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Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine kuriose Karriere

Mit zwanzig Jahren widerfuhr Döll das Glück, die Aufmerksamkeit der Münchner Polizei zu erregen.

Das geschah folgendermaßen. Döll saß in sehr vorgerückter Nachtstunde an der Seite eines blonden Ladenmädchens im Café Müller, unweit des Sendlingertors, und vertiefte also die ihn noch gar außerordentlich dünkenden Wonnen der ersten Liebe von erfahrener Hand. Da er zudem im Besitze von fünfundzwanzig Mark sich befand, die er seinem ehrsamen Vater meuchlings aus der Brieftasche entwendet hatte, kannte sein Hochgefühl keine Grenzen. Es nahm, als die zweite Flasche Pfälzer geleert war und Gusti, das erfahrene Ladenmädchen, ihn mit kundigsten Handgriffen neuerlich bedrängte, derartige Dimensionen an, daß er, mit äußerst ironischer Haltung des gesamten Körpers, zu singen anhub:

»Du hast ja die schönsten Blauaugen,
hast alles, was Menschenbegehr,
du hast mich . . .«

»Du hast mich«, unterbrach ihn Gusti, sehr zur Unzeit, aber mit grandios vollführtem Augenaufschlag und einem patenten Griff durch die Manschette nach seinem nackten Unterarm.

In Döll gor es toll. Immer toller. Bis seine nunmehr komplette Extase explodierte: er richtete sich hoch auf, stieß seine Arme weit von sich und sang mit einem Ausdruck, der zwischen tragischester Schicksalsergebenheit und inbrünstigem Zynismus divin die Mitte hielt:

»du hast mich zugrunde gerichtet,
du Fetzen, du Schlampen, du Hur.«

Gusti schien dies nun doch zu weit gegangen. Sie schnellte sich empört zur Seite, sprang auf und eilte in die Toilette.

Döll, plötzlich unsäglich vereinsamt, sann nach. Er wußte zwar nicht genau worüber, aber er machte für alle Fälle ein höchst grausames Gesicht.

Dieses sah ein kleiner kraushaariger Herr, der am Nebentisch saß und von Dölls schmählichem Gesang insoferne mit ganz besonderem Interesse Notiz genommen hatte, als er davon lebte. Nun hielt er es für günstig, die Abwesenheit der Frauensperson zu einer Annäherung zu benützen. Er schwenkte sich mit der allen Spitzeln eigenen Grazie, die gleichsam unterwegs in die Brüche geht, heran, 35 winkte jovial mit seiner Taschenuhr und behauptete betrübt, daß sie nicht richtig gehe.

Döll, dadurch wieder in wachsender Laune, grinste ihm mit dem Hohn eines Menschen, der allen Kleinkram des Lebens im Sturm hinter sich warf, zwischen die schiefen Äuglein und schnarrte hochmütig: »Erstens bin ich kein Ingenieur, sondern eine Lokomotive. Und zweitens dürften Sie ja doch nie wissen, wie viel es geschlagen hat.«

Der kleine Herr konstatierte zwinkernden Blicks eine alles Erwartete depassierende Frechheit und setzte sich, weiterhin Aufschlußreiches erhoffend, ungeniert an den Tisch.

Trotz seinem bereits stattlich der Undeutlichkeit sich nähernden Zustand empfand Döll diesen Vorgang als durchaus ungehörig. Weshalb er ohne Zögern, ja mit unverkennbarem Wohlgefallen daran, eine Gelegenheit zur Verwendung seiner vagierenden Kraftgefühle zu haben, also Stellung nahm: »Sie sind entweder ein verfehlt maskierter Luki. Dann sind Ihre Manieren von sehr bedauernswerter Dürftigkeit. Oder Sie sind ein miserabel angezogener Halbseidener. Dann haben Sie wenig Aussicht, sich erfolgreich zu nähern. Denn nur ein Kavalier, der mir meine Dame erneuert, hat Aussicht, sie zu besitzen.«

Dölls Ausdrucksweise, welche jeden Feineren vorerst hätte vermuten lassen, daß es sich bloß um einen Sensationslüsternen handle, däuchte den kleinen Herrn sofort die Routine des geriebenen Anreißers zu sein; die Äußerungen selber ein eklatanter Beweis für seine scharfsinnigen Unterstellungen. Er lächelte deshalb devot, lehnte sich weit zur Seite, um, ohne aufstehen zu müssen, sein Glas vom Nebentisch sich holen zu können, und stieß mit ihm an das Dölls, der dies mit den Worten geschehen ließ: »So gestoßen, ist halb verloren.«

