Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Walter Serner >

Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Un débrouillard

Selbst für einen ungewöhnlich schönen jungen Mann ist es in Paris schwer, weibliche Gunst gelegenheitsweise und gratis zu erlangen. Denn auch jene Damen, die keine festen Preise haben, besitzen sehr lukrative Grundsätze, welche es ihnen schlankweg verbieten, der Liebe mit einem noch so imposanten Fremdling sich hinzugeben, wenn er nicht durch sichere Anhaltspunkte Gewähr dafür bietet, daß es zu nennenswerten Zahlungen kommt.

Ulescu bot diese Gewähr in keiner Hinsicht. Schon daß sein Akzent ihn als Rumänen verriet, also dem klassischen Volk der Rastas angehörig, wirkte ungünstig; nicht weniger aber seine üppige Eleganz, seine allzu dégagierten Manieren und sein geflissentliches Meiden jedweder größerer Spesen. Dennoch war es ihm in den ersten Wochen seines Pariser Aufenthaltes, kraft seiner Neuheit als Erscheinung und nonchalant vorgewiesenen gefälschten Hundert-Dollarscheinen, ziemlich mühelos gelungen, zwischen Clichy und Barbès mehreren Bar-Heroinen den Eindruck eines Mannes zu machen, dem gegenüber restloses Vertrauen das klügste Verhalten wäre. Bald aber sprach es sich unter den Geblitzten herum, daß Ulescu nichts Seriöses sei, und eines Abends stieß er allenthalben auf jene beunruhigend leeren Blicke, die selbst den neuartigsten Versuch aussichtslos machen.

Da Ulescu in übergroßer Vorsicht es verschmäht hatte, das Wohlgefallen, das er einigen kleinen Kokotten erregte, zu einer Einnahme auszubauen, andererseits aber plötzlich wahrnehmen mußte, daß die Polizei, der sein Metier als Pickpocket nicht verborgen geblieben war, bereits ein Auge auf ihn hatte, befand er sich angesichts der Unmöglichkeit, seinem Beruf nachzugehen, in einer umso schwierigeren Situation. Diese nachhaltig und einträglich zu klären, sann er Tag und Nacht. Der ohnehin sehr unbedeutende Barbetrag, den er noch sein eigen nannte, war bereits katastrophal dem Nichts entgegengeschmolzen, als er auf einen, seinem Balkan-Gehirn wahrlich Ehre machenden Ausweg verfiel: er denunzierte sich selbst der Präfektur in einem ausführlichen Brief als gefährlichen Anarchisten, der sich mit der Absicht trüge, den Ministerpräsidenten meuchlings über den Haufen zu knallen. Als gründlicher Kenner der Praktiken der Polizei zweifelte er keinen Augenblick an den Folgen dieses Schreibens und begab sich andern Abends, eine diabolische Genugtuung um die Augen, weichen Schrittes auf den Boulevard Rochechouart.

145 Er hatte ihn kaum zur Hälfte hinter sich, als eine weidlich angejahrte Dame mit lastermüder Miene, strohgelben abgeschnittenen Haaren und defekter Nase ihre geröteten Äuglein vor ihm entfaltete und, lüstern grinsend, ein sehr schadhaftes Gebiß entblößte.

Obwohl es Ulescu empörte, wie gering man ihn auf der Präfektur einschätzte, vermochte er gleichwohl einer gewissen freudigen Regung, endlich wieder Beachtung zu finden, nicht zu wehren. Hinzukam, daß er dringend eines Weibes bedurfte, so daß die Überlegung, er könnte durch Auslassung der ersten Attacke die Zurückziehung des weiblichen Personals verursachen, ihm nicht schwer fiel; umso weniger, als seine Absicht, die jeweilige Dame nicht zu repetieren, überhaupt seinen Gepflogenheiten entsprach.

Um nicht durch rasches Kehrtmachen aufzufallen, stellte Ulescu sich kurz vor ein Schaufenster, bevor er seiner Dupe folgte. Nach wenigen Schritten hinter sie gelangt, legte er mit bemerkenswerter Unverfrorenheit ihr die Hand auf den Nacken und schnob, während sein Blick sich wie in fesselloser Begehrlichkeit bog:

»Von welchem Betrag aufwärts haben Sie Empfindungen für mich?«

»Hein?« Sie blieb zusammenzuckend stehen und lächelte erschreckt. »Ich begreife nicht, was . . .« Es war außer Zweifel, daß sie fürchtete, sich irgendwie verraten zu haben.

