Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Balduin Möllhausen >

Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
Schließen

Navigation:

Zweiunddreißigstes Capitel. Ein Yankee-Trick.Ich erinnere hier an einzelne Vorgänge, welche an der Küste von Nord-Carolina stattfanden, namentlich an den heldenmüthigen B. Cushing, der auf dem Flusse Roanoke mit wahrer Tollkühnheit mittelst eines Torpedos das südstaatliche Widderschiff »Albemarle« in die Luft sprengte, und, obwohl schwer verwundet, sich mit genauer Noth durch Schwimmen rettete.

»Lieutenant Arthur an Bord?« fragte dieselbe Stimme, welche zuerst angerufen hatte.

»Aye, Aye, Herr!« antwortete die Schildwache.

»Wer da«? rief Arthur fast gleichzeitig hinunter, sobald er ein von sechs Ruderern bemanntes Boot unterschied, in welchem eine siebente Gestalt, offenbar der Führer, im Stern aufrecht stand.

»Befehl vom Commandanten des Revenger!« lautete die mit militärischer Kürze ertheilte Antwort.

»Hier ist Lieutenant Arthur! Was sagen die Befehle?« rief dieser hinab.

»Lieutenant Arthur soll augenblicklich vor dem Commandanten des Platzes erscheinen!« hieß es zurück.

»Das kann Jeder behaupten!« versetzte Arthur, »ist Euch sonst nichts aufgetragen worden?«

»Stonewall Jacksons Name für immer!« sprach der Führer gedämpft.

»Alles recht, ich bin bereit,« erwiderte Arthur jetzt dienstlich.

»Sehr wohl! Der Lieutenant Arthur ist beauftragt, sofort Befehl zum Heizen der Kessel zu geben. Der zweite Lieutenant übernimmt das Commando, der Revenger bleibt aber vor Anker liegen, bis auf Weiteres. Lieutenant Arthur begleitet mich zur Stadt zum Kriegsrath!«

»Sonst nichts?«

»Die an Bord befindlichen Fremden sollen sich rüsten, den Revenger zu verlassen. Der Bootsmann des Wassernix ist hier, um den Fremden zu Diensten gestellt zu werden! Kann er an Bord kommen?«

»Gewiß, Herr!«

»Wir haben ihn mit einer Jolle im Schlepptau; er soll in derselben die Fremden stromaufwärts rudern, jedoch nicht, bevor der Commandant an Bord ist!«

»Hol' an Bord den Bootsmann!« befahl Arthur alsbald, worauf einige Matrosen der Wache eine Strickleiter über die Schanze warfen.

»Ave, aye Herr!« ließ sich zu gleicher Zeit eine heisere Stimme von unten herauf vernehmen, und hinter dem Boot hervor schoß eine leichte, von kundigen Händen geruderte Jolle nach der Stelle hin, auf welcher das niederhängende Ende einer Strickleiter den Wasserspiegel berührte.

Bald darauf knirschte und knackte die Strickleiter unter dem Gewicht eines Mannes, und in der nächsten Minute sprang über die Regeling eine kurze, gedrungene, vierschrötige Gestalt, welche sich festen Schrittes und ohne Säumen nach dem Quarterdeck hinaufbegab.

Bootsmann Sailstich, den Herrschaften zu Diensten,« grollte die heisere Stimme mit der Vertraulichkeit eines Handelsmatrosen.

»Ah, Sailstich!« rief Arthur überrascht aus, »wie zum Teufel ist es Euch gelungen, loszukommen? Ich glaubte, mich noch besonders für Euch verwenden zu müssen.«

»Alles recht,« knarrte die alte, ausgewetterte Ankerwinde, deren Gesicht, wenn es hell genug gewesen wäre, eine wunderbare Zusammenstellung von leuchtenden Karminerhebungen, struppigem rothen, weißen und braunen Haar und geschlitzten, funkelnden Bärenaugen dargeboten hätte. »Ja Herr, Alles recht,« wiederholte Sailstich, »denke, sie wollten den Ballast löschen von dem verdammten Eisenschiff hier, ich meine von wegen dem jungen Gentleman und der herzigen Lady, und fragten im Crew nach freiwilligen Händen, die den JobJob = ein Stück Accordarbeit. nicht scheuten. Sagte ich: Will verdammt sein, wenn 'n Anderer geht, als ich, und da bin ich.«

Bei diesen Worten faßte er mit beiden Händen in den Riemen, durch welchen seine Beinkleider um die Hüften festgehalten wurden, und nachdem er Beides heftig emporgezogen, als hätte er sich gleich bis in den Himmel hineinheben wollen, suchte er eine Tafel Kautabak hervor, von welcher er knirschend ein großes Stück abbiß und durch einen gewandten Schlag seiner Zunge in die linke Backentasche warf.

»Der Zufall hat gerade denjenigen an Bord geführt,« wendete Arthur sich jetzt an Johannes und Anna, »welchen Ihr Freund und Kapitän mir als besonders zuverlässig empfohlen hatte. Da ich nun Ihre Wünsche bis in's Kleinste berücksichtigt wissen möchte, so erlaube ich mir die Frage, ob der Bootsmann Sailstich sich auch Ihres Vertrauens erfreut?«

Er hatte deutsch gefragt, damit die jungen Leute in ihrer Antwort nicht durch des Bootsmanns Gegenwart bestimmt würden; diese dagegen antworteten englisch, daß sie sich, außer dem Kapitän selber, keinen besseren Begleiter wünschten, als Sailstich.

»Wofür Sailstich den Herrschaften noch seinen besonderen Dank hailt!« rief dieser, insofern man das Knarren einer durstigen Ankerwinde überhaupt Rufen nennen kann, und zugleich schlug er mit der Hand schallend auf seine getheerten Beinkleider, »'s möchte übrigens verdammt schwer geworden sein für unsereins, den Vordersteven heimwärts zu kehren, wenn's nicht der Herrschaften wegen geschähe, die der Conföderation ihr ganzes deutsches Vaterland auf den Hals hetzen möchten.«

»Nun, das ist eine Angelegenheit für sich,« schnitt Arthur mißmuthig des Bootsmanns Bemerkung ab, »es handelt sich nur darum, ob die Herrschaften Euch haben wollen, oder nicht, und jetzt geht hinunter und begrüßt Euren Kapitän, der Euch noch einige Aufträge an seine Familie zu ertheilen wünscht – er hat nämlich keine Lust, Euch zu begleiten, und ich befürchte, er entschied sich dadurch eben nicht für das Beste.«

»Nicht mit?« knarrte die Ankerwinde im Davonschreiten, »möchte an seiner Stelle eben so gern mit 'nem guten Leck auf 'nem Korallenriff sitzen bei 'ner gesunden Kühlte, als hier in dem verdammten Rebellennest.«

Die letzten Worte sprach er absichtlich laut genug, um von Arthur verstanden zu werden. Dieser achtete indessen nicht weiter auf ihn, sondern wendete sich seinen Gästen zu.

