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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Vierter Band

Fünfunddreißigstes Capitel. Stromaufwärts.

»Calculir', Ihr seid in einer verdammt harten Lage hier gewesen!« rief Kapitän Iron aus, indem er, in den Prahm hinüber geklettert, allen Anwesenden, die beiden vor Entsetzen halb ohnmächtigen Mädchen nicht ausgenommen, der Reihe nach mit derselben Herzlichkeit die Hände drückte und schüttelte; »wäre, bei Gott! längst beigesprungen, konnte nur nicht ausmachen in der Finsterniß, wo ich eigentlich an die rechte Thüre klopfte. Errieth wohl, daß hier gutes Unionsblut in Gefahr schwebte, hätte aber in der Hitze ebenso gut Euch, wie den schurkischen Rebellenhunden, ein halb Pfund Blei zuschicken können.«

»Ihr gehört zu Shermans Vorhut?« fragte Sans-Bois verwundert mit einem Seitenblick auf das lange Boot, in welchem die zehn Matrosen und Sailstich schweigend in Reih und Glied saßen.

»Nicht ganz,« lachte Kapitän Iron zurück, und vor Freude knirschte er mit den Zähnen, als hätte sich ein alter Schiffszwieback zwischen denselben befunden; »läßt sich indessen nicht leugnen, daß wir seit einigen Tagen unter dem Schutze von Shermans Vorhut reisten. Und verdammt gutes Reisen war's obenein, keine Noth an Lebensmitteln, keine Gefahr, kurz, alles so, wie man's für 'ne junge Dame nur immer wünschen kann. Aber bei Gott, Sailstich, die werden in Sorge sein, wie der Spaß abgelaufen ist; fahrt schnell hinüber und beruhigt sie, schifft etwas von Eurer Mannschaft aus und dann kehrt zurück; calculire nämlich, die guten Leute haben nicht Lust, auf diesem merkwürdigen Riff zu überwintern.«

»Aye, aye, Herr!« knarrte die verrostete Ankerwinde in gewohnter Weise, und das Boot flog dem Ufer zu.

»Also auch Ihr habt Frauen in Eurer Begleitung?« fragte der Pelzjäger mit einer leichten Handbewegung auf Magnolia und Bella, die, sich gegenseitig unterstützend, neben ihm standen und hinter welchen die muthigen Vertheidiger des Flachbootes sich herandrängten. »Frauen eigentlich nicht,« antwortete Kapitän Iron sorglos, »aber so 'n Stückchen von 'nem Engel, calculire ich, und dann noch 'nen deutschen Gentleman und einen gefangenen Rebellenofficier.«

»Haben sie dort am Ufer nichts von den Feinden zu befürchten?«

»Nicht 'n feindlicher Athemzug bedroht sie,« betheuerte der Kapitän, »denn – ha – schaut nur hinüber,« unterbrach er sich selbst, indem er nach dem südlichen Scheiterhaufen hinüberwies, wo einige Schüsse gefallen waren und gleich darauf berittene Soldaten über den beleuchteten Theil der Straße sprengten und schnell wieder in der Dunkelheit verschwanden. »Haben sich wacker herangehalten, die Burschen, ist's doch noch nicht lange her, als ein flüchtiger Neger uns in unserm Nachtquartier aufstörte mit der Nachricht, daß der Teufel hier los sei. 's soll 'ne Menge gestohlener Farbigen drüben campiren?«

»Mehrere Hundert,« antwortete Sans-Bois, der wieder in seinen gewöhnlichen sinnenden Ernst verfallen war; »gebe Gott, daß sie befreit werden, bevor noch einige von ihnen dem unersättlichen Rachedurst ihrer Peiniger zum Opfer fallen.«

»Werden's schon machen, bester Maat zu Lande,« nahm der Kapitän wieder heiter das Wort, »'s ist dies nicht die erste Räuberbande, welcher sie's Handwerk legen – aber, bei Gott, bester Maat zu Lande, sollte man doch meinen, sich im Paradies zu befinden und das Bischen Knallen und Pulverdampf sei nur Scherz gewesen, denn irre ich nicht, kommt dort ein Flußdampfer herunter. Soll mich wundern, mit wem der's hält; müssen ihn jedenfalls anhalten und nach Contrebande an seinem Bord suchen. Alle Teufel! Hätte selbst nie gedacht, daß ich so kriegerisch werden könne, macht aber die Gewohnheit, calculir' ich, und dauert das noch lange, wird wohl das letzte Bischen Gefühl zum Henker gehen.«

Auf des redseligen Kapitäns Bemerkung hatten sich alle Blicke stromaufwärts gewendet, wo man in der That ein sich fortbewegendes, hoch angebrachtes Licht bemerkte, welches zwei Funkengarben begleiteten, die augenscheinlich den Schornsteinen eines noch hinter der nächsten Strombiegung einherbrausenden Dampfers entstiegen.

»Savannah ist gefallen? Ich hörte wenigstens einzelne auf dieses Ereigniß hindeutende Rufe,« fragte Redsteel plötzlich wieder ermuthigt.

»Mann, es ist gefallen,« rief der Kapitän von wilder Freude beseelt aus, »wo die hündischen Sklavenbarone von dem Fleisch und dem Mark ihrer Mitmenschen praßten, da wehen jetzt die echten lustigen Sterne und Streifen, und Sherman hat bereits seinen Marsch nordwärts angetreten, wo die Insurrection den letzten Todesstoß empfangen soll!«

»Dann wäre der Weg nach Savannah offen und sicher?« fragte Redsteel weiter.

