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Der Pfeiferkönig

Meinrad Lienert: Der Pfeiferkönig - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Pfeiferkönig
authorMeinrad Lienert
firstpub1909
year1909
publisherH. R. Sauerländer & Co.
addressAarau
titleDer Pfeiferkönig
created20051017
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.

Der Schatz.

In der warmen Torstube der Abtei saßen um den kuhbeinigen Tisch am großen Kachelofen die drei Spielleute von Einsiedeln, der Glückhütlein, der Lamphütlein und der Lumpenhütlein. Bei ihnen hockte auch noch, mit triefenden Äuglein der schindeldürre Schreiber des Unter- oder Bettelvogtes im Kratz, das Kratzschreiberlein.

Er hatte der gnädigen Frau ein langes Verzeichnis der Armen der minderen Stadt zutragen müssen und war auf dem Hinauswege an der Torstube, worin es gar laut herging, bis in die Nacht hinein hängen geblieben. Er besaß eine feine Witterung für Trinkgelegenheiten. Der Schenkhofer der Probstei am großen Münster behauptete von ihm sogar, seine lange spitze Nase rieche den welschen Wein bis über das St. Gotthardgebirge.

Auf dem Ofengesimse stand ein schadhafter Leuchter, die bemalte Büste eines kleinen pausbackigen Engleins, das in jeder Hand einen Kerzenstock hielt. In einem steckte ein brennender Wachskerzenstummel, der in der niedern Stube eine heimelige Dämmerung verbreitete.

Traurig schauten die drei Gesellen in ihre Krüglein; sie waren leer. Zwar wandte der Lamphütlein das seinige prüfend um, aber es rann kein Tröpflein mehr heraus.

»Stubenvater!« lärmte er.

Der alte Torwart trat mit unsichern Schritten ein.

»Was brüllt ihr denn alleweil, wie wenn es da drin brennen tät!«

»Red' nicht so dumm, es brennt auch,« gab weinheiser der Lamphütlein zurück. »Hat jeder von uns einen Dörrofen im Leib. Geh', alter Klosterdachs und hol' uns noch einen Krug Wein im Schenkhof der Probstei. Du gehst heute mit der Tranksame so sparsam um, als schenkte man im Keller der Probstei heiliges Öl aus. Geh', Stubenvater und hol' Wein! Wir singen dir dann das Lied, das du so gern hörst, das Lied von dem einfältigen Mägdlein, das einen Torwart lieb hatte: »Steh' auf, steh' auf Torwächter mein! Und lasse dein Feinsliebchen ein, heraußen tut es schneien«. – Wie lang ist's denn her, seit dir dein Schatz davonging?,« fragte er.

»Ach was,« brummte der Torwart, »ich pfeif dir auf dein Lied. Du krächzest ja allemal doch wie eine Urgroßmutter, die den Krampf in beiden Waden hat. Brecht jetzt einmal auf und kriecht ins Nest! Es ist längst Nachglockenzeit vorüber und der Schenkhof der Probstei fester zu als die Haustüre des Kratzschreibers. Zudem hat mir meiner Frauen Gnad nicht mehr als den großen Henkelkrug zweimal plattvoll für euch erlaubt. Wie viel fehlt euch denn noch, ihr seid ja schon voll.«

»Was!« lärmte jetzt entrüstet der Lumpenhütlein. »So einer bist du! Jetzt sitzen wir in deinem heißen Stubenloch, durstiger als die drei Jünglinge im Feuerofen und du willst die Weinsperre für uns einführen und gar die unschuldige Nachglocke vorschützen, du Geizhals! Und weiß doch jedes Kind, daß im Schenkhof das Türlein für brave Kunden die ganze Nacht geht. Die Chorherren bechern doch auch oft genug bis in alle Gockelfrühe auf ihrer Trinklaube, bis sie den steinernen König Carolus wie ein aufgescheuchtes Eichhörnchen am Turm herumklettern sehen. Schaff Wein her, Stubenvater!«

