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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Vierzigstes Capitel. Eine gefährliche Entdeckung.

Nach längerem Tasten war es Arthur endlich gelungen den Fallriegel der ihn in den engen, rußigen Raum einsperrenden Thür zu heben. Vorsichtig verließ er sein Versteck, und nachdem er die Thüre in ihre alte Lage zurückgeschoben hatte, erstieg er die nächste Treppe. Oben angekommen, entdeckte er zu seiner Beruhigung einen ähnlichen Verschlag, wie derjenige, in welchem er sich in dem unteren Stockwerk verborgen hatte. Zur größeren Sicherheit schraubte er noch die dort brennende Gasflamme bis auf ihren kleinsten Umfang zurück, und dann erst schlich er neben die Thüre des Bureaus, aus welchem Eberhards erregte Stimme längst zu ihm gedrungen war.

Das Gespräch hatte schon eine Weile gedauert; Manches, worüber Arthur gern Aufschluß gehabt hätte, ging ihm dadurch verloren, doch erfuhr er genug, um sich zu seinem vom Zufall eingegebenen Verfahren Glück zu wünschen.

»Sie wollen mir also meine Freiheit noch immer vorenthalten?« fragte Eberhard in demselben Augenblick, in welchem Arthur sein Ohr der Thüre näherte, und im Tone seiner Stimme verrieth sich eine unverkennbare innere Zerknirschung, »Sie wollen die Fesseln nicht lösen, welche ich, theils unbesonnener Weise, theils bedingt von tiefer liegenden Gründen, fast willenlos um mich schlagen ließ? Sie sind taub gegen meine Bitten, gegen meine Vorstellungen? Was ist es denn, wodurch ich Ihr Herz zu rühren, den unerträglichen Bann, unter welchem ich geistig dahinsieche, zu brechen vermag?«

»Unerbittlich, ja, vollkommen unerbittlich, auf die von Ihnen vorgeschlagene Täuschung einzugehen,« erwiderte Redsteel, wie Jemand, der wohl gern möchte, allein seine Pflicht über seine Neigungen stellt.

»Verschonen Sie mich mit Ihren Thorheiten,« versetzte Eberhard ungeduldig, »Sie sind ebenso vertraut mit der Wahrheit, wie ich selbst, und brauchen daher nicht von Täuschungen zu sprechen, es sei denn, Sie wollen es so weit treiben, daß ich, rücksichtslos gegen mich selbst und Andere, den Knoten zerhaue und die unerträglichen Fesseln gewaltsam sprenge, die ohnehin einmal fallen müssen.«

»Fesseln? Fallen müssen?« fragte Redsteel erstaunt, »ich begreife Sie nicht, begreife nicht, was Sie in Ihrer beneidenswerthen Lebensstellung dazu veranlaßt, solch seltsamen Phantasien Raum zu geben? Freilich, junge Leute haben zuweilen wunderliche Ideen, welche auszuführen in den meisten Fällen sie Niemand hindert, wenn Sie aber, mein lieber Herr Braun, wähnen, daß ich, indem ich Ihnen zu der beabsichtigten Täuschung die Hand böte, mich selbst gefährlich compromittiren möchte, so irren Sie sich. Wollen Sie indessen trotzdem hinter meinem Rücken Ihre Tollheiten ausführen, so sehe mich gezwungen hierzu, hierzu und hierzu meine Zuflucht zu nehmen« – hier unterschied Arthur deutlich das dreimalige Aufheben und unsanfte Niederlegen von Papieren oder Briefschaften – »und was Ihnen dann bevorstände, ist nicht schwer zu errathen. Vielleicht bin ich so glücklich, Ihnen innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden noch andere Documente vorzulegen, welche Ihnen sowohl, als auch Ihrem Herrn Onkel gegenüber meine Schuldlosigkeit an jedem von Ihnen begangenen Verbrechen augenscheinlich und rechtsgültig beweisen. Stehen Sie also ab von Ihrem thörichten Beginnen, und seien Sie nicht undankbar gegen das Geschick, welches Sie einem Verwandten zuführte, um welchen Millionen Sie beneiden, und gegen den Sie bis jetzt leider nichts Anderes zeigten, als – verzeihen Sie mir – einen hohen Grad von Mißtrauen und Undankbarkeit.«

