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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Vierundvierzigstes Capitel. Trost und Pflege.

Vier Wochen waren verstrichen, vier Wochen, welche in dem brudermörderischen Kampfe endlich zu Gunsten der Freiheit aller Racen entschieden hatten.

Auf des alten Braun Villa, sonst immer belebt durch heitere, dunkelfarbige Physiognomien, war eine trübe, gedrückte Stimmung eingekehrt. Ernst und geräuschlos bewegten sich Farbige und Weiße in den verschiedenen Gängen und Räumen einher, und wo sich zwei begegneten und mit einander sprachen, da geschah es mit vorsichtig gedämpften Stimmen, als hätte man befürchtet, durch Wände und Gemächer hindurch Jemand im Schlummer zu stören.

Zwei Kranke befanden sich unter dem gastlichen Dache, zwei Kranke, für deren Leben man noch immer die ernstesten Besorgnisse hegte.

Sans-Bois' Wunde heilte nur langsam; das von Mörderhand geführte Messer hatte die Armsehne verletzt, so daß es mehr als zweifelhaft, ob der alte Jäger jemals wieder seine gewohnte Lebensweise im fernen Westen würde aufnehmen können.

Schlimmer noch erging es Eberhard Braun, dem früheren Piratenofficier, welcher durch den in jener verhängnißvollen Nacht empfangenen Schlag eine so schwere Erschütterung erlitten hatte, daß es beinahe zwei Wochen dauerte, bevor der Ausspruch der Aerzte auf allmälige vollständige Genesung lautete.

Er sowohl, wie der alte Birk, wie er fortan genannt werden muß, erfreuten sich der ungebundensten Gastfreundschaft Brauns, und Beide nahmen die ihnen erwiesene Theilnahme dankbar und ohne jene Empfindungen hin, welche Ersteren einst veranlaßten, jede Beziehung zwischen sich und seinen nahen Verwandten als nicht bestehend zu betrachten. Er wußte sich im Hause des Bruders seines Vaters und fühlte sich heimisch in demselben, so weit sein Zustand ihm eben gestattete, Betrachtungen über seine Lage anzustellen. Sein Hochmuth war gebrochen; ohne Bitterkeit gedachte er der so vielfach erfahrenen herben Täuschungen, und mit tiefer Rührung nährte er die Hoffnung auf ein glückliches Wiedersehen mit seinen Eltern. –

Der ehemalige Pelzjäger hatte sich von seinen indianischen Freunden getrennt. Dieselben waren bereits, reich beschenkt, nach ihren heimathlichen Jagdgründen aufgebrochen. Der Abschied von den langjährigen treuen Genossen war ihm sehr schwer geworden; er vermißte die ihm von den rauhen Söhnen der Wildniß entgegengetragenen Beweise ihrer Anhänglichkeit, aber ohne sich deshalb vereinsamt zu fühlen.

Andere Augen bewachten seinen Schlaf, andere Hände glätteten jetzt seine Kissen, und dies geschah mit einer so rührenden Sorgfalt, daß vielfach, wenn er sich allein und unbeachtet glaubte, Thränen seine Blicke verschleierten und seine Brust sich vor einem unendlichen Gefühl inniger Dankbarkeit gegen ein vergebendes und versöhnendes Geschick erweiterte.

Er ruhte auf einem großen Polsterstuhl, von allen Seiten gestützt und gehalten durch Pfühle und zusammengerollte Decken. Bleich und hager war sein Antlitz, die Bewegung seiner Arme schwerfällig und unstet; aus seinen Augen aber strahlte eine freudige Hoffnung, ein gewisser heiterer Stolz, wenn er die Blicke auf diejenigen richtete, die unablässig mit sichtbarer Liebe seinen Zustand zu erleichtern suchten. –

Es war um die Mittagszeit; zu Magnolia, die seit seinem Eintreffen auf der Villa kaum von seiner Seite gewichen, hatte sich deren Geliebter gesellt. Er begrüßte sie mit einer Zärtlichkeit, welche bekundete, daß die so lange heimlich gehegten und genährten Hoffnungen und Wünsche von allen Seiten gebilligt wurden.