»Schaff Goldgulden!« höhnte der Alte. »Ihr seid ja die berühmten Schatzgräber von Einsiedeln, da kann das für euch kein so großes Hexenwerk sein. Der Wein ist dieses Jahr bluterdenteuer. Das kommt daher, weil man heuer die Juden für ewig aus der Stadt verwies und nun haben sie den Wein besprochen und zum versiegen gebracht. Doch Juden hin, Juden her, es ist den Kindleinfressern recht geschehen.«

»Wüßte nur einer einen Schatz,« meinte der Glückhütlein, »ich wollt' ihn herauszaubern wie ein Johanniskäferchen aus einem Staudenbusch und läge er einem Drachen im Bauch.«

»Schätze wüßte ich genug,« brummte, trocken schluckend, der Lamphütlein, »ließe mich nur der Probst am großen Münster seine Sakristei visitieren. Was ich dort neben König Caroli goldenem Gebetbuch noch herauszaubern könnte, weiß Gott und der Probstei Schatzmeister. Es wäre aber gewiß ein kurzweiliges Nesterausnehmen.«

»Ja,« machte lachend der Lumpenhütlein, »und dürfte ich die geblümten Umhänglein von allen Himmelbetten der Stadt ziehen, ich wollte auch manchen schönen Schatz ans Tageslicht hervorzaubern, dem zudem Rost und Motten nichts anhaben könnten, selbst wenn man ihn alltäglich in ein warmes Bad legte.«

Der Torwart schmunzelte vergnügt.

»Da drauf pfeif' ich,« knurrte der Lamphütlein. »Hätt' ich den Schlüssel zum Schenkhof der Probstei, ich wollte dir und dem Torwart auf dem Deckel eines Fasses fünfzigjährigen Elsässers alle Jungfrauen von Zürich bis nach Thule vermachen.«

Das ließe er sich gerne gefallen, meinte der alte Torwart, daß eines Tages soviel Jungfrauen vor seinem langweiligen Klostertore ständen und Einlaß begehrten.

»Freilich,« sagte der Lumpenhütlein, »das möchte dir gefallen. Aber vielleicht ging's dann anders her als im neuen Testament: Die klugen Jungfrauen blieben draußen und nur die törichten kämen hinein.«

Die alten Gesellen lachten. Aber der Kratzschreiber, dem mit dem Wein seine Bedeutung als Kanzler des Bettelvogtes im Kratz in den Kopf gestiegen war, verwies ihnen mit etwas lallender, mühselig die bedürftigen Worte zurechtrückender Zunge, ihre üppigen Reden, die sich für arme landfahrende Wichte gar nicht schicken täten.

»Halt den Schnabel, Kratzschreiber!« schnörrzte ihn der Lumpenhütlein an, »und kratz' dich selber, wenn du nicht warten magst bis du heim kommst und dich deine Herzallerliebste mit dem Birkenbesen kratzt. Du mußt uns zuletzt predigen. Wir sind alle drei ledig, wie die Stadt Venedig und haben alle miteinander nicht soviel Dummheiten verübt, wie sie bei dir zu Hause, sieben an der Zahl und alle auf zwei Beinen, herumlaufen.«

»Darum bist du ledig,« antwortete lallend der Kratzschreiber, »weil Keine mit dem Lumpenhütlein unter's Lumpenhäublein kommen wollte.«

Dasmal lachten die andern.

»Was?!« brauste der Lumpenhütlein auf. »Du kommst mir so! Ich sage dir aber: Die allerschönsten Weiber haben mich allzeit angeschaut wie die Sonne einen Schneemann, zum aufsaugen.«

»Eheu!« machte der Kratzschreiber, mit der Zungenspitze nach den weiter nötigen Lauten angelnd, »das muß schon lange her sein, denn damals hast du entweder noch das Haar oder dann die Kappe aufgehabt.«

»Wie!« lärmte in den höchsten Fisteltönen der Lumpenhütlein, den die Anspielung auf seine Glatze gewaltig kränkte, »wie, du hältst mir meine Haarschwäche vor, du ausgeblasenes Markbein, du eingeborene Vogelscheuche, du auserlesenes Marterwerkzeug für schönheitsliebende Augen, du . . .«

»Bitt für uns!« fiel der Lamphütlein ein.

