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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Dreiundvierzigstes Capitel. Am Rande des Grabes.

Als Eberhards Blicke auf die langausgestreckten Gestalten des von Blut überströmten grauhaarigen Pelzjägers und des jungen schönen Mannes fielen, in dessen Aeußerem keine Verletzung sichtbar, und da Beide, von der rothen, unsteten Beleuchtung getroffen, sich geisterhaft zu regen schienen, erhielt nur noch der Gedanke an eine mögliche Rettung der Verunglückten ihn aufrecht.

»Leute, ein furchtbares Verbrechen ist hier verübt worden,« wendete er sich voller Verzweiflung an die Arbeiter, die, obwohl zum Theil erhärtet in grausigen Kriegsscenen, mit stummem Entsetzen auf die beiden stillen Gestalten niederschauten, »jeden Dienst, welchen Ihr diesen Unglücklichen – und erwachten sie nie wieder zum Leben – erweiset, wird mit Gold aufgewogen werden! Schafft schleunigst Aerzte herbei, wo und wie Ihr sie findet! Aber eilt, ich beschwöre Euch, eilt, denn Unermeßliches steht auf dem Spiele. Und nun in die Kajüte mit diesen hier!« fuhr er fort, sobald er bemerkte, daß zwei Arbeiter sich auf den Weg zu den Aerzten begaben, und zugleich bückte er sich zu dem ihm zunächst liegenden Pelzjäger nieder, ihn unterhalb der Arme fassend und sanft aufrichtend.

Gefällige Hände legten sich alsbald von allen Seiten an die beiden nassen, von dem erstarrenden Nachtwinde getroffenen, regungslosen Körper. Sorglich hoben sie dieselben empor, und so eilig, wie es die Umstände nur immer gestatteten, stiegen sie die zur Kajüte führende Treppe hinauf, wo vor den kräftigen Schultern zweier Leute die verschlossene Thüre bereits aus ihren Angeln gewichen war und die weiten Räume des vereinsamten Dampfers zur freien Benutzung vor ihnen lagen.

Sie gelangten zunächst in das verödete Schänkgemach. Ein eiserner Ofen stand in demselben. »Nicht weiter!« rief Eberhard, sobald er des Ofens ansichtig wurde, »nur Feuer und anderes Licht, als das schwelende Harz, so schnell es herbeigeschafft werden kann, und Decken aus den Cojen! Nehmt's wo Ihr's findet, ich hafte für Alles mit meinem Leben!«

Die rauhen Arbeiter, zum Theil der farbigen Race angehörend, flogen förmlich vor den ihnen mit beängstigender Dringlichkeit ertheilten Aufträgen. Es schien fast, als seien ihre sonst nicht zu empfänglichen Herzen tief ergriffen worden durch den Anblick feige hingemordeter Jugendkraft und der im Kampfe mit den Beschwerden des fernen Westens ergrauten Erfahrung. Wie durch Zauber röthete sich der kleine eiserne Ofen unter der in seinem Innern sich blähenden Kohlengluth; wie durch Zauber entstanden durch Uebereinanderschichten von Matratzen und Decken bequeme und angemessene Lager, während Eberhard selbst und seine indianischen Gefährten die Verunglückten der nassen Kleider entledigten, ihre Glieder rieben und dadurch einer gänzlichen Erstarrung vorzubeugen suchten.

Eberhard, welcher die letzten Jahre fast beständig auf blutgetränkten Schlachtfeldern zugebracht hatte, erkannte leicht, daß der Tod, wenn er wirklich schon eingetreten war, nicht ausschließlich eine Folge der äußeren Verletzungen gewesen. Denn wie bei Arthur der nach der rechten Seite seines Hauptes gefühlte Schlag durch den Rand seines Filzhutes geschwächt wurde, so war bei Sans-Bois das Messer an den Rippen abgeprallt, jedoch eine klaffende Schnittwunde von der Schulter bis zur Hüfte hinab zurücklassend. Da Beide aber, bei der rasenden Schnelligkeit aller aufeinander folgenden Bewegungen, sich nur ganz kurze Zeit unter dem Wasser befunden hatten, so glaubte er sich der Hoffnung auf ihre Rettung hingeben zu dürfen.

