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Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Daisy

Stunden schon vor Ankunft der großen englischen und südamerikanischen Schnelldampfer ist der Hafen in Barceloneta von einer kunterbunten Menschenmenge umlagert, in welcher dem aufmerksamen Beobachter sehr bald die große Zahl einer ganz bestimmten Gattung von Frauen auffällt, deren Anwesenheit bei diesen Gelegenheiten unerklärlich anmutet. Es sind Frauen aus den unteren und mittleren bürgerlichen Ständen, sehr einfach und sauber gekleidet, wenn auch meist in südlicher Farbigkeit, und begleitet von ihren jugendlichen Töchtern, deren Schönheit und Rasse ebenso sehr Bewunderung erregt wie ihre Lebhaftigkeit und Gesundheit. Daß sie Verwandte oder Bekannte bei ihrer Ausschiffung begrüßen wollen, ist schwerlich anzunehmen, denn es müßten ihrer zu viele sein; auch nicht, daß sie lediglich aus Schaulust sich hier einfinden, denn das Einlaufen großer Schiffe findet zu häufig statt, als daß es nicht längst jeden Reiz verloren hätte. Was es eigentlich ist, das ganze Familien an den Hafen zu den Schiffen führt, erfährt man nicht so ohne weiteres.

Cossenlink, der erst wenige Tage in Barcelona sich aufhielt, hatte bereits mehrere Matrosen, Hafenarbeiter und Lastträger danach gefragt. Ein Achselzucken oder ein Grinsen war die Antwort. Deshalb wandte er sich endlich, obwohl er es für sehr gewagt hielt, respektvoll grüßend an die ihm zunächst stehende Señora, die ihre etwa fünfzehnjährige Tochter neben sich hatte. »Sie haben wohl einen Verwandten auf der Mauretania?«

Die Señora zupfte graziös an ihrem schwarzen Schleier. Ohne den Kopf zu bewegen, musterte sie den Fremden. Ihre großen Pupillen standen steil in den Augenwinkeln.

»Jedenfalls aber doch einen guten Bekannten«, fügte Cossenlink hastig hinzu, von dem Verhalten der Señora bereits irritiert.

Unterdessen schien Cossenlinks Musterung zu seinem Vorteil ausgefallen sein: die Señora drehte ihm langsam das Gesicht zu, lächelte charmant und legte den Arm um die Schultern ihrer plötzlich errötenden Tochter.

»Die Kleine ist Ihre Tochter, Señora?« Cossenlink fragte nur, um ein Gespräch zu erreichen.

Die Señora sah an ihrer Tochter hinab, dann Cossenlink verwundert in die Augen. »Finden Sie, daß sie zu klein ist?«

Cossenlink fürchtete, ihren Mutterstolz verletzt zu haben. 67 »O nein«, versicherte er übereilig, »das wollte ich nicht sagen. Durchaus nicht. Aber bei uns sagt man zu jungen Mädchen so.«

»Ai!« Die Señora wiegte leise ihren kleinen schwarzen Spitzenfächer. Ihre weiten Augen verkleinerten sich. »Wo ist das?«

»In Norwegen.«

»Ai! Das ist sehr weit im Norden. Noch weiter als Rußland, nicht wahr?«

»Ja, es ist sehr weit. Und es gibt dort nicht so schöne Frauen wie hier.«

»Die Frauen hier gefallen Ihnen also? Liebt man denn in Ihrem Land die Mädchen nicht?«

»Aber gewiß. Man liebt auch die Mädchen.«

Die Señora hob und senkte mehrmals freudig die Lider, deren lange Wimpern zarte Schatten unter die Augen stachen. Sie nahm ihre Tochter bei der Hand und zog sie ein wenig nach vorne. »Rosita ist noch ein Mädchen.«

Cossenlink verneigte sich leichthin. Dann aber vermochte er angesichts des bestrickenden Liebreizes der Kleinen, die die Augen flatternd niederschlug, sich nicht zu beherrschen: »O, was für eine entzückende Tochter Sie haben, Señora!«

