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Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die dilettierende Pension

Pasztor, ein schwarzäugiger Ungar, hatte in einem Pariser Restaurant einen so wuchtigen Faustschlag auf den Mund bekommen, daß er zwei Vorderzähne ausspie. Zu allem Pech aber hatte er seinen weitaus einflußreicheren Gegner daraufhin dermaßen aufs Ohr gehauen, daß dieser ohnmächtig wurde. Deshalb zog Pasztor in weiser Erkenntnis es vor, unverzüglich abzureisen. Da er jedoch lediglich ein Billett dritter bis Basel zu kaufen imstande war, einer Stadt, welche er mit Recht für ungeeignet hielt, verfiel er unterwegs auf einen sehr praktikablen Ausweg: er ersuchte, nachdem er dem Hoteldiener des ›Basler Hof‹ langsam und deutlich seinen Gepäckschein eingehändigt hatte, den Portier, ihm vierzig Franken zu leihen, was dieser mit sauersüßer Liebenswürdigkeit schließlich tat. Pasztor verließ daraufhin in einem gut gewählten Augenblick das Hotel, fuhr mit der Tram zum Bahnhof, nahm dem Hoteldiener vor der Gepäckausgabe-Stelle mit einem kleinen Trinkgeld seinen Gepäckschein wieder ab und gab seinen Koffer bis Buchs auf, wo er mit demselben Zug, den er vor einer halben Stunde verlassen hatte, ankam und mit einem in österreichischen Kronen beträchtlichen Betrag.

Spät am Abend dieses Tages war er in Wien, schlief im Hotel Wimberger schlecht und wenig und war deshalb am folgenden Morgen so durchaus nicht auf der Höhe, daß er seiner Depression erlag und, statt im Hotel Imperial abzusteigen, in der kleinen, nicht sonderlich sauberen Pension Vienna in der Frankgasse ein Zimmer mietete.

Die Folge davon war, daß Pasztor, dem das seit dem Weltkrieg durch zwanzig dividierte Wien schon nach dem ersten Ausgang Lebensüberdruß verursachte, in einen gräulichen Zustand von Apathie verfiel, der ihn nicht nur verhinderte, über die Behebung der Leere in seinem Portefeuille nachzusinnen, sondern überdies zu gänzlich zwecklosen Grübeleien über die Vergänglichkeit alles Glanzes verleitete. Glücklicherweise war Pasztor eine selten labile Natur, so daß er bereits nach wenigen Tagen an das schmutzige, farbenarme und unelegant gewordene Wien sich gewöhnt hatte, ja sogar, was beiweitem deutlicher seine wiederkehrende Kraft verriet, auch an die unsägliche Pension, die ihn beherbergte, und an deren noch unsäglichere Gäste, die, auch wenn sie deutsch sprachen, ein gebrochenes Kroatisch zu mauscheln schienen, und 23 überhaupt weniger den Eindruck einstiger Österreicher machten als vielmehr den von heruntergekommenen Parvenues.

Die von grotesken Verblödungserscheinungen durchsetzten Konversationen, mit denen sämtliche Mahlzeiten arrosiert wurden, begannen Pasztor allgemach derart zu amüsieren, daß er sich entschloß, sein bisheriges Schweigen zu brechen und das um vieles größere Vergnügen sich zu machen, Sprengversuche an diesen soliden Existenzen vorzunehmen. Dazu benützte er, allerdings auch in der Hoffnung, einige Dupes sich zu holen, eine Äußerung, welche eine junge hübsche Kölnerin über einen jüngst von ihr bewunderten Abenteuer-Film machte. Pasztor versicherte, auch ihm habe dieser Film sehr gefallen, und fügte, konsekutiv reflektierend, hinzu, der Hochstapler sei vollauf mit Recht der Held von heute, der Heros aller zugkräftigen Romane, Theaterstücke und Filme: er verkörpere die Sehnsucht der nach wie vor verbürgerlichten Menschheit nach einem lockeren luftigen Leben, frei von geographischen und anderen Grenzen; weshalb es aber umso unfaßlicher sei, daß gerade diese Menschheit, die den Hochstapler in der Projektion vergöttert, ihn mit der schändlichsten Nichtachtung behandelt, wenn sie ihm im Leben begegnet, ja mit Verachtung und Hohn; welches Verhalten weder von der Furcht vor einer Vermögenseinbuße gerechtfertigt werden könne noch von dem Neid, der hier vollendet sieht, was er selber vielleicht vergeblich erstrebt hatte.

