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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Fünfundvierzigstes Capitel. Die erfüllten Aufträge.

Die Besserung in Eberhard's Zustand hatte überraschend schnelle Fortschritte gemacht, so daß er sich nach Ablauf von acht Tagen bereits frei in seinem Zimmer umherbewegen durfte. Sein beständiger Gefährte und Pfleger war nach wie vor Johannes geblieben, der treue Johannes mit seiner wunden Brust und dem brechenden Herzen. Der stete Verkehr, in welchem sie zusammen lebten, hatte sie näher und inniger zu einander hingeführt. Johannes wußte nicht genug von Anna zu erzählen und ihre Vorzüge gegen denjenigen hervorzuheben, von welchem er wußte, daß er ein heiligeres Recht an die Geliebte gewinnen würde, als er selbst jemals an sie besessen hatte. Eberhard dagegen wurde nicht müde, seinen Schilderungen zu lauschen und immer neue Fragen an ihn zu richten. Berührten sie aber in ihrer Unterhaltung das kleine Gehöft der biederen Kärrnersleute und dessen theure Bewohner, so kamen sie doch stets wieder auf sie zurück, die wie ein guter Engel in demselben erschienen und nach kurzem, segensreichem Walten wieder verschwunden war, um, ähnlich einer freundlichen Zaubrerin, alle diejenigen zusammenzuführen, welche, durch die heiligsten Bande an einander gefesselt, dennoch so viele Jahre durch ein finsteres Geschick einander entfremdet gewesen. Was wohl die Ursache, daß Johannes, sobald Anna's Name zwischen ihnen genannt wurde, plötzlich neues Leben zu erhalten schien und mit schwärmerischem Enthusiasmus das Bild der Geliebten schilderte und ausmalte, suchte Eberhard nicht zu ergründen; zu natürlich fand er, daß ein holdes Wesen, wie Anna, von ihrem Freunde und Bruder so hoch verehrt wurde, zu natürlich, daß diesem bei seinen Schilderungen der lieblichen Schwester leidenschaftliche Gluth die Wangen zu sprengen drohte.

Der gute, der treue Johannes! Ach, er hätte noch viel, viel mehr erzählen können, von seiner heimlichen Unterredung mit dem alten Braun und den Beschlüssen, welche dieser gefaßt hatte, allein er durfte seinem edlen Gastfreunde nicht vorgreifen, nicht vorgreifen seiner geliebten Anna, deren unbewußt mit sich umhergetragenes Geheimniß er nicht als das seinige betrachtete. Er konnte, er durfte nur beobachten, sich fester und immer fester überzeugen, daß Anna's irdisches Glück dereinst in gewissenhaften Händen ruhen würde. –

»Die geheimnißvolle Kiste des Professors ist also eingetroffen?« fragte Eberhard, nachdem er eine Weile träumerisch auf den vor seinem Fenster sich ausdehnenden und von der Sonne beschienenen Garten hinausgeschaut hatte.

»Kapitän Iron hat mir einen bedeutenden Umweg und eine große Mühe durch seine Zuvorkommenheit erspart,« entgegnete Johannes; »ich leugne nicht, diese Aufgabe bereitete mir recht oft bittere Sorge. Ihre Lösung erschien mir zuweilen geradezu unmöglich, und nur dem Umstande, daß sie überhaupt noch nicht abgeschickt worden war, ist es zu verdanken, daß es Kapitän Iron glückte, sie in einem halbvergessenen Keller eines Lehrinstitutes aufzutreiben. Wer hätte damals gedacht, als er mit seiner kaltblütigen Berechnung das Todesurtheil über die zahlreiche Bemannung eines Schiffes aussprach, daß dennoch so viel warmes Gefühl in seiner Brust wohne?«

»Es war eine entsetzliche Handlung,« bemerkte Eberhard sinnend, »und nur in einem Bürgerkriege ist eine derartige Feindseligkeit, ein solcher tödtlicher Haß möglich. O, es finden sich seltsame Charaktere unter den Amerikanern vertreten; Leute, welche in dieser Minute beim Anblick fremder Leiden bittere Thränen vergießen, zögern in der nächsten Minute nicht, ihrem Feinde das Messer in die Brust zu stoßen oder mittels einer Pistolenkugel den Kopf zu zerschmettern; die furchtbarsten Erfahrungen habe ich in dieser Beziehung gemacht. – – Was die Kiste enthält, wissen Sie nicht?« fragte er nach einer kurzen Pause.

