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Der Pfeiferkönig

Meinrad Lienert: Der Pfeiferkönig - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Pfeiferkönig
authorMeinrad Lienert
firstpub1909
year1909
publisherH. R. Sauerländer & Co.
addressAarau
titleDer Pfeiferkönig
created20051017
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.

In meiner Frauen Hofstube.

In der großen Hofstube der Abtei saßen die Tischtöchter der Äbtissin beisammen und spannen.

Durch die farbigen Butzenscheiben zauberte die Morgensonne allerlei buntes lebendiges Blust auf den Stubenboden und an die dämmerigen Wände. Durch ein rotes Scheiblein gar zitterte ein spinnwebfeiner Strahl und legte in das Wassernäpfchen eines Spinnrades ein leuchtendes Rosenblatt.

An einem offenen Fenster saß Verena von Monsax und träumte nach den fernen blauen Schneebergen. Ihre Hände lagen im Schoß und das Spinnrädchen stand stille. Obwohl ihr und den andern Töchtern das Sticken und Spinnen nur ein gelegentlicher Zeitvertreib war, pflegte sie doch, einmal an der Arbeit, an Emsigkeit alle zu übertreffen. Aber heute, an diesem schönen Maienmorgen, hatte sie sich sogleich in eine Fensternische gemacht, das Scheiblein aufgetan und sehnsüchtig über den blauen See hinausgeschaut.

»Vrenlein,« sagte die jüngere Elsbeth von Wißenburg, »ich glaube alleweil, du habest in der Nacht einen sehr kurzweiligen Traum gehabt, daß du immer noch dran fortspinnst. Oder hast du etwa Heimweh nach dem Gesange der Unken deines rätischen Burggrabens?«

»O bewahre!« machte die ältere Elsbeth. »Das Vrenlein sehnt sich mehr nach jungen Spielleuten, als nach alten Burgruinen.«

Ein helles Auflachen ging durch die Stube.

Die kleine Bündnerin errötete.

»O Elsbeth,« gab sie dann zurück, »tu' doch nicht so. Ja, wenn man dich nicht kännte! Du und ihr alle hättet ihm den schönen Rosenkranz unserer Frau Mutter so gerne ausgesetzt wie ich. Ihr gabt euch nur so einen Schein und kamt dann vor lauter Ziererei nicht dazu. Nun soll wieder ich schuld sein, ich merk's schon, sonst tätet ihr mich nicht alleweil necken.«

»Sei doch nicht so ein Schnippschnabel!« sagte die ältere Elsbeth. »Es war doch keine so übermäßige Ehre, diesem Pfeifer das Kränzlein einer andern aufzusetzen. Du hättest ihm doch gewiß lieber das deinige auf den braunen Scheitel gedrückt.«

Wieder ging ein munteres Lachen um.

»Aber,« fuhr sie zu reden fort, »unserer gnädigen Frau Mutter sagt eben das sprechende Spiegelein immer wieder, sie sei die Schönste im Land und da nascht sie halt solche Nachtischsüßigkeiten uns andern gerne vor dem Munde weg.«

»Es ist mir aber gleichgültig mit wessen Kränzlein ich ihn gekrönt habe,« sagte jetzt Verena von Monsax. »Es hat mich gefreut, daß ich's tun durfte und ich hab's mit gutem Willen getan, denn, das werdet ihr auch zugeben müssen, der junge Spielmann fidelte wie ein Zauberer.«

»Ei freilich,« meinte die braunhaarige Anna von Thengen neckisch, »obwohl er kein gelernter Zauberer war, lockte er doch nicht bloß ein wassersüchtiges Krötlein aus dem Klosterbrunnen, wie die drei nächtlichen Schatzgräber von Einsiedeln, sondern gleich zwei schöne Nymphen. Aber natürlich,« setzte sie bei und ließ ihr Rädlein munter schnurren, »es war eben ein junger Zauberer. Wäre er alt gewesen, meine schöne Frau Mutter hätte ihre Rosen besser in Acht genommen und ihrer dunkeläugigen Tischtochter kleine weiße Hand würde sich alsdann wohl nicht so sehr geirrt haben und hätte den jungen Stüssi gekränzt. Ist doch auch ein annehmbarer Junge und ein Reiter von guter Haltung, wenn auch sein vornehmer Anzug den Bauern nicht ganz verheimlicht.«