Nach dieser wohl hingelegten Suada überließ sich Pasztor, zart schmunzelnd, seinem Braten und die überaus peinlich berührten Umsitzenden einem gehässigen Schweigen.

Nur die junge Kölnerin hielt es nicht. Der quälende Wunsch, zu dokumentieren, daß sie derselben Meinung sei, zitterte nicht weniger aus ihren Augen als ein gewisser Wissensdurst. Ihre Stimme wurde voll und schwer: »Wenn es aber weder Furcht ist noch Neid . . . ich meine . . . schändlich ist es ja auf jeden Fall, aber . . . aber es ist vielleicht die Angst vor der Polizei.«

Pasztor freute sich über diese unerwartet herausfordernde Bemerkung so sehr, daß er sogar ein wenig zu genau replizierte: »Sollte die Angst davor, mitgefangen zu werden, jene von mir gerügte Einstellung verschulden, so würde das denn doch ein ungewöhnlich großes Maß von Feigheit bedeuten. Denn dafür, daß man mit einem notorischen Hochstapler sich unterhält, ohne das Bedürfnis zu haben, ihn anzuzeigen, wird man noch nicht eingesperrt, ja wenn man in einer bürgerlich einwandfreien Situation sich befindet, schwerlich auch nur molestiert. Zudem werden Sie, 24 wenn Sie bedenken, daß der Hochstapler ohne die Polizei gar nicht möglich wäre, leicht einsehen, daß ein mäßiges Wohlwollen für diese Institution unerläßlich ist.«

Die junge Kölnerin riß erregt an den schwarzen Verschnürungen ihres prall anliegenden Samtkleides. »Sie sagen das alles sehr treffend . . . wirklich sehr treffend . . . Aber wenn es nicht die Angst vor der Polizei ist, was ist es dann?«

Pasztor verspürte ein Jucken unter der Nase: das für ihn untrügliche Zeichen, daß Beute nahe. Das machte ihn fast schon verwegen. »Es ist derselbe Widerspruch, der enragierte Verehrer der Antike zu Skat-Fanatikern macht, begeisterte Buddha-Jünger zu Shimmy-Fexen und hartnäckige Theosophinnen zu Gelegenheits-Kokotten.«

»O!« rülpste in diesem Augenblick die am Tischende breit und klebrig thronende Pensionsinhaberin Scheutich und wischte sich mit einem Schürzenzipfel etwas Schweinefett aus den Mundwinkeln.

Die junge Kölnerin bemühte sich, die Hände zitternd an den Ohren, durch ihre heißen Blicke Pasztor zum Weitersprechen zu bewegen.

Dessen hätte es zwar nicht bedurft, aber es bewirkte immerhin, daß Pasztor sich endgültig hinreißen ließ: »Es ist derselbe Widerspruch, der leider eine deutsche Spezialität ist. Während man anderswo, besonders in südlicheren Ländern, jene Leute, von denen man nicht genau weiß, wovon sie leben, mit Wohlgefallen betrachtet, behandelt man sie nördlicher wie übelstes Pack. Die Menschheit hat zwar nirgends den vollen Mut zu sich selbst, aber nur hier hat man sich diesen vollendeten Knacks seiner Person geleistet, vor dem andere gleichsam mit offenem Mund dastehen.«

Sämtliche Pensionäre ließen empört die Bestecke auf die Teller sinken und die Köpfe drohend nach hinten.

Frau Scheutich thronte schlechthin majestätisch.

Die junge Kölnerin aber schien wie auf dem Sprung, jemandem an den Hals zu fahren. Ihre dunklen Augen zuckten feucht. Ihre weichen Finger griffen ins Leere.