Ulescu lächelte maliziös. Dann ließ er seine Hand ihre Schulter entlang in die Achselhöhle gleiten und verlieh gleichzeitig seiner ganzen Haltung etwas Distinguiert-Verworfenes. »Ich meine . . . Sie sind sicherlich ebenso teuer wie schön.«

Sie gewann, obwohl noch nicht ganz beruhigt, langsam ihre Haltung zurück. »Auch wenn ich schön wäre, würde ich niemals Geld verlangen.«

»O!« Ulescu entfernte, während er mühselig ein Gelächter unterdrückte, respektvoll seine Hand. »Für solch eine Ausnahme habe ich Sie freilich nicht gehalten.«

Der morbide Schatten unter ihrer Nasenwurzel verlängerte sich hochmütig. »Sie werden sich dazu herbeilassen müssen.«

»Mit Vergnügen.« Ulescu würgte. »Schließlich erreichen Leute, die sich rar machen, nach einiger Zeit ohnedies, daß man sie dafür hält. Aber ich würde doch vorziehen, daß Sie es mir sofort beweisen.«

Sie bewegte miteins, ohne jeden Übergang, wie unzurechnungsfähig die Arme, so sehr bedrängte sie die Schwierigkeit einer Replik. Deshalb hielt sie es für forscher, das Weib hervorzukehren. »Sie gefallen mir ja sehr . . . nur . . . es ist . . .«

146 »Ich weiß. Sie können sich bloß furchtbar schwer entschließen.«

Sie nickte mit dem wallenden Federhut wie ein Leichenwagenpferd.

Ulescu beroch galant ihre Hand, um sein Grinsen zu decken, und schnarrte energisch: »Aber das ist doch kein Grund, nicht mitzugehen.«

»Allerdings . . .« Sie lachte schrill auf, ohne sich auch weiterhin noch sonderlich anzustrengen.

Ulescu war überzeugt, daß sie sich ganz sicher fühlte. Deshalb führte er sie, ununterbrochen schwatzend, so daß sie immer wieder lächeln mußte, und jedem Lokal ausweichend, so daß sie ihn schließlich schnippisch maß, direkt in das kleine Hofzimmer, das er in einem Garno der Rue Belhomme bewohnte, warf sie ohne Umstände sogleich aufs Bett und wusch sich, nachdem er sich Genüge getan, überaus gewissenhaft, ohne auf ihr Gezeter zu achten. Als sie deshalb endlich erkannte, daß sie es an Taktik hatte fehlen lassen, setzte sie sich, heftige Gêne markierend, auf den Eimer, beanstandete mit tränenerstickter Stimme die Kleinheit des Raumes und lobte, wieder munterer werdend, ein geräumiges helles Appartement, das ihr seit kurzem winkte, in dem allein zu hausen jedoch zu trist sei.

Ulescu wartete, hämisch die Lippen auf einander pressend, bis sie vor den Spiegel trat. Während sie ihren Federhut, der sich immer noch, nun freilich in sehr desolatem Zustand, auf ihrem Kopf befand, vergeblich zu renovieren trachtete, schlich Ulescu sich zur Tür, öffnete sie geräuschlos und postierte sich draußen platt an die Wand.

Es dauerte nicht lange, da erschien die Erwartete erstaunt vor der Tür und trat, noch erstaunter, auf die Treppe; Ulescu aber in diesem günstigen Augenblick schnell ins Zimmer zurück. Er schloß die Tür und nahm aus dem Handtäschchen, das er kurz zuvor unter das Traversin geschoben hatte, einen Zehnfrancs-Schein, gerade als heftig an die Tür getrommelt wurde.

Ulescu öffnete gefährlichen Blicks und warf das Handtäschchen vor die Füße der gänzlich verwirrt Stammelnden: »Aber . . . das ist . . . das ist ja . . .«

»C'est jeune et ça ne sait pas«, sang Ulescu in höchstem Tremolo, nachdem er die Tür zugeschmettert und abgesperrt hatte . . .