Der kleine Herr, der diesmal nicht ganz verstand, hielt es für eine neuerliche Frechheit; dieweil Döll sich leise rötete, da er hinterher bemerkt hatte, daß es seinem Aphorismus sowohl an Schärfe als auch an Format gebrach. Er hatte deshalb, um so mehr als er mit der typischen Empfindlichkeit Jugendlicher des kleinen Herrn zweifelndes Gesicht für überlegenheitstrunken hielt, das ununterdrückbare Bedürfnis, mit Stärkerem noch und Blitzenderem aufzutrumpfen. Zu diesem Zweck riß er seine Visage à la Napoleon zusammen, schob die Lippen machtvoll aufeinander und preßte bedeutungsschwer hervor: »Ich liebe den Kavalier. Er ist meine spanische Fliege, die ich, nicht so stupid, sie etwa verächtlich zertreten zu wollen, sogar zu kultivieren pflege, indem ich mit ihr 36 konversiere . . .« Dölls Geist verlor sich für Sekunden, rang dann aber gleichwohl sich durch: »Der Kavalier versieht mir die Dame mit dem Kontrast seines schütteren Liebhabertums und mit moderneren Hüten. Sie sind zwar nicht einmal der Mann, nach dem zu triumphieren ein Triumph wäre, geschweige denn ein zählender Zahler; aber immerhin ein possierliches Subjekt, das sich versucht und, nachdem es zweifellos jahrelang im leeren Zimmer unter Visionen sich minorenn vergnügte, heute Nacht mit anerkennenswerter Tollkühnheit auf das Leben losgeht. Geben Sie acht, daß Sie nicht Ihr Deka Selbstbewußtsein einbüßen, um dafür die Gewißheit einzutauschen, Ihre eigene Wurzen zu sein.«

Ganz unerwartet machte der kleine Herr jetzt eine schnelle Verbeugung über den Tisch hin. »Sie gestatten. Jukundus Nieder mein Name.«

Döll übersah die dargebotene, ihm zu rote Hand. »Ich, Bruno Döll, gestatte. Aber auf die Dauer nur, wenn Sie sich ernsthaft bemühen wollen, besser dazusitzen, weniger zu zwinkern und überhaupt ein bißchen mehr Anziehungskraft zu entwickeln.«

Herr Nieder hob abermals sein Glas, wobei es ihm zur Gänze mißriet, verlockend dreinzuschauen, und stöhnte eifrig: »Ich kenne meine Fehler, lieber Herr Döll. Wer hat keine Fehler? Auch Sie haben vielleicht Fehler. Was liegt schon daran? Wenn man nur genügend Moneten hat.« Er zog ein umfangreiches silbernes Zigaretten-Etui aus der Westentasche und legte es vor sich auf dem Tisch zur Betrachtung aus.

Döll, dem Herr Nieder daraufhin noch unsympathischer wurde, hielt dessen Bemerkungen für alberne Platitüden, zwang sich aber, um sich selber nicht zu desavouieren, auf jene unzweideutige Geste noch unzweideutiger einzugehen. »Daß Sie doch Geld zu haben scheinen, ist ein sehr erfreulicher Zug von Ihnen. Ob er aber auch gegebenenfalls bei mir halten würde?«

Herr Nieders Mund zerlief feixend. »Er wird halten, Herr Döll. Er wird halten, wenn Ihre Liebste einsteigt.«

Döll war darüber, daß er zum ersten Mal eine halbwegs ebenbürtige Antwort erhalten hatte, sofort derart begeistert, daß ihm der Geist noch schneller und holder kam: »Sie wird einsteigen. Und den Aufenthalt dazu benutzen, Ihnen für den Rest Ihrer Lebensfahrt eine Erinnerung zu besorgen, die nicht mit Gold aufzuwiegen ist.«

Herr Nieder bewegte, mehr gewohnheitsmäßig als geringschätzig, den Kopf.