»Ich fürchte, unsere Trennungsstunde ist näher, als ich ursprünglich erwartete,« hob er an, »wenigstens deutet der eben eingelaufene Befehl auf kriegerische Ereignisse. Daß der Commandant zufällig meinen Wünschen zuvorkam und Sailstich schickte, ist mir doppelt lieb. Sie werden unter seinem Schutze den Revenger verlassen und von ihm allein bis hinter die nächste Flußbiegung gerudert werden. Meine Sorge soll es nun zunächst sein, daß Sie dort von einem mit Matrosen des Wassernix bemannten Boot erwartet werden; sonstige Maßregeln, welche im Bereich meiner Macht liegen und zu Ihrer Sicherheit beitragen können, sollen nicht vergessen werden. Wann Sie aufbrechen werden, weiß ich noch nicht; jedenfalls sehen wir uns vorher wieder; bis dahin aber rathe ich Ihnen dringend, hinab zu gehen; der Abend ist kalt, und wer weiß, wie bald die Nothwendigkeit an sie herantritt, sich der rauhen Nachtluft auf längere Zeit auszusetzen.«

So sprechend reichte er Johannes die Hand worauf er Anna, die von den seltsamsten Gefühlen bewegt, kaum ein Wort des Dankes hervorzubringen vermochte, den Arm bot und vorsichtig von dem Quarterdeck hinunter führte.

Erst als Letztere im Begriff stand, in die Kajüte einzutreten, wendete Arthur sich an den Officier, der nach ihm, bis zur Rückkehr des Commandanten, den Oberbefehl über den Revenger übernehmen sollte, um ihn mit den entsprechenden Instructionen zu versehen. Fast gleichzeitig schlüpfte Kapitän Iron, der mit Sailstich flüsternd einige Worte gewechselt hatte, an ihm vorbei und zu den beiden jungen Leuten in die Thüre.

»Will Euch lieber gleich Lebewohl sagen, Herrschaften,« redete er sie geräuschvoll an, und sein sorgloses Lachen wurde beinahe übertönt durch das Krachen, mit welchem er einige Marlspiker zwischen den Zähnen zermalmte, »calculire nämlich, 's könnte der Fall sein, daß wir uns nicht wieder sähen; denn ich traue allen Haifischen in den westindischen Gewässern weit mehr, als solcher verdammten Rebellenbrut. Still, still, redet mir nicht zu, mitzumachen, weiß, was Ihr sagen wollt, 's ist Alles vergebliche Mühe. Mein gutes Schiff hat der Teufel geholt, und ich schäme mich, nicht mit verbrannt zu sein – 's bleibt immer 'n Makel an meinem Namen, und darum Lebewohl Euch Beiden – seid 'n paar gute Kinder, und wünsche Euch 'ne glückliche Heimkehr.«

Dann trat er noch dichter zu ihnen heran, um ihnen die Hände zu drücken und sie, ganz gegen seine Gewohnheit, zu umarmen. Zugleich näherte er aber auch seine Lippen ihren Ohren, und wie einen Hauch vernahmen zuerst Anna und demnächst Johannes folgende Worte: »Wenn Euch an Eurem, an meinem und des Piratenlieutenants Leben gelegen ist, so befolgt ohne Einwendungen Alles, was Euch geheißen wird; nur darauf dringt mit aller Macht, daß der Piratenlieutenant selber Euch bis an die Flußbiegung das Geleite giebt. Und dann denkt auch zuweilen einmal recht freundlich an mich, den alten, unglücklichen Kapitän Iron,« fügte er wieder lauter hinzu, worauf er zurückeilte, um sich an der Seite seines Bootsmanns durch schnelles Auf- und Abwandeln wiederum körperliche Bewegung zu verschaffen.

In demselben Augenblick schwang Arthur sich über die Schanze auf die Strickleiter, um in das seiner harrende Boot hinabzusteigen.

Die Officiere hatten sich zerstreut. Zwei waren nach dem Quarterdeck hinaufgestiegen, während ein dritter sich nach den in den Maschinenraum hinabführenden Sprachröhren hinbegab, um die Heizer zur fleißigen Arbeit aufzumuntern. Außer ihnen befanden sich nur noch die üblichen Wachen auf dem Verdeck. Die übrigen Matrosen und Kanoniere hatten sich zurückgezogen, um sich durch Schlaf oder die ihnen zuerkannte doppelte Whisky-Ration auf die bevorstehenden Ereignisse vorzubereiten. Niemand achtete auf den zähneknirschenden Kapitän und seinen bärbeißigen Bootsmann; sie waren ja Leute vom Fach und verdienten daher einige Rücksicht. Die beiden alten Freunde aber hatten sich eine Stelle ausgesucht, wo sie Niemand hinderten, aber auch von Niemand gehindert wurden, nämlich die Strecke zwischen dem Schornstein und dem Quarterdeck, auf welcher sie, nunmehr ihre Eile mäßigend, mit festen Schritten ihren Spaziergang noch lange fortsetzten. Dabei unterhielten sie sich sehr lebhaft und gelegentlich so laut, daß die beiden Officiere auf dem Kastell jedes Wort verstanden und ihre rohen Scherze über den weinerlichen Kapitän hinabriefen, der weiter nichts mehr als seinen Kummer über die Trennung von Frau und Kind und in zweiter Reihe von dem Wassernix zu kennen schien. Auch den seines Kapitäns würdigen Bootsmann schonten sie nicht, der alle nur denkbaren Kunstgriffe anwendete und Pläne entwarf, sich selbst aus der Klemme zu helfen, unbekümmert darum, was aus den andern wurde, namentlich aus den beiden arglosen jungen Leuten, die einsam in der Kajüte saßen, sich gegenseitig in das bleiche Antlitz schauten und flüsternd die ihnen vom Kapitän Iron mitgetheilten schrecklichen Worte wiederholten und deren verborgenen Sinn zu errathen suchten. –

»Ja, Sailstich, wer hätte gedacht, daß es so endigen würde, damals, als meine gute alte Lady mich zum letzten Male küßte,« rief der Kapitän mit schmerzlichem Zähneknirschen aus, als er dicht vor dem Quarterdeck umkehrte und den Rückweg nach dem Schornstein einschlug. Dann aber schien ihn die Bewegung zu übermannen und er fuhr in wirklich weinerlichem Tone und mit unterdrückter Stimme fort:

»Daß sie so schnell heizen, kommt mir 'n Bischen unerwartet, Sailstich, und muß seinen verdammten Haken haben; ist aber 'n Glück; kann dadurch die Sache allein besorgen, wenn 's noch vor Tage fortgehen sollte. Wißt Ihr nicht, wo der Haken sitzt?«

