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Der Pfeiferkönig

Meinrad Lienert: Der Pfeiferkönig - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Pfeiferkönig
authorMeinrad Lienert
firstpub1909
year1909
publisherH. R. Sauerländer & Co.
addressAarau
titleDer Pfeiferkönig
created20051017
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Achtel Kapitel.

Im Baumgarten der Äbtissin.

Auf der Schattenburg bei Feldkirch waren zu den großen Trauerfeierlichkeiten alle Verwandten des verstorbenen Grafen Friedrich VII. von Toggenburg nach und nach eingetroffen.

Sie und in erster Linie die verwitwete Gräfin Elisabeth, die sich auf mündliche Äußerungen des Verstorbenen berief, machten Ansprüche an die reiche gräfliche Verlassenschaft an Festen und Ländern. Es fanden sich da ein die Herren von Mätsch, der Gräfin Leute, von Raron, Montfort, Brandis, Monsax und andere. Und bald genug zankten sie sich mit der Gräfin um die von ihr einstweilen übernommene Herrschaft.

Um diese Zeit erschien auch die Fürstäbtissin von Zürich auf der Schattenburg, um gegen Bürgermeister Stüssi zu intriguieren. Dieser war bald nach ihr verritten, als er vernahm, wohin ihre Seefahrt ging. »Jetzt ist's Zeit, daß Ihr reitet,« sagte der Stadtschreiber Graf zu ihm, »sonst jagt uns die Füchsin den Hasen in die unrechte Küche.«

Bald befand sich Stüssi im Gaster, einem Land des verstorbenen Grafen und suchte die Landleute ohne weiteres zu veranlassen, Zürich zu huldigen, da die Stadt nun, nach des Grafen zürcherischem Burgrecht und Versprechungen, dieses verpfändete Gebiet, wie noch anderes, einlösen könne. Aber dort ward ihm die Huldigung verweigert und im Herbst des gleichen Jahres wurden die seinerzeit von Österreich an den Grafen verpfändeten Herrschaften, dessen Herzog von der Gräfin Elisabeth, mit Einverständnis der Verwandten, zurückgegeben. Damit war Stüssi vom Herzog von Österreich in diesen Landen aus dem Feld geschlagen.

Von da an beobachtete der Bürgermeister die heimgekehrte Herrin am Fraumünster mit immer mißtrauischeren Augen, denn, sagte er sich, sie werde kaum zu ihrem Vergnügen oder aus bloßer Anteilnahme an der Trauer der Gräfin, nach der langweiligen Schattenburg geritten sein. Und sein Mißtrauen ward noch gesteigert, als man ihm zu wissen tat, wie ungewöhnlich fleißig die Äbtissin ihren Hoffidler, den Pfeiferkönig, gen Einsiedeln in das Schwyzergebiet schicke. Aber da sie ihrem warnenden Ammann bedeutete, ihr Spielmann geleite als ehemaliger Mann jenes Gotteshauses, nur ihre Flachs- und Reistensendungen nach der Waldstatt, wo sie weben lasse, durfte man ihr laut nicht zuviel nachreden. Doch erhielt sich in der Stadt das Gerücht, der Pfeiferkönig wandere über Einsiedeln bald nach Schwyz an die Kilchgaß, bald nach Glarus und an aller Herren Höfe. »Was er von der Fraumünsterabtei fortträgt, ist allweg nicht immer nur gesponnener Flachs,« meinte der Stadtschreiber, »sondern eher sind's gesponnene Netze, um darin die Zürcher abzufangen, wenn sie auf's Erben ausgehen.«

Wirklich schienen Anna von Hewens unablässige Bemühungen und Ränke aller Art dahin zu gehen, die Gräfin Elisabeth, wie es ihr mit den übrigen Erben des Grafen gelang, – auch noch zu Gunsten von Schwyz zu stimmen. Denn nun hatte sie sich an Schwyz herangemacht, um diesen einzigen tatkräftigen Erben nach Österreich, zum äußersten Widerstande gegen Zürich aufzuhetzen. Dies gelang um so leichter, als Ital Reding, der Schwyzer Landammann, auf die stets zunehmende Herrlichkeit Zürichs und die Macht seines Bürgermeisters eifersüchtig war und alles einzusetzen anfing, um auf Zürichs Kosten sein Land zu mehren und dem übelgelittenen Gegner Stüssi die saftige Beute vor dem Munde wegzuschnappen. Denn als nun die Gräfin Elisabeth zwischen Zürich und Schwyz hin- und herzuschwanken begann und Stüssi, hartköpfig, wie er war, von einem Ausgleich mit Schwyz nichts wissen wollte und die beanspruchten Talschaften des Toggenburgers zum Huldigungseid ausrief, kamen ihm die Schwyzer mit dem verbündeten Glarus zuvor. Es gelang ihnen, mit den zaudernden Völkerschaften des Toggenburgs auf einer Landsgemeinde zu Wattwil ein ewiges Landrecht einzugehen und zwar nur wenige Stunden bevor auch Stüssi zur Abnahme des Huldigungseides im Toggenburg erschien.

Da ergrimmte der heftige Stüssi und schwor laut darauf, er sei nur deswegen zu spät ins Toggenburg gekommen, weil der Führer der Schwyzer von der Abtei am Fraumünster aus zu früh Wind bekommen habe.

Jetzt begann er die Äbtissin wahrhaft inbrünstig zu hassen, aber auch zu fürchten, denn er wußte wohl, wie die stolze und kluge Frau von ihm und seiner Volksherrschaft dachte und was sie zu seinen Gegnern trieb.