Aber der Lumpenhütlein hatte sich erhoben und machte Miene, über den Kratzschreiber, der sich in seiner Angst wie ein geneckter Igel im Ofenwinkel zusammenzukugeln versuchte, herzufallen.

»Hock ab, du Hansnarr!« grollte der Torwart und drückte den Lumpenhütlein auf den Stuhl zurück, »Streit will ich keinen haben. Wenn es aber wahr ist, daß ihr Schätze zu heben versteht, so könnten wir heute Nacht noch einen ganz schweren Becherlupf tun, denn ich wüßte wohl einen Schatz der alle fünfe, samt des Kratzschreibers sieben ungeschneuzten Kindern, zu Landgrafen machen würde.«

Jetzt horchten die Schatzgräber auf und der Glückhütlein fragte mit strahlenden Augen, wo denn der Schatz, den er meine, vergraben sei.

Da setzte sich der Torwart mit geheimnisvoller Miene auf die Ofenbank an den Tisch und streckten alle eifrig die Köpfe zusammen.

»Ihr dürft es aber nicht weiter sagen,« machte er halblaut. »Wenn ihr's nun wissen wollt: Der Schatz liegt im Kreuzgärtlein der Abtei, im Ziehbrunnen des Friedhofes schon seit Römerzeiten begraben, wie mir der alte Custos im Vertrauen mitteilte. Und die selige Äbtissin Anastasia müsse ihn um ihres leichtfertigen Lebens willen hüten, bis sie ein mutiges Menschenkind erlöse.«

»Das ist mir aber eine sonderbare Schatzhüterin,« stotterte der Kratzschreiber, »hat sie doch dem Stift bei Leibzeiten das halbe Land Uri verputzt.«

»Das ist eben der Fluch, du Lampohr,« machte der Lumpenhütlein, »denn nun muß sie einen Schatz bewachen, den sie nicht verputzen kann.«

»Still! Bezapft euere Weinschläuche!« herrschte sie der Torwart an. »Also,« fuhr er dann weiter, »ich kann darauf schwören bei was ihr wollt, denn ich sah den Schatz schon oft im Vollmondscheine glitzern und glänzen. Doch verstand ich mich eben nicht auf's Schatzgraben und hätte mich allein auch nicht getraut.«

»Potz Blitz,« brummte der Lamphütlein, »nun wollen wir heut einmal aus dem Goldhafen statt alleweil aus dem Mushafen anrichten.«

»Ja, diese Nacht wär's günstig,« meinte der Glückhütlein, »der Mond gibt heut heller als die Sonne im Herbstnebel.«

»Aber noch einen Trunk müssen wir darauf tuen,« sagte der Lumpenhütlein, »der Durst ist ein schlechter Zauberer. Stubenvater, hol' Wein! Wir wollen dir nachher dafür aus dem gehobenen Schatz den Schenkhof der Probstei kaufen.«

Ohne Widerrede machte sich der Torwart davon und dauerte keine Vaterunserlänge, stoffelte er mit suchendem Schuhwerk schon wieder in die Stube und stellt den großen Henkelkrug, ausgeebnet mit goldenem Elsäßer, auf den Tisch.

Da lachten die alten Gesellen auf und der Lamphütlein sagte: »Ei, du hinterhältiger Schelm und Weinmauser, es will mich bedünken, du habest den Wein dasmal nicht im Schenkhof geholt; hattest ihn wohl unter dem Bänklein vor der Türe verborgen, statt wie es meiner Frauen Gnad verordnet, uns damit einen rechten Trost aus die Nacht zukommen zu lassen.«

»Sei still!« schnauzte der Torwart und füllte rundum die Krüglein. »Da ist der Wein, nun sauft!«

»Und wenn es am Wendelstein zu St. Peter Zwölfe schlägt, muß es getan werden,« machte flüsternd der Glückhütlein. »Stärkt euch, Brüder!«

