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Der Pfiff um die Ecke

Walter Serner: Der Pfiff um die Ecke - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Pfiff um die Ecke
authorWalter Serner
year1982
firstpub1925
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-01741-4
titleDer Pfiff um die Ecke
pages149
created20130417
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lampenfieber

Wutschka war von Posen nach Berlin gedengelt, um daselbst in den Schanklokalen der Brunnen- und Invalidenstraße, angeblich als Damen-Imitator, sein Brot zu verdienen. Er war nun zwar homosexuell, aber dennoch weit entfernt davon, diese Fähigkeit in den Dienst seiner Einkünfte zu stellen; vielmehr lediglich darauf aus, sich einwandfrei zu vergewissern, ob in den zwei Jahren seiner Abwesenheit von Berlin die Aufmerksamkeit der Polizei in Bezug auf seine Person so weit nachgelassen hätte, daß an ein ungestörtes Arbeiten zu denken wäre.

Dieser Vergewisserung lag Wutschka gerade an der Ecke der Usedom- und Wiesenstraße ob, als Japoll, der ihn vorzeiten oft geankert hatte, vorbeischob und, da er in der neben dem Haustor lehnenden Gestalt den Spinat-Emil wiederzuerkennen glaubte, in einiger Entfernung beobachtend stehen blieb.

Wutschka, der seinen ehemaligen Komoschke nicht wiedererkannte, faßte ihn alsbald scharf ins Auge und hielt ihn nach drei Minuten für weidlich verdächtig: die Art, wie er mit dem Rücken gegen die Häuserfront hart am Straßenrand stand, schien ihm den Spitzel zu verraten. Wutschka pendelte sich langsam heran, bog von hinten her noch langsamer nach vorn und blickte im Vorbeigehen mit sozusagen frechem Freimut dem Unbekannten ins Gesicht: war es ein Spitzel, so würde er seinem Blick ausweichen und den Platz wechseln; war es keiner, so würde er neugierig werden oder herausfordernd.

Japoll wurde weder das eine noch das andere: er hatte beim Anblick von Wutschkas samtnem Auge sofort jeden Zweifel verloren. »Mensch, Spinat-Emil, wo kommste herjetürmt?« Dabei hieb er ihm beide Hände auf die Schultern.

Wutschka zuckte unwillkürlich zusammen: bloß die Stimme war ihm bekannt vorgekommen. »Irren Se sich nich?« schnappte er heiser.

»Mach man keene Kinkerlitzchen!« Japoll schüttelte ihn, daß ihm der Hut aufs Ohr rutschte. »Kiek mia mal vasuchsweese in die Fresse und wenn de dann noch son dumm Jesichte uffziehst, denn wer ik dennem mies jewordnen Jedächtnis mit unvaöffentlichte Memoiren uff die Beene helfen, Junge.«

Wutschka lächelte jetzt. ›Unveröffentlichte Memoiren?‹ Das konnte nur einer sein: »Nonnen-Japoll, natierlich! Wenn de dia 55 sämtliche Jesichtshaare abjemacht hast, wie soll ik dia dann . . .« Er nahm sich die störenden Hände von den Schultern und drückte sie warm.

»Eisern!« murrte Japoll.

»Eisern!« sang Wutschka.

Beide lachten und schüttelten einander immer fester die Hände, bis Wutschka ächzte: »Laß mia los, ik jloobs dia ja!«

Japoll nahm ihn in den Arm und zog ihn weiter.

»Und jetzt jehn wa bei die Acker-Käthe, enorme Reste, und sajen juten Tach.«

»Mies is se.« Wutschka kannte seinen Japoll. »Un der Kamm liecht uff der Butta.«

»Kennste det elfte Jebot nich? De sollst nich triezen. Also, Emil, trieze nich!« Japoll preßte Wutschkas Arm fest an sich.

Der aber riß sich mit einer geschmeidigen Bewegung ganz unerwartet los. »Nee, meen Jutester, die alten Zicken hab ik dicke. Ik bin hia, um zu tingeln, um mia meen Brot honett . . .«

Japoll gab ihm einen Schlag ins Genick, daß er nach vorn taumelte. »Den alten Senf mit det Damen-Imitatieren, den kannste een andern iebers Haupt schmieren. De willst woll ne längere Sache ziehn und mechste nich bei jesehn sin. Ooch von dein Freinden nich. Det is een scheena Zuch von dia.« Er spuckte ihm vor die Füße.