»Ja, warf die ältere Elsbeth ein, »ich hätte mich lieber an den jungen Stüssi gemacht, der einst ein gar mächtiger Herr werden mag. Sein Vater, der neugebackene Ritter, gilt bald mehr in Zürich, als der Freund unserer Frau Mutter, der stattliche Bürgermeister und Ritter Meiß. Obwohl Stüssis Wappenschild auf der Trinkstube z. Schneggen einer der jüngsten ist, schauen die Leute doch ehrfürchtiger nach ihm, als nach der abgeblaßten Vergoldung der ältesten Wappen.«

»Pst, pst!« warnte Anna von Thengen. »Wenn das die Fürstin hörte!«

»O ja, sie würde uns zürnen,« meinte die jüngere Elsbeth von Wißenburg. »Ich hörte sie letzthin zu Herrn Meiß sagen, dieser bäuerische Großhans, dessen Vater noch mit der Mistgabel statt mit dem Schwert, ins Feld ausgerückt sei, erhebe sein Haupt immer dreister. Man müsse ihm ein Bein zu stellen suchen, bevor er den ganzen Schweif seiner Anhänger in die Ratsstube nachziehe, von wo sie mit ihrem üblen ländlichen Geruch die regimentsfähigen Geschlechter vertreiben.«

»So, hast du also wieder gelauscht, du Schelmin!« verwies ihr, mit schlecht gespielter Entrüstung, die ältere Elsbeth.

»Das geht dich doch gar nichts an,« trumpfte sie ihre jüngere Schwester ab. »Wen findet man denn mehr hinter allen Türen als dich! Ist kein Schlüsselloch in der ganzen Abtei, das nicht weiß, wie unordentlich dir die Haare um die Ohren spielen. Und zudem bist du ja nicht meine Mutter.«

»Wie mögt ihr euch alleweil zanken! Gebt doch Frieden!« bat die kleine Monsax.

»Ach ja, es ist doch wahr,« machte schmollend die jüngere Elsbeth, »die da will mich immer bemuttern. Aber obwohl sie bald dreißig Jahre alt ist, bin ich doch nicht ihre Tochter.«

»Aber nein, aber nein, das ist gelogen, du Fratz!« schrie erbost, schier weinerlich, die ältere Schwester. »Ich bin kaum fünfundzwanzig. Wart' nur, wart' nur, Elsbeth, ich sag's, wenn ich heimkomme, wie du mich überall verlügst.«

Jetzt gingen die Spinnräder wie frisch geschmiert, es schnurrte in der Stube wie in einem Wald voll schlafender Wildkatzen.

»Ach gebt euch doch zufrieden,« drängte Verena von Monsax, »und schaut nicht so bös drein, sonst schimpft unsere Frau, wenn sie kommt. Ihr wißt ja, sie will allezeit frohe Gesichter um sich sehen.«

»Ei freilich und schöne Gesichter,« lachte die jüngere Elsbeth, »denn Herr Ritter Meiß ist, wenn auch nicht der jüngste, so doch der schönste Mann im Stadtring, ein stolzer Bürgermeister und liebenswürdiger Herr. Und ist er denn nicht fast alltäglich bei unserer schönen Frau Mutter zu Besuch, als wäre er eine Chorfrau und müßte die Stunden mit ihr beten. Nun hat sie auch noch den hübschen Fidler, diesen landfahrenden Pfeiferkönig zurückbehalten. Sie will gewiß die Fidel streichen lernen.«

Lachte alles auf, nur Verena errötete und machte ein Schmollmäulchen.

»Hört, Kinder!« sagte Anna von Thengen. »Mir ist eben eine Geschichte von einem Geiger eingefallen. Soll ich sie erzählen?«

»Eija, ja doch, ja!« rief es durcheinander.