Als der erste Arzt eintrat, hatte man Arthur wie Sans-Bois bereits in erwärmte Decken eingehüllte. Lebenszeichen hatte noch Keiner von sich gegeben; still und bleich lagen sie da; still und bleich beobachtete Eberhard den Gesichtsausdruck des Arztes als dieser, bevor er seine Wiederbelebungsversuche begann, jene einer sorgfältigen Prüfung unterwarf.

»Ein Glück,« bemerke der Arzt endlich mit einer gewissen Entschiedenheit, »daß Ihr Gelegenheit fandet, sie so schnell zu erwärmen; eine Viertelstunde länger in der Kälte, und es war zu spät; jetzt aber hoffe ich, sie zu retten.«

Nach dieser Erklärung traf er mit großem Eifer die entsprechenden Maßregeln, wobei ein zweiter unterdeß eingetroffener Arzt und zwei Arbeiter ihn unterstützten. Die übrigen Arbeiter waren zu ihrer Beschäftigung zurückgekehrt; die Indianer trockneten mit großer Gemüthsruhe ihr nassen Kleidungsstücke, und Eberhard endlich, nachdem die Aerzte betheuert hatten daß ihre Bemühungen von Erfolg gekrönt werden würden, schien plötzlich seine letzten Kräfte zu verlieren. Nur noch mit Mühe hielt er sich aufrecht, kaum daß er die Ueberlegung besaß, ein Packetchen Papiere aus seiner Brusttasche zu ziehen, dieselben einzeln zu entfalten und zum Trocknen vor sich auszubreiten.

Es war offenbar mehr, als gewöhnliche Theilnahme, was die beiden jungen Männer, obwohl sie erst vor wenigen Wochen zum ersten Mal zusammentrafen, zu einander hinzog. Eine geheimnißvolle, tief in das Leben Beider eingreifende Verkettung von Umständen und Verhältnissen lenkte sie in ihrem Thun und Lassen. Hatte Arthur aber schon seit dem Tage, an welchem er Eberhards Namen zum ersten Mal hörte, diesem eine ängstliche Aufmerksamkeit zugewendet, mit heimlicher Spannung und Besorgniß seine Handlungsweise beobachtet und gleichsam eifersüchtig überwacht, so war Eberhards Theilnahme für den früheren Rebellenofficier erst seit einigen Stunden, dafür aber in um so höherem Grade lebendig geworden, so daß er vor keinem Opfer, und hätte man sein Leben von ihm gefordert, zurückgeschreckt wäre, um demjenigen auch nur den kleinsten Dienst zu leisten, der jetzt bleich und bewußtlos auf der Grenze des Todes vor ihm lag. Solche Empfindungen, vereinigt mit einer unnennbaren Angst vor den möglichen Folgen des auf Arthur ausgeführten Mordversuchs, erfüllten Eberhards Seele, als er, noch immer in seinen nassen Kleidern auf einer Bank liegend, der nächsten Zukunft gedachte und die jüngsten Ereignisse vor seinem Geiste vorüberzogen. –

Er hatte wirklich den Plan gehegt, der unerträglichen Tyrannei zu entfliehen, welche Redsteel, ein verbrecherisches Ziel verfolgend, auf ihn ausübte. Durch Redsteels Versicherung, ihm binnen vierundzwanzig Stunden seinen Taufschein und alle auf seine frühste Vergangenheit bezüglichen Papiere vorzulegen, war noch eine andere unbestimmte Besorgniß in ihm wach gerufen worden. Er beschloß daher, seinem Peiniger einen letzten Besuch abzustatten, sich noch einmal von dessen Unerbittlichkeit zu überzeugen, bevor er über die ferner einzuschlagenden Schritte vertrauensvoll mit Magnolia berieth und dann wirklich die Flucht antrat.

