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Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Beau

»Hat man eine bessere Psychose an der Hand, kann man sich jede Dame holen. Hat man keine, kann es einem passieren, daß man sich sogar für einen größeren Betrag langweilt.« Der also sprach, wurde allgemein Nénesse genannt und ließ seine ganze Haltung überdeutlich ausdrücken, daß er kein Wort von dem glaube, was er sage.

Friquette fand ihn ebendeshalb sehr geistreich, überlegen und überhaupt bewundernswert. »O, Nénesse, du bist der einzige, von dem ich mich plündern lassen möchte.«

Nénesse lächelte unterfüttert.

Friquette bemalte sich die Fingernägel. »Nénesse, sag mir, was soll dieser brutal gespielte Zweifel? Du weißt doch nur zu gut . . .«

»So wäre also mein Spielen meine erfolgreiche Psychose?«

Friquette bemalte sich die Ohrläppchen. »Ich bin jetzt fast sicher, daß du mich schon nicht mehr magst.«

»Wieso?« fragte Nénesse leise. Es war im Grunde so unverschämt, daß es nurmehr komisch klang.

Friquette verließ brüsk ihr Gesicht im Toilettenspiegel, erregt hadernd: »Habe ich dir nicht alles angeboten? War es nicht, als wir uns vorgestern zum ersten und vielleicht letzten Mal . . . Es war toll. Oder nicht? Nun also. Aber du . . . du spielst weiter . . . anstatt . . .«

» . . . anstatt dir meinen Preis zu nennen.« Nénesse umschlang vag ihre Schultern.

Friquette küßte ihn, der einfach still hielt. »Ja, Nénesse, sag mir klar, wie viel . . .« Sie umfaßte mit fliegendem Atem seinen Kopf und wartete darauf, daß das Bewußtsein ihr verginge . . .

»Darf man eintreten?« rief von draußen ein wohlklingender Sopran.

»Faites!« Friquette sprang auf, beinahe froh darüber, in jenem bewußten Warten gestört worden zu sein, und preßte die Eintretende heftig an sich.

»Ah, der schöne Nénesse ist da.« Angèle korrigierte mit schnellen kleinen Griffen in Friquettes Coiffure.

»Angèle, du mußt mich trösten. Er ist entweder verrückt. Oder ein gemeiner Sadist.«

Angèle streichelte ihr mit einer Hand die spitzigen Brüste; die andere ließ einen Griff kokett kentern, so daß Friquette sich ihr 16 piepsend entwand. »Dazu siehst du zu wohlerhalten aus, süße Frique.«

»Er ist doch erst seit einer Viertelstunde da, das Scheusal.« Friquette riß ihr Gesicht, das sich bereit gemacht hatte, zu zürnen, noch rechtzeitig still. Dann lächelte sie. »Aber auch wenn er die ganze Nacht dagewesen wäre, hätte er sicherlich nichts anderes getan, als mich immer wieder zu zwingen, mich ihm anzubieten.«

»Er ist vielleicht ein ganz spezieller Maniak«, meinte Angèle mit einer gewissen Hinterhältigkeit im Ton, die Nénesse deutlich heraushörte.

»Nein. Er ist doch verrückt.« Friquette ließ den Frisiermantel fallen und rüttelte an ihrem rosigen Korsett.

»Oder neurotisch oder homosexuell oder ein Micmac oder überhaupt etwas ganz anderes . . .« Angèle sah Nénesse mit einem überraschend offenen Lächeln mitten ins Gesicht.

»Sie machen mich neugierig, meine liebe Angèle.« Nénesse stand langsam auf.

»Da das bisher noch niemandem gelungen ist, bin ich zutiefst erschüttert«, rief Angèle, vielleicht ein wenig zu spitz. Hierauf setzte sie sich aufs Bett neben Friquette, die mit penibelster Vorsicht sich neue Seidenstrümpfe anzog.

Die Tür flog auf.

»O mazette, mazette, mazette . . .« sang Ouilouis, ein kleines blondes Persönchen, das aussah wie ein zehnjähriges Mädchen. »Also das war einfach . . . Das ist einfach monströs.« Sie warf sich in ein Fauteuil und strampelte mit den dünnen Beinen. »Salut, Nénesse, du verfluchter Hund! Salut auch euch, ihr holden Damen!«

»Ouilouis, bitte benimm dich!« Friquette drohte mit den Lippen, aber doch sehr wohlgefällig.