»Hörte davon drüben in der Stadt: neue Blockadeschiffe sind eingetroffen, man glaubt Commodore Dahlgreen,« ächzte die Ankerwinde leise, »General Foster soll nördlich, von der Seeseite her, heranrücken und Sherman zu unterstützen suchen. Sherman trifft Anstalt, Fort Mac Alister zu stürmen und dann geht's wohl auf Savannah los, wozu das Unionsgeschwader die Baßgeige aufspielen soll. Ich sage Euch, Kap'ten, verdammt feine Spione unter den Rebellen.«

»Richtig, Sailstich, so ist's, der Revenger soll näher an die Mündung gelegt werden, um mit den Forts vereinigt zu wirken und schließlich 'n gutes Sternenbanner auf einen ihrer verfluchten Torpedos zu locken. Bei Gott! 'ne feine Idee, Sailstich, und besser, als ich 's je im Traume zu hoffen gewagt hätte.«

»O, Kap'ten!« knarrte die Ankerwinde entsetzlich laut und kläglich, denn sie waren wieder in der Nähe des Quaterdecks eingetroffen, »wenn der Revenger nur nicht losmacht, bevor ich in Sicherheit bin; 's wäre 'n verdammt schlechtes Ende, hier durch 'n Dreicentnerstück Eisen vom Deck geblasen zu werden, und obenein noch von gutem Unionseisen! Ich sage Euch, Kap'ten, laßt sie 's machen, wie sie wollen, unten liegt die Jolle, wir Beide ...« sie befanden sich außerhalb der Hörweite der Officiere, und als hätte die Ankerwinde plötzlich neues Oel erhalten, fuhr Sailstich fort: »Ihr braucht also weiter Niemand?«

»Keine andere Menschenseele, habe so meinen Plan und 'n verdammt gescheiten Plan obenein,« weinte Iron leise, »muß mich aber auf Euch verlassen können. – Habt Ihr mir ein Messer mitgebracht? Sie gaben mir nämlich an Bord nichts Anderes, als 'n Tischmesser in die Hände, kaum scharf genug, um 'n Stück Salzfleisch vor den Zähnen abzusiedeln.«

»Etwas näher heran mit Eurem Backbord,« ächzte die Ankerwinde verstohlen, indem die knochige Faust auf der Brust in dem weiten Matrosenhemde wühlte, »so – so – habt Ihr's fest?«

»Alles recht, mein Herzchen,« weinte der Kapitän und in seiner Hosentasche steckte ein Bowiemesser, so lang, breit und scharf, daß er zwei Männer auf einmal damit hätte niederstoßen können, vorausgesetzt, dieselben wären höflich genug gewesen, vorher die dazu erforderliche Stellung einzunehmen. Jedenfalls war es zu lang für die Tasche des Kapitäns; der gute, harmlose Iron wußte aber Rath für Alles, er stieß nämlich, um die Waffe ganz verschwinden zu machen, deren Klinge sammt Scheide mit Gewalt durch die Tasche hindurch, wo sie dann mit dem Scheidenhaft und der kurzen Parirstange im Unterfutter hängen blieb.

»'s ist 'n gestohlen Messer; war nicht viel Aussuchens drüben,« entschuldigte Sailstich die etwas unbequeme Form.

»All' recht, mein Herzchen,« tröstete der Kapitän, »mag's zehnmal gestohlen sein, im Sturm ist jeder Hafen willkommen – ja, mein lieber Sailstich, und wenn Ihr nicht so'n verdammt kupfriges Gallion auf Eurem Rumpf hättet, würde ich Euch bitten, auch meine gute, alte Lady in meinem Namen zu küssen,« erhob er seine Stimme zum Ergötzen der spöttelnden Rebellenofficiere klagend und zähneknirschend über ihr gewöhnliches Maß, »gute, alte Lady, und alle die lieben theuren Kinder! O, Sailstich, das Herz will mir brechen, wenn ich daran denke, und doch kann ich nicht anders, 'n gewissenhafter Kapitän darf nicht ohne sein Schiff heimkehren. Bei Gott! Sailstich,« weinte er hier wieder, wobei nur Schluchzen und Thränen fehlten, denn sie befanden sich wieder auf dem halben Wege zum Schornstein, »die machen's mir leichter, als 'ne dreifache Grogration, 'nem hungrigen Matrosen! Verdammt! Lugt nach Backbord aus; da liegen die Torpedos im Schoße des Savannah so sicher, wie 'ne verrostete Ankerkette im Binnenhafen, und damit kein Unglück geschehe, stecken sie rothe und grüne Laternen auf die Bojen. Goddam, wie die unglückseligen Laternen tanzen! Zwischen den grünen liegt's Fahrwasser, und zwischen den rothen ist der Teufel los.«

»'s ist 'n gutes Stück hin, Kap'ten,« seufzte die geölte Ankerwinde leise.

»Besser zu weit, als zu nah,« klagte der Kapitän mit herzzerreißendem Ausdruck, »habe so meine Calculation, Sailstich, und 'ne verdammt feine Calculation, und wenn's glückt, macht sich der Wassernix reichlich bezahlt. Aber hört, die Theekessel singen schon; müssen mit Pech und Schwefel geheizt haben, die Rebellenhunde, 's wird also noch jedenfalls vor Sonnenaufgang losgehen. Drum merkt Euch, Sailstich, die nächsten grünen Laternen backbord von der rothen Steuerbord.«

»Aye, aye, Herr, muß vorher aber noch an's Land. Wir dachten, 's würde 'ne andere Schlachtordnung geben, und haben sich alle Hände bereit erklärt, sich auf dem Revenger anmustern zu lassen,« – hier ging wegen der Nähe des Quarterdecks das Oel aus, und die alte Ankerwinde knarrte, als ob sie mindestens zehn Jahre im Salzwasser gerostet hätte, – »im offenen Gefecht zu fallen, würde mir verdammt wenig Unterschied gemacht haben, aber unterwegs auf dem Flusse vielleicht gekapert und obenein aufgehißt zu werden? O, Kap'ten, 's ist kein Ende für 'nen rechtschaffenen Salzwassermann – o mir ist ganz krank um's Herz.«

So wandelten die beiden alten Schiffsgenossen noch lange auf und ab, bald knarrend und heulend, bald reichlich geölt und weinend, je nachdem sie sich dem Quarterdeck näherten oder ihnen Jemand begegnete, der ihre Redeweise bestimmte, so daß es endlich den wachhabenden Officieren lästig wurde und sie ihnen unter mancherlei Verwünschungen zuschrieen, ihr Lamentiren einzustellen oder ihre Leichname in einen Winkel zu stauen, wenn sie nicht vorzögen, über Bord geworfen zu werden.

