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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Achtunddreißigstes Capitel. In Saint-Louis.

Wochen waren vergangen. Der Reise auf dem Flußdampfer waren Fahrten auf Eisenbahnen und wiederum auf Flüssen gefolgt, bis alle diejenigen, welche eine wunderbare Fügung des Geschicks auf dem Savannah zusammengeführt hatte, wohlbehalten entweder ihr vorläufiges oder auch ihr Endziel erreichten.

Die Mehrzahl derselben befand sich in St. Louis; nur Kapitän Iron und seine Schiffshände waren nach Philadelphia gegangen, wo des Ersteren Familie lebte. Von Allen hatte er den herzlichsten Abschied genommen, von Niemand aber inniger und gerührter, als von den beiden letzten Passagieren des untergegangenen Wassernix. Außerdem hatte er mit allen nur denkbaren Seemannseiden Johannes zugeschworen, daß er die räthselhafte Kiste für ihn ausfindig machen wollte, und wenn er gezwungen wäre, deshalb ganz Philadelphia und Washington sammt dem großen Washington-Monument auf den Kopf zu stellen. –

Der alte Braun theilte seine Zeit wieder regelmäßig zwischen der Villa und den Geschäftsräumen in der Stadt; in der Villa sich erfreuend an Johannes' und Anna's Gesellschaft, in seinem Comptoir mit Befriedigung beobachtend, die Anstelligkeit und Gewandtheit seines Neffen Eberhard, der seinerseits von Tag zu Tag ernster und wortkarger wurde und mit einer gewissen Störrigkeit jede Erleichterung und sogar Freundlichkeit zurückwies, welche nicht in unmittelbare Beziehung zu seinen Leistungen gebracht werden konnte. So war er auch nicht zu bewegen gewesen, seine Wohnung in der Villa aufzuschlagen. Ihm genügte ein kleines, seinem anfangs bescheidenen Einkommen entsprechendes Zimmer. Nur gelegentlich stattete er einen Besuch in der Villa ab, wo er stets die liebevollste Aufnahme fand und von seinem Onkel ebenso bitter über seine abgeschiedene Lebensweise getadelt wurde, wie er ihm vielleicht wenige Stunden vorher mit undurchdringlichem Ernste im Comptoir die größte Zufriedenheit über seinen Fleiß und die echt kaufmännische Wortkargheit zu verstehen gegeben hatte.

Mit Magnolia ohne Zeugen zu verkehren fand er selten Gelegenheit, und auch dann nur auf einige Minuten; diese Minuten reichten indessen hin, sich gegenseitig im Vertrauen zu bestärken und hoffnungsvoll des Zeitpunktes zu gedenken, in welchem nichts mehr sie hinderte, offen mit ihrem Anliegen vor ihren gemeinschaftlichen Wohlthäter hinzutreten und seine Vermittelung zu ihrer Verbindung zu erflehen.

Arthur für seine Dienste zu gewinnen, war Braun dagegen nicht gelungen. Er bedauerte dies in hohem Grade, indem er den früheren Rebellenofficier gerade seines ernsten und zurückhaltenden Wesens wegen in sein Herz geschlossen hatte und ihn, theils aus eigenem Antriebe, theils auf warmes Zureden Anna's und ihres Freundes Johannes, zu bewegen wünschte, seine Absicht, den fernen Westen zu seiner Heimath zu wählen, aufzugeben. Gereift war diese Absicht in der Zeit seines Zusammenseins mit Sans-Bois, der, des Kriegslebens müde, mit seinen von Braun reich beschenkten Indianern sich den westlichen Wildnissen wieder zuzuwenden gedachte. –

Nicht weit von den geräumigen Baulichkeiten, in welchen die Chefs der St. Louis-Pelz-Compagnie die dem Indianergebiet entnommenen Schätze an Häuten und Pelzwerk aufstapeln und zur Versendung nach allen Richtungen der Windrose herrichten und verpacken lassen, liegt ein unscheinbares Kosthaus, welches regelmäßig von den aus den westlichen Regionen eintreffenden Jägern und Eingeborenen aufgesucht wird. Diesen ist daselbst Gelegenheit geboten, ein Leben zu führen, welches ihren Gewohnheiten am meisten entspricht. Sie finden statt der gebräuchlichen Gasthofsbetten, aus zottigen Bisonhäuten hergestellte Lagerstätten; mächtige Kamine vertreten ihnen die im Freien geschürten Kochfeuer, und selbst bei der Zubereitung der Speisen wird ihrem gerade nicht verfeinerten Geschmack nach besten Kräften Rechnung getragen.

In einem umfangreichen Gemache dieses Hauses hatten Sans-Bois und seine indianischen Genossen ihr Quartier aufgeschlagen, in welches Arthur sich mit ihnen theilte.

Die Nacht war vorgeschritten. Ein leichter Frost hatte Straßen und Wege getrocknet, und über dieselben hin wehte und wirbelte der Nordweststurm große Schneemassen, welchen in dem verhältnißmäßig milden Klima freilich kein zu langes Leben beschieden war. Es stürmte indessen und der Schnee knisterte gegen die Fensterscheiben, daß man sich weit oben im eisigen Kanada oder an den Quellen des Missouri hätte wähnen können, wo man die von dem Nordpol entsendeten Luftströmungen gleich aus erster Hand empfing.

Die Indianer reckten und dehnten sich in der von dem Kamin ausströmenden Gluth, bald die eine Seite, bald die andere gleichsam röstend und in wunderlicher Weise zu ihrem heiseren Gesänge mit der Hand den Takt auf der dröhnenden Brust schlagend.

»Hau – hau, kero – kero – li – la!« summte es zwischen den in bunter Reihe liegenden Gestalten der Omahas, des Mestizen und des listigen Brise-glace.

