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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Siebenundzwanzigstes Capitel. Die Sklavenräuber.

Es war ein seltsamer Zug, welcher sich auf dem Ufer des Savannah stromabwärts bewegte; seltsam und zugleich traurig, Schrecken erregend und zugleich das Mitleid wachrufend.

Vorauf ritt Mullan, der frühere Plantagenbesitzer und jetzige Menschenräuber; ihm zur Seite hielten sich drei oder vier seiner Raubgenossen, die ihm an Roheit und Grausamkeit nicht nachstanden. Gleich hinter ihnen folgten, ebenfalls beritten, zwei Frauengestalten; dieselben hatten, wie um sich des Anblicks ihrer Umgebung zu entziehen, ihre großen Tücher schleierartig über den Kopf gezogen. Nur an den Händen, welche die Tücher über der Brust zusammenhielten, erkannte man, daß die eine Reiterin eine Weiße, die andere dagegen eine Mulattin war. Um die Gangart der Pferde kümmerten sich Beide nicht, dieselben wurden geführt von zwei berittenen Genossen Mullan's, die von Zeit zu Zeit wiederholten, daß der leiseste Fluchtversuch oder eine von außerhalb versuchte Befreiung das Signal zu ihrem Tode sei.

An diese Gruppe schloß sich ein Zug von dreißig und einigen Negern an, lauter ältere und jüngere kräftige Männer, die mittelst Handschellen je zu zweien aneinander gefesselt, außerdem aber durch eine längs des ganzen Zuges laufende Kette zu einem festen Ganzen zusammengeschlossen waren.

Zu beiden Seiten dieses Zuges ritten auf ausgezeichneten Pferden und alle schwer bewaffnet, zerlumpte Räubergestalten, während ein anderer Trupp dieser Wegelagerer sowohl die Karavane abschloß, als auch mehrere bepackte Pferde und Maulthiere und eine zum Schlachten bestimmte Kuh nachtrieb.

Mullan und die ihm zunächst befindlichen Genossen unterhielten sich lustig und geräuschvoll. Obgleich sie nichts mehr für die Sicherheit ihres Raubes fürchteten, berechneten sie doch die Tagereisen, welche sie noch von dem Ocean trennten, wo sie ihre Beute erst als vollständig geborgen betrachten durften. Auch der kleineren Fahrzeuge gedachten sie, welche, bemannt mit dem schrecklichen Auswurf südstaatlicher oder englischer Seeleute, auf allen nur zugänglichen Punkten, ähnlich raubgierigen Haifischen, auf Gelegenheit lauerten, die Blokade zu brechen und farbige, lebendige Waare nach andern Sklavenländern zu verschiffen.

Aber auch die übrigen Räuber waren guter Dinge. Aus ihren Gesprächen wie aus der Grausamkeit, mit welcher sie ihren unglücklichen Gefangenen die Peitschen um die Ohren knallten, ging hervor, daß sie dem Branntwein in unmäßiger Weise zugesprochen hatten.

Die armen Gefangenen dagegen, kaum mit den nothdürftigsten Kleidungsstücken versehen und zum größten Theil barfuß, schwankten einher, als wären sie wirklich die vernunftlosen Geschöpfe gewesen, zu welchen die südstaatliche, im Laster verhärtete Bevölkerung und deren nicht minder verbrecherische Anhänger in andern Ländern sie zu stempeln suchten. Ausdruckslos umherstierend, schienen sie den Tod als ihre einzige Rettung aus einer entsetzlichen Lage und vor einer nicht minder entsetzlichen Zukunft herbeizusehnen. Nur im Flüsterton wurden hin und wieder kurze Bemerkungen gewechselt, während man sich gegenseitig, trotz der eigenen Uebermüdung, sorgfältig unterstützte und vor dem Straucheln und Fallen zu bewahren suchte. Denn wo einzelne Worte über die lebendigen Glieder der langen Kette hinausdrangen, wo ein blutender Fuß stolperte oder eine wuchtige Gestalt, ihren Nebenmann mit zu Boden reißend, niederstürzte, da sauste, von den rohsten Flüchen und widrigem Gelächter begleitet, die Peitsche auf das schwarze Fleisch nieder, daß das Blut aus den zurückgebliebenen wunden Streifen hervorquoll, und die Zähne, im Gefühl gänzlicher Verlassenheit sich knirschend und zersplitternd aufeinander rieben.

Fort mußten sie ja alle, die grausam gegeißelten Jammergestalten, denn jede einzelne repräsentirte eine ansehnliche Geldsumme, die man nicht gern einbüßte; und ob sie einige Peitschennarben mehr oder weniger aufzuweisen hatten, das setzte ihren Werth nicht herab, so lange man dieselben nicht auf Rechnung ihrer Trägheit zusetzen brauchte, sondern mit ihrer Abneigung, außer Landes verkauft zu werden, entschuldigen konnte. Und gepeitscht mußte werden, gepeitscht scharf und blutig, denn näher rückten die Unionisten, die Tage des blühenden Sklavenhandels waren gezählt und Eile that Noth. Jeder Hieb aber, der wie ein Messer in das warme zuckende Fleisch einschnitt, berührte wohlthätig die racheschnaubenden Gemüther der scheußlichen Henker, die es als widersinnig, als allen göttlichen und menschlichen Gesetzen Hohn sprechend betrachteten, die elenden Geschöpfe auch nur im Scherz als die Ursache eines Krieges zu bezeichnen, aus welchem sie selbst ruinirt und verarmt hervorgehen mußten. Und wurden sie ruinirt und verarmten sie und lichtete der Tod entsetzlich ihre für ungerechtfertigte Privilegien eintretenden Streiter, so jubelten im Geheimen ihre Farbigen; dies aber wußten sie, und darum mußte gepeitscht und mißhandelt werden, so lange es noch ungestraft geschehen durfte, so lange noch kein Widerstand von den elenden Opfern zu befürchten war, der Verlust einer mit dem Beil abgehauenen Hand denjenigen unglücklichen Farbigen bedrohte, der es wagte, sich gegen seinen Gebieter aufzulehnen und sich an ihm zu vergreifen!