»Wie ein Traum erscheint es mir fast, daß ich mich hier im Kreise der Meinigen befinde,« bemerkte der ehemalige Pelzjäger, die beiden jungen Leute mit unbeschreiblichem Wohlwollen betrachtend, »Carl von Birk, mein einziger Sohn, wie seltsam, wie wunderbar das Geschick uns zusammenführte; und nun gar die Auskunft über Deine Mutter. Kannst Du Dir ihr Bild wohl noch vergegenwärtigen?«

»Meine Erinnerungen reichen nur bis dahin zurück, daß ich bei deutschen Farmersleuten in Ohio lebte, dieselben als meine Eltern betrachtete und von ihnen erzogen und zur Schule geschickt wurde. Sie starben vor zehn Jahren wenige Monate nach einander. Als Vermächtniß theilte mir mein Pflegevater mit, daß ich ihm bei seiner Abreise von Europa nebst einer kleinen Geldsumme übergeben worden sei, daß ich Carl von Birk heiße und auf dem ganzen Erdenrund keine Verwandten mehr besitze. Er hatte vier eigene Kinder, die älter waren, als ich, und mit denen ich mich in eine mäßige Hinterlassenschaft theilen sollte. Auf Letzteres verzichtete ich; dagegen führte ich den Namen meiner Pflegeeltern weiter, – bis ich endlich –«

»Vergiß das Böse, welches Dir widerfuhr, um der glücklichen Wendung willen, welche Dein Geschick genommen hat,« fiel der alte Birk ernst ein, »vergiß die entsetzliche Gefahr, aus welcher Dich nur Dein Rechtlichkeitsgefühl erretten konnte, und vergiß denjenigen, der Dich als Mittel zu einem scheußlichen, nicht schwer zu errathenden Zwecke zu mißbrauchen gedachte. Vergieb und vergiß Alles um Deiner jetzigen Lage willen, wie auch Dir, allen Verhältnissen Rechnung tragend, aus der Vergangenheit kein Vorwurf erwächst.«

Liebevoll streiften seine Blicke Magnolia, als hätte er sie um ihre Meinung fragen wollen. Diese aber küßte erröthend seine Hand; es war die einzige Antwort, welche die schüchterne, sich lieblich entwickelnde Tochter des Südens zu ertheilen vermochte.

»Von Redsteel sind keine weiteren Nachrichten eingelaufen?« fragte der ehemalige Pelzjäger, sich wieder an seinen Sohn wendend.

»Keine Nachricht,« antwortete der junge Mann; »obgleich er unserm edelmüthigen Gastfreunde eine erhebliche Geldsumme veruntreute, dringt dieser doch ernstlich darauf, die Nachforschungen nach dem Entflohenen einzustellen. Er will ihn nicht wiedersehen, um seiner selbst willen – um unseretwillen.«

»Ueber Eure Abreise ist noch keine Bestimmung getroffen?«

»Wir erwarten vorher noch Nachricht von Europa, und dann –«

»Und dann meine Herstellung,« fuhr der alte Birk fort, als sein Sohn zögerte, und ein schmerzliches Lächeln glitt über sein verwittertes, bleiches Antlitz, »o, ich fürchte, die wird noch sehr lange auf sich warten lassen, doch gleichviel,« fügte er heiterer hinzu, »so hoch belaufen sich meine kleinen Ersparnisse, daß ich, ohne Noth zu leiden oder Anderen zur Last zu fallen, mein Leben beschließen kann. An Deine Mutter hast Du geschrieben?«

»Bereits zweimal. Ihre Antwort wird nicht ohne Einfluß auf die Wahl des Zeitpunktes unserer Abreise sein.«

Der alte Birk schaute ernst vor sich nieder.

»England wäre Euer nächstes Ziel?« fragte er nach einer längeren Pause tiefen Nachdenkens.

»Ich soll in Liverpool eine Agentur übernehmen, durch welche unsere Zukunft vollständig gesichert wird.«

Das Haupt des alten Jägers sank wieder auf seine Brust. Es war ersichtlich, die eben geführte Unterhaltung hatte ihn schmerzlich ergriffen. Wehmüthigen Betrachtungen hingegeben, schien er Alles um sich her vergessen zu haben, bis endlich ein Schlummer der Erschöpfung sich auf seine Augenlider senkte.