Pasztor, der sie schon in seinen Haaren fühlte, widerstand begreiflicher Weise nun umso weniger dem Schauspiel, das von Sekunde zu Sekunde bedrohlicher um ihn sich entfaltete, und warf sich mit aufschmetternder Stimme und erhobener Faust nach vorn: »Man müßte diesen unerträglich banalen Gaunern und diesem ganzen billigen Bürgergebock die Kopfsteuern und Unterleibsgebühren erhöhen, verdreifachen, verhundertfachen. Und zwar in dem 25 Maße, als diese Bande sich von ihrer schiefen Romantik retiriert, wenn sie sie einmal vor sich gerade auf den Beinen sieht.«

Das war zu viel. Frau Scheutich hob ihr gewaltiges Posterieur um Zentimeter und krähte: »Herr Pasztor, ich muß Sie nun doch energisch darum ersuchen . . .« Sie quappte zurück, außerstande, Weiteres zu formulieren.

Gleichzeitig flogen allenthalben Servietten auf den Tisch. Stühle polterten zurück. Fassungslose Interjektionen erstarben.

Nur die junge Kölnerin hing verzückt an Pasztors schwarzen Augen, die sie jetzt schlankweg mit Innigstem überschwemmten, und ergriff über den Tisch hin feurig seine Hand, dieweil ihre Füßchen sich nach seinen Waden schnellten . . .

Selbstverständlich verbrachte Pasztor die folgenden Nächte in den weißen Armen der jungen Kölnerin, für welche er längst zu einer grandiosen Kreuzung von Übermensch und Lebenskünstler avanziert war; die Tage eng an ihrer Seite mit Spaziergängen oder Autofahrten. Die Mahlzeiten nahmen sie gleichwohl in der Pension, um des Vergnügens der Konversationen, die immer bissiger und versteckter geführte Raufereien waren, nicht entraten zu müssen. Und da die junge Kölnerin, wohl glaubend, daß Pasztor vorübergehend geniert sei, alle Ausgaben bestritt, wäre dessen Glück sonnenfleckenlos gewesen, wenn nicht . . .

. . . wenn er nicht eines Morgens auf der Treppe die Wahrnehmung hätte machen müssen, daß nun schon zum dritten Mal eine alte Frau neben dem Eingang zur Pension an der Mauer lehnte. Und kaum war sein Mißtrauen wach geworden, als auch schon die Symptome sich mehrten: Frau Scheutich wich ihm ängstlich aus; die Tischgespräche versiegten stets unwahrscheinlich schnell; die Dienstmädchen sagten nicht mehr ›Küß' d'Hand‹, sondern sehr laut und hochdeutsch ›Guten Tag‹ und richteten, wenn sie es unbemerkt tun zu können glaubten, mit brennender Neugier, aber doch nicht ganz ohne einen gewissen kalten Schauer die Augen rund auf ihn; und eines Sonntags saßen zur Mittagstafel zwei undefinierbare ältere Frauen ihm gegenüber und Frau Scheutich zur Linken ein auffällig steifer Herr unklaren Kalibers, in welchen Gelegenheitspersonen Pasztor augenblicks die amtierende Kriminalpolizei agnoszierte. Er war lediglich im Zweifel, ob er diese unerwünschte Aufmerksamkeit der hinterlistigen Beflissenheit eines rachelustigen Pensionsinsassen verdankte oder der Basler Polizei. Nicht im Zweifel aber war er darüber, daß nun ein sehr vergnüglicher Kleinkrieg ausgefochten werden würde.

Seine Erwartungen wurden noch übertroffen: die ganze Pension, 26 mit Ausnahme der jungen Kölnerin, die taktischer Weise in ihrer Ahnungslosigkeit belassen wurde, hatte mit der Polizei paktiert und wetteiferte, ihn zu überführen. Sein Tischnachbar, ein Lederhändler en gros namens Feijfkeikow, begann allerlei verfängliche Fragen zu stellen, die nicht erst dermaßen naiv hätten stilisiert sein müssen, um Verdacht zu erregen; ja, er sprach Pasztor sogar einmal in einem Kaffeehaus an, in der unabweisbaren Absicht, sein Vertrauen zu gewinnen und ihn auszuhorchen. Auch das Stubenmädchen pirschte sich eines Abends an Pasztor heran, legte ihm die Finger mit zartem Druck auf den Unterarm, sprach von seinen weißen Zähnen und plötzlich von den Ringen und der Brillantbrosche der Frau Pokorny. Und deren Gatte, ein Gemischtwarenhändler a. D., zog Pasztor wiederholt in eine Ecke des Speisezimmers und daselbst in langwährende Gespräche, um seine Ansicht über etwaige Geschäftsverbindungen mit Temesvar zu hören. Kurz, die ganze Pension dilettierte hinter ihm her.