Es war schon spät, als er bei Redsteel eintraf und zu seiner nicht geringen Ueberraschung dieselben beiden Männer vorfand, welche sich am vorhergehenden Abende gleich nach seinem Eintritt entfernten. Auch heute empfahlen sie sich, als ob sein Erscheinen das Signal zu ihrem Aufbruch gewesen wäre; da er indessen von erhöhtem Mißtrauen erfüllt war, achtete er heute noch genauer auf das, was wiederum vor der offenen Thüre zwischen Redsteel und den Scheidenden verhandelt wurde.

»Ich darf also fest darauf bauen?« fragte Redsteel vernehmlich und so heiter, als hätten die unschuldigsten und gesetzmäßigsten Absichten ihn beseelt.

»Sicher und fest,« antwortete der eine der beiden käuflichen Verbrecher.

»Eine günstigere Gelegenheit hätte nicht gewünscht werden können,« fügte der andere spöttisch hinzu, »ein Dampfer heizt zur Reise nach New-Orleans, und seine Papiere sind ihm auf alle Fälle wichtig genug, einen Spaziergang an Bord zu unternehmen.«

»Ich verstehe Euch nicht,« erwiderte Redsteel, dem Eberhards Nähe gefährlich erschien.

»Er versteht uns nicht,« lachte der eine Gauner halb zu seinem Genossen gekehrt, »verdammt! 's ist im Grunde nichts daran gelegen, wenn wir uns später –«

Geräuschvoll stiegen die unheimlichen Männer, welche, wie so viele Tausende ihrer Art, unmittelbar aus dem härtesten Fluche des Bürgerkrieges hervorgegangen waren, die Treppe hinunter. Redsteel dagegen trat schnell in sein Bureau zurück und wendete sich mit seinem harmlosesten und verbindlichsten Wesen sogleich Eberhard zu.

»Und nun zu Ihnen, mein lieber Herr Braun,« hob er an, indem er einen Stuhl für diesen neben den seinigen vor den Schreibtisch zog und sich dann niedersetzte; »Ihr Erscheinen gereicht mir zur wahren Freude,« fuhr er fort, seine Hand auf ein Packet Papiere legend, die geöffnet und geordnet auf dem Tische übereinander geschichtet worden waren, »ja, zur großen Freude, indem dasselbe mir beweist, daß Sie unter Aufgabe Ihrer abenteuerlichen Ideen Rath für sich und die liebliche Magnolia da suchen, wo Sie ihn von Rechtswegen suchen sollten, ich meine, bei Ihrem Herrn Onkel. O, wie wird der gute alte Herr beglückt sein, das süße Geheimniß von Ihren Lippen zu vernehmen, denn – unter uns gesagt – er hält unendlich viel auf Magnolia. Ich bin überzeugt, er wird sogar ein verkürztes Verfahren einschlagen, Ihre baldige Verheirathung bewirken und Sie dann auf einige Zeit in's Ausland schicken, wo Sie, Dank seiner Zärtlichkeit für Sie Beide und seiner unbegrenzten Freigebigkeit, ein wahrhaft paradiesisches Leben führen. O, diese liebliche Magnolia!«

Eberhards Antlitz glühte, sein Blut wallte stürmisch und nur unter Aufbietung seiner ungetheilten geistigen Kräfte gelang es ihm, seine äußere Ruhe zu bewahren, anstatt den gleißnerischen Geschäftsführer niederzuschlagen und mit den geheimnißvollen Papieren, den Beweisen seiner Verrätherei, davon zu gehen.

Redsteel bemerkte seine tiefe Erregung und triumphirte; er bezweifelte nicht, durch die Schilderung der verlockenden Zukunft ihn gänzlich für sich gewonnen zu haben, und sah daher mit Spannung einer Antwort entgegen.