Doch nur Sailstich kam der Aufforderung: sich weg zu stauen, mit einem kleinmüthigen »Aye, aye, Gentlemen,« nach und legte sich im undurchdringlichen Schatten der nach Innen geneigten Schanze auf eine Reserveraae, während Kapitän Iron, der nunmehr, statt der Mörser und Stahlgeschosse, einen Knoten Tabak zwischen die Zähne geschoben hatte, unter grimmigem Kauen und Beißen seinen Spaziergang fortsetzte. –

Die Zeit verrann; eine gewisse Ruhe herrschte auf dem Revenger, nur die Maschinenkessel sangen lauter und lauter, als hätten sie ängstlich auf die Gelegenheit gewartet, das ganze Schiffsgebäude in die Luft zu sprengen. Die Wolken verzogen sich, und wie um diese zu ersetzen, entwand sich schwarzer Qualm dem eisernen Schlot, sobald er in's Freie gelangte, die Richtung gegen Nordwesten einschlagend. Heller funkelten die Sterne; der Wind schien sich drehen und Frost bringen zu wollen.

Kapitän Iron war unermüdlich wie der Wind, unermüdlich wie der Qualm, wie das Singen und Zischen der eingeengten Dämpfe. Mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen verfolgte er seinen alten Weg fort und fort. Das Haupt mit dem zerknitterten Südwester hatte er tief auf die Brust geneigt, die Blicke stier auf die unter seinen Tritten dröhnenden Deckplanken gerichtet, die sich nothdürftig von den übrigen, schwarz angestrichenen Gegenständen auszeichneten. Ob seine Gedanken in der Heimath weilten? Wer konnte es wissen? Das Krachen, mit welchem er – nach Beseitigung des Tabaks – hier einen Mörser, dort wieder ein halbes Dutzend Vollkugeln auf einmal zwischen seinen knirschenden Zähnen zermalmte, stand wenigstens nicht im Einklang mit friedlichen, trauten Familienbildern, und dabei erschien er so theilnahmlos, so abgestumpft für Alles, was um ihn her vorging. Neigte er doch nicht einmal den Kopf zur Seite, als da, wo Sailstich sich hingeworfen hatte, eben derselbe alte Sailstich, mit der Gewandtheit einer Katze sich an das Holz und Eisen anschmiegend, nach der Schanze hinauf kroch, und ähnlich einem entschlüpfenden Aal, den Kopf nach unten, ganz über dieselbe hinüber glitt. Dabei hielt er sich mit den Händen an ein Tau, welches er da, wo die Strickleiter hinabgeworfen und wieder heraufgezogen worden war, über die Regeling hinübergespielt und so lange nachgelassen hatte, bis es unten die Jolle, deren Lage er genau kannte, berührte. Und an Tauen fehlte es ihm ja nicht, denn vor ihm lagen aufgerollt die schönsten Braßleinen, und er brauchte nur die Hand auszustrecken, um Pinnen und Haken in der Eisenwand zu entdecken, wohl geeignet dazu, eine Leine an ihnen zu befestigen.

Alles das bemerkte Kapitän Iron anscheinend nicht, noch weniger hörte er irgend ein Geräusch, welches Sailstich unvermeidlich erzeugte, denn er trat beim Gehen so hart und fest auf, als hätte er bei jedem neuen Schritt die Deckplanken durchbrechen wollen, und als gar ein Ruder ganz leise unten auf dem Wasserspiegel klapperte, da verschluckte er sich dermaßen an seinem Heimweh, daß er an einem weithin schallenden Husten beinah erstickt wäre. Sailstich aber saß um diese Zeit bereits wieder in der Jolle; der Strick, welcher diese so lange gehalten hatte, war einfach durchgeschnitten worden; mit nervigen Fäusten hielt er die Riemen zu beiden Seiten ausgestreckt, ohne sie zu gebrauchen. Er überließ es vorläufig der Strömung und dem Winde, ihn aus der gefährlichen Nachbarschaft des Revenger zu treiben; erst als er gegen hundert Ellen weit von demselben entfernt war, tauchte er die Riemen zum erstenmal vorsichtig ein, und dann arbeitete er allmälig schneller und angestrengter, daß seine Jolle wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil dahinschoß, immer in gerader Richtung auf die Landungsstelle zu, wo er einzelne seiner der Unionsflagge abtrünnig gewordenen Kameraden und Schiffsmaats zu finden hoffte.

Nicht lange nach Sailstichs Verschwinden schien Kapitän Iron sich endlich wieder zu trösten, wenn auch hin und wieder noch ein Mörser – der Taback war ja längst verarbeitet, den Geist zwischen seinen Zähnen aufgeben mußte.

Er war in die Nähe des Schornsteins getreten, wo er durch eine geöffnete, massiv eiserne Thüre bis in die untersten Räume hinabzublicken vermochte. Ein halbes Dutzend rußiger Feuerleute schürte daselbst die Gluth, welche polternd in die Dampfcylinder hineinschlug.

Sinnend und immerfort zähneknirschend, jetzt aber nur höchstens harmlose Steinkohlenblöcke zermalmend, spähte er hinab; seine kleinen Augen funkelten unheimlicher, denn je, indem das von unten heraufdringende Licht sich in denselben spiegelte.

»Verdammt handfeste Burschen,« murmelte er, indem er die dämonisch beleuchteten Feuerleute aus der Vogelperspective betrachtete, »aber trotzdem Rebellenhunde, die den Revenger zu meinem Unglück heizten, wofür sie hundertmal der Teufel holen möge.«

Hier wurde wieder ein Stück von einem Sechsundneunzigpfünder abgebissen, und langsam bewegte sich der harmlose, von Heimweh befallene Kapitän einige Schritte vorwärts, wo die beiden zu den Maschinisten niederführenden Sprachröhren, geschützt durch schwere eiserne Umhüllungen etwa drei Fuß hoch über die Planken des Verdeckes emporragten. Eine Schildwache ging bei denselben auf und ab; sie achtete nicht auf den gefangenen wunderlichen Kapitän, noch weniger bemerkte sie, daß derselbe im Vorbeigehen die Weite der beiden Röhren prüfte, indem er sein zusammengerolltes Taschentuch in sie hineinschob und schnell wieder zurückzog. Dann nahm dieser seinen Spaziergang wieder auf, langsam und bedächtig, als hätte er sich im Geiste auf dem Quarterdeck seines vor guter Brise mit vollen Segeln einherlaufenden seligen Wassernix befunden und den ihm aus der schnellen Reise erwachsenden Gewinn berechnet. Nur gelegentlich sandte er einen forschenden Blick stromabwärts, wo nahe der Mündung, ähnlich wachenden Höllengeistern, die auf den Bojen befestigten grünen und rothen Laternen träge von der einen Seite nach der andern hinüberschwankten.

Weiter schritt die Nacht vor, heller funkelten die Sterne in der gereinigten Atmosphäre, schwärzer entquoll der Steinkohlenrauch dem eisernen Schornstein, durchdringender und gellender zischten die den feinsten Fugen entströmenden Wasserdämpfe.