»Calculire, er ist's; soll mich aber nicht hindern, stromaufwärts zu reisen, einestheils meinetwegen, und dann möchte ich auch gern diejenigen, die sich meinem Schutze anvertrauten, an Ort und Stelle abliefern.«

»Hättet Ihr wohl noch einige Plätze offen in Euerm Boote?«

»Wird schwerlich angehen, mein guter Herr, sind schon mehr, als vollzählig; aber wenn Euch sehr darum zu thun wäre und es geschähe den beiden Damen hier ein Gefallen damit, möchten wir, calculir' ich, ihretwegen noch 'ne Kleinigkeit zusammenrücken.«

Redsteel sann noch darüber nach, ob er die beiden Plätze nicht lieber für sich selbst und Eberhard, welchen er nunmehr als seinen größten Schatz betrachtete, in Anspruch nehmen sollte, als das Dampfboot um die Uferwindung herumbog und, indem es mit voller Dampfkraft dem Hauptkanal des Stromes nachfolgte, sich schnell näherte.

»Kein Militär an Bord,« bemerkte der Kapitän, dessen Aufmerksamkeit ausschließlich dem Dampfer zugewendet war, während die Andern mehr nach dem Ufer hinüberlauschten, wo ein furchtbares, ohrenzerreißendes Jubelgeheul aus Hunderten von Kehlen bekundete, daß das kurze Gefecht der Unionssoldaten mit den Sklavenräubern die Befreiung der armen Farbigen bewirkt habe. »Nein, kein Militär an Bord, nicht einmal viel Passagiere, oder der Kasten müßte heller erleuchtet sein. Was meint Ihr, Maat zu Lande,« wendete er sich darauf an Sans-Bois, und seine erwachende Kriegslust äußerte sich unverkennbar in dem Krachen, mit welchem er auf einem feindlichen Mörser kaute, »calculire nämlich, wenn wir den Dampfer entern und zu unserm eigenen Vortheil benutzen? Haben meine Burschen doch in diesen Tagen gerudert, als ob man die besten Vollmatrosen auf der Landstraße nur aufzulesen brauche, 's wäre ihnen 'ne kleine Erleichterung wohl zu gönnen.«

»Entern?« fragte Sans-Bois zweifelnd, denn seine Begriffe über das Rechtmäßige einer solchen Handlung waren zarterer Natur, als die des rauhen Seemannes; »entern und zumal ein unbewaffnetes Schiff?«

»Ja, Maat auf dem Lande,« bekräftigte der Kapitän entschieden, »calculire, wir befinden uns in feindlichem Gebiet, wo Alles erlaubt ist, und wollt Ihr nicht helfen, besorge ich's auf eigene Hand und lade Euch hinterher ein, mich auf einer sehr bequemen und angenehmen Lustfahrt stromaufwärts zu begleiten. Halloh! Alle Mann an Bord!« rief er darauf nach dem rechten Ufer hinüber, wo die Hälfte seiner Mannschaft eben abstoßen wollte.

Sein Befehl wurde pünktlich ausgeführt; da er aber verabsäumt hatte, ausdrücklich zu bemerken, daß Anna, Johannes und Arthur zurückbleiben möchten, so verstand man, die Reise solle fortgesetzt werden, und nahmen daher auch diese ihre alten Plätze wieder ein.

Sein Versehen bemerkte der Kapitän erst, als das Boot neben dem Prahm anlegte; der umsichtige alte Seemann wußte indessen schnell Rath; er half Anna und Johannes unter den höflichsten Entschuldigungen nach dem Flachboot hinüber, und dann im eigenen Boot neben Arthur Platz nehmend, befahl er seinen Leuten, dem Dampfer entgegen zu rudern.

Kaum fünf Minuten waren verstrichen, da hörten die auf dem Flachboot ängstlich Lauschenden plötzlich Kapitän Irons Stimme, wie er dem heranbrausenden Dampfer zurief, die Maschinen anzuhalten, wenn Steuermann und Lootse nicht von ihren Posten heruntergeschossen werden wollten.

»Neutrales Fahrzeug!« rief eine Stimme von dem Radkasten des offenbar nur dürftig belebten Dampfers nieder, zugleich wurden die Maschinen angehalten.

»Hol' der Teufel die Neutralität!« antwortete Kapitän Iron, »rückwärts die Maschinen, oder Ihr bohrt 'n anderes Schiff in den Grund, dessen kleinste Planke mehr Werth hat, als Euere Karre hundertmal genommen! »Halloh, Jungens! Bord an Bord!« commandirte er darauf seinen Leuten, sobald die Maschinen rückwärts arbeiteten, und fast augenblicklich legte sich das Boot an den Vordertheil des Dampfers.

