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Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das steile P

Der von sämtlichen Polizei-Direktionen Europas geplagte Gentleman-Einbrecher Léjal befand sich nach Mitternacht plötzlich auf der Straße, ohne zu wissen, wie er dahin geraten war. Als es ihm voll zum Bewußtsein kam, fiel ihm sofort ein, daß er von der Wohnungstür an bis zum Gartengitter unausgesetzt darüber nachgedacht hatte, warum Polly beim Verlassen des Cafés ihm jene eigentümliche Antwort gegeben haben mochte.

Während er noch sinnend dastand, hörte er aus der gegenüber liegenden Seitengasse auffallend laute Schritte sich nähern. Das machte ihn nicht weniger stutzig als der Mangel jeden Übergangs. ›Sollte er sich bemerkbar machen wollen, damit ich mich unbewacht glaube? Oder damit ich weiß, daß ich überwacht werde?‹ Als er aber den Mann an der Ecke halt machen und ihm beim Weitergehen folgen sah, kam Léjal auf seine zweite Erklärung zurück: ›Wenn sie nun aber wollen, daß ich mich überwacht weiß, dann können sie nur wollen, daß Polly mir unverdächtig bleibt.‹

Léjal blieb lächelnd stehen: er wußte nun, weshalb Polly, als er sie beim Verlassen des Cafés gefragt hatte, mit wem sie soeben gesprochen habe, so übertrieben lustig zur Antwort gab: ›Das war ein Ausländer, der sich ärgerte, daß du ihm zuvorkamst. Er sagte bloß: »das war vorzüglich, daß Sie ihn angelacht haben.«‹ Léjal ging vergnügt weiter. Sein Verdacht war also durchaus begründet; denn diese Äußerung paßte weniger in den Mund eines zu kurz gekommenen Ausländers als in den eines Anerkennung zollenden Vorgesetzten und war, von Polly wiederholt, der beliebte Kniff, mit der Wahrheit zu bluffen.

Hinter dem Tor des Hauses in der Kanalstraße, in dem er wohnte, blieb Léjal stehen. Nach wenigen Minuten erschien der Mann, der ihm gefolgt war, spähte sekundenlang umher und ging dann sehr langsam weiter. Léjal trat grinsend auf die Treppe. Im Bett grinste er immer noch. ›Wahrhaftig vorzüglich gemacht! Ich habe ihr dieses Lachen, mit dem sie mich anlockte, lange geglaubt. Und ich hätte es vielleicht gar nicht bezweifelt, wenn man nicht zuviel des Vorsichtigen getan hätte.‹

Am folgenden Abend kam Léjal, der mittlerweile einen sehr aparten Plan gefaßt hatte, pünktlich zum Rendezvous. Polly wartete bereits, freute sich ein wenig zu genau, bedauerte unendlich, ganz wider Erwarten in einer halben Stunde nach Teplitz fahren zu 61 müssen, und bat ihn, sie übermorgen zum Tee zu besuchen. Léjal war überzeugt, daß sie diese Reise vorschützte, um ihn ganz sicher zu machen, unterließ es aber, ihr zu folgen, da er mit Recht annahm, daß man ihn auch weiterhin überwache. Als er aber eine Stunde später den Wenzelsplatz überquerte, sah er Polly von Ferne an der Seite eines unscheinbaren Herrn ein Kino betreten.

Andern Morgens gegen zehn Uhr läutete Léjal in der Slenzska-Straße an der Wohnungstür, die er in der vorvergangenen Nacht so nachdenklich verlassen hatte. Eine schmutzige aufgeschwemmte Vettel öffnete ihm und ließ ihn ohne weiteres in das Zimmer ihrer Pensionärin eintreten, die sich verschlafen die Augen rieb und, als sie Léjal erkannte, nach Sekunden währender ärgerlicher Ratlosigkeit darüber empört war, aus dem Schlaf gerissen worden zu sein. Léjal äußerte lax, er habe sich nicht eingebildet, der Einzige zu sein, riet ihr, ihm gegenüber nur auf die dringendsten Lügen sich zu beschränken, und streichelte ihr sehnsüchtig den Bauch. Worauf Pollys Ärger stracks dem rührendsten Eifer wich; ja sie bemühte sich sogar, die von Léjal während der ersten Nacht gerügte Liebesunkenntnis der Prager Weiblichkeit dadurch wett zu machen, daß sie allerlei Nennenswertes improvisierte. Da das Tageslicht Léjal eine Unzahl mehr oder weniger verharschter Wunden bemerken ließ, zweifellos verursacht von spezifischen Lüsten, erlitt sein Vergnügen eine weitere Steigerung. So daß er, als er Polly gegen Mittag verließ, in jeder Hinsicht zufriedengestellt war.

