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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Sechsundvierzigstes Capitel. Scenen des Friedens und Glücks.

Ein volles Jahr und darüber war dahingerollt; auf den blutgetränkten Schlachtfeldern des nordamerikanischen Continentes grünten die Saaten ebenso frisch und viel versprechend, wie in andern, von der Kriegsfackel verschont gebliebenen Ländern. Aber auch die Wälder hatten sich nach langer Winterruhe wieder in ihr Frühlingskleid geworfen, namentlich die Birken, welche die Zeit nicht schienen erwarten zu können, in der man kommen würde, um von ihnen den alljährlichen Tribut zu dem üblichen Pfingstschmuck der Häuser und Zimmer einzufordern. –

An diesem uralten Gebrauch hing Niemand mit größerer Pietät, als Christian Braun, der ehrenwerthe Kärrner, und Frau Kathrin, sein treues, rechtschaffenes Ehegemahl. Sie hatten diese Sitte als Kinder von ihren Eltern gelernt, ebenso, wie diese es einst ihren Eltern, Großeltern, Urahnen und so weiter bis in die heiligen Haine der alten Germanen ablauschten.

Das Pfingstfest schlängelte sich also in ihren Familien wie ein lichtgrünes Band durch viele Generationen hindurch bis ins graue Heidenthum hinein, zu welche Zeit die weißrindigen Birken ganz gewiß ebenso zierliches und lebensfrisches Laubwerk trugen, als an dem diesjährigen christlichen Pfingsten, welcher für die Kärrnerfamilie ein doppeltes Fest zu werden versprach. Mit Rücksicht darauf, hatte der gute, alte Braun sich denn auch noch besonders angestrengt. Anstatt für ein paar Silbergroschen Birkenzweige zu kaufen, war er am vorhergehenden Tage, gleich nach dem Eintreffen einer höchst wichtigen Depesche, schnell mit zwei seiner willigen Holsteiner und einem leichten Leiterwägelchen in den Wald zu einem bekannten Förster gefahren, wo sein Verlangen nach ausgesucht schönen und frischen Birkenzweigen höchst freigebig gestillt wurde.

Hechsel begleitete ihn selbstverständlich auf dieser Fahrt, denn wie der biedere Kärrner unverändert geblieben war, so hatten auch die blaugestreiften Gamaschen ihre magnetische Kraft nicht verloren: Dieselbe schien sogar noch gewachsen zu sein, denn indem die Holsteiner mit ihrer kaum fühlbaren Last munter einhertrabten, wirkte die Anziehungskraft durch die Bretter des Wagens hindurch in einem solchen Grade auf den getreuen Hechsel, daß er unter der Hinterachse genau in der Mitte zwischen den beiden Rädern förmlich festgebannt wurde, wo er seine Bewegungen sehr sorgfältig nach denen der guten Holsteiner regelte. Es kostete ihn allerdings zuweilen einige Anstrengung, seinen Posten zu behaupten, wenn seine alten Freunde zum Beispiel einmal etwas weiter ausgriffen, er fügte sich indessen mit stoischer Ruhe in diesen Uebelstand, und um so leichter, weil der Weg frei von Regenpfützen war und der liebe, schöne Frühlingssonnenschein, welcher von der einen Seite zitternd zwischen den sich schnell drehenden Radspeichen hindurchfiel, ihm eine Art Unterhaltung gewährte und jeder auf einen Lichtstreifen unmittelbar folgende Schattenstreifen zu seinem stillen Ergötzen sich vergeblich bemühte, ihm das grimmige, weißgeringelte Auge auszuschlagen.

Im allgemeinen sah Hechsel, trotzdem ein langes Jahr über sein würdiges Haupt hingegangen war, noch immer munter und jugendlich aus: Seinen Winterpelz hatte er ausgezogen und dafür das schön getigerte, braune, sich fest an die starken Muskeln anschmiegende Sommerkleid übergestreift; gegen die gußeiserne Doppelnase contrastirten prächtig das weiße, starke Gebiß und die lang niederhängende rothe Zunge; die abhanden gekommenen Ohren und der fehlende Schweif gestatteten der Phantasie, dieselben in den kühnsten und malerischsten Schwingungen zu ergänzen, und dabei schauten die beiden glänzenden Augen, das schwarze sowohl, wie das weiße, so überlegend bald auf das Schattenrad, bald auf das Sonnenrad, bald auf die schwer stampfenden und reich behaarten Hufe der trabenden Holsteiner, daß man hätte meinen mögen, von ihrem Ausdruck allein habe die Bewegung des ganzen Fuhrwerks abgehangen. Der getreue Hechsel sah also am Tage vor Pfingsten recht festtäglich aus, ebenso wie sein Herr, der über ihm auf einem fest gestopften Strohsack thronte, den Dampf aus seiner kurzen Pfeife abwechselnd über die rechte und über die linke Schulter warf, munter mit seiner Peitsche knallte, bedächtig, das eine Auge schließend, mit dem andern auf die grünenden Fluren und Bäume, auf die wirbelnden Lerchen und hochbeinigen Störche zielte und seinen nur von einem rothgeblümten Taschentuch beschwerten glanzledernen Tresorkasten mit einer Sicherheit auf seinem breiten Haupte balancirte, daß der berühmteste Equilibrist ihn um seine Kunstfertigkeit hätte beneiden mögen.