»Nicht wahr?« Die Señora fächerte sich geräuschvoll. »Rosita ist ein sehr schönes Mädchen.« Sie fuhr ihr liebkosend über die welligen blauschwarzen Haare, an deren linker Seite, reizvoll arrangiert, eine gelbe Rose hing. »Sie ist noch viel schöner, wenn man sie gesehen hat.«

»Ich bin überzeugt davon . . .« Cossenlink, dessen Neugierde bloß verdrängt worden war, wurde jetzt aufmerksam. Ohne jedoch noch recht zu begreifen, mehr dazu geneigt, den landesüblichen Freimut anzunehmen, fragte er vorsichtig: »Aber Sie erwarten wohl jemanden?«

Die Señora glaubte, eine gewisse Verlegenheit wahrgenommen zu haben, über deren Ursache sie nicht im Zweifel war. »Nein, wir erwarten niemanden. Wir gehen oft zu den Schiffen. Es ist eine Abwechslung. Aber wenn Sie wollen, gehen wir ein Stückchen zusammen.«

Cossenlink stimmte liebenswürdig zu.

Minutenlang gingen sie schweigend hinter einander durch die lachende und schreiende Menge. Nur von Zeit zu Zeit wandte die Señora sich um und sandte Cossenlink einen freundlichen, gleichsam aufmunternden Blick über die Schulter. Erst als sie aus dem Gewühl in die kleinen Gassen von Barceloneta kamen, traten sie wieder neben einander. Nach einigen gleichgültigen Fragen und 68 Antworten begann die Señora von ihrem Gatten zu erzählen, der in Hostafranchs eine Baumwollfabrik habe, welche leider in den letzten Jahren sehr zurückgegangen sei, weil er infolge eines Kniescheibenbruchs nicht mehr so nach dem Rechten sehen könne. Ihre älteste Tochter vertrete ihn zwar oft, aber man liebe es in Spanien nicht, in Geschäften mit Frauen zu tun zu haben. Da sie keinen Sohn besitze, werde die Lage immer ungünstiger. Gerade vor zwei Tagen habe die Aduana die Monats-Verrechnung geschickt, achtzehnhundert Pesetas, die noch nicht bezahlt seien. Das Personal stehle, sei schwer kontrollierbar, paktiere mit den Kunden, die deshalb unpünktlich oder nur teilweise bezahlten . . . Ihre einzige Freude sei ihre Rosita und ihre einzige Hoffnung und glücklich der Mann, der ihre Tugend werde pflücken dürfen, obwohl sie nur schweren Herzens sich entschließen würde . . .

Cossenlink hatte zwar bereits eine bestimmte Vermutung sich aufgedrängt, dennoch aber war er, sobald er Mutter und Tochter neuerdings betrachtete, vor dieser Frische und Schlichtheit immer wieder wankend geworden. Nun, als die Señora zuwartend schwieg, entschied er sich, sich Klarheit zu verschaffen. »Ich zweifle nicht daran, daß Sie Ihre Tochter gut verheiraten werden.«

Die Señora bewegte schnippisch ihren Fächer, schlug ihn miteins knallend auf, drückte ihn auf das Gesicht, so daß nur die Augen frei blieben, und neigte sich so Cossenlinks Ohr zu: »Ai! Zum Heiraten ist sie noch zu jung und zu arm.«

»Wie alt ist sie?« fragte Cossenlink leise.

»Sie werden den Taufschein sehen. Zwölf Jahre war sie vor einer Woche. Sie haben also nichts zu fürchten.« Die Señora hob den Kopf und entfernte den Fächer vom Gesicht.

Cossenlink schwieg perplexiert, so unerwartet war ihm die Gewißheit dessen geworden, was er im Grunde schon gewußt hatte.

Die Señora nahm sein Schweigen als Zustimmung und hielt den Augenblick für gekommen. »Rosita, mein Engel, geh ein paar Schritte voraus!«

Rosita gehorchte schnell und freudig.