»Ot – toe, Wine – bag, Ot – toe, Winebag!«

Sans-Bois kauerte dicht neben dem Kamin; neben ihm auf einer zusammengerollten Bisonhaut saß Arthur.

»'s ist gar nicht, als ob man sich mitten in einer großen Stadt befände,« bemerkte Ersterer, indem er die Blicke über die singenden Indianer fort durch das Gemach sandte, welches sein Licht nur durch die lodernden Flammen in dem Kamin erhielt.

Arthur schaute ebenfalls um sich; Alles in seiner Umgebung schien ihn auch zum Nachdenken aufzufordern: Die eigenthümliche Ordnung, in welcher die phantastischen Kleidungsstücke und Waffen der Indianer theils an den rußigen Wänden hingen, theils auf der Erde umher lagen, wie die flackernde Beleuchtung, welche den ruhigen menschlichen Gestalten und den todten Gegenständen gewissermaßen Leben verlieh und die Schatten in tanzende Bewegung versetzte.

»Solche bequemen Zufluchtsstätten werden wir uns später schwerlich alle Tage erfreuen,« entgegnete er auf seines ergrauten Gefährten Anrede.

»Nun, wenn auch nicht alle Tage, so doch gelegentlich,« erwiderte Sans-Bois gleichmüthig, »und ist es nicht ein Handelsposten, auf welchem wir überwintern, so thun's auch die ledernen Wände eines Zeltes, oder eine gute Erdhöhle. Man kann sich überall zufrieden fühlen, vorausgesetzt, man ist fest entschlossen, mit der Vergangenheit zu brechen und dem Geiste einen unbegrenzten Raum zu traurigen Grübeleien zu gewähren. Diese nur selten unterbrochene Einförmigkeit – denn wo finden Sie im Westen Geistesverwandte – dient am wenigsten dazu, dem Leben Reize zu verleihen, und reiflich sollten Sie überlegen, bevor Sie hinter sich die Brücke zu einem Ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechenden Leben abbrechen.«

Arthur sah vor sich in die Flammen und schürte mit einem alten eisernen Ladestock die Gluth.

»Haben Sie selbst es doch über sich gewonnen, einen solchen Schritt zu thun,« versetzte er endlich träumerisch, »und in Ihren jüngeren Jahren waren Sie gewiß berechtigter, als ich, hohe Ansprüche an das Leben und seine Genüsse zu erheben.«

Des alten Jägers Gesicht verfinsterte sich, und erst nach längerem schmerzlichen Brüten nahm er die Unterhaltung wieder auf.

»Begingen Sie in Ihrem Leben Handlungen, welche Sie zu bereuen Ursache haben?« fragte er, ohne aufzublicken.

»Viel, sehr viel bereue ich,« antwortete Arthur nicht minder düster, »und da ich nicht mehr auf jene Grenze gestellt werden kann, von welcher aus ich den ersten Schritt in die weite Welt hinein that, ich aber nicht im Stande bin, den Stachel aus meiner Brust zu reißen, welchen ich selbst mir vermessener Weise in dieselbe eingrub, so bleibt mir kein anderer Ausweg, als – wie Sie es nennen – mit der Vergangenheit zu brechen.«

»Man kann tadelnswerthe Handlungen des Leichtsinns, des Jähzorns, des verletzten Stolzes, des ohnmächtigen Ringens nach Gold und Ruhm beklagen, ohne deshalb auch nur einen Hauch der Ehre eingebüßt zu haben; so lange das aber der Fall ist, steht die Rückkehr zu einem ruhigen und gesitteten Lebenswandel immer noch offen,« bemerkte Sans-Bois mit einem forschenden Seitenblick auf seinen jungen Gefährten.

»Eine ehrlose Handlung beging ich nie,« antwortete Arthur, und heimliche Entrüstung trieb ihm das Blut bis in die Schläfen hinauf; »übrigens kommt meine Vergangenheit durchaus gar nicht in Betracht, wenn ich den Entschluß gefaßt habe, mich dem Geräusch der civilisirten Welt zu entziehen. Ich will eben dahin gehen, wo ich der Möglichkeit ausweiche, Menschen zu begegnen, welche mich in meinen früheren Lebensverhältnissen kannten und deren leisestes Spottlächeln ich nicht zu ertragen vermöchte. Die Träume, zu welchen ich mich berechtigt glaubte, sind zerstoben, mich täuschen nicht mehr Sonnenblicke, die ebenso hell auf versengte Haiden, wie auf reich gesegnete grünende Fluren fallen.«

»Verstehen Sie unter Sonnenblicke das freundliche Lächeln der Adoptivtochter unseres gemeinsamen Freundes?« fragte San-Bois, und ein milder Schimmer breitete sich über seine eisenharten Züge aus.

Arthur zögerte.

»Nun ja,« versetzte er endlich, »das Lächeln dieses lieblichen Wesens kann immerhin mit einem belebenden Sonnenblicke verglichen werden, dessen sich alle Menschen, die in seinen Bereich treten, in gleichem Maaße erfreuen.«

»Aber wie, wenn gerade dieses liebliche Wesen mich unumwunden aufgefordert hätte, mit aller Macht dahin zu wirken, daß Sie Ihren Entschluß, nach dem Westen zu ziehen, aufgeben?«

»Das hat sie gethan?« fragte Arthur überrascht, während eine helle Freude aus seinen Augen leuchtete. Gleich darauf aber kehrte sein sinnender Ernst wieder zurück und unbewußt heftiger in der Gluth schürend, fuhr er, seine Worte langsam abmessend, fort:

»Wenn Fräulein Werth dergleichen zu Ihnen sprach, so lag unstreitig die unbestimmte Absicht zu Grunde, mich vor einem Leben zu bewahren, welches sie sich als ein äußerst gefahrvolles vorstellt. Etwas Dankbarkeit für geleistete Dienste, welche sie viel zu hoch anschlägt, mag wohl mit dabei sein, dagegen hege ich die feste Ueberzeugung, daß sie jeder andern ihr befreundeten Person ganz dieselbe Theilnahme erweisen würde. Ich kenne nur Einen, der sich einer höheren Bevorzugung von ihr erfreut, und das ist ihr Begleiter, der nicht nur ihr Vertrauen im weitesten Umfange besitzt, sondern dasselbe auch verdient. Doch gleichviel, selbst eine sichtbare Bevorzugung meiner Person würde mich nur veranlassen, meine Abreise zu beschleunigen; oder halten Sie etwa für möglich, daß ich, obwohl nur ein mittelloser Abenteurer – und beseelte mich die unergründlichste Liebe – es über mich vermöchte, nach den Schätzen des Herrn Braun zu streben, die ohne Zweifel einmal – zum Theil wenigstens – auf seine Adoptivtochter übergehen? Wie niedrig, unwürdig müßte ich mir selbst dem jungen Eberhard Braun gegenüber erscheinen, der nicht einmal von seinem nahen Verwandten andere Unterstützungen annimmt, als solche, welche ihm seine redlichen Arbeiten eintragen? Und er könnte gewiß über eine erhebliche Jahresrente verfugen, bestimmte ihn nicht ein hohes Selbstbewußtsein, ein gewisser männlicher Stolz, oder – ha – warum sage ich nicht: ein unverfälschtes Rechtsgefühl in seinen Handlungen!«

»Den jungen Braun halte ich nicht minder für einen Ehrenmann, wie den Begleiter des jungen Mädchens,« bemerkte Sans-Bois, noch immer schmerzlichen Betrachtungen hingegeben, »nur etwas überspannt, – ja, krankhaft überspannt erscheint er mir, denn anders kann ich die Aengstlichkeit nicht deuten, welche im Verkehr mit dem alten Braun in seinem Wesen zum Durchbruch kommt.«

»Aengstlich ist er sehr,« bekräftigte Arthur, und ein spöttisches Lächeln schwebte auf seinen Zügen, »doch lassen wir ihn, wer weiß, was er vor seinem Onkel zu verheimlichen wünscht.«

»Vielleicht seine Liebe zu Magnolia,« versetzte Sans-Bois, wie entschuldigend.

»Sie glauben – Sie halten für möglich?« fragte Arthur mit einer Heftigkeit, welche den hohen Grad seines Erstaunens bekundete.

Sans-Bois blickte dem jungen Mann befremdet in die Augen.

»Ihnen sollte es entgangen sein?« fragte er zurück, »doch ich vergesse,« fügte er gleich darauf erläuternd hinzu, »Sie hatten nicht die Gelegenheit, die beiden jungen Leute zu beobachten, wie ich, der ich längere Zeit unter den schwierigsten Verhältnissen in ihrer Gesellschaft reiste. O, ich begreife, Magnolia zählt noch immer zu den Farbigen; die beiden jungen Leute halten es deshalb wohl für gerathen, bis sie einen sicheren und ausführbaren Plan für die Zukunft entworfen haben, vorsichtig zu sein. Ist es doch zweifelhaft, daß der alte Braun, obwohl ein warmer Verfechter der Freiheit aller Farbigen, das zwischen seinem Neffen und Magnolia bestehende Verhältniß billigen würde.«

Arthur vernahm die letzten Worte kaum, so tief hatten ihn des alten Pelzjägers Mittheilungen ergriffen. Regungslos starrte er in die Flammen, die polternd in den Schlot hineinschlugen und den untern Theil des in seiner Hand befindlichen Schüreisens in Rothgluth versetzten.

»Also deshalb?« sprach er nach einer Weile halblaut, indem er das Haupt sinnend wiegte; dann stieß er mit dem glühenden Ladestock auf einen Holzblock, daß jener sich verbog, und er daher gezwungen war, das geschmeidige Eisen zwischen zwei andere Blöcke zu klemmen und es wieder gerade zu biegen.

»Worauf beziehen Sie sich?« fragte Sans-Bois, nachdem er Arthur längere Zeit gespannt beobachtet hatte.

Der Angeredete heftete seine Blicke durchdringend auf den alten Mann, als hätte er in seinem Innern lesen wollen, wie weit er seine Gedanken unabsichtlich verrathen habe.

»Ihre Enthüllungen verschaffen mir über Manches Klarheit, was mir vorher räthselhaft erschien,« sprach er darauf langsam und sichtbar erregt, »der junge Braun verdient vielleicht gar keinen Tadel, indem die Liebe zu einem ehrenwerthen Mädchen allein die Triebfeder gewesen ist – dann die sich ihm voraussichtlich entgegenstellenden Hindernisse – man kann sich zu unüberlegten Handlungen hinreißen lassen« –

»Zu unüberlegten Handlungen?« fragte Sans-Bois befremdet.

»Ich meine, zu einem so seltsamen Wesen,« versetzte Arthur mit einer leichten Verwirrung, »und seltsam ist es in so hohem Grade, weil Offenheit wohl ursprünglich in seinem Charakter liegt.«

»Und dennoch hat er es verstanden, meine herzlichste Theilnahme für sich zu gewinnen, so daß ich bei ihm mehr, als bei irgend einem andern Menschen geneigt bin, Alles zu entschuldigen,« bemerkte Sans-Bois, wie zu sich selbst gesprochen, »sogar die Scheu, an seine Eltern zu schreiben, dagegen es Andern anheim zu stellen, über sein Wohlergehen nach Europa zu berichten, findet eine Erklärung darin, daß unbezähmbarer Hochmuth ihn von der Heimath forttrieb und er sich daher schämt, wieder unmittelbar mit derselben in Verbindung zu treten, bevor er im Stande ist, zu beweisen, daß sein übereilter Entschluß dennoch zu einem guten Ende führte.«