Magnolia bemerkte es, und mit leichter, zärtlicher Hand ordnete sie die das Haupt des Kranken stützenden Kopfkissen.

Carl von Birk, der ehemalige Feldsoldat, geläutert durch bittere Erfahrungen und unsägliche Leiden, sah auf die liebliche Scene nieder, als hätte er die Wirklichkeit derselben noch bezweifelt. Seine Besorgniß um Eberhard Braun half ihm, die Scheu besiegen, welche er empfand, mit denjenigen in näheren Verkehr zu treten, an welchen sich schwer vergangen zu haben, er noch immer glaubte. Was durch ein schreckliches Ereigniß eingeleitet worden war, das vollendete schnell die Zeit, welche er, wenn Geschäfte ihn nicht fesselten, auf der Villa zubrachte, seine Aufmerksamkeit theilend zwischen dem alten Braun, seinem Vater und Eberhard, für welchen er immer rückhaltloser die aufrichtigste und uneigennützigste Freundschaft an den Tag legte. Der alte Braun aber war nicht fähig, dem jungen gewissenhaften Buchhalter, Carl von Birk, auch nur den kleinsten Theil der freundlichen Zuneigung zu entziehen, welche er einst dem vermeintlichen Neffen zuwendete.

Eberhard hatte, nachdem er nach der Villa gebracht worden war, das Bett nicht verlassen. Eine fast unbesiegbare Schlafsucht ließ ihn das Enteilen der Zeit kaum merken. Wenn er sich aber eines vollkommen klaren Bewußtseins erfreute, dann trafen seine Blicke stets in die guten, milden Augen Johannes', der seine Stelle neben dem Krankenbett nur aufgab, um sie dem alten Braun, Carl von Birk, der lieblichen Anna oder endlich dem Arzte zeitweise einzuräumen. Den größten Theil des Tages hindurch leistete ihm außerdem die geliebte Jugendgefährtin Gesellschaft, mit ihm flüsternd und besprechend die wunderbaren Begebenheiten, welche mit fast sinnverwirrender Gewalt auf sie eingestürmt waren. Die Zeit, die verronnen, seit sie den heimathlichen Boden verließen, erschien ihnen so lang, so unendlich lang, und auch wieder so kurz, wenn sie nach der Treue und Lebhaftigkeit rechneten, mit welcher die trauten Gestalten jenseits des Oceans ihnen vor die Seele traten.

Anna's Blicke ruhten, während ihre süße Stimme gleichsam zu einem Hauch herabsank, fast unausgesetzt auf dem bleichen Antlitz Eberhards. Dasselbe verlor nur dann den beängstigenden Charakter der Regungslosigkeit, wenn wirre Phantasien ihn quälten oder die Stunden klaren Bewußtseins und ruhiger Ueberlegung sich näherten und anmeldeten. Ihr Herz klopfte dann bange, und ihre heißen Gebete stiegen zum Himmel für denjenigen empor, von welchem sie in ihrer kindlichen Unschuld glaubte, daß nur seine nahe Beziehung zu den geliebten Kärrnersleuten die wachsende Theilnahme erzeugt habe, welche sie für ihn empfand.

Wie sie aber auf Eberhard schaute, so las Johannes in ihrer Seele, wie in einem offen vor ihm daliegenden Buche, in welchem ihre Worte und Blicke, ihre bald ängstlichen, bald hoffnungsvollen Bewegungen ihm nicht zu mißdeutende Erklärungen und Erläuterungen boten. Zitterte Anna für das Leben des Sohnes der Frau Kathrin und des biederen Kärrners, so bebte Johannes, indem er sich die Folgen vergegenwärtigte, welche durch das Hinscheiden Eberhards bewirkt werden könnten. An sich selbst dachte er dabei nicht, eben so wenig an die unglücklichen Eltern oder an den gütigen, menschenfreundlichen Besitzer der Villa; nur eine liebliche, frühzeitig geknickte und gebleichte Rose sah er im Geiste vor sich, eine Rose, schimmernd im Thau der Thränen, die erst mit ihrem gänzlichen Dahinwelken versiegten.

