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Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bukarest – Budapest

Der Wiener D-Zug hatte seit etwa zwanzig Minuten Bukarest hinter sich, als Schingut den Toilettenraum verließ und seinen mit einer Reisemütze belegten, in einem Abteil zweiter Klasse befindlichen Mittelplatz einnahm. Hierauf zog er eine Zeitung aus der Tasche und tat, als lese er, um unbeobachtet die Mitreisenden mustern zu können. Links von ihm saß eine weißhaarige Dame, die unausgesetzt an einem gelben Stift roch; rechts von ihm ein halbwüchsiger Gymnasiast, der Kants ›Praktische Vernunft‹ mit persönlichen Randbemerkungen versah. Deshalb hielt Schinguts erfahrenes Auge nur den ihm gegenüber sitzenden Herrn seiner Aufmerksamkeit für würdig. Dessen hellgrünen Waterproof, der glatt zusammengerollt im Netz lag, erkannte Schingut als echte Londoner Marke, Wäsche und Krawatte von allererster Qualität, desgleichen den dunkelgrauen Sakko, der schwerlich älter war als acht Tage. Nur das feiste Gesicht war für Schingut ein Rebus: es war kugelrund, ockerrot, glattrasiert und im höchsten Grade nichtssagend, welchen Effekt sonderlich die kleinen lichtlosen Augen bewirkten und die kurze Stupsnase. Selbst nach wieder und wieder unternommenen Musterungen mußte Schingut sich eingestehen, daß er weder die Nationalität noch den Beruf seines Gegenübers zu fixieren imstande war. Das war ihm seit Jahren nicht mehr widerfahren. Und da er allen Grund hatte, seine Reise mit größter Vorsicht auszuführen, nahm er sich augenblicks vor, sein beunruhigendes Vis-à-vis zu untersuchen.

Als dessen Blick das nächste Mal dem seinen begegnete, sagte Schingut deshalb laut, wenn auch durchaus wie absichtslos: »Eine sehr gute Strecke! Wie ruhig der Wagen geht!«

»Ja. Sie haben recht.«

Schingut schwieg, die Zeitung neben sich legend, und blickte zum Fenster hinaus. Er rechnete auf den suggestiven Zwang, der von einem hingeworfenen Satz, dem nichts weiter folgt, ausgeht.

Und er hatte richtig gerechnet. Der Herr wartete bloß auf Schinguts Blick, dem er, als er eintraf, zulächelte. »Sie fahren auch bis Budapest?«

Schingut, der einen leichten slawischen Akzent konstatiert hatte, nickte, obwohl sein Reiseziel Brünn war. »Gefällt es Ihnen?«

»O, sehr. Ein kleines Paris. Sie sind wohl von dort?«

»Nein. Ich war noch nie in Budapest.«

85 Der Herr wiegte erstaunt den Kopf. »Ich hätte gewettet, daß Sie in Budapest geboren sind.«

Schingut war, obwohl er es völlig zu verbergen wußte, fast verblüfft: er war tatsächlich aus Budapest gebürtig. »Weshalb?« fragte er leise.

»Ihr Deutsch hat jenen breiten und singenden Tonfall. Sehr schwach. Aber es ist doch zu merken.«

Schingut schmunzelte höflich. »Sie beobachten sehr scharf.« Innerlich aber grinste er: er war drei Monate alt gewesen, als seine Eltern ihn nach Mailand verkauft hatten, und hatte seither Ungarn nie wieder gesehen.

»Keine besondere Leistung. Man muß eben darauf achten. Und da ich selbst Budapester bin . . . Barany ist mein Name.«

»Schingut.«

»Angenehm.« Barany verneigte sich abermals.

Schingut desgleichen. Da er aber bereits überzeugt war, daß sein Gegenüber ebenfalls log und auch in der Absicht, sich zu orientieren, legte er sich gewissermaßen auf die Lauer.

