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Der Piratenlieutenant - Teil 2

Balduin Möllhausen: Der Piratenlieutenant - Teil 2 - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorBalduin Möllhausen
titleDer Piratenlieutenant ? Teil 2
publisherABLIT Verlag e.K.
illustratorRichard Mahn
isbn3935410077
year2003
firstpub1869
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070722
projectidf7942195
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Vierunddreißigstes Capitel. Die verhängnißvolle Nacht.

Am 14. December 1864 war General Sherman auf seinem denkwürdigen Zuge durch den Staat Georgia vor Savannah eingetroffen, welche Stadt, ziemlich fest verschanzt, der Rebellengeneral Hardee mit fünfzehntausend Mann vertheidigte. Unterstützt wurde Sherman von dem Commodore Dahlgreen, der mit seinem ursprünglich vor Charleston stationirten Geschwader vor der Mündung des Savannah kreuzte, ferner von dem General Foster, der zwischen Charleston und Savannah von der Seeseite her zu ihm stieß.

Gleich nach seiner Ankunft griff Sherman die Stadt an, damit beginnend, daß er Fort Mac-Alister, den eigentlichen Schlüssel von Savannah, erstürmte. Hardee vermochte sich darauf nur noch bis 22. December zu halten und räumte die Stadt, um sich auf Charleston zurückzuziehen.

So hatte General Sherman das kühne Wagestück glücklich vollbracht. Nachdem er bei Atlanta in Georgien plötzlich vom Kriegsschauplatz verschwunden war, hatte er in unglaublich kurzer Zeit mit einer Armee von über sechszigtausend Mann das insurgirte Gebiet auf einer Strecke von dreihundert englischen Meilen durchzogen, hatte er zweihundert Meilen Eisenbahn und unermeßliche Vorräthe der Rebellen zerstört, zahllose Neger befreit und ohne selbst Verluste erlitten zu haben, die Verbindung mit der Küste hergestellt und eine drohende Stellung im Rücken der bei Charleston, Wilmington und Richmond zusammengezogenen feindlichen Heere genommen. In seinem officiellen Bericht räumte Sherman ein, auf dem ganzen Zuge nur einen einzigen Wagen verloren zu haben, was leicht erklärlich, da er in den bis jetzt noch vom Kriege einigermaßen verschont gebliebenen Landschaften nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich mit immer neuen Vorräthen auszurüsten und seine Armee gegen Noth zu sichern.

Weithin über die Vereinigten Staaten erscholl der Jubel über das Gelingen eines Unternehmens, welches man, ohne dessen Ziel genau zu kennen, im Geiste mit so viel besorgnißvoller Spannung verfolgt hatte.

Doch wenn die Kunde von der Erstürmung des Forts Mac-Alister und dem nahe bevorstehenden Falle Savannah's mit Blitzesschnelligkeit über Hunderte und aber Hunderte von Meilen fortgetragen wurde, so ereignete es sich andererseits, daß man in verhältnißmäßig geringer Entfernung noch im Ungewissen über den Stand der Dinge schwebte und sich in ängstlicher Muthmaßungen erging: welche Richtung der siegreiche Unionsgeneral verfolgen würde.

Auch im Lager der Sklavenräuber, welchen Mullan und seine Genossen sich zugesellt hatten, hegte man die trügerische Hoffnung, daß Sherman, von seiner Operationsbasis abgeschnitten, dennoch im Herzen der Rebellenstaaten sammt seiner Armee gänzlich aufgerieben werden würde. Trotzdem wagte man nicht, eine größere Bewegung auszuführen. Man befürchtete, der Vorhut Shermans gerade in die Arme zu laufen, und da man den nächsten Weg nach der Küste vom General Foster verlegt wußte, so blieb der Raubbande nur die Wahl, entweder ihr Unternehmen und die reiche Beute ganz aufzugeben, oder zu versuchen, südlich bis in die Nähe von Savannah durchzuschleichen und sich dort mit den lauernden Blockadebrechern in Verbindung zu setzen.

Die Ankunft des flüchtigen Mullan und seiner Genossen wurde von den Sklavenräubern als eine willkommene Verstärkung freudig begrüßt. Bis zum Eintreffen verbürgter Nachrichten von dem nächsten Kriegsschauplatz zur Unthätigkeit verdammt, ging man gern auf den Vorschlag ein, beim Einfangen der beiden werthvollen Mädchen hülfreiche Hand zu leisten. Durfte man doch hoffen, dadurch nicht nur die zur Theilung gelangende Beute erheblich zu vergrößern, sondern nebenbei auch Gelegenheit zu finden, einen Act grausamer Rache an denjenigen zu vollziehen, die es gewagt hatten, einen Trupp Seccessionisten hinterlistig zu überfallen, einen Theil derselben zu tödten und ihnen ihre farbige Waare zu entreißen. –

Gleich unterhalb der Stelle, auf welcher Sans-Bois und seine Gesellschaft sich auf dem Flachboot eingeschifft hatten, beschrieb der Fluß einen weiten Bogen. Es konnte daher nicht vermieden werden, daß die Nachricht von dem Ueberfall weit früher in das Lager der Sklavenräuber gelangte, als das Flachboot an demselben vorübertrieb. Hierzu gesellte sich der Uebelstand, daß der Morgen bereits zu grauen begann, als die langsam stromabwärts treibenden Flüchtlinge in der Ferne den ersten Schein der feindlichen Kochfeuer entdeckten, wo man unstreitig schon längst durch ausgesendete Späher genauer Kunde über die Art ihrer Flucht erhalten hatte.

Noch unentschlossen über die zunächst einzuschlagenden Wege, war Sans-Bois eben im Begriff, das Flachboot mehr nach dem rechten Ufer hinüberzusteuern, als Brise-glace ihn auf eine Gruppe Männer auf dem linken Ufer aufmerksam machte, in deren Nähe zwei Reiter hielten, welche mit heftigen Armbewegungen etwas zu erklären schienen und immer wieder stromaufwärts wiesen. Gleich darauf trennten sich mehrere Männer von der Gruppe, offenbar um sich eiligst stromabwärts nach dem Lager zu begeben, während die Zurückgebliebenen langsam nachfolgten und die einzelnen Ufervorspünge mit unverkennbarer Sorgfalt prüften.

Es war unterdessen so hell geworden, daß man die Gegend, so weit sie von Waldung begrenzt wurde, genau übersehen konnte. Die Entfernung des Flachbootes von dem ersten Lagerfeuer betrug ungefähr eine englische Meile, die Späher dagegen befanden sich kaum fünfhundert Schritte weit von dem schwerfälligen Fahrzeug, wo sie gleichen Schritt mit der Bewegung desselben hielten.

An ein unbemerktes Vorbeischlüpfen was also nicht mehr zu denken; noch weniger konnten die Flüchtlinge auf Erfolg rechnen, wenn sie beschlossen, ihren Verfolgern offen zu begegnen, indem der Hauptkanal des Stromes sie in der Entfernung von kaum hundert Schritten an deren Lager vorbeiführte, wo sie also der verderblichsten Wirkung der feindlichen Büchsen ausgesetzt waren.