»Immer successive!« rief er auch wohl gelegentlich seinen Holsteinern zu, die aus dem Tone seiner Stimme jedesmal pünktlich erriethen, ob sie ihre Schritte beschleunigen oder ihre Eile mäßigen sollten. »Immer successive!« sprach er auch zu sich selbst, wenn er meinte, daß sein hoch beglücktes Herz vor lauter Ungeduld die starken Rippen zerschmettern oder ein donnerndes Hurrah über seine Lippen jagen müsse. Dann lachte er wieder heimlich vor sich hin, und der feuerfarbige Borstenkragen wurde mißhandelt, als ob man solch' prächtigen Kärrnersschmuck nur von der Straße aufzulesen brauche.

»Und etwas Kalmusblätter soll ich nicht vergessen,« vermischte es sich jetzt wieder laut und vernehmlich mit einer davonstäubenden Tabackswolke, »ei, ei, da sieh' mir einer die Kathrin an; Birkenzweige und Kalmusblätter, und 'n Feuer im Ofen, als sollte 'n ganzer Wispel Weizenmehl auf einmal gebacken werden! Hahaha, wenn's nur erst morgen um diese Zeit wäre; aber immer successive!«

»Vergiß auch nicht die Kalmusblätter!« hatte Frau Kathrin ihrem alten Christian wirklich nachgerufen und zwar von der Hausthüre aus, so daß die Nachbarn es alle hörten. Und als der gute Christian erst eine Strecke weit in seinem Leiterwägelchen davongerollt war, da hatte sie sogar hierhin und dorthin, wo sie nur immer ein bekanntes Gesicht sah, grüßend genickt; und die Leute grüßten alle sehr freundlich wieder und meinten auch wohl zu einander, daß Frau Kathrin sich seit einem Jahr merkwürdig verjüngt habe, daß sie eine sehr respectable Frau sei, der man das hohe Glück wohl gönnen dürfe, daß sie, trotz des hohen Glückes, doch immer die gefällige Nachbarin und theilnehmende Freundin geblieben sei und sich nicht besser, als andere Leute dünke.

Frau Kathrin aber befand sich um die Zeit schon längst wieder im Hause, wohin sie einige Nachbarskinder gelockt hatte, um von ihnen – Kinder sprechen in tiefernsten Dingen ja immer die Wahrheit – ein ungeschminktes Urtheil über das Gerathen ihres Pfingstkuchens zu vernehmen. Und als die überglücklichen Kinder dann heimgelaufen waren, da trat sie vor ihre Kommode, deren oberstes Schubfach sie aufzog, um in demselben zu kramen. Eine alte Medicinschachtel, bis an Rand angefüllt mit harten Thalern und einigen Scheinen, holte sie zuerst hervor, sie bedächtig in der Hand wiegend.

»Alles für meine Tochter,« sprach sie dabei, und die hellen Freudenthränen wollten ihr über die röthlich angehauchten, noch immer etwas eingefallenen Wangen, »sie braucht's zwar nicht, aber ich kenne mein Schätzchen und weiß, wie sie's aufnimmt.«

Dann legte sie die Schachtel zur Seite, worauf sie nach einer funkelnagelneuen, jedoch einfach verzierten Haube griff und dieselbe vor dem Spiegel aufpaßte.

Frau Kathrin schien mit diesem Hauptschmuck einer Hausfrau sehr zufrieden zu sein, und die weißen Spitzen und weißseidenen Schleifen paßten auch in der That vortrefflich zu dem freundlichen Antlitz mit den schönen, großen, blauen Augen. –

»Auf diese Art brauchen sie sich meiner gewiß nicht zu schämen,« sprach sie, das Haupt mit einer gewissen Selbstgefälligkeit drehend; aber als hätte dieser Gedanke sie unfreundlich berührt, brachte sie die Haube schnell auf ihre alte Stelle zurück.

»Die, und sich meiner schämen,« fuhr sie dabei in ihren Betrachtungen fort, »ich müßte ja meine Kinder nicht kennen.«

Dann nahm sie ein Tuch zur Hand und eifrig begann sie, mindestens zum sechsten Mal an diesem Tage, das Klavier abzupolieren.

Ja, das Instrument stand noch immer auf derselben Stelle, auf welcher Anna zum letzten Mal gespielt hatte. Man war zwar kurz nach ihrer Abreise einmal zu dem Entschluß gelangt, dasselbe, der Ersparniß wegen, an seinen Besitzer zurückzugeben; als aber die Leute eintrafen, welche es abholen sollten, war den beiden Alten so wehe um's Herz geworden, daß sie jene unverrichteter Sache wieder fortschickten und das Uebereinkommen trafen, lieber die sechs Thaler Miethe vierteljährlich zu entrichten, als auch diesen lieben Freund noch zu missen. Und so hatte das Pianum denn zu des alten Brauns größter Genugthuung seinen alten Platz successive und unerschütterlich behauptet, und waren es auch keine Künstlerhände, welche auf den glatten Tasten herumtanzten, so schlug doch ein riesenhafter, schwieliger Zeigefinger hin und wieder behutsam einige Noten an, die sich, einige Fehlgriffe abgerechnet – sogar zu den Anfängen sehr bekannter Volksmelodien an einander reihten und das alte treue Kärrnerherz so recht lebhaft an sein fernes Schätzchen erinnerten und an denjenigen, welchen dasselbe Schätzchen ihm und seiner guten Kathrin binnen absehbarer Frist zuführen sollte.