Wutschka wollte ihn nicht zum Feind haben. »Kannst ja jlooben wat de willst. Aba weeßte denn nich mehr, det se mia det letzte Mal schon heftich belaichtet ham, Nonnen-Japoll?«

»Zwee Jahre uff Vajniejungsreise jewesen«, gackerte Japoll geringschätzig, »und imma noch sone Sorjen?« Plötzlich blieb er, sich verdüsternd, stehen. »Spinat-Emil, du bist erkannt! Wat haste denn vorhin unterm Haustor jestanden? Ik werde et dia sajen: denne eijene Schmiere haste jestanden! Und wat haste da um mia herum jetreten? Denne Sorjen haste jetreten! Mensch, Spinat-Emil, nu sache mia nur noch, dette nich tingeln kannst, weil de Lampenfieber hast.«

Wutschka ging rascher. Er schämte sich.

Japoll ahnte es und erwischte ihn am Ärmel. »Een scheenet Stick Jelde is zu vadien. Kannste dia die Sache ja mal vorlejen lassen.«

Wutschkas Achseln zuckten schwach.

Und nach zehn Minuten stand er vor der Acker-Käthe, die ihn mit einem Jubelschrei auf ihre oberschenkelähnlichen Arme nahm, brüllend im Kreise schwang und schließlich atemlos sich auf den Schoß setzte.

56 Japoll sah gerührt zu.

»Kitz-kitz-kitz-kitz-kitz-kitz!« Die Acker-Käthe quetschte Wutschkas Kopf in ihren immensen Busen hinein, so daß er fast den Atem verlor, und küßte ihn mit ihren wulstigen Lippen schmatzend auf die kleine runde Glatze.

Wutschka, dessen Kräfte die der Acker-Käthe keineswegs überstiegen, stieß und stemmte vergeblich, zwischendurch krächzend: »Käthe, jib Frieden! Laß mia Luft! Ik kann nich mehr!«

»Noch scheener! Er kann nich mehr!« Die Acker-Käthe johlte nur so. Ihr Mieder krachte. »Fier mia biste nich schwul. Nich wat schwarz untern Fingernajel jeht. Nee, biste nich. De willst dia nur dennen Vaflichtungen jejenieber dennen Freindinnen hintaziehn, nischt weiter . . . Er kann nich mehr! Jleich sachste det Jejenteil!« Sie leckte mit der ganzen Zunge ihm breit über die Glatze.

»Sachste et eben«, begütigte Japoll vergnügt, »und machste det Jejenteil!«

Wutschka rang nach Luft. Es hörte sich so besorgniserregend an, daß Japoll es für rätlich hielt, einzuschreiten. Er eilte herzu und versetzte der Acker-Käthe ein wohlgezieltes Kopfstück, so daß ihr Glasauge heraussprang, auf die Diele polterte und schmollend unter den Schrank rollte.

Im Nu lag Wutschka auf dem Boden.

Japoll verschanzte sich hinter dem Tisch vor den zu gewärtigenden Racheakten der Acker-Käthe, die jedoch, durchaus nur an ihre Verunstaltung denkend, auf den Knien vor den Schrank rutschte und mit ihren nackten Armen vergeblich nach dem verlorenen Körperteil fischte.

Als sie ihn, nach mühseligen Unternehmungen, endlich zutage gefördert hatte, war sie so glücklich, daß sie sofort Frieden schloß. »Nu is aba Schluß!« Sie säuberte das Glasauge an ihrem Unterrock, speichelte es sorgsam ein und setzte es mit einem geübten Griff in seine Höhle zurück. »Und nu wolln wa vaninftich sin. Da, setzts aich uff det Kanapee! Ik jeh Kaffee machen.«

Als sie nach einer Viertelstunde mit der Kaffeekanne erschien, waren Wutschka und Japoll wieder gute Freunde geworden und bereits übereingekommen, geschlossen gegen die Acker-Käthe zusammenzustehen.

»So. Da wärn wa.« Die Acker-Käthe, selbstbewußt ihren überreifen Hintern schwingend, stampfte an den Tisch heran.

»Det erinnat mia imma an meene Kindazeit«, meinte Japoll schwermütig.