Eines erprobten Rezeptes sich erinnernd, schickte er tagsdarauf Polly Aretinos Meisterwerk, versehen mit einer überaus schlüpfrigen Widmung ›an das steile P‹, mit welcher Abbreviatur er sowohl gewissen angestrebten intimen Fähigkeiten schmeicheln, als auch der ganzen Dame einen unbestimmten Stich ins Bedeutsame geben wollte. Der Erfolg stellte sich rasch im weitesten Maße ein: Polly erwies sich nächtlicherweile von ihrer jüngsten Lektüre außerordentlich angeregt, was eine ganze Reihe neuer Ergötzlichkeiten schuf, zugleich aber auch von tiefster Genugtuung darüber erfüllt, Léjal so fest in ihrer Schlinge zu halten.

Der zögerte nicht, getreu seinem Plan, diese noch fester zuzuziehen: er begann eines Abends, als Polly ihn nach scheinbar langem Hin und Her in das einigermaßen obskure Café Spalena geführt hatte, von seinen niederträchtigen Schandtaten zu berichten, da er rasch erkannt hatte, daß die beiden Pärchen, die sich an den Tisch gesetzt hatten, zum Zuhören erschienen waren; hielt sich jedoch sonderlich bei seinen gemeinen Beziehungen zu der Gattin des schwerreichen Bankiers Fuchs auf, von der er, seitdem sie ihm 62 sexuell verfallen sei, mit der Drohung, ihren Gatten zu verständigen, große Beträge erpresse; und schloß endlich seine verbrecherischen Emanationen mit der überlegen selbstgefälligen Mitteilung, daß er gar bald etwas noch nie Gewagtes vom Stapel gleiten lassen werde. Polly wurde sogar derart erregt, daß sie, die wohlgedrillte, sich vergaß und, vielleicht aber auch ein wenig im Hinblick auf die sanft buchenden Augen der Kollegen, die entsetzte Bemerkung sich entfahren ließ, ob er denn gar keine Moral hätte. Léjal sagte mit hinreißender Verve: »Fällt mir gar nicht ein!« Worauf die vier lauschenden Köpfe um einiges tiefer gingen. Der Pollys jedoch sieghaft höher. Léjal schwieg nun, wie von sich selber erschüttert, und ließ die schauerliche Stimmung sich auswirken.

Und an den folgenden Abenden, da er nun stets das düstere schwüle Café Spalena bevorzugte, nachwirken, indem er, wenn auch nicht mehr also Schändliches, so doch immerhin reichlich Verlottertes von sich gab. Polly hielt es deshalb für geboten, ihn entscheidend aus sich herauszulocken. Zu diesem Zweck behauptete einmal um Mitternacht ein an den Nebentisch plazierter Kollege Pollys, sein Paletot sei ihm soeben gestohlen worden. Polly bedauerte dies lebhaft, um Léjal durch solch lächerliche Sentimentalität zu einer höhnischen Haltung zu animieren und in der Folge zu einer positiven Äußerung. Léjal hielt es jedoch für weiser, das Stümperhafte in dem Verhalten des Bestohlenen hervorzuheben und Betrachtungen über die Möglichkeiten des Verhinderns derartiger Verluste anzustellen. Er ließ sich dabei so sehr in Fachmännisches geraten, daß Polly bereits auf dem Punkt war, endlich die Vertrauensfrage zu stellen. Es erschien ihr im letzten Augenblick doch noch als verfrüht, weshalb sie den bereits begonnenen Satz zu der Versicherung umgestaltete, sie hätte seine Pelzjacke beständig im Auge behalten. Léjal dankte ihr mit einem festen Händedruck.