Auch Frau Kathrin spielte zuweilen auf dem Instrument, aber nur mit einem Staubtuch, indem sie, einige Male mit festem Drucke auf den Tasten hin- und herfahrend, ebenso viele ganz entsetzliche Tonleitern erzeugte. An diesem gesegneten Tage vor Pfingsten nun peinigte sie die armen Tasten aber noch ganz besonders, gerade als hätte sie das von seinem Besitzer stets in reiner Stimmung erhaltene Klavier wachrütteln und auf die erneute Bekanntschaft mit den zarten, schönen Händen ihres geliebten Schätzchens vorbereiten wollen. Oben auf den Deckel des Instrumentes legte sie außerdem einen noch mit Stricknadeln versehenen, unbeendigten Riesenstrumpf, die letzte Arbeit Anna's unter ihrem Dach, »damit sie sieht, was sie mir gewesen ist,« erläuterten die schmalen Lippen, wie unbewußt, und dann begab Frau Kathrin sich an's Fenster, um einige Fliegen zu fangen und zu dem Laubfrosch in das lange Bierglas zu setzen, damit er aus Dankbarkeit zum nächsten Tage recht schönes Wetter prophezeie. –

Derartig gestalteten sich also die Vorbereitungen zu dem schönen Pfingstfest. Als aber der Pfingstmorgen selbst erst angebrochen war, da hätte man das kleine Gehöft kaum wiedererkannt, so freundlich lugte es zwischen den um Thüren und Fenster befestigten Birkenzweigen hervor. Doch nicht allein auf der Straßenseite war es so festlich geschmückt, sondern auch auf der Hofseite; sogar die Stallthüren hatte der riesenhafte Kärrner nicht vergessen, namentlich war um die zu den Holsteinern führende Thüre eine förmliche Laube gebaut worden, nicht zu Gedenken des elephantenrückigen Frachtwagens, der sich im vollsten Sinne des Wortes eine prächtige grüne Perrücke aufgesetzt hatte und sich in seinem offenen Schuppen spreizte, als sei er, und nur er allein die eigentliche Seele des ganzen Gehöftes gewesen.

Aber auch der Kärrner selber und Frau Kathrin hatten ihr sonntägliches Kleid angelegt, und recht stattlich nahmen sich Beide aus, sie in der neuen Haube und er in seinem schwarzen Ueberrock und mit der langen Pfeife, in welcher heute ausnahmsweise wirklicher, echter Varinaskanaster – das Pfund zu zwanzig Silbergroschen – dampfte. Und recht ernst und feierlich schauten sie in den lieben, schönen, sonnigen Pfingsttag hinein, und recht einsilbig waren sie geworden, indem Einer vor dem andern seine Ungeduld zu verstecken suchte, und dabei tanzten und hüpften ihre Herzen doch in einer Weise, daß die Bewegungen des Theertönnchens unter dem einherrollenden Elephantenwagen, und wenn der holperigste Knüppeldamm vor ihm gelegen hätte, reines Kinderspiel dagegen gewesen wären.

»Wenn's ihnen nur successive hier gefällt,« bemerkte Braun bei der Mittagsmahlzeit, welche die beiden alten Leute in stiller häuslicher Abgeschiedenheit, einnahmen.

»Denen gefällt's überall, wo wir sind,« antwortete Frau Kathrin mit großer Entschiedenheit.

Braun lächelte vor sich hin. Was seine Frau sagte, wußte er längst; er hatte überhaupt nur etwas bemerken und seine Ansichten bekräftigt hören wollen, und erfüllt von solchen Gedanken, fuhr er fort:

»Wir hätten sie auch vom Bahnhofe abholen können.«

»Das wäre gegen ihre Wünsche gewesen,« erläuterte Frau Kathrin; »'s ist auch besser so; denke Dir nur die vielen Menschen, und wenn ich nicht an mich halten kann – und dann muß unser Herr Johannes auch Zeuge des Wiedersehens sein.«

»Der arme Herr Johannes.«

»Ja, wahrhaftig, der arme Herr Johannes.«

Längere Zeit verstrich in wehmüthigem Schweigen; dann gewann die Freude aber wieder die Oberhand.

»Warum die Eisenbahnwagen wohl nicht ebenso schnell fahren, wie eine telegraphische Depesche?« fragte Braun wiederum, um etwas zu sagen.

»Mit der Zeit wird man es bestimmt noch einmal so weit bringen,« belehrte Frau Kathrin.

»Hm, zwei Monate sind sie ungefähr verheirathet.«

»Volle zwei Monate.«

»'s Schätzchen war eigentlich noch etwas jung?«

»Volle siebenzehn Jahre alt; manches Mädchen hat schon früher geheirathet; manches aber auch weit später, ohne halb so verständig zu sein, wie meine Schwiegertochter.«

»Du meinst unsere Schwiegertochter?« fragte Braun, mit dem linken Auge listig blinzelnd und den rechten Mundwinkel triumphirend gesenkt.

»Nun, wenn Dir so sehr darum zu thun ist: unsere Schwiegertochter.«

»Ob sie wohl successive 'n paar Tage bei uns wohnen werden?«

»Ich kenne meinen Sohn und meine – unsere Schwiegertochter.«

Braun nickte zufrieden und durch einen gewandten Strich seiner Riesenfaust erhielt der rothe Borstenkragen einen stattlichen, herausfordernden Ausdruck.