O, wie die beiden Frauengestalten an der Spitze des Zuges die Tücher fester um ihre Häupter zogen, wenn von rückwärts das Klatschen der Peitschen und unterdrücktes Wehklagen zu ihnen herüber drang! Wie ihre Herzen sich krampfhaft zusammenschnürten – ihre Thränen waren ja längst versiegt – wenn sie die gräßlichen Verwünschungen auf der einen Seite vernahmen, während auf der andern die Betheuerungen der ihnen gezollten Bewunderung, in die entwürdigendsten Formen gekleidet, laut wurden! Wie ein Abgrund, schrecklich, unergründlich, lag die Zukunft vor ihnen; ihre letzten Hoffnungen waren erbleicht; sie begriffen, daß ein unerbittliches Geschick über sie entschieden hatte, denn nur noch wenige Tage und unter ihnen gähnte die bodenlose Tiefe des Meeres, auf welchem sie einem unbestimmten, unbekannten, für ihre Freunde unerforschlichem Ziele entgegengetragen wurden. Und dabei lebten noch Menschen, welche sie so innig liebten und von denen sie sich wieder geliebt wußten, treu und zärtlich, und von welchen sie nunmehr auf ewig fortgerissen werden sollten! Gab es denn gar keine Gerechtigkeit unter dem Himmel, gar keine Vergeltung? Mußten sie denn durchaus wie Thiere zur Schlachtbank geführt werden, ohne daß sich auch nur eine einzige Stimme zu ihren Gunsten, eine einzige Hand zu ihrer Rettung erhob? Die Stimmen, welche sich noch für sie erhoben, waren höchstens solche, die um ihren Besitz feilschten, und die Hände nur solche, die prüfend über ihre sammetweiche Haut hinfuhren, während lüsterne Blicke sich in ihre Augen senkten und die entscheidenden Goldrollen ihren Besitzer wechselten.

»Lieber den Tod, tausendfachen Tod,« flüsterte Magnolia, ihre Gedanken gleichsam abschließend, indem sie, rathlos um sich spähend, das ihr Antlitz verhüllende Tuch etwas zurückschob.

Ringsum, auf dem Walde, auf dem Strome und den lieblichen Lichtungen ruhte heller Sonnenschein. In wunderbarer Klarheit wölbte sich der Himmel über der Landschaft. Zwei Stunden war es noch Tag, aber noch immer hüpften die regsamen Vögel und Eichhörnchen in den theils entlaubten, theils herbstlich gelb gefärbten Baumwipfeln umher, und zwar mit einem Ausdruck von Zufriedenheit und Glückseligkeit, als ob die sich endlos ausdehnenden und vielfach blutgetränkten Wälder und Fluren die Heimath eines nie gestörten Friedens gewesen wären.

Weiter sank das verhüllende Tuch von dem marmorbleichen, vor Schmerz fast erstarrten Mädchenantlitz zurück: wellenförmig wogendes, schwarzes Haar quoll üppig über die fast durchsichtigen, blaugeaderten Schläfen; trostlos wanderten die Blicke aus den prachtvollen dunklen Augen zu der verzweifelnden, zusammengekrümmten Gefährtin hinüber. Die Lippen, einer sich eben erschließenden Rosenknospe vergleichbar, öffneten sich und traten von den perlenähnlich hervorschimmernden Zähnen zurück.

»Die letzte Hoffnung schwindet, geliebte Bella,« sprach Magnolia leise, und wie eine Mahnung an einen nahe bevorstehenden, gräßlichen Tod, verglasten sich gleichsam die Blicke der sanften Gazellenaugen. »Die entsetzliche Zukunft; sie kann nur durch das überboten werden, was wir erlebten.« Ein heftiger Schauder durchlief ihre von Gram gebeugte zarte Gestalt. »Wir nähern uns der Küste,« begann sie nach einer längeren Pause wieder, die Hände vor sich auf dem Sattel ringend, »und erst auf dem Schiff bleibt uns keine andere Wahl, als das Grab in den Fluthen.«

Bella, die nußbraune Mulattin, schob ebenfalls die Hülle von ihrem Haupte zurück, und ihr von seltenen Reizen umflossenes Antlitz der weißen Leidensgefährtin zuwendend, erwiderte sie kaum vernehmbar, jedoch mit eigenthümlich finsterer Entschlossenheit:

»Wir müssen hinunter in's nasse Grab, allein nicht eher gehe ich von dannen, als bis derjenige gerächt ist, dem mein Leben höher steht, als mir selber,« und indem sie dies sagte, schweiften ihre Blicke mit einem solch sprechenden Ausdruck glühenden Hasses zu Mullan hinüber, wie nur eine Löwin um sich zu schauen vermag, der man ihr Theuerstes, ihre Jungen raubte.