Das Mißliche ihrer Lage blieb Niemand in dem Flachboot verborgen, doch vermied Jeder, seine Befürchtungen laut auszusprechen, und mit ängstlicher Spannung hingen alle Blicke an den ernsten, verschlossenen Zügen Sans-Bois', der nur gelegentlich einige kurze Worte mit den Indianern wechselte und gemeinschaftlich mit diesen einen Ausweg zu ergründen suchte.

Den Rudern unwillig gehorchend, gelangte das Flachboot allmälig in stilles Wasser, wo es seine Fahrt mit kaum wahrnehmbarer Bewegung fortsetzte. Fuß für Fuß schlich sich das schwer belastete Fahrzeug in der Entfernung von etwa fünfzig Ellen vom rechten Ufer dahin, und besorgten Herzens beobachteten Alle die Anstalten, welche weiter abwärts zu ihrem Empfange getroffen wurden.

»Ich fürchte, es wird 'n Stückchen harte Arbeit geben,« bemerkte Sans-Bois endlich, wie zu sich selbst sprechend, indem er mit den Blicken die verschiedenen Entfernungen maß.

Er hatte kaum ausgesprochen, da glitt eine umfangreiche Treibholzklippe langsam zwischen seine Augen und die auf dem Ufer versammelten Rebellen, und zugleich leuchtete es hell in seinem verwitterten Antlitz auf.

»Da ist unsere Rettung!« rief er freudestrahlend aus, und seinem Beispiel folgend, setzten sich alsbald alle Hände in Bewegung, dem Flachboot eine solche Richtung zu geben, daß es vor der Klippe auflaufen mußte.

Dieselbe, augenscheinlich uralt, hatte durch das Stranden immer neuer Treibholzstämme und weitverzweigter Bäume, welche jede neue Ueberschwemmung in den niedrig gelegenen Waldungen entwurzelte und stromabwärts führte, so an Umfang und Höhe gewonnen, daß sie füglich als eine Insel gelten konnte. Die Hauptbestandteile waren natürlich ausgedörrtes und leicht brennbares Holz, doch hatte sich zwischen dem eng verflochtenen Gebälk auch schon Sand abgelagert, welchem dann allmälig Kräuter, Gras und Weidengestrüpp entkeimten. Zum Aufenthalt für Menschen eignete sich diese kaum dreißig Quadratruthen haltende Insel nicht, indem zackige Aeste und geknickte Baumstämme überall die freie Bewegung hinderten, dafür bot sie um so besseren Schutz gegen die herübergeschickten Kugeln, und mit dieser Gelegenheit Gewinn an Zeit, was für die Flüchtlinge Alles bedeutete.

Theils von der Strömung getragen, theils von den hart arbeitenden Männern mittelst der Ruderstangen geschoben, behielt das Flachboot fortgesetzt eine solche Stellung zu dem feindlichen Lager, daß die Holzinsel die beiderseitige Aussicht störte. Erst als das Flachboot, sich der beinahe in der Mitte des Stromes liegenden Insel schräge nähernd, auf deren rechter Seite strandete, erriethen die Rebellen die Absicht der Flüchtlinge, und vollen Laufs eilten sie stromaufwärts, um sie, wenn irgend noch möglich, durch ihre Kugeln am Landen zu hindern.

Sie kamen zu spät, denn bevor sie den Punkt erreichten, von welchem aus sie ihre Büchsen hätten mit Erfolg gebrauchen können, lag der Prahm so hinter der Insel, daß er durch diese vollständig gedeckt wurde. Nur die beiden Mädchen und Redsteel befanden sich noch in demselben, während die übrigen Männer mit ihren Beilen zwischen dem Gewirr von Aesten und Zweigen umherkrochen, um Plätze für Magnolia und Bella herzurichten, für sich selbst aber Oeffnungen auszuhauen, von welchen aus sie, wie durch Schießscharten hindurch, nach allen Richtungen hin ihren Feinden Widerstand zu leisten vermochten.

Vom rechten Ufer, welches ihnen näher lag, hatten sie vorläufig nichts zu befürchten, wenigstens so lange nicht, bis eine hinreichende Anzahl der Räuber über den Fluß gesetzt war, um sie auch von dorther zu beunruhigen oder gar einen Angriff zu unternehmen. Daß man blindlings und ohne einen hohen Grad von Vorsicht auf sie einstürmen würde, besorgte Sans-Bois nicht, dagegen erhielt er sehr bald einen Beweis von der Erbitterung ihrer Feinde und daß sie nichts unversucht lassen würden, sich an den ihnen so verhaßten Unionisten wenigstens nachdrücklich zu rächen. Die Rebellen waren nämlich kaum der Insel gegenüber eingetroffen, als auch einige Schüsse knallten und fast gleichzeitig eine Kugel über die ungedeckten Flüchtlinge fortpfiff, während die andern zwischen das Gebälk fuhren und sich klatschend in das theilweise schon verwitterte Holz eingruben.

»Wir müssen ihnen die Zähne zeigen,« bemerkte Sans-Bois leise zu Eberhard, »Sie werden uns sonst gefährlich, und eine hinterlistige Kugel möchte dennoch ihren Weg zwischen den Zacken und Aesten hindurchfinden. Geht nur zu den beiden Kindern und beruhigt sie. – Redsteel wird ohnehin kein großer Trost für sie sein – sagt ihnen, ich wolle die drüben nur verjagen, unter uns gesagt, anfassen muß ich sie scharf, oder mein Verfahren hat keine Wirkung.«

Eberhard entfernte sich schweigend; Sans-Bois dagegen wand sich so weit zwischen den hohl liegenden Stämmen hindurch, daß er das Ufer, auf welchem immer mehr Rebellen zusammenströmten, zu übersehen vermochte.

Brise-glace und die Omahas, die ihm gefolgt waren, beobachteten ihn mit ruhiger Theilnahme; sie beabsichtigten, ebenfalls von ihren Büchsen Gebrauch zu machen, doch lehnte Sans-Bois jeden Beistand mit ernsten Worten ab.

»Es sind zwar nur Rebellenräuber und Menschenjäger,« erklärte er, »allein es sind ihrer so viele, daß zwei oder drei weniger nicht ins Gewicht fallen. Warum also unnöthig morden? 's ist schon genug Blut geflossen und wer weiß, wie viel noch fließen wird, bevor dieser brudermörderische Krieg sein Ende erreicht.«

Die letzten Worte sprach er mit der zuweilen bei ihm zum Durchbruch gelangenden Schwermuth, und wie um sich von derselben nicht übermannen zu lassen, schob er die Mündung seiner Büchse hastig durch die Lücke, durch welche er eine volle Aussicht auf die lärmenden Sklavenräuber genoß.

Mehrere Minuten verharrte er regungslos in der gezwungenen, unbequemen Lage, mit einem gewissen Bedauern, jedoch ohne zu zielen, über den Lauf seiner Büchse blickend.

»'s ist ein schwerer Schritt vom Leben in die Ewigkeit hinein,« sprach er in Gedanken, »und einen von jenen Verblendeten muß ich hinübersenden. Welcher von ihnen soll es aber sein? Welcher verdient geschont zu werden? In wessen Brust regt sich noch ein Funke menschlichen Gefühls, und wer von ihnen ist noch durch die Bande der Liebe so mit andern Menschen vereinigt, daß auch nur eine einzige Thräne seinem Andenken geweiht würde? O, es ist eine harte Aufgabe, von sicherem Hinterhalte aus störend in eines Menschen Leben, und sei er der verächtlichste –«

Ein Schauder durchrieselte ihn. Da bemerkte er einen Mann, der sich schußfertig machte, und fester drückte er den Büchsenschaft an seine Schulter. Gleich darauf blickte er wieder empor. Eine unverkennbare Abneigung gegen das, was zu thun er im Begriff stand, prägte sich in seinen verwitterten Zügen aus.