»Sie zaubern Bilder vor mich hin,« versetzte Eberhard endlich zögernd, »die wohl geeignet sind, meine letzten Bedenken zu beseitigen. Ja, Sie täuschen sich nicht, ich bin gekommen, um eine endgültige Entscheidung zwischen uns herbeizuführen. Sie dagegen müssen begreifen, daß ich eine solche nicht treffen kann, bevor ich die Papiere geprüft habe, auf welche sich Ihre Pläne begründen. Händigen Sie mir also die erwähnten Documente ein, wogegen ich Ihnen verspreche, nach flüchtiger Einsicht in dieselben keinen Augenblick mit der Offenbarung meines letzten und unumstößlichen Entschlusses zurückzuhalten.«

»Sie sprechen wieder in Räthseln, mein lieber Herr Eberhard Braun,« entgegnete Redsteel sarkastisch lächelnd, »in Räthseln, aus welchen ich nur verstehe, daß Sie die Papiere zu besitzen wünschen. Ja, Sie sollen sie haben; allein jetzt gleich? Verzeihen Sie, mein lieber Herr Eberhard Braun, das ist unmöglich. Zeigen will ich sie Ihnen allerdings; da ich aber das herbeischaffte, was Sie durch eine – verzeihen Sie mir wiederum – durch eine unverantwortliche Fahrlässigkeit einbüßten, so müssen Sie mir schon das Vorrecht einräumen, alle Documente, welche dazu dienen, Ihre Person zu identificiren, wenigstens so lange in Händen zu behalten, bis Ihr Herr Onkel sein Testament vollzogen hat, zu welchem Zweck dieselben – ich bin offen – fast nothwendiger sind, als Ihre Person selbst.«

Eberhard erbleichte bei der Hinweisung auf das Testament; er faßte sich indessen schnell, und wie zweifelnd vor sich niederschauend, fragte er leise: »Herr Braun steht also wirklich im Begriff, ein Testament zu machen?«

»Zu vollziehen, lieber Her Eberhard, das heißt, es zu unterschreiben; denn fertig ist es schon, bis auf einige ziemlich unwichtige Punkte. Uebrigens kann ich Ihnen im Geheimen die Versicherung geben, daß der Neffe des Herrn Braun, der junge Herr Eberhard Braun, nicht am schlechtesten dabei fortgekommen ist. Alle Welt! Sie werden in Verhältnisse eintreten, wie Sie solche sich schwerlich jemals haben träumen lassen.«

»Und meine kurze Anwesenheit hat genügt, Herrn Braun zu überzeugen, daß ich – ich meine, daß ich seiner Güte nicht unwerth sei?«

»Allerdings hätte das allein genügt; seitdem aber ein wunderbarer Zufall mir Ihre verlorenen Papiere in die Hände spielte, ist das Verfahren erheblich erleichtert worden.«

»Sie bestehen darauf, daß ich meine Papiere verlor?«

»Ohne Zweifel. Wie anders sollten sie Ihnen abhanden gekommen sein? Die Sache ist übrigens sehr erklärlich: Nachdem Sie Ihren Namen verändert hatten und jede Beziehung zu Ihren Verwandten als abgebrochen betrachteten, legten Sie nur geringen Werth auf die Documente, und das Nächste war, daß Sie dieselben irgendwo liegen ließen und vergaßen.«

»Wenn Sie die Papiere für die meinigen erkennen, werden Sie mir dieselben gewiß nicht vorenthalten?«

»Wie ich mir bereits erlaubte, anzudeuten: Vorläufig ja. Wer würde mir dafür bürgen, daß Sie, besäßen Sie Ihr altes Eigenthum, nicht mit Ihrer liebreizenden Braut das Weite suchten?«

»Noch einmal rathe ich Ihnen, den Namen des jungen Mädchens, welches ich als meine Gattin heimzuführen gedenke, nicht in unsere Verhandlung hineinzuziehen,« versetzte Eberhard mit drohend erregter Stimme; »wollen Sie mir also die als mein Eigenthum anerkannten Gegenstände nicht aushändigen, so werden Sie mir wenigstens einen Einblick in dieselben gestatten, es sei denn, Sie kümmerten sich nicht darum, ob ich sie für echt oder für gefälscht hielte.«

»O, es bedarf dieser Drohung durchaus gar nicht,« entgegnete Redsteel lachend, »ich zeige Ihnen herzlich gern Alles, damit Sie nicht im Unklaren über das sind, was zu thun ich mich gezwungen sehen würde, sollten wir in unsern Ansichten nicht genau übereinstimmen und Sie mir muthwillig Schwierigkeiten verursachen. Hier ist zuerst der Taufschein mit dem Ortsstempel versehen und lautend auf den Namen Eberhard Braun, den Sohn des Kärrners Christian Braun und dessen Ehefrau Kathrin.«

»Wo haben Sie das her?« rief Eberhard entsetzt aus, als er gewahrte, daß die Echtheit des Scheins nicht angezweifelt werden konnte.