Zufällig wendete Mullan seinen Kopf rückwärts, so daß seine Blicke den ihrigen begegneten.

Ein wildes Hohnlachen war die Antwort auf den offen zur Schau getragenen, unversöhnlichen Haß der Mulattin; dann strich er, wie sich selbst liebkosend, mit der Hand über seinen glänzend schwarzen Bart, welcher ihm bis tief auf die Brust hinab reichte.

»Sieh da, meine Tigerin!« rief er spöttisch aus, »findest Du es wirklich für angemessen, Dich einmal aus freien Stücken zu entschleiern? Verdammt! Wirst noch viel geschmeidiger und zutraulicher werden mit der Zeit, wenn die Brücke erst hinter Dir abgebrochen ist! Bei allen Teufeln der Hölle! Wie Du in meine Hände gelangt bist, kommst Du nicht wieder heraus, und zahlte mir der zärtlichste aller entnervten spanischen oder portugiesischen Granden baare zehntausend Goldadler für Dich! Verdammt! Mädchen, mit Deinem Tigerblick gefällst Du mir fast besser, als Deine weiße, taubenäugige Gefährtin. Nichts für ungut, mein holde Magnolia, Blüthe und Zierde eines großherrlichen Serails!« fügte er lachend hinzu, indem er, zum Spott militärisch grüßend, den Zeigefinger der rechten Hand flüchtig an den Rand seines Hutes legte.

Magnolia bebte und verhüllte ihr Antlitz, Bella hingegen warf auf das schallende Gelächter von Mullans Genossen ihr Tuch trotzig zurück und schaute mit geringschätzigem Achselzucken in eine andere Richtung.

Da fuhr hinter ihr die zähe Peitsche von Rhinoceroshaut auf einen schwarzen Rücken nieder und zu dem dabei ausgestoßenen Fluche gesellte sich ein durchdringender Schmerzensschrei.

Schaudernd zog nunmehr auch Bella das Tuch wieder über ihr mit natürlich gekräuseltem, schwarzem Haar üppig bedecktes Haupt.

Mullan und seine Genossen bemerkten diese Bewegung; sie erriethen die Veranlassung und sich im Sattel halb umkehrend, rief Ersterer höhnisch aus:

»Ihr da hinten« Gebt den spröden Mädchen ein neues Concert, damit sie sich an diese Art von Musik gewöhnen! Legt die Peitsche auf das Ebenholz, als ob jeder Hieb eine Plantage einbrächte oder einem Unionistenhunde das Leben kostete!«

Unter gellendem Hohnlachen sausten die Peitschen auf die bejammernswerthen Wesen nieder; Flüche und Wehgeheul mischten sich untereinander, schwarze und braune Arme, beschwert mit klirrenden Ketten, hoben sich gen Himmel, hier um die Barmherzigkeit Gottes anzuflehen, dort um mit der geöffneten Hand den für die empfindlicheren Körpertheile bestimmten Hieb aufzufangen.

Mullan beobachtete mit teuflischer Schadenfreude, wie Magnolia und Bella schauderten und von den Sätteln zu fallen drohten.

»Das ist's! Gebt's den Hunden aus dem Pfeffer!« commandirte er mit Stentorstimme, »macht ihm Beine, dem trägen Ungeziefer! Gebt's ihnen auf den Weg, damit sie den Unterschied zwischen einer conföderirten Peitsche und einem spanischen Fächer kennen lernen!«

Dann warf er sein Pferd plötzlich herum, und den schweren Schleppsäbel aus der Scheide reißend, sprengte er nach der Mitte des Zuges zurück, wo es einem herkulischen Schwarzen geglückt war, die Peitsche des auf ihn Einhauenden zu ergreifen, die er in seiner Angst nicht mehr wollte fahren lassen.

»Verfluchter Meuterer!« rief Mullan aus, und zugleich schwang er den Säbel mit vollster Kraft scharf auf das Haupt des unglücklichen Negers nieder, so daß dieser, von Blut überströmt und geblendet, in die Kniee zusammenbrach, »und sollte ich gezwungen sein, jedem Einzelnen von Euch den Felsenschädel wie 'ne Eierschale zu zertrümmern, so dulde ich keinen Widerspruch!«

Dem Säbelhieb reihten sich einige Hiebe mit der Peitsche an, und der Schwarze, der auf der Erde lag und sich mit den Armen stützte, richtete sich wieder empor, um an der Seite seines ihn unterstützenden Kettengenossen seinen Weg taumelnd weiter zu verfolgen. Nur der dichten Wolle, welche sich auf seinem Scheitel hoch aufthürmte, verdankte er, daß die scharfe Klinge ihm nicht den Schädel bis in's Gehirn hinein spaltete; dagegen hatte die Gewalt des Schlages ihn betäubt, so daß er fühllos gegen die darauf folgenden Mißhandlungen geworden war und wie eine lebendige Leiche neben seinen Gefährten einherschwankte. –

Mullan ritt wieder an der Spitze des Zuges, als er plötzlich durch zwei aus einem Nebenwege vor ihn hintretende Männer aufgehalten wurde, die, obwohl zu Fuß, nach ihren Aeußerungen zu schließen, mit zu seiner Bande gehörten.

