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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Dreißigstes Capitel. Der Revenger.

Wild peitschte der Nordweststurm den atlantischen Ocean. Ein trüber Decemberhimmel hing über der unendlichen Wasserfläche und warf seinen kalten Schatten über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Tief auf donnerte das Meer; unheimlich toste die Brandung gegen die hohen Küstenstrecken von Georgien und Karolina. Es erklang wie das Echo des Kanonendonners und des unheilvollen Tosens, mit welchem auf dem Festlande die letzten Schlachten des sich seinem Ende zuneigenden Bürgerkrieges geschlagen wurden. Als mächtige Dünungen drängten sich die salzigen Fluthen in den Savannah hinein, die wenigen unter dem Schutze der Rebellen-Batterien ankernden Schiffe heftig schaukelnd und wiegend.

In der Stadt Savannah herrschte eine schwüle Spannung. Man mußte nicht, ob General Sherman, der in gefährlichster Nähe eingetroffen war, anstatt nordwärts auf das feste Charleston zu ziehen, sich vielleicht auf Savannah werfen würde, welches ohne großen Kampf in seine Gewalt fallen mußte. Bedroht von der Landseite konnte Savannah von der Wasserseite her noch weniger auf Hülfe rechnen. Die Mittel der in sich zusammensinkenden Rebellion waren bis auf den letzten Restbestand erschöpft. Keine Schiffe standen ihr mehr zur Verfügung, ihre Küsten- und Hafenstädte zu vertheidigen; nur kleine Schnellsegler von geringem Tiefgange dienten als Blockadebrecher und Piraten, welche auf hoher See friedliche Kauffahrer anfielen und, nach Bergung der Mannschaft, durch Feuer vernichteten.

In den Mündungen größerer Gewässer und zwischen den Küsteninseln fanden diese Piraten eine erträglich sichere Unterkunft, indem die schweren Panzerschiffe und Monitors der Union ihnen nicht überall hin nachzufolgen vermochten. Auf hoher See mieden sie freilich die gefährliche Nachbarschaft der Eisenkolosse, aber von verborgenem Hinterhalte aus bewachten sie dieselben Tag und Nacht, um eine Gelegenheit zu erspähen, unentdeckt aus ihren Schlupfwinkeln auszulaufen, oder anderen Blockadebrechern das Signal zum Einlaufen zu geben.

Vor der Mündung des Savannah, angesichts der auf dem rechten Ufer gelegenen Stadt gleichen Namens kreuzten nur drei oder vier Unionsdampfer. Die Hauptmacht der Flotte lag vor Charleston, Wilmington und in der Chesapeak-Bai, wo bei den sich vorbereitenden gewaltigen Stößen auf die beinahe uneinnehmbaren Befestigungen der Rebellen, auf die Seemacht, als einen entscheidenden Bundesgenossen der Landarmee gezählt wurde. Die auf dem Savannah untergebrachten Rebellenschiffe waren nicht geeignet, den lauernden Unionsdampfern zu begegnen; sie lagen müßig vor Anker. Zähneknirschend und wuthschäumend beobachteten die zur Unthätigkeit verdammten Seccessionisten die den eisernen Schloten ihrer Feinde entsteigenden Rauchwolken, welche, bald wie von den schäumenden Wogen ausgestoßen, bald einen schwarzen, mit Stückpforten versehenen eisernen Wall beschattend, ihnen die jedesmalige Lage der kampfgerüsteten nördlichen Wächter bezeichneten. Unbekümmert um Wind und Wetter, unbekümmert um donnernden Wogenschwall versahen die furchtbaren Schildwachen ihr Amt. Ob vor Top und Takel treibend, ob mit halber Dampfkraft der wüthenden Böe entgegenstampfend, sie hielten gewissenhaft auf ihren Posten aus, sorgfältig abspähend die schaumumgürtete Küste, und das Bugspriet dahin wendend, wo nur immer unter den die Mündung des Stromes beherrschenden Batterien ein Segel sich aufbauschte, um Sklaven und Güter nach anderen, sogenannten neutralen Häfen zu verschiffen.