»Eberhard Brauns Stolz ist unbeugsam,« bekräftigte Arthur, und im Tone seiner Stimme lag wiederum ein bitterer Spott; »doch was halten Sie von Redsteel?«

»Redsteel? Ich kann nur mein Erstaunen darüber ausdrücken, daß ein Mann, wie Braun, ihm sein Vertrauen schenkt.«

»Sie haben ihn also durchschaut?«

»Ich glaube, seinen Charakter genugsam zu kennen, fühle mich aber nicht veranlaßt, gegen ihn aufzutreten, oder ihm mein Mißtrauen zu verstehen zu geben.«

»Er scheint einen schwer wiegenden Einfluß auf Eberhard Braun auszuüben?«

»Das läßt sich nicht leugnen.«

»Während dieser wieder eine gewisse Scheu vor ihm hegt.«

»Auch das habe ich bemerkt.«

Arthur schaute längere Zeit, wie über irgend einen Gegenstand ernstlich nachdenkend, vor sich in die Flammen.

»Ihr Aufschluß über das zwischen Eberhard und Magnolia bestehende Verhältniß überrascht mich,« sprach er endlich, und auf seinem Antlitz wogte es wie ein Heer von Zweifeln, »und ich möchte meinen hiesigen Aufenthalt jetzt wohl noch etwas verlängern – ich meine – nun – vielleicht können wir ihm einen Dienst leisten.«

»Dem Eberhard?« fragte Sans-Bois, seinen zukünftigen Jagdgenossen wieder forschend betrachtend, »wie sollte das möglich sein? Doch wir haben keine Eile; das Wetter würde uns überhaupt in den nächsten Tagen nicht begünstigen – wäre aber das Ergebniß einer Zögerung, daß Sie Ihren Entschluß änderten – so ungern ich Ihre Gesellschaft einbüße – ich würde es dennoch willkommen heißen.«

»Mein Entschluß ist unerschütterlich,« antwortete Arthur entschieden, »in der civilisirten Welt suche ich nichts mehr, hoffe ich nichts mehr; ich habe gebrochen mit Allem, was hinter mir liegt. Auch ich besitze meinen Stolz, und dieser Stolz bildet eine unübersteigliche Scheidewand zwischen mir und denjenigen, die mich einst kannten und mir, als einem Verstorbenen, vielleicht heute noch ein freundliches Andenken bewahren.«

»Leben Ihre Eltern noch?« fragte Sans-Bois wie im Traume.

»Sie leben noch,« antwortete Arthur eintönig, »und hoffentlich haben sie sich zur Zeit über den Verlust ihres Sohnes getröstet. Sonstige Verwandte aber und Jugendbekannte? Ha! Trauen Sie mir zu, daß ich als Bettler vor meine wohlhabenden Verwandten hintreten möchte, oder daß ich den Muth besäße, hinter den Freudenthränen der Eltern den namenlosen Kummer zu berechnen, welchen ihr ungerathener Sohn ihnen bereitete, und mich schließlich noch von ihnen, den Alternden, die selbst nicht im Ueberfluß leben, durch ihrer Hände Arbeit ernähren zu lassen? Nein, lieber beweint als ein Gestorbener, denn betrauert und bemitleidet als ein Gesunkener. O, Sie ahnen nicht, was es bedeutet, Andere und sich selbst in unsäglichen Kummer gestürzt zu haben, der nie wieder, durch kein Mittel der Welt, selbst nicht durch die Verwirklichung eines holden, flüchtigen Traumes ungeschehen gemacht werden kann.«

»Schwebte Ihnen im Traume etwa das Bild der lieblichen Adoptivtochter Brauns vor?« fragte Sans-Bois mit freundlicher Theilnahme.

Arthur errötete, und Tausende von Funken schickten die brennenden Holzkloben in den Schlot hinauf, vor der Heftigkeit, mit welcher er, mittelst des Ladestocks, die obersten Scheite zurückstieß.

»Das habe ich nicht gesagt,« erwiderte er heiser vor innerer Aufregung, »und hätte ich es gedacht, wäre es eben ungerechtfertigt und tadelnswerth gewesen. Ha, mit welchem Rechte dürfte ich überhaupt wagen, störend auf ein Verhältniß einzuwirken – welches nicht inniger, nicht hingebender, nicht freier von jeder unedlen Leidenschaft gedacht werden kann, als das zwischen Anna und Johannes? O, Sie hätten nur hören sollen, mit welchem heiligen Vertrauen er mir die schönen Herzenseigenschaften seiner geliebten Anna schilderte, mit welchem Stolz er darauf hindeutete, daß derjenige, der sie einst besitzen würde, den Himmel auf Erden finde! Doch wohin verirren sich meine Gedanken? Der Westen ist fortan meine Heimath – sprechen wir daher lieber von dem schönen, dem romantischen Westen!«

Sans-Bois' wetterzerrissenes Antlitz erhielt bei diesen von Arthur mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit, fast höhnisch ausgestoßenen Worten einen unendlich schwermüthigen Ausdruck, und erst nach einer längeren Pause fragte er mit tiefem Ernste:

»Glauben Sie wirklich, in den westlichen Wildnissen Heilung für Ihr augenblicklich vielleicht zerrissenes Gemüth zu finden? Hoffen Sie wirklich, daß sich dort die Ereignisse so schnell an einander reihen, daß Ihnen nicht Zeit bleibt, über das, was Sie bekümmert, nachzudenken? O, wie täuschen Sie sich! Der bitterste Feind eines zu Grübeleien hinneigenden Menschen ist die Einsamkeit. Vertrauen Sie mir, seit beinahe einem Vierteljahrhundert durchstreife ich nunmehr schon den fernen Westen, um geistige Ruhe zu finden, um zu vergessen, allein vergeblich. Doch ich klage nicht, ich habe mein Geschick verdient, während Sie – doch was hält mich zurück, Ihnen meine Vergangenheit zu schildern? Und gelingt es mir dadurch, Sie von Ihrem unseligen Vorhaben zurückzubringen, so habe ich – nun so habe ich wenigstens nicht ganz umsonst gelebt.« –