Zu gerne hätte er ihre Wühlereien gegen seine Politik aufgedeckt, aber ihr schlauer Kundschafter vereitelte alle derartigen Bemühungen. Ein Anschlag, den Pfeiferkönig einmal bei einer Wanderfahrt aus dem Wollishofertörlein von einigen vermummten Schwertlern z. Schneggen in einem Hohlweg überfallen zu lassen, um ihm seine Botschaften abzufangen, mißlang, da sich schon bei seinem Austritt aus der Stadt allerlei verdächtige Gesellen zu ihm schlichen und ihn wie eine Leibwache umgaben. Und weil die Schildner mit diesen geringen Leuten keinen Kampf eingehen, noch sich erkennen lassen mochten, blieb er unbehelligt.

Bald darnach ließ Bürgermeister Rudolf Stüssi seine Leute in Waffen an die Grenzen der streitigen Landschaften ausziehen. Nun rückten auch die Schwyzer mit ihrem Banner aus und besetzten ein Städtlein jenes Gebietes.

Anna von Hewen, die mit Sehnsucht den Krieg zwischen Zürich und Schwyz herbeiwünschte, jubelte aber zu früh. Die andern Stände der Eidgenossenschaft suchten zu vermitteln. Sie rieten den Parteien, Zürich und Schwyz möchten die von ihnen beanspruchten Gebiete des Toggenburgers gemeinsam übernehmen. Aber Stüssis Feuerkopf wollte davon nichts wissen. Als Antwort sperrte er den Markt gegen Schwyz und Glarus.

Jetzt konnte die Äbtissin am Fraumünster auch keine Gespinnste mehr nach Einsiedeln schicken und nur mit aller List und Unerschrockenheit gelang es dem Pfeiferkönig heimlich aus der Stadt und mit wichtiger mündlicher Botschaft nach Feldkirch auf die Schattenburg zu kommen.

Diese Botschaft aber riet der Gräfin Elisabeth unter anderm, den für sie so lästigen unehelichen Sohn ihres verstorbenen Herrn nach Schwyz schaffen zu lassen und diesen, Hans von Toggenburg genannten Burschen, dort, fern genug von ihr, als Landmann aufnehmen zu lassen. Dies und anderes gefiel der bedrängten und der ewigen Plakereien müden Gräfin so gut, daß sie bald darnach den natürlichen Sohn des Grafen nach Schwyz sandte und mit ihm, gleichsam als Einkauf, die Mitteilung, daß sie im Einverständnis mit ihren Verwandten für sich und ihre Länder mit Schwyz und Glarus ein ewiges Landrecht eingehe.

Jetzt waren Schwyz und Glarus tatsächlich Eigentümer der beanspruchten toggenburgischen Länder.

Das war für Zürich und seinen mächtigen Bürgermeister eine gewaltige Niederlage. Beim Abendtrunk auf dem Schneggen ließ der gereizte Stüssi deutlich durchblicken, daß er der Frau an der Abtei die Schuld an diesem Abkommen beimaß. Allein zu laut durfte er auch jetzt nicht werden, denn als man ihren Spielmann eines Tages außerhalb der Stadt doch abfing, fand man keinerlei Botschaft auf ihm. Und zudem zieh ihn Bürgermeister Meiß, der unablässig in der Ratsstube mit seinen Parteigängern für einen gütlichen Vergleich mit Schwyz eintrat, der bösen lügenhaften Nachrede, als er Anna von Hewen als Verräterin verdächtig zu machen suchte.

Aber nach längerer Zeit, als der Schaden den Zürich erlitten, von der Bürgerschaft so recht erfaßt wurde, mußten alle Gegner Stüssis verstummen. Eine wahre Wut packte das Volk. Rudolf Stüssi und sein sog. böser Geist, der Stadtschreiber Graf, hetzten und schürten. Vergeblich setzten die andern Eidgenossen Vermittlungstage an, umsonst wagte Rudolf Meiß im Rate für die Vermittlungsvorschläge der Eidgenossen einzustehen und von einem gefährlichen Bruderkriege in fast anklagender Rede abzumahnen. Er mußte zuletzt schweigen, man schwang drohend die Fäuste gegen ihn. Und als er das Rathaus verließ, rief ihm ein betrunkener Schwertler aus dem Schneggen zu: »Herr Ritter, wenn Ihr für meiner lieben gnädigen Frauen Kindlein einen Pathen sucht, so wüßte ich Euch keinen, der es williger wäre, als der Hirtenkönig in Schwyz, der Ital Reding.« Ein wildes Auflachen hallte ihm nach.

Von dieser Zeit an ward Herr Meiß nie mehr recht heiter. Auf seine schöne Stirne begann allmählich die Schwermut ihre Schatten zu legen. Aber Anna von Hewen suchte ihn immer wieder aufzurichten. Sie liebte ihn und gedachte, ihn doch noch für ihre Absichten zu gewinnen, denn er und die alten Geschlechter sahen mit Bangen, wie die übermächtig gewordene Demagogenherrschaft Stüssis und Grafs zum Bruche mit der ganzen Eidgenossenschaft trieb. Der Krieg mit Schwyz war unvermeidlich und er kam dann auch plötzlich zum Ausbruch.

Nach einer kleinen Schlappe der Zürcher am Etzelberge ging die Stadt zwar, zum Schrecken der Äbtissin am Münster, einen Waffenstillstand ein. Aber als der heftige Rudolf Stüssi auch jetzt wieder alle Vermittlungsversuche der übrigen eidgenössischen Orte fast verhöhnte, nahmen die Schwyzer den Kampf neuerdings auf.

Da rückte der Bürgermeister von Zürich mit Macht aus, um von dem klösterlichen Speicherturm zu Pfäffikon aus ins Land der Schwyzer einzubrechen. Er hoffte auf die Neutralität der höhnisch zurückgewiesenen Eidgenossen und glaubte in diesem Falle mit seinen sechstausend Mann die Schwyzer erdrücken zu können.