»Hailoh, Ben Murchison und Hollborn!« rief Mullan verwundert aus, sobald er ihrer ansichtig wurde, »welcher Höllenwind führt Euch gerade hierher?«

»Keine reine Luft vor uns,« nahm Murchison alsbald das Wort, »rechne, daß wir wohl daran thun, in der Nähe zu übernachten, dagegen morgen in aller Frühe über 'n sechs, sieben Meilen fortspringen bevor andere Leute gehörig ausgeschlafen haben.«

Mullan blickte zähneknirschend auf den traurigen Zug, der ebenfalls stehen geblieben war und in welchem ein großer Theil der gefesselten und abgetriebenen Neger sich nur noch mit Mühe aufrecht erhielt.

»Goddam!« fluchte er vor sich hin, »sind sonst noch recht munter, die Burschen; hätten mit Hülfe von etwas Rhinoceroshaut ganz bequem noch einige Meilen zurückgelegt – und wer weiß, was uns morgen bevorsteht,« dann wendete er sich mit aufflammender Wuth an die beiden Kundschafter: »Wenn Ihr rathet, hier zu übernachten, müßt Ihr auch einen Grund dafür haben? Wer könnte wohl Lust verspüren seinen Kragen dadurch aufs Spiel zu setzen, daß er es wagte, uns aufzuhalten?« »Seid 'n unübertrefflicher Kapitain,« hohnlachte Hollborn, indem er geringschätzig die Achseln zuckte, »'s sollte doch Niemand besser wissen, als Ihr selber, daß heut zu Tage das Recht des Stärksten am meisten gilt.«

»Sprecht deutlich, Mann! Rief Mullan zornbebend aus, dann zog er die Spitzen seines langen Bartes in den Mund, um wüthend auf denselben zu kauen.

»Bei Gott! Deutlich sprechen?« hieß es brutal zurück, »könnt ja 'n drei Meilen weiter marschiren, und wenn Ihr dann nicht wünscht, unserm Rath blindlings Folge geleistet zu haben, will ich mich von dem ersten besten Unionistenschurken wie 'nen Hammel abschlachten lassen.«

»'s giebt noch mehr Leute in unserm Geschäft,« fiel Murchison erläuternd ein, »Leute, denen verdammt viel mehr Mittel zu Gebote stehen, als uns, und die daher ganz anders vorarbeiten konnten. Liegt doch gerade vor uns auf dem Wege ein Trupp von mindestens achtzig Mann, von welchen jeder Einzelne eben so viel werth ist, als Einer von uns, und Ebenholz führen sie mit sich, wohl an die vierhundert Stück, und Burschen darunter, wie sie auf der reichsten Plantage nie schöner und kräftiger den Saft aus einem Stück Zuckerrohr saugten! Bei der ewigen Verdammniß, Kap'tain, wenn sie uns vorbeilassen, ohne die hübsche Magnolia als Tribut gefordert und auch genommen zu haben, vielleicht auch noch die Andere und 'n zwei oder drei gesunde Burschen obenein, dann sind sie doppelt so einfältig, wie Ihr sie zu halten scheint.«

»Nicht den feinsten Wollfaden von dem dicksten Schädel des elenden Niggers trete ich an sie ab!« rief Mullan wüthend aus, und er schlug an seinen Säbel, daß er laut klirrte, »und vorbei müssen wir, oder die Schurken haben alle Fahrzeuge mit Beschlag belegt, bevor wir die erste Welle des Meeres zu sehen bekommen.«

»'s ist leicht gesagt,« wendete Murchison unter dem beifälligen Gemurmel der übrigen Menschenräuber ein, »aber nicht so leicht ausgeführt. Wollt Ihr Euch den Schädel einschlagen lassen, so hindert Euch Niemand; wir dagegen bleiben hier, und daß Euch nicht ein Pfund farbiges Fleisch nachfolgt, dafür wollen wir Sorge tragen.« »Aber bei allen Teufeln, wenn Ihr so klug seid, warum bezeichnet Ihr nicht gleich einen Weg, auf welchem wir, ohne Bekanntschaft mit ihnen zu schließen, vor ihnen die Küste erreichen?« schnaubte Mullan, der das Gerechtfertigte der Einwendungen begreifen mochte.

»Schon Alles geschehen,« versetzte der Kundschafter in seiner gewohnten, brutal gleichgültigen Weise, »der Lagerplatz ist ausgesucht, und eine uns in die Quere gelaufene Kuh haben wir bereits dorthin getrieben und niedergeschossen. Brauchen nur das schwarze Pack abzufüttern und in die Federn zu jagen, damit 's morgen früh recht frisch und leichtfüßig ist. Um fünf Uhr brechen wir wieder auf, und bevor bei denen dort unten das Kaffeewasser kocht, haben wir auf einem Umwege bedeutenden Vorsprung gewonnen und mit dem Teufel müßte es zugehen, wollten sie uns einholen.«

Mullan sann eine Weile nach und ließ seine Blicke kalt über die Jammergestalten der unglücklichen Neger hingleiten. Dieselben hatten sich näher herangedrängt und die ganze Berathung verstanden, sich jedoch völlig gleichgültig gegen dieselbe gezeigt. Sie kümmerte es nicht mehr, in wessen Hände sie fielen; in eine schlimmere Lage, als diejenige, in welcher sie sich befanden, konnten sie nicht mehr gerathen. Nur als der Plan zur Sprache kam, ihnen Speise und Ruhe zu gönnen, wurde in einzelnen der dunklen Physiognomien der Ausdruck einer gewissen Befriedigung bemerkbar.