Eine kurze Strecke oberhalb Savannah, also nicht nur vollständig gedeckt durch die Batterien, sondern auch gegen die schweren Dünungen durch die letzte Flußbiegung geschützt, lag in den Spätstunden des eben erwähnten Tages ein Schraubendampfer vor Anker, dessen sechs Stückpforten auf jeder Seite, und die mächtige Bombenkanone auf dem Vorderdeck ihn als Kriegsfahrzeug kennzeichneten. Sein Aeußeres hatte etwas Unheimliches, sogar Beängstigendes; es erinnerte an einen Menschen, welcher den Eindruck hervorruft, daß man ihm nicht unbewaffnet an einem abgelegenen Orte begegnen möchte.

Viel trug wohl seine durchgängig schwarze Farbe dazu bei, den eben erwähnten Eindruck zu erhöhen; wogegen das hart mitgenommene Takelwerk von einer langen und stürmischen Fahrt zeugte, der auf den schwarzen Regelingen, Raaen und Wanten niedergeschlagene weiße Salzreif aber von Sturzseen erzählte, welchen mit Glück zu widerstehen es nicht nur eines fest gezimmerten Fahrzeuges, sondern auch einer ebenso fest gezimmerten und kundigen Bemannung bedurfte.

Kurze Zeit erst hatte das Schiff auf dem sicheren Ankergrunde unter dem linken Ufer des Savannah gerastet, denn noch war das Deck nicht gesäubert, noch waren die Schäden an Segel- und Takelwerk nicht ausgebessert, welche es von der Reise mit heimgebracht hatte. Aber auch die Fracht ruhte noch unangetastet in den unteren Räumen, trotzdem dieselbe theilweise aus Schuhen und Stiefeln bestand, an welchen die Besatzung von Savannah so große Noth litt, und deren eine entsprechende Anzahl genügt hätte, die darbenden und vielfach barfuß einherlaufenden Soldaten aufs Höchste zu beglücken. Man zögerte noch mit dem Ausladen, weil man Shermans Plan nicht kannte und, im Falle seines Angriffs auf Savannah, wenigstens so viel wie möglich, für andere conföderirte Heerhaufen zu retten gedachte.

Nur mehrere englische und irländische Familien hatte man von Bord geschafft, lauter Zwischendeck-Passagiere, welche durch das Kriegsglück oder vielmehr Kriegsunglück von einem Segelschiff, dem Wassernix, auf den schwer bewaffneten Dampfer geschleudert worden waren. Dieselben lagerten dem Propeller gegenüber auf einem alten Holzhofe, wo man ihnen zum Schutz gegen Kälte und Unwetter ein halb zerfallenes Bretterhaus angewiesen hatte. Die armen Leute, durch den Verlust ihrer Habe in das bitterste Elend gestürzt, litten die schrecklichste Noth. Ihren Hunger konnten sie nur mit Dem stillen, was ihnen der Kapitän des Propellers von seinen eigenen Vorräthen zuerkannte; nichts destoweniger gestattete man ihnen nicht, sich von der ihnen angewiesenen Stelle zu entfernen, wenn sie es nicht auf die Gefahr hin, von den ausgestellten Schildwachen erschossen zu werden, heimlich wagen wollten.

Die Bemannung des Wassernix hatte man dagegen nach der Stadt geschickt, wo sie mit Gewalt zum Eintritt in die Reihen der Rebellen gepreßt werden sollte. Das Loos, welchem sie entgegensah, war wenig besser, als das der Emigranten, selbst auch dann, wenn sie aus der Noth eine Tugend machte und sich entschloß, freiwillig bei ihren Feinden Dienst zu nehmen.