Der gute, treue Johannes; ein unsäglicher Schmerz schnürte bei solchen Betrachtungen seine arme wunde Brust zusammen, so daß die darauf folgende qualvolle Mahnung an seine körperlichen Leiden ihm gewissermaßen als Linderung erschien. Seine Wangen wurden bleich, so bleich, daß sie sich in der Farbe kaum noch von denen Eberhards unterschieden, während aus seinen Augen eine Liebe strahlte, die man als nicht von dieser Welt hätte bezeichnen mögen. Zugleich ruhte Ergebung und Opferwilligkeit auf seinen stillen Zügen, daß Anna, obwohl sie diesen Ausdruck nicht zu deuten verstand, nicht auf dieselben blicken konnte, ohne von einer unbeschreiblichen Rührung ergriffen zu werden.

»Du glaubst wirklich, daß er gänzlich hergestellt werden wird?« fragte Anna ängstlich flüsternd, indem sie, sich ganz nahe zu Johannes hinneigend, auf das bleiche Antlitz des Kranken wies, »o, ich bitte Dich, sage mir die ungeschminkte Wahrheit; bedenke, ich schreibe heute wieder an seine Eltern, und ich möchte ihnen so gern recht viel Beruhigendes mittheilen.«

»Von Tag zu Tag gewinne ich immer mehr die Ueberzeugung, daß er wieder gesund und kräftig unter uns wandelt,« antwortete Johannes, wie ein älterer Bruder seiner Lieblingsschwester, »auch die Aerzte äußern sich dahin,« fügte er erläuternd hinzu, als er in der tiefsten Tiefe der schönen blauen Augen noch bange Zweifel zu entdecken glaubte.

»Du guter Johannes, wie danke ich Dir,« versetzte Anna, und von ihren Gefühlen überwältigt, zog sie seine Hand an ihre Lippen.

Johannes duldete es, schwer, wie es ihm auch wurde, als hätte sich nichts Ungewöhnliches zugetragen; aber seine eben noch so bleichen Wangen glühten verrätherisch, während ein leises Zittern seine Gestalt durchlief. Zu genau verstand und begriff er, was die geliebte Freundin so leicht erregbar machte.

Beide betrachteten wieder schweigend den Kranken, seine regelmäßigen Athemzüge gleichsam zählend.

»Wenn er erst wieder – ich meine, wenn seine Heilung ganz unzweifelhaft geworden ist, möchte es ihn doch wohl stören, wollte ich Dir auch dann noch Gesellschaft leisten,« bemerkte Anna nachdenklich, und über ihr süßes Antlitz breitete sich ein liebliches Roth aus.

Johannes lächelte.

»Zu viel Aufregung möchte in den ersten Tagen nachtheilig auf ihn einwirken,« erwiderte er freundlich, »wogegen später Deine Gegenwart dazu beiträgt, ihm seinen Lebensmuth schneller zurückzugeben.«

»Meinst Du im Ernst?« fragte Anna so offen, und dabei so freudig überrascht, daß es Johannes wiederum ein schwermüthiges Lächeln entlockte.

»Mein vollster Ernst, und Deine Gesellschaft und Pflege müssen dann wohl das meiste thun, indem ich nur darauf warte, unsern lieben Brauns die verbürgte Nachricht von dem Wohlbefinden ihres Sohnes persönlich überbringen zu können.«

»Johannes, geh' nicht von mir,« bat Anna flüsternd, und hastig ergriff sie, des geliebten Freundes beide Hände, »nein, geh' nicht fort, denn mir ist so bange um's Herz, daß ich nicht weiß, wohin ich mich wenden soll. Von allen Seiten begegnet man mir mit unbegrenzter Liebe und Theilnahme, und dennoch zieht es zuweilen durch meine Seele, wie eine Ahnung großer, mein ganzes Leben schwer beeinflussender Ereignisse. Ich kann Dir meine Stimmung nicht erklären, ich fürchte mich gerade nicht, allein mir ist oft, als hätte ich unbewußt einen Fehler begangen; eine unnennbare Scheu bemächtigt sich meiner, so daß ich heimlich meine bitteren Thränen weine. Es ist vielleicht ein thörichtes Verlangen, aber ich bitte Dich inständig, Johannes, bleibe bei mir.«