Da stieg ein alter, hochgewachsener Herr mit weißem Backenbart und Haupthaar und in einen weiten Mantel gehüllt, von der zur Kajüte hinaufführenden Treppe auf das niedrige Vorderdeck nieder, und auf den äußersten Rand des nur wenige Zoll hohen Bords tretend, wo sich seine Füße in gleicher Höhe mit den Schultern des aufrecht stehenden Kapitäns befanden, redete er diesen mit ruhigem Ernste an:

»Seit wann achtet man im Süden so wenig die Gastfreundschaft und gute Sitte, daß ein Mann, welchen nur die dringendsten Familienangelegenheiten von Hause trieben, nicht einmal eine kurze Reise unbehelligt zurücklegen kann?«

»Bei Gott, Herr!« rief der Kapitän weniger trotzig aus, denn die würdevolle Erscheinung des Fremden flößte ihm eine gewisse Achtung ein, »wir denken nicht daran, Euch zu belästigen, allein wenn Ihr den Befehl auf dieser schwimmenden Dampfkarre führt, möchte ich Euch ersuchen, uns dieselbe auf einige Tage abzutreten, wir gebrauchen sie nothwendig.«

»Mich rufen Geschäfte, welche keine Minute Aufschub dulden, nach Savannah, sonst würde ich Euch gern mein Recht als Charterer dieses Schiffes abtreten,« antwortete der alte Herr mit unerschütterlicher Ruhe,« aber freilich, wollt Ihr mit Gewalt Besitz ergreifen, dann kann ich's nicht hindern.«

Der Kapitän war entwaffnet und stand schon im Begriff, den Dampfer frei zu geben, als er sich entsann, daß die Nachricht von dem Falle Savannahs den fremden Herrn, welchen er für einen Südländer hielt, vielleicht dazu bewege, seine Reise aufzugeben. Bevor er aber noch seine Absicht ausführte, redete jener ihn wieder an:

»Ihr scheint zu bezweifeln, daß ich friedliche Zwecke verfolge; würdet Ihr mich wohl ungestört meines Weges ziehen lassen, wenn ich Euch einen Paß mit einer Unterschrift vorlegte, vor welcher von Rechts wegen jeder Südländer Respect haben sollte?«

»Goddam Euren Paß sammt seiner Unterschrift!« polterte der Kapitän plötzlich wieder kriegerisch, und ein Vierundzwanzigpfünder schien zwischen seinen Zähnen zu zerbröckeln, »es wird sich bald ausgesüdländert haben und die Zeit ist nicht mehr fern, in welcher die Unterschrift des Jefferson Davis selber nicht schwerer wiegt, als 'ne Furche, die der Hai mit seiner Rückenflosse in ruhigem Wasser zieht!«

»Dann habe ich wohl gar die Freude mit einem Vertheidiger der Union zusammenzutreffen?« fragte der alte Herr, sichtbar angenehm überrascht.

»Nicht nur mit einem, sondern mit so vielen, wie Ihr wollt, seit Savannah von unserm heldenmüthigen Sherman genommen wurde und seine Armee bereits ihren Marsch nordwärts angetreten hat.«

»Ja, ja, ich weiß, Savannah befindet sich in der Gewalt der Union, das ändert indessen nichts an meinem Plane, mich dorthin zu begeben. Aber Ihr kommt vielleicht von dort?«

»Heute ist der neunte Tag, seit ich die Stadt verließ.«

Der alte Herr betrachtete die von einer brennenden Pechpfanne beleuchteten, wettergebräunten Züge des Kapitäns etwas genauer und ließ dann seine Blicke flüchtig über die theilweise im Schatten sitzende Bemannung des Bootes hingleiten.

»Ihr seid Seemann, wenn mich meine Augen nicht täuschen?« fragte er zögernd, jedoch wohlwollend, »vielleicht könnt Ihr mir schon hier einige Auskunft über Dinge ertheilen, welche genauer zu erfahren eigentlich meine Aufgabe in Savannah ist.«

»Nachdem Ihr Euch als einen Unionsmann zu erkennen gegeben habt, mögt Ihr so viel fragen, wie's Euch behagt, und liegt es im Entferntesten in meiner Macht, Euch aufzuklären, soll's an meinem guten Willen nicht fehlen – calculire, ich werde Euch unter der einzig echten Flagge wohl ungeschoren lassen müssen.«

»Ich danke Euch aufrichtig, und glaubt mir, es sind keine geringfügigen Umstände, welche mich stromabwärts führen – ich bin in großen Sorgen – es soll ein südstaatlicher Kaper in den Hafen von Savannah eingelaufen sein ...« »Ihr meint doch nicht etwa den Revenger?« fragte Kapitän Iron hastig einfallend. »Ueber den Namen bin ich nicht genau unterrichtet,« antwortete der alte Herr, um welchen sich allmälig die kleine Bemannung des Dampfers bis auf die eben beschäftigten Feuerleute und Maschinisten zusammen gefunden hatte, »der Name Revenger wurde indessen genannt, es soll ein eiserner Propeller sein ...«

»Gewesen sein, Herr, gewesen sein, wolltet Ihr sagen,« unterbrach Kapitän Iron den alten Herrn mit unverkennbarem Behagen.

»Wie meint Ihr das?« fuhr dieser erschreckt auf.

»Wie ich das meine? Calculir', ich sollt's nicht blos meinen, sondern auch wissen; ja, und so 'n Propeller ist wirklich in den Savannah eingelaufen, und Revenger hieß er, Herr, versteht mich recht, hieß er, seit ein Rebellentorpedo ihn angebohrt und mit Mann und Maus in fünfzig Fuß Wasser versenkte!«

»Ihr täuscht Euch, es kann nicht sein!« rief der alte Herr mit ersterbender Stimme.

»Und warum nicht, wenn ich's mit meinen eigenen Augen sah?« fragte der Kapitän triumphirend zurück, und die Erinnerung an seine tollkühne That kostete wieder einigen Mörsern das Leben.

»Also zu Grunde gegangen!«

»Wie 'n Senkblei, an welchem die Leine gerissen.«

»Es sollen sich Passagiere an Bord des Kapers befunden haben?« fragte der alte Herr so leise, daß der Ton seiner zitternden Stimme kaum die Ohren des Kapitäns erreichte.