»Also Sie sind trotzdem nicht aus Budapest.« Barany lächelte wie einer, der sich herbeiläßt, mit einem Lügner noch weiter zu reden.

Schingut hißte eine gewisse verlegene Bedachtlosigkeit. »Habe ich denn behauptet, daß ich aus Budapest bin?«

»Aber gewiß nicht.« Barany blickte fröhlich auf die Deckenlampe. »Habe ich denn das behauptet?«

»Aber keineswegs.« Schingut zog eine kleine Feile aus der Westentasche. »Schließlich könnte man ja auch einen bestimmten Akzent haben, ohne ihn am Ursprungsort erworben zu haben.« Er feilte an seinen Nägeln.

»Ja natürlich.« Es war offensichtlich, daß Barany an diese Gelegenheit sich klammerte. »Man könnte ihn zum Beispiel in jahrelangem Umgang mit einer Person sich angeeignet haben.«

»Zweifellos.« Schingut nickte geradezu begeistert, feilte dabei aber so heftig, daß er sich blutig riß. »Teufel auch! . . . Oder indem man wochenlang eine Rolle spielte.«

»Eine Rolle?« fragte Barany verwundert, als begriffe er nicht das Geringste.

»Nun ja.« Schingut speichelte seinen verletzten Finger ein und umwickelte ihn äußerst behutsam mit seinem Taschentuch. »Zum . . . Beispiel . . . in einem Stück.«

»Ach so.« Barany war leicht enttäuscht, glitt aber schnell darüber hinweg. »Sie sind vielleicht Schauspieler?«

86 Schingut ärgerte sich nun fast schon. »Nicht mehr, als man so fürs Haus braucht.«

Barany, dem diese halbe Herausforderung nicht entging, lachte deshalb schallend auf. »Sehr gut! Wirklich sehr gut! . . . Aber, ich bitte Sie. Das Leben ist eine Rauferei. Wer immer aufrichtig wäre, läge bald auf der Nase.«

»Wem sagen Sie das«, seufzte Schingut kordial und feilte wiederum an seinen Nägeln.

Beide sahen freundlich zum Fenster hinaus. Es war eine gewisse Harmonie hergestellt.

Der Gymnasiast, der selbstverständlich so getan hatte, als hörte er nicht zu, begab sich, empört über die Banalität des Vernommenen, fluchtartig in den Speisewagen.

Der alten Dame war es gelungen, einzuschlafen.

Als Schingut es bemerkte, wurde er plötzlich heiter: es hatte ihm ein gut Teil seines Elans geraubt, von Dritten gehört zu werden. Nun schickte er sich an, schärfer ins Zeug zu gehen. Er überfiel geradezu Barany mit seiner Stimme: »Sie sind Reisender, nicht wahr?«

Barany machte ein impertinentes Gesicht. Es konnte allerdings auch lediglich verstimmt sein.

Schingut hielt es für impertinent und deshalb Barany für sehr verdächtig. Er steckte die Feile ein und erklärte, liebenswürdig lächelnd: »Ihre Art, den Mantel zu rollen, ist nämlich typisch für die englischen Reisenden.«

Barany schmatzte ironisch. Aber es war trotzdem schwer, zu behaupten, daß es nicht nervös war. »Ich war nie in England und bin auch nur insoweit Reisender, als ich eben reise.«

Schingut verdroß es, daß sein Kniff mißlungen war: er hatte nicht daran gezweifelt, daß Barany ihm antworten würde: ›Nein, ich bin kein Reisender, sondern . . .‹ Deshalb sagte er vorwurfsvoll: »Ich hätte gewettet, daß Sie Reisender sind. Aber Sie sind wohl bloß vorsichtig.«

»Oho!« Barany schien ernstlich beleidigt zu sein.

»Nun, ich meine«, lenkte Schingut händereibend ein, »Sie sagten doch selbst, wer immer aufrichtig wäre . . .« Sein Taschentuch fiel zu Boden.