»Gut, so hört denn! Es war einmal ein Fidelmann und der hatte eine wunderbare Zaubergeige. So bald er sie spielte, mußten alle Leute und auch die Tiere, ja die leblosesten Dinge, Tische, Stühle, Pfannen, kurzum alles was nicht niet- und nagelfest war, zu tanzen anfangen. Da tanzte denn alles von zuoberst bis zuunterst im Hause und im Stall, sogar die Schweine und die Ochsen hopsten herum.«

»O mein!« sagte die jüngere Elsbeth unter dem Auflachen der andern. »Ein Schwein und einen Ochsen möchte ich mal miteinander tanzen sehen.«

»Ei, das kannst du wohl sehen,« machte mit lachenden Schalkenaugen die braune Thengen. »Guck nur zur Kirchweihzeit in die Gesindestube; dort walzt der dicke Küchenmeister, der Joggi Brun, mit den Mägden herum wie ein aufrechter Ochs, fehlen ihm nichts als die Hörner.«

Das Lachen wollte nimmer enden.

»Ja, der Brun das ist ein rechter Ochs,« rief die jüngere Elsbeth. »Und was der für einen dicken Bauch hat!«

Ihr glockenhelles Auflachen überjubelte das der andern.

»Aber nein, wenn die Fürstin hören würde, was wir für lose Reden führen!« machte Verena von Monsax. »Schäme dich, Anna, so etwas zu erzählen!«

»O sei du nur still!« eiferte Anna von Thengen. »Du willst immer die Heilige spielen und derweil denkst du den ganzen Tag und nachts erst recht an einen fahrenden Pfeifer. Gelt, man sollte eben immer von jenem Fidler reden, der an dir alles zum tanzen bringt, selbst wenn er nicht spielt: Die Beine, die Arme und die tugendhaften Gedanken im Köpfchen mit dem künftigen Heiligenschein. Und gar die Seele täte dir im Herz, wie eine frisch gefangene Haubenmeise im Käfig, herumflattern, wenn er dir spielte. O, bezapf' du dein frommes Betmäulchen nur, du Schalksnärrlein!«

Wieder lachten sie hellauf, verstummten aber sogleich. Die Türe ging und auf der Schwelle stand ein braunhaariger Bursche, Ulmann, der Pfeiferkönig.

»Geh' doch hinein!« brummte hinter ihm der Torwart. »Meine Frau wird gleich kommen. Ich soll dich hieher bringen, hat sie gesagt. Die übermütigen Schnattergänse da,« fügte er gedämpfter bei, »werden dir etwa genug zu schaffen geben bis sie kommt.«

Ein allgemeines Rücken der Spinnräder.

»Mach dich nur weg, du alter Brummbär!« rief Anna von Thengen dem Torwart zu.

»Ja, ja, die Weiber,« knurrte der. »Kaum sind sie mit einem Bein aus dem Bett, greifen sie schon mit beiden Händen nach den Mannsleuten. Gott und sankt Felix mögen wissen, was meine Frau mit diesem glatten, armen Schelmen wieder vor hat!«

Knurrend und murrend schloß er die Türe und trollte sich davon.

Mit verlegenem Lächeln stand Ulmann unter dem Bilde eines Heiligen, von dessen vergoldetem Heiligenschein ein schwacher Abglanz in seinen Locken lag. Unter den Tischtöchtern aber war ein nicht endenwollendes Kichern und Zischeln. Nur Verena von Monsax barg ihre blutrote Wange halbwegs im Flachsstock ihres Spinnrades, denn bei des Pfeifers Eintritt war ihr der Faden gerissen und nun schien das Wiederanknüpfen eine recht schwierige Arbeit zu sein.

Anna von Thengen aber sprang mit lachendem Gesichte auf, trat vor den Pfeifer und sprach mit tiefem Knix: »Euere Majestät, vielmögender König aller fahrenden Spielleute! Erbarmt Euch unser in Gnaden, denn seht, Euere Untertanen langweilen sich.«

»Ei,« sagte Ulmann lächelnd, »das will mich nicht bedünken.«

»Spiel' uns doch ein Tänzchen, einen recht unbändigen schwyzerischen Gautanz!« rief die jüngere Elsbeth.

»Das möchte mir meiner Frauen Gnad übel aufnehmen,« gab der Spielmann bescheiden zurück.