Am folgenden Nachmittag, als Ulescu vor dem Café Dupont saß und an einem Picon-Citron zwitscherte, setzte sich ein würdevoller alter Herr mit einem außergewöhnlich gepflegten weißen Bart und 147 bläulichen Brillengläsern an seinen Tisch, obwohl die Terrasse noch freie Tische aufwies, und bat nach einiger Zeit höflich um den Petit Parisien, der neben Ulescu lag. Dieser überhörte es. Der Herr bat noch einmal, sich krümmend vor Höflichkeit. Ulescu warf nachlässig hin, er vermute, daß es schon spät sei, und begann, innerlich gröhlend, mit der Lektüre des Petit Parisien, die er jedoch nach wenigen Minuten unterbrach, um in heftigen Ausdrücken des Unwillens darüber sich zu ergehen, daß die Regierung von unverständlicher Laxheit in der Erteilung von Aufenthalts-Bewilligungen an unsichere Ausländer sei. Der alte Herr schmunzelte fröhlich und meinte, Frankreich könne wegen einer Handvoll Balkan-Filous seinen Ruf der Gastfreundlichkeit nicht gefährden. Ulescu beruhigte sich darob, äußerte sich noch des Breiteren über die vorzüglichen Sicherheitsverhältnisse in Paris, bedauerte hierauf flüchtig, daß so viele junge Damen infolge der Geschlechtskrankheiten außerordentlich an Reiz verlören, und suchte plötzlich das Pissoir auf, von dem aus er, seinem Tischgenossen die Begleichung der Zeche überlassend, ungesehen durch den Seitenausgang den Boulevard Barbès erreichte.

Die Folge dieser Konversation war, daß Ulescu, als er gegen elf Uhr nachts die Rue Victor Massé passierte, unmittelbar vor dem Eingang zum Tabarin eine wohlige Frauenstimme hinter sich locken hörte:

»Offrier mir was, schöner Schwarzer, ja?«

Ulescu wandte sich um und stellte mit einem schnellen Blick fest, daß seine Beschwerde berücksichtigt worden war: diesmal hatte man keine halbinvalide alte Kokotte auf ihn losgelassen, sondern einen mittleren Jahrgang, der nicht nur noch sehr wenig gelitten hatte, dessen hohe feine Beine sogar höchst eindringlich warben.

»So. Offerieren.« Ulescus Stimme klang so mild, daß sie ihn selbst beglückte. »Sehe ich aus, als würdest du Geld von mir nehmen?«

»Quel culot!« Sie ergriff seinen Oberarm und zog ihn in das Etablissement, immer wieder versichernd, sie wolle nur ein Bock und es verpflichte ihn zu nichts.

Vor der Bar klagte Ulescu sofort über die unverschämten Preise der Nachtlokale, den infamen Egoismus der Frauen und die Schwierigkeit, in Paris billig und einigermaßen komfortabel zu wohnen.

Sie meinte leise, daß es auch in Paris Frauen gäbe, die trotz ihrem diesbezüglichen Beruf unter der Vakanz ihres Herzens litten; verriet schelmisch, daß der Bar-Keeper stets ihr Konto zu belasten 148 pflege, wenn sie den Spazierstock ihres Kavaliers an sich nehme (was sie gleichzeitig tat); und erinnerte sich plötzlich, freudig in die Hände klatschend, daß sie gerade vorgestern die Adresse eines kleinen, aber ganz entzückenden Appartements, das sofort beziehbar sei, erfahren habe.

Ulescu lächelte, als das Wort ›Appartement‹ fiel, ganz besonders maliziös, flüsterte dann aber schlicht, ob sie sich nicht vielleicht mit all dem über ihn lustig machen wolle.

Als Antwort zerrte sie ihn von seinem Hocker und, obwohl er, lediglich zu seinem Vergnügen allerdings, lange und ernstlich sich sträubte, endlich auf die Straße, woselbst sie wie leidend auf ihre gelben Seidenhalbschuhe blickte, während sie ihn fragte, wo er wohne.

Ulescu wies mit dem Daumen hinter seine Schulter, jedoch in die falsche Richtung.

Gleichwohl ging sie mit ihm in der richtigen weiter und fragte erst an der Ecke der Rue Belhomme, wo denn eigentlich sein Hotel sei.

Ulescu behielt sie die Nacht über bei sich, vereinbarte gegen Morgen ein Rendezvous um Mitternacht im Tabarin und steckte ein Fünffrancs-Stück, das sie, zweifellos absichtsvoll, auf dem Tisch vergessen hatte, ostentativ ein, so daß sie ihn darob mit überlauter Aufgeräumtheit verließ.