Die Indianer hatten, Einer nach dem Andern, ihren monotonen Gesang eingestellt und waren eingeschlafen. In dem durchwärmten Räume der Decken nicht bedürfend, lagen die kriegerischen Gestalten in den malerischsten Gruppen da. Ueber sie hin flog die flackernde Beleuchtung, daß es den Eindruck hervorrief, als seien sie von krampfhaften Zuckungen befallen worden, oder im Begriff gewesen, emporzuspringen und nach ihren blanken Waffen zu greifen. Selbst die Waffen, die, vereinigt mit wunderlichen Zierrathen und eigenthümlichen Kleidungsstücken in bunter Ordnung an den Wänden umherhingen, schienen zu leben und die Zeit nicht erwarten zu können, in welcher sie von ihren braunen Eigenthümern wieder angelegt werden würden.

Gegen die Fensterscheiben knisterte der Schnee; heulend fuhr der Februarsturm in den Schornstein. Die Indianer athmeten lang und tief; unverständlich entwanden sich hin und wieder ihren Lippen gemurmelte Worte, entnommen den Träumen, welche sie in ihre alten geliebten Jagdgründe zurückversetzten, wo sie einst den Bogen spannen, aus rothem Stein den Pfeifenkopf schnitzen und mühsam glatt schleifen lernten.

Sans-Bois, Arme und Oberkörper auf die emporgezogenen Kniee gestützt und die Augen den lodernden Flammen zugekehrt, erzählte:

»Auch ich hatte meine Jugend, eine heitere, frohe Jugend, auf welche ein schönes Mannesalter hätte aufgebaut werden können, wäre nicht durch angeborenen Leichtsinn in Gemeinschaft mit den verderblichsten Grundsätzen, welche mir von denjenigen, die mich belehren sollten, eingeimpft wurden, mein Untergang herbeigeführt worden. Heute ein Pelzjäger, war ich daheim ein Edelmann; die Ueberzeugung, besser zusein, als andere Menschen, es als eine Ehre für den Bürgerstand zu betrachten, – doch weshalb mich in die Erinnerung an jene glänzenden, aber auch schmachvollen Tage versenken? Hin ist hin, und von dem hochmüthigen Edelmann und Officier ist nichts geblieben, als ein alter, vereinsamter und verwitternder Stamm.

»Und dennoch schien ein gütiges Geschick sich die Aufgabe gestellt zu haben, mich dem Sumpfe des Lasters zu entreißen, in welchen ich, gemeinschaftlich mit einzelnen Kameraden, von Tag zu Tag tiefer gesunken war.

»Eingenommen durch mein stattliches Aeußere, am wenigsten aber durch meine geistigen Eigenschaften, welche künstlich zu umhüllen ich meisterhaft verstand, folgte ein braves und zugleich schönes Mädchen, die Tochter wohlhabender bürgerlicher Eltern, mir zum Altar. Wie meine Frau schon wenige Tage nach unserer Hochzeit ihre Meinung über mich änderte, lasse ich unerörtert; ich deute nur an, daß ich glaubte, durch meine Verheirathung mit ihr eine hohe Ehre auf sie und ihre ganze Verwandtschaft übertragen zu haben und dafür berechtigt zu sein, ihr Vermögen nach besten Kräften in kürzester Zeit zu vergeuden.

»Die Eltern meiner Frau, gegen mich sowohl, als auch gegen den ganzen Stand, welchem ich angehörte, streng eingenommen, hatten nämlich ihre Einwilligung zu der Heirath ihrer Tochter versagt, dann aber, als diese mit aller Macht auf ihrem Entschluß beharrte – und ich verstand es ja, sie nach meinem Willen zu lenken – ihr das ihr von Rechtswegen gebührende Erbtheil ausgezahlt, mit der Bedingung, sich von dem Tage der Hochzeit an nicht mehr als zu ihrer Familie gehörig zu betrachten. Mir selbst konnte diese Bedingung nur willkommen sein, während meine Frau kaum zum Bewußtsein ihrer Lage gelangte, indem ich sie, wo nur immer thunlich, mit in den Strudel der Vergnügungen hineinriß.

»Anfangs sträubte sie sich zwar, mit gütigen Worten und freundlichem Flehen darauf hinweisend, daß sie eine größere Zurückgezogenheit an meiner Seite erwartet hätte; sobald ich aber, nachdem ich einigemal ihre geäußerten Bedenken von ihren Lippen fortgeküßt hatte, herrisch auftrat, mit wahrhaft teuflischer Rohheit unsern Standesunterschied hervorhob und ihre Neigungen meinen sogenannten noblen Passionen gegenüber kleinbürgerlich und gemein nannte, verstummte sie, um nie wieder eine ähnliche Klage an mich zu richten.

»O mein Gott, hätte ich die arme mißhandelte Frau damals als meinen guten Engel betrachtet und mich von ihr lenken und leiten lassen, ihr irdisches Glück wäre nimmer zerstört worden, und das meinige? Ha! Welche Ansprüche hätte ich schon damals an wahres Glück erheben dürfen, wenn nicht eben das meiner armen mißleiteten Frau dadurch bedingt gewesen wäre?