»Mag es denn sein,« versetzte Mullan endlich, sich das Ansehen eines unumschränkten Befehlshabers gebend, obwohl er wußte, daß ihm kein anderer Ausweg blieb, als sich dem Willen der Mehrzahl seiner Genossen zu unterwerfen, »übrigens ist Euer Plan verdammt schlau ausgedacht, und besser ist besser, wenn auch einige Meilen weiter nicht geschadet hätten.«

»Besser ist besser,« wiederholte Murchison, auf den Seitenweg weisend, der sich im Walde verlor, »und hier haben wir die alte, halb vergessene Landstraße vor uns, auf welcher wir im weiten Bogen um unsere Concurrenten herum gelangen.«

»Vorwärts denn!« commandirte Mullan jetzt, indem er sein Pferd antrieb und in den Waldweg einbog, »achtet auf die Burschen, daß sie nicht zwischen dem Gestrüpp verschwinden!« rief er rückwärts, »'s stehen jedesmal durchschnittlich sechshundert Dollars auf dem Spiele!« Dann überließ er es seinen Raubgenossen, den Zug auf dem schmaleren und beschwerlicheren Wege zu ordnen und zu überwachen, was von diesen mit großer Gewandtheit und Sicherheit ausgeführt wurde.

Die Nachricht, daß andere Sklavenräuber ihnen im unglücklichen Falle beim Befrachten eines Blokadebrechers gefährliche Concurrenz machten, hatte die eben noch herrschende heitere Stimmung plötzlich herabgedrückt. Die rohen Scherzworte, Verhandlungen und Zänkereien, welche oft einen bedrohlichen Charakter annahmen, waren verstummt. Selbst das Klatschen der Peitschen und das darauf folgende Klagegeheul wurden seltener, seit man die Laune verloren hatte, wenn sich hier oder dort ein recht glattes Stück farbiges Fleisch durch die zerfetzten Jacken und Hemden hindurch zeigte, ähnlich, wie man beim Spazierengehen Distelbüsche köpft, einen ausgesucht zierlichen, sogar künstlichen Hieb anzubringen.

Die lang gereckte Reihe elender Sklaven und ihrer Henker glich daher mehr einem Leichenzuge, der sich auf dem wenig betretenen und mit gelbem Laubdicht bedeckten Waldwege in dumpfem Schweigen einherbewegte, einem Leichenzug, in welchem alle edleren Gefühle zu Grabe getragen werden sollten. Traurig, gebrochenen Herzens schwankten die armen Gestalten mit den dunklen Physiognomien, mit den wunden Rücken und den blutenden Füßen einher. Die Ketten klirrten, Thränen verschleierten die Blicke, und grausamer noch zerfleischt, als die geneigten Rücken, zuckten und krampften die Herzen sich zusammen, die den letzten Glauben an die Gerechtigkeit der Vorsehung verloren hatten.

Hoch oben dagegen, über dem herbstlich gefärbten Walde in der klaren, Kälte versprechenden Atomsphäre lagerte heller, abendlich rother Sonnenschein, daß man hätte meinen mögen, die Natur hätte sich eigens dazu gerüstet, ein heiteres Volksfest oder gar eine lustige Hochzeit auf jede ihr nur mögliche Art zu begünstigen. Eine lustige Hochzeit, zu welcher sie ihre besten Tänzer stellte; denn indem der Trauerzug sich auf dem kaum zu unterscheidenden Wege dahinwand, begleiteten ihn auf beiden Seiten neugierige Nußhäher, die vor Wonne und Lust krächzten, als wären sie von dem zauberischen Abendsonnenschein berauscht gewesen. Auch die Spechte machten sich bemerkbar, kleine bunte und große schwarze, und an den Baumstämmen hinauf- und hinunterhüpfend, lugten sie bald auf der einen Seite, bald auf der andern um die Ecke, wie um die langsam einherschleichenden traurigen Menschen aufzufordern, ihre Sorgen abzuschütteln und »Verstecken und Suchen« mit ihnen zu spielen.

»Hier, hier!« krächzte ein Specht an diesem Baume und verschwunden war er.

»Hier, hier!« schrie ein anderer an jenem, indem er sich kräftig auf seinen Schweif stützte und, die lang bewehrten Zehen fest in die geborstene Rinde eingekrallt, den Oberkörper trotzig zurücklehnte und, gleichsam einen Trumpf ausspielend, mit dem scharfen Schnabel dröhnend auf das morsche Holz hämmerte.