Ein längeres Schweigen trat ein. Eberhard überlegte ohne Zweifel, welche Bedeutung die binnen vierundzwanzig Stunden herbeizuschaffenden Papiere haben könnten. Auch Arthur wurde von bösen Ahnungen beschlichen, als er in Gedanken mit der eben vernommenen Aeußerung das verglich, das Redsteel den sich entfernenden Männern nachgerufen hatte.

»Es bleibt also dabei, mein lieber Herr Eberhard Braun,« fuhr Redsteel nach einer Pause fort, während welcher er vergeblich auf eine Erwiderung geharrt hatte, »Sie geben Ihre bizarren Pläne auf und folgen Ihrem Onkel gegenüber nur der Stimme Ihres Herzens; es ist dies um so rathsamer, als derselbe eben mit der Aufnahme seines Testamentes beschäftigt ist und mich mit der Ausfertigung desselben beauftragte.«

»Ich sehe, Sie wollen mich nicht verstehen,« versetzte Eberhard, und Arthur errieth aus dem leidenschaftlichen Beben seiner Stimme, daß er mit Gewalt einen heftigen Ausbruch seiner empörten Gefühle unterdrückte, »Sie besitzen ein Herz von Stein und zwingen mich, das letzte Mittel zu versuchen, eine Aenderung Ihrer Absichten herbeizuführen. Ich brauche Ihnen wohl kaum zu betheuern, daß der Besitz von Geld und Gut mich nicht lockt, am allerwenigsten aber, wenn meine ganze Seele sich gegen die Art der Besitzergreifung auflehnt. Ebenso werden Sie nicht bezweifeln, daß ich meine Hand nie nach einem Cent ausstreckte, welchen ich mir nicht – und sei es durch die niedrigste Arbeit – selbst erworben habe. Dies vorausgeschickt, frage ich Sie: Welche Gründe können mich nun noch abhalten, eines Tages wieder zu verschwinden, wie ich aufgetaucht bin, ich meine plötzlich, unerwartet und spurlos? Ihnen wäre dies gewiß sehr unangenehm, Herr Redsteel, ich lese es in Ihren Zügen, und die gesunde Vernunft sagt, daß es keine geringen Vortheile sind, um derentwillen Sie mich fortgesetzt martern – doch beruhigen Sie sich, bevor ich zu diesem letzten Mittel greife, bevor ich die Kraft zur Ausführung desselben gewinne, muß ich noch einmal ehrlich und aufrichtig zu Ihnen sprechen, damit Sie mich nicht falsch beurtheilen, mein Verfahren nicht mir fremden und fern liegenden Beweggründen zuschreiben.

»Was mich hier hält, Herr Redsteel, was mich stärker fesselt, als Sie mit allen Ihnen zu Gebote stehenden geheimnißvollen Mitteln mich zu fesseln vermögen, ist ein junges Mädchen, welches sich des Wohlwollens des Herrn Braun im weitesten Umfange erfreut –«

»Sie meinen, Ihres Herrn Onkels Pflegetochter?« fiel Redsteel überrascht ein, und er scheute sich nicht, eine gewisse Zufriedenheit in den Ausdruck seiner Stimme zu legen.