Und im Laufe der nächsten Woche mit immer hitzigeren Nächten dafür, daß sie seine angeblich von Tag zu Tag schlechter sich gestaltende Finanzlage durch generös vorgestreckte, nicht unbedeutende Beträge zu bessern sich herbeiließ. Vorsichtiger Weise aber inserierte Léjal den Verkauf seiner Pelzjacke und mehrerer Pretiosen, welcher, womit er sogar leichthin gerechnet hatte, verhindert wurde; jammerte über die Schlamperei der Post, wodurch er konstant schwere Verluste erleide, um so den Eindruck zu erwecken, er halte seine Korrespondenz für unkontrolliert; und stieß schließlich zähneknirschend hervor, daß er unter diesen Umständen seinen großen Coup eben werde früher machen 63 müssen. Polly hing bei diesen Worten jauchzenden Auges an Léjals Lippen, über welche die so ersehnten Sätze, Näheres erschließend, jedoch immer noch nicht wollten. Deshalb teilte sie ihm andern Tags mit, daß es mit ihren Ersparnissen zu Ende sei, sie ihm aber dennoch zu helfen wissen werde, denn sie gedenke ihre unfehlbare Wirkung auf die Männerwelt in Beträge umzumünzen. Léjal warf sie vor Freude brutal auf das Sofa, von dem alsbald der bebende Ruf aufstieg: »Für dich, Francis, geh ich sogar auf die Straße!«

Léjal war es wohl zufrieden und verwendete die dadurch gewonnene Zeit dazu, seine geheimen Verbindungen ausgiebiger zu pflegen und seine Maßnahmen zu treffen. Dies war ihm auch insoferne sehr erleichtert, als die Polizei, fest davon überzeugt, daß er das ihm beigegebene Lockspitzel-As keineswegs beargwöhne, es nunmehr für ganz besonders raffiniert hielt, ihn bis zum Abfang unbewacht zu lassen. Polly brachte allnächtlich stattliche Sümmchen, die freilich nicht von Kavalieren stammten, sondern aus dem geheimen Fonds, und träumte sich bereits als renumeriert und wohldotierte Directrice einer Korrektionsanstalt für Ausgeglittene. So verrann denn die letzte Woche zur allgemeinen Zufriedenheit.

In der Nacht vor dem Tag, an dem er zu handeln sich entschlossen hatte, statuierte Léjal mit einer bis dahin noch nie von ihm erreichten Serie Polly einen Rekord, so daß sie ihm mehrmals, gleichsam toll vor Glück, ins Auge stierte und gegen vier Uhr morgens mit schlechtweg meisterhaft gespielter Innigkeit hauchte:

»Francis, ich hab dich rasend lieb.«

»Du wirst es mir beweisen dürfen«, sagte Léjal mit harter Männlichkeit, »wenn ich anfangen werde, zu kommandieren.«

»Ach, tus doch!« zischte Polly heiß. »Tus doch!«

»Übermorgen.«

»Übermorgen?« Polly schlug gewissermaßen mit den Lidern ein Rad. »Aber erklär mir doch, erklär mir doch . . .«

»Morgen mache ich noch einen letzten Besuch bei der alten Fuchs und mit dieser Summe fahren wir nach Pilsen. Dort . . . wird . . . es . . . sein . . .« Hierauf stürzte Léjal sich in neuem Anlauf über sie, die röchelnd das Haupt hintüber fallen ließ, damit ihr unhemmbares Triumphieren sie nicht verrate . . .