Es war einige Jahre nach dem Spielmannstag, im Spätherbste des Jahres 1440, als die Zürcher Fahne nach Pfäffikon ausrückte.

Voll heimlicher Angst hatte Anna von Hewen in jenen Tagen ihren getreuen Kundschafter ausgesandt, die Gegner zu beobachten und ihr sobald als möglich Bericht zu bringen. Der Sieg Stüssis müßte auch für sie eine Niederlage bedeuten. Sie hatte für diesen Fall sogar die Flucht im Auge. Doch ging sie gewohnterweise ihrer Wege und war sorglich bemüht, ihre schweren Gedanken niemand merken zu lassen.

Es war ein wundervoller Nachmittag im Spätherbst.

Das Tor des Früchtehauses der Abtei stand offen. Die Klosterknechte hatten eben die letzten Zehnten an Kernen und Haber und einige andere Gefälle an trockenen und nassen Früchten von des Gotteshauses Dinghöfen untergebracht, denn es war anfangs Wintermonat.

Unter der dämmerigen Vorhalle mit den drei mächtigen Säulen stand noch ein gewaltiger Korb voll goldener Usteräpfel von Egg ob dem Greifensee. Und daneben ein umfangreicher Korb voll Walnüsse aus dem Tale von Schwyz. Daran reihte sich noch ein stattlicher Korb voll kleiner, tiefblauer Trauben, ein Geschenk des neuen Abtes Rudolf von Monsax von Einsiedeln, ab seinem Weinberge zu Freienbach.

Eben waren die Mägde der Abtei damit beschäftigt, die schönen Früchte in kleinen Meßkörben ins Vorratshaus zu tragen und da zu versorgen.

Anna von Hewen half selber mit. Sie wäre aber kaum aus den andern als die Äbtissin zu erkennen gewesen, denn sie trug ein Gewand von großer Einfachheit. Aber die goldene Welle ihrer Haare und vor allem die entblößten Arme und der weiße, von einem goldenen Kettlein umschlungene Hals, verrieten sie. Er gab jetzt einen rosigen Schein.

Mit den Mägden um die Wette, trug sie ihr volles Körbchen ins geräumige Vorratshaus, hin und wieder im Vorbeistreifen ein Träubchen pickend oder mit ihren lachenden Zähnen eine Nuß knackend, wobei sie glühendrot wurde, wollte sich ein Nüßlein nicht gleich aufbeißen lassen.

Vor dem Früchtehaus, über dem Baumgarten, worin der Wachtturm der Äbtissin im Mauerring der Stadt stand, schien die milde Spätherbstsonne.

Die meisten der hohen, weitauslangenden Nußbäume und die krausen Äpfelbäume trugen noch ihre welkenden Blätter, aber ihre Laubkronen waren nicht mehr undurchdringlich. In ihren Schatten zitterten schon, wie goldflüglige Falter, die Sonnenstrahlen. War es aber einen Augenblick windstill, erschienen die Schatten der Bäume mit goldfarbenen Laubblättern gesprenkelt und hin und wieder geriet eine Ameise, verwundert die winzigen Fühler hebend, in den zitternden Goldstaub dieser Strahlentapfen. Die singenden Gartenmücken aber versammelten sich ob den glänzenden Tanzplätzchen und ließen sich in sorgenlosem Tanze die feinen Flügelchen durchleuchten, also daß auch das geringste schöner anzusehen war, als das größte buntfarbige Kirchenfenster.

Unter den Bäumen war ein lautes, frohes Treiben. Die Tischtöchter der Abtei tanzten Ringelreihen und sangen mit hellen Stimmen:

Frau Königin schlief unterm Baum.
Titilatileia!
Da hatt' sie einen schönen Traum.
Titilatilo.

Ihr träumt' von einem braunen Knab.
Titilatileia!
Der stieg zu ihr vom Baum herab.
Titilatilo.

Er herzte sie im grünen Gras.
Titilatileia!
Der König bei dem Weine saß.
Titilatilo.

Und als die Glocke Zwölfe schlug,
Titilatileia!
Da hat der König doch genug.
Titilatilo.

Frau Königin zum Schlosse ging.
Titilatileia!
Wo hast du meinen gold'nen Ring?
Titilatilo.

Und als du bei dem Weine warst, –
Titilatileia!
Da schlief ich ein im grünen Gras.
Titilatilo.

Und als du saßest bei dem Wein, –
Titilatileia!
Holt' ihn vom Baum ein Vögelein.
Titilatilo.

Dann lachten sie übermütig auf und rief eine: »Fang mich, fang mich!« Und in atemloser Hast wirbelten sie um die Baumstämme.

»Du bist's!« schrie die jüngere Elsbeth von Wißenburg und klopfte Anna von Thengen auf die Schulter: »Nein du!« lachte diese auf und tätschelte die ältere Elsbeth blitzgeschwind auf den Rücken. »Nein du!« machte diese und faßte die kleine Verena von Monsax im flatternden Haarschopf. Ein gellender Aufschrei, die andern stoben von ihr weg und umtanzten sie neckend.

»Was gibt's denn?« rief die Äbtissin aus der Vorhalle des Früchtehauses.

»Ach, sie haben mich so im Haar gerissen,« gab Verena zurück und begann ihre etwas zerzauste, dunkle Haarwelle in Ordnung zu bringen, dabei ließ sie aber ihre schalkhaften, warmen Augen aufmerksam rundum gehen. Und wie ihr die jüngere Elsbeth nahe genug schien, haschte sie nach ihr, und da ihr der Griff mißlang, jagten sie beide auf die offene Türe des Hauses der Äbtissin zu.

Flink, wie ein Füchslein in die Grube, schoß die jüngere Elsbeth in den Klostergang hinein, die schwere Türe hinter sich zuschmetternd. Eine Weile versuchte Verena sie aufzudrücken, sie schien aber verriegelt und gab nicht nach.