»Ich stürmte wild und rücksichtslos ins Leben hinein, und unter meinen Kameraden befand sich kein einziger, der nicht mit Freuden bereit gewesen wäre, mir das Vermögen meiner Frau, der bürgerlich Geborenen, verprassen zu helfen, wie man mir bei Vergeudung meines eigenen schon hülfreich zur Seite gestanden hatte. War ich erst ruinirt, war es ja immer früh genug, den Umgang mit mir abzubrechen und mir den wohlmeinenden Rath zu ertheilen, schleunigst um meinen Abschied einzukommen. O, jene Zeiten! Wie schmeckte meinen leichtsinnigen Kameraden, die gleich mir auf einen Geschäftsmann, wie auf ein nützliches Thier niederschauten, ähnlich wie die Sklavenbarone die farbigen Racen betrachten, der Champagner, der von dem Golde bezahlt wurde, welches hinter dem Ladentisch verdient worden war! Und wie zogen sie das mit bürgerlicher Betriebsamkeit ersparte und erworbene Gut an sich, wenn die treulosen Karten im Spiel über dasselbe entschieden! Und die Eltern meiner Frau? Freilich, sie wußten, was sie thaten, als sie am Tage der Hochzeit ihrer Tochter einen Revers von ihr unterschreiben ließen, laut dessen sie sich mit der ihr zuerkannten Summe für abgefunden erklärte; sie wußten, was sie thaten, als sie dieses Uebereinkommen unter der Hand veröffentlichten und mir dadurch den Credit abschnitten, welchen die Verwandtschaft mit ihnen mir sicherlich hier und da eröffnet hätte. Einestheils wollten sie selbst sich durch solches Verfahren gegen empfindliche Verluste schützen, anderntheils besaßen sie noch mehr Kinder, und endlich wünschten sie auch den Zeitpunkt nicht noch weiter hinauszuschieben, bis zu welchem ich ruinirt sein, ihr Kind aber wieder zu ihnen zurückkehren würde.

»Im zweiten Jahre unserer Verheirathung wurde uns ein Knabe geboren. Ich freute mich wohl über das Kind, zugleich verdroß es mich aber, daß die Kameraden meinen Sohn in Anfällen heiterer Laune den Halbblütigen nannten. Genug, eine reine Freude vermochte ich schon lange nicht mehr zu empfinden, weil meine Vermögensverhältnisse im höchsten Grade zerrüttet waren und der Haß, welchen ich den Eltern meiner Frau nachtrug, theilweise auf diese und den unschuldigen Knaben übergegangen war. Es kann daher nur Trotz genannt werden, was mich dazu bewog, eine Taufe zu feiern, so glänzend und auffallend, wie sie im gewöhnlichen Leben nicht leicht stattfindet, die aber auch bei den tollen Festlichkeiten, welche ich veranstaltete, den letzten Rest des Vermögens meiner Frau verschlang.

»Meine unglückliche Frau war nicht blind für mein unsinniges Treiben, allein kein Wort der Klage kam über ihre Lippen; selbst als sie die untrüglichsten Beweise meiner Treulosigkeit empfing, enthielt sie sich jeden Vorwurfs. Ein unbeugsamer Stolz beseelte auch sie, und mochte sie heimlich unzählige Thränen über ihren kleinen unschuldigen Knaben weinen, so wäre sie doch lieber gestorben, als gegen diejenigen in die Schranken getreten, durch deren Gesellschaft ich mich und sie mit mir so tief entwürdigte.

»Als ich wenige Tage nach der tollen Taufe vor sie hintrat und sie zuerst bat, dann aber unter der Drohung, mich vor ihren Augen zu erschießen, sie aufforderte, von ihrem Vater, der nicht einmal in derselben Stadt mit uns lebte, Hülfe zu verschaffen, lernte ich ihren Stolz erst in seinem ganzen Umfange kennen. Ich erröthete vor ihr, theils aus Scham, theils vor Wuth über ihre Weigerung, meinem Willen nachzukommen.

»Ich habe mit Dir im Ueberfluß gelebt,« sagte sie mit ruhiger Erhabenheit, »ich kann mit Dir auch Mangel und Entbehrungen erdulden. Was ich von meinen Eltern erwarten durfte, habe ich erhalten; ich verließ sie mit einem ansehnlichen Vermögen, und schon in Deiner Seele bin ich zu stolz, als Bettlerin vor ihnen zu erscheinen.«

»So trage denn die Folgen Deines Eigensinns!« rief ich wuthbebend aus, und ich stürmte davon, um noch an demselben Abend meine Laufbahn als wirklicher Spieler zu beginnen.

»Thor, der ich war! Nicht ungewandt im Volteschlagen, welche Fertigkeit ich bisher dazu benutzte, in geselligen Kreisen zu unterhalten, glaubte ich in meiner wahnsinnigen Aufregung, dieselbe jetzt zur Verbesserung meiner Vermögensverhältnisse anwenden zu können. Doch ich hatte es nicht mit Neulingen zu thun; nach dem ich gezwungen gewesen, mein falsches Spiel mehrfach als Irrthum zu entschuldigen, mußte ich richtig spielen, wollte ich nicht den gegen mich erwachten Verdacht in Ueberzeugung verwandeln und die entsetzlichsten Folgen auf mich laden.

»Meine Aufregung stieg dadurch aufs Aeußerste; diejenigen, mit denen ich spielte, besaßen wohl kaum einen höhern moralischen Werth, als ich; auch sie waren heftig erregt, wenn ihre Hitze auch mehr dem Genusse des Weines zugeschrieben werden durfte. Ich setzte daher hohe Summen auf Ehrenwort, obgleich ich wußte, daß ich im Falle des Verlierens sie nie würde bezahlen können.

»Wer das Geschick einmal herausgefordert hat, um sich von ihm verderben zu lassen, den verdirbt es mit schnellen Schlägen. So erging es auch mir in jener unheilvollen Nacht, denn kaum hatte ich meine sogenannte Ehre eingesetzt, da war sie schon verloren.«

Hier neigte Sans-Bois das Haupt auf die Brust und als er nach einer Weile wieder aufsah, schimmerten seine Augen feucht.