»Ich brauchte ihn ja nicht zu tödten,« flüsterte er, sich gleichsam ermuthigend, »und nur zeichnen will ich ihn, so daß er in diesem Kriege keine Waffe mehr tragen soll.«

Er neigte den Kopf über den Büchsenschaft hin; etwa drei Sekunden zielte er, der Schuß knallte, und der Mann, der eben sein Gewehr anlegen wollte, ließ dieses fallen, worauf er sich einmal um sich selbst drehte und nach einigem Schwanken und Stolpern das Gleichgewicht zurückgewann. Dann aber hob er drohend die linke Faust und ein entsetzlicher Fluch schallte verständlich nach dem Holzriff hinüber.

»Nur die Schulter,« sprach Sans-Bois selbstzufrieden, indem er sich halb nach Brise-glace umkehrte, der hinter ihm kauerte und die Wirkung des Schusses mit demselben Gleichmuthe beobachtete, mit welchem Sonntagsjäger auf dem Schießstande nach der Scheibe hinüberspähen, »nur die Schulter, und ging die Kugel nicht durch einen Zufall um einen Zoll zu weit links, mag er seine Kunst nach einem halben Jahr wieder auf der Eichhörnchenjagd versuchen. Doch seht, wie sie laufen; 's scheint ihnen da drüben nicht recht geheuer zu sein.«

Der Jova nickte in einer Weise, als hätte er für sein Leben gern die Trefffähigkeit seiner eigenen Büchse erprobt. Die Räuber dagegen begaben sich eilfertig und den Verwundeten führend nach dem Uferabhange hinauf, wo sie alsbald im Gebüsch verschwanden.

Was Sans-Bois durch den Schuß bezweckte, hatte er erreicht; die Rebellen hielten sich fortan außerhalb der Tragweite von Büchsen, die sie von so geübten und so sicheren Händen geführt wußten, und welches immerhin ihre ferneren Absichten waren, den Flüchtlingen ließen sie hinlänglich Zeit und Ruhe, an die Fortsetzung ihrer Flucht zu denken und ihre Vorkehrungen zu derselben zu treffen.

Da der Aufenthalt auf der Insel von nur sehr beschränkter Dauer sein konnte, so beschloß man dieselbe noch an demselben Tage und zwar gleich nach Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, bevor sie der mit Zuversicht zu erwartende Angriff von Seiten ihrer Verfolger zur Vertheidigung ihres Lebens zwang. Alle gingen daher mit größtem Eifer an's Werk, das breite Flachboot auf ebenso sinnige wie geschickte Weise in eine Art schwimmender Festung umzuwandeln, welche, obgleich schwerfällig und unlenksam, den Vertheidigern gestattete, ohne sich der Gefahr zu sehr auszusetzen, selbst die in Böten unternommenen Angriffe nachdrücklich zurückzuweisen. Was sie zu ihrem Bau gebrauchten, lieferte die Insel im Ueberfluß, nämlich Holzwerk und geschmeidige Weiden, welche Letztere erforderlich waren, die sorgfältig über und neben einander gefügten, möglichst geraden Aeste und Stämme fest mit einander zu verbinden. So entstand unter ihren Händen bald eine Art Brustwehr rings um das Flachboot herum, welche, auf den Seitenwänden des Fahrzeugs ruhend, von innen mittelst zackiger Aeste und Pfähle so gestützt wurde, daß sie nur mit Gewalt wieder entfernt werden konnte. Nur hinten und vorne wurden Oeffnungen in der etwa einen Fuß hohen Brustwehr gelassen, gerade breit genug, um die das Boot in seiner Richtung haltenden Ruderstangen handhaben zu können. In der Mitte des freien Raumes dagegen errichtete man eine Art Laube von Pfahlwerk, um die beiden Mädchen doppelt gegen die etwa zwischen dem Gerüst hindurchirrenden Kugeln zu schützen.

Unbelästigt beendigten die Flüchtlinge ihre Vorbereitungen, bei welchen sie mit der äußersten Sorgfalt zu Werke gingen und zwei Stunden dauerte es noch bis zum Untergang der Sonne, als Sans-Bois das Fahrzeug als in einem Zustande befindlich erklärte, in welchem es eine ganze Rebellen-Armee – Geschütze ausgenommen – nicht zu fürchten brauche. –

Von den Sklavenräubern hatten sie im Laufe des Tages wenig gesehen. Sans-Bois' Schuß war ihnen eine Warnung gewesen, sich nicht zu nahe an die Insel heran zu wagen, auf welcher die Flüchtlinge nach ihrer Meinung sich verschanzten, um daselbst ihre Entsetzung durch ein Sherman'sches Streifcorps abzuwarten. Ihren Angriffsplan hatten sie indessen nicht aufgegeben, was sie dadurch verriethen, daß in den Vormittagsstunden eine Kette gefesselter Sklaven stromaufwärts und eine andere stromabwärts getrieben wurde, offenbar um unter der Aufsicht einiger verwegener Rebellen zu Arbeiten verwendet zu werden, welche in drohender Beziehung zu den auf dem Riff befindlichen Unionisten standen.

Die letzten Stunden des Tages verstrichen in gleichsam friedlicher Ruhe. Das schwer belastete Flachboot war in tieferes Wasser geschoben worden und die Flüchtlinge hatten bereits ihre Plätze eingenommen, so daß es nur noch des Lösens des den Prahm haltenden Strickes bedurfte, um diesen langsam forttreiben und mit Hülfe der Ruderstangen in die auf der andern Seite der Insel vorbeieilende Hauptströmung hineingleiten zu lassen. Mit dem Aufbruch sollte indessen noch bis zur völligen Dunkelheit gezögert werden, unter deren Schutz man hoffte, sich freier bewegen zu können.

Fast beruhigend wirkte es auf die Gemüther, daß im Lager der Sklavenräuber, welches durch einen schmalen Waldstreifen von der Uferstraße getrennt war, sich nichts geändert zu haben schien. Der Rauch der verschiedenen Feuer stieg in gewohnter melancholischer Weise über die Wipfel der Bäume empor und wurde dann von dem scharfen Ostwinde westwärts getrieben; auch Stimmen, bald heftig fluchend und schmähend, bald klagend und jammernd, drangen über die breite Wasserfläche wunderbar deutlich zu dem Holzriff herüber und gaben Kunde von den Gräuelscenen, welche da stattfanden, wo mehrere Hunderte von schwarzen Sklaven ihre erbarmungslosen Räuber vergeblich um Mitleid und Schonung anflehten.

Als aber die scheidende Sonne den obersten Rand der westlichen Waldung berührte und vergoldete, da erhoben sich stromaufwärts und abwärts, jedoch auf Punkten, welche von den Flüchtlingen nicht übersehen werden konnten, zwei schwere Rauchsäulen. Als sei dies das Signal zu einer verabredeten Bewegung gewesen, setzte unterhalb des feindlichen Lagers eine größere Anzahl bewaffneter Männer in zwei Böten über den Strom, offenbar mit der Absicht, ihre Opfer am Landen auf dem rechten Ufer und der Fortsetzung ihrer Flucht zu hindern.