»Passagiere und Bemannung der unglücklichen Brigg Wassernix.«

»Entsetzlich! Wurde denn Niemand gerettet?«

»Hoffentlich nicht, denn was des Rettens werth war, wurde vor der Explosion in Sicherheit gebracht.«

Der alte Herr seufzte tief auf; er wagte kaum noch zu fragen. Endlich ermannte er sich wieder, und sich etwas näher zu dem Kapitän hinneigend, begann er leise:

»Kennt Ihr zufällig die Namen der Leute, die sich als Passagiere oder Gefangene an Bord des Kapers befanden?«

»Bei Gott, Herr, ich sollte sie doch wohl kennen, da ich selber als Kapitän des armen Wassernix ihre Namen eigenhändig in die Listen eintrug – freilich, die Listen hat der Teufel geholt – allein wenn Euch um die Namen zu thun ist, da habe ich zuerst die Ehre, mich als Kapitän Iron vorzustellen; hier unten sitzen in guter Doppelreihe zehn Vollmatrosen, wie sie noch niemals besser 'n Reff in ein Bramsegel schlugen; dann ist da Sailstich, ein alter, verdammt gediegener Steuermann, der, wenn man durch Fluchen in den Himmel gelangte, sicher noch einmal das Commando auf unseres Herrgotts Leibfregatte erhielte; dort im Spiegel sitzt ferner ein Piratenlieutenant, welchen ...«

»Die Passagiere! Um Gottes willen, nennt mir die Kajütpassagiere!« unterbrach der alte Herr den redseligen Kapitän angstvoll, »befanden sich unter denselben nicht ein junger Mann –«

»Ein junger Gentleman, Herr!« warf Kapitän Iron selbstgefällig ein.

»Und ein junges Mädchen – Anna –«

»Ja, ja, Herr, ein Mädchen, welches man mit einem Engel verwechseln könnte, Anna heißt sie.«

»Heißt sie – also – noch?« fragte der alte Herr sichtbar erschüttert.

»Heißt sie noch, Herr. – Gott segne das liebe Herz – und möge sie noch hundert Jahre so heißen, aber mit Verlaub, ich calculire, daß wenn Ihr den Gentleman und die holde Lady sucht, Ihr wohl gar der Mr. Braun selber seid, zu welchem die beiden Leutchen sich hinbegeben wollten?«

»Ja – Braun ist mein Name!« rief der alte Herr, von seinen Gefühlen hingerissen, dem Kapitän beide Hände reichend und ihn zu sich heraufziehend, »und nun, Herr, da Ihr mir das Kind über den Ocean gebracht habt, sagt mir schnell und recht genau, wo ich es finde, und gestattet mir, meine Reise unverzüglich fortzusetzen« –

»Recht genau,« schmunzelte der Kapitän einfallend, »so genau, daß Ihr das arme Kind nicht verfehlen könnt. Mögt übrigens unbesorgt sein, denn die junge Lady hat sich eines Schutzes zu erfreuen, wie man ihn nicht leicht alle Tage findet – doch erlaubt mir eine Frage, Mr. Braun, habt Ihr sonst noch Geschäfte in Savannah abzuwickeln?«

»Keine; mich haben nur die Gerüchte über den Verbleib des Wassernix und meine tiefe Besorgniß um das Ihrem Schutze anvertraute junge Mädchen von Hause getrieben.«

»Um so besser, Herr, um so besser, gönne der lieben jungen Lady so recht von Herzen die Freude, zu erfahren, daß Ihr nur Ihretwegen die abenteuerliche Reise unternahmt – bin nämlich selbst Vater – aber umkehren werdet Ihr schon müssen, das heißt, Ihr sollt selbst entscheiden und Niemand wird Euch den geringsten Zwang anthun, weder Einer von meinen Leuten, noch – ja, ja, blickt nur hinüber, wie die befreiten Schwarzen sich um den Scheiterhaufen drängen; die schuftigen Rebellen sind zersprengt und vor ihren Feuern machen's sich unsere Dragoner bequem – aber ich calculire, Ihr gestattet mir, das Commando auf einige Minuten zu übernehmen, nur bis zu der schwarzen Insel, da vorne ist nämlich ein altes Flachboot, bei welchem ich 'nen Augenblick anhalten möchte.«

Braun, noch immer unter dem Eindruck der unerwarteten, ihn so hoch beglückenden Nachrichten, drückte dem Kapitän statt aller Antwort die Hand, worauf dieser sogleich commandirte: »Laßt gehen die Maschinen! Steuerbord seitlängs des Prahm da vorne! Langsam! Haltet dicht heran und legt bei!«

Darauf wendete er sich zu seinen Leuten in dem Boot, welches von dem Dampfer mit fortgezogen wurde.

»Paßt auf, Jungens!« redete er sie an, »schafft die Passagiere von dem Flachboot recht sorgfältig und sicher an Bord, und ich kenne Jemand, der Euch etwas mehr, als 'ne doppelte Grogration auftischt.«

»Aye, aye, Herr! Antwortete ein halbes Dutzend rauher Kehlen, worauf Arthur von dem Boote aus den Kapitän bat, etwas näher zu ihm heranzutreten.

»Darf ich hoffen, jetzt, nachdem ein glücklicher Zufall Euch so schnell an Euer Ziel führte, meines Wortes entbunden zu werden?« fragte er mit gedämpfter Stimme, die seltsam bewegt klang.