Die beiden einzigen Kajütpassagiere des gekaperten Schiffes hatte man an Bord des Propellers, welcher den hochtönenden Namen: Revenger oder Rächer trug, zurückbehalten, und mit diesen den Kapitän, welcher den Wassernix commandirte. Zu welchem Zweck, das wußten die Gefangenen selber nicht. Man glaubte vielleicht, ihnen, als Kajütpassagieren, größere Rücksichten schuldig zu sein, vielleicht dachte man auch an eine Art Lösegeld, oder man hegte endlich die Absicht, den Gesandten fremder Mächte in Washington keine Veranlassung zum Einschreiten gegen die Conföderation zu geben. –

Der Commandant des Revenger hatte sich ebenfalls nach der Stadt begeben, um mit dem dortigen Befehlshaber zu verabreden, in welcher Weise er sich bei einem etwaigen Angriffe des General Sherman am nachdrücklichsten mit seinem Schiffe an dem Kampfe betheiligen könne. Diese mehr und mehr an Bestimmtheit gewinnende Aussicht auf einen Kampf war wohl die Hauptursache, daß der Bemannung des Revenger, anstatt sie zum Säubern des Schiffes und zum Ausbessern der Havarien anzuhalten, Ruhe gegönnt wurde; der Commandant hatte wenigstens, bevor er in's Boot hinabstieg, seinem ersten Lieutenant befohlen, die Leute nicht mehr anzustrengen, als es die Instandsetzung der Geschütze und die Prüfung und Umpackung der Munition gerade erheischten.

»'s fällt ein hübscher Antheil der Prisengelder auf den Revenger!« rief er der Mannschaft scheidend zu, »und ich will eben hinüber, um die Angelegenheit zu ordnen. Unmöglich ist es aber nicht, daß es vorher noch ein Stückchen heiße Arbeit giebt; putzt daher dem alten Revenger die Zähne, und Euch selber säubert die Kehlen vom Salzwasser!«

Ein dreifaches Hurrah war die Antwort des in der Disciplin bereits gelockerten wilden Haufens, und dann vertheilten sich die ausgewetterten, räuberähnlichen Gestalten über das ganze Schiff, um sich unter der Leitung von Bootsmännern nicht weiter an der Arbeit zu betheiligen, als es ihnen gerade behagte und angemessen erschien.

Auf dem Hintertheil des Revenger erhob sich ein kleines Kastell. Dasselbe umschloß die Kajüte des Commandanten, während das von einer niedrigen Brüstung begrenzte Dach dem wachhabenden Officier jedesmal zum Aufenthalt diente.

Seitdem Johannes und Anna sich an Bord des Piraten befanden, hatte man zur Tageszeit regelmäßig eine Bank nach dem Kastell hinauf gebracht und den beiden Passagieren gestattet, ihre Zeit dort oben zuzubringen. Diese Erleichterung verdankten sie indessen weniger der Großmuth des Commandanten, als der freundlichen Theilnahme seines ersten Officiers. Derselbe, ein geborener Deutscher, verband mit der entschlossenen, selbstbewußten, fast hochmüthigen Haltung eines Seesoldaten, das gefällige und aufmerksame Wesen eines hochgebildeten Mannes, wodurch er einen gewissen leitenden Einfluß ebenso wohl auf den brutalen Commandanten, als auch auf seine nicht minder rohen Kameraden und endlich auf die wilde Horde der Bemannung gewonnen hatte. So war es auch seinem Einfluß am meisten zuzuschreiben, daß man die unglücklichen Emigranten nicht auf eine Insel an der Küste Nordkarolinas aussetzte, sondern sie bis dahin mitnahm, wo ihnen wenigstens die Hoffnung blieb, sich über kurz oder lang selbst forthelfen zu können. –

Trotz der feuchten Kälte, welche der auf dem Flusse nur wenig fühlbare Sturm mit sich führte, hatten Anna und Johannes den größten Theil des Nachmittags oben auf dem Kastell zugebracht. Ihre Gesellschaft erhielt daselbst gelegentlich einen Zuwachs durch den gefangenen Kapitän und Lieutenant Arthur, den stellvertretenden Commandanten. Die übrigen Officiere verließen nur selten die Kajüte, in welche sie sich zurückgezogen hatten, um nach der langen Kreuzfahrt wieder einmal nach Herzenslust dem Spiel und dem Becher zu fröhnen. –

Der gefangene Kapitän, ein langer, hagerer Amerikaner, der es verstand, zu lachen und zugleich vor verhaltener Wuth die Zähne zu knirschen, hatte sich eben hinab begeben; Lieutenant Arthur besichtigte die Batterien, wo ein Theil der Mannschaft bei den Geschützen beschäftigt war. Anna und Johannes befanden sich mithin allein und ungestört auf dem Quarterdeck.