Es wird ihr im dunkeln Gang schon verleiden, dachte die kleine Monsax und drückte sich nebenher an die Mauer, mit Sperberäuglein nach der Türe guckend.

Schon wollte ihr das Postenstehen zu langweilig werden, um so mehr, als sie die beiden andern Gespielinnen wieder zu umhüpfen begannen. Aber plötzlich horchte sie auf und stand bolzgrad, sprungfertig und mit weitausgebreiteten Armen da.

Die Türfalle klinkte, jetzt ging die Türe und: »Heilige sankt Regula!« schrie er auf, – die kleine Monsax hatte für einen Augenblick Ulmann, den Pfeiferkönig, umarmt.

Ein tolles Auflachen war im Hofe und kichernd sprang nun auch die jüngere Elsbeth an ihr vorbei aus dem Gang, sie im Vorbeihuschen am dunkeln Schopf zupfend. »Fang' mich, fang' mich!«

Aber in unsäglicher Verwirrung stand Verena da, blutrot über und über, die Arme noch halbwegs ausgebreitet.

»Vergebt, mein Fräulein!« sagte jetzt mit etwas verlegenem Lächeln Ulmann. »Ihr seid diesmal an den Unrechten gekommen. Und,« setzte er bei, »eigentlich doch nicht, denn ich habe Euch viele herzliche Grüße von Euerm Verwandten Abt Rudolf, meinem neuen Herrn von Einsiedeln. Ich traf ihn in seinem Speicher zu Pfäffikon. Und nun könnt Ihr mir vielleicht sagen, wo meiner Frauen Gnad sich befindet.«

Verena vermochte nicht sogleich zu antworten und erstaunend sah Ulmann ihre Augen voll Tränen stehen.

»Sollte ich Euch weh getan haben?«

»Nein, nein,« machte sie jetzt halblaut und zeigte rasch nach dem Früchtehaus. »Schaut, dort ist unsere Frau Mutter!«

Nun wurde Verena von ihren verwunderten Gespielinnen umringt. Sie wollten durchaus wissen, was sie auf einmal habe und warum sie wegen einer solchen Kleinigkeit, wie dieser Mißgriff es war, weine.

Ulmann aber schritt hurtig auf das Früchtehaus zu, die Äbtissin zu suchen.

Doch diese hatte ihn schon gesehen, denn sie war Zeuge der uufreiwilligen Umarmung bei der Türe des Gebäudes der Äbtissin.

»Hier bin ich!« rief sie Ulmann zu. »Beeil' dich, beeil' dich!«

Mit flinker Hand hatte sie ihr Haar geordnet, den Rock ein paarmal tüchtig geschüttelt, ein welkes Apfelläubchen vom Busen gelesen und begann jetzt, nicht allzu eilig, ihre zurückgestülpten Ärmel nach vorne zu ziehen.

Mit welcher Sehnsucht hatte sie ihres Kundschafters geharrt! Sie meinte, den Abend nicht erleben zu können, so peinigte sie das Verlangen zu wissen, was Stüssis kriegerischer Auszug gegen die Schwyzer für einen Ausgang genommen. Um sich den Tag nach bestem Vermögen zu verkürzen, hatte sie sich daher beim Früchtehaus zu schaffen gemacht und von Zeit zu Zeit für den Sieg ihrer Freunde gebetet. Und nun kam endlich ihr heißersehnter Kundschafter. Jetzt aber begann sie zu zittern und wünschte fast den getreuen Boten wieder über alle Berge, denn sie fürchtete seinen Bericht. Was hing für ihre Pläne nicht alles von dieser Botschaft ab, von Stüssis Sieg, von Stüssis Niederlage.

Wie er aber näher kam, begannen ihre Augen gierig nach ihm zu angeln und zu zangeln und suchten herauszuziehen, was er unter seiner ruhigen Miene verbarg.

»Willkommen, mein Freund, willkommen!«

»Gott zum Gruß, gnädige Frau!«

Jetzt stand er bei ihr.

»Was bringst du mir?« fragte sie in leiser Hast.

»Gute und wichtige Botschaft.«

Das Vesperglöcklein läutete.

»Kinder!« rief die Äbtissin in den Baumgarten. »Es läutet zur Vesper. Geht, geht, mit dem Magister die Vesper zu singen!«

Sogleich, aber langsam, Verena von Monsax in der Mitte, machten sich die Fräulein in die Abtei.

Anna von Hewen aber hatte auch die Mägde weggeschickt und dann ihren Kundschafter unter die dämmerige Vorhalle gezogen.

»Jetzt sind wir allein. Und nun erzähle, erzähle! Gute Nachrichten, sagst du? Ich sterbe vor Neugier. So rück' doch aus, rück' aus!«

»Ja, meiner Frauen Gnad, lauter gute Botschaft,« machte er. »Ihr wißt, daß Bürgermeister Stüssi mit einer ganzen Flotte von Kriegsnauen den See hinauffuhr. Zu Pfäffikon beim festen Speicher landete er. Er gedachte dort die nahenden Schwyzer zu erwarten. Er meinte, es nur mit ihnen wagen zu müssen. Ich saß im Speicherturm bei dem alten Spichwart und sah ihn landen.« Der Spielmann atmete schwer auf und fuhr sich über den verschwitzten Kopf. »Verzeiht, ich habe mich etwas beeilt.«

»O ja, verschnauf' dich ein bißchen, lieber Freund! Ich habe das in meiner Aufregung gar nicht beachtet,« sprach sie und strich ihm mit ruhiger Hand die braunen Locken aus der feuchten Stirne zurück.