Ueber den Zweck, zu welchem stromabwärts das Feuer angezündet wurde, waltete kein Zweifel, indem die Flüchtlinge, welchen nur noch der Weg auf dem Flusse selbst offen stand, an demselben vorbei mußten. Um so auffälliger erschien ihnen dafür das andere. Sobald sie aber entdeckten, daß die Rauchsäule langsam ihre Stellung zu dem Riff veränderte, erriethen sie leicht, daß die im Laufe des Tages vorbeigetriebenen Neger von gestrandetem Holz ein Floß gezimmert hatten, auf welchem sie demnächst einen Scheiterhaufen errichteten und anzündeten, um mittelst dieses Branders die Insel in Flammen zu setzen. Die Richtung des verstärkten Windes und die Strömung kamen den Rebellen bei diesem teuflischen Unternehmen zu statten; schlugen aber erst die Flammen in das ausgedörrte und leicht entzündbare Holz des Riffs, dann mußten die Flüchtlinge entweder das Weite suchen und, stromabwärts treibend, ihren Feinden in die Hände fallen, oder sie trachteten, die Feuersgefahr von sich abzuwenden und traten frei in die grelle Beleuchtung des Branders, in welchem Falle sie von den im Uferschatten verborgenen Räubern, ohne Gefahr für sich selbst, niedergeschossen werden konnten. –

Die Sonne war untergegangen und schnell verdichtete sich die Dämmerung zur Dunkelheit, als der schwimmende Scheiterhaufen hinter der nächsten nördlichen Uferwindung hervorglitt. Bei dem Schein, welcher von dem an Umfang gewinnenden Feuer ausströmte, erkannte man auf der Insel, daß der Brander aus mehreren aneinander gefesselten, hochaufflammenden Flößen bestand, welche von zwei bemannten Böten mittelst langer Leinen in die für das Riff verderbliche Richtung hineingelenkt und bis zum letzten Augenblick gehalten wurden.

»Ich fürchte, wir müssen uns auf den Weg begeben,« bemerkte Sans-Bois, als der Brander bis auf etwa dreihundert Schritte herangetrieben war und die leitenden Böte plötzlich seitwärts im Uferschatten verschwanden; »vorwärts also!« fügte er gleich darauf hinzu, »den Ankerblock an Bord und der Teufel über das schurkische Gesindel.«

Die Mulatten, unterstützt von Eberhard und den Indianern, zogen einen kurzen, wasserschweren Baumstamm, welcher den Prahm so lange gehalten hatte, zu sich auf das Hintertheil des Fahrzeuges herauf, und schnell zu den Stangen greifend, schoben sie diesen mühsam um die Südseite des Riffs herum, wo ihnen die beginnende Strömung alsbald die Arbeit erleichterte und endlich ganz abnahm.

Die Nacht war unterdessen ganz hereingebrochen und mit wachsender Besorgniß richteten sich alle Blicke stromabwärts, wo allmälig der weit in den Strom hineinreichende Ufervorsprung, auf welchem der mächtige Scheiterhaufen brannte, in ihren Gesichtskreis trat.

»Scheint ihnen doch sehr an ihrem Leben gelegen zu sein,« grollte Sans-Bois halblaut zu seinen Gefährten, »oder sie hätten nicht so unendlich viele Mühe darauf verwendet, alle Vortheile auf ihre Seite und alle Nachtheile auf die unsrige zu bringen.«

Nach diesen Worten versank er in dumpfes Schweigen, nicht achtend auf die beiden Mädchen, die bebenden Herzens in der festen Holzlaube saßen, nicht achtend auf Redsteel, der mehrfach Fragen über die Möglichkeit ihres Entkommens an ihn richtete und dabei einen solchen Kleinmuth an den Tag legte, daß bei einem stattfindenden Kampfe kaum noch auf ihn gerechnet werden durfte.

Nur gelegentlich wechselte der alte Pelzjäger mit den Indianern in einer den übrigen Anwesenden unverständlichen Sprache Worte und Andeutungen; dieselben waren indessen so kurz gehalten und entbehrten dabei so vollständig jeden Ausdrucks, daß sie am wenigsten zur allgemeinen Beruhigung beitrugen.

Der Brander war endlich vor dem Holzriff gestrandet und die Hälfte der Strecke bis zu dem Rebellenlager hatte das Flachboot noch nicht durchmessen, als die Flammen, unterstützt von dem heftigen Winde, sich über die ganze Insel ergossen und in deren Nähe fast Tageshelligkeit verbreiteten. Aber auch das Feuer auf dem Ufervorsprunge, zu welchem von dem gefangenen Negern Unmassen von Holz herbeigeschleppt wurden, hatte an Umfang gewonnen, doch zeigten sich nur wenige menschliche Gestalten in der Nachbarschaft desselben, ein sicheres Zeichen, daß man sich auf einer Stelle zum Angriff vorbereitete, auf welcher es am wenigsten erwartet werden konnte.

Indem nun der Prahm der Strömung langsam nachfolgte, gelangte er bald in die Mitte des Hauptkanals, welcher ihn dem linken Ufer, also dem Rebellenlager und dem verhängnißvollen Feuer immer näher trug. Noch befand er sich im Dunkeln, denn die Beleuchtung der brennenden Insel streifte ihn ebenso matt, wie die des fernen Scheiterhaufens. Dabei herrschte ringsum Todtenstille, eine Stille, doppelt beängstigend, weil man wußte, daß unter derselben das Verderben für alle in dem Flachboot Befindlichen ausgebrütet wurde.

Da drangen von beiden Ufern die vorsichtig gedämpften Schläge herüber, mit welchen man mehrere Boote dem erhellten Theile des Flusses zuruderte. »Also eine offene Seeschlacht auf einem von ihnen selbst ausgewählten Punkte,« flüsterte Sans-Bois dem neben ihm stehenden Eberhard zu.

»Ein Kampf, welchem wir schwerlich auszuweichen vermögen,« antwortete dieser düster, und seine Blicke schweiften mit einem tiefen Wehgefühl nach der Holzlaube hinüber.

»Ganz ausweichen schwerlich,« erwiderte der Pelzjäger, »das einzige wäre, wir versuchten, das Gefecht nach einer Stelle hinüber zu lenken, auf welcher wenigstens Schatten und Licht gleichmäßig vertheilt sind. Wie tief ist der Strom hier?« wendete er sich an die beiden im Hintertheil des Fahrzeugs stehenden Mulatten.

»Etwas über zwölf Fuß,« antwortete Walebone, die Stange, mit welcher er gemessen hatte, emporziehend.

»Der Anker wird fassen,« rief Sans-Bois schnell, »hinunter mit dem wassersüchtigen Block und laßt das Tau nicht durch eure Finger schlüpfen!«

Ein plätschernder Fall ins Wasser bekundete, daß der Befehl ausgeführt worden war, eine kurze Strecke schleifte der Prahm den schweren Block auf dem Boden des Flusses nach, bis derselbe sich in Sand und Schlamm eingewühlt hatte, und dann blieb er stehen.