»Fräulein Werth?« fragte Eberhard ebenso überrascht zurück; dann fuhr er mit unverkennbarer Rührung fort: »Wie ein freundlicher Engel erschien Anna Werth im Hause des Herrn Braun, und ich liebe und verehre sie, wie alle Menschen sie lieben, welche nur im Entferntesten in Verkehr mit ihr treten. Diejenige aber, Herr Redsteel, auf welche ich mich bezog – o, meine Bekanntschaft mit ihr schreibt sich aus früheren Zeiten her, aus Zeiten, in welchen ich in südlicher Gefangenschaft schmachtete und, wie zahlreiche meiner Leidensgenossen, das Opfer eines entsetzlichen, qualvollen –«

»Magnolia?« fragte Redsteel mit ungeheucheltem Erstaunen, »freilich, sie ist eine tadellose Schönheit, ein herziges, braves Mädchen, allein haben Sie auch wohl überlegt? Sie, der Erbe von Hunderttausenden denn die eine Hälfte des Vermögens wird wohl der Adoptivtochter Ihres Herrn Onkels zufallen – und eine Farbige? Bedenken Sie wohl –« »Stehen Sie zu Ihren Worten, Herr Redsteel!« ließ sich Eberhards Stimme drohend vernehmen, »vergessen Sie nicht, daß Ihre Gewalt diejenige nicht umfaßt, deren Namen Sie nicht wagen sollten, auszusprechen, ohne sich in Achtung zu verneigen. Halten Sie sich an meine Person, sagen Sie mir, was Sie wollen, aber noch ein Wort über Magnolia in ähnlicher Weise, und ich setze alle Rücksichten, welche zu nehmen ich sonst gewohnt bin, bei Seite –«

»Halten Sie ein,« begütigte Redsteel schnell einfallend, »Niemand weiß besser, als Sie, daß es keine ungefährliche Reise war, welche ich unternahm, um die liebliche Magnolia einem entsetzlichen Loose zu entreißen; erlaubte ich mir aber, auf deren Abstammung hinzudeuten, so geschah dies am wenigsten aus einem verwerflichen Mangel an Achtung, sondern nur in Ansehung der unüberwindlichen Hindernisse, welche sich – natürlich nur in diesem Lande, – Ihrer Verbindung mit einer Farbigen entgegenstellen würden.«

»Lassen wir das unerörtert,« erwiderte Eberhard in wegwerfendem Tone, »die von Ihnen hervorgehobenen Hindernisse zu besiegen, ist meine Aufgabe, welche ich zu seiner Zeit lösen werde. Ich offenbarte Ihnen dies, mein heiligstes Geheimniß, überhaupt nur, um darzulegen, weshalb ich mich nicht schon längst von Ihnen lossagte, woran ich – was Sie hoffentlich nicht bezweifeln – keinen Augenblick gehindert werden könnte. Meiner zukünftigen Gattin bringe ich also allein die schweren Opfer, welche Sie fortgesetzt von mir fordern, und auch sie sollten des armen, treuen Mädchens wegen thun, um was ich Sie so lange vergeblich gebeten habe, was aber für meine Person zu erbitten, ich kaum für der Mühe werth gehalten hätte.«

»Sie fürchten, daß Ihr Herr Onkel Ihren Plänen seine Zustimmung versagt, und um sich eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren, beharren Sie darauf, jede Beihülfe und Erleichterung von seiner Seite abzulehnen?« fragte Redsteel nachdenklich, anstatt auf Eberhards Vorstellungen zu antworten.

Arthur vernahm bis vor die Thüre hinaus den schmerzlichen Seufzer, mit welchem Eberhard seinen aufflammenden Zorn niederkämpfte.

»Ich bezweifle nicht, daß Herr Braun das Glück derjenigen, für die er schon so viel gethan, auch noch weiter zu fördern wünscht,« entgegnete er dann kurz und scharf.

»Ja ja, mein lieber Herr Eberhard,« hob Redsteel jetzt in einer Weise an, als habe er plötzlich einen Ausweg entdeckt, auf welchem sich alle Schwierigkeiten mit Leichtigkeit würden umgehen lassen, »ich bezweifle in der That selbst nicht, daß Ihr Herr Onkel dem Glücke seines Lieblings, wie dem seines nächsten Verwandten nicht störend entgegentritt, allein in diesem Lande? Es wird schwerlich gehen – wenn Sie mir erlauben, meine persönliche Ansicht auszusprechen – Sie werden sich nach einem andern Continente begeben müssen, wozu Ihr Herr Onkel Ihnen gewiß gern die erforderlichen Mittel gewährt. Und ist Ihnen selbst dies peinlich, so werden Sie, als vernünftiger Mann, gewiß nichts dagegen einwenden, wenn Ihre Frau Ihnen eine entsprechende Mitgift zubringt – doch wir müssen überlegen, sorgfältig erwägen und uns vor Uebereilung hüten.«

»Haben Sie sonst nichts hinzuzufügen?« fragte Eberhard kalt.