»Leichter, als Du jetzt glaubst, wirst Du Dich auch dann an Alles gewöhnen, wenn ich Dir ferne weile, mein liebes Kind,« tröstete Johannes mit wunderbar bewegter Stimme, »wer so viel aufrichtige Liebe findet, wie Du,« hier streiften seine Blicke leicht das stille Gesicht Eberhard's – »der muß sich überall heimisch und zufrieden fühlen. Ja, meine Tage auf diesem Continente sind gezählt; Du weißt, ich habe dem Professor mein Versprechen zu erfüllen – die Kiste mit dem geheimnißvollen Schatz hat sich ja, Dank den endlosen Bemühungen Kapitän Irons, angefunden – außerdem kann meine arme Mutter auch an jedem Tage zur ewigen Ruhe eingehen, und wer sollte wohl der theuren Dulderin die letzten Tage versüßen, ihr die treuen Augen zudrücken, wäre ich nicht da?«

Anna neigte ihr Antlitz; helle Thränen rollten über ihre Wangen. Auch Johannes hatte sich seinen trüben Betrachtungen wieder hingegeben; da mahnte Anna ihn leise an die Gegenwart:

»Du bleibst also, bis Eberhard vollkommen hergestellt ist und wir uns überhaupt an den wunderbaren Wechsel der Verhältnisse gewöhnt haben?«

»Ich bleibe so lange, bis Eberhard mir Gelegenheit gegen hat, seinen Eltern die günstigsten Berichte über ihn zu erstatten; ich bleibe so lange, bis ich mich überzeugt, daß Du die Aufträge gewissenhaft erfülltest, welche Frau Kathrin einst, wie im Vorgefühl kommenden Glückes, Dir ertheilte. Ich muß ihnen schildern können, wie ihr Sohn die durch Dich im übermittelten Bitten seiner Mutter aufnahm, und endlich auch, daß Du etwas von der warmen Zuneigung, welche Du für seine Eltern hegst, auf ihn übertrugst und er nicht minder in dir den Liebling seiner Eltern erkennt und verehrt.«

Holdselig erröthend betrachtete Anna das ruhige Antlitz Eberhards, welches sich, trotz der krankhaft bleichen Farbe, einen gewissen Ausdruck selbstbewußter, stolzer Männlichkeit bewahrt hatte. Was sie dachte, sie wußte sich keine Rechenschaft darüber abzulegen; Johannes aber, indem er sie mit wehmüthiger Freude beobachtete und ihre Gefühle mit seinen eigenen verglich, errieth ihre Empfindungen.

Als ob Anna's Blicke durch die geschlossenen Augenlider hindurchgedrungen wären, begann Eberhard sich zu regen.

Anna erhob sich.

»Er wird gleich erwachen,« flüsterte sie geheimnißvoll, »sage ihm meine herzlichsten Grüße, aber verschweige, daß ich – Du begreifst – daß ich dir Gesellschaft leistete.«

Johannes nickte zustimmend. Unhörbar schwebte sie auf den Fußspitzen durch das Zimmer, vorsichtig zog sie, nachdem sie hinausgetreten war, die Thüre hinter sich zu. Jener aber sah fortgesetzt nach der Richtung hinüber, in welcher die geliebte Gespielin früherer Jahre seinen Augen entschwunden war; seine Wangen waren wieder bleich; im Geiste folgte er ihr nach durch die verschiedenen Gänge der Villa; er folgte ihr nach auf Schritt und Tritt, keinen Blick vermochte er von ihr zu wenden.

Ein leichtes Geräusch unterbrach seinen Ideengang. Er wendete sich um und sah in die Augen Eberhards, der ihn, wie sich auf etwas besinnend, groß und befremdend betrachtete. Gleichzeitig reichte derselbe ihm aber auch die Hand.