Dieser Zustand, so vergnüglich er auch war und reich an Gelegenheiten, all dieser Kleinbürgerkrapül feiste Niederträchtigkeiten zu versetzen, wurde Pasztor auf die Dauer doch zu prekär. Sonderlich in Hinsicht auf die junge Kölnerin, die irgendwie aufmerksam geworden zu sein schien. Und als sie eines Nachts eine Nervosität bekundete, die zu deutlich harmlose Motive ausschloß, fragte Pasztor sie kurz entschlossen, was sie beunruhige.

»Ach, ich fürchte, dich bald zu verlieren.« Dabei zog sie ihre dicken Haarflechten sich um den Hals, als wollte sie sich mit ihnen erdrosseln, und machte ein Gesicht, dessen Schmerz schon halb ins Jenseits zielte.

Pasztor, der auf solches zwar gefaßt gewesen war, geriet angesichts der vollendeten Tatsache nun aber doch in Hitze: »Helene, aber Helene . . . Was fällt dir nur ein!« Er rannte, mit den Armen fuchtelnd, durchs Zimmer und fing an, so viel und so wirr zu reden, daß er sich schließlich verplapperte: »Ah, so leicht fängt man Pasztor nicht!«

Aber noch bevor er seinen Lapsus hätte korrigieren können, begann Helene herzzerbrechend zu schluchzen.

Pasztor, der alles auf dem Spiel sah, kroch rasch ins Bett und preßte seinen Leib an den ihren; begütigte, liebkoste, bettelte, schwieg.

Plötzlich warf Helene Kopf und Hände ihm auf die Brust und heulte auf: »Ach, Lieber, alle laufen sie dir nach. Alle. Bis eben einmal eine kommen wird, die dir besser gefällt als ich. O, ich habe solche Angst, dich zu verlieren!«

27 Pasztor lächelte unbeschreiblich. Dann richtete er sich langsam auf. Es war, als geränne er zu seinem Monument. Endlich lispelte er, die Sachlage voll auszunutzen im Begriffe: »Mein Einziges, sei ruhig, ich bleibe bei dir . . . wenn du es ganz ernsthaft willst, wenn du bereit bist, mir . . .«

»Aber hast du auch wirklich nichts mit der Frau Pokorny?« Helene hatte ihm gar nicht zugehört. »Um dich mir abspenstig zu machen, hat sie mir erzählt, du wärst ein gefährlicher Hochstapler und die Zähne hätte man dir auch schon eingeschlagen . . . Ich solle mich aus deinen Klauen retten, aber nicht sagen, daß sie es mir sagte . . . wegen der Polizei, die dich in flagranti erwischen will . . . Ich weiß gar nicht mehr, was sie noch alles sagte . . . Aber so etwas spricht doch Bände!« Sie schmiegte ihren vollen Bauch herausfordernd an ihn.

Pasztor wußte, daß es nun galt. »Und wenn ich nun tatsächlich ein Hochstapler wäre.«

»So würde ich dich noch unmenschlicher lieben.«

»Aber die Polizei?«

»Man kann mich doch nicht einsperren. Das hast du selbst gesagt.«

»Würdest du mit mir fliehen?«

»Ich habe keinen Knacks!«

»Wir haben zu wenig Geld.«

»Ich habe genug für uns beide. Ich werde dir sogar eine Brücke machen lassen. Außerdem heirate ich dich einfach. Dann ist alles in Ordnung. Denn wenn die Polizei wirklich etwas wüßte, wärst du doch schon verhaftet.«

Die Richtigkeit dieses so einfachen Schlusses verblüffte Pasztor. Und da er sich nicht das erforderliche Ausmaß zusprach, um gegen eine Weltorganisation wie die der Polizei, nachdem er ihr verdächtig geworden war, sich mit Erfolg zu halten, hielt er es für das Klügste, Helenes Antrag anzunehmen. Es mußte ja trotz allem noch nicht das Ende sein. 28

 

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