Jetzt lachten sie alle laut auf und die ältere Elsbeth sagte, den Fidler in Ton und Gebärde nachahmend: »Unserer Frauen Gnad tanzt selber gern, am liebsten mit einem schönen Herrn.«

Wie das tolle Gelächter etwas nachließ, bat auch Verena: »Ei, so spiel uns denn etwas!«

»Gerne wollte ich euch dienen, aber ich habe ja die Fidel nicht bei mir.«

»Wo ist sie denn?« fragte rasch die kleine Bündnerin und sprang auf.

»Sie hängt noch in der Kapelle des hl. Nikolaus, wo ich den Kaplänen vorspielte,« beschied er. »Ich will sie gleich holen.«

»Bleib nur, ich hole sie herauf,« sagte Verena.

»Nein, ich!« – »Nein, ich!« schrie es durcheinander.

Da flatterten auch schon alle miteinander davon und die flinke Thengen rief zurück: »Die Tänzer werden wir auch gleich mitbringen!«

Ulmann sah sich allein in der großen Hofstube.

Doch bald gingen Schritte im Gang. Da kommen sie schon wieder, dachte er. Wie aber die Türe ging, trat Anna von Hewen, die Äbtissin, herein, sündhaft schön, wie eine aus einem langweiligen Beichthausgemälde davongelaufene Maria Magdalena.

»Wie, du bist schon hier, mein junger Freund!« Dann sich schier erstaunt umsehend: »Wo sind aber meine Töchter und Gespielinnen? Ich wollte sie gerade für einen Augenblick wegschicken.«

»Sie sind eben fortgelaufen, um meine . . .«

»Gut, gut, weiß schon,« unterbrach sie ihn. »Sie werden wieder einmal in den Gängen herum Versteckens spielen wollen. Aber,« machte sie dann, Ulmann scharf ansehend, »laß sie, ich habe mit dir zu reden. War es denn nicht gestern, daß du mir sagtest, du hättest deine Heimstätte in der Klosterruine der Insel Lützelau?«

»Eija, Euer Frauen Gnad,« machte er, sie fragend, schier erschrocken anblickend.

»Brauchst nicht zu erschrecken, lieber Gesell. Ich will dich aus deinem Paradiese, so es für einen Einsamen eines geben kann,« lachte sie schalkhaft, »nicht austreiben. Aber obschon die Lützelau ein zürcherisch Freiland ist, möchte ich doch nicht ohne deinen Willen dort einbrechen.«

»Wie, Ihr wolltet nach der Lützelau?«

Mit verwunderten Augen schaute er auf.

Sie lächelte.

»Das gerade nicht, als Klausnerin ließe ich mich dort nicht einmauern, wäre mir gar zu einsam und zu still. Aber einmal landen möchte ich an der kleinen Insel für ein Stündchen. Dort dürfte so recht ein Unterschlupf sein, der jedem unberufenen Auge fernläge. Was meinst du?«

»Heja, die zerfallene Kapelle des Schwesternhauses habe ich in ein recht wohnlich Stüblein umgewandelt. Für ein paar Stunden wäre darin wohl zu leben. Es befände sich auch in guter Ordnung, da ich die Insel erst vor kurzem verließ.«

»So höre denn, mein Freund! Ich machte dich zu meinem Hofspielmann, aber wenn du dich treu erweisest, sollst du mehr sein.« Sie sah ihn an, als wollten ihre Blicke nach seiner Seele angeln. »Kann ich dir trauen?«

»Ich bin Euer Knecht und habe keinen andern Willen, als den Ihr mir eingebt.«

In ihre kühlen blauen Augen kam für einen Moment ein warmes Lächeln.

»Ich will dir vertrauen. So merk' wohl auf und lerne schweigen! Ich beabsichtige morgen Nachmittag eine Seefahrt nach Rapperswil. Dort lasse ich mir Pferde geben und werde so schnell als tunlich zu meiner Base, der Gräfin von Toggenburg verreiten, um ihr und den übrigen Erben des Grafen, die sich gegenwärtig dort einfinden werden, mein Beileid zu bezeugen. Du sollst mich ein Stück Wegs begleiten. Magst mir,« sagte sie, ihn freundlich, schier herzlich anblickend, »mit deiner Fidel die lange Seefahrt verkurzweilen. Willst du?«

»Wie sollte ich nicht wollen,« machte er und sein Kopf glühte.