57 »Wat is los?« Die Acker-Käthe schenkte hoch im Bogen ein, so daß es mächtig in den Tassen pritschelte.

Japoll sabberte: »Eenmal, weil de wie ne Amme daherwackelst. Zweemal, weil de so juchendliche Jeraische machst.«

Wutschka lachte geniert. »Sehr jut. Is sehr jut.«

Die Acker-Käthe, ihrer Beschäftigung hingegeben, hatte glücklicher Weise nicht sonderlich aufgepaßt. Jetzt setzte sie sich, wohlig schnaufend. »Und nu jieß mal, Emil! Und dann zeichste, wat de hast.«

Wutschka trank und schwieg.

Japoll sekundierte ihm im voraus. »Nischt zu zeigen. Spinat-Emil is hia, um sich mit dia jesund zu machen.«

»Ausjefallne Ideen, was er hat!« Die Acker-Käthe knurrte mit der Stirn und tunkte sich eine Schrippe ein.

»Saje ik ooch.« Japoll kratzte sich den furunkelbesäten Nacken. »Aba krank mechte er sich mit dia ooch nich machen.«

»Wat?« Die Acker-Käthe, die derartige Späße nun schon gar nicht schätzte, biß drohend ihre tropfende Schrippe zu Ende. »Wat orjelste da, du fauler Stubben?«

»Keene Uffrechung nich«, beschwichtigte Wutschka ängstlich und zog, mit einem matten Blick auf den schadenfroh grinsenden Japoll, ein langes Frauenhaar aus seinem Kaffee. »Die Acker-Käthe und ich, wia ham alle zwee beede dieselben Kindakrankheeten hinta uns. Nischt mehr zu machen.«

»Stimmt uffs Haar.« Japoll lenkte hierauf, wichtig das Kinn hebend, in nützlichere Bahnen. »Käthe, haste nich vorvorjestern von ner dollen Sache jetönt?«

»Hab ik.« In pfeifenden Schlucken schlürfte die Acker-Käthe ihre Tasse leer. »Hat sich aba ausjetönt! Een leerer Sack steht nich.«

»Eenmal sitzte, Käthe. Und zweemal biste weißjott nich leer.« Japoll hustete ironisch.

»Haste noch Kaffee?« fragte Wutschka, um ihr zu schmeicheln, aber im verfehltesten Moment.

»Waren meene letzten Bohn.« Mit ihrem noch funktionierenden Auge schielte die Acker-Käthe trübselig nach dem stabilen Glasauge. »Ik bin pleite. Und ihr? Jloobt ihr denn, ik jloobe, det Spinat-Emil nischt hat? Zwee Jahre hat man 'n nich jesehn. Und is er nich unta uns een Schottenfeller, wies keen zweiten nich jibt? . . . Halt die Fresse! Bei mia nich!« Sie machte, die gesteifte rechte Hand vor ihre linke Busenwarze haltend, allem Anschein nach Ernst.

58 »Damen-Imitator is er jetzt«, versuchte Japoll die Situation zu jovialisieren.

Der Acker-Käthe riß die Geduld. »Entweder Spinat-Emil jibt mich wat«, trompetete sie, »oder entweder ik such mia andere Laite.«

»Oder entweder«, wiederholte Wutschka heiter, sank aber angesichts der aufflammenden Wangen der Acker-Käthe ernüchtert ins Kanapee zurück. Dann stotterte er: »Weeßte denn nich mehr, det se mia hia schon belaichtet ham? In Posen habe ik mia man bloß bei die Frida ausjeruht. Jeh du mal nach hin und zieh nen Finken bei die leeren Läden. Vollkomm ausjeschlossen. Un denn hat Posen den Fehler, det ik dort jeboren bin. Iebrigens mechte ik jar nich. Ik muß erst wissen, ob ik Lampen habe. Sonst is nischt zu wollen mit mia. Nu weeßte et.«

Acker-Käthes Züge wurden miteins höchst gewissenhaft. »Fier Lampenfieber warste imma schon bekannt. Aba wenn de wirklich Lampen hast, denn is et schon besser . . .«

»Wat is besser?« eiferte Japoll wütend. »Nischt is besser! Kennste denn Spinat-Emil nich? Der Nebbich hat doch Lampenfieber, wenn in die janze Straße keen Pflasterstein een andern erkennt. Een Scheißjeher is er. Nischt weiter.«

Die Acker-Käthe hob verzichtend eine Schulter und zog die Lippen krumm. »Nu scheen. Denn eben nich.« Sie erhob sich schwerfällig, räumte den Tisch ab und trug das Geschirr hinaus.