Der Fall des Blocks und das darauf folgende Halten des Flachbootes war den lauernden Rebellen augenscheinlich nicht entgangen, denn es erhob sich alsbald auf beiden Ufern eine Bewegung, aus welcher die Flüchtlinge leicht schnelles Laufen, gedämpftes Rufen und beschleunigtes Rudern der Boote herauserkannten.

»Das kam ihnen unerwartet,« bemerkte Sans-Bois zufrieden, »aber jetzt wachsam, wenn wir nicht dennoch überrumpelt und binnen kürzester Frist vom Wasser fortgefegt werden wollen.«

Diese Warnung galt Eberhard und den Mulatten; die Indianer hatten sich bereits vor solche Oeffnungen in dem Holzwall niedergelegt, wo ihre Augen sich möglichst nahe dem Wasserspiegel befanden, sie also mit größerer Genauigkeit die zwischen ihnen und den Ufern sich ausdehnenden Zwischenräume zu übersehen vermochten. Auf Redsteel wurde gar nicht mehr geachtet, um so mehr, als derselbe sich einen Platz in der Nähe der Laube ausgesucht hatte, wo man es der Mädchen wegen vermied, laut von dem eigentlichen Umfange der drohenden Gefahr zu sprechen.

Allmälig verstummte das Geräusch auf den Ufern wieder; nach keiner Richtung hin entdeckte man Bewegungen, welche auf einen wirklichen Angriff hingedeutet hätten, so daß in dem Prahm hin und wieder die Hoffnung laut wurde, bis zum Anbruche des Tages nicht weiter gestört zu werden. Den einzigen Beweis ihrer Wachsamkeit lieferten die Sklavenräuber dadurch, daß sie das Feuer auf dem Ufervorsprunge in derselben, weithin leuchtenden Weise unterhielten, offenbar, um die Flüchtlinge nicht unbemerkt an dem einzigen Punkte vorbeischlüpfen zu lassen, auf welchem sich dieselben vollständig in ihrer Gewalt befanden.

Die ersten Stunden der Nacht gingen dahin. Stille herrschte auf den Ufern, Stille in dem Flachboot; aber hier wie dort wachten scharfe Augen, lauschten geübte Ohren.

Redsteel, die tiefe Ruhe als ein Zeichen der nahen Rettung betrachtend, war nach dem Vordertheil des Flachbootes hingeschlichen, wo Eberhard und die beiden Omahas sich niedergelegt hatten und stumm über die schwarze Wasserfläche hinspähten. Behutsam nahm er neben Eberhard Platz, und da Sans-Bois sich auf dem andern Ende befand, redete er, offenbar um von keinem Andern verstanden zu werden, den jungen Mann in deutscher Sprache an.

»Es ist eine entsetzliche Nacht,« begann er leise, »und, wenn ich es recht überlege, war's eine Thorheit, der beiden Mädchen wegen Alles, ja, das Leben aufs Spiel zu setzen.«

»Was hinderte Sie, längst umzukehren und zwar zu einer Zeit, als dies noch ohne große Gefahr für Sie selbst geschehen konnte?« fragte Eberhard ebenso leise, ohne nach Redsteel aufzuschauen.

»Ja, eigentlich hätte es geschehen müssen,« versetzte dieser mit tadelndem Ausdruck, »und eine Thorheit muß ich es nennen, daß Sie, für den so unendlich viel in Frage steht, meinen Rathschlägen und Bitten nicht nachgegeben haben.«

»Und die beiden Mädchen, an deren Wiedererlangung Herr Braun so unendlich viel gelegen ist?«

»Und Ihre Person? Glauben Sie nicht, daß Ihr Herr Onkel Sie mit ganz andern Gefühlen betrachtet, als jene? Freilich, er hält sehr viel von Magnolia, wie von Bella, und ich räume aus vollem Herzen ein, daß Beide in hohem Grade eine warme Theilnahme verdienen; allein sie würden auch ohne unsere persönliche Beihülfe gerettet worden sein, wenn es überhaupt bestimmt ist, daß sie gerettet werden sollen?«

»Warum haben Sie sich denn an dem gefährlichen Unternehmen betheiligt?« fragte Eberhard mit schlecht verhehltem Unwillen.

»So lange es meine Hauptaufgabe war, meinem Freunde Braun die geraubten Schützlinge wieder zuzuführen, bereute ich keinen Augenblick meinen Entschluß, ihm zu dienen,« entgegnete Redsteel, für welchen in seiner Besorgniß der in Eberhards Worten enthaltene Vorwurf verloren ging, »seitdem dagegen durch das wunderbare Zusammentreffen mit Ihnen eine andere und weit wichtigere Aufgabe vor mir erstand, ist es wohl natürlich, daß ich Alles aufbot, möglichst bald eine Zusammenkunft zwischen Ihnen und Ihrem Herrn Onkel zu bewirkten. Bedenken Sie, eine verhängnißvolle Kugel, und Ihre armen Eltern sind kinderlos; außerdem ist Ihr Onkel schon alt, wenn auch für seine Jahre noch rüstig; jeder Tag kann sein letzter sein, und wohl wäre ihm der Trost zu gönnen, vor seinem Ende Sie, seinen Brudersohn, den so lange und schmerzlich vermißten einzigen Erben seines namhaften Vermögens kennen zu lernen.«

»Sie bestehen also fortgesetzt darauf, dem reichen, hoch angesehenen Manne seinen abenteuernden und vielfach enttäuschten Neffen zuzuführen?« fragte Eberhard nach einer längeren Pause ernsten Nachdenkens.

»Sie können unmöglich noch von Zweifeln über Ihren Entschluß befangen sein, unmöglich daran denken, vor den sich Ihnen öffnenden Pforten eines nie geahnten Glückes zurückzuweichen!«

»Meinen Sie etwa, Reichthum wäre im Stande, mich zu verblenden?« fragte Eberhard zögernd, »verfolgte ich nicht höhere Ziele, von deren Erreichung im vollsten Sinne des Wortes meine ganze irdische Wohlfahrt und noch mehr als das, die Wohlfahrt Anderer und Besserer abhängt, dann würden Sie mich schwerlich so bereit gefunden haben, aus meiner Verborgenheit herauszutreten und mich in verwandtschaftliche Bande zu zwängen, welche für Jemand, der so lange frei und unabhängig gewesen, etwas unendlich Drückendes haben müssen.«

»Sie wären fähig, Ihren armen Eltern den schweren Gram, welcher sie nun schon seit Jahren marterte, bis in den letzten Todeskampf hinein zu verlängern?« fragte Redsteel, und die Angst, welche er um sein Leben empfand, wich auf kurze Zeit zurück vor einer gleichsam unersättlichen Gier, mit welcher er durch die Dunkelheit hindurch in Eberhards Augen zu lesen suchte.

»Meine Eltern?« erwiderte Eberhard heiser, beinahe feindselig, »meine Eltern haben sich an ihrem einzigen Sohne vergangen, – nein, so schwer will ich sie nicht anklagen – denn wer weiß, dies mögen meine letzten Worte sein – allein sie haben lieblos an mir gehandelt und können daher nicht erwarten – und dennoch – ha, wir sprechen, als ob wir uns auf sicherem Boden befänden, während tausendfache Gefahren uns umringen und wenige Schritte von uns zwei Wesen, die – «

Ein leises Zischen, welches von dem Hintertheil des Bootes herüberdrang, veranlaßte ihn, abzubrechen, Redsteel dagegen, doppelt gemahnt an seine trostlose Lage, suchte scheu sein altes Versteck neben der Holzlaube wieder auf.