»Wie Dein Schwager wohl aussehen mag?« fragte er dann, wieder blinzelnd.

»Du meinst unsern – nein, das stimmt nicht, er ist ja Dein Bruder – aber unser –«

Frau Kathrin, die sonst so sehr überlegende Hausfrau, hatte sich festgefahren, daß sie keinen andern Rath wußte, als über sich selbst zu lachen.

Der alte Braun aber lachte mit, daß ihm die Thränen in die Augen traten, und so ergötzten sich Beide immer weiter und weiter, bis sie endlich vom Tisch aufstanden, ohne sich recht satt gegessen zu haben. – –

So kam der Nachmittag endlich heran, und mit dem Nachmittag der Herr Professor und sein Freund und Hausgenosse Johannes, die nicht minder gespannt waren, die geraden Wegs von Amerika Eintreffenden zu begrüßen, als der Kärrner Braun und seine Frau Kathrin.

Der Professor war noch immer der Alte: Etwas zur Schau getragene Menschenfeindlichkeit sollte seine edlen Herzenseigenschaften verstecken, was indessen in einem nur sehr mäßigen Grade gelang; dagegen schien er heiterer und zutraulicher geworden zu sein und sich in der Gesellschaft der biederen Kärrnersleute über Alles behaglich zu fühlen. Die ihm entgegengetragene uneigennützige Anhänglichkeit hatte das Starre in seinem Wesen aufgethaut. Er selbst wollte freilich von einer solchen, seiner veränderten Gemüthsstimmung zu Grunde liegenden Ursache nichts wissen, sondern schob bei jeder Gelegenheit den ihm von Johannes wohlbehalten überlieferten Schatz vor; er wunderte sich sogar über die unerhörte Inconsequenz der Frau Kathrin, die sich nicht scheute, anderer Leute Kinder hereinzurufen und ganze Stunden mit ihnen zu verplaudern. Letzteres verdroß ihn übrigens in so hohem Grade, daß er – nur um der kleinen Gesellschaft den Geschmack an grobem Brod zu verderben, wie er sich sehr ernst ausdrückte – der Frau Kathrin von Zeit zu Zeit eine umfangreiche Düte mit Conditorwaaren zur Verfügung stellte, welche denn auch jedesmal von dieser mit unverantwortlichem Leichtsinn gewissenhaft und sogar noch in Begleitung von liebevollen Worten an entsprechender Stelle vertheilt wurden.

»Die armen Kinder werden von ihren Eltern ebenso sehr geliebt, wie ich meine eigenen Kinder liebe, und der Herr Professor ist nicht halb so schlecht, wie er sich anstellt,« sprach sie dabei in Gedanken, um bald darauf wieder einer vorübergehenden Frau Nachbarin einige Complimente über ihre schöne Nachkommenschaft zu machen, und dafür die gewöhnliche, sehr herzlich gemeinte Frage zu hören, wann denn eigentlich die von allen Seiten so freudig erwarteten Amerikaner eintreffen würden. –

Der Einzige, der von dem Herrn Professor nur Worte der aufrichtigsten Freundschaft, Theilnahme und Nächstenliebe vernahm, nie durch einen erkünstelten Mißton harsch von ihm berührt wurde, war Johannes, der arme leidende Johannes. Frau Kathrin beteuerte er wohl, daß seine väterliche Fürsorge für den jungen Mann nur eine Art Pflichterfüllung sei, weil derselbe ihm zu seinen amerikanischen Schätzen verholfen habe; dagegen ließ sich nichts Rührenderes denken, als die unermüdliche Aufmerksamkeit, mit welcher er seine Zeit opferte, um jenem das Leben zu erleichtern und bis zu einem gewissen Grade angenehm zu machen.

So war es ihm auch gelungen, den von der Reise Heimkehrenden dazu zu bewegen, auf einige Tage seine Gastfreundschaft anzunehmen, und als er ihn erst in seiner Wohnung hatte, da wußte er ihn auf sinnreiche Art von Tag zu Tag scheinbar so dringend mit der Durchsicht seiner Manuscripte zu beschäftigen, und seinem Unheil einen so hohen Werth zuzuschreiben, daß Johannes endlich die Ueberzeugung seiner Unentbehrlichkeit gewann und sein Zusammenleben mit dem gütigen alten Herrn ihm zu einer lieben Gewohnheit wurde. Und welchem andern Berufe hätte er sich auch zuwenden sollen, nachdem ein grausames Geschick eine unübersteigliche Scheidewand zwischen ihn und eine friedliche Landpfarre geschoben hatte? Von dem Professor aber konnte er noch so viel lernen, und mit ihm sprechen durfte er über seinen körperlichen Zustand und über das, was ihnen Beiden versagt geblieben war, und über diejenigen, welche Beide so sehr liebten und verehrten. O, der alte bucklige Professor, er war ihm ein lieber, lieber Freund geworden; und dennoch wollten manche Menschen behaupten, der alte wunderliche Herr mit seinem gelegentlichen höhnischen Lachen besitze kein Herz. Wenn sie ihn nur gesehen hätten, als er neben dem trauernden Johannes vor einer offenen Gruft stand, in welche man eine ruhig und freudig entschlafene Mutter senkte, wie er da seine bitteren Thränen vergoß und seinen jungen Freund zu trösten und aufzurichten suchte; ja, wenn sie es nur gesehen hätten, dann würden sie sich versucht gefühlt haben, zu dem wunderlichen alten Herrn heranzutreten, ihm die Hände zu küssen, ihn zu preisen und zu beneiden um sein goldenes Herz, und hätten sie dafür seinen mit Stolz in der Welt herumgetragenen Höcker mit in den Kauf nehmen müssen. Noch tiefer aber wären sie vielleicht ergriffen worden, hätten sie ihn beobachtet, wie er an jenem Pfingstnachmittage in der Wohnung des Kärrners sich liebevoll um seinen jungen Freund bewegte, ihn bald freundlich aufmunternd, bald ernst mit ihm sprechend oder ihm ein Birkenzweiglein darreichend und zugleich den guten Kärrnersleuten zuschwörend, daß ihr Johannes sich nunmehr auf dem Wege der Besserung befinde.