»Also, Angèle, das ist einfach monströs!« Ouilouis fuhr lachend hoch. »Nein, das könnt ihr euch nicht vorstellen, selbst wenn ihr eine Collage mit Romain Rolland hättet, wovor die heilige Agnes euch bewahren möge.«

»So sags doch endlich«, jammerte Friquette graziös. »Hat Rémy wieder etwas ausgefressen?«

»C'est pour rire!« Ouilouis warf sich stolz in die mangelnde Brust. »Eingesperrt ist er!«

»Eingesperrt?« wiederholten alle drei, fast gleichzeitig.

»Nénesse«, flötete Ouilouis vorwurfsvoll, »Sie sind nachgehinkt. Angèle und Frique haben sich schneller und im Takt gewundert.«

17 Nénesse sagte außerordentlich gemessen: »Bitte jetzt keine Späße mehr! Sagen Sie uns kurz, was denn eigentlich los ist.«

»Stecken Sie erst diese Visage wieder ins Knopfloch!« Ouilouis wippte sich großartig auf die Fauteuillehne. »Und ihr, ihr Allerholdesten, beeinträchtigt nicht den Wurf meiner Diktion durch allzu ungewählte Störungen.«

Angèle zuckte nachdenklich die Achseln und riet Friquette, die Hände gleich ihr pathetisch in den Schoß zu betten und auf Nénesse zu achten, der mit äußerster Bedachtsamkeit seine beigefarbene Samtkrawatte einer neuen Stilisierung unterzog.

Ouilouis hob ihr schottisches Röckchen mit vier Fingern, aber mit beiden Händen hoch und ließ es tiefer fallen. »Damit dieser schöne Mann nicht in verfrühte Versuchung gerät . . . Eh bien, ich hör schon auf. Das heißt, ich fange sofort an. Also es ist, wie gesagt, einfach monströs . . . Wohlan, so hört! Rémy lebt vom Handel mit Bigornette, dem sanft dahingegangenen Coco. Wer weiß das nicht?«

»So?« machte Nénesse.

»Tun Sie bloß nicht so.« Ouilouis trillerte frech. »Er kann das Keusche nicht lassen.«

»Weiter!« rief Angèle.

»Wie Sie befehlen, unendlich geschmackvolle Provençalin!«

»Laßt sie in Ruh«, bat Friquette ärgerlich. »Es dauert sonst bis morgen und wir erfahren trotzdem nichts.«

»Dir zu Ehren, stets entbrannte Frique, werde ich es kurz machen. Allerkürzest.« Ouilouis simulierte, unter Benützung einer besonderen leidenschaftlichen Körperdrehung, letzte Verzückung. »Eh bien, Rémy kommt gestern, vielmehr heute nacht um zwei zu mir und teilt, glorreich wie er schon geboren ist, meinem Einschlaf mit, daß die Rue Lépic neuerdings zur Polizeistraße avanciert sei. An der Ecke der Rue des Abbesses befinde sich ein fliegender Graphik-Händler, halb unter der Terrasse eines kleinen Cafés. An dieser Ecke Graphik? Wer stellt sich dorthin? Wer kauft dort? Also vollkommen klar. Ich gebe Rémy recht, vor allem, damit er mich endlich schlafen läßt. Dennoch muß ich mir noch sagen lassen, ich sei teilnahmslos. Ich – teilnahmslos. Ich bin stolz, daß Rémy sitzt. Er hat zwar wunderbar auffallende Gewohnheiten, aber er war mir doch noch nicht interessant genug.«

»Liebste Ouilouis«, hauchte Angèle höflich, »das ist vielleicht richtig und sicherlich sehr ergötzlich, aber man kennt sich leider nicht recht aus.«

»Ich bin erstaunt, charmanteste Angèle.« Ouilouis legte einen 18 Fuß aufs Knie, streifte den Halbschuh ab und entleerte einige Sandkörner auf den zerrissenen Läufer. »Die Sache liegt doch auf der Hand.«

»Ich verstehe auch nicht ganz . . .« sekundierte Friquette behutsam.

»Bei dir wundert es mich nicht.«

Ouilouis zupfte das Schleifchen auf ihrem Schuh zurecht.