»Nach der Dringlichkeit zu schließen, mit welcher der Professor mir die größte Vorsicht anempfahl, muß sie leicht zerstörbare Kunstschätze bergen. Hoffentlich haben sie noch nicht gelitten, denn dort, von woher sie gekommen ist, scheint man nicht zart mit ihr verfahren zu sein. Jedenfalls gereicht es dem menschenfreundlichen alten Herrn schon zur großen Freude, seine ersehnten Schätze wenigstens in meinen Händen zu wissen.«

»Sie schrieben an ihn?«

»Ich benachrichtigte ihn vom Auffinden der Kiste und daß ich mit derselben bald nachfolgen würde.«

»Sie denken ernstlich an Ihren Aufbruch?«

»Sehr ernstlich; nur noch ein bestimmtes Ereigniß will ich abwarten, namentlich Ihre gänzliche Herstellung, um Ihren Eltern nur Freudiges über Sie berichten zu können. Vielleicht darf ich sie zugleich auf Ihren Besuch vorbereiten?«

Eberhard sah überrascht empor; dann ergriff er Johannes' Hand mit Wärme.

»Dürfte ich doch mit Ihnen reisen,« versetzte er zögernd, »allein – meine seltsame Lage – und dennoch ist –«

Lautes Klopfen an der Thüre hinderte ihn, weiter zu sprechen, und bevor er zum Eintreten aufgefordert, erblickte er seinen Onkel, der, die erröthende Anna führend, auf ihn zuschritt.

»Ich bringe Jemand, der sich darnach sehnt, sich persönlich von Deinem Wohlergehen zu überzeugen,« sprach der alte Herr mit einem glücklichen Lächeln zu dem verwirrt emporspringenden jungen Manne, »sie möchte sich gern eines Auftrages entledigen, welchen Deine vortreffliche Mutter ihr beim Scheiden ertheilte; ich hoffe, sie findet in Dir einen aufmerksamen und dankbaren Zuhörer.«

Ein wunderbarer Ausdruck lag im Tone seiner Stimme, als er dies sagte; ein Ausdruck zugleich innig und auch doch wieder so geheimnißvoll und bezeichnend, daß Anna's Hand in der seinigen heftig zitterte, als hätte sie, auf schwindelnder Höhe stehend, nach einem sichern Halt gesucht. Dabei wußte sie nicht, wohin sie ihre Augen wenden sollte, selbst den geliebten Gefährten ihrer frühesten Jugend, den treuen Johannes, wagte sie nicht anzuschauen, ihn, dem sie sonst doch immer mit dem hingebendsten Vertrauen begegnete. Aber wie Johannes mit edler, fast übermenschlicher Selbstverleugnung in Eberhards Seele die tiefen, unergründlichen Empfindungen erkannt und demnächst ein höheres Selbstbewußtsein, eine beseligende Hoffnung auf die Zukunft in seiner Brust zu erwecken verstanden hatte, so war Anna von ihrem Pflegevater mit vorsichtiger Hand geführt und über sich selbst aufgeklärt worden, so daß es nur noch eines Blickes bedurfte, um zwei Herzen vor einander zu öffnen, die bereits lange einander angehörten. Was Anna in ihrer lieblichen Befangenheit nur dumpf ahnte, was sie mit einer gewissen Furcht erfüllte, das hatte Eberhard begriffen, sobald er seines gütigen Onkels Worte vernahm und zugleich die Gluth gewahrte, welche, ähnlich einer verheißenden Frühlingsmorgenröthe, sich wunderbar flammend über das süße Antlitz der Geliebten ausbreitete. Gleichsam berauscht durch die seiner Seele vorschwebenden Bilder, sah er auf die vor ihm Stehenden hin; vor seinen Augen schwamm Alles in einander, seine Sprache schien plötzlich in Fesseln geschlagen zu sein, kaum daß er wagte, Anna die Hand zu reichen.

Zögernd, wie befürchtend, ein Unrecht dadurch zu begehen, legte Anna ihre Hand in die dargereichte, und dabei hatten diese beiden Hände doch schon so oft in einander geruht, bald beim herzlichen Gruß, bald beim freundlichen Abschied, ohne daß Jemand etwas Ungewöhnliches in dieser Begegnung gefunden hätte. Und heute? O, der gute Braun und der treue Johannes, sie hatten sehr, sehr viel zu verantworten, denn sie hatten das alte traute Freundschaftsverhältniß zwischen den beiden jungen Leuten unheilbar zerstört; es konnte nie wieder so werden, wie es gewesen war, wenn auch Niemand Ursache fand, diesen Wechsel zu bereuen!

»Und willst Du die Aufträge seiner Mutter nicht ausführen?« fragte Braun, nachdem er sich ein Weilchen an der Befangenheit des jungen Paares geweidet hatte.