Zu dem für den folgenden Nachmittag verabredeten Rendezvous erschien Léjal nicht, sondern fuhr, nachdem er sich überzeugt hatte, daß dieses sein hinterlistiges Verhalten sofort die neuerliche Überwachung nach sich gezogen hatte, eine sehr bauchige Ledermappe unterm Arm, fröhlich nach Aussig. Denn er durfte nun sicher sein, daß sein Plan gelingen würde. Und er gelang prächtig. 64 Léjal saß kaum fünf Minuten, als ein Herr im Pelzmantel, aber mit den Allüren eines Fleischermeisters und dem Kopf eines Pavian, sich ihm gegenübersetzte und seine Ledermappe nicht aus den Augen ließ. Nach weiteren fünf Minuten setzte sich eine kommisähnliche Gestalt zeitungslesend neben Léjal und kurz darauf neben den Herrn im Pelzmantel ein Kutschergesicht mit einer langen Pelerine, die auf sehr merkwürdige Weise geschlossen blieb, so daß Léjal nicht zweifelte, daß Handschellen darunter für ihn bereit gehalten wurden. Léjal schloß selig die Augen und mimte den Schlafenden. Und während er unter dreifacher Bewachung ein Pyjama, eine große Schachtel Konfekt und einige Toilettegegenstände nach Aussig entführte, nicht aber Einbrecherwerkzeuge, Patronen und Gift, saß Polly, umgeben von mehreren Kollegen, im Café Central und wartete mit zuckenden Fingern auf den telefonischen Anruf, der ihr die Verhaftung Léjals auf frischer Tat melden sollte. Aber es wurde Abend, ohne daß das Telefon für sie erklungen wäre. Und es wurde zehn Uhr. Endlich gegen ein Uhr nachts wurde sie an den Apparat gerufen, wo ihr eine vor Ärger schleimige Stimme kurz mitteilte, Léjal verbringe die Nacht in einer Villa der Baumgartenstraße mit einer Gouvernante und auch sonst habe sich nichts Bemerkenswertes entdecken lassen; allenfalls, daß er einen größeren Betrag per Postanweisung an sie abgeschickt habe.

Wieder am Tisch, betrachtete Polly verstört ihre Handflächen, blickte endlich nassen Auges auf und flüsterte:

»Das verstehe ich nicht . . .«

Die Kollegen machten äußerst verdutzte Gesichter, als Polly, auf ihr ungeduldiges Fragen hin, schließlich berichtet hatte. Einer begann allmählich, sie mit leiser Ironie ins Auge zu fassen: »Daß Léjal dir das Geld zurückschickte, beweist, daß er Lunte roch.«

»Ich wette, daß er die Fuchs gar nicht kennt«, miauzte ein anderer.

»Mit Pilsen hat er dich ganz einfach gefrozzelt.«

»Und mit allerhand anderm auch.«

Polly zitterte überall. »Wenn einer von euch behaupten kann, daß ihm diese ganze Geschichte klar ist, will ich das dümmste Luder sein.«

»Dann bist du's schon.« Der leise Ironiker kniff die Augen klein. »Francis Léjal hat sich aus uns allen einen guten Tag gemacht.«

Daß es sich tatsächlich so verhielt, mußte Polly andern Tags erkennen, als Léjal im Café Central sich plötzlich neben sie setzte und freundlich fragte, ob sie sich wohlauf befinde.

Polly brachte es nur zu einem bemitleidenswert heiteren 65 Gesicht. »Danke. Und wie wars bei der alten Judenschickse, die du mir vorgezogen hast?« Sie wollte es nicht wahr haben, dupiert worden zu sein.

Léjal drohte ihr schelmisch mit dem Kaffeelöffel. »Wie unüberlegt! Willst du damit etwa behaupten, daß du meine Postanweisung aus Aussig nicht erhalten hast?«

Polly war so vollends unterkellert, daß sie schmatzend zur Seite sah, anstatt um einen Einfall sich zu bemühen.

Léjal stippte den Mittelfinger auf ihren nackten Unterarm. »Das Lob fraglicher Ausländer sollte selbst die tüchtigste Polizeihure besser verschweigen.«

»Saulouis!« keuchte Polly erbleichend.

»Steiles P!« Léjal erhob sich schnell. Während er sich entfernte, rief er zurück: »Feiles P!«

Vier Stunden später fuhr er unbehelligt nach Zürich, wo er nach drei Tagen via Wien die Nachricht empfing, daß alles geklappt hätte und einundzwanzigtausend Dollars und elftausend Schweizer Francs in Sicherheit seien.

Die Prager Polizei aber hätte nie auch nur gemutmaßt, daß der waghalsige Einbruch in die Villa des Bankiers Katz, welcher in derselben Nacht erfolgte, die Léjal in Aussig verbrachte, von diesem bis ins kleinste Detail vorbereitet und nach seinen Direktiven ausgeführt worden war. 66

 

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