»Das schon. Aber damit habe ich doch nicht gesagt, daß man lügen müsse.« Barany ärgerte sich darüber, gleichsam hinterrücks des Widerspruchs geziehen zu werden.

Schingut hob sein Taschentuch auf. »Aber ich bitte Sie. Das habe ich doch gar nicht gesagt.« Er dachte, das Taschentuch auf dem 87 Knie glättend, krampfhaft darüber nach, wie er das Gespräch umstellen könnte. »Übrigens kann man es vermeiden, die Wahrheit zu sagen, ohne zu lügen.«

»Allerdings.«

Barany nahm sich eine Zigarre. Es machte den Eindruck, als hielte er das Gespräch für beendigt.

»Sehen Sie«, begann Schingut nach einigen ihm sehr peinlichen Sekunden, »ich bin sehr vorsichtig. Ich habe Ihnen zum Beispiel nur aus Vorsicht keine Zigarre angeboten.« Er wunderte sich hinterher, daß ihm nichts Besseres eingefallen war.

Barany wandte langsam den Kopf. »Ach so. Sie hätte ja auch vergiftet sein können.«

»Erraten!« Schingut gehabte sich entzückt, um sich selber zu verbergen, daß er eine Dummheit gemacht hatte. »Es war also sehr vorsichtig von mir, mich keinem Refus auszusetzen. Denn es kränkt ja doch stets ein wenig.«

»Das ist richtig.« Barany leckte liebevoll das Ende seiner langen Importe.

Schingut saß neuerdings auf dem Trockenen. Er ärgerte sich maßlos über sich selber, steckte hastig das Taschentuch ein und biß erregt an seinem Schnurrbart.

Er schien Barany nun zu erbarmen. Denn mit einem Male schwenkte dieser jovial seine Zigarre. »Sehen Sie, Sie könnten Detektiv sein.«

»Ich?« Schingut wußte nicht, sollte er sich freuen oder verschanzen: war es ein Vorstoß oder vielleicht wirklich nur so hingesagt? Schließlich fragte er für alle Fälle harmlos: »Wieso?«

Barany zog mit großem Genuß an seiner Zigarre und die Brauen sich auf die Stirn. »Erinnern Sie sich daran, daß Sie es waren, der zuerst zu sprechen begann? Sie machten eine Bemerkung über das gute Fahren des Wagons und schwiegen dann. Wie aber, wenn Sie nur geschwiegen hätten, damit ich ein Gespräch beginne? Das ist doch ein alter beliebter Detektiv-Kniff.« Er wartete, verschmitzt mit den Lidern flatternd, auf die Wirkung.

Diese kam sehr langsam. Eigentlich gar nicht. Denn Schingut senkte die Augen, als langweile er sich, ja als würde er müde.

Barany spielte mit seiner Zigarre, ohne Schingut weiter zu beachten. »Und als Sie mich plötzlich fragten, ob ich Reisender sei, dachte ich mir, Sie könnten vielleicht fragen, damit ich Ihnen meinen Beruf nenne. Darin bestärkte mich auch Ihre spätere Bemerkung, daß die Art, wie ich meinen Mantel rolle, typisch für die englischen Reisenden sei. Ganz abgesehen davon, daß ich nicht 88 glaube, Engländer sein zu müssen, um meinen Mantel geschickt zusammenzurollen.«

»Sehr scharfsinnig!« Schingut hielt es nun doch für schlauer, sein Verhalten zu ändern. »Aber ist es nicht wirklich lustig, daß ich genau dasselbe vermutete wie Sie? Als Sie nämlich behaupteten, ich spräche mit Budapester Akzent, war ich überzeugt, daß Sie auf diese Weise erfahren wollten, wo ich geboren bin. Denn ich weiß ja doch, daß ich den Budapester Akzent nicht habe. Und als Sie . . .«

»Ganz interessant.« Barany lächelte bissig.