»Gewiß, gewiß, mein lieber Herr Braun,« fuhr Redsteel eifrig fort, »ich setze voraus, Ihr Herr Onkel weiß noch nichts von dem zwischen Ihnen und Magnolia bestehenden Verhältniß?«

»Keine Silbe; ist das Alles?«

»Sehr gut, sehr gut; verschweigen Sie es vorläufig noch, wenigstens so lange, bis das Testament seinen Abschluß erhalten hat, oder ich Ihnen einen Wink gebe.«

»Sonst nichts?«

»Ich wüßte in diesem Augenblick nichts näher Liegendes,« antwortete Redsteel, über Eberhards kalte Ruhe befremdet.

»Gut, so hören sie denn auch mein letztes Wort,« hob dieser darauf wieder drohend an »ich gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit; haben sie mich nach Ablauf dieser Frist nicht freiwillig von dem Zwange befreit, so breche ich ihn selbst mit Gewalt. Auf welche Weise dies geschieht, ist vorläufig gleichgültig; Sie aber mögen zusehen, wie Sie den Verdacht von sich abwälzen, welcher Sie jedenfalls trifft.«

»Begehen sie keine Thorheiten, mein lieber junger Freund,« erwiderte Redsteel sarkastisch, »Thorheiten, durch welche Sie sich an den Pranger stellen und die liebliche Magnolia auf ewig verlieren, ohne auch annähernd Ihre wunderliche Absicht zu erreichen. Denn in Ihrer Abwesenheit werde ich Ihre Rechte gewissenhaft vertreten, Ihr jugendlich phantastisches Benehmen ausreichend zu entschuldigen wissen, hauptsächlich aber, mit Ihrem Taufschein und sonstigen Papieren versehen, sogar ohne Ihre ausdrückliche Genehmigung Ihre Erbschaft antreten und so lange verwalten, bis Sie verständig geworden sind und unaufgefordert kommen, um sich Ihres Reichthums zu erfreuen und vielleicht Thränen der Reue auf dem Grabe Ihres gütigen Onkels zu weinen – denn daß derselbe noch lange lebt, bezweifle ich – zu viele Zeichen sprechen für einen tödtlichen Schlaganfall, wie der alte Herr selber wohl weiß, oder er würde sich nicht mit der Abfassung seines letzten Willens so sehr beeilen.«

»Papiere?« rief Eberhard bestürzt aus, während Arthur bei Redsteels letzten Unheil drohenden Worten einen Schauder durch sein Mark rieseln fühlte.

»Ihre Papiere, Herr Eberhard Braun,« bekräftigte Redsteel, »und alle auf Ihren Namen lautend.«

»Zeigen Sie dieselben!« brachte Eberhard kaum noch verständlich heraus.

»Morgen vielleicht oder übermorgen,« entgegnete Redsteel zuvorkommend.

»Es ist eine Lüge! rief Eberhard verzweiflungsvoll, »eine Lüge, um mich zu zwingen, in Schmach und Schande zu versinken und Andere, Bessere mit mir hinabzureißen! Aber es soll Ihnen nicht gelingen, und müßte ich deshalb die letzte Hoffnung auf irdisches Glück opfern!«

Er stürmte der Thüre zu, und kaum war Arthur in den Kaminverschlag getreten, da eilte Eberhard an ihm vorüber die Treppen hinunter und zum Hause hinaus.