»Ouilouis, lassen Sie solche Anwürfe!«

»Sie haben sich wichtig zu machen, Nénesse! Sie bilden sich wohl immer noch ein, daß Sie mir gefallen? Pas pour deux sous!« Ouilouis setzte den Nagel ihres rechten Daumens an die Vorderzähne und riß ihn knackend nach vorn. »Nun denn, meine andächtige Gemeinde, Rémy ist an der Ecke der Rue des Abbesses in dem Augenblick verhaftet worden, als er Ginette die Hand gab, in der sich ein Gramm Bigornette befand. Man versteht jetzt wohl endlich.«

»Jetzt verstehe ich noch weniger.« Friquette wandte ihre Hände wieder ihren Strümpfen zu.

»Ich nicht viel mehr.« Angèle schüttelte resigniert den Kopf.

Nénesse schwieg.

Ouilouis lachte. »Ihr seid einfach monströs. Monströs! Entweder seid ihr wirklich so dumm, wie ihr euch stellt, oder noch viel dümmer. Aber ich glaube, da habe ich selbst etwas Dummes gesagt.« Sie lachte so herzlich, daß sie die Balance verlor und von der Fauteuillehne zu Boden purzelte. Bei diesem Sturz flog der Halbschuh aus ihrer Hand. Auf Nénesse' Ohr.

Der tat einen unerwartet böswilligen Ausruf: »Eine gräßliche Person!«

»Ich bin ganz und gar nicht gräßlich. Aber Sie sind einfach widerlich schön.« Ouilouis hatte nach einigen vergeblichen Versuchen, aufzustehen, sich entschlossen, liegen zu bleiben. Den Kopf in den Händen, die Ellbogen auf dem Teppich, sprach sie zum Plafond empor: »Ich wette, daß Rémy das absichtlich gemacht hat. Damit er endlich eingesperrt wird. Und damit ich ihn mehr liebe.«

»Unsinn!« sagte Angèle ernst.

»Warum?« Ouilouis spitzte verletzt die Lippen. »Er hat mir doch zuvor gesagt, was es mit dieser Ecke Rue des Abbesses für eine Bewandtnis hat. Und ein paar Stunden später wird er gerade dort erwischt.«

Es klopfte an die Tür.

Ohne die Erlaubnis abzuwarten, trat ein kleiner fleischloser Herr ein. Er blieb mit dem Ausdruck eines Verprügelten an der 19 Tür stehen, schnupperte mit seiner Gassenjungennase ins Zimmer hinein und krächzte leise: »Ich kann nicht atmen.«

»Geld gibts nicht mehr.« Angèle erhob sich.

Auch Friquette verließ das Bett. »Du weißt sehr wohl, daß es hier nichts zu holen gibt.«

»Komm her, Samiel! Hilf mir auf!« Ouilouis patschte in die Hände. »Dann kannst du wieder atmen.«

Samiel war hocherfreut, einen Grund gefunden zu haben, im Zimmer bleiben zu können. Er rasselte schleimig: »Arme Ouilouis! Aber warum war er auch so unvorsichtig.« Dabei zog er sie an den Schultern hoch.

»Rémy war nicht unvorsichtig.« Ouilouis stemmte die Fäuste auf die Hüften und grinste Samiel auf die Nase.

Der war schlankweg beglückt darüber, daß man sich mit ihm in ein Gespräch einließ. »Er war unvorsichtig. Ist es vielleicht nicht unvorsichtig, so etwas zu glauben?«

»Was zu glauben!« schrie Ouilouis, weil sie nichts begriff.

Samiel drehte den dürren Hals stolz aus dem schmutzigen Kragen. »Zu glauben, daß es wahr ist.«

»Was soll wahr sein!« Ouilouis' Stimme überschlug sich pfeifend.

»Daß der Graphik-Händler an der Ecke . . .«

»Aber es ist doch wahr!« flüsterte Ouilouis, ihr selbst unhörbar.

»Ja natürlich ist es wahr. Aber es ist nicht wahr, daß er nur dort ist, um die Rapporte semmelwarm zu erhalten und danach die Flics zu dirigieren.« Samiel holte sich, innig lächelnd, mit der Hand sein Gesicht nach vorn.