Ein zweites und verschärftes Zischen rief Eberhard und den einen Omaha nach dem andern Ende des Prahms hinüber, wo Sans-Bois, der Mestize und Brise-glace auf den Knieen lagen und mit äußerster Spannung über die Brüstung fort stromaufwärts spähten.

Leise glitt Eberhard neben den Pelzjäger hin, der ihn im Flüsterton aufforderte, seine jungen Augen zu gebrauchen und seine Waffen bereit zu halten.

Längere Zeit entdeckte der junge Mann nichts Ungewöhnliches. Er sah die schwarzen bewaldeten Ufer, die ihre Schatten weit auf den Strom hinauswarfen, er sah den gestirnten Himmel, welcher sich unvollkommen in der wirbelnden Fluth spiegelte, und endlich die brennende Insel, die hin und wieder, je nachdem ein neuer Holzstoß von der Gluth entzündet wurde, helle Flammen emporsandte und die weitere Umgebung geisterhaft beleuchtete.

Allmälig aber gewannen die in seinem Gesichtskreise befindlichen Gegenstände vor seinen scharf spähenden Augen bestimmtere Formen und Außenlinien, und mehr und mehr trennten sich die einzelnen Punkte von dem beinahe schwarzen Hintergrunde, mit welchem sie anfangs, ohne sich auszuzeichnen, zusammenfielen.

Endlich glaubte er in der Ferne zwei erhabene Linien zu unterscheiden, die, auf dem Wasser schwimmend, sich von beiden Ufern her ungefähr in der Mitte des Stromes vereinigten. Fast gleichzeitig gewahrte er zwei andere Linien, die ebenfalls zu beiden Seiten aus dem Uferschatten traten und sich in einiger Entfernung, jedoch in gleicher Höhe mit den beiden ersten hielten.

»Sie schreiten zum Angriff,« flüsterte er dem alten Jäger zu, und als ob der Zufall habe zustimmend antworten wollen, glitt die zuerst vom rechten Ufer ausgegangene Linie in die Beleuchtung der brennenden Insel, welche ihren Schein, ähnlich einem allmälig verschwimmenden Kometenschweif, auf der zurückstrahlenden Wasserfläche bis zu dem sie beobachtenden Auge ausdehnte. Indem aber die schwarze Linie den fortlaufenden Schein unterbrach, erwies sie sich als Fischerboot, in welchem eine Reihe mit Büchsen bewaffneter Männer kauerte.

»Verdammt!« flüsterte Sans-Bois bei dieser Entdeckung, »sie treiben breit, anstatt, wie's Sitte, die Spitze stromabwärts zu kehren, 's ist klar, sie haben wasserschwere Holzblöcke oder Steine in's Schlepptau genommen, um sich nicht zu übereilen. Eine wirkliche, schlau ausgedachte Schlachtordnung; sie richten sich darauf ein, Alle zugleich zu feuern, während unsere Kugeln nur zu leicht ihren Weg zwischen ihnen hindurchfinden. Was habt Ihr bei dem andern Feuer bemerkt?« fragte er darauf hastig, »glaubt Ihr, daß wir vorbeischlüpfen können? Doch nein, sobald wir losschneiden, haben sie uns da, wo sie uns gern sehen möchten; mit ihren flinken Böten holen sie uns schnell ein, und gelangen wir erst in die Beleuchtung wo die bei dem Feuer aufgestellten Schurken sie unterstützen, dann sind wir verloren –«

Hier wurde er durch den herbeischleichenden Omaha gestört, der so lange auf dem Vordertheil des Prahms Wache gehalten hatte.

»Ein Boot kommt stromaufwärts,« flüsterte derselbe seinen Gefährten zu.

»Also auch von dorther?« fragte Sans-Bois, durch die unerwartete Nachricht offenbar in Verlegenheit gesetzt. »Von dort her, aber noch weit,« bekräftigte der Omaha.

»Nur eins?« fragte Sans-Bois weiter.

»Nur eins, aber viele Männer rudern.«

»Hol' sie der Teufel! Die Schurken erhalten am Ende noch Verstärkung.«

»Rudern dicht am rechten Ufer,« fuhr der Indianer mit überzeugender Bestimmtheit fort, »kann sein, sie suchen stilles Wasser; kann sein, sie nicht Lust haben, im Schein von Feuer zu schwimmen.«

Alle hatten sich emporgerichtet und lauschten stromabwärts, und bald unterschieden sie das durch die Entfernung gedämpfte Geräusch, mit welchem eine Anzahl geübter Ruderer ein Fahrzeug stromaufwärts trieb. Aber auch bei dem Scheiterhaufen schien man das Geräusch vernommen zu haben, denn mehrere Männer traten auf die äußerste Spitze des hell erleuchteten Ufervorsprunges, von wo aus sie, deutlich erkennbar, nach der Richtung hinüberspähten, aus welcher das Klappern zu ihnen drang.

»Wer es auch sein mag,« erklärte Sans-Bois nach längerem aufmerksamen Horchen, »unmittelbar gehörten sie zu den Räubern nicht, wenn ich auch nicht bezweifle, daß sie sich in diesem Theile des Lands bald genug mit ihnen einigen. Aha, da habt Ihr's,« fügte er heftig auffahrend hinzu, als das Geräusch der Ruder plötzlich verstummte, »'s sind Rebellen, so gut, wie diejenigen, die dort drüben hinter dem Feuer auf der Lauer liegen, und wundern sollt's mich nicht, wenn sie zur Zeit schon mit ihnen verhandelten, wie uns am sichersten und schnellsten beizukommen sei.«

Man lauschte wieder mit äußerster Spannung, allein vergeblich, das Rudern wurde nicht erneuert. Auch die Späher bei dem Scheiterhaufen waren wieder zurückgetreten; sie hatten sich entweder mit den geheimnißvollen Ruderern verständigt, oder hielten dieselben für Leute, von welchen sie bei ihrem Unternehmen keine Störung zu fürchten brauchten.

Die Flüchtlinge dagegen wendeten ihre Aufmerksamkeit nunmehr wieder stromaufwärts, von woher sie zunächst einen Angriff erwarteten.

Die feindlichen Böte waren unterdessen nur wenig vorgerückt. Es ließ sich berechnen, daß, wenn sie die Ankerblöcke nicht losschnitten und dadurch ihre Fahrt beschleunigten, mindestens eine halbe Stunde verrann, bevor sie in guter Schußweite von dem Prahm eintrafen. Mit der langsamen Bewegung aber wurde weniger bezweckt, unbemerkt zu bleiben, als über den Zeitpunkt des Angriffs zu täuschen.

Langsam schlichen daher auch den in dem Flachboot Befindlichen die Minuten dahin, doppelt langsam, weil über den endlichen Ausgang des Kampfes, in welchem ihnen eine so vielfache Uebermacht gegenüberstand, kaum noch Zweifel herrschten.