»Wir stoßen erst nachmittags hier ab,« redete sie weiter, »um während der Nacht an der Lützelau, wie ich dir schon sagte, für kurze Zeit anlegen zu können. Ich hoffe, dort jemand zu treffen, den ich durch meinen Rennboten auf morgen nach Mitternacht hinbestellt habe. In deiner Behausung sollst du uns für ein Stündchen Unterstand gewähren. Hast du mich wohl verstanden?«

»Ja, Euer Frauen Gnad.«

»Du kannst schweigen?«

Er nickte still.

»Ich möchte aber nicht zuviel eigene Leute mitnehmen und nur die Ruder mit meinen Knechten versehen. Sie müßten dann, wenn ich lande, im Schiff zurückbleiben. Hast du nun einige Gesellen, auf die du dich verlassen kannst, die deine Behausung umstellen und bewachen, während ich drin bin? Es liegt mir viel daran, daß meine Leute nichts merken. Sie sollen die nächtliche Landung für eine bloße Frauenlaune, meinetwegen für ein zärtliches Abenteuer halten.«

»Ich weiß einige fahrende Bursche in der Stadt gegenwärtig, die mir durch ein Feuer barfuß nachlaufen würden.«

»Gut, so versichere dich ihrer und sei für morgen Nachmittag bereit.«

»Ich werde bereit sein.«

»Kannst du schweigen?«

Er wollte antworten, konnte jedoch nur noch nicken, denn schier heftig ward die Türe aufgerissen, Verena von Monsax wollte hereinstürmen, prallte aber zurück, lächelte verlegen und tat, als wollte sie sich zurückziehen.

»Was verbirgst du hinter dem Rücken?« fragte schier streng die Äbtissin. »Ei, ei, eine Fidel! Gewiß des Pfeiferkönigs Geiglein. Wollt ihr tanzen?«

»Ja, gnädige Frau Mutter.«

»Wie kommst denn aber gerade du zu der Fidel?« wunderte Anna von Hewen.

»Der Spielmann ließ sie in der St. Nikolauskapelle am Arme eines steinernen Engels hängen. Dort nahm ich sie weg und die andern . . .«

»Ja, wo sind die andern?«

»Da sind wir!« hallte es im Gang. Und jetzt kam es durch die Türe herein: Einmal Anna von Thengen, Lienhart, den jungen Hofkaplan an der Hand haltend. Darnach Elsbeth, die ältere, den gelbnasigen Hofschreiber mitführend, und zuletzt noch Elsbeth, die jüngere, mit dem schmalhalsigen Magister.

»Bei allen Heiligen unserer Abtei, jede hat einen gefunden,« lachte nun überlaut die Äbtissin. »Ja, wenn's zum tanzen und tändeln geht, da lassen sich meine Mannsleute leicht finden. Aber wenn ein Brieflein aufgesetzt werden sollte, mit meiner Frauen Sternsigel dran, Meister Hofschreiber, oder eine neue Vesper sollte eingeübt werden, Herr Magister puerorum, oder die Messe vor Tag sollte gelesen werden, Herr Hofkaplan, da kann meiner Frauen Gnad oft lange suchen, bis sie findet.«

»Der Spielmann da hat uns verführt,« machte mit kecker Fröhlichkeit Anna von Thengen, »denn wäre er nicht in die Stube gekommen, so wären wir auch nicht auf's Tanzen verfallen.«

»So muß also ich zuletzt noch an euerm Übermut schuld sein?«

»Ach ja, liebe Frau Mutter. Ihr habt's doch auch gern, wenn's lustig zugeht,« sagte jetzt die jüngere Elsbeth, sich an die Fürstin heranschmeichelnd. »Tanzt auch mit!«

»Ich dächte, ihr solltet spinnen.«

»O, die Waldschwestern in Einsiedeln haben ja noch genug Zeug zum weben,« machte lachend die ältere Elsbeth.