Und die guten Kärrnersleute glaubten es auch; obwohl Johannes sich auf dem großen ledergepolsterten Armstuhl, von welchem er sich nur mit Mühe zu erheben vermochte, matt zurücklehnte, trug sein mädchenhaft zartes Antlitz doch eine milde Röthe, und seine großen, schönen Augen leuchteten in so sanftem schwärmerischen Feuer, wie seit langer Zeit nicht. Auch seine Stimme schien plötzlich kräftiger geworden zu sein. Nur gelegentlich, wenn außer dem Professor Niemand in der Nähe war, sank sie zum Flüsterton herab, indem er seine Worte an diesen richtete.

»Ich hätte doch wohl zu Hause bleiben sollen,« sagte er fast ängstlich, »mein verändertes Aussehen wird sie erschrecken – sie wird die Wahrheit errathen.«

»Und wenn sie die Wahrheit erräth, dann weiß sie nur, daß Sie sich allmälig wieder erholen,« antwortete ihm der Professor zuversichtlich, indem er ihm die Hand drückte. »Und erschrecken kann sie nicht, indem ich sie auf Alles vorbereitete; verderben Sie daher nicht, was ich zum Besten einleite; vergegenwärtigen Sie sich lieber die Angst und die Besorgniß, welche es erzeugte, träfe man Sie nicht hier. Also hübsch munter und so gesprochen, wie es sich gehört – ich meine, wie ein Mann, der vertrauensvoll seiner Genesung entgegensieht.«

»Seiner Erlösung entgegensieht,« verbesserte Johannes schwermüthig.

Des Professors Sturmglocke läutete vor einem Anfall von Ungeduld, gleich darauf neigte er sich aber liebevoll zu Johannes nieder, ihn aufmunternd und seine Gedanken auf andere Gegenstände überlenkend.

Da rollte ein Wagen vor das Haus. Frau Kathrin erbleichte und sank auf einen Stuhl; in Johannes' Antlitz schoß dagegen eine flammende Gluth, ihm das Aussehen eines Genesenden verleihend. Nur der Professor und der Kärrner behielten Geistesgegenwart genug, hinauszueilen und die so heiß Ersehnten zu empfangen. – – –

Birkenzweige schmückten das ganze Gehöft. Das Wohnzimmer der Kärrnersleute aber war in einen heiligen Tempel verwandelt worden, in welchem Thränen der Wehmuth und einer namenlosen Freude das Alles ausdrückten, wozu die Worte mangelten und nicht ausgereicht hätten. Die Leiden vergangener Jahre, die noch schwebende Entsagung und verhaltener Gram, Alles, Alles war vergessen, wurde gleichsam übertäubt durch das Wiedersehen.

Lange dauerte es, bis eine gewisse Ruhe sich wieder in die erregten Gemüther senkte, bis man die erforderliche Ueberlegung gewann, zu fragen, zu betrachten und die Bilder der Wirklichkeit mit denen zu vergleichen, welche bisher der ängstlich schaffenden Phantasie vorgeschwebt hatten.

Glaubte Frau Kathrin doch kaum, daß der schöne Mann mit der ernsten, selbstbewußten Haltung und dem kindlich bescheidenen, einfachen Wesen ihr Sohn, ihr eigener Sohn sei; und wagte der alte biedere Kärrner doch kaum, die junge liebliche Frau mit »Schätzchen« anzureden wie sie es doch von ihm erwartete. Und als dem ersten Freudenrausch das Gefühl einer unendlichen inneren Befriedigung nachfolgte, da saß Anna, die liebe, holdselige Anna neben ihrem theuren Johannes, seine Hand haltend und ihm zu seinem guten Aussehen Glück wünschend. Wie sie so oft in ihrem Leben gethan, fragte sie auch heute nach der Ursache seines Leidens, und die sorgsamste Pflege von ihren eigenen Händen versprach sie ihm in ihrer alten, treuen, schwesterlichen Weise, so daß dem armen Johannes vor Schmerz und Freude heiße Thränen in die Augen drangen. Neben Anna aber hatte sich Frau Kathrin hingedrängt, und Eberhard mußte sich zu ihr setzen, so, daß sie ihre beiden Kinder zugleich sehen konnte und mit diesen ihren getreuen Christian und den Herrn Professor und noch einen andern, hoch gewachsenen alten Herrn mit weißen Locken und weißem Backenbart, der die sich vor ihm entwickelnde Scene schweigend beobachtete und sich gleichsam scheute, störend einzuschreiten und seine Anwesenheit bemerklich zu machen.

