gäste hier. Würdest Du den Kaffee nicht drüben in einem anderen Zimmer einnehmen?«

»Meinetwegen – nur Kaffee!« stöhnte Harald wieder.

Ich hörte, wie Tokaru ihm auf die Beine half, wie beide hinausgingen.

Ich wartete noch eine Viertelstunde. Dann rief auch ich nach Kaffee, spielte ebenfalls den durch den Opiumkater schwer Leidenden.

Es wiederholte sich genau dasselbe wie bei Harst. Tokaru bat mich, im Zimmer drüben den Kaffee zu trinken. Ich nickte nur, stützte mich aus den Inder und ließ mich über den Flur in ein kleines Gemach bringen, wo Harald bereits in einem Korbsessel saß und – schlief, – das heißt, scheinbar schlief.

Er wurde durch unseren Eintritt munter. Wir saßen uns gegenüber. Tokaru versprach, den Kaffee sofort zu holen.

Als wir allein waren, sagte Harald gähnend:

»Das verdammte Gift! Wie lange sind Sie ihm schon verfallen, Master?«

»Drei Jahre,« erwiderte ich.

»Wie – erst drei Jahre?!« Und Harst beugte sich über den kleinen Tisch, der uns trennte. »Erst drei Jahre?! Master, dann beneide ich Sie!«

Und wie ein Hauch folgten die Worte: »Trinke den Kaffee nicht! Halte Dich Bereit!«

Ich verstand: Tokaru war zu fürchten!

Da öffnete sich auch schon die Tür dieses bescheiden möblierten Zimmers und an Tokarus Arm schwankte der blonde, magere Fremde herein, ließ sich schwer in den dritten Korbsessel fallen und murmelte:

»Kaffee, – nur Kaffee! Schnell!«

Er starrte uns blöde an und lallte weiter: »Man sollte alle Opiumhöhlen polizeilich schließen. Es ist ein Elend, wie schlapp man sich nach dem Gift fühlt!«

Tokaru war wieder gegangen, kam sofort mit einem Tablett und drei Kännchen und drei Tassen zurück.

»Bitte!« dienerte er unterwürfig. »Echter Mokka, ganz stark!«

Er stellte die Kännchen und Tassen vor jeden von uns hin und verschwand wieder.

Der Magere, dessen Gesicht von vielen Falten durchfurcht war, griff nach seinem Kännchen und wollte sich einschenken.

»Halt!« sagte Harald da und legte dem Fremden die Hand auf den Arm. »Halt, Master, das ist mein Mokkakännchen. Dies ist das Ihrige –«

Er nahm das vor ihm stehende Kännchen und tauschte es gegen das des Fremden aus.

»He – was soll das?!« meinte dieser ärgerlich. »Ich verbitte mir diese Eigenmächtigkeit, Master! Her mit meinem Kännchen!«

Harald hatte die Hand schützend über den Deckel gebreitet.

»Master – es ist mein Kännchen!« rief er wütend. »Verstehen Sie – mein Kännchen! Das da war für Sie bestimmt.«

Der Magere lehnte sich zurück und lachte.

»Master, nun gut! Fragen wir den Inder, der die Kännchen brachte –«

Auch Harald hatte sich zurückgelehnt und lachte ebenfalls.

»Master, Kännchen ist Kännchen und Mokka ist Mokka! Trinken wir!«

Er füllte sich die Tasse.

Der Blonde wollte aufstehen.

»Halt – wohin, Master?« sagte Harst.

»Ihre Gesellschaft paßt mir nicht!«

Mit einem Male fuhr Haralds Rechte aus der Jackentasche. Die Clementpistole richtete sich auf den Mageren.

»Behalten Sie Platz!« befahl Harst kurz. »Ich schieße – darauf können Sie Kobragift nehmen!«

Der Magere stierte Harald mit plötzlich sehr klaren Augen an.

»Ihre Scherze sind etwas eigentümlich,« sagte er unsicher.

»Meine Scherze sind der Sachlage angepaßt, Master. Nochmals, setzen Sie sich, oder ich drücke ab!«

Der Fremde ließ sich wieder in den Sessel gleiten.

»So,« meinte Harst, »nun schenken Sie sich die Tasse voll und trinken Sie!«

Der Magere lachte recht gezwungen.

»Der Mensch hat den Opiumkoller,« flüsterte er mir zu.

Aber – er gehorchte! Er füllte sich die Tasse und trank sie in einem Zuge leer.

»Jetzt haben Sie Ihren Willen, Master,« sagte er zu Harald. »Und jetzt darf ich mich wohl verabschieden.«

»Nein – bleiben Sie!«

Da sprang der Magere auf. »Sie sind verrückt. Ich werde um Hilfe rufen! Sie werden im Polizeigefängnis schon zur Vernunft kommen!«

Harald hatte mir einen Wink gegeben. Ich war mit einem Satz an der Tür, hielt dem Blonden nun auch meine Clementpistole vor das Gesicht.

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