Ja – ich will, und Johannes wird mir Alles bezeugen,« antwortete Anna, und in den Augen ihres Adoptivvaters suchte sie Schutz vor den entzückten Blicken Eberhards.

Johannes aber war leise und unbemerkt hinausgeschlichen, als hätte er sich der Thränen geschämt, welche eine tiefe Rührung ihm in die redlichen Augen trieb.

»Unser vortrefflicher Johannes?« fragte Braun bedeutungsvoll lächelnd, »ich werde ihn rufen, ich werde ihn suchen; bis dahin aber, lieber Eberhard, mußt Du meiner Tochter Anna schon nothgedrungen auf ihr Wort glauben.«

Fast mit Gewalt entzog er Anna, die ihn heimlich zurückhalten wollte, seine Hand, und freundlich grüßend trat er aus der Thüre.

Er fand weder Johannes noch suchte er ihn. Aber nach seinem Wohnzimmer begab er sich, wo er, lange nachdem die Lampen angezündet worden waren, noch immer einsam auf und ab wandelte. Das Haupt geneigt, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, verrieth er nur einmal die Gefühle, welche sein Gemüth bewegten, als er leise in die Worte ausbrach:

»O mein Gott, warum durfte ihre Mutter den heutigen Tag nicht erleben?« – – –

Er suchte weder Johannes, noch fand er ihn. Dieser dagegen hatte sich nach der äußersten Grenze des rückwärts liegenden Gartens begeben, wo er, von Niemand bemerkt und beachtet, seinen Gedanken ungestört nachhängen konnte.

Röthlich fielen die schrägen Strahlen der sich ihrem Untergange zuneigenden Sonne zwischen den jungen Blättern und Knospen hindurch, den einsamen Spaziergänger mit der Farbe der Gesundheit schmückend. Er athmete ruhig und tief; eine schwere Last schien von seiner Seele genommen zu sein; auf seinen eingesunkenen Wangen waren Spuren von Thränen sichtbar. Die schönen blauen Augen hatte er gesenkt, wie um während des Gehens die farbigen Kiesel im Sande des Weges zu zählen; mit seinen weichen blonden Locken spielte der Abendwind.

»So namenlos schwer hätte ich es mir nicht vorgestellt,« flüsterten seine Lippen, und vor einem schmerzlichen Seufzer hob sich seine Brust, als hätte sie zerspringen wollen.

Er blieb stehen. Seine Blicke trafen auf ein frühzeitiges Waldblümchen, welches, nahe am Wege blühend, von einem unvorsichtigen Fuße dicht an der Wurzel geknickt worden war.

Liebevoll neigte er sich zu demselben nieder, und es aufrichtend, suchte er den Stengel mittelst etwas loser Erde zu stützen.

»Es wird nicht helfen,« sprach er traurig, »wo der Kreislauf der Lebenskraft in den edelsten Organen einmal gestört und unterbrochen wurde, da reichen zur Heilung die Kräfte Sterblicher nicht mehr aus.«

Indem er sich wieder erhob, begegneten seine Blicke durch eine Oeffnung im Buschwerk der scheidenden Sonne, die mit ihrem unteren Rande bereits eine ferne Baumgruppe berührte. Ihren Glanz hatten die nahe dem Erdboden lagernden Dunstschichten gemildert, so daß das Auge ungeblendet in die strahlenlose rothe Scheibe hineinzuschauen vermochte.

»Wie schön und erhaben,« sprach er halblaut; er faltete die Hände und andächtig beobachtete er die prächtige Naturscene. Seine Augen wurden wieder feucht. Das allmälige Versinken des belebenden Tagesgestirns mahnte ihn an sein eigenes Scheiden. O, wie schwer, wie unbeschreiblich schwer erschien ihm die Trennung von allem, was er liebte!

Die Sonne war untergegangen; in der Villa dagegen, da, wo Eberhard und Anna traulich bei einander saßen, war ein neuer Tag angebrochen; in den wonneberauschten Herzen lebte warmer, ewiger Sonnenschein. Süßer Frühlingsduft strömte durch die geöffneten Fenster; verspätete Vögel suchten mit unverkennbarer Hast zirpend und zwitschernd die gewohnte Ruhestätte auf. Nahe der äußersten Grenze des Hintergartens sang eine Spottdrossel ihr melancholisches Lied in den milden Abend hinaus. Wie Thränen und Perlen tropften die lieblichen Töne in Johannes' wunde Brust.

Sehnsüchtig sah er noch immer nach der Stelle hinüber, auf welcher die Sonne seinen Blicken entschwunden war.

»Wer so hinüberschlummern könnte,« sprach er wieder in Gedanken. Ihn fröstelte; um sich zu erwärmen, nahm er seinen Spaziergang wieder auf.

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