Weshalb Döll wie vorgepeitscht sich weit über den Tisch legte. 37 »Selbstverständlich hängt es davon ab, ob Sie eine große Station sind. Denn wenn Sie bloß zehn Minuten halten, werden Sie schwerlich dazu kommen, etwas mit Gold aufzuwiegen, was nicht die erforderliche Zeit hatte, sich dermaßen wertvoll zu entwickeln.«

Herrn Nieders rötliche Stumpfnase blähte sich süßlich. Er war bereits überzeugt davon, einen schweren Jungen aufgespürt zu haben; dennoch wollte er sich den Fang nicht zu viel kosten lassen, weil sein Vorgesetzter hohe Spesenrechnungen als Mangel an Geschicklichkeit interpretierte. »Ich werde halten«, meinte er mit widerlicher Bereitwilligkeit, »aber wie lange ich halte, wird von Ihrer Dame abhängen. Und davon auch alles andere. Einverstanden?«

Mittlerweile hatte Döll vor der ihm gegenüber befindlichen Toilette Gusti erblickt. Dadurch war er so nervös geworden, daß er Herrn Nieders Propositionen überhört hatte. »Ob sie einverstanden ist?« knurrte er in schnell steigender Unruhe. »Wenn ich es verlange, ist es so gut wie geschehen. Aber wenn Sie ihr zu sehr mißfallen sollten, was ja möglich wäre, so . . .«

Gusti trat an den Tisch. Sie hatte ihre taktische Entfernung dazu benützt, Frisur und Gesicht zu restaurieren; aber auch zu einer gewichtigen Unterredung mit der alten Toiletten-Paula, die ihr zu ihrer jüngsten Wahl gratulierte und als gerissene ehemalige Kokotte dringend riet, ihren Bruno an sich zu schmieden, sei es durch ein Kind, sei es durch . . . An dieser Stelle des Gesprächs hatte die Toiletten-Paula eine unbeschreibbare Handbewegung gemacht, die etwas sehr Bestimmtes und durchaus Ungesetzliches ausdrücken sollte. Gusti hatte verständnistriefend geschmunzelt, ein fürstliches Trinkgeld gegeben und sich tatsächlich entschlossen, ihren Bruno auf ähnliche Art sich zu holen.

Sie stand deshalb mit einer Miene am Tisch, die so völlig von Selbstsicherheit durchflutet war, daß Dölls Verlegenheit zu einem ungewissen Zorn sich auswuchs, der wiederum den Vorteil hatte, ihn das Richtige treffen zu lassen. »So setz dich schon!« Seine Stimme schwoll männlich an. »Wo warst du überhaupt so lang? Ich möchte sehr darum gebeten haben, mich über sämtliche deiner Rendezvous auf dem Laufenden zu erhalten.«

Gusti glaubte ihn eifersüchtig und setzte sich, schelmisch pfeifend. Als sie aber Herrn Nieder erblickte, glaubte sie an eine Intrigue und lächelte mitleidig.

Dies hatte zur Folge, daß Dölls geheime Besorgnis, Herr Nieder könnte Gefallen erregen und ihn dadurch in die peinlichste 38 Situation bringen, augenblicks der übermütigsten Laune wich. Er begann, die gefährlichsten Ansichten zu entwickeln, die funkelndsten Sätze zu zimmern, die seltensten Vokabeln zu firsten. So daß Gusti, teils voll Stolz ob der Rarität ihres künftigen Bräutigams, in die ohnedies wohl geborene Brust sich warf, teils innerlich tief beglückt darüber nachgrübelte, wie sie ihren Bruno am besten an sich schmieden könnte. Da fiel ihr Auge, das den scheinbar nur mit halbem Ohr zuhörenden Herrn Nieder wegen Mangels an Erquicklichkeit geflissentlich mied, auf dessen Zigaretten-Etui. Ohne noch recht zu wissen, was sie damit bezwecken wollte, ergriff sie es, nickte lobend und sagte schließlich, Döll in seinen kühnsten Ausführungen gnadlos unterbrechend: »Sehr geschmackvoll. Und sicherlich furchtbar teuer.«

Herr Nieder bejahte, mit Nachdruck die Hand hebend.

Döll schwieg verwirrt.

»Darf ich es Ihrem Freund schenken? Sie würden es doch an ihm noch lieber bewundern, nicht wahr?« Herr Nieder brachte eine beinahe gentlemanlike Haltung zuwege.

Diese beruhigte Gusti, der plötzlich unklare Bedenken gekommen waren. Sie lachte verliebt, um einen Rest von Unsicherheit hinwegzuspülen. »Gefällt es dir denn überhaupt, Bruno?«

Döll zuckte, noch verwirrter als vordem, die Achsel und versuchte, sich einzureden, alles nehme einen günstigen Verlauf.

Als Gusti ihm aber, nunmehr bereits mit einer bestimmten Absicht, das Etui in die Tasche steckte, wollte er doch einlenken.