»Da auf einmal,« fuhr er blutrot weiter, »kamen aus dem Lager der Eidgenossen von Uri, Unterwalden, Luzern und Zug Boten in das zürcherische Lager und meldeten, daß sich ihre Leute, nachdem Bürgermeister Stüssi jeden wohlgemeinten Schiedsspruch mit den Waffen in der Hand mißachte und verhöhne, auf Seite der Schwyzer geschlagen hätten. Sie lassen Zürich absagen und der Stadt auch ihrerseits Fehde ankündigen.«

Ulmann atmete wieder lange aus. Aber Anna von Hewen erfaßte ungeduldig seine Hände und sie ungestüm pressend, machte sie: »Rede, rede!«

»Da war es, als hätte der Blitz ins Lager geschlagen. Über die Zürcher, die unter sich selber uneins waren, – denn Herr Meiß wollte den Schiedsspruch der Eidgenossen annehmen, – kam ein gewaltiger Schrecken. Und obwohl die Schildner zum Schneggen, die tapfern Schwertler und die Bogenschützen fluchend den Kampf verlangten, schifften sich Stüssi und seine erschrockenen Zünfte und Stadtknechte schnell ein und fuhren mit vollen Segeln, ohne einen Schwertstreich gewagt zu haben, über den See, als fürchteten sie, die Schwyzer und ihre Eidgenossen könnten ihnen wie der Heiland über das Wasser nachlaufen. Sie müssen bald hier sein.«

Stumm, gierig wie ein Hermelin am Hafen, hingen ihre Augen an seinem Munde. Es war, als könnte sie's nicht fassen.

»Bursche, Ulmann, hast du auch recht gesehen?«

»Ja, Euer Frauen Gnad. In wilder Flucht kommen sie den See hinunter.«

»Rudolf Stüssi, der Prahler, Graf, das Tintengifthäfelein von Stockach, die stolzen Schwenden, der dreiste Uli von Lommos, der grobe Hans Asper, sie alle auf der Flucht?! –«

»Ja, sie alle, alle und sechstausend Mann mit ihnen.«

Jetzt ließ sie seine Hände fahren, faltete die ihrigen, blickte aufwärts und sagte halblaut: »Der Himmel will, daß mein Wille geschehe. So helfe mir Gott, daß Hewens Sternlein steige!«

Dann bedeckte sie für einen Augenblick das Gesicht, aber als sie wieder aufschaute, brannten ihre Augen wie blaue Schmidtenfeuerlein, und auf ihrem erhitzten Gesicht leuchtete ein Lächeln und wollte nimmer und nimmer auslöschen.

»Jetzt mag dieser Grillenhans an der Probstei, der Chorherr Hämmerlin, die Schwyzer mit seinem Gänsekiel verspotten und die Stadtweiber mögen ihre Hauben vor den Mund und die Augen binden,« murmelte sie. »Stüssi, der Großhans und sechstausend Zürcher sind vor den Länderbauern davongelaufen, bevor die nur zum Kampf aufgestanden. Welch eine offene Schmach für die ungeschlachten Leineweber und buntriechenden Grempler! Welch ein heimlicher Triumph für die verhaßten Stadtjunker, und gar für mich, für mich!«

Jetzt wandte sie sich plötzlich wieder an den stumm nach ihr staunenden Spielmann, faßte ihn bei beiden Händen, schüttelte sie und sagte, herzlich auflachend: »Du bist wohl totmüde, mein trauter Freund? Hast dich arg abhetzen müssen.« Sie sah sich mit geschwindem Blick ringsum. »Komm', komm', mein vielgetreuer Bote! Ich will dich für's erste ein wenig erlaben.«

Und sie führte ihn an der Hand zu dem Korb mit den kleinen dunkelblauen Trauben.

»Nimm, mein Lieber, nimm!« lud sie mit bezauberndem Lächeln ein und hielt ihm mit zwei Fingern eine Traube vor die Augen: »Schau, wie frisch! Der Duft der Herbstsonne liegt noch auf den Beeren. Und so süß sind sie, so süß, wie, ja wie – nun sag', wie süß denn? So süß wie, so süß . . .«

»Wie die Liebe,« machte er mit zitternden Lippen.

»Ja, ja, du Schalk!« lachte sie. »Das war nicht schwer zu erraten. Nimm, nimm!« Sie schob ihm eine Beere in den Mund. »Also du weißt auch, daß die Liebe süß ist? Ei, ei, wer hat dir's denn gesagt?«

»Das Herz,« machte er.

»Das Herz? – Magst du lieber Nüsse aufbeißen? Da sind welche in Hülle und Fülle. Stopfe dir die Taschen damit voll, mein lieber, rotwangiger Nußknacker! Deswegen gibt's doch Kernenbrot auf Weihnachten. Doch nein, komm', von diesen goldenen Äpfeln sollst du essen.«

Sie nahm ihn wieder bei der Hand und führte ihn zur halbgeleerten großen Äpfelzeine.

»Sind das nicht Goldäpfel?« sagte sie und setzte sich auf eine Seite der Zeine. Aber rasch sprang sie wieder auf, denn der große Korb begann nach ihrer Seite zu hälden und die Äpfel wollten herauskugeln.

»Setz' dich auf die andere Seite, Bursche, dann kann der Korb nicht umleeren.«

So setzten sie sich beide in die Äpfel. Sie griff einen heraus und hielt ihn ihm hin: »Nimm, mein Lieber, nimm!«

Er nahm den Apfel, dankte und schaute mit leuchtenden Augen auf ihr rundes, schneeweißes Handgelenk, denn ein Ärmel war noch immer etwas zurückgestülpt. Er vergaß zu essen.