Doch die Menschen achteten nicht auf die munteren Hochzeitsbitter. Sie schlichen dahin schweigend und an ihren eigenen Seelen nagend; die Einen gefoltert von wilder Verzweiflung, die Andern, gegeißelt von den Dämonen der Habsucht und Raublust, so daß die sorglosen Häher und Spechte froh waren, gelegentlich ein auf Abenteuer ausgehendes Eichhörnchen zu treffen, dessen Stimmung mehr ihrer eigenen entsprach. Gewöhnlich ließ sich dasselbe auch willig finden, ein halbes Stündchen mit ihnen zu vertändeln und ein Spielchen mit ihnen zu machen, welches in der Regel damit endigte, daß man sich zankte, böse auseinander ging und sich noch lange nachher gegenseitig derbe ausschalt und schmähte, wie es von ungezogenen Waldkindern, die jeglicher Aufsicht entbehren, nicht anders erwartet werden kann.

Unbekümmert um die lieblichen Thierscenen verfolgte der Trauerzug seine gewundene Bahn. Die Herzen in demselben waren so schwer, so lebenssatt, daß sie am liebsten zu schlagen aufgehört hätten. Ueber ihnen aber zitterten an ihren erkrankten und zum Theil abgestorbenen Stielen die entfärbten Blätter, und wie um die trauernden Gemüther an eine waltende Gerechtigkeit zu erinnern, fuhr gelegentlich ein stärkerer Lufthauch durch die Baumwipfel, und die mattesten Blätter nahm er dann mit, um den Waldboden, gleichviel ob Höhen oder Tiefen, feuchte Stellen oder dürres Erdreich, gleichmäßig damit zu bestreuen. Und auf die wolligen Häupter der kettenbelasteten Neger legte er hin und wieder ein Blatt, und ebenso auf die schlappen Filzhüte ihrer Henker; dann wieder eins auf eine blutrünstige Schulter, und ein anderes zwischen die Ohren eines Pferdes oder auf die hochgethürmte Last eines Packthieres. Auch auf die verhüllenden Tücher der beiden Mädchen streute der Lufthauch die herbstlichen Gaben, allein sie glitten von denselben ab, wie kennzeichnend, daß unter der bergenden Hülle Herzen schlugen, die unempfindlich geworden gegen Trostesgründe und an welchen ermuthigende Worte abprallten, wie der Ball eines spielenden Kindes an senkrechtem Gemäuer. –

Eine Viertelstunde war verstrichen, als der Trauerzug auf eine Lichtung gelangte, welche einst eine Farm gewesen, später jedoch wieder aufgegeben und als abgelegenes Feld betrachtet und bearbeitet worden war. Jetzt schien es vollständig vergessen zu sein, offenbar, weil der unheilvolle Krieg dem Lande die Arbeitskräfte entzogen hatte. Nur ein alter Brunnen auf der Mitte der mit Unkraut überwucherten Lichtung deutete noch auf die Lage des verschwundenen Gehöftes, während einige verwilderte Baumwollstauden von der Art der späteren Benutzung des vergessenen Feldes erzählten.

Schweigend lenkte Mullan auf den Brunnen zu, wo zwei an Leinen gepflöckte Pferde die von den Kundschaftern zum Lager auserkorene Stelle bezeichneten.

Nicht weit von dem Brunnen lag eine erschossene Kuh, welche unstreitig aus dem nächsten angebauten Distrikt heimlich entführt und hier auf die einfachste Art geschlachtet worden war.

»Ein gutes Stück Fleisch,« bemerkte Mullan im Vorbeireiten, indem er einen gleichgültigen Blick auf das von seinem Besitzer gewiß nicht zum Schlachten bestimmte Thier warf; gleich darauf stieg er vom Pferde.

Seinem Beispiel folgten die andern Räuber, und es entwickelte sich schnell reges Leben auf der verödeten Lichtung.

Mehrere Männer übernahmen es, die Pferde abzusatteln und zu pflöcken; andere begaben sich mit Axt und Messer an die Arbeit, die Kuh zu zerlegen; wieder andere zündeten in bestimmten Entfernungen von einander mehrere Lagerfeuer an, während die übrigen die lange Kette der Neger im Halbkreise lagern hießen, so daß sie das ihnen verabreichte rohe Fleisch auf den vor sie hingeschobenen Kohlen zu rösten vermochten. Nur von den beiden Enden der Kette wurden je zwei zusammengefesselte Farbige losgeschlossen, mit welchen sich einige Männer nach der nahen Waldung begaben, um daselbst ihre Rücken mit trockenem Holze zu beschweren und sie als Lastthiere zu benutzen. Magnolia und Bella hatten ihre abgesonderte Stelle nahe beim Brunnen angewiesen erhalten, wo sie sich in der Nachbarschaft Mullans und seiner Genossen befanden. Gefesselt waren sie nicht – die einzige Rücksicht, welche man ihnen zollte – dagegen hätten sie in eisernen Banden nicht sicherer gefangen gehalten werden können, als unter den verlangenden Blicken der sie bald heimlich, bald offen eifersüchtig bewachenden Räuber. –

Nach Ablauf einer Stunde stellte sich eine gewisse Ruhe in dem Lager ein. Alle, bis auf Magnolia und Bella, hatten gegessen und getrunken; Jeder hatte sich eine Stätte hergerichtet, auf welcher er die Nacht zuzubringen gedachte. Die Neger unterhielten sich mit gedämpfter Stimme und kühlten sich gegenseitig mit dem ihnen verabreichten Wasser die wunden Rücken und die von Dornen und scharfem Gestein zerrissenen Füße, wogegen bei den verschiedenen Gruppen der Räuber die Pfeifen brannten, die Whiskyflasche kreiste und die jüngsten politischen Ereignisse in einer ihrem Charakter entsprechenden Weise erörtert wurden.