Selbstverständlich begab Ulescu sich nicht ins Tabarin, sondern ins Café Dupont, wo gegen ein Uhr morgens ein eleganter junger Mann, der den leicht Angetrunkenen spielte, sich neben ihm auf die Bank fallen ließ und von seinem Pech mit Weibern daherstotterte; er habe schon zwei Vermögen mit ihnen durchgebracht und nur schwärzesten Undank geerntet. Ulescu antwortete ebenso heiter wie beiläufig, daß er hinwiederum das Vermögen zweier Damen durchgebracht habe und, was das Ernten betreffe, auf sofortige bare Dankesbekundung halte; leider aber entpuppten sich heutzutage die Weiber schon nach wenigen Stunden als geizig, wenn nicht gar als habgierig. Hierauf wollte er das Pissoir benützen, wurde aber unterwegs vom Kellner um Zahlung gebeten . . .

Am nächsten Nachmittag sprach auf dem Boulevard des Batignolles eine pompöse Blondine Ulescu an und bemühte sich alsbald in der Rue Belhomme zwei Stunden ausgiebig um ihn. Obwohl sie einen Fünfzigfrancs-Schein zu Boden flattern ließ, wurde sie noch am selben Abend versetzt. Tagsdarauf war es eine schlichte Rothaarige, die sechzig Francs opferte. Ihr folgte eine vornehme Schlanke mit hundert Francs. Dieser eine burschikose Dicke, die 149 ein Manicure-Necessaire zurückließ und zwei Orangen. Auch fernerhin wechselte Quantitatives mit Qualitativem, Großes mit Kleinem, Raffiniertes mit Primitivem. Fast alle ließen ein Andenken zurück oder sich eines entwenden und alle hatten ein Appartement oder wenigstens in Aussicht. Sämtliche Bemühungen gestalteten sich intensivst, ja oft dermaßen hingebungsvoll, daß Ulescu manch Neues, manch Seltenes an sich erfuhr. Und allnächtlich gab es Minuten, wo er unsäglich maliziös lächelte. Mehr als gratis schwelgte. Unerhörtes genoß.

Leider erfolgte allgemach der Wechsel mit größeren Unterbrechungen und die von Zeit zu Zeit im Café Dupont oder anderwärts auftauchenden, sehr verschiedenartig stilisierten männlichen Typen wurden zusehends zudringlicher. Und eines Tages mußte Ulescu konstatieren, daß er bereits seit einer Woche unbeschickt geblieben war; daß die zudringlichen Typen sich zwar nicht mehr zeigten, dafür aber eine äußerst scharfe Überwachung seiner Person eingesetzt hatte, die eine ganze Kette von Unannehmlichkeiten nach sich zog: der Patron seines Hotels grüßte nicht mehr und setzte ihm eine Phantasie-Steuer auf die Wochenrechnung; das Stubenmädchen brachte sein Zimmer nurmehr fiktiv in Ordnung; die Kellner in den Cafés und Restaurants beflissen sich wohl einer krampfhaften Höflichkeit, in der Bedienung jedoch nicht des geringsten Eifers; und überall überhielt man ihn in der frechsten Weise mit den Preisen, was umso erschrecklicher war, als Ulescu jegliche Einkünfte versiegt waren. Er sah knirschenden Mundes eine Katastrophe nahen und verfluchte sich und die schicksalsschwere Stunde, die ihn jenen unheilvollen Brief hatte schreiben lassen.

Da rettete ihn ein Zufall. Ein Russe verübte ein Revolver-Attentat auf den Ministerpräsidenten, das fehlschlug. Da der Attentäter in Vaugirard wohnte und nicht die kleinste Spur von ihm zu den Kreisen führte, die Ulescu auf dem Montmartre gezogen hatte, konnte dieser bereits am Tage nach dem Attentat beobachten, daß sein Patron ein freundliches Gesicht machte, daß sein Zimmer in neuem Glanz erstrahlte, die Kellner ihn sofort bedienten und die hunderterlei Gestalten, die ihn gleich zähen Insekten überall umschwirrt hatten, verschwunden waren.

Nach einer Woche war Ulescus Sicherheit derart gestiegen, daß er es wagte, vorsichtig zu seinem Metier zurückzukehren. Der Erfolg war ihm sogar ungewöhnlich hold. Überraschender Weise auch bei den Damen, deren Interesse an ihm durch den rapiden Wechsel auffallendster Erscheinungen machtvoll sich erhöht hatte. So daß Ulescu neuerdings gratis schwelgte und Unerhörtes genoß.

 


 

 << Kapitel 23 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.