»Und als Sie kurz darauf sagten, daß man einen Akzent ja auch in jahrelangem Umgang mit einer Person sich aneignen könnte, zweifelte ich nicht daran, daß Sie auf diese Weise mich in die Enge treiben und zu einer Auskunft zwingen wollten. Und als ich dann meinte, man könne ja auch durch eine Rolle . . . und als Sie fragten, ob ich Schauspieler wäre . . .« Schinguts sich zusammenschiebende Stirn frohlockte allzu deutlich.

Barany rückte sich bequem auf seinem Platz zurecht. »Ganz interessant. Nur besteht ein auffälliger Unterschied zwischen unseren Auffassungen. Ich habe nämlich bloß scherzhaft geäußert, daß Sie Detektiv sein könnten, während Sie davon überzeugt sind, daß ich Detektiv bin.«

»Aber, aber . . .« Schingut war nun absolut sicher, einen Detektiv vor sich zu haben, und beschloß, das Gespräch schnell und liebenswürdig zu beenden. »Und selbst wenn Sie es de facto wären. Was wäre schon dabei? Ich wäre trotzdem nicht weniger erfreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.«

»Angenehm.« Barany verneigte sich. »Aber ich bin wirklich kein Detektiv.«

»Ich ebenfalls nicht.«

Barany verneigte sich abermals.

Schinguts Gesicht strahlte ein Glück aus, als hätte er den Schah von Persien kennen gelernt. »Ich bitte Sie. Man unterhält sich. Eine Eisenbahnfahrt ist lang. Und es ist doch im Grunde so gleichgültig, woher man stammt und wer man ist. Die Hauptsache ist, daß man sich die Zeit vertreibt. Womit, das ist auch sehr egal. Hab ich nicht recht?«

»Aber gewiß.« Barany klopfte mit sichtlicher Genugtuung die Asche von seiner Zigarre.

Beide sahen freundlich zum Fenster hinaus. Es war neuerlich eine gewisse Harmonie hergestellt. Wenn auch diesmal ganz anderer Art . . .

Bald darauf verließ Schingut das Abteil, blieb aber, für Barany 89 sichtbar, etwa eine Viertelstunde vor einem Gangfenster stehen, bevor er verschwand.

Als der Zug in Szegedin hielt, eilte er auf den Perron, kaufte einige Zeitungen und bestieg den Speisewagen.

Sobald der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, erschien der Gymnasiast im Gang vor dem Abteil; und zwar mit dem überlegen verglasten Blick desjenigen, der gerade etwas unerhört Wichtiges und Überragendes gelesen hat. Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Schinguts Abwesenheit seinem Gehirn die Sicherheit vor Zumutungen verbürgte, warf er sich in seinen Eckplatz.

Die alte Dame schlief selig weiter . . .

Erst als der Zug sich Budapest näherte, verließ Schingut den Speisewagen und betrat die Toilette. Hier wartete er, bis der Zug hielt. Doch auch dann wartete er noch fünf Minuten, um sicher zu sein, bei seiner Rückkehr ins Abteil Barany nicht mehr vorzufinden.

Das Abteil war leer. Schingut lugte vorsichtig auf den Perron hinaus. Und plötzlich wurde er kreidebleich: die weißhaarige Dame aus dem Abteil kam schnellen Schrittes zwischen zwei Männern auf den Wagon zu, in der einen Hand ein Taschentuch, das Schingut an den Blutflecken und dem dreifachen schwarzen Rand als das seine erkannte. (Es trug die Initialen L. F., seines jüngsten Opfers, und stellte eine schwere Indizie dar.) Und fast gleichzeitig erblickte Schingut, gerade gegenüber dem Fenster, an dem er stand, Barany, den zwei Kriminalbeamte gefesselt an den Handgelenken hielten.

Wenige Sekunden später war auch Schingut verhaftet. 90

 

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