»Entsetzen Sie sich nicht vor mir,« wendete er sich an Arthur, »denn schwer habe ich gebüßt für die in meiner Jugend begangenen Verbrechen. Ich wurde getrennt von Allem, dessen Werth ich erst nach dieser Trennung kennen lernte, und nur noch wie durch einen dichten Nebel hindurch blicken aus jenen längst vergangenen Tagen Gestalten zu mir herüber, die ursprünglich bestimmt gewesen, mir das höchste Glück zu bereiten.

»Doch ich bin noch nicht zu Ende; indem ich mich lebhaft in die Erinnerung an die größte Schmach meines Lebens versenkte, empfand ich nur eine gewisse Scheu, dieselbe vor Ihnen zu enthüllen. Es ist überwunden jetzt, ich bin bereit, fortzufahren, nur das Nennen von Namen werden Sie mir erlassen.

»Ich bin ruinirt! Rief ich also an jenem verhängnißvollen Abend aus, und das Blut drang mir so heftig nach dem Kopfe, daß ich glaubte, es würde meinen Verstand verwirren und mir die Schläfen zersprengen; ich bin ruinirt, wenn mein letzter Einsatz nicht angenommen wird.

»Bei diesem wahrscheinlich mit unheimlichem Ausdruck hervorgebrachten Rufe richteten sich alle Augen erwartungsvoll auf mich. Ich aber hohnlachte, und meinen ganzen Haß gegen die Eltern meiner Frau zusammenraffend, die mich zwar retten konnten, aber nicht wollten, sprach ich mit erzwungener Ruhe:

»Zu welchem Preise wird meine Frau angenommen?«

»Niemand antwortete. Ich glaube, man hielt mich für verrückt; denn erst als ich auf Ehrenwort versicherte, daß der gräßliche Vorschlag ernstlich gemeint sei, frischten sich die Gemüther wieder auf und ich vernahm die zum Theil mit lallender Stimme ertheilten, bezeichnenden Fragen:

»»Was? Die schöne Bürgerliche? Die Krämertochter? Die unebenbürtige und daher Ungültige?««

»Ja, die schöne bürgerliche Ungültige! Rief ich aus, denn wie vergiftete Stacheln drangen die nichtswürdigen Bemerkungen in meine Seele ein, die schöne Bürgerliche, die Krämertochter, die Mutter eines Bastards, aber noch immer ein Weib, wie es nicht verlockender gedacht werden kann.

»O, es waren entsetzliche Worte; aber noch entsetzlicher, daß man auf meine Anerbietungen einging und bald darauf die Karten über hohe Summen und meine Frau entschieden.

»Die Geldsumme gewann ich, das heißt die Summe, welche ich bereits schuldete, wogegen ein mit dem Namen meiner Frau beschriebener Zettel von der einen Hand in die andere wanderte.

»Was wir bei diesem grausigen Handel dachten, ist mir nie recht klar geworden; ich entsinne mich nur, daß wir in jener Stunde bacchanalischer Aufregung den Zettel ebenso betrachteten, wie ein südlicher Pflanzer etwa den auf eine hübsche und verkäufliche Mulattin lautenden Schuldschein, mit dem Unterschiede, daß jener sich in der That nur als ein elendes Stück Papier auswies.

»Erst zwei Tage später kehrte ich nach Hause zurück. Eine Art Scham hatte sich meiner bemächtigt; ich wagte es nicht, meiner Frau unter die Augen zu treten, und als ich endlich nicht umhin konnte, da versuchte ich, eine Miene zu erheucheln, als ob die Gerüchte, welche wirklich bis zu ihr gedrungen waren und für deren Wahrheit sich sogar der schlagendste Beweis in ihren Händen befand, auf böswilliger Erfindung beruht hätten. Mit heiterer Miene näherte ich mich ihr, sogleich nach unserm Sohne fragend.

»»Ihr Sohn ist todt für Sie, mein Herr!«« tönte es mir von den bebenden Lippen wie ein Gottesurtheil entgegen, »»und mit Rücksicht auf meine Person kann ich Sie nur bitten, diese beiden Gemächer so lange zu meiden, bis ebensowohl über Ihre Stellung in der Armee, als auch über unser eheliches Verhältniß höheren Ortes entschieden worden ist.««

»Dies sind die letzten Worte, welche ich von meiner Frau vernahm. Ihr zu antworten vermochte ich nicht in meinem Schuldbewußtsein. Mit einem schlecht erkünstelten, hochmüthigen Achselzucken verließ ich das Zimmer; die Schmähungen gegen die Krämerfamilie, welche mir auf der Zunge schwebten, erstarben, bevor sie eine meinem Haß entsprechende Form gewonnen hatten.

»Schon am andern Tage erhielt ich einen Urlaub auf unbestimmte Zeit, welchem bald darauf mein Abschied nachfolgte. An diesen aber schloß sich binnen kurzer Frist die Scheidung von meiner Frau an, aus welcher ich mit einer Summe hervorging, gerade ausreichend, das Land verlassen zu können.

»Ich ging nach New-York, von wo aus ich versuchte, mit meiner geschiedenen Frau in Briefwechsel zu treten. Meine Briefe blieben indessen unbeantwortet; meine Frau hatte gesagt, sie und ihr Kind würden todt für mich sein und sie verstand es besser, als ich, Wort zu halten.

»Die Mittel, welche ich von Europa mit fortgenommen hatte, neigten sich, trotz meiner großen Sparsamkeit, schnell ihrem Ende zu, und jetzt erst gelangte ich so recht zu dem Bewußtsein meiner gänzlichen Werthlosigkeit.

»Zerrissen, unheilbar zerrissen waren die Bande, welche mich an die Heimath fesselten. Ungeliebt, verachtet, vielleicht sogar verflucht von denjenigen, welchen ich in treuer Anhänglichkeit hätte zugehören sollen, mußte ich fortan einsam meinen Weg wandeln, nur begleitet von marternden Gewissensbissen, nicht einmal getröstet durch eine einzige, wehmüthige, milde Rückerinnerung.