»Das ist wieder mein Geheimniß,« erwiderte Redsteel schmunzelnd und die bewegliche Nase ganz nach de rechten Wange hinaufschiebend, »doch fahren wir fort, denn es ist eine lange Reihe von Sachen, welche Sie mit fast pedantischer Pietät bis zu dem Zeitpunkt des Verlierens aufbewahrt haben.«

»Welche ich mit pedantischer Pietät aufbewahrte,« wiederholte Eberhard, wie im Träume, und die letzte Spur von Farbe wich aus seinem Gesicht.

Redsteel achtete nicht auf ihn, sondern fuhr, ein anderes Blatt entfaltend, in freundlichem Geschäftstone fort:

»Hier ist der Confirmationsschein des sechszehnjährigen Eberhard; Sie werden ihn wiedererkennen?

Eberhard blickte starr auf das bezeichnete Papier; er entgegnete kein Wort; das Erstaunen schien ihm die Sprache geraubt zu haben.

Redsteel ließ jetzt eine Anzahl theils beschriebener, theils bedruckter Blätter flüchtig eins nach dem andern vor des jungen Mannes Augen vorübergleiten.

»Eberhard Braun war ein sehr fleißiger und begabter Schüler, wie seine Zeugnisse beweisen,« sprach er dabei mit leichtem Spott. »Es kann Ihnen daher nicht verdacht werden, daß Sie auch diese als theure Andenken an Ihre Jugendzeit sorgfältig aufbewahrten.«

Er wollte die Zeugnisse wieder zur Seite legen, als Eberhard ihn daran hinderte. Derselbe hatte nämlich, indem die einzelnen Blätter zurückgebogen wurden, bemerkt, daß eins auch auf der Rückseite mit Notizen versehen war.

»Zeigen Sie her die Zeugnisse, damit ich mir in's Gedächtniß zurückrufe, welche Schulen ich eigentlich besuchte,« hob er an, die Hand nach den Papieren ausstreckend.

Redsteel zögerte einen Augenblick; dann reichte er ihm das Verlangte, wogegen er die anderen und wichtigeren Papiere etwas weiter zurückschob.

»Gute Zeugnisse, sehr gute Zeugnisse,« sprach Eberhard, wie in Gedanken, indem er ein Blatt nach dem andern umbog und auf diese Weise endlich auch an das gelangte, welches die Bemerkung auf der Rückseite trug.

Redsteel befand sich offenbar noch nicht lange im Besitz der Papiere, oder er hätte sie aufmerksamer geprüft gehabt und jedenfalls das gefunden, was Eberhard jetzt mit stockenden Pulsen las:

»Wo und wie ich auch immer mein Ende finden mag, denjenigen, welcher diese Papiere an sich nimmt, beschwöre ich, Alles einem deutschen Consul zur Beförderung nach Europa zu übergeben. Sollten noch auf den Namen: »Marinelieutenant Arthur –«

Weiter gelangte er nicht; die Papiere zitterten in seinen Händen, und vor seine Augen legte es sich, wie ein Schleier.

»Arthur, Lieutenant Arthur,« sprachen seine Lippen unbewußt.

Da lugte Redsteel über seinen Arm und las ebenfalls die auf einen möglichen Todesfall bezüglichen Bestimmungen. Ein jäher Schrecken bemächtigte sich seiner, er besaß aber Geistesgegenwart genug, Eberhard, der keinen Widerstand leistete, das Blatt aus der Hand zu nehmen und in scherzhaftem Tone zu bemerken:

»Sieh da, wie kommt Lieutenant Arthurs Name hierher? Es kann sich unmöglich auf unsern alten Freund beziehen, ein Irrthum in der Person, denke ich –«

Eberhard hatte sich erhoben und blickte mit einem so verachtungsvollen und drohenden Ausdruck auf Redsteel nieder, daß dieser förmlich erstarrte.