»Ich kenne kaum noch etwas anderes, als meinen traurigen Zustand und Ihr freundliches Gesicht,« hob er mit einer Stimme an, die sich während seiner Krankheit nur wenig verändert hatte, »wie soll ich Ihnen für so viel Theilnahme danken, für die treue Pflege, welche Sie mir Tag und Nacht angedeihen lassen?«

»Bindet mich der von mir erwählte Beruf nicht an die Schmerzenslager hülfsbedürftiger Mitmenschen?« fragte Johannes freundlich zurück. »Uebrigens ist es ein seltsamer Zufall, daß Sie gerade immer mich hier sehen, indem oft genug Ihr Herr Onkel und die andern Bewohner des Hauses auf dieser Stelle sitzen. Alle, Alle sind von derselben Besorgniß und Theilnahme für Sie beseelt.«

Ueber Eberhards Züge glitt es wie eine Wolke. Es schwebte ihm offenbar eine Frage auf den Lippen, er drängte sie indessen zurück.

»Also dennoch mein Onkel,« sprach er endlich wie unbewußt.

»Dieser Gedanke, hat er nicht etwas Tröstliches, Ermuthigendes für Sie?« fragte Johannes mit einem leisen Vorwurf im Tone seiner Stimme.

»O, Sie ahnen nicht, was es bedeutet, als mittelloser, hülfsbedürftiger Verwandter vor Jemand hinzutreten,« erwiderte Eberhard träumerisch, »selbst das Bild der Eltern erhält einen drohenden Ausdruck, wenn man für die Schilderung ihres leichtsinnig heraufbeschworenen Kummers nur das Geständniß trauriger Erfahrungen und getäuschter, überspannter Hoffnungen wiederzugeben vermag.«

»Manches könnte ich Ihnen darauf entgegnen,« versetzte Johannes aufmunternd, »Manches, wodurch Ihre Zweifel gehoben, Ihr Herz bis zum Ueberströmen erwärmt und belebt würde, allein ich überlasse dies einem beredteren Munde, der eindringlicher, als ich zu Ihnen zu sprechen weiß, die letzte Spur einer – verzeihen Sie mir das harte Wort – einer falschen Scham aus Ihrem Gemüth entfernen wird.«

Die brennende Röthe, welche flüchtig Eberhards bleiches Gesicht überzog, bekundete, daß er sich die tröstlichen Worte, welche er einst, vom Zufall begünstigt, heimlich, aber blutenden Herzens von Anna's Lippen vernahm, in's Gedächtniß zurückrief.

»Wer verließ das Zimmer, als ich eben erwachte?« fragte er plötzlich, Johannes fest anschauend.

Dieser zögerte mit der Antwort; er wußte nicht, ob er die Wahrheit eingestehen, oder sein gegebenes Versprechen halten sollte.

»War es Anna Werth?« fragte Eberhard weiter, die Gesichtszüge seines freundlichen Pflegers aufmerksam beobachtend.

Johannes konnte nicht anders, er mußte zustimmend antworten, allein es geschah mit einer gewissen Verlegenheit.

»Ja, sie war es, sie befand sich hier, um sich nach Ihrem Ergehen zu erkundigen,« sagte er leise, indem er versuchte, das Kissen zu ordnen, welches sich unter Eberhards Kopf verschoben hatte.

Dieser schloß die Augen, und schärfer trat der leidende Zug hervor, der sich während seiner Krankheit allmälig auf seinem Antlitz ausgeprägt hatte.

Mehrere Minuten verstrichen in tiefem Schweigen. Die beiden jungen Leute schienen sich ihren Träumereien gänzlich hingegeben zu haben.

Plötzlich blickte Eberhard, wie vor seinen eigenen Gedanken erschreckend, mit einer kurzen, heftigen Bewegung empor.

»Sie müssen sehr glücklich sein,« sprach er, und seine Stimme hallte wie eine Klage, indem er Johannes die bebende Hand reichte.

Auf Johannes' Antlitz zuckte es, wie das Aufflackern eines unsäglichen Schmerzes, um gleich darauf in ein schwermüthiges Lächeln überzugehen.

»Ihre Voraussetzung bezieht sich auf mein Verhältniß zu Anna?« fragte er gedämpft.