In der Kajüte auf dem Sopha lag Anna. Kapitän Irons Worte hatten sie schrecklich aufgeregt; der Geist aber schien die ihm aufgebürdete Last nicht tragen zu können, sie war in einen Schlaf der Erschöpfung gesunken. Ihr gegenüber saß Johannes, das liebliche bleiche Antlitz regungslos betrachtend, als sei es ein Heiligenbild gewesen, vor welchem er andächtig auf die Kniee hätte sinken mögen. Was er dachte, was er empfand, es prägte sich in dem stets wechselnden Ausdruck seiner Augen aus; wurde ihm doch so selten, so sehr selten die Gelegenheit, angesichts der geliebten Gespielin sich unbeachtet und heimlich seinen schmerzlichen Betrachtungen rücksichtslos hingeben zu können.

Von der Stadt her ertönte lauter und regelmäßiger Ruderschlag.

»Boot ahoi!« rief die Schildwache dem sich nähernden Fahrzeug entgegen.

»Commandant des Revenger!« hieß es zurück und ein reich bemanntes Boot schoß nach der Stelle hin, auf welcher die Strickleiter wieder über Bord geworfen war.

Gleich darauf empfingen die Officiere des Piraten den Commandanten, einen ältlichen, verbissenen Seemann, als derselbe, gefolgt von einem halben Dutzend Matrosen, die an der Schanze lehnende Treppe verschmähend, von oben herunter zwischen sie sprang.

Den Gruß seiner Untergebenen beachtete er nicht, sondern gleich nach dem Quarterdeck hinschreitend, fragte er während des Gehens kurz und barsch:

»Wie viel Dampf?«

»Fehlt noch 'ne Kleinigkeit an der vollen Kraft,« lautete die dienstliche Antwort des ältesten Lieutenants, woran er die Frage schloß, was mit dem Boot begonnen werden solle.

»Herauf mit ihm,« befahl der Commandant.

»Hißt das Boot auf!« rief der Lieutenant.

»Hißt das Boot auf!« wiederholte eine Stimme bei der Strickleiter.

»Aye, aye, Herr!« hallte es von unten herauf und von oben nach unten. Taue rasselten durch die an den Davids befestigten Blöcke niederwärts, andere mit diesen in Verbindung stehende Blöcke wurden an die entsprechenden Ringe des Bootes gekettet, und nach dem Pfeifen eines Bootsmanns schwebte das nur noch mit zwei Mann besetzte Fahrzeug schnell bis in gleiche Höhe mit dem oberen Rande der Brüstung empor.

»Sind die Fremden fort?« fragte der Commandant unwirsch.

»Noch nicht; nach dem uns übermittelten Befehl –«

»Zum Teufel mit jedem Befehl, welchen ich nicht selbst ertheile!« schnaubte der Commandant, »hinaus mit ihnen auf der Stelle! Viel zu viel Rücksichten werden mir aufgedrungen! Hätte kein Hahn darnach gekräht, wären sie den Irländern beigesellt oder über Bord geworfen worden! Goddam die ganze deutsche Nation!«

Auf dem Schiff entstand eifriges Suchen und Rufen, während Einzelne in die Kajüte eilten, um Johannes und Anna nebst ihren Sachen zur Strickleiter zu führen, als des Commandanten bissige Stimme wieder ertönte:

»Hölle und Verdammniß! Wen sucht man noch lange?«

»Der Bootsmann vom Wassernix, welcher die Fremden von dannen führen sollte, ist sammt seiner Jolle verschwunden,« rapportirte ein hinzutretender Officier.

»Auf vierundzwanzig Stunden in die Eisen mit der Deckwache!« rief der Commandant wüthend, »und der wachhabende Lieutenant mag von Glück sagen daß ich nicht Standrecht über ihn halte! Wo ist Kapitän Iron?«

»Ave, aye, Herr!« antwortete dieser, worauf er gemächlich nach dem Quarterdeck hinaufstieg und furchtlos vor den Commandanten hintrat.

»Wo ist der Bootsmann, welchen ich schickte?« redete dieser den Kapitän sogleich an.

Kapitän Iron zermalmte in der Geschwindigkeit mit seinen Zähnen einen Mörser und antwortete lachend:

»Calculire, Maat, ich weiß es nicht und bin nicht verantwortlich für den verdammten Sailstich, der in seinem ganzen Wrack nicht mehr Muth besitzt, als eine von Wallfischen verfolgte Häringsseele.«

»Hol' der Teufel Euer Geschwätz, Herr!« fuhr der Commandant wild auf, »ich will Euch zeigen, wer verantwortlich ist! Hinunter mit Euch und haltet Euch zehn Schritte weit aus meinem Wege, oder Ihr liegt schneller in Eisen, als Ihr ein Vaterunser zu beten vermögt! Los die Taue!« rief er darauf durch's Sprachrohr über das Schiff hin, in folge dessen sogleich mehrere Matrosen, von Leinen gehalten, über die Schanzen glitten, um die Taue zu lösen, mittelst deren der Revenger, um das Ankerwerfen zu ersparen, an zwei der dort zu diesem Zweck liegenden Bojen gefesselt worden war.

Kapitän Iron war mit einem gelassenen »Aye, aye, Herr!« aufs Deck niedergestiegen, wo er sich bis in die Nähe der Sprachröhren zurückzog, als ein Officier zu dem Commandanten herantrat und sich Befehle betreffs der beiden Fremden erbat, die bereits vor der nach der Schanze hinaufführenden Treppe standen.

»Mögen sie verdammt sein, die beiden Milchgesichter!« fluchte der Commandant, »mitnehmen soll und will ich sie nicht, und ein Boot ihretwegen hinabzulassen sind sie nicht werth –«

»Boot ahoi!« rief die Deckwache ein mit flinken Ruderschlag herbei eilendes Boot an.

»Mannschaft vom Revenger!« antwortete Lieutenant Arthur.

»Welches Boot?« fragte der Commandant hinunter, sobald Arthur seitlängs vom Revenger angekommen war.

»Boot von der Hafenwache!« rief Arthur zurück.

»Ich hatte Euch ja befohlen, mich auf der neuen Ankerstelle aufzusuchen, Herr!«

»Ich wurde früher fertig, als ich glaubte, und wünschte die neuen Hände an Bord zu bringen!«

»Was für Hände?«

»Vier Mann vom Wassernix!«

»Herauf mit ihnen! Doch halt! Nein! Der Schurke von Bootsmann ist mit der Jolle zum Teufel gegangen! Sie können die Fremden an's Land setzen und nachkommen! Gebt ihnen 'ne sichere Hand als Führer mit!«

In demselben Augenblick schwang sich Arthur über die Schanze, wo er auf seinem Wege nach dem Quarterdeck von Anna und Johannes aufgehalten wurde.

»Um Gottes willen, verlassen Sie uns nicht,« bat Anna leise und am ganzen Körper bebend, »die Leute, die kaltblütig zum Feinde übergingen, ich fürchte sie, o, begleiten Sie uns,« und krampfhaft drückte sie Arthurs Hand, welche sie in ihrer Todesangst ergriffen hatte.