»Was du für ein scheuer Knabe bist!« sagte sie lächelnd und legte die Äpfel auseinander. Dann wählte sie einen besonders schönen aus, warf ihn wie einen Ball in die Höhe, fing ihn wieder auf, tätschelte ihn allseitig liebevoll und mit einemmale schaute sie Ulmann groß an. Da war ihm wieder, er sehe in ihren Augen das nackte Hexlein hinter einer Kapelle neugierig hervorgucken, wie damals, als er sie das erstemal sah.

Sie hielt ihm den Apfel hart vor die Augen.

»Schau, was das für ein prächtiger Apfel ist! Komm', wir wollen ihn miteinander essen. Wer das erste Kernlein erwischt, darf einen Wunsch tun.«

Sie biß kräftig in den Apfel und dann hielt sie ihm den Mund hin, einen kleinen Bißen zwischen den blinkenden Zähnen und ein Lächeln um die Augen, wie ein Hochsommermorgen um einen blauen See.

»So beiß doch an!«

Bebend vor Glückseligkeit, neigte er sich zu ihr und berührte mit zitternden Lippen den Apfelbissen.

Einen Augenblick schaute sie ihm schier erstaunt ins braune Auge, das ein einsamer Strahl der scheidenden Abendsonne verklärte. Der Apfelbissen fiel aus ihrem Munde.

»Du hast ein Kernlein an der Lippe!« machte sie kichernd. »Nun sag', was wünschest du dir?«

»Küsse mich!«

Da schloß sie ihm den Mund mit einem langen Kusse.

»Jesus, was gibt's denn?!«

Ein lautes Pochen war am Gartentore.

Anna von Hewen war aufgesprungen.

Wieder klopfte es polternd ans Tor. »Macht doch auf, potz Hagel!« lärmte es, »wir haben Eile!« Und nun hämmerte es auf's Gartentor wie auf einen Ambos.

»Welche Frechheit!« machte zornig die Äbtissin. »Wer wagt es denn, unsern Klosterfrieden also zu verbrüllen?! Bleib hier!« befahl sie, als Ulmann Miene machte, ans Tor zu laufen. »Bleib hier hinter den Säulen der Vorhalle. Ich will jetzt nicht, daß man dich sieht. Gehorch!«

Er stellte sich hinter eine der breiten Säulen. Die Äbtissin aber schritt zornrot, aufrechten Ganges, auf das Gartentor zu, im Gehen flink einen Apfelkern vom Munde wischend.

Aus dem Gebäude der Äbtissin kamen schon Ruodi Schultheß, der Zoller und sein Knecht, Stefan Murer, meiner Frauen Pelzmacher und Hans Eigen, meiner Frauen Leibschneider, gelaufen.

Eben hob die Äbtissin eigenhändig den schweren Nachtriegel.

Knarrend ging das Tor auf und ein Ratsknecht plumste in den Garten herein. Aber hinter ihm stand, umgeben von einigen schwerbewaffneten Stadtknechten, des regierenden Bürgermeisters Sohn, Hans Stüssi, in voller Kriegsrüstung. Sein vergoldeter Helm glänzte und gleißte in der Abendsonne wie der Blitz, und sein versilberter Panzer wie ein Nordlicht. An Federn schien er alles auf dem Kopfe zu haben, was im Zürichgau von Pfauen und anderm vornehmem Gevögel aufzutreiben sein mochte. Sein Schwert war fast länger als die Lanzen der Stadtknechte und doppelgriffig. Kurzum, es sah aus, als stände der torhütende Erzengel Raphael an der Pforte.

Einen Moment stand Anna von Hewen stumm vor Überraschung vor dem kriegerischen Aufzug und auch der junge Stüssi und seine Kuechte machten große Augen auf die Äbtissin, die sie zuletzt hinter dem Tore vermuteten. Doch die Verblüffung der Frau dauerte nicht lange.

»Um Gottes und Mariä willen, was fällt Euch denn ein, Herr Stüssi, mir so ins Haus zu fallen? Wollt Ihr mir Fehde ansagen?«

»Vergebt, gnädige Frau!« sagte mit etwas befangenem Lächeln, Hans Stüssi. »Aber ich habe von meinem Vater, der ja der Stadt erster Hauptmann ist, den Befehl, während seiner Abwesenheit alle festen Türme mit ständigen Wachen zu besetzen, weil man nie wisse, was noch werden könne. Und da ich Eile habe, wollte ich die vier Mann für der Äbtissin Turm rasch abgeben, um mit den andern weiter zu kommen.«

»Wie, in den Turm hier in meinem Baumgarten will Euer Herr Vater jetzt Leute legen? Fürchtet ihr schon, die Eidgenossen könnten Euch eines Tages über die Mauern steigen? Nein, mein Herr, das kann ich so ohne weiteres nicht zugeben. Zieht in Gottes Namen nur weiter, ohne Ratsverfügung lasse ich keine Stadtknechte in die Abtei.«

Der junge Stüssi lächelte seltsam und zog seine zierliche Schnurrbartspitze in den Mund.

»Ich habe den Hartmannsturm, den Schrättelisturm, den Augustiner, den Turm im Kratz besetzt, ich werde auch den Turm der Äbtissin besetzen, wie noch alle andern. Für meines Vaters Willen gibt es im Stadtring keine besondern Türme und Mauern, er bricht durch. Also sperrt Euch nicht, gnädige Frau Äbtissin, und gebt Raum!«

»Herr Stüssi, Ihr werdet grob und gebt mir damit das Recht, mit Euch deutlicher zu reden. Gut denn: Hier bin ich Herrin und dulde keinen andern Willen als den meinigen. Mit einem Wort, ich weiche nur einem zwingenden Ratsbeschluß. Habt Ihr ihn?«

»Nein.«

»So geht!«

»Frau Äbtissin, Ihr beleidigt mich und meinen Vater. So lasse ich mich nicht abfertigen.« Und keck sagte er: »Ich muß in den Turm, es ist ein städtischer Turm. Kommt, Gesellen!«

Uuterdessen waren noch andere Klosterleute herbeigeeilt. So Heini Biedermann, der Klosterschaffner, der alte Custos, der Chorherr, mit den Hofkaplänen Lienhart und Etter, auch des Gotteshauses Bäckermeister aus dem goldenen Winkel mit seinen Gesellen. Zu ihnen schlich sich nun auch Ulmann, der Pfeiferkönig, den es hinter der Säule nicht länger litt. Der junge Stüssi hatte ihn wohl bemerkt und ein böses Feuerlein kam in seine Augen.