Da trat der Kärrner festen Schrittes vor seinen Bruder hin, ihm die rechte Hand darreichend und mit der linken seinen rothen Borstenkragen weit aus der schwarzen Halsbinde hervorziehend.

»Ich meine successive« – hob er an, dann schloß er verlegen das eine Auge und wie beschämt senkte sich der gegenüberliegende Mundwinkel; er wußte nicht, ob er den feinen alten Herrn mit Du oder mit Sie anreden solle.

»Und heißt Du mich denn gar nicht willkommen, Bruder?« fragte der Millionär mit einer wunderbaren Rührung im Tone seiner Stimme, der Verlegenheit des Kärrners zu Hülfe kommend.

Da kehrte des Kärrners Selbstbewußtsein zurück, und seine Riesenhand von dem Borstenkragen ziehend, wies er mit dem Zeigefinger auf die Tuchnadel und die Uhrkette seines Bruders, welche die Embleme des ehrenwerthen Kärrnergewerkes repräsentirten.

»Was bedeutet denn dieses da?« fragte er und seine rauhe Stimme zitterte seltsam.

Da erweiterten sich die Augen des Millionärs in unbeschreiblichem Wohlwollen, und seine beiden Hände auf die Schultern des Kärrners legend, rief er aus: »Es bedeutet, daß mein Vater ein Kärrner gewesen, und daß mein Bruder ebenfalls ein Kärrner ist; es bedeutet –«

»Halt!« fiel dieser jetzt ein, und die hohe Gestalt des Millionärs schien in seinen Armen zu verschwinden, »ich weiß jetzt successive genug, um Dich als Bruder willkommen zu heißen – und wenn Du's mal nicht anders willst und kannst – nun – dann magst Du Dich immerhin so successive in die Vaterschaft zu den Beiden da mit mir theilen, obwohl die Kathrin und ich die Nächsten dazu sind.«

Und als er nach einiger Zeit wieder zu Worten kam, da wies er mit dem Daumen rückwärts über die Schulter, als ob Amerika hinter ihm liege, und das eine Auge bezeichnend schließend, fragte er sehr verblümt:

»Wie steht's denn mit drüben? Kannst Dir wohl denken, wir möchten sie nicht zum zweiten Mal verlieren; 's wäre meiner Kathrin Tod.«

»Sie bleiben da, wo es ihnen am besten gefällt,« antwortete der Millionär wohlwollend »und ich denke, das wird wohl nicht allzuweit von ihren Eltern sein.«

»Aber ich, Bruder, ich? Ich werde doch nicht hier heraus müssen?

Du verstehst, ungewohnte Arbeit macht Blasen – und ich bin doch hier eingewohnt – und die Menge Kunden – möchte mein Geschäft auf eigne Hand so successive weiterführen.«

»Auch darin bist Du ungehindert.«

»Und dann endlich Du selber?«

»Nun, ich denke, Frau Kathrin, meine liebe Schwägerin, wird mir wohl gelegentlich auf einige Tage ein Plätzchen hier im Hause einräumen, damit ich mir immer wieder in's Gedächtniß zurückrufe, wie's sich unter meines Vaters Dach schläft.«

Dann wendeten sich die beiden Brüder an den Professor und Johannes, und dann wieder an Frau Kathrin und deren Kinder, als ob in dem laubgeschmückten Zimmer nur eine einzige, in vielerlei Gestalten vertheilte Seele geherrscht habe. Selbst Hechsel, der mit Gewalt aus dem Pferdestall ausgebrochen war und sich mit Gewalt in das Zimmer drängte, schien mit zu der Gesellschaft zu gehören, so lebhaft wedelte er seinen abhanden gekommenen Schweif, so vertraulich schob er seine kalte, gußeiserne Doppelnase in jede ihm erreichbare Hand während er mit den verschiedenfarbigen Augen alle in dem Gemach anwesenden vor lauter Zärtlichkeit auf einmal verschlingen zu wollen schien. –

Viel, viel wurde noch bis zum Abend zwischen den Wiedervereinigten gesprochen und verhandelt, aber ob nun gekleidet in die Formen der verfeinerten Bildung, oder dargebracht in biederer, treuherziger Weise, wenn auch rauher Rinde, aus jeder Bemerkung, aus jedem Wort klang stets ein und dasselbe hervor: Unerschütterliche Rechtschaffenheit, treue Zuneigung und die innigste Dankbarkeit gegen ein versöhntes Geschick.

Nur ein Herz bebte und zitterte heimlich hinter einem freudig erregten Antlitz, heimlich und verstohlen, als wäre es am liebsten im Kreise derjenigen hinübergeschlummert, deren Aller Liebe sich gleichsam in ihm begegnete. – – – – –

»So Schätzchen, nun habe ich dich endlich einmal ganz allein für mich,« sprach Frau Kathrin, als sie die liebliche Gattin ihres Sohnes in das andere Zimmer hinübergeführt hatte. »Hier hat er gewohnt, hier hast Du gewohnt, und nun sage mir, ob Du mit der Einrichtung für Euch Beide zufrieden bist?«

Frau Kathrin hatte kaum ausgesprochen, da ruhte Anna wieder an ihrem Herzen, wie damals, als sie von ihr gebeten wurde, nach einem Verschollenen zu forschen. Auch heute weinte Frau Kathrin – sie konnte ja gar nicht an ihr Glück glauben.