Redsteel war ihm, wie um ihn aufzuhalten, einige Schritte nachgefolgt und bat ihn, umzukehren, allein vergeblich. Als er ihn endlich auf die Straße hinaustreten hörte, rieb er sich nachdenklich die Hände.

»Der Thor,« sprach er mit tiefem Mißmuth halblaut vor sich hin, »sinkt er vor der bestimmten Zeit dahin, ist's seine eigene Schuld – mir kann er nicht mehr schaden, nein – dieser neue Glücksfall, o, ich errieth fast auf den ersten Blick, wen ich vor mir hatte; und nun noch gar die schöne Magnolia – ei ei, es hätte kaum günstiger verlaufen können.«

Er lachte höhnisch; dann spähte er besorgt um sich, ob das Selbstgespräch, zu welchem er sich unwillkürlich hatte hinreißen lassen, von Niemand gehört worden sei, und nachdem er die Gasflamme wieder hoch geschraubt hatte, begab er sich leise in sein Bureau zurück, die Thüre hinter sich abschließend.

In der nächsten Minute stand Arthur auf derselben Stelle, von welcher aus Redsteel dem sich entfernenden Eberhard nachgerufen hatte. Scharf richtete er die Blicke auf die Büreauthür; er schien von Zweifeln bewegt zu sein, während aus seinen Zügen aufflammender Haß und leidenschaftliche Entrüstung hervorleuchteten.

»Ich könnte zu ihm hineingehen und ihn zur Rede stellen,« sprach er in Gedanken, »doch nein, mag das Strafgericht von einer andern Seite über ihn hereinbrechen und ihn dann um so vernichtender treffen.«

Langsam schritt er die Treppe hinab. Etwa sechs Stufen hatte er hinter sich, da öffnete sich in der Büreauthür unhörbar ein kleiner Schieber und in der entstandenen Oeffnung erschien die obere Hälfte von Redsteels Gesicht, welches, sobald er Arthurs Gestalt erkannte, zurückprallte und, wie im Tode, gleichsam erstarrte.

Erhöhte Vorsicht für überflüssig haltend, hatte Arthur selbst ihn durch das Knarren der obersten Treppenstufe dorthin gelockt; Redsteel aber erschrak um so heftiger, als er keinen Andern, als Eberhard zu sehen erwartete, der, nachdem er Herr seiner leidenschaftlichen Erregtheit geworden, im Begriff stehe, zu ihm zurückzukehren.

Arthur befand sich längst auf der Straße, da stierten die beiden Augen noch immer auf den vereinsamten staubigen Flurgang hinaus. Regungslos, wie sie sich verhielten, lag doch ein Ausdruck in denselben, vor welchem selbst der Unerschrockenste scheu zurückgebebt wäre. –

Eine halbe Stunde später traf Arthur in dem bekannten Kosthause ein. Sans-Bois und seine Jäger hatten sich bereits auf ihre Lagerstätten geworfen.

»Ich hätte Sie kaum so früh erwartet!« bemerkte Sans-Bois zu dem Eintretenden.

»Nicht so früh?« fragte Arthur befremdet, »es ist doch nicht meine Gewohnheit, spät fortzubleiben.«

»Nun, nach Ihrer Botschaft zu schließen, durfte ich Sie kaum vor Mitternacht erwarten,« entgegnete Sans-Bois ruhig.

»Meine Botschaft?« rief Arthur überrascht aus, »ich weiß von keiner Botschaft.«

Sans-Bois richtete sich erstaunt empor.