Zu spät. Herr Nieder hatte sich schon feierlich erhoben, schwang sein Glas und sprach: »Ich danke Ihnen, Herr Döll, für die mich ehrende Annahme dieses kleinen Geschenks. Und Ihnen, mein Fräulein, für Ihr Entgegenkommen, das nicht unbelohnt bleiben wird.« Hierauf setzte er sich wieder und sogleich seinen rechten Fuß auf Gustis linken.

Diese, welche in der Gunst dieses Zufalls einen Wink des Schicksals zu sehen sich beeilte, gab Herrn Nieder heimlich ein Zeichen und verschwand . . .

Als sie nach einer Stunde, ohne Herrn Nieder, an den Tisch zurückkehrte, fand sie Döll in einer grauenhaft lethargischen Stimmung vor, welche nicht so sehr der übermäßige Alkoholgenuß verursacht hatte als vielmehr die bohrende Pein, nicht zu wissen, ob Gusti ihn für das Etui plus Extra betrog oder ob es nur ein Vorwand für sie war, einer rasch aufgeflammten Leidenschaft sich hingeben zu können. Der schier unerträgliche Umstand, durch seine Aufschneidereien zur Ohnmacht verurteilt zu sein, hatte Döll 39 anfangs zwar zu wüsten Selbstanklagen hingerissen, war aber doch bald vor genannter Pein zurückgetreten.

Gusti lehnte sich schmeichelnd an ihn. »Bruno, hörst du?«

»Ja«, grunzte Döll.

»Jukun . . . Herr Nieder hat mir dreißig Mark gegeben.«

Döll erzitterte leicht. »Und du?«

»Ich mußte . . .« Gustis Köpfchen sank tiefer. » . . . ihm meinen Leib überlassen.«

Döll zitterte stärker. »Du – mußtest?«

»Er sagte mir, du hättest es mit ihm vereinbart.« Gusti hielt pfiffig inne. Als keine Antwort kam, fügte sie traurig hinzu: »Und da ich dich mehr liebe als mein Leben . . .« Sie steckte ihm die dreißig Mark in die Tasche zu dem Etui. » . . . und du mich doch heiraten wirst . . .«

Döll riß bei diesen Worten die Augen weit auf und sein Taschentuch entzwei. »Was? . . . Ich? . . . Habe ich denn . . . Wollte ich denn . . .«

Gusti quetschte mehrere Tränen hervor. »Ich wußte doch, daß du deinem Vater die fünfundzwanzig . . . und du mußt sie doch zurückgeben. Deshalb bist du doch nur auf das mit dem Nieder eingegangen. Und deshalb habe ich es doch auch nur getan, Bruno . . .«

Döll, der nicht vergeblich ganze Bibliotheken verschluckt hatte und lediglich in Sensationen lebte, erschauerte toll. Immer toller. Bis die unermeßliche Fülle dieses Erlebnisses in ihm sich ausgebreitet hatte und ihn außerstand setzte, etwa irgendetwas in Zweifel zu ziehen.

Er heiratete nach Jahresfrist, nachdem er, selbstverständlich gegen den Willen seiner Eltern, das Jus-Studium mit einer kommunalen Anstellung vertauscht hatte, seine edle Gusti, die, eine zweite Monna Vanna, für ihn sich geopfert hatte, und trug das erinnerungsträchtige Zigaretten-Etui tagaus tagein, obwohl es sich als eine wohlfeile Imitation herausgestellt hatte. Gusti wurde ihm erstaunlicher Weise eine treue Gattin und beschenkte ihn alsbald mit einem gesunden Knaben.

Dieses Glück dankte Döll der Münchner Polizei. Und da sie auf Grund von Herrn Nieders Bericht nicht gezögert hatte, Bruno Döll unter Aufsicht zu stellen, dankte dieser ihr auch seine Karriere. Denn der Kommunal-Beamte, in dessen Ressort die Bearbeitung von Dölls Anstellungs-Gesuch fiel, hatte ihn, als die Umfrage nach seinem Vorleben derart Überraschendes zutage förderte, ins Verhör genommen, seine Unkenntnis jenes Umstandes konstatiert 40 und seine gänzliche Harmlosigkeit und damit implizite die Albernheit der Polizei und war von seiner eigenen Klugheit und Weitsichtigkeit so entzückt, daß er Bruno Dölls Gesuch nicht nur sofort glänzend befürwortete, sondern ihm auch späterhin das Avancement erleichterte. 41

 

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