»Wo denkt Ihr hin, Mann?« lachte der Kapitän, »Ihr bleibt mein Gefangener so lange, bis Ihr wenigstens den guten Willen von uns Allen erkannt habt – Stop die Maschinen!« commandirte er rückwärts, als er das Flachboot in geringer Entfernung vor sich liegen sah, »rückwärts gedreht!« fuhr er in demselben Athem fort; »stop! Backbord mit dem Steuer – so – so – noch 'ne Kleinigkeit Backbord! Und jetzt an's Werk, Jungens!«

Die Seeleute hatten ihr Boot herumgeschwungen, daß es quer vor den Hintertheil des Prahms zu liegen kam. Ebenso schnell sprangen vier Mann in denselben hinein, und unbekümmert um die erstaunte Gesellschaft, zwischen welcher sie sich hindurchdrängen mußten, begaben sie sich nach dem Vordertheil, wo sie ein ihnen vom Dampfer aus zugeworfenes Tau straff zogen, bis die beiden Fahrzeuge hart neben einander lagen.

Der Dampfer wurde dadurch fast zum Stehen gebracht; nur noch langsam folgte er sammt dem Flachboot der Strömung nach, welcher der schleifende Ankerblock des Letzteren bei der mehr, als verzehnfachten Last keinen ausreichenden Widerstand zu leisten vermochte.

»All' recht! Ladies und Gentlemen!« rief der Kapitän über die beiden Fahrzeuge hin, weil er ahnen mochte, daß hier wie dort Bedenken über die Sicherheit der Lage erwachen könnten; »Platz da! Ueber Bord mit den verdammten Baumzacken!« fuhr er wohlgemuth fort, seine Leute, die bereits begonnen hatten, die Seitenschanze des Flachbootes fortzuräumen, anfeuernd, und als endlich hinlänglich Platz gewonnen war, um bequem von dem Prahm nach dem Dampfboot hinüberzusteigen, rief er jubelnd aus:

»Herüber zuerst mit den Passagieren des Wassernix, und der Teufel über Euch Alle, wenn die junge Lady auch nur mit der äußersten Spitze ihres winzig kleinen Schuhs an das Holzwerk anstößt!«

Braun war zurückgetreten; er wußte nicht, was er von dem seltsamen Verfahren des alten lebhaften Seemannes denken sollte. Sobald er indessen bei der rothen Beleuchtung der Pechpfanne gewahrte, wie eine zarte Mädchengestalt, vorsichtig gehalten und unterstützt von zwei Matrosen über den Bord des Dampfers emportauchte und geblendet durch die flackernden Flammen und zitternd vor Angst und Befangenheit um sich schaute, da begriff er die ganze große Wahrheit.

Bestürmt von Empfindungen, welche ihn in eine weit zurückliegende Vergangenheit versetzten, starrte er auf die in ihrer Befangenheit doppelt liebliche Erscheinung hin. Er war so tief erschüttert, daß ihm die Worte versagten, er die Gewalt über seine Bewegungen gleichsam verlor.

Als aber Kapitän Iron Anna's Hand ergriff und sie vor ihn hinführte, als er zu seinem holden Schützlinge in väterlichem Tone sagte: »Hier, mein liebes Kind, stelle ich Euch denjenigen vor, dem Euer Besuch gilt und der nur um seinen sehnsuchtsvoll erwarteten Liebling aufzusuchen, die gefährliche Kreuzfahrt durch das Rebellenland unternahm,« und als er dann, zu Braun gewendet, hinzufügte: »Und hier ist Miß Anna Werth, über welche Ihr Auskunft von mir zu haben wünschtet und die ich Euch so wohlbehalten übergebe, als wären die theerigen Hände des Wassernix ebenso viele geflügelte Schutzengel gewesen, welche sie auf ihrer langen Reise überwachten,« da neigte sich die ehrwürdige Greisengestalt über das liebliche Bild zarter Jugend und Schönheit hin, und die willig Folgende an seine Brust ziehend, weinte er, seit vielen, vielen Jahren zum ersten Mal wieder, heiße Thränen der Wehmuth und der Freude auf das theuere, geliebte Haupt.

Die Bemannung des Schiffes war, Angesichts der ergreifenden Scene zurückgetreten. Niemand wagte, einen Laut von sich zu geben. Auch in dem Flachboot, von wo aus man alle an Bord des Dampfers stattfindenden Vorgänge übersah, herrschte Schweigen. Nur Kapitän Iron, wie um sich zu stählen und das andringende Wasser aus seinen Augen zu verscheuchen, zermalmte krachend einige Feldgeschütze sammt Lafetten und Bespannung.

»Kind, mein liebes Kind, wirst Du Vertrauen zu mir, dem alten, vereinsamten Manne fassen?« fragte Braun das sich schüchtern und doch mit einem Gefühl unbeschreiblicher freudiger Zufriedenheit sich an ihn schmiegende junge Mädchen.

Anna sah empor und lächelte ihm unter Thränen zu. Die jüngsten, schrecklichen Erlebnisse gingen gewissermaßen unter in der freundlichen Gegenwart, in dem herzlichen Empfange, welcher ihr kühnsten, von bangen Befürchtungen durchkreuzten Erwartungen so weit übertraf. Dann kehrte sie sich hastig um, und Johannes, der ihr auf dem Fuße nachgefolgt war, die Hand reichend, zog sie ihn an ihre Seite.

»Herr Braun,« – hob sie stammelnd an.