»Ja, ja, ihr Schalken! So tanzt meinetwegen. Ich wollt' am End gerne selber ein Tänzlein wagen, allein heute habe ich keine Zeit. So fangt denn an in Gottes Namen!«

Unterdessen hatte die Thengen der kleinen Monsax die Geige entrissen und hastete, mörderlich darauf herumfeilend, in der Stube herum, von Verena verfolgt.

»Gib sie, gib sie! Du richtest sie zu grunde!«

»Ja, Anna, hörst du, du meisterloser Übermut, gib ihr die Fidel!« gebot die Äbtissin. »Die kleine Monsax hat das erste Anrecht darauf außer mir, denn sie ist's doch, die den Pfeiferkönig mit meinen Rosen kränzte.«

Ein schallendes Gelächter ging in der Stube um und glühend über und über, drückte sich Verena in eine Fensternische.

Nun hatte aber die hurtige Thengen dem Spielmann die Fidel überreicht. Der setzte sie ohne weiteres ans Kinn und gleich war es, als tanze ein sonniges Elfenvolk aus dem braunen Kästchen. Und alsobald walzte auch der ländlich handsame Kaplan mit Anna von Thengen in der Stube herum. Hinter ihnen drein stelzte, wie ein betrunkener Storch, der Hofschreiber mit der ältern Elsbeth, gefolgt vom schmalen Magister, der mit der jüngern Elsbeth verzweifeltere Sprünge machte, als eine aufgescheuchte Heuschrecke. Verena aber stand schmollend in der Fensternische und kehrte den Tanzenden den Rücken zu.

Da war der Tanz zu Ende.

»Kleine Monsax!« rief die Äbtissin.

Widerwillig, langsam wandte sich Verena.

»Ja?«

»Komm her zu mir, du Schmolllämpchen!«

Gesenkten Hauptes, die dunklen Augen auf den Schnabelschuhen, stand die kleine Bündnerin vor ihrer gnädigen Frau.

»Willst du den Trotzkopf spielen? Zur Strafe mußt du sogleich mit dem Pfeiferkönig einmal tanzen. Der Herr Magister soll fideln. Willst du?«

Jetzt hob Verena ihr schwarzhaarig Köpfchen und guckte scheu, durch Tränen lächelnd, nach dem Geiger. »Ja,« machte sie leise.

Voll Mißvergnügen begann der Scholastikus die Fidelsaiten zu martern, also daß sie aufjammerten, als ob er auf armen Seelen geigte. Und da tanzten auch schon scheu und verschämt, aber zierlichen Schrittes, Ulmann, der Pfeiferkönig und Verena v. Monsax durch die Stube.

»Ein schmuckeres Tänzerpaar ist noch auf keine Glasscheibe gebrannt und an keine Wand gemalt worden,« machte beifällig die Äbtissin.

Wie aber der Tanz zu Ende war, und er war es zu schnell, bedünkte die kleine Monsax, – drohte ihr die hohe Frau scherzhaft mit dem Finger und sagte: »Vrenlein, Vrenlein, du still Wässerlein!«

Aber nun wollten alle mit dem jungen Hofpfeifer, der sein Spielzeug wieder zuhanden nahm, tanzen, was die andern Tänzer nicht übel ärgerte.

Da lachte Anna von Hewen und sagte: »Ihr könnt ja die drei Schatzgräber von Einsiedeln heraufholen, die verstehen sich auch auf das Tanzaufspielen. Sie werden nun ihren süßen Elsäßer wohl ausgeschlafen haben.«

»O, die sind schon in aller Frühe fort,« belehrte der Hofschreiber. »Wollten mit dem Rapperswiler Marktschiff den See hinauf.«

»Wunderliche Gesellen,« machte die Äbtissin, »brachten mir gestern das ganze Haus aus Rand und Band.«

Dann nickte sie Ulmann freundlich zu und ging davon, ihren Pfauenschweif zierlich nachziehend.

Jetzt begann der Pfeifer sein Spiel wieder und also ward meiner Frauen Hofstube zu einer klappernden Tanzdiele.