»Sollte dies nicht von Ihnen kommen?« fragte er besorgnißvoll, Arthur einen beschriebenen Zettel darreichend, »Ihre Handschrift kenne ich zwar nicht, allein die Ueberbringerin schien mir eine zuverlässige Person zu sein.«

Arthur las den Zettel, welcher folgende Worte enthielt: »Lieber Sans-Bois, ich wäre gern selbst gekommen, allein man hält mich fast mit Gewalt auf der Villa zurück, wo man zugleich Alles aufbietet, mir den Westen zu verleiden. Es wird nie gelingen, doch bedarf ich, um unsern Freunden unwiderlegliche Gründe entgegenzuhalten, meiner Briefschaften. Sie werden dieselben unter meinen übrigen Sachen finden; es ist ein kleines Packet, das einzige, was ich von dem Revenger rettete, weil ich es, wie Sie wohl wissen, bevor ich das Schiff verließ, einer alten Gewohnheit gemäß, zu mir steckte. Diese Mittheilungen werden genügen, Sie über die Zuverlässigkeit der Ueberbringerin zu vergewissern; händigen Sie ihr daher das Packetchen ein. Auf Wiedersehen, etwa um Mitternacht. Es grüßen Sie Ihr Liebling, Anna Werth, und die reizende Magnolia. Ihr getreuer Piratenlieutenant wie Kapitän Iron mich so gern zu nennen pflegte.«

Sobald Arthur den Brief zu Ende gelesen hatte, starrte er mit einem Ausdruck gänzlicher Rathlosigkeit zu dem Pelzjäger nieder. Dieser, nichts Gutes ahnend, sprang empor und fragte bestürzt, ob er den Brief geschrieben habe.

»Nach dem Inhalte zu schließen, könnte er wohl von mir herrühren,« antwortete Arthur, wie betäubt, »und zu verwundern wäre es nicht, wenn Sie das Packet –«

»Mein Gott, ich hatte ja keine Ursache, die Echtheit des Schreibens zu bezweifeln,« fiel Sans-Bois entsetzt ein, »ich gab das Packet hin und fügte sogar noch meine Gegengrüße hinzu. Beruht dies Alles auf einem Irrthum, oder hat man einen unzeitigen Scherz mit Ihnen getrieben?«

»Kein Irrthum, kein Scherz,« erwiderte Arthur, der seine Gedanken allmälig sammelte, »ich fürchte, es ist hier eine Schurkerei im Spiele, welche auf nichts Geringeres ausgeht, als sich, selbst auf Kosten von Menschenleben, des Vermögens des alten Braun zu bemächtigen; und was kaltblütige Morde in der jetzigen Zeit bedeuten, sehen wir ja alle Tage.«

Sans-Bois blickte noch immer auf Arthur, als hätte er dessen Mittheilungen nicht verstanden.

»Und ich gab die Briefschaften vertrauensvoll hin!« rief er aus, sich vor die Stirne schlagend. »Klagen sie sich deshalb nicht an,« suchte Arthur ihn zu beruhigen, »uns trifft nur der eine Vorwurf, daß meine heimlichen Feinde zu listig für uns waren. Aber von wem hätte ich auch einen Angriff befürchten sollen? Freilich, ich entsinne mich jetzt, daß man mich über Dieses und Jenes auszufragen suchte, wodurch ich hätte vorsichtiger werden müssen. Nachträglich wird mir Alles klar und ich fürchte, ich werde zu einem Verfahren gezwungen werden, welches ich – doch Sie sagen, eine weiblich Person habe das Schreiben überbracht?«

»Ein anständig gekleidetes Mädchen mit sittsamem Wesen, welches sich für eine Aufwärterin oder dergleichen in Brauns Villa ausgab.«

»Die Schurken, sie fürchteten, wiedererkannt zu werden und wählten deshalb eine Vermittlerin. O, ich ahne, errathe, was sie mit den Papieren bezwecken, die mir unersetzlich sind! Aber noch ist nicht Alles verloren, denn wir wissen, von welcher Seite die Schläge geführt werden, die unschuldige Menschen bedrohen.«

»Sie kennen denjenigen, welcher Sie Ihres Eigenthums beraubte?«

»Ich kenne ihn, und Sie kennen ihn noch besser, als ich; ich hörte ihn sogar zwei Männer beauftragen, den Diebstahl schleunigst auszuführen, ohne zu ahnen, daß sich das sogenannte Geschäft auf meine Papiere bezog.«

»Aber um Gotteswillen, haben die Papiere denn auch noch für Andere einen so hohen Werth.