»So, Schätzchen, nun habe ich Dich endlich einmal wieder successive für mich allein,« sprach auch der alte Kärrner, als Anna, ihren Arm in den seinigen gelegt, Hechsel aber dicht hinter Beiden, ihn nach dem Pferdestall begleitete.

Die Holsteiner wurden darauf der Reihe nach einzeln begrüßt und gefuttert; von den Holsteinern ging es nach der Tenne zu dem Elephantenwagen, und wie einst am Abend vor ihrer Abreise, so schritten sie auch heute um den Wagen herum, nur daß heute statt der Laterne, das Tageslicht ihnen leuchtete. Aber an die Ketten faßte Anna wieder gerade so wie damals, daß sie lustig klirrten; sie schüttelte dieselben sogar leicht, und dabei sah sie ihren alten getreuen Braun so freundlich an, daß dieser sich im Stillen über alle Maßen wunderte, wie sein liebes, kindliches Schätzchen, welches so munter mit dem gefühllosen Eisen spielte, überhaupt schon eine junge Frau sein könne.

»Klingt's successive noch wie Musik?« fragte er und aus dem einen offenen Auge strömten zum mindesten zehn schwere Wagenladungen herzlicher Zuneigung und innerer Glückseligkeit auf seinen Liebling.

»Sieh doch, welch' unfehlbares Gedächtniß Du besitzest,« entgegnete Anna, und aus den zehn Wagenladungen wurden zehn Schiffsladungen, indem sie dieselben dem Kärrner in ihren klaren Blicken zurückgab; »ja, es klingt noch immer wie zauberhafte Musik, und zwar bezeichnete mir dieselbe eben drei Hauptpunkte aus meinem Leben. Zuerst jenen Abend, als wir Beide Hand in Hand auf der Chaussee neben dem Wagen einherschritten und ich aus dem Klirren ein freundliches Willkommen heraus zu hören meinte« –

»'s war 'n schöner Abend, Schätzchen, so Hand in Hand,« fiel Braun ein und gleich darauf fühlte er wieder das warme Händchen in seiner Riesenfaust.

»Ein sehr successiver Abend, liebe Herr Schwiegervater,« bekräftigte Anna mit großer Entschiedenheit, und dann fuhr sie ernster fort: »der zweite Punkt, der mir so recht lebhaft vorschwebt, ist der Abend –«

»Ein trauriger Abend, Schätzchen.«

»Unendlich traurig – als die Ketten mir ihr Lebewohl zuklirrten.«

»Ich glaubte es nicht überleben zu können.«

»Auch ich nicht, und ein Glück, daß wir's dennoch überlebten. Ich trug die Laterne –«

»Und ich ging hinter Dir.«

»Richtig, nur mit Zweigen war der Wagen damals nicht geschmückt.«

»Und ganz um den Wagen herum gingen wir successive, Schätzchen.«

»Ganz herum, gerade so wie heute.«

»Und der dritte Punkt, Schätzchen?«

»Das war ein Abend auf dem schrecklichen Kriegsschiff, als der erste Officier desselben unabsichtlich mit einer Kette klirrte und ich noch nicht ahnte, daß es mein Eberhard sei, der so nahe bei mir stand und mich so treu beschützte.«

Braun räusperte sich und seine Stimme etwas dämpfend, sprach er mit geheimnißvollen Wesen:

»Schätzchen, meinen Antheil an ihn will ich Dir recht gern schenken, wenn aber unsere Kathrin dabei ist, dann sage lieber: unser Eberhard. Die gute alte Seele will doch nun einmal ihre Rechte an ihn nicht ganz aufgeben.«

»Also successive unser Eberhard,« verbesserte sich Anna, mit einem unbeschreiblich süßen Lächeln.

Sie waren wieder beim Hause angekommen und schritten eben um den Giebel herum, um von der Straße aus einzutreten, als neben der Hinterthür, aber noch auf dem Hausflur, Frau Kathrin und ihr Sohn sichtbar wurden. Sie hatten dort ein Weilchen gestanden und mit innigem Ergötzen den alten Kärrner und sein Schätzchen beobachtet, wie sie von Stall zu Stall wandelten und das ganze Gehöft in Augenschein nahmen.

»Wir wollen sie nicht stören,« sagte Frau Kathrin, ihren Sohn zurückhaltend, sobald sie ihren Herrn Gemahl in traulicher Unterhaltung mit Anna gewahrte, »denn Du glaubst nicht, Du ahnst nicht, wie die Plaudereien mit meiner Tochter ihm sein altes treues Herz erquicken. Sie hat sich doch gar nicht verändert,« fuhr sie nach einer Weile fort, als Eberhard noch immer schweigend auf die liebliche Scene hinschaute, »stets unser altes Schätzchen – ich will Dir gerade nicht wehe thun, aber – nun, 's ist ja nichts Schlimmes – Du bist zwar mein leiblicher Sohn, allein, ich weiß nicht recht, mir ist, als hätte ich das Kind noch lieber, als Dich selber.«

»Mutter,« antwortete Eberhard gerührt und entzückt, »Du kannst sie nicht so lieben, wie sie es verdient.«

Sie traten in das Wohnzimmer; ihr erster Blick fiel auf Anna, welche das Riesenstrickzeug von dem Klavier genommen hatte und dem überglücklichen Kärrner zu beweisen suchte, daß sie das Arbeiten noch nicht verlernt habe.