Aber der gelbe Hofschreiber und der schmalbrüstige Magister merkten bald, was für ein boshafter, hinterhältiger Teufel im Tanz steckt. Erst hatte er sie mit schwülen Verheißungen verlockt und jetzt, da Brust und Beine zu ächzen anfingen, wollte er sie nicht mehr losgeben, denn die Tischtöchter der Äbtissin, des Tanzteufels reizende Kreaturen, schienen unermüdlich. »Ach,« seufzte der Hofschreiber in seinem innersten Herzen, »wie habe ich doch so freudig begonnen und nahm es für einen hochzeitlichen Tanz, und jetzt, o weh, o weh! ist diese wilde Thengen die fleischgewordene Drille. Ach, wenn's nicht aufhört, tanze ich bald meinen Totentanz.«

Doch auf einmal standen alle erschrocken still.

Draußen in der Stadt war ein gewaltiges Lärmen und Schreien. Und wie sie sich ängstlich fragend anschauten, hörten sie von der Gasse herauf die wildkreischenden Rufe: »Hie Zürich, hie Schwyz! Mordio, Mordio!«

Einen Augenblick starrten sie sich erbleichend an, aber dann schossen sie an die Fenster, rissen alle Scheiben zurück und schauten in die Stadt hinunter.

»Potz heilige Zeit!« begehrte jetzt der Hofschreiber zornig auf. »Nun war es mir nicht anders, als die groben Hunnen von Schwyz seien über uns gekommen, nun sind's bloß diese Lausbuben.«

Drunten, in der Nähe der Abtei, über die obere Brücke, tobte eine wilde Knabenschlacht von der mehrern Stadt her, mit Pfeifen und Hornen und Trommelschlag. Die Jungen der mindern Stadt spielten die Schwyzer, während die der mehrern Stadt Zürcher bleiben wollten. Mit allerhand rostigem oder rechtem und echtem, aus des Vaters Kasten genommenem Waffenzeug und angetan mit zerbeulten Helmen und Harnischstücken, fielen die Buben tapfer übereinander her. Die Knaben der hablichern Einwohner ritten auf den ärmlichen Jungen des niedern Dorfes und der Vorstädte. So wüteten denn auch die Pferde gegeneinander mit ausschlagendem Barfuß und fletschenden Zähnen.

Allerhand Fähnlein wehten ob den Bubenknäueln und Steine und gar Pfeile ab Eibenbogen flogen hin und wieder.

Jetzt drückte ein neuer Vorstoß unter dem Helmhaus vor der Wasserkirche über die Brücke: »Hie Zürich, hie allweg Zürich!« Die Schwyzer wichen gegen den Werkhof und gegen den Kratz und ihr Feldhauptmann, dessen wallenden Federbusch die sieghaften Zürcher eben samt einem Büschel Haare elend ausrupften, wäre wohl übel zugerichtet worden, wenn nicht im selben Augenblicke einige fluchende Stadtknechte vom Münsterhof her unter die Buben gefahren wären.

Nun rannten Freund und Feind über die Brücke gegen die jenseitigen Schwibbogen und unter das Helmhaus. Ein alle Heiligen und Wetterzeichen herabfluchender Stadtknecht brach schier zusammen; ein Stein, von sicherer Knabenhand geschleudert, hatte ihn an den Kopf getroffen.

»Jetzt schau mir einer, wie's diese kleinen Kröten schon treiben!« schimpfte der Magister. »Fehlt wenig, sie brächten sich um.«

»Das wird einmal gehörig krachen, wenn die Alten aneinander geraten, wie's heißt, daß Bürgermeister Stüssi es wünsche,« meinte kopfschüttelnd der Hofschreiber.

»He, aber wo ist denn unser Hoffidler hingekommen?« machte erstaunt der junge Kaplan.

Schauten sich alle verwundert im großen Saal um.

»Da unten läuft er schon über die Brücke!« rief die jüngere Elsbeth von Wißenburg. »Und sind einige Gesellen seiner Bekanntschaft, Sackpfeifer und Schwegelpfeifer bei ihm.«

Alle schauten dem Pfeiferkönig nach bis er mit seinen fahrenden Gesellen in der Vorhalle der Wasserkirche verschwand.

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