»Steigt hinab,« sprach Arthur zu Johannes, »die Leute werden Euch unterstützen, gleich bin ich wieder hier,« und seine Hand sanft der Anna's entziehend, eilte er nach dem Kastell hinauf, wo er mit dem Commandanten einige Worte wechselte.

»Nun, Ihr mögt Recht haben,« vernahm Anna endlich des Commandanten gefürchtete Stimme, »'s ist besser Ihr geht, denn der Teufel traue Allen; selbst unsere ältesten Hände desertiren, bevor man sich dessen versieht, und wir haben nicht 'nen Finger zu viel bei der Arbeit, die uns bevorsteht. Also beeilt Euch, Ihr wißt ja, wo der Revenger sich hinlegt, und 'ne Stunde tüchtigen Ruderns schadet den abtrünnigen Schurken gar nicht. Halloh! Capitän Iron!« rief er alsdann über das Schiff, »wenn Ihr mit wollt, soll's mir nicht darauf ankommen; bin verdammt froh, solch überflüssigen Ballast los zu werden!«

»Danke bestens, Herr!« rief Kapitän Iron aus dem Schatten zurück, »ich bleibe lieber hier, als daß ich mit solch treulosen Schuften, wie die Hände des Wassernix, auch nur 'ne Minute zusammen in demselben Boot sitze!«

»So bleibt und seid verdammt!« entgegnete der Commandant höhnisch, »aber baut fest darauf, auf den Mastkorb laß ich Euch zu seiner Zeit hissen, damit Ihr aus erster Hand hört, wie die Yankee-Granaten singen!«

Der Kapitän antwortete nicht, er mochte es für gefährlich halten, den Grimm des tyrannischen Commandanten bis aufs Aeußerste aufzustacheln.

Arthur hatte unterdessen Anna nach der Schanze hinaufgeführt, wo er ihr voraus auf der Strickleiter rückwärts niederzusteigen begann und mit der linken Hand sich an dem Tauwerk hielt, während er mit dem rechten Arm das zitternde Mädchen erfaßte und ihm dadurch einen sichern Halt auf dem schwankenden Wege bot.

Glücklich gelangten sie unten in dem Boote an, wo Johannes bereits Platz genommen hatte und die Sachen ebenfalls untergebracht worden waren. Die vier Seeleute saßen über ihre Riemen geneigt da, und Arthur, sobald er Anna zu ihrem Sitz geführt hatte, gab das Zeichen zum Aufbruch. Die das Boot haltende Leine glitt durch den Ring, die Riemen senkten sich in die Fluthen, und gleich darauf war das davoneilende Fahrzeug vom Bord des Revenger aus nur noch als eine schwarze, unförmliche Masse auf dem plätschernden und durch die ablaufende Ebbe bewegten Wasserspiegel erkennbar.

»Alles los« tönte es jetzt aus zwei verschiedenen Richtungen nach dem Quaterdeck hinüber.

»Alles bereit!« schallte es mächtig durch das Sprachrohr des Commandanten.

»Alles bereit!« antwortete es aus dem Innern des Schiffes und vom Verdeck.

»Vorwärts die Maschinen!« übertönte das Sprachrohr die mit betäubendem Geräusch sich gewaltsam befreienden Dämpfe.

»Vorwärts die Maschinen!« rief der betreffende Officier durch eine der beiden Röhren in den Schiffsbauch hinab.

Das Zischen der Dämpfe verstummte. Nach dem Ohren zerreißenden Geräusch hatte die eintretende Stille etwas Unheimliches. Da erschien es, als ob der Revenger plötzlich eigenes Leben erhalten hätte; er erzitterte in allen seinen Fugen, und mit dumpfem Poltern begannen die mächtigen Hebel die das Wasser aufwühlende Schraube herumzuwälzen.

Der Commandant befand sich allein auf dem Quarterdeck; die dienstthuenden Officiere hatten sich nach allen Richtungen vertheilt, nachdem er den Willen kund gegeben, selbst den Revenger auf die ihm bestimmte Stelle lootsen zu wollen. Und ein tüchtiger Seemann war der Commandant, wenn auch ein Mensch ohne jedes andere Gefühl, als das des Hasses und des Rachedurstes gegen die Feinde der südlichen Institutionen; seine Blicke waren überall, bald vorne, wo man die Anker klar machte, bald hinten, wo nur wenige Schritte von ihm ein stämmiger Matrose in einer geschützten Abstufung zwischen Spiegel und Kajüte das Steuerrad führte. Am längsten und gespanntesten aber hafteten sie auf den grünen und rothen Laternen nahe der Mündung des Savannah, sorgfältig prüfend und beobachtend deren Stellung zu einander und wie sie sich allmälig kaum bemerkbar verschoben. Er befand sich offenbar in großer Aufregung, dagegen verstand er es, sich zu beherrschen, und mit eiserner Ruhe folgte Commando auf Commando. »Stop die Maschinen!« »Rückwärts!« »Vorwärts!« »Backbord das Steuer!« »Steuerbord!« bis der Revenger sich endlich ganz herumgeschwungen hatte und mit seinem Bugspriet stromabwärts wies.

»Laßt gehen, in des Teufels Namen, und gebt Dampf bis auf den letzten Zoll!« lautete das Schluß-Commando, und dann stellt er sich, das Gesicht den bunten Laternen zugekehrt, vor den steuernden Matrosen.

»Welchen Strich?« fragte er diesen, dessen wilde, bärtige Physiognomie starr an dem transparenten Zifferblatt des Compasses haftete.

»Ost-Südost bei Ost, Herr!« lautete die knurrende Antwort.

»Halt fest Ost-Südost bei Ost, einen Strich mehr Ost!« befahl der Commandant.

»Aye aye, Herr, 'nen Strich mehr Ost,« wiederholte der Steuermann, und dann hörte man längere Zeit hindurch nichts, als das dumpfe Poltern der Maschinen, welche die Schraube in möglichst schnelle Bewegung setzten, und das Brausen, mit welchem das schäumende Kielwasser sich unter dem Steuerruder hervorwand.

Wohl zehn Minuten verfolgte der Revenger in dieser Weise seinen Weg. Vorbei flogen die westlichen Außenwerke der Stadt, erkennbar an den Scheiterhaufen, bei deren rother Beleuchtung hunderte von Männern an den Befestigungen arbeiteten; vorbei flogen die östlichen Batterien, bis endlich nur noch ungefähr fünfhundert Ellen den Revenger von der Durchfahrt zwischen den grünen Laternen trennten.

»Nieder mit dem Dampf bis zur Hälfte!« rief der Commandant, nachdem er einen Blick rückwärts auf den Compaß geworfen.

»Nieder mit dem Dampf bis zur Hälfte!« wiederholte der bei den Sprachröhren aufgestellte Officier; dann brachte er seinen Mund an die erste Röhrenöffnung, das Commando in den Maschinenraum hinabsendend, worauf er dasselbe Verfahren bei der andern Röhre beobachtete.