Der Millionär saß mit dem Professor am Fenster in eine ernste Unterhaltung vertieft.

Aus den schönen blauen Augen des armen Johannes, der darum gebeten hatte, nicht mit in die Unterhaltung hineingezogen zu werden und ihm eine kurze Ruhe zu gönnen, flogen zufriedene, verklärte Blicke über die Scenen des Friedens und des Glücks. –

Es war vielleicht um dieselbe Stunde, in welcher der Kärrner und sein Schätzchen von ihrem Rundgange auf dem Gehöft zurückkehrten, nur daß dort die Sonne eben erst den Zenith überschritten hatte, da neigte auf einer kleinen Farm im fernen, fernen Missouri eine hohe Frauengestalt sich liebevoll über einen schlummernden alten Mann hin. Entbehrungen und Beschwerden in Gemeinschaft mit geistigen Leiden hatten diesem frühzeitig den äußeren Charakter eines Greises verliehen. Er saß auf einem bequemen Lehnstuhl; die gezwungene Haltung seines linken Armes verrieht, daß derselbe durch irgend einen Unglücksfall untauglich zu schwerer Arbeit geworden sei.

Die Frauengestalt, obgleich ebenfalls alternd, zeigte noch immer die scharf ausgeprägten Spuren früherer hoher Schönheit; tiefer Gram hatte indessen seine unvertilgbaren Merkmale auf dem stillen, ernsten Antlitz zurückgelassen.

Lieblicher Sonnenschein ruhte auf ihrer theilweise hoch bewaldeten Umgebung, auf dem bescheidenen Blockhäuschen, den Ställen und dem sich um das Gehöft ausdehnenden Gemüse- und Obstgarten. Es war das Asyl, welches der alte Birk für seinen Lebensabend gefunden hatte und welches diejenige mit ihm theilte, die einst als strahlende Braut mit ihm vor den Traualtar getreten war, nach langer Trennung sich ihm wieder zugesellt hatte und nunmehr, durch Richterspruch aufs neue mit ihm vereinigt, ihn mit hingebender Treue pflegte.

Was auf der einen Seite durch Hochmuth und sträflichen Leichtsinn, auf der andern durch maßlosen Stolz verbrochen worden war, es ruhte vergessen und vergraben zwischen ihnen; nicht einmal desjenigen gedachten sie, der, ein schändliches Ziel mit schlauer Berechnung verfolgend, eine Mutter um ihr Mutterglück betrogen und dafür einen furchtbaren Stachel der entsetzlichsten Selbstanklagen in ihrer Brust zurückgelassen hatte. Sie suchten nicht einmal zu ergründen, wie es Alvens gelungen war, das durch Kohlendunst betäubte Kind außer den Bereich aller Nachforschungen zu schaffen. Für sie gab es nur noch die Gegenwart, welche sie sich gegenseitig mit redlichem Willen zu erleichtern, bis zu einem gewissen Grade sogar in eine angenehme zu verwandeln suchten. Aber auch Genüsse, reine, herzerhebende Genüsse waren ihnen nicht fremd, denn fast wöchentlich trafen Briefe von ihrem Sohne und Magnolia ein, die ihnen nicht genug das Glück zu schildern wußten, welches Einer in des Andern Besitz fand.

Sie lebten in einer größern Hafenstadt Englands, wo der junge Birk eine mehr, als auskömmliche Stellung in einem bedeutenden Handelshause erhalten hatte.

Das Geschick war versöhnt; nach unsäglichen Leiden war ein stilles häusliches Glück den beiden Eltern zu Theil geworden; sie schätzten es um so höher, weil sie nie geglaubt hatten, ein solches noch erwarten zu dürfen.

Die Verwerthung ihrer Gartenerzeugnisse in der nahen Stadt sicherte ihnen ein sorgenfreies Leben. Auch Blumen zogen und pflegten sie mit große Vorliebe, Blumen auf den kleineren Beeten ihres Gartens, Blumen auf der Bahn, welche mit einander zu wandeln ihnen noch vergönnt war.

Lieblich schien die warme Nachmittagssonne auf die kleine Gärtnerei nieder. Im Schatten einer riesenhaften Sykomore saßen der alte Birk und seine Gattin. Ersterer träumend und unbewußt lächelnd; diese mit wehmuthvollen Blicken die einst so schöne, jugendlich kraftvolle Gestalt bewachend, des erschlafften Greises Schlummer behütend.

Bienen, Goldkäfer und Kolibri's schwirrten um sie her, bald sich erquickend an süßen Honigtropfen, bald sich badend im gelben Blüthenstaub.

Ueber ihnen zwischen den Blättern lispelte es geheimnißvoll. Im warmen Staube sonnten sich Hühner. Tiefer Friede überall, doch nirgend mehr, als in den Träumen, welche den früheren Pelzjäger über den Ocean führten, und in den Gedanken der hohen Frauengestalt, welche jene Träume auf ihrer weiten Reise nach den fernen Gestaden begleiteten. –

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