»Zum Officier erzogen, eignete ich mich nicht für das Geschäftsleben, um einen andern Erwerbszweig einzuschlagen, reichten meine geringen Kenntnisse nicht aus. Den Westen betrachtete ich daher als das einzige Feld, auf welchem ich glaubte, mich nothdürftig durchschlagen zu können, und dahin lenkte ich meine Schritte, sobald die äußeren Verhältnisse es mir gestatteten.

»Beinahe fünfundzwanzig Jahre sind verstrichen, seit ich zum ersten Male die Prairie betrat, aber auch dort mußte ich mich lange zu Dienstleistungen für Andere verstehen, bevor ich als Pelzjäger und Fallensteller anerkannt wurde und im Kreise dieser verwegenen, halbwilden Leute mitsprechen durfte.

»Bald als Freitrapper, bald im Dienste der Pelz-Compagnie habe ich diese Zeit verbracht – heute ist es mir, als seien die Jahre im Fluge entschwunden, und dennoch, wie langsam verrannen die Stunden, welche ich in tiefer Einsamkeit des Winters, mit keiner andern Gesellschaft, als der meiner trüben Betrachtungen verlebte. Mein Haar ist ergraut, meine Kräfte nehmen ab, trotzdem meine ich oft, es sei erst gestern gewesen, als ich – doch wozu? An das Enteilen der Zeit werde ich täglich gemahnt; denn bei jedem neuen Blick in die Vergangenheit erscheinen mir die einst so trauten Gesichter fremder und undeutlicher, als sei es nur ein wüster Traum gewesen, welchen ich einst im rüstigsten Jugendalter träumte. O, mein Gott! Wäre es doch nur ein Traum gewesen.«

Traurig, unendlich traurig klang Sans-Bois' Stimme, als er die Schilderung seines Lebens schloß und dann wieder düster in die Flammen stierte.

»Und von den Ihrigen hörten Sie nie wieder?« fragte Arthur endlich, dessen innigste Theilnahme durch die Bekenntnisse des alten Jägers wach gerufen worden war.

»Nein,« lautete die eintönige Antwort; »nachdem die ersten Versuche, wenigstens Nachricht über meinen Sohn zu erhalten, gescheitert waren, gab ich alle ferneren Versuche auf, wohl erwägend, daß es für die Ruhe derjenigen, die ich einst Gattin nannte, wie für mein eigenes Kind besser sei, zu den Todten und Verschollenen gerechnet zu werden. Das Urtheil über Verstorbene lautet ja immer etwas milder; vielleicht habe ich dadurch erreicht, daß die arme gekränkte Frau, wenn ihr Sohn nach seinem Vater fragte, ein freundlicheres Bild von dem längst Dahingeschiedenen entwarf. Vielleicht sind beide auch schon todt. Wer kann es wissen? Ich erfuhr nicht einmal, ob meine Frau wieder in ihr elterliches Haus zurückgekehrt sei, oder eine gänzliche Trennung von demselben vorgezogen habe. Letzteres ist wahrscheinlicher, indem sie einen Stolz besaß, der ihr wohl gestattete, den härtesten Entbehrungen und Widerwärtigkeiten zu begegnen, allein nicht die Vergebung und Mildthätigkeit selbst ihrer eigenen Eltern anzuflehen.

»Sie kennen jetzt meine Lebensgeschichte,« fuhr Sans-Bois nach längerem trüben Sinnen zu Arthur aufschauend, mit einem schmerzlichen Seufzer fort, »schwerwiegende Umstände waren erforderlich, diese Bekenntnisse über meine Lippen zu locken, die Scheu zu besiegen, welche ich empfinde, andere Menschen zu Mitwissern meiner Vergehen und meines Grames zu machen. Sie sind jetzt in der Lage, Vergleiche anzustellen; nähern sich Ihre Erfahrungen den meinigen, möchten auch Sie durch das Aufsuchen der Einsamkeit die Strafen verschärfen, welche Ihnen aus Ihrem eigenen Gewissen erwachsen, dann führen Sie Ihren Vorsatz immerhin aus; sonst aber rathe ich Ihnen, nur einen Blick in jene ungastlichen Wildnisse zu werfen, um demnächst in den Bereich der Civilisation zurückzukehren und unverdrossen aufs Neue den Kampf mit dem Geschick aufzunehmen.«

»Möchten Sie meine Vergangenheit kennen, um selbst zu entscheiden?« fragte Arthur zerstreut; denn was er eben gehört hatte, beschäftigte seinen Geist ausschließlich aufs Lebhafteste.

»Nein nein, heute nicht mehr,« antwortete Sans-Bois schwermüthig, wie erschöpft, »vielleicht später, wenn Sie Ihre jetzige Absicht geändert haben werden.«

»Ja, später,« stimmte Arthur nachdenklich zu. Dann erhoben sie sich, um sich auf ihre Lagerstätten zu verfügen. –

Der Sturm heulte noch immer in seiner alten Weise; der Schnee knisterte gegen die Fensterscheiben und begleitet von scharfem Knacken und dumpfem Poltern wanden sich die Flammen aus dem Kamin in den schwarzen Schlot hinauf. Die braunen Krieger träumten; wie verworrene Traumgebilde tanzten bei der unsteten Beleuchtung ringsum die an Pflöcken hängenden Waffen und die wunderlich mit Perlen und Stacheln des Stachelschweins geschmückten Kugeltaschen. Langsam und tief athmeten die Indianer; kurz und unregelmäßig, oft schmerzlichem Seufzen ähnlich drangen des Pelzjägers und Arthurs Athemzüge herüber; sie schienen trotz der späten Stunde keine Ruhe zu finden.

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