Die Worte, welche er hinabrief, klangen ihm wohl merkwürdig dumpf, doch nicht so dumpf, daß er deshalb gleich Argwohn geschöpft hätte. Zu weit lag es außerhalb des Bereichs seiner Berechnung, daß Jemand mittelst eines biegsamen Stäbchens in beide Röhren zusammengerollte Taschentücher tief genug hinabgestoßen haben könne, um sie von oben herab unerreichbar zu machen. Er neigte um so weniger zu Mißtrauen hin, als außer dem zähneknirschenden Kapitän Niemand in seine Nähe gekommen war und er seinen Posten, wenn auch gelegentlich seitwärts an die Schanzen tretend, keinen Augenblick verlassen hatte.

»Nieder mit Dampf!« hatte er in beide Röhren hineingerufen, allein die Maschinen arbeiteten fortgesetzt mit einer Kraft, als ob der Revenger sich mitten auf dem Ocean befunden hätte.

»Hölle und Teufel! Nieder mit dem Dampf, oder die Wellen zünden!« brüllte der Commandant jetzt auf dem Gipfel seiner Wuth.

Der Officier commandirte abermals hinab, jedoch mit demselben Erfolge, und plötzlich Verdacht schöpfend, rief er zurück. »Bei Gott! 's ist etwas nicht in Ordnung hier!«

»Bei der ewigen Verdammniß! Ich lasse Euch Alle krumm schließen!« fluchte der Commandant. Einen Blick warf er noch auf den Compaß und den steuernden Matrosen, demselben ein drohendes: »Haltet Euern Cours, Mann!« zurufend; dann riß er den Revolver aus dem Gurt und vom Quarterdeck hinunterspringend, eilte er dahin, wo die Verwirrung entstanden war und Einzelne bereits nach dem Maschinenraum hinunterstürmten, um den Befehl des Commandanten in Ausführung zu bringen.

Obgleich erst wenige Minuten hingegangen waren, hatte der Revenger sich doch, mit voller Dampfkraft einherschießend, den grünen Laternen bis auf etwa zweihundert Schritte genähert. Da nun der Commandant sich scheute, durch plötzliches Rückwärtsarbeiten der Maschinen das Wasser in einer für die Torpedos gefährlichen Weise aufzuwühlen, so stand zu erwarten, daß der Revenger, selbst auch dann, wenn die Dampfkraft verringert wurde, noch mit unverminderter Geschwindigkeit zwischen den grünen Laternen hindurchgleiten würde. Der Cours des Schiffes war indessen so genau geregelt, daß ein Unglück nicht zu befürchten stand; es durfte daher durchaus nicht als eine Vernachlässigung des Commandanten betrachtet werden, als er sich persönlich von der stattgefundenen Unordnung und deren Grund zu überzeugen wünschte, um demnächst in seiner tyrannischen Weise strafend einzuschreiten. –

Der Commandant hatte kaum das Quarterdeck verlassen, da schlich auf der Außenseite desselben, halb über dem Wasser schwebend, Kapitän Iron mit der Gewandtheit einer Katze herum und trat mit geheimnißvollem Wesen neben den steuernden Matrosen hin.

»Keine gute Zeit da vorne,« entschuldigte er sein unerwartetes Erscheinen, »möchte dem Commandanten in seiner jetzigen Laune nicht begegnen.«

»Hol' der Teufel den Commandanten,« knurrte der Pirat höchst unehrerbietig, »wird Euch aber noch viel schlechter gefallen, wenn er Euer altes Eulengesicht hier findet.«

»Meint Ihr Maat?« fragte der Kapitän, indem er, beide Hände in seinen Hosentaschen, ganz dicht neben den Steuermann hintrat, wie um den Curs des Schiffes zu prüfen.

In diesem Augenblick begann die Schraube die rasende Eile ihrer Bewegungen zu mäßigen. Als ob dies aber das Signal zum Handeln für Kapitän Iron gewesen wäre, fuhr die mit dem langen Messer bewehrte Faust aus seiner Tasche, und bevor der Matrose, der die Blicke starr auf den Compaß gerichtet hielt, ahnte, was ihm bevorstand, hatte er ihm die breite, scharfe Klinge durch's Herz gestoßen.

Lautlos sank der Pirat zusammen, ebenso schnell stand aber auch Kapitän Iron an seiner Stelle. Sein Kopf reichte gerade über den Rand des Kastells empor, so daß er eine theilweise Aussicht auf die spärlich von Laternen beleuchtete Gruppe der bei den Sprachröhren versammelten Männer genoß. Niemand hatte sein Thun bemerkt, noch den Sturz des Matrosen vernommen; ohne Säumen griff er daher mit seinen nervigen Fäusten in das Steuerrad, welches er hastig, so weit es nur immer nachgeben wollte, herumschlug. Bevor aber noch der Revenger dem so urplötzlich herumgeworfenen Steuerruder merklich folgte, hatte Kapitän Iron eine zu diesem Zwecke in seiner unergründlichen Tasche bereit gehaltene leichte Kette hervorgezogen, welche er mit geübtem Griff um zwei Speichen und die Tragesäule des Rades schlang, worauf er die beiden Enden durch einen schwer lösbaren Kreuzknoten mit einander vereinigte. Er war dabei mit einer so wunderbaren Gewandtheit zu Werke gegangen, daß der Revenger noch keine fünfzig Ellen zurückgelegt hatte, als er sich wieder emporrichtete und die Stellung des steuernden Matrosen einnahm. Zugleich gewahrte er aber auch, daß das Schiff, ein ausgezeichneter Segler, dem Steuer willig gehorchte und den Bug bereits so weit herumgeschwungen hatte, daß die seine Bahn bestimmende grüne Laterne, anstatt auf der Backbordseite, auf der Steuerbordseite liegen bleiben mußte und es also, wen das Steuer nicht wieder gelöst wurde, schräg über die gefährliche Bahn und in sein unabwendbares Verderben lief.

»Backbord! Backbord das Steuer!« brüllte der Commandant, als er vom Verdeck aus plötzlich die grüne Laterne nahe vor dem Schiff bemerkte und dieselbe für die andere, dieser gegenüber liegende hielt.

»Backbord, Herr!« antwortete Kapitän Iron mit verstellter Stimme, und da er vorher sah, daß der Commandant binnen Kurzem Aufschluß über die Bewegung der Revenger gewinnen würde, so ergriff er den getödteten Matrosen, welchen er mit einer Kraft, die man in der hageren Gestalt kaum gesucht hätte, nach der Spiegelschanze hinaufschob und dann in den Strom hinabstürzte.

»Mann über Bord!« rief er darauf gellend aus, um die Aufmerksamkeit nur noch auf einige Sekunden von der Lage des Schiffes abzulenken.