Eberhard bejahte durch ein Zeichen seines Hauptes. Die Sprache schien ihm zu fehlen, seine Frage laut zu bekräftigen.

»Nach dieser Richtung hin bin ich freilich sehr glücklich,« fuhr Johannes alsbald wieder fort, und er sah vor sich nieder, als sei es ihm schwer geworden, den ängstlich spähenden Blicken Eberhards zu begegnen, »und überraschen kann unser Verhältniß gewiß Niemand, denn wir sind neben einander aufgewachsen, haben uns gemeinschaftlich allen kindlichen Spielen hingegeben, ohne daß sich in unserm täglichen Verkehr jemals die Verschiedenheit der Jahre bemerklich gemacht hätte. Sie besaß keine Geschwister, und ich war der einzige Sohn meiner Eltern; wir wurden uns daher gegenseitig Alles, und unter wirklichen Geschwistern kann keine innigere, aufrichtigere Liebe gedacht werden, als zwischen uns ohne jeden fremden, von Außen wirkenden Einfluß keimte. Ja, wir lieben uns einander herzlich, und unerschütterlich ist das zwischen uns bestehende Vertrauen. Wie es mich aber beglückt, wenn meine theure, heißgeliebte Schwester sich an mich anschmiegt, als ob ich ihr leiblicher Bruder wäre, wenn sie mich mit meiner schwankenden Gesundheit so getreulich pflegt und dabei ohne Rückhalt oder Scheu mir gestattet, in ihrem Herzen zu lesen, so ist es ihr, der elternlosen Waise, wieder zur andern Natur geworden, mich als ihren ältern Bruder zu betrachten, an welchen in allen Lagen des Lebens sich vertrauensvoll wenden zu können, ihr zur größten Beruhigung gereicht. Dies ist also das zwischen uns bestehende Verhältniß, und wenn Ihre Bemerkung sich darauf beziehen sollte, Herr Eberhard – ja, dann kann ich nur bestätigen: ich bin sehr, sehr glücklich.«

Während des ersten Theils von Johannes' Erklärung hatte Eberhard mit starrer Spannung zu ihm aufgesehen; dann senkte er seine Blicke. Mit verborgenem Entzücken lauschte er seinen Worten; auf denjenigen, welcher dieselben sprach, achtete er dagegen nicht; er bemerkte daher nicht, daß es ihn fast übermenschliche Anstrengungen kostete, seiner Stimme einen ruhigen, festen Klang zu verleihen, noch weniger, daß seine Augen in gleichsam ersterbendem Glänze glühten.

»Wie muß Fräulein Werth die scheinbare Gleichgültigkeit verachten, mit welcher ich duldete, daß ein Anderer Meinen Namen führte und sogar meine armen Eltern getäuscht wurden?« fragte Eberhard nach einer längeren Pause ernsten Nachdenkens.

»Sie kennt die Wahrheit in ihrem ganzen Umfange,« antwortete Johannes frei, »sie theilt mit Ihnen und mir die Ueberzeugung, daß der junge Birk nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt – doch sie selbst haben ja das größte Vertrauen an seine Rechtlichkeit bewiesen, indem Sie, ohne Einsprache gegen sein Verfahren zu erheben, sich westlich zu wenden gedachten.«

»Aber mein eigenes Verfahren, die namenlose Rücksichtslosigkeit gegen meine Eltern, wie urtheilt sie darüber?«

»Jung, wie meine treue Schwester Anna noch ist, besitzt sie doch ein hohes Verständniß für die Gefühle Anderer,« versetzte Johannes auf die mit ängstlicher Hast gerichtete Frage; »Anstatt Sie zu tadeln, weiht Sie Ihnen das unbedingteste Vertrauen; sie trägt eben Rechnung Ihren Eigenthümlichkeiten, welche sie bereits aus dem Munde Ihrer zärtlich besorgten Mutter kennen gelernt hatte, und deren Schilderungen, wie sie mir selbst betheuerte, dem Wesen des jungen Birk so genau entsprachen; wie wäre sonst auch wohl eine Täuschung möglich gewesen? Sie aber hatte zuerst ihre Stimme dagegen erhoben, Ihre Eltern über die an ihnen begangene Täuschung aufzuklären, und sich erboten, in ihren Briefen an die guten, alten Leute, als ob gar keine Verwechselung der Personen stattgefunden hätte, stillschweigend über die jüngsten Ereignisse hinwegzugehen.«

»Ich werde sie recht lange nicht sehen und sprechen?« fragte Eberhard träumerisch.