»Wagt's!« machte eben, glühend vor Zorn, die Äbtissin. »Zwar täte es mich nicht sonderlich wundern, denn die Gräfin von Toggenburg erzählte mir vor nicht allzuferner Zeit recht ausführlich, was zwar die ganze Stadt weiß, wie liebenswert Ihr Euch auf der Schattenburg aufführtet. Seither hatte des seligen Grafen Freundschaft mit unserer Stadt einen Riß.«

»Gehässiger Weiberklatsch,« machte Hans Stüssi kurz und stieß einen der Stadtknechte an: »Rück' vor!«

Wirklich wollte ein alter Stadtknecht an der Äbtissin vorbei gegen den Turm gehen.

Da packte ihn Ulmann und warf ihn also unter die andern Knechte zurück, daß ihm die Sturmhaube vom Kopfe flog und eine leuchtende Glatze zum Vorschein kam.

Laut auf lachten die Gotteshausleute. Auch um die Mundwinkel der Äbtissin zuckte einen Augenblick etwas wie ein Lachen. Sie wandte sich jedoch und winkte ihren Hofkaplänen. Dann ging sie stolzen Ganges davon.

Kreideweiß vor Wut stellte sich Hans Stüssi vor den Pfeiferkönig und sprudelte heraus: »Ei, du heilloser Gutslerhauptmann und Gilerkönig, du willst mir den Weg in die Abtei verlegen?! Freilich,« machte er mit giftigem Lächeln, »du hast ja das erste Anrecht dazu, wenn Herr Meiß nicht da ist. Den andern wird es kaum vergönnt sein, mit meiner schönen gnädigen Frau im Früchtehaus Versteckens zu spielen.«

Die Stadtknechte lachten. Ulmann aber erbleichte und stierte in den Boden.

Das nahm der junge Stüssi für schuldbewußte, demütige Scham. Er lachte auf und setzte bei: »Du vermagst ja alles bei der gnädigen Frau Fürstin und wir wissen wohl, was für saubere Gespinnste sie durch dich nach Einsiedeln zum weben bringen läßt. Aber eines kannst du doch nicht machen: Die Amme von Ritter Meißens Kindlein.«

Ein wieherndes Auflachen.

Aber ein Faustschlag traf Hans Stüssi auf den Helm. Der Pfeiferkönig hatte ihn gewagt.

Fluchend wollten der junge Stüssi und die Stadtknechte über den Spielmann herfallen.

Da stand der Gotteshausammann, Herr Edlibach, der eben aus seiner Amtsstube im Kloster zu arbeiten hatte, mit seinen zwei Rüden vor ihnen. Zuerst herrschte er Ulmann an: »Streich dich davon, Unverschämter!«

»Er schmähte unsere Frau, Herr Spichwart,« antwortete Ulmann und schritt trotzig nach dem Hause der Äbtissin.

»Laßt den Kerl nur hier, Herr Edlibach!« machte jetzt, ingrimmig lächelnd, Hans Stüssi, »ich möchte mir seine Fratze ganz besonders merken, denn wenn ich ihm irgendwo außerhalb des heiligen Landes der Abtei begegne, will ich nach Gebühr mit ihm abrechnen. Glaubt mir, er soll nicht zu kurz kommen.« Und plötzlich wandte er sich wild an die Stadtknechte: »Und nun tut euere Pflicht ins Teufels Namen! Wir werden mit diesem übersalzenen Weibe und seinem Spielkreis schon noch fertig.«

Jetzt schwang Hans Eigen, meiner Frauen Leibschneider, drohend seine Elle und der Pfister machte gegen seine verständnisinnig grinsenden Gesellen die nicht mißzuverstehende Armbewegung des Teigknetens.

Aber Herr Edlibach strich seinen aufmerkenden Rüden über den Rücken und sagte ruhig: »So knabenhaft widerhaarig täte sich Euer Herr Vater allweg nicht aufführen, junger Meister Stüssi. Ich rate Euch, nehmt Vernunft an! Ihr seht, der Äbtissin Leute lassen ihre Herrin nicht ungestraft schmähen und sich nicht ungerecht angreifen. Und nun . . .«

Da keuchte, die Beine verwerfend wie ein übermutig Zeitrind das zum erstenmal auf die Weide kömmt, der dürre Kratzschreiber gegen das Tor und lärmte, sich überschreiend: »Sie kommen, sie kommen!«

»Wer kommt?« rief ihm der Ammann entgegen.

»Jesus Maria und sankt Josef! Unsere Kriegsschiffe kommen! Mehr als vierzig Nauen rudern eilig den See herunter, geschwinder als nachtreisende Schneegänse,« krähte der Kratzschreiber, mit den Armen herumfuchtend wie ein ballspielender Gaukler. »Und über den hurtigen Schiffen weht unserer guten Stadt blauweißes Zeichen und es sieht ganz so aus,« machte er jetzt, keuchend ins Tor tretend, »als hätten sich die uns'rigen vor den Schwyzern und ihren Eidgenossen wie besessen ins Wasser gestürzt und davongemacht und wollten sich jetzt beeilen, unter Dach zu kommen, bevor es ihnen Morgensterne über die Blechhauben hagelt. O cacoventres Suitenses! O diese schwyzerischen Molkenbäuche! Hört ihr's, hört ihr's?!«

Ein langgezogenes Tuten kam vom See her und gleich darnach ein donnernder Böllerschuß, der die Klostermauern erzittern machte.