Da schallte vom rechten Ufer der dumpfe Schlag herüber, mit welchem ein Ruder auf den Rand eines hohlklingenden Bootes fiel. Der Ton war indessen kaum verhallt, als bei dem Feuer ein Schuß abgefeuert wurde. Mochte der Schuß ein zufälliger sein, oder als Warnungszeichen dienen, die Mannschaften der langsam herbeigleitenden Boote betrachteten denselben als Signal zum Angriff, denn nachdem sie etwas näher zusammengerückt waren, zerschnitten sie die Stricke der nachschleppenden Blöcke, und immer noch die breite Seite dem Flachboot zugekehrt, bewegten sie sich mit der Schnelligkeit der Strömung auf dieses zu.

»Nieder, nieder mit Euch Allen!« rief Sans-Bois, indem er selbst sich auf den Boden warf; und eben war der Letzte dieser Warnung nachgekommen, als aus zwei der heranrückenden Böte eine Salve von zwölf bis vierzehn Schüssen krachte, deren Kugeln indessen theils harmlos über die Flüchtlinge hinsausten, theils in das schützende Holzwerk einschlugen.

Niemand in dem Flachboot rührte sich; Alle begriffen die Gefahr, in welcher sie dadurch schwebten, daß die Räuber, anstatt, wie man ursprünglich vorausgesetzt hatte, ihren Angriff vom Ufer aus auf die Seitenbarrikaden zu richten, über den weniger gesicherten Hintertheil fort das Fahrzeug in seiner ganzen Länge zu bestreichen vermochten.

Nachdem die erste Salve gefallen war, folgten in dem Flachboot furchtbare Minuten. Nur die Indianer beobachteten eine unerschütterliche Ruhe und entledigten sich aller Kleidungsstücke, um, wenn Alles verloren sein sollte, ihr Heil in den Fluthen zu suchen und demnächst einen verderblichen und erbarmungslosen Guerilla-Krieg gegen diejenigen zu eröffnen, gegen welche durch die erbitterte Verfolgung ihre unversöhnliche Rachsucht wach gerufen worden war.

Die feindlichen Böte waren unterdessen in ihrer alten Schlachtordnung bis auf ungefähr achtzig Ellen herangeglitten. Obwohl die Todtenstille in dem Flachboot die Angreifer befremdete, bezweifelten sie doch nicht, daß hinter derselben eine Kriegslist verborgen sei, und scharf spähten die Augen aller nach dem unförmlichen Fahrzeug hinüber, aus dessen Verschanzung in jedem Augenblick das Feuer von Schüssen hervorbrechen zu sehen sie erwarteten. Sie spähten so scharf und ununterbrochen hinüber, daß sie nicht bemerkten, wie in gleicher Höhe mit ihnen sich ein größeres Boot vom rechten Ufer trennte und so weit in den Strom hineinglitt, wie es mittelst einer einfachen Stange geräuschlos geschoben werden konnte, wo es dann, wiederum mit Hülfe der Stange, regungslos liegen blieb, ähnlich einem lauernden Tiger, der, zum Sprunge gerüstet, nur noch zögert, um nicht einer falschen Beute die scharfen Krallen in's Leben zu schlagen. Ebenso wenig bemerkten sie aber auch, daß man vom Scheiterhaufen her ihnen warnende Zeichen gab, oder sie deuteten dieselben falsch; denn als wiederum auf dem Ufervorsprunge ein Schuß fiel und sogar mehrere Reiter mit vollster Hast über die hell beleuchtete Stätte stromaufwärts sprengten, ertönte plötzlich aus einem der mittleren Böte Mullans Stimme, die Genossen zum schnellen Handeln anfeuernd.

»Keinen Schuß!« commandirte er, nunmehr jede weitere Vorsicht für nachtheilig haltend. »Keinen Schuß, bevor Ihr nicht das Weiße in den Augen der verdammten Yankees seht! Drauf jetzt, was die Ruder halten wollen!«

Wie ein Blitz kehrten die Böte alsbald den Bug stromabwärts, und hoch auf spritzte das Wasser unter den von ungeübten Händen geführten Riemen, indem Einer dem Andern zuvorzukommen und, von thierischer Wuth beseelt, das blutige Rachewerk zu beginnen suchte. Ein drohendes Geheul entwand sich zugleich den heisern Kehlen der offenbar durch berauschende Getränke künstlich ermuthigten Räuber; weithin über den Strom erschallte aber auch nunmehr Sans-Bois' Stimme, der, auf den Knieen liegend, seinen Gefährten anempfahl, nicht zugleich zu schießen.

Die Indianer antworteten durch ihren gellenden Kriegsruf, übertäubend die vom Ufer herüberschallende Kunde, die von dem Falle Savannahs und von der Nähe feindlicher Reiterabtheilungen handelte; übertäubend eine durstige, verrostete Ankerwinde, die etwas abseits einzelne kurze Bemerkungen über »die Richtigen,« und »ewige Verdammniß« knarrte, und endlich ein heiseres Kapitänsorgan, welches ganz laut und deutlich calculirte, daß ein Irrthum nicht mehr möglich sei und man den verdammten Rebellenpiraten die Hölle geben möge.

Alles dieses fand Statt in der kurzen Zeit, welche das vorderste Boot gebrauchte, um die es von dem Prahm trennende Entfernung von achtzig Ellen bis auf ungefähr zwanzig zu verringern, während die andern Böte Bogen beschrieben und alle Kräfte aufboten, ebenso schnell an die Seitenverschanzung des Prahms zu gelangen.

Der Mestize kniete gerade neben dem alten Jäger, als dieser zähneknirschend bemerkte, daß es wohl zu Ende mit ihnen gehe, die Räuber aber vorher noch ihre Zähne fühlen sollten.

»Nehmt nur den nächsten Ruderer,« flüsterte er darauf dem Mestizen zu, »und Ihr, Brise-glace, gebt's Einem aus dem Boote da rechts; bevor sie heran sind, könnt Ihr wieder eine Kugel in den Lauf gestoßen haben.«

Die beiden Schüsse krachten, und zwei Ruderer stürzten über ihre Riemen hin; aber auch noch ein dritter schien getroffen zu sein, denn es erschallte aus dem einen Boote ein von entsetzlichen Flüchen gefolgter Klageruf. Mullan dagegen, durch die entstandene kurze Verwirrung bis zur Tollwuth gestachelt, suchte mit seiner durchdringenden Stimme Alles zu übertäuben.