»Nicht Herr Braun, mein liebes Kind,« fiel ihr dieser gütig in's Wort, »nenne mich Vater, denn Dein Vater will ich sein, Du brave Tochter einer edlen Mutter, Dein Vater, so lange mir das Leben vergönnt ist und weit über dieses hinaus.«

»Das ist Johannes,« sagte Anna leise, auf ihren Jugendgespielen hinweisend – das Wort Vater auszusprechen, wollte ihr nicht gleich gelingen – »er beschützte mich schon, als wir noch Kinder waren, und – er ist mein treuer Begleiter bis hierher gewesen.«

»Ich kenne Sie bereits,« redete Braun Johannes alsbald mit Herzlichkeit an, »Ihr Ruf ist Ihnen vorausgeeilt. Betrachten Sie sich als zu meinem Hause gehörig, haben Sie aber in der Heimath warme Freundschaft zurückgelassen, so finden sie hier eine andere, gewiß nicht minder aufrichtige.«

Dann wendete er sich noch einmal an Kapitän Iron:

»Eure Voraussetzungen sind eingetroffen: Die Geschäfte, welche mich nach Savannah riefen, haben hier ihren schönen Abschluß erhalten; – wir mögen daher den Weg stromaufwärts einschlagen. Wollt Ihr mich aber zu besonderem Danke verpflichten, Kapitän, so betrachtet Euch sammt allen Euren Leuten als meine Gäste und gestattet mir, langsam zu reisen, denn es giebt ja noch andere Theuere, nach welchen ich in diesem Theile des Landes Nachforschungen anstellen möchte.«

Mit diesen Worten trat er zurück, um in Anna's und Johannes' Begleitung nach der Kajüte hinaufzusteigen, als Letzterer ihn noch einmal zurückhielt.

»Dort in dem Boot befindet sich Jemand, der, neben unserem menschenfreundlichen Kapitän, weit eher Ihren Dank verdient, als ich,« bemerkte er leise, jedoch dringend.

»Lieutenant Arthur,« fügte Anna lebhaft hinzu, und ihre Worte erklangen nicht minder überzeugend, als die ihres Freundes, »ihm verdanken wir nach der schrecklichen Begebenheit, durch welche wir auf sein Schiff geschleudert wurden, sehr, sehr viel. Er hat uns mit treuem Rath zur Seite gestanden – und ich glaube – er ist nicht ganz glücklich in seiner jetzigen Lage.«

»Dann darf ich wohl bitten, daß er sich uns recht bald zugeselle,« wandte sich Braun wieder an den Kapitän, »ich möchte ihn hier erwarten – allein die rauhe Nachtluft und meine liebe Tochter hier scheinen nicht eigens für einander geschaffen zu sein, – ich fühle das Zittern ihres Armes.«

»Hailoh! Mr. Arthur!« rief der Kapitän in das Flachboot hinab, »bemüht Euch schnell herauf, wenn ich bitten darf!«

Braun war mit Anna und Johannes die Treppe hinaufgestiegen und in der Kajütenthüre verschwunden. Arthur stand in dem Prahm im Schatten der Holzlaube, die Augen mit starrem Ausdruck auf die Thüre gerichtet, welche ihm Anna's Anblick entzogen hatte. Er war so vertieft in seine Gedanken, daß er den Ruf des Kapitäns nicht vernahm. In seiner Nähe weilten die kriegerischen Gestalten der Indianer; theils auf ihre Waffen gelehnt, theils niedergekauert, beobachteten sie mit gleichgültigen Mienen von der dunkeln Stelle aus die Vorgänge auf dem Dampfboot. Was dort abwechselnd in deutscher und englischer Sprache verhandelt wurde, blieb ihnen unverständlich, aber auch entgegengesetzten Falls würden sie dadurch in ihrer Ruhe nicht gestört worden sein. Sans-Bois dagegen war durch das, was er sah und hörte, augenscheinlich mächtig erschüttert worden. Seufzend wendete er sich ab und eine schmerzliche Erinnerung an längst vergangene Zeiten, in welchen auch er, der alte, verwitternde, vereinsamte Stamm, sich zärtlich geliebt wußte, durchzog sein bewegtes Herz.

Magnolia, Bella und die beiden Mulatten schienen die Zeit nicht erwarten zu können, sich ihrem Wohlthäter vorzustellen und persönlich die Kunde von ihrer Rettung zu überbringen. Nur die ergreifende Scene zwischen Braun und Anna hinderte sie, ihr freudiges Erstaunen über das unvermuthete Wiedersehen vernehmbar und ihre Anwesenheit verrathend an den Tag zu legen.

Eberhard Braun hatte sich seit dem ersten Anblick seines Onkels nicht von der Stelle gerührt.

Das Licht einer Schiffslaterne streifte leicht seinen Oberkörper. Sein Gesicht war todtenbleich; auf seinen Zügen arbeitete es heftig; – seine Brust hob und senkte sich, als ob ein vernichtender Kampf in seinem Innern getobt hätte. Er sah nicht die zugleich lauernden und entsetzten Blicke Redsteels, die heimlich auf ihm ruhten und in seiner Seele zu lesen suchten; nicht einmal seine geliebte Magnolia bemerkte er, wie dieselbe, schwankend zwischen der Freude des Wiedersehens und ihrer tiefen Besorgniß um den Geliebten, unausgesetzt zu ihm hinüberschaute. »Alvens, Verräther, so ist es Dir dennoch gelungen, mich zu täuschen,« ächzte Redsteel verzweiflungsvoll in sich hinein, »ha, Du fandest eine Erbin, ahntest aber nicht, daß mir das Glück eine andere und weit sichrere Waffe gegen Dich in die Hand spielen würde.«

Da erschallte des Kapitäns Stimme, der Arthur rief.