Beide hatten sich seit ihrer Abreise von Europa wesentlich verändert; doch wenn bei Anna die bleichere Farbe und der überlegende Ernst auf ihre Erlebnisse und die aus diesen entspringenden Gemüthsbewegungen zurückgeführt werden durften, so machte sich bei Johannes der Einfluß der langen Seereise und des Klimawechsels in einer frischeren und gesunderen Farbe geltend. Aber auch körperlich fühlte er sich zuweilen freier und kräftiger, so daß er sich mit bangem Herzklopfen der Worte erinnerte, welche der Professor kurz vor seinem Scheiden zu ihm gesprochen hatte. Eine zuversichtliche Hoffnung zu fassen wagte er indessen nicht; er glaubte, sich während einer langen Reihe von Jahren zu genau über seinen Gesundheitszustand unterrichtet zu haben, um sich einer Selbsttäuschung hingeben zu dürfen. Ihm war, als habe das Leben noch einmal mit verführerischem Glänze alle Pforten und Thore irdischer Glückseligkeit vor ihm geöffnet, um sie demnächst, ihn zurückschleudernd, auf ewig zu verschließen.

Der Ausdruck seiner schönen blauen Augen hatte daher nicht gleichen Schritt mit der in seinem Antlitz stattfindenden Veränderung gehalten; denn mochte dieses wirklich wie von einem neu erwachenden Lebensschimmer angehaucht erscheinen, aus seinen Augen sprachen fort und fort dieselbe Schwermuth, dieselbe Entsagung. Nur wenn sie auf der geliebten Jugendgespielin ruhten und wenn diese in süßem Schmeichelton zu ihm, wie zu einem über Alles geliebten älteren Bruder sprach, ihre Freude über sein kräftiges Aussehen äußerte, mit leichter Hand ihn pflegte, auf die leisesten seiner Wünsche achtete und diese zu erfüllen sich bestrebte, leuchtete namenloses Entzücken in seinem Antlitz auf. Doch es war wie ein Blitz, der nur flüchtig und vorübergehend das nächtliche Dunkel erhellt, und wie eine Mahnung, sich nicht rücksichtslos trügerischen Hoffnungen hinzugeben, glühte auf seinen Wangen, nur nicht ebenso schnell verflüchtigend, die unheimliche, scharf abgegrenzte Röthe.

Längere Zeit hatten die beiden jungen Leute schweigend neben einander gesessen: Johannes hatte die Blicke dem Ufer zugekehrt, wo die armen, Ihrer Habe beraubten Emigranten fröstelnd und hungernd um mehrere lodernde Feuer kauerten; Anna beobachtete mit unendlicher Bangigkeit die zu beiden Seiten des Stromes getroffenen Maßregeln zur Vertheidigung der Stadt, deren Fabrikschornsteine so ausdruckslos über die Häuserreihen emporstarrten, als sei aus ihnen noch nicht mehr Rauch hervorgequollen, als aus den Obelisken, welche vor mehr denn tausend Jahren dem Andenken berühmter Männer, oder großer, das Geschick von Nationen bestimmender Ereignisse errichtet wurden. –

»Glaubst Du, daß wir noch einmal aus dieser schrecklichen Lage erlöst werden?« fragte Anna, sich plötzlich dem Freunde zuwenden, als hätte sie sich furchtsam den eigenen Gedanken und Betrachtungen entziehen wollen.