Und während Cossenlink, entzückt von der gazellenhaften Leichtigkeit ihres Gangs und der herrlichen Schmiegsamkeit ihres Körpers, halb benommen halb begehrlich ihr nachblickte, ergriff die Señora seinen Arm. »Sie sind ein vornehmer Herr. Und Sie gefallen mir und Sie gefallen auch meiner Tochter. Geben Sie vierzehnhundert und Sie sollen sie bis morgen haben. Die vierhundert, die noch fehlen, wird unsere Franchita machen. Es ist nicht viel, Señor.«

69 ›Es ist sehr viel‹, sagte sich Cossenlink, der, einmal im Klaren, seine volle Sicherheit wiedergefunden hatte, ›aber es wäre nicht viel, wenn Rosita wirklich . . .‹ Er zweifelte jedoch durchaus und war überzeugt davon, eine Kupplerin vor sich zu haben und ein abgekartetes Spiel. »Ist Rosita tatsächlich Ihre Tochter?«

Die Señora blieb ruhig stehen und sah mit unaffektierter Würde an ihm hinunter. »Sie sind ein vornehmer Herr. Deshalb will ich es nicht gehört haben. Wir wohnen in Hostafranchs. Wir werden einen Wagen nehmen und Sie werden sich von allem überzeugen.«

Sie warf den Kopf leicht zurück und schritt schweigend voran.

Cossenlink folgte, ebenso entschlossen wie neugierig, und winkte einem Ponny-Wagen, der, nachdem Rosita zurückgerufen war, alle drei in kaum einer halben Stunde vor das Haus der Señora brachte. Diese Fahrt, die Rosita mit allerliebstem Geplauder ausgefüllt hatte, hatte Cossenlink vorübergehend an seiner Auffassung irre gemacht. Der kleine baufällige Torrès aber, neben dessen zerschlagener Holztür ein niedriger schmutziger Laden sich befand, schien jeden Zweifel auszuschließen.

Pablo Florès, ein fetter Alter, der laut atmete und übel roch, saß bei ihrem Eintritt in das weite unebene Wohnzimmer mit seiner Tochter Franchita an einem großen runden Holztisch und aß. Er erhob sich schwerfällig, blieb aber wegen seines kranken Beins am Tisch stehen und verneigte sich linkisch.

Nachdem die beiden Mädchen aus dem Zimmer geschickt worden waren, setzte sich die Señora an den Tisch, lud Cossenlink mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen, und trug hierauf ihrem Gatten den Handel unumwunden vor. Der nickte mehrmals, seinen Stiernacken reibend, und riet, dem vornehmen Fremden zu vertrauen: wenn er auf den Preis einginge, stünde es ihm frei, erst am Morgen zu bezahlen.

Cossenlink war zutiefst darüber erstaunt gewesen, mit welch sicherem Takt die beiden sich darauf beschränkt hatten, ihn ihr Gespräch bloß mitanhören zu lassen. Nun mußte er, beinahe verwirrt, erkennen, daß die Señora nicht gelogen hatte. Nach kurzem Überlegen zog er sein Portefeuille und legte vierzehnhundert Pesetas auf den Tisch vor Pablo Florès, der sie, ohne nachzuzählen, in sein Flaus steckte und Cossenlink über den Tisch hin seine schwielige rote Hand reichte . . .

Bald darauf betrat Cossenlink das winzige Dachzimmer, in dem Rosita ihn erwartete.

Sie saß, nur mit einem kurzen weißen Hemdchen bekleidet, auf dem Bettrand. Auf ihren braunroten flaumigen Wangen lag jetzt 70 ein feiner gelblicher Puder. Ihr dichtes Haar war aufgelöst und ringelte sich in zierlichem Gelock um den Hals. Sie machte, kindlich lächelnd, eine wollüstig einladende Gebärde.

Cossenlink ergriff ihre kleine dunkle Hand, um sie zu küssen. Doch noch bevor er es hatte tun können, fiel Rosita ihm um den Hals; hielt aber vor seinem Mund inne. Ihr Atem roch nach frischen Mandeln. Beide sahen einander in plötzlicher Leidenschaft wild und lange in die Augen. Endlich preßte Rosita ihre jungen glühenden Lippen auf die seinen und gab ihm langsam ihre spitze süße Zunge . . .