Redsteel blickte flüchtig empor, sah indessen schnell wieder auf Eberhard, dessen Mienenspiel ihn mit Besorgniß erfüllte.

»Mr. Arthur! Lieutenant Arthur, wo steckt Ihr?« ertönte Kapitäns Irons Stimme wieder; »Ihr wollt mir doch nicht etwa die Freude verderben?«

Der Gerufene trat nunmehr dicht an das Dampfboot heran.

»Besteht Ihr unerbittlich auf Eurem Willen?« fragte er zu dem Kapitän hinauf, »wollt Ihr wirklich meine beschämende Lage nicht berücksichtigen, Euer Herz meinen Wünschen verschließen, trotzdem ich Euch so inständig um meine Freiheit ersuche?«

»Unerbittlich, Herr, unerbittlich, und Euch soll's nicht leid werden,« antwortete der Kapitän heiter, »kommt nur herauf und verderbt mir nicht die Freude, Euch in des alten Herrn Gesellschaft zu sehen; kenne ihn selbst zwar erst seit einigen Minuten, aber schon des lieben Kindes wegen.«

Arthur zögerte, als sei er unentschlossen gewesen, ob er dem Kapitän folgen oder sich in den Strom stürzen solle. Da vernahm er plötzlich Redsteels Stimme, der mit versteckter Besorgniß zu einem in seiner Nähe befindlichen und bisher kaum von ihm beachteten jungen Manne sprach.

»Nun, mein lieber Herr Eberhard Braun,« fragte er halblaut, »welchen Eindruck hat der erste Anblick des Bruders Ihres Vaters auf Sie ausgeübt? Ist er nicht ein Vertrauen erweckender, prächtiger, alter Herr?«

Wie von einem giftigen Reptil gebissen, kehrte Arthur sich nach dem Sprecher um; dann betrachtete er erstaunt den jungen Braun, der sich so regungslos verhielt, als hätten Redsteels Worte ihm gar nicht gegolten.

»Lieber Herr Eberhard,« wiederholte dieser alsbald ausdrucksvoller, und er legte die Hand auf des jungen Mannes Schulter; »räumen Sie ihren Empfindungen, gleichviel ob freudiger oder schmerzlicher Natur, keinen zu großen Einfluß auf sich ein. Finden Sie sich als Mann in die neue Lage, und erleichtern Sie es mir, Sie bei Ihrem Onkel einzuführen und das Wiederfinden zu einem freudigen Ereigniß zu machen.«

»Muß es denn sein?« fragte Eberhard, wie geistesabwesend um sich schauend.

Sein Blick traf in Magnolia's Augen, die mit einem unbeschreiblich innigen und zugleich bekümmerten Ausdruck auf ihn gerichtet waren, und wie electrisches Feuer durchströmte es seine jugendkräftige Gestalt.

»Fort denn mit den letzten Bedenken, fort mit dem Hochmuth, der mir schon so oft im Leben geschadet,« sprach er für sich, und laut hinzufügend: »ich bin bereit,« stieg er an Redsteels Seite nach dem Dampfboot hinauf, von wo aus sie sogleich den beiden zurückgebliebenen Mädchen die Hände reichten und ihnen ebenfalls vorsichtig hinauf halfen.

Die Mulatten folgten ihnen nach; an diese schlossen sich Sans-Bois und seine indianischen Gefährten an, worauf die Seeleute das in dem Flachboot umherliegende wenige Gepäck nach dem Dampfer hinaufreichten.

Der plötzliche Wechsel der hoffnungslosen Lage mit dem Aufenthalt auf dem geräumigen und sichern Dampfer, erschien allen davon Betroffenen wie ein Traum. Als hätte man sich auf geweihtem Boden befunden, wagte Niemand, indem man die weiteren Schritte berieth, seine Stimme über den Flüsterton zu erheben, und mit einer gewissen Befangenheit stellte man Redsteel anheim, Braun von der Nähe aller derjenigen zu unterrichten, die er noch von den drohenden Gefahren umringt glaubte. Nur die Indianer bewiesen auch hier wieder ihren stoischen Gleichmuth. Vertraut mit den gewöhnlichen Einrichtungen der Dampfboote, begaben sie sich geraden Weges nach den Feuerstellen hin, wo sie sich so niederkauerten, daß sie bequem in die Flamme zu sehen vermochten. Bald darauf dampften ihre steinernen und eisernen Pfeifen so gleichmäßig, als ob sie daheim in den fernen westlichen Wildnissen vor dem zwischen ihren Wigwams geschürten Berathungsfeuer ihre Meinungen ausgetauscht hätten.

Sans-Bois war ihnen nachgefolgt. Gesenkten Hauptes schritt er einher; der Anblick des Glückes anderer Menschen schien einen unheilbaren Gram in seiner Brust wachgerufen, alte Wunden in seinem Herzen von neuem bluten gemacht zu haben. Schweigend nahm er in der Reihe seiner Jagdgenossen Platz und mechanisch ergriff er die von Hand zu Hand wandernden Tabakspfeifen, um sie nach einigen Zügen aus denselben ebenso mechanisch weiter zu geben.

Kapitän Iron, von allen Seiten in Anspruch genommen und in eifriger Berathung bald mit seinen eigenen Leuten, bald mit der Besatzung des Dampfbootes, achtete nicht auf den alten Pelzjäger, und als Redsteel mit Magnolia, Bella und den Mulatten oben in der Kajütenthüre verschwand, vermuthete er, daß sein »Maat auf dem Lande«, mit welchem er erst flüchtig Bekanntschaft geschlossen hatte, jenen vorausgegangen sei.