»Laßt ihn zur Hölle fahren und verdammt sein!« antwortete giftig der Commandant, der nicht für zehn Menschenleben die Maschine zum Stehen gebracht hätte.

Gleichzeitig tönte es aber vom Verdeck mit dem Ausdruck des Entsetzens herüber:

»Rothe Laternen vorn!«

»Stop die Maschinen!« schrie der Commandant, der nunmehr von einem bösen Argwohn ergriffen, nach dem Kastell hinstürzte.

»Stop die Maschinen!« wiederholte die Kette der Leute, welche, um die unbrauchbar gewordenen Röhren zu ersetzen, vom Verdeck bis zum Maschinenraum niederreichte.

Die Maschinen stellten die Arbeit ein.

»Rückwärts!« donnerte der Commandant, die Quarterdeckstreppe hinaufspringend.

Rückwärts!« echoete die lebendige Kette, »rückwärts die Maschinen!«

Dem Befehl wurde pünktlich Folge geleistet, allein keine Gewalt der Erde hätte vermocht, die noch immer nach vorn drängende Eisenlast des Revenger aufzuhalten oder gar zu einer unmittelbaren Rückwärtsbewegung zu zwingen, bevor er mit dem Vordertheil über dem verborgenen Krater angekommen war.

Alle auf Deck begriffen die furchtbare Gefahr, in welcher sie schwebten, und die dennoch Niemand zu beseitigen im Stande war. Ein langes, nur nach Sekunden zu berechnendes Schweigen trat ein. Jeder hoffte, daß die unterseeische Mine nicht von dem Boden des Revenger berührt werden würde, der eben noch so stetig auf der ihm angewiesenen Bahn einherdampfte, als hätte er mit Menschengewalt nicht mehr aus derselben herausgebracht werden können.

»Welchen Strich hast Du, Schurke?« schrie der Commandant, kaum seiner Sinne noch mächtig, und jetzt erst gewahrte er, daß das Steuerrad verlassen war.

Mit einem entsetzlichen Fluch sprang er hinunter und entschlossen griff er in die Speichen, um dem, trotz der eben beginnenden Rückwärtsbewegung der Maschinen, noch immer nach vorn drängenden Schiff eine andere Richtung zu geben. Doch er arbeitete vergeblich, das Rad rührte sich nicht, und der Revenger, dem gefesselten Steuer gehorchend, schwang seinen Bugspriet unaufhaltsam zwischen die beiden rothen Laternen hinein.

Da schallte ein boshaftes, höhnisches Gelächter über das Schiff hin. Der Commandant sah empor; vor ihm auf der äußersten Ecke der Spiegelschanze und nur wenige Fuß von im entfernt stand die schattenähnliche Gestalt Irons, der ihm vertraulich rieth, vorher die Kette zu lösen, wenn er steuern wolle.

»Hund von einem Unionisten!« wüthete der Commandant, indem er den Revolver aus dem Gurt riß und den Hahn spannte.

»Rache für den Wassernix!« rief der in einen höllischen Dämon verwandelte Kapitän; »lernt besser schießen!« fügte er gellend hinzu, als er eine Kugel aus dem Revolver an seinem Kopfe vorbeisausen hörte, und mit durchdringendem »Sailstich!« setzte er in die Fluthen hinab, seinem Körper einen solchen Schwung gebend, daß er außerhalb des Bereichs der sich schwerfällig herumwälzenden Schraube gelangte.

Vier oder fünf Ellen weiter tauchte er wieder aus den schäumenden Wellen empor, und dann arbeitete er angestrengt auf die nächste grüne Laterne zu, bei jedem neuen Stoße den Namen Sailstich's laut wiederholend.

Da glitt eine leichte Jolle vor ihn hin; ein Mann neigte sich zu ihm nieder und faßte ihn unter den Armen, und mit einem kräftigen Schwünge brachte er sich in das Boot hinein.

Anstatt aber auf Sailstichs Rath sogleich zu den Riemen zu greifen, kehrte er sich um, mit tödtlicher Spannung den Revenger beobachtend, der in der Entfernung von kaum dreißig Ellen zu dem der Rückwärtsbewegung vorausgehenden Stillstand gekommen zu sein schien.

»Bei Gott, Sailstich,« hob er mit seinem grimmigsten Zähneknirschen an, »'s wäre 'n merkwürdiges Unglück ...«

Weiter sprach er nicht; ungefähr fünfzig Fuß von dem Vordersteven des Piraten, dessen Breitseite ihm schräge zugekehrt war, schoß plötzlich ein schmaler, zischender Feuerstreifen unter dem Schiffsboden hervor. Die Spitze der bleichen Flamme hatte aber noch nicht die Höhe der Schanze erreicht, als eine furchtbare, dumpfe Explosion, wie bei einem Erdbeben, zu beiden Seiten des Schiffs mächtige Wassersäulen emporschleuderte und die Jolle noch weiter aus dem Bereiche der Gefahr zurückwarf. Der ersten Explosion schloß sich, begleitet von dem wilden Geheul der entsetzten Mannschaft, unmittelbar eine zweite an, welche, durch eine lodernde Flamme die ganze Umgegend flüchtig erhellend, den Vordertheil des Revenger wohl fünfundzwanzig Fuß hoch emporhob, so daß man bis zum Vordermast klar unter dem schwefelgelb beleuchteten Kiel hindurchzusehen vermochte. Eine Sekunde schien der Kaperer in der Luft still zu stehen, dann sank er wieder in die Fluthen zurück. Er sank tiefer und tiefer, ohne inne zu halten; er sank so schnell, wie das durch den zerschmetterten Schiffsboden frei eindringende Wasser die leeren Räume füllte, bis nach Ablauf von kaum zwei Minuten nur noch die Masten und der obere Theil des Schornsteins über dem brausenden und wirbelnden Wasserspiegel emporragten. Er sank und mit ihm versanken der tyrannische Commandant und die Mehrzahl derjenigen, welche die alten, nunmehr mit Wasser gefüllten Räume so lange und mit so viel Glück geräuschvoll belebt hatten. Der Revenger war zu Grunde gegangen, nicht im Kampfe mit einem ebenbürtigen Gegner; zwei einzelne Leute, beseelt von so glühendem Haß und Rachedurst, wie er nur in einem Bürgerkriege möglich, hatten ihm hinterlistig sein Verderben bereitet. Das Unternehmen, wegen dessen der verschlagene Kapitän und sein nicht minder verschlagener Bootsmann ihr Leben wohl hundertfach aufs Spiel setzten, war bis in's Kleinste geglückt. Der Revenger lag auf dem Boden des Stromes; nur noch einzelne Hände kämpften schwimmend mit Erfolg gegen die kalten Fluthen. Ueber dem nassen Grabe der Andern hing noch lange eine weiße Wolke, deren Wiege ein umfangreicher, mit Zündstoff gefüllter kupferner Kasten gewesen.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.