»Ich glaube es nicht nur, sondern ich hege sogar die feste Ueberzeugung,« antwortete Johannes ermuthigend, »bedenke, wie unsere Lage sich gebessert hat, seit dem Tage, an welchem wir auf der endlosen Wasserfläche angehalten wurden und in den furchtbarsten Zweifeln über das uns vielleicht zuerkannte Loos schwebten. Heute wissen wir uns wenigstens auf dem amerikanischen Festlande, und hoffentlich ist die Zeit nicht fern, in welcher man uns gestattet, dahin zu ziehen, wo man uns ungeduldig, vielleicht schon besorgnißvoll erwartet.«

»O mein Gott!« rief Anna schmerzlich aus, »wie viel anders dachte ich mir den Augenblick, in welchem ich zum ersten Mal einen neuen Erdtheil betreten würde, zumal ich erwarten durfte, von treuen, aufrichtigen Freunden empfangen und begrüßt zu werden.«

»Und erkennst Du es nicht als eine Gunst des Schicksals an, selbst in der gefährlichsten Umgebung edelgesinnten Menschen begegnet zu sein, welchen wir so manche Freundlichkeit, so manche Erleichterung verdanken?« Anna's Blicke flogen nach dem Vordertheil des Schiffes hinüber, wo Lieutenant Arthur, gefolgt von einigen Bootsleuten, zu der riesenhaften Bombenkanone hinschritt und das Drehwerk, auf welchem sie ruhte, einer eingehenderen Prüfung unterwarf.

»Sogar unter diesen schrecklichen Kriegsleuten haben wir einen Freund gefunden, bekräftigte sie träumerisch und ein liebliches Roth breitete sich über ihr Antlitz aus, »einen Freund, mit welchem wir obenein in unserer Muttersprache verkehren können. Und dennoch ist mir, als müßte ich bedauern, ihn gerade auf diesem Schiffe gefunden zu haben, fast erscheint es mir als ein Verbrechen an seinem eigenen Vaterlande, daß er den Vertheidigern der Sklaverei seine Kräfte zur Verfügung stellte.«

Johannes war Anna's Blicken mit Aufmerksamkeit gefolgt; er bemerkte ihr leichtes Erröthen, er vernahm den innigen Ton ihrer Stimme, und dunkler glühten seine Wangen; seine treuen, blauen Augen aber, als hätte die Gluth der Wangen sich ihnen mitgetheilt, erhielten plötzlich einen fast feindseligen Ausdruck, während der Athem sich schwerer und gepreßter seiner Brust entwand. Sobald indessen der Athem sich in Folge der heftigen Gemüthsbewegung in einen leisen Husten verwandelte, ebnete sich der Schmerz zu einer milden Ergebung. Die Gluth der Wangen erlosch, wohlwollend und sanft blickten die Augen, und fest und überzeugend erklang seine Stimme, als er die athletische, schön gewachsene Gestalt des eigenhändig an dem Geschütze arbeitenden jungen Officiers fortgesetzt betrachtend, anhob:

»Tadle ihn nicht, meine gute Anna, denn Du kannst nicht wissen, welche Beweggründe ihn veranlaßten, sich den Südländern anzuschließen. Hat aber ein Mann erst zu einer Fahne geschworen, dann ist er verpflichtet, ihr treu zu dienen. Selbst auch dann, wenn er nicht blind ist für die Fehler und Mängel der eigenen Partei, wird doch, gleichsam unbewußt, das Gefühl der Feindschaft gegen diejenigen genährt, gegen welche er beständig gerüstet dasteht und vor deren Geschossen er vielleicht manchen guten Freund todt dahinsinken sah. Urtheile daher nicht zu hart; ich selbst erkenne in ihm einen durchaus ehrenhaften Charakter, und gäbe es solche Leute in den Reihen der Conföderirten nicht, wer sollte dann diejenigen in Schranken halten, die, durch das Kriegsleben verwildert, im Allgemeinen nur wenig zu Milde und Barmherzigkeit hinneigen? Und daß er gerade auf einen Kaperer verschlagen wurde, kann nur als ein Glück für diejenigen bezeichnet werden, welchen er durch seine menschenfreundliche Verwendung unschätzbare Dienste leistete. Ist er doch gewissermaßen der gute Geist dieses Schiffes, denn die armen Leute dort drüben würden ohne seine edelmüthige Vermittelung in eine noch weit trostlosere Lage gerathen sein; und wir? O, mit Grausen denke ich daran, wenn wir der Willkür der übrigen Bemannung preisgegeben gewesen wären!«

So lange Johannes sprach, hatte Anna keinen Blick von dem Officier gewendet. Sie lauschte mit tiefer Theilnahme den Worten ihres Freundes und suchte zugleich alle jenem beigelegten guten Eigenschaften ihm gleichsam mit den Augen anzupassen. Und als Johannes endlich schwieg, da schaute sie überrascht zu ihm auf, wie sich wundernd, daß er nicht mehr von ihm erzählte, den er nach ihrer Ansicht so sehr bezeichnend den guten Geist des Piratenschiffes genannt hatte.