»Unsere nächste Arbeit wäre also wenden?« redete der Lootse des Dampfers den Kapitän an.

»Wenden, calculir' ich,« antwortet dieser lebhaft, »brauchen deshalb Mr. Braun nicht zu stören, der wohl genug mit den jungen Leuten zu sprechen haben wird. Festgemacht das Boot auf der Steuerbordseite und los das Flachboot!« befahl er darauf seinen Leuten.

Indem er sich bei dem letzten Commando nach dem betreffenden Fahrzeug umkehrte, gewahrte er Arthur, der noch immer auf dem breiten Rande des Prahms stand und mit starren Blicken nach der nunmehr wieder verdunkelten Gallerie hinaufschaute, auf welcher er Anna und demnächst Redsteel und Eberhard Braun zum letzten Mal gesehen hatte.

»Halloh, Mr. Arthur!« rief er aus, sobald er den jungen Mann entdeckte, »wollt Ihr durchaus nicht mit uns fahren, dann kommt wenigstens an Bord, damit wir Euch auf einer geeigneteren Stelle landen! Calculire, 's ist kein angenehmer Aufenthalt auf dem alten Floß, und die Leute, welche da drüben Besitz von dem Rebellenlager ergriffen haben, möchten am Ende nicht so ganz glimpflich mit einem Piratenlieutenant verfahren.«

»Ihr habt Recht, Kapitän,« erwiderte Arthur mit seltsamer Hast, indem er sich leicht nach dem Dampfer hinaufschwang, »es ist wohl besser, ich betrachte mich vorläufig noch als Euern Gefangenen, weiß ich doch, daß ich unter Euerm Schutz keine entwürdigende Behandlung zu gewärtigen habe, und haltet Ihr es für nöthig, mich den andern Herrschaften gelegentlich vorzustellen – lieber Kapitän – so stehe ich zu Euern Diensten – ich meine, weil ich mich überhaupt noch nicht verabschiedete – ich meine von denen – Ihr wißt ja, Kapitän, auf hoher See ist das Herz weit empfänglicher und daher auch geneigter, sich Jemand in Freundschaft zuzuwenden.«

Befremdet blickte Kapitän Iron auf den jungen Mann. Die plötzliche Aenderung seiner Pläne erschien ihm weit wunderbarer, als kurz vorher die Weigerung, seine Reise auf dem Flußdampfer fortzusetzen. Er glaubte indessen, dieselbe auf den Eindruck zurückführen zu dürfen, welchen Anna unbewußt auf ihn ausgeübt hatte, und antwortete daher in seiner gutmüthig leichtfertigen Weise.

»Ei ei, mein lieber Herr, warum erst große Umschweife?« fragte er freundlich mit seinen kleinen Augen blinzelnd, »calculir', 's ist kein Verbrechen, wenn's Herz so lange seinen eigenen Cours steuert, wie's sich mit der Ehre und der Würde eines rechtschaffenen Mannes verträgt, und oft genug erlebte man, daß aus harmlosen Träumen eine recht ernste Wahrheit wurde.«

Sailstichs Ruf, daß Alles bereit sei, überhob Arthur einer Antwort. Kapitän Iron, dem man stillschweigend das Commando anvertraut hatte, ließ die Maschine augenblicklich rückwärts arbeiten, bis das Flachboot den Dampfer nicht mehr in seinen Bewegungen hinderte.

Fünf Minuten später wies der Bug des Schiffes stromaufwärts, und zuerst langsam, dann aber schneller und schneller trieben die gewaltigen Räder das nunmehr hell erleuchtete Gebäude von dannen.

»Die Feinde, welchen wir begegnen, werden uns für Rebellen halten,« schmunzelte der Kapitän zu Arthur gewendet, der nicht von seiner Seite gewichen war, »gegen Zudringliche aber besitzen wir eine hübsche Anzahl von Büchsen und so muthige Herzen hinter denselben, wie nur je welche für den gesetzmäßigen Onkel Sam schlugen.«

Arthur antwortete nicht; er dachte nicht mehr an die ihrer Lösung nunmehr mit Riesenschritten entgegeneilende politische Streitfrage. Finster und in sich gekehrt beobachtete er die vom Schiff aus matt beleuchteten Fluthen, die sich vor dem scharfen Bug des Dampfers theilten und pfeilgeschwind zu beiden Seiten an den niedrigen Wänden vorbeirauschten.

Da legte der Kapitän die Hand freundschaftlich auf seinen Arm.

»Kommt, Maat,« redete er ihm aufmunternd zu, »kommt, wir wollen uns ein Plätzchen suchen, wo wir beim Glase die Zeit verplaudern, bis die Herrschaften oben sich hinlänglich beruhigt haben, um durch unser Erscheinen nicht mehr gestört zu werden. Ja, Maat, werdet nur heiter, vor uns liegen, so Gott will, schöne Tage, und das Blut, welches heute wieder die Wellen des Savannah röthete, wir wollen es zu vergessen suchen, denn – calculir' ich – gegen uns kann es niemals nach Rache schreien.«

Arthur sandte einen letzten Blick stromabwärts, wo Alles, der Scheiterhaufen auf dem Ufervorsprunge und die brennende Insel in die Nacht zurücksanken. Er seufzte tief auf, wie von endlosen Zweifeln gefoltert; dann ließ er sich gleichsam willenlos von dem Kapitän davonführen.

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