Ouilouis ließ ihre Fäuste bis zu den Knien sinken. Ihre Finger fielen schlaff herunter. Ihr purpurrot gewordenes Mündchen formte eine kleine Weile Buchstaben, bevor sie die Stimme wiederfand. »Also wozu ist er denn noch da?«

Samiel bewegte wichtig die eckigen Schultern und räusperte sich vorerst umständlich. »Rémy erzählte mir gestern, daß er aus erster Quelle erfahren habe, der Graphik-Händler sei zwar ein Flic, aber nur für die Kommunikation, nicht für die Straße. Und daß es deshalb ganz besonders sicher wäre, dort Schnee zu wechseln.«

»Vermutlich ist der Graphik-Händler also tatsächlich nur ein simpler Graphik-Händler.« Angèle, die haarscharf aufgepaßt hatte, trat neben Samiel.

»Die ganze Geschichte wird immer lustiger.« Friquette knöpfte unsicher an ihrem Kleid.

»Im Gegenteil.« Angèle wurde plötzlich so ernst, daß sie zu erbleichen schien. »Rémy ist zweifellos verpfiffen worden.«

20 »Unmöglich! Ganz unmöglich!« zeterte Ouilouis.

»Samiel, wissen Sie, wer Rémy diesen Rat gab?« Angèle stand, aufgeregt mit den Fransen ihres Kostüms spielend, dicht vor ihm.

»Nein. Rémy wollte es mir nicht sagen.«

»Heute abend noch werden wir es wissen.« Angèle hörte, starr auf die Wand blickend, Nénesse' Bewegungen zu. »Ich werde mit Rémy sprechen. Ich werde es erreichen.«

Nénesse, der, mit seinem Stöckchen sachte auf einen Stuhl tippend, an einem Paravent lehnte, löste jetzt langsam seinen Rücken, setzte seine Mütze fester in die Stirn und ging, sich leicht in den Knien wiegend, zur Tür, von wo er, den Kopf kaum zurückwendend, Friquette zurief: »Ich bin um fünf bei ›Cyrano‹. Du kommst doch nach.«

»Ja«, antwortete Friquette, aber ein wenig zaghaft.

»Ich werde mitkommen«, sagte Angèle sehr laut.

»Soll mich freuen.« Nénesse schloß sie Tür.

Und sofort flüsterte Angèle mit atemloser Stimme: »Er war es.«

»Was?« Friquette lief hastig herzu.

Ouilouis drängte sich an Angèles Körper. »Du glaubst also wirklich, daß er . . . Mir hat er übrigens nie gefallen.«

»Ich bin überzeugt davon, daß er es war. Aber, Ouilouis, du hast doch auch mit ihm geschlafen.«

»Ich auch?«

Angèle lächelte trübe. »Ja, ich auch. Aber nur einmal. Wie wir alle.«

»Angèle, du hast . . .« Friquette versuchte weinerlich, aus all dem klug zu werden.

»Wie wir alle, liebe Frique. Deshalb läßt er sich doch mit keiner Frau näher ein. Das gehört dazu. Niemand darf wissen, was er macht. Und Frauen sind so schwatzhaft. Nun, Ouilouis, ist dir dein Rémy jetzt interessant genug?«

»Aber das ist ja einfach monströs!« Ouilouis hinkte durchs Zimmer, nach ihrem fehlenden Halbschuh suchend. »Monströs!«

»So sagt mir doch endlich, was . . .« Friquette wurde durch einen Schlag auf den Mund unterbrochen.

Angèle, die gleichzeitig mit der andern Hand den übrigen ein Zeichen machte, zu schweigen, wisperte: »Minute!« und ging auf den Fußspitzen zur Tür, die sie plötzlich mit einem Ruck aufriß. »Ah, also immer noch da, mein Herr?«

»Mein Schuhband war gerissen«, hörte man die Stimme Nénesse'.

»O là là.« Angèle warf knallend die Tür ins Schloß und kam 21 rasch ins Zimmer zurück. »Voilà. Nun ist überhaupt kein Zweifel mehr möglich.«

»Woran kein Zweifel mehr?« Friquette blickte völlig verstört drein.

»Wer dein Nénesse ist.« Angèle zog sich wütend die Handschuhe an.

Samiel schmiegte, höhnisch hüstelnd, sein Kinn an Friquettes Arm: »So wahr ich nicht atmen kann – c'est un beau de la préfecture, ton Nénesse.«

Angèle lachte aus vollem Hals. »Da hast du hundert Sous.« 22

 

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