»Und Sie wollen noch leugnen, daß es derselbe ist?« fragte er ernst, aber seine Stimme bebte vor der Gewalt, mit welcher er einen leidenschaftlichen Ausbruch seiner Gefühle zurückdrängte. Dann schlug er sich mit beiden Händen verzweiflungsvoll vor die Stirne!

»O, mein Gott, wohin bin ich gerathen!« rief er aus, »daß ich diesem Ungeheuer widerstandslos gestattete, die furchtbare Schlinge um meinen Nacken zu werfen!«

Dann mit kalter Entschlossenheit dicht vor den zitternden Verräther hintretend, fuhr er mit erzwungener und deshalb um so beängstigenderer Ruhe fort:

»Sie machten sich einst meine hülflose Lage zu Nutze und bürdeten mir einen Namen auf, an welchen ich kein Recht besaß. Auf Ihr geheimnißvolles Verfahren ging ich ein, weil ich Ihnen triftige, großmüthige Beweggründe zuschrieb. Ich wähnte, daß Sie, mir die Freundschaft Ihrer Gefährten zu sichern, das in einen elenden Flüchtling gesetzte Mißtrauen schneller zu verscheuchen beabsichtigten. Um so willfähriger ging ich auf Ihre Rathschläge ein, weil ich in Magnolia mehr, als mein eigenes Leben gefährdet sah, weil ich hoffte, unter dem Namen Eberhard Braun leichter Eingang bei demjenigen zu finden, welchem das junge Mädchen verpflichtet war. Ohne Ueberlegung, verblendet und nur von treuer Anhänglichkeit für Andere beseelt, ließ ich mich von Ihnen umstricken, und zu spät erkannte ich, daß ich das Opfer einer unglaublichen Schurkerei geworden. Ich erkannte es erst, als es schon in Ihrer Gewalt lag, trotz meiner Unschuld, mich der Schmach und der Schande Preis zu geben. Sie wußten, Sie berechneten, daß mir der Muth fehlen würde, den entsetzlichen, mich für meine unüberlegten Handlungen bedrohenden Strafen zu begegnen, nicht meinetwegen, sondern um diejenigen zu schonen, die besser waren und edler dachten, als ich. Vergeblich hoffte ich auf eine günstige Gelegenheit, mit einer offenen Erklärung vorzutreten und den gräßlichen Verdacht einer Verrätherei von mir abzuwälzen. Sie verstanden es, die Schlinge immer fester zu schnüren, so daß mir endlich kein anderer Ausweg mehr blieb, als mich und Magnolia Ihrem Einflüsse durch die Flucht zu entziehen. Unsere Flucht war bei mir beschlossen, und ich wußte, daß ich nicht allein gehen würde, obwohl sie meine wirkliche Lage noch nicht ahnt.«

»Sonst noch etwas?« fragte Redsteel, der in demselben Maße einen trotzigen Muth zu gewinnen schien, in welchem derjenige, der sich so lange fälschlich Eberhard genannt hatte, seine hinterlistigen Pläne enthüllte und unschädlich zu machen suchte.

»Ich bin noch nicht zu Ende,« antwortete der junge Mann nun ebenfalls kaltblütig. »Ich beabsichtigte also zu entfliehen und aus der Ferne diejenigen um ihre Verzeihung zu bitten, welche ich, von einem bösen Verhängniß grausam getrieben, schmachvoll hintergangen hatte. Da eröffneten Sie mir, daß meine Flucht Sie nicht hindere, durch gewisse Papiere dennoch eine Testamentsform zu meinen Gunsten zu erwirken. Was wollten Sie damit sagen? Was bezweckten Sie? Daß ich – nie und unter keinerlei Bedingung einen Pfennig von Brauns Vermögen annehmen oder auch nur zu meinem Vortheil verwenden würde, wußten Sie. Es konnte also nur in Ihrer Absicht liegen, nach Vollziehung des Testamentes einem recht baldigen Ende des Testators entgegenzusehen, nachdem ich selbst vielleicht im Guten oder Bösen beseitigt worden war, um sich demnächst des Antheils des vermeintlichen Eberhard Braun an der Erbschaft zu bemächtigen, und vielleicht auch Anna Werth des ihrigen zu berauben.