Die Sonne sank eben in die westliche Waldung hinab, als Mullan, aufgebracht über das störrische Schweigen der beiden Mädchen und weil sie die Speisen unberührt stehen ließen, die kurze Strecke, welche ihn von denselben trennte, auf den Knieen zurücklegte und sich nachlässig zwischen sie warf.

Mit einem wüsten Griff riß er die Tücher von ihren Häuptern; aber als hätte das Entsetzen, welches sich nach dieser rohen Handlung in den Zügen der verzweifelnden Mädchen so ergreifend ausprägte, sein verhärtetes Gewissen geweckt, hob er mit einer gewissen vertraulichen Höflichkeit an:

»Ihr seid rechte Kinder; besäßet Ihr nur eine Probe von Menschenverstand, so würdet Ihr begreifen, daß Eure Lage nicht schlimmer ist, als Ihr von Rechtswegen erwarten dürft. Haben dumme Träume über Gleichberechtigung der farbigen Menschen mit den Weißen Eure Köpfe verrückt, so ist das nicht meine Schuld; ebensowenig kann es mir zur Last gelegt werden, daß in Euren Adern afrikanisches Blut fließt. Bei Gott, meine schöne Magnolia, und schimmerte Deine Atlashaut so weiß, wie frisch gefallener Schnee, und zeigten die zierlichen Nägel Deiner schönen Hände auch nicht den leichtesten Negerschatten mehr, so wärest und bliebest Du doch immer eine Farbige, also ein Stück verkäuflicher Waare. Daß Ihr Beide früher frei gewesen seid, kommt heute nicht mehr in Betracht; Ihr seid eben Kriegsbeute, und wie ich ein erbeutetes Pferd verkaufe, so kann und werde ich über Euch in ähnlicher Weise verfügen – ich hoffe, Ihr seht das ein und sucht nicht, wer weiß was für ungereimte, lächerliche Grundsätze geltend zu machen.«

Er harrte auf eine Entgegnung; als die beiden Mädchen aber fortgesetzt ein dumpfes Schweigen beobachteten, von den zechenden Genossen dagegen spöttisches Lachen zu ihm herüberdrang, fuhr er entrüstet und in einer ihm geläufigeren, höhnischen Weise fort:

»Ihr schweigt? Gut, ich kann euch nicht zum Sprechen zwingen, allein das schwöre ich, so wahr ich Mullan heiße, bevor noch fünf oder sechs Tage vergangen sind, werdet Ihr dem grimmigen, verhaßten und gefürchteten Mullan schmeicheln, ihn liebkosen und auf Euren Knieen anflehen, Euch zu behalten, anstatt Euch über's Meer fortzuschicken und dafür einen recht schönen Preis in die Tasche zu stecken. Verdammt! Ihr seid eben so gut, wie baares Geld, doch wozu hilft mir das Geld, wenn mein Herz krank ist nach Eurem Besitz, krank nach Dir, Du weiße Magnolienblüthe, und krank nach Dir, Du schönste aller braunen Weiber, die jemals unter den Hammer eines Auctionators kamen.«

Bei den letzten Worten, welche Mullan offenbar unter dem Einflusse unmäßig genossener, berauschender Getränke sprach, versuchte er es, Bella an sich zu ziehen. Kaum aber hatte er mit seiner ausgestreckten Hand deren Hals berührt, als das Mädchen, wie von elektrischem Feuer durchströmt, mit der Gewandtheit einer Pantherkatze das Messer aus seinem Gurt riß und einen heftigen Stoß nach ihm führte.

Hätte Bella nicht auf der Erde gesessen, würde Mullans Laufbahn hier wahrscheinlich ihr Ende erreicht haben; so aber, da sie in ihrer freien Bewegung gehemmt war und Mullan, ohne aufzuspringen, blitzschnell auswich, traf das Messer nur den Aermel seiner Jacke, welchen es vom Handgelenk bis zum Ellenbogen aufschlitzte.

Todtenstille war nach dieser raschen Handlung eingetreten. Mullans Genossen blickten neugierig zu ihrem Führer hinüber, welchen sie, bei der Widersetzlichkeit einer Farbigen, in eine gefährliche Raserei ausbrechen zu sehen erwarteten. Von diesem wendete sich ihre Aufmerksamkeit den beiden Mädchen zu, die mit einer gleichsam geisterhaften Ruhe dasaßen, bereit, mit Freuden den Tod zu begrüßen, wenn er auf Bella's Angriff von dem wüthenden Rebellen schmerzlos und schnell herbeigeführt werden sollte.

Mullan mochte dergleichen ahnen, denn seine thierische Wuth gelangte nur in einem drohenden Hohnlachen zum Ausbruch.