»Mein ganzes Hab und Gut bildeten sie, zugleich enthielten sie meinen letzten Willen, im Falle mich irgendwo ein Unglück ereilte; kurz, sie umfaßten Alles, was nur irgend in meinem Leben noch Werth für mich haben konnte. In den Händen desjenigen aber, der sie hinterlistiger Weise an sich brachte, sind sie eine gefährliche Waffe, von welcher ich nur nicht begreife, wie man sie anwenden kann, so lange ich störend einzuschreiten vermag.«

Sans-Bois neigte sinnend das Haupt.

»Den Verlust Ihrer Papiere bedaure ich gewiß nicht weniger, als Sie selbst,« bemerkte er nachdenklich, »das Andere dagegen, was Sie andeuten, ist mir unverständlich; ich vermag beim besten Willen nicht, einen Zusammenhang zu ergründen.« »Weil Sie nicht mit meiner Vergangenheit vertraut sind,« erwiderte Arthur, »doppelt rathsam erscheint es mir daher, Sie jetzt mit derselben bekannt zu machen. Es giebt dann wenigstens einen Menschen, der, sollte mich ein Unfall treffen, meine Rechte wahrnimmt, die verlorenen Papiere gewissermaßen ersetzt und Andere vor drohendem Unheil bewahrt.«

Dem ersten Schrecken und Erstaunen der beiden Männer war eine ernste, überlegende Ruhe gefolgt. Auf Arthur lastete es wie eine trübe Ahnung, während ängstliche Spannung den alten Jäger beseelte, indem er für diejenigen fürchtete, welche er seit seiner kurzen Bekanntschaft mit ihnen lieb gewonnen hatte.

Bald darauf saßen sie wieder, wie einige Tage früher, vor dem flackernden Kaminfeuer. Wie aber an jenem Abende Sans-Bois seine Lage schilderte, so führte heute Arthur das Wort.

Es war eine lange, lange Geschichte, welche er erzählte; eine Geschichte von schweren Seelenkämpfen und bitteren Täuschungen, von nagendem Kummer, gebleichten Hoffnungen und mit unnachsichtiger Strenge sich selbst auferlegten Entsagungen.

Es war eine lang Geschichte, vorgetragen mit fast kindlicher Offenherzigkeit und hingenommen mit wachsender, inniger Theilnahme.

Eine lange Geschichte, nur hin und wieder unterbrochen durch kurze tadelnde Bemerkungen des alten Jägers, oder durch billigendes Kopfnicken. Als sie aber endlich abgeschlossen wurde, da reichte Sans-Bois seinem jungen Freunde mit väterlichem Wohlwollen die Hand, ihm so recht herzlich in die Augen schauend.

»Sie besitzen eine seltene Seelenstärke,« hob er an, »Sie haben dieselbe bewiesen in guter, wie in tadelnswerther Weise. Ihren starren Hochmuth betrachteten Sie als Ihren Abgott und viel Kummer ist Ihnen und Andern daraus erwachsen; möge Ihnen dafür doppelter Segen beschieden sein, wenn Sie mit derselben Seelenstärke sich demuthsvoll in das fügen, was das Geschick über Sie verhängt.

Arthur lächelte schwermüthig.

»Die Starrheit ist gebrochen,« bemerkte er leise, wie zu sich selbst sprechend, »sie konnte dem Einfluß der Schilderungen nicht widerstehen, mit welchen sie den undankbaren Sohn in die Arme seiner Eltern zurückzuführen hoffte.«

Es waren die letzten Worte, welche die beiden Freunde in dieser Nacht wechselten. Niedergebrannt waren die Holzkloben in dem Kamin, aber eine behagliche Wärme strömte noch immer von dem Kohlenhaufen aus, eine willkommene Beigabe zu dem eintönigen Tropfen des Schneewassers, indem dasselbe, vor dem kalten Ostwinde lange Eiszapfen bildend, von den Dächern niederrieselte. –

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