»Wie mit unwiderstehlicher Gestalt zog es mich heute noch einmal hierher, und ein gütiges Geschick lenkte mein Schritte. Ich wollte, ich mußte die Papiere sehen, bevor ich den letzten unwiderruflichen Entschluß faßte, und wiederum lenkte ein guter Gott meine Bewegungen, daß ich entdeckte, von wem die Papiere herrührten. Was meiner Kurzsichtigkeit bisher entgangen war, Sie hatten es längst errathen. Sie kannten den echten Eberhard Braun, der sich aus irgend welchen geheimnißvollen Gründen nicht offenbaren wollte, trotzdem er mich für einen gewissenlosen Betrüger halten mußte, welchen jeden Augenblick zu entlarven, in seiner Macht lag. Sie hatten zwei Eberhards vor sich, von welchen Sie indessen nur den einen, und zwar geraden den falschen gebrauchen konnten. Was, ich frage Sie, bezweckten Sie nun mit dem andern?«

Redsteels fahles Gesicht hatte einen entsetzlich feindseligen Ausdruck angenommen, doch suchte er seine wahre Gemüthsstimmung hinter ein höhnisches Lachen zu verbergen.

»Sie fahren fort, in Räthseln zu sprechen,« begann er langsam und nachdrücklich, »so, daß ich geneigt bin, Ihr gesundes Fassungsvermögen in Frage zu stellen. Ich kenne nur einen Eberhard Braun, einen jungen, thörichten Menschen; haben Sie sich aber zu einem Betrüge hinreißen lassen, so müssen Sie auch die unausbleiblichen Folgen tragen; ich für meine Person hege wenigstens keine Lust, mich durch Ihr unsinniges Verfahren compromittiren zu lassen.«

»Sie leugnen also hartnäckig, daß der Lieutenant Arthur der wirkliche Eberhard Braun sei, welchem auf ihr Anstiften diese Papiere entwendet wurden?«

»Sehen Sie zu Ihren Worten, junger Mann,« fuhr Redsteel auf, und die bewegliche Nase schien einen Punkt zu suchen, auf welchem sie sich mit tödtlicher Wirkung einbohren könne, »bringen Sie lieber den Lieutenant Arthur zur Stelle, damit er sich – gemäß Ihrer wirren Phantasien – als Eberhard Braun ausweise; so lange dies aber nicht geschehen ist, halte ich mich an Sie, Herr Eberhard – o, täuschen Sie sich nicht darüber; mittelst dieser Papiere werden Sie sogar gegen Ihren Willen als Erbe eingesetzt werden, und ebenso wenig, wie es Ihnen gelingt, mich über Ihre Person in Zweifel zu stürzen, werden Sie bei Ihrem Herrn Onkel Glauben finden, wenn Sie ihm die gut ausgedachten Märchen erzählen.«

»Sie behaupten fortgesetzt, daß diese Papiere in keiner Beziehung zu dem frühern Schiffs-Lieutenant Arthur stehen?« fragte der junge Mann noch einmal mit ruhiger Stimme, allein am ganzen Körper bebend.

»Ich habe Sie als Eberhard Braun kennen gelernt und bis jetzt gaben Sie mir nie die leiseste Veranlassung, meiner Ueberzeugung untreu zu werden. Hier liegen Ihre Papiere, was wollen Sie weiter? Selbst wenn der Herr Arthur vor mir erschiene und Ihren Ausspruch mit hundert Eiden bekräftigte, würden Sie Beide mich nicht überzeugen. Pah! Wer ist denn dieser Rebellenofficier? Als ob der Erbe einer guten halben Million sich leichten Herzens dazu entschlöße, seine Ansprüche an dieselbe zu verheimlichen und dafür den ungastlichen Westen aufzusuchen? Wer weiß, der Pirat Arthur mag sich schon längst auf den Weg begeben –«