»Ihr eigenes Befinden entscheidet allein darüber,« antwortete Johannes beruhigend, »so viel glaube ich indessen Ihnen anvertrauen zu dürfen, daß meine junge Schwester aufrichtig die Gelegenheit herbeisehnt, Ihnen das mitzutheilen, was Frau Kathrin ihr mit der nie ersterbenden Hoffnung einer trauernden Mutter aufgetragen hat.«

Die letzten Worte vernahm Eberhard noch dumpf, die eben geführte Unterredung hatte erschöpfend auf ihn eingewirkt. Umgaukelt von den lieblichsten Visionen war er eingeschlafen; es schien, als hätte er sich im Traume an alle die theuern Gestalten und berauschenden Bilder gewöhnen müssen, um die Kraft zu gewinnen, sich wachend seinen Betrachtungen über dieselben hingeben, seinen geistigen und später auch persönlichen Verkehr mit ihnen ertragen zu können.

Erfüllt von tiefer Wehmuth blickte Johannes zu ihm nieder. Er hatte sich erhoben; wie zum Tode ermattet und als ob die Zukunft sich vor ihm als ein unübersteiglicher Berg aufthürme, stützte er sich auf die Lehne des Stuhls.

Die langen, ruhigen Athemzüge des seiner Heilung entgegen Schlummernden erweckten ihm traurige, unendlich traurige Gedanken. Leise und heimlich fragte eine Stimme in seinem Herzen, warum er selbst nicht ebenso frei athmen dürfe, er, in dessen Brust eine nicht minder heiße Liebe glühte, als in der vor ihm liegenden Gestalt des jungen Abenteurers. Doch wohin sich seine Betrachtungen verirrten, weder Neid noch zorniges Hadern mit der Vorsehung schlich sich in dieselben ein. Um so verständlicher leuchtete dagegen aus seinen schönen, schwermüthigen Augen, neben einem rührenden Wohlwollen, eine unbeugsame, fromme Willenskraft, welche sich sein ganzes übriges Ich unterthan machte.

Wie so häufig, wenn er sich selbst gewissermaßen Trost spenden wollte, welchen er von andern Menschen nicht erwarten konnte, kleidete er auch jetzt seine Gedanken in leise gelispelte Worte.

»Er ahnt nicht, was ich empfand, als ich ihm meine brüderliche Liebe schilderte,« sprach er schmerzlich bewegt, »er ahnt es ebensowenig, wie sie, wenn sie schmeichelnd ihre Hand in die meinige legt. O, sie müssen sehr, sehr glücklich werden, sie, deren Herzen für einander geschaffen sind.«

»Das Geschick scheint sie auserkoren zu haben –«

Ein trockener Husten hinderte ihn, den angefangenen Satz zu beendigen.

»Man möchte behaupten, daß einzelne Menschen nur geboren werden, um zu leiden und zu dulden,« bemerkte er nach einer Weile sinnend.

Einen theilnehmenden Blick warf er noch auf den ruhig schlummernden Eberhard, dann trat er geräuschlos an's nächste Fenster.

Heiterer Sonnenschein erfüllte die Lüfte; lächelnd sah der lieblich blaue Himmel auf die vom Winterschlaf erwachte und sich mächtig regende Natur nieder. Lichtgrün schimmerte der Rasen; die schwellenden Knospen und hervorlugenden zarten Blättchen an Baum und Strauch erzählten von zu erwartender, wohlthuender Augenweide und ersehntem kühlen Schatten. Vögel mannigfacher Art umspielten die Villa, in der so viel bewußtes und unbewußtes Liebesglück, aber auch so unendlich viel, mit himmlischer Ergebung getragenes Herzeleid wohnte.

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