Auch dies entging Johannes nicht, und indem er in die großen Augen sah, die so zutraulich und mit dem Ausdruck lieblicher Unschuld an den seinigen hingen, da war ihm wieder, als hätte sich eine tiefe Wunde in seiner Brust geöffnet, der sein Leben entströmte, ohne ihm den Tod zu bringen.

»Du hast wohl Recht,« bemerkte Anna zögernd, und ihrer Phantasie schwebten offenbar Bilder vor, von welchen sie sich ungern trennte, »konnte er auch nicht Alles verhindern, was von diesen Leuten Böses und Grausames vollbracht wurde, so vermöchte ich schon allein deshalb nicht, ihm meine Achtung zu versagen, weil er sich der armen Emigranten mit so viel Menschenfreundlichkeit annahm. Ich wäre vor Angst und Entsetzen gestorben, hätte er sich nicht auf dem Schiffe befunden – o mein Gott, Johannes, hegst Du nicht ähnliche Empfindungen? Würdest Du ohne zu zittern beobachten, wie man da vorne die unverkennbaren Vorbereitungen zu einem Kampfe trifft? Ich selbst vergegenwärtige mir mit Grausen, daß vielleicht in unserer Nähe Blut vergossen werden soll, daß Leute, welche sich jetzt kräftig und gesund um uns einherbewegen, vielleicht in den nächsten Tagen dem Tode verfallen sind oder gräßlich verstümmelt und wehklagend umherliegen. Ach, Johannes, meine geistigen Kräfte reichen kaum noch aus, der Verzweiflung Widerstand zu leisten; unwillkürlich suche ich mit den Blicken unsern edlen Beschützer, und wenn ich ihn dann sehe, wie er so ruhig seine Anordnungen trifft, wie er mit einer Haltung einherschreitet, als gäbe es gar keine Gefahren, weder für ihn, noch für uns, dann fühle ich meinen Muth wieder wachsen, und es bedarf kaum noch seiner Versicherung, daß mir der Anblick schrecklicher Kriegsscenen entzogen werden soll.«

Ein Lächeln, welches man verklärt hätte nennen mögen, trat auf die ernsten Züge des jungen Mannes, indem er den warmen Eifer beobachtete, mit welchem Anna ihr hingebendes Vertrauen zu dem Rebellen-Officier schilderte. Er lächelte, und ohne daß er es ahnte, schlich die verhängnißvolle Röthe wieder auf seine Wangen.

»Johannes!« rief Anna plötzlich aus, und sich erhebend und vor den geliebten Freund hintretend, neigte sie sich zärtlich zu ihm nieder, »Du leidest, ich lese es auf Deinem Antlitz; mich kannst Du durch Dein Lächeln nicht täuschen; Du empfindest Schmerzen und trachtest, dies vor mir zu verheimlichen. O sage mir, was Dir fehlt! Soll ich dich in die Kajüte hinab begleiten?« und indem sie mit holder, schwesterlicher Besorgniß die Hand auf seine Stirne legte, drangen Thränen der Theilnahme in ihre Augen.

Johannes ergriff die zarte Hand und drückte sie krampfhaft.