»Ungeheuer!« fiel der junge Mann auf dem Gipfel seines Zornes ein und wie eine unheimliche Drohung erstanden vor seinem Geiste die zwischen Redsteel und den scheidenden Strolchen gewechselten Worte, »wer ist es, der durch die Papiere auf das Dampfboot gelockt werden soll, um dort vielleicht seinen Untergang zu finden?«

Ein Gedanke, so furchtbar, daß er ihn gar nicht zu fassen vermochte, schoß durch seinen Kopf; was er aber in unbestimmten Formen ahnte, das bestätigte Redsteel, der, von einer plötzlichen Feigheit befallen, scheu vor ihm zurückwich und erbleichend die zitternde Hand nach den Papieren ausstreckte.

»Ich soll den Lieutenant Arthur zur Stelle schaffen?« fuhr der junge Mann darauf, von wilder Verzweiflung ergriffen, fort, »den Besitzer dieser Papiere, der sich zur Zeit vielleicht schon unter den Händen von Meuchelmördern ohnmächtig windet?«

»Herr Eberhard Braun –« erwiderte Redsteel und die Furcht schien ihn förmlich zu lähmen.

»Rufen Sie ihn, ja, rufen Sie ihn,« fiel der junge Mann wieder heftig ein, »von hier bis zu dem nach dem Süden bestimmten Dampfboot ist es zu weit, als daß er Sie noch hören könnte!«

»Auf ein Wort, ich bin zu Allem bereit!« ächzte Redsteel, doch der junge Mann hörte nicht mehr; er hatte ihn durch einen Stoß zurückgeschleudert, und dann die Papiere zusammenraffend, war er in wilder Hast davongestürmt, zunächst die Richtung nach dem »Westlichen« Kosthause wählend. – – –

Diese Bilder zogen immer und immer wieder vor dem Geiste desjenigen vorüber, der so lange unter einem bösen Verhängniß gezwungen gewesen, den Namen Eberhard Braun zu führen. Bis zum Tode erschöpft hatte er sich auf eine Bank ausgestreckt, die Blicke ängstlich dahin gerichtet, wo die beiden Freunde sorgsam eingehüllt in Decken auf ihren Matratzen lagen. –

Unter den Händen der Aerzte aber begann das in Scheintod versenkte Leben sich wieder zu regen, und als endlich der Morgen graute, da pulsirte zwar matt, jedoch eine allmälige Genesung verkündend, das Blut wieder regelmäßig in den beinahe erstarrten Adern. Mit der zurückkehrenden Lebenswärme erwachte auch die Thätigkeit des Geistes; planlos wendete er sich bald hierhin, bald dorthin, mit größerem und geringerm Erfolge gegen die auf ihn einstürmenden Fieberphantasien ankämpfend. Nur vorübergehend vermochte er das festzuhalten, was ihm am nächsten lag, ihn gewissermaßen noch mit andern Sterblichen verband.

»Mein Name ist Carl von Birk; schreiben Sie nach Europa, wo ich mein Ende gefunden habe,« entwand es sich mit einem tiefen Seufzer von den bleichen Lippen des alten Pelzjägers, und mit verdoppelter Gewalt schien die Betäubung ihn wieder zu umfangen.

Die Aerzte kehrten sich demjenigen zu, auf dessen Veranlassung sie herbeigerufen worden waren. Sie erwarteten von ihm eine Erklärung der ihnen unverständlichen deutschen Worte.

Befremdet sahen sie auf ihn hin. Er hatte sich halb erhoben; seine Züge waren versteinert, als ob bei einer plötzlichen, furchtbaren Gemüthsbewegung der Tod ihn ereilt habe. Selbst seine weitgeöffneten Augen verriethen kein Leben; regungslos, stier waren sie auf die geschlossenen Lider des alten Pelzjägers gerichtet, hinter welchen ein durch die sich selbst auferlegte Sühne zermorschtes und zermalmtes Vaterherz nur noch matt und unbewußt einem späten, freundlichen und erwärmenden Sonnenblick entgegenschlug. – – –

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