Cossenlink verbrachte in dem winzigen Dachzimmer seine seltenste Liebesnacht. Rosita war nicht nur unberührt gewesen, sie war auch in allen Künsten der Liebe unterrichtet worden, selbst den feinsten und letzten. So daß die volle erste Glut ihrer südlichen zwölf Jahre in absonderlichem Kontrast zusammentraf mit der Furcht, ungeschickt zu sein, und ihrem Stolz, wenn sie sicher war, es nicht gewesen zu sein. Erst gegen Mitternacht schien die Nimmermüde ein wenig zu ermüden.

Cossenlink verließ das Bett und holte den Wein und die Früchte, welche auf einem Stuhl neben der Tür lagen.

»Das macht Durst.« Rositas dünne silberne Vogelstimme klang jetzt weicher und tiefer. Sie wischte ihre Lippen, naß von Küssen, mit dem Leintuch trocken.

»Ja, das macht Durst.« Cossenlink, der bisher fast nicht gesprochen, lediglich die Flut ihrer Liebesworte und Schreie genossen hatte, wußte nichts zu sagen.

Plötzlich bat sie ihn, ihr einen Namen aus seinem Land zu geben. Als Cossenlink verwundert nach dem Grund fragte, antwortete sie lächelnd, das sei so der Brauch; sie würde diesen Namen dem ihren hinzufügen und immer zur Erinnerung an diese Nacht führen.

Cossenlink schrieb den Namen, der ihm stets am besten gefallen hatte, auf das kleine gelbe Kärtchen, das sie ihm reichte, und zwar auf ihr ausdrückliches Verlangen in die Mitte: Daisy. Worauf sie mit unbeholfener Schrift ›Rosita‹ davor und ›Florès‹ dahinter schrieb.

Beide tranken und aßen und tranken mehr, als sie wollten, so wohl fühlten sie sich und außerstande, darüber zu reden. Aber der Wein wirkte schließlich doch. Rosita begann wieder zu plaudern. Zwar nicht mehr so harmlos und lustig wie auf der Fahrt im Ponny-Wagen, aber nicht weniger viel und bunt. Sie erzählte von ihrer Schwester Franchita, die beinahe schon die ganze Mitgift 71 beisammen habe und auch nur mit sehr feinen Herren gegangen wäre, aber nur mit Schiffsoffizieren und mit manchen sogar vierzehn Tage. Sie selbst hätte auch geglaubt, ihr Erster würde ein Schiffsoffizier sein, und deshalb wäre sie auch zur Landung der Mauretania gekommen, aber zufrieden sei sie deshalb doch sehr und er solle bitte noch einige Tage bei ihr bleiben . . .

Cossenlink küßte sie und versprach, so lange mit ihr zu schlafen, als er noch in Spanien bliebe.

Und er hielt Wort. Während der vier Wochen, die er in Barcelona verbrachte, schlief er keine Nacht im Hotel. Aber auch tagsüber war er stets mit Daisy zusammen. Hand in Hand schlenderten sie durch die Straßen oder auf der langen Promenade, die von der Rambla bis Gracia reicht, oder sie ruderten auf dem Llobregat. Und sooft sie an La Seu vorbeikamen, der großen Kathedrale, trat Daisy unter das Portal und verrichtete ein kurzes Gebet. Und immer, wenn sie einer ihrer Jugendgespielinnen begegnete, bat sie Cossenlink, ein kleines Geldstück zu geben, und manchmal gingen sie zu dritt, ja auch zu viert ein Stück Weges oder traten in eine Trattoria.

Kurz vor seiner Einschiffung nach Tunis hatte Cossenlink große Unannehmlichkeiten mit der Polizei, die ihn, da er so häufig mit jungen Mädchen gesehen worden war, für einen Mädchenhändler hielt. Erst als er mit Hilfe des Ehepaares Florès nachgewiesen hatte, daß es sich nur um die allgemein tolerierte Familien-Prostitution gehandelt habe, ließ man ihn frei. Da sein Schiff den Hafen aber bereits verlassen hatte, verlebte er noch eine Woche glücklicher Tage an der Seite Daisys. 72

 

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