»Setze dich nur wieder hierher, mein liebes Kind,« bat er, eine heitere Miene erzwingend, »es ist mir weder zu kalt, noch fühle ich mich angegriffen oder unwohl; kann es Dir bei Deinem Scharfblick doch unmöglich entgangen sein, daß die Seereise sogar einen wohlthätigen Einfluß auf meine nicht ganz kernige Gesundheit ausübte. Nein, körperliche Schmerzen waren es nicht, was sich eben vielleicht in meinem Gesicht ausprägte, sondern das bittere Bewußtsein, von unserer eigentlichen Reiseroute verschlagen zu sein, so wenig den Erwartungen entsprochen zu haben, welche die guten Brauns und der Professor unstreitig ...«

»O nicht weiter, lieber Johannes, sprich nicht weiter,« fiel ihm Anna klagend in's Wort, und schmeichelnd strich sie die dunkelblonden Locken von seinen Schläfen, »weder Du, noch unsere guten Brauns oder der Professor konnten die Unglücksfälle ahnen, welchen wir begegnen würden – und dann ...« fuhr sie eifrig fort, in dem guten Glauben, Johannes leide wirklich nur unter den von ihm angedeuteten Empfindungen, »und dann ist, streng genommen, weiter nichts verloren, als einige Wochen Zeit, und Niemand kann Dir den Ruhm streitig machen, Deine liebe und gehorsame Anna wohlbehalten an den Ort ihrer Bestimmung abgeliefert zu haben.«

Hier lachte sie, allein es war ebenfalls eine erzwungene Heiterkeit, und im nächsten Augenblick ergriff sie Johannes' beide Hände, dieselben, wie aus Furcht, fest umspannend.

Johannes,« sagte sie dabei tiefbewegt mit gedämpfter Stimme, »ich ertrage den Gedanken nicht, daß Du, nachdem Du mich in meine neue Heimath begleitet hast, wieder von mir gehen, mich allein unter den fremden und unbekannten Menschen zurücklassen willst. O, Johannes, kann es denn nicht anders sein, müssen wir durchaus von einander getrennt leben?«

»Kind, darüber zu sprechen ist es noch viel zu früh,« versetzte Johannes, und seine Stimme zitterte leise, »noch bin ich ja bei Dir, und wenn Du glaubst, ohne Deinen treuen Jugendgespielen – ich meine, ohne Deinen Bruder Johannes nicht gut leben zu können ...«

»Ich kann nicht ohne Dich leben,« fiel Anna ihm angsterfüllt in's Wort, indem sie den Arm um seine Schulter legte und sich dicht neben ihn setzte, »ich würde mich zu elend, zu verlassen fühlen – selbst mein unbekannter Beschützer, und gliche er seinem Bruder, unserm lieben alten Braun im Aeußern wie im Wesen aufs Haar, würde Dich mir nie ersetzen.«

»Nicht so stürmisch und übereilt, Kind,« versuchte Johannes scherzhaft und sorglos zu tadeln, und er zog den weichen Arm, als wäre es eine ihn erdrückende Last gewesen, sanft von seiner Schulter, »und wenn Du es doch so sehr ernstlich wünschest, will ich gern bei Dir bleiben, bis ich mich überzeugt, daß in den neuen Verhältnissen Du Dich zufrieden und heimisch fühlst.«

Anna schaute nachdenklich vor sich nieder.

»Begreifst Du wohl,« begann sie nach längerem Sinnen, »daß ich fast wünsche, es möge mir hier gar nicht gefallen und sogar das schrecklichste Heimweh meine Rückreise nothwendig machen?«

Johannes lächelte in seiner stillen Weise. »Du wünschest es jetzt vielleicht,« bemerkte er freundlich, »doch wer weiß, wie bald Deine Wünsche eine Aenderung erleiden? Alles hängt von dem Eindruck ab, welchen diejenigen Personen auf Dich ausüben, auf deren Verkehr und Gesellschaft Du fortan angewiesen sein wirst. Wer hätte zum Beispiel jemals für möglich gehalten, daß Du sogar auf einem Kaperschiffe verhältnißmäßig ruhige Stunden verleben würdest?«

»Nun, Johannes, das ist doch nur das Verdienst des Herrn Arthur,« erwiderte Anna mit unbeschreiblich lieblicher Offenherzigkeit, und als sie emporschaute, gewahrte sie den stellvertretenden Commandanten, der sich langsam dem Quarterdeck näherte, offenbar mit der Absicht, sich seinen Gästen zuzugesellen.

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