»Heran Jungens!« brüllte er, »nur noch drei gute Stöße, und sie sind in Eurer Gewalt! Vorwärts, bevor sie wieder laden!«

»Gebt ihnen die Hölle, Jungens!« gellte jetzt seitwärts eine andere Stimme, welche schon manches liebe Mal durch das Sprachrohr auf offener See den Orkan überschrieen hatte, und kaum war das Commando in die Nacht hineingeschallt, da flammte es wie eine feurige Garbe aus dem bis jetzt unbeachtet gebliebenen geheimnißvollen Fahrzeug; ein Dutzend Schüsse krachte, und klatschend schlugen die Kugeln in die Bemannung der drei Rebellenbote, welche vor dem fremden Fahrzeug gerade eins das andere deckten. Eine entsetzliche Stille trat augenblicklich nach diesem ungeahnten Angriff ein; selbst die Verwundeten schienen durch den Schrecken so gelähmt zu sein, daß sie nicht einmal einen Schmerzenslaut von sich zu geben vermochten, in Folge dessen deutlich und Allen verständlich vom Ufer zu den verschiedenen Fahrzeugen herübertönte:

»Savannah ist gefallen! Die Unionisten rücken an!«

Dann aber brach es auch auf dem Wasser von allen Seiten mit betäubender Heftigkeit los. Mit einem lustigen »Hurrah!« trieben die zwölf Seeleute, nachdem sie schnell Patronen in ihre Militärbüchsen geschoben hatten, das Wallfischboot auf die Fahrzeuge der Sklavenräuber ein. Diese aber hatten jeden Gedanken an Widerstand aufgegeben; heulend und fluchend stießen sie ihre Todten und Verwundeten über Bord, und unter gellenden Verwünschungen eilten sie dem Ufer zu, wo ihrer eine andere, nicht minder schreckliche Ueberraschung harrte, als ihnen durch Kapitän Iron und seine alten treuen Hände bereitet worden war.

Nur das eine Boot, welches den andern voraus bis auf wenige Schritte an den Prahm herangetrieben war und auf welches die Seeleute nicht mehr zu schießen wagten, aus Besorgniß, Jemand im Flachboot zu verletzen, schien nicht an den Rückzug zu denken. Dasselbe wurde nämlich von Mullan befehligt, in dessen Begleitung sich nur ursprüngliche Genossen von ihm befunden, also lauter gesunkene Vagabunden, die nichts mehr zu verlieren hatten und an Verwegenheit und Rachsucht ihrem Führer nichts nachgaben.

Hoch aufrecht stand Mullan vorn in seinem Fahrzeug, in der linken Faust die Drehpistole, in der rechten den schweren Schleppsäbel, bereit, sich blindlings auf das Flachboot zu stürzen und seinen Genossen, wenn auch nicht mehr, doch wenigstens den Weg zu einer blutigen Rache zu eröffnen. Es war eine Handlung des Wahnsinns, zu der ihn die furchtbare Wuth über das Mißlingen seines Planes trieb, welche wieder durch die vom Ufer herüberdringenden Schreckensrufe und durch den vernichtenden Angriff des geheimnißvollen Bootes bis zur Raserei gesteigert wurde. Blind und taub, wie er nunmehr für alle in seiner Umgebung stattfindenden Begebenheiten war, fehlte ihm auch die Muße, sich einen gewissen Ueberblick zu verschaffen, denn Alles war so schnell aufeinander gefolgt, daß man die Zeit, welche seit dem Krachen der aus dem Flachboot abgegebenen Schüsse verstrichen war, nur nach Sekunden hätte berechnen können. Das Echo der von den Seeleuten herrührenden Salve war aber noch nicht hinter den entfernteren Flußwindungen verhallt, da bog Mullan seinen Oberkörper rückwärts, sich gleichsam vorbereitend zu dem Sprunge, welcher ihn mitten unter die tödtlich gehaßten Flüchtlinge bringen sollte.

»Gebt Acht, Leute!« rief er drohend aus, »kein Schuß darf umsonst knallen! Feuer auf jeden Kopf, der sich über der Brüstung zeigt!«

Doch die hinter der Brüstung lauernden Schützen rührten sich nicht; fest an die Planken des Prahms angeschmiegt lagen sie da, so daß sie sich in der Dunkelheit nicht von den umhergeworfenen Holzstücken unterschieden, die Mündungen ihrer Büchsen dagegen wiesen nach oben, um Jeden, der sich von Außen her über den Verbarrikadirungen zeigen würde, sogleich mit einer Kugel zu begrüßen; denn jetzt, nachdem sie die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß Rettung nahe sei, sannen sie weniger darauf, ihren Feinden zu schaden, als sich selbst vor deren Geschossen zu bewahren und unverletzt aus dem Kampfe hervorzugehen. Nur aus solchen Gründen wurde Mullan auch nicht von seinem erhöhten Standpunkte heruntergeschossen, obwohl er nur noch wenige Ellen von dem Prahm entfernt war. In demselben Augenblick aber, in welchem er zum Sprunge ansetzte, schoß Kapitän Irons Boot aus dem Dunkel gerade auf das des Räubers zu, und bevor dessen Leute entdeckten, ob es Feinde oder Genossen seien, welche sich ihnen so hastig näherten, hatte die Spitze des festen Wallfischbootes das leichte Fahrzeug mit einer solchen Gewalt auf die Breitseite getroffen, daß dieses mit seiner ganzen Bemannung umschlug.

Nur Mullan entging dem Schicksal seiner Genossen, um dafür einem andern, schrecklicheren anheim zu fallen.

Als sein Boot getroffen wurde, befand er sich schon im Sprunge, doch wirkte die Erschütterung, welche sein abstoßender Fuß empfing, BILD! derartig auf ihn ein, daß er nur den äußersten Rand des Flachbootes erreichte, wo ihn das ästige Holzwerk am weiteren Vordringen hinderte und er, um nicht rückwärts in die Fluthen hinabzustürzen, unter Aufgabe seiner Waffen, sich mit beiden Händen anklammerte.

Aechzend vor Wuth und Todesangst suchte er sich über das Hinderniß hinweg zu schwingen, unbekümmert darum, daß er nunmehr waffenlos war; da tauchten vier oder fünf Köpfe vor ihm auf und die Mündungen ebenso vieler Gewehre streckten sich ihm entgegen.

Bestürzt warf er einen Blick rückwärts, wo seine Genossen gegen die eisigkalten Fluthen kämpften. Dann wendete er sich mit einem gräßlichen Fluche auf den Lippen seinen Gegnern wieder zu, von welchen er keine Gnade erwartete und sie auch nicht angenommen hätte.

»Schont ihn, nehmt ihn gefangen!« rief Sans-Bois und zugleich trachtete er, ihn an der Schulter zu fassen und zu sich hereinzuziehen, als Mullan plötzlich mit einer äußersten Kraftanstrengung den Lauf seiner Büchse ergriff und ihm dieselbe zu entwinden suchte.

»Verfluchter Nordländer!« schnaubte er zähneknirschend, mit rasender Wuth an der Büchse zerrend, »Du bist der Letzte, von dem ich geschont sein will!«

»Faßt ihn von hinten!« rief Sans-Bois dagegen den nunmehr herbeirudernden Seeleuten zu, allein seine Bitten und Befehle bleiben erfolglos, des Sklavenräubers Mullan Geschick war besiegelt.

»Nicht lange zanken um verdammten Rebellen!« hohnlachte der Mestize, in dessen Adern das afrikanische Blut und das seiner indianischen Voreltern in schwer zu dämpfende Wallung gerathen war, »Wenn er beim Teufel, dann Niemand sich mehr darum kümmern brauchen, was mit ihm aufstellen – Da – und noch einmal!« rief er mit grausigem Gleichmuth aus, indem er sein Kriegsbeil zweimal mit vollster Wucht auf den Schädel des Unglücklichen niederschmetterte.

Mullan sank in die Fluthen hinab, die sich brausend über seinem Leichnam schlossen.

Gleich darauf legte sich Kapitän Irons Boot seitlängs des Prahms, und erwartungsvoll schauten die Flüchtlinge auf diejenigen, welchen sie ihre Rettung verdankten.

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