»Goddam, meine schöne Tigerin!« rief er schäumend aus, und wie um sich zu beruhigen, strich er mit der Hand über seinen glänzend schwarzen Bart, »es wäre mir ein Leichtes, Dich mittelst eines Lassos zu entwaffnen und sammt Deiner hoffärtigen Genossin an den nächsten Baum aufhängen zu lassen, allein ich will nicht übereilt handeln. Zu was sollten mir Eure schönen Körper helfen, wenn sie todt und starr wären? Ha, zur Freude und zur Lust sollt Ihr mir dienen und schließlich dennoch eine hübsche runde Summe eintragen, und darum allein werden Eure Rücken nicht so gezeichnet, wie Ihr es verdient! Aber ich warne Euch, treibt mich nicht zum Aeußersten. Das Messer magst du behalten, mit Güte würdest Du es ohnehin nicht herausgeben; ebenso bleibt Ihr, trotz Eurer Böswilligkeit, ungefesselt; sollte Euch indessen die Lust anwandeln, zu entfliehen, so versucht es nur. Bei der ersten Bewegung, welche Ihr macht, gebe ich meine Ansprüche an Euch undankbaren Geschöpfe auf, und mögen sich Diejenigen in Euch theilen, die Euch wieder einfangen!«

Ein schallendes Gelächter aus dem Kreise seiner Untergebenen lohnte Mullan für die geschickte und unblutige Wendung, welche er dem drohenden Ereigniß gegeben hatte; die beiden Mädchen aber sanken in sich zusammen, als habe die letzte Spur von Lebenskraft sie verlassen.

»Bella, Du wirst mich nicht der Schande, der Schmach anheimfallen lassen,« flüsterte Magnolia, die Augen starr auf die sich verzweiflungsvoll ineinander ringenden Hände geheftet.

»Nun und nimmermehr,« antwortete Bella finster und entschlossen, und die Flügel ihrer sanft gebogenen Nase zitterten, während die breite Klinge des Messers unter dem unbewußten Drucke der schmalen braunen Hand dicht neben ihr bis an den Griff in den Rasen eindrang, als sei das kalte Erdreich des verbrecherischen Sklavenräubers Brust gewesen. Das Blut ihrer afrikanischen Voreltern war in Wallung gerathen; es kochte unter der eine sengende Gluth ausströmenden Empörung ihres sittlichen Gefühls. Da tönte aus dem Walde das jauchzende Kläffen eines Prairiewolfs herüber, welches alsbald in entgegengesetzter Richtung langgedehnt und klagend beantwortet wurde.

»Der Satan führt die Prairiewölfe noch bis an den Atlantic,« bemerkte Mullan, forschend nach einer Gelegenheit, in einer oberflächlichen Unterhaltung seinen feindlichen Zusammenstoß mit der Mulattin zu vergessen.

»Die Bestien wittern die Schlachtfelder,« entgegnete nachlässig ein auf dem Rücken liegender Räuber, »'s sollte mich nicht wundern, wenn Schakals und Hyänen über's Meer kämen, um eine gute Mahlzeit hier zu halten.«

Damit waren die Prairiewölfe, deren Erscheinen in den östlichen Waldungen einen kundigen Jäger mindestens befremdet hätte, beseitigt und die allgemeine Aufmerksamkeit wendete sich wieder andern Dingen zu. Die Mulattin dagegen, wie durch das jauchzende Geheul von ihrem Kummer vorübergehend befreit und von Heimweh nach dem sichern Westen erfüllt, neigte das Haupt tief auf die Brust. Das Gefühl des Hasses und der Rache schien plötzlich in ihr erstorben zu sein, denn die um den Griff des Messers geschlossene kleine Faust erschlaffte, zwei große Thränen rollten über ihre braunen Wangen.

»Willing, Walebone,« flüsterten ihre Lippen leise, selbst für Magnolia waren die Worte kaum hörbar; die Blicke Beider schweiften besorgnißvoll über die zechende Bande der Sklavenräuber, die ihnen so furchtbar erschien, als ob sie mit gewöhnlichen menschlichen Mitteln gar nicht zu überwältigen wäre.

»Sie werden unterliegen,« lispelte Magnolia, und ein Schauder erschütterte ihr schlanke Gestalt.

»Still und traure,« ermahnte Bella ängstlich; worauf sie die von Mullan zur Seite geworfenen Tücher nahm und eines davon Magnolia darreichte.

»Seid ja verdammt lebhaft geworden, Kinder!« rief fast gleichzeitig Mullan herüber, der diese Bewegung bemerkt hatte. »Stellt in Gedanken wohl gar Vergleiche zwischen uns an?«

Ein teuflisches Gelächter folgte der rohen Anrede; bevor es aber noch verhallte, hatten die beiden Mädchen die Tücher über sich geworfen, und sich eng aneinander schmiegend, suchten sie klopfenden Herzens sich gegenseitig zu trösten und zu ermutigen.

Der Plan, am folgenden Morgen früh aufzubrechen, vielleicht auch die Wirkung des Whisky, veranlaßte die Räuber, bald die nächtliche Ruhe zu suchen. Um zwei Feuer lagerten sie im Kreise und nach kurzer Zeit waren sie in einen festen Schlaf gesunken. Fünf Mitglieder der Bande blieben munter, um die erste Wache zu übernehmen. Zwei derselben setzten sich in die Nähe der beiden Enden der Kette der Neger nieder. Ein dritter kauerte sich einige Schritte von Magnolia und Bella ins hohe Gras, sodaß die beiden Mädchen sich zwischen ihm und dem für sie in Brand gehaltenen wärmenden Feuer befanden. Die letzten beiden dagegen wanderten ab und zu, hielten sich indessen vorzugsweise bei den Pferden auf, die in weiterem Umkreise an langen Leinen gepflöckt weideten.

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