Japoll saß sekundenlang zornig abgewandt da. Schließlich begann er brummend: »Mit die Käthe kennte man wat janz wat Wildes ziehn, wenn de nich imma wieda mit denne saubleeden Lampen . . .«

Die Acker-Käthe stieß die Tür auf. »Nu heert mer schon endlich uff mit die janze Belaichtung! Sonst sitzen wia noch wirklich eenes scheenen Taches im Finstern.« Sie knöpfte sich die Bluse auf.

»Wat is los, Käthe?« Japolls kleine rot unterlaufene Äuglein zitterten, gewissen Befürchtungen anheimgefallen. »Jehste wech?«

»Natierlich. Achte is. Mia schenkt ooch keener wat, wenn ik die Promenade versaime.« Die Acker-Käthe stand mit einem Mal nackt im Zimmer. Ihr Bauch, den die schlaffen Brüste berührten, war aufgedunsen und dunkelbraun. Ihre roten Seidenstrümpfe mit den knallgelben Strumpfbändern, hinter denen das Schenkelfleisch hervorquoll, leuchteten obszön.

»Um achte?« Japoll schlug mit der Hand auf das wachstuchüberzogene Kanapee, daß es knallte. »Det wirste mia erzähln! Nich mal een Jeneraldirektor is da uff die Straße. Du jehst zu Arthur, saje ik dia.«

59 »Det merke ik, dette et mia sachst.« Die Acker-Käthe unterzog sich langwierigen Waschungen.

Japoll hielt es für hoch an der Zeit, ins Reine zu kommen. Er sprang entschlossen auf. »De willst die Sache mit deim Arthur ziehn. Aba jibts nich. Mit uns wird jezochn. Du un ik, wia ham det Ding ausjeknofelt und wia wern et ooch in Stall bring. Und wat Spinat-Emil is, so wird er! Sach, Emil, dette wirst!« Er hob beschwörend beide Hände.

Wutschka, der sich gegenüber dieser Tatenlust sehr waschlappig vorkam, rieb seine bläulichen Bartstoppeln, setzte aber trotzdem ein außerordentlich bereites Gesicht auf. »Jut is. Ik werde. Lampen hin, Lampen her. Und ik muß ja schließlich ooch bei meene janze Finanzlaje.«

»Eisern!« murrte Japoll.

»Eisern!« sang Wutschka.

»Blech!« machte die Acker-Käthe stoisch. »Ihr seids mia keene Freinde nich. Jefällt mia nich mehr.« Während sie mit einem Arm in ein hellgrünes Spitzenhemd fuhr, streckte sich ihr Körper, eine einzige herrliche Häßlichkeit.

Wutschka stand spontan auf, ging hin zu ihr und drückte ihr einen langen festen Kuß auf die Hüfte.

Die Acker-Käthe hielt verwundert inne, lächelte dann schmierig und quirlte Wutschkas Kopf, die Finger in seinen Ohren.

Japoll riß die Augen auf und schlich aus dem Zimmer . . .

Nachdem er etwa eine Viertelstunde an der Tür gehorcht hatte, kam er zurück, da er sicher war, nicht mehr zu stören.

Die Acker-Käthe zog sich eilig an. »Machts aich fertich!«

Japoll suchte vergnügt nach seiner Mütze und vermied es geflissentlich, Wutschkas linkes Handgelenk zu sehen, allwo sich plötzlich ein schmales Armband aus Glaskorallen befand.

Als die drei kurz darauf die steile Treppe hinabstiegen, begegneten sie zwei Männern und, als sie den Hausflur passierten, einer alten Frau.

»Käthe, ik jloobe, wia ham Lampen im Haus«, raunte Wutschka auf der Straße ängstlich.

Die Acker-Käthe packte ihn im Genick und zischte: »Noch een Wort und ik vahau dia janz iebel, meen kleenet Hindchen. Det hat sich jetzt ausjefiebert mit die Lampen.« 60

 

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