»Aha!« lärmte jetzt der Schneider, auf einmal voll Verwegenheit. »Aha, nun kommen diese Helden, welche die Schwyzer, an ein Seil gebunden, in die Stadt schleppen wollten, wie seinerzeit die Besatzung von Freudenberg. Dasmal, bedünkt mich, hätten aber leicht andere an den Strick kommen können, besäßen die Schwyzer nicht nur einen ungelenken Floß, statt Kriegsnauen.«

»Freilich, freilich, da können die Zürcher jetzt Gott danken,« machte schalkhaft der graue Chorherr, der Kustos, »daß sie nicht wie vormals die Griechen, ihre schnell hinsegelnden Schiffsdrachen hinter sich verbrannten.«

Der junge Stüssi war auffallend still geworden. Recht verlegen stand er da und er und sein prächtiger Federbusch sahen gleich geknickt aus. Doch ermannte er sich jetzt und sprach: »Ich werde es meinem Vater sagen, wie man in der Abtei schon zu reden wagt.«

Er winkte seinen Leuten und zog mit ihnen ab.

Der Schneider aber sprach, so laut, daß es die Abziehenden noch wohl zu hören vermochten: »Aha, aha, ich werde es meinem Vater sagen. Gerade so hatte es jenes Büblein auch, als es des Nachbars Zwetschgenbaum schüttelte und statt süßer Zwetschgen bittere Ohrfeigen auf seinen Kopf herabfielen.«

Ein polterndes Lachen tönte den Abziehenden nach.

»Kannst du dein böses Maul denn nicht halten!« fuhr Herr Edlibach den Schneider an, als Hans Stüssi und seine Leute weg waren.

»Ach was, Herr Spichwart,« gab der Schneider zurück. »Da sie nun verspielt haben, werden sie uns jetzt nicht auffressen. Zudem ist dieser hochnäsige, frisch vom Waffenschmied bezogene Kriegsgott nicht mehr als wir, trotzdem sein Panzer so hell glänzt, daß es einen gelüsten möchte, sich davor zu rasieren. Was war denn sein Vater? Eines Glarnerbauern Sohn, der morgens und abends um den heimatlichen Jauchekasten herumstampfte und daher weder bei Tag noch bei Nacht nach den ersten Veilchen roch.«

»Schweig, Kerl!« donnerte ihn der Ammann an. »Was wahr ist in Ehren. Herr Hansen Stüssis Vater hat es allein weiter gebracht, als du und dein ganzer Stammbaum bis zu Kain und Abel zurück. Weiter zurück wird er ja kaum reichen, da man es im Paradiese noch ohne deinesgleichen machen konnte. Kommt, Herr Kustos!«

»Aha!« machte gekränkt der Schneider, und die andern lachten ihn aus.

Wie Herr Edlibach mit dem alten Chorherrn im Hause der Äbtissin verschwunden war, machten sich die andern Gotteshausleute hinaus ans nahe Gestade im Kratz, wo sie, nicht ohne Schadenfreude, eben der Stadt Fähnlein durch die Grendel fahren sahen.

Anna von Hewen aber war mit ihren Kaplänen in ihr Hofgebäude gegangen.

Bevor sie sich von ihnen trennte, sagte sie zum jungen Lienhart: »Mein Freund, Ihr seid Wochenherr. An Euch ist's darum, morgen früh die Messe recht andächtig zu lesen. Ich werde ihr zeitig anwohnen, es gilt für meine Freunde die himmlischen Heerscharen aufzubieten. Ihr mögt dann zu Mittag bei mir am Hofe speisen.

»Ei, du mein Gott!« murmelte der junge Kaplan vor sich hin. »Wenn doch meiner Frauen Gnad diese Sachen im Frieden lassen möchte!«

Aber die Äbtissin stieg zuoberst in ihr Haus bis auf den Estrich. Dort guckte sie verstohlen durch eine Dachlucke über den See hinauf. Es dämmerte schon, doch vermochte sie noch gut zu sehen, wie still und bescheidentlich das zürcherische Heer in die Stadt schwamm. Den Kriegsnauen sah sie aber eine große Anzahl anderer Nauen und Kähne folgen. Sie waren angefüllt mit in die Stadtmauern flüchtenden Landleuten und ihrer Habe.

Da warf sich die Äbtissin strahlenden Angesichts auf die Kniee, küßte den Estrich und sagte fast laut: »Nun habe ich meine Freunde gesegnet. Werden sie Zürichs Herren, so werde ich auch wieder die mächtige Frau von Zürich. Gott gebe ihnen Glück und Heil!«

Wie sie, so leise als tunlich, von der Winde wieder in ihre Gemächer hinabsteigen wollte, hörte sie in einer Dachkammer ein halblautes Singen.

Befremdet blieb sie stehen. Dann lächelte sie: »Ach, mein Kundschafter. Ich muß ihm doch wieder eine Fidel anschaffen, gewiß vermißt er sie sehr.«

Hurtig verließ sie die Dachräume.

In seiner Windenkammer aber kniete Ulmann auf dem Boden, sah mit glückstrahlenden Augen in frommer Einfalt in den dunkelnden Himmel hinein und sang laut:

O Herr, mein Gott, ich lobe dich!
Hör' gnädig mein Gebete!
Und schick' mir einen kleinen Stern
Bis zu der Morgenröte.

Und deiner Herrlichkeit ein Strahl
Begnade meine Fraue,
Und lege seinen lichten Schein
Auf ihre Augenbraue.

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