»Und jetzt singt mir mein Lied!« machte der alte Torwart, »denn es ist mehr als dreißig Jahre her seit mir mein Schatz mit des Pelzers Gesellen in einer kalten Winternacht davonlief. Sie war Stubenmagd im Kloster. Und doch ist's mir jeden Winterabend, sie müsse mir wieder kommen und ans Tor klopfen. Heißt's denn nicht auch so im Lied?«

»Freilich,« sagte der Glückhütlein und dann fing der Lumpenhütlein zu singen an und die andern, der einnickende Kratzschreiber ausgenommen, fielen frohgemut ein, denn sie hatten ja wieder Tranksame.

Steh' auf, steh' auf, Torwächter mein!
Und lasse dein Feinsliebchen ein,
Heraußen tut es schneien. –

Was suchst denn du vor meiner Schwell?
Lauf' jetzt mit deinem Freudgesell
Zu Tanz und Tändeleien!

Torwächter auf, daß Gott erbarm'!
Ich hab' ein kleines Kind im Arm
Von einem Herrn Grafen. –

Auf ging das schwere Klostertor:
Gehst du in Sünde bis an's Ohr,
Dein Kind kann ich nicht strafen.

Sie huscht hinein, doch ohne Kind.
Hier bin ich ärmste, reich an Sünd;
Kein Richter spricht mich ledig. –

Willkomm, willkomm, Feinsliebchen hold!
Ich nähm' um dich nicht Welschlands Gold,
Mit samt der Stadt Venedig.

Aber gegen Mitternacht brachen sie auf, den Schatz zu heben.

Durch einen Wirrwarr von Gängen gelangten sie glücklich in den Kreuzgang, den gedeckten Umgang um das Kreuzgärtlein. Zwar hatten sich die mit der Örtlichkeit wenig vertrauten Spielleute bei dem Herumtappen und Tasten in den dunklen Gängen einige Beulen geholt, was aber nur daher kam, wie der Lumpenhütlein meinte, weil die Ecken immer am unrichtigen Platze standen.

Das Kreuzgärtlein duftete von Veilchen und um seine Grabmäler kroch eine blaue Dämmerung. Aber über das Dach des Kapitelhauses und die epheuumsponnene Mauer, hing, aus eitel Mondschein gewoben und feiner als Spinnweb im Morgentau, ein Schleier, der sich allmählich bis ins Gärtlein hinunter aufwickelte.

Und an der Mauer des Jungfrauenhauses lag, wie der Zeitstab einer Sonnenuhr, der Schatten eines Dachreiterkreuzes. Aber gegenüber, tief unten, geisterte um die zierlichen roten Zwischensäulen und die ausgehauenen Figuren der Umgangbogen, schon das volle Mondlicht.

»Potz Blut!« brummte der Lamphütlein, sich mit blöden Augen im Kreuzgang umsehend, »da kleben ja an allen Wänden und Pfeilern steinerne Könige und Klosterfrauen und gar da oben aus den Bogen wachsen die Köpfe heraus wie Lederäpfel und grinsen einen gespenstig an. Gott gebe allen Christgläubigen die ewige Ruh'! Es sieht wahrhaftig zum fürchten aus.«

»Freilich,« machte halblaut der Torwart, »es ist auch zum fürchten, aber jetzt nicht, nur nachts in der stillen Woche. Da steht der steinerne König auf und die steinernen Konventfrauen steigen von den Wänden und halten alle miteinander stillen Umgang.«

»Das glaube ich nicht,« sagte der Lumpenhütlein.

»Und es ist doch wahr, so heilig wahr als du voll bist,« schnörrzte ihn der Torwart ab. »Einmal wagte ich's und schlich mich leise in den Gang. Aber ich kam zu spät, sah nur noch weiße Nebel umgehen.«

»Das glaube ich,« machte der Lumpenhütlein.

»Was, du vertrunkene Christenseele, du verspottest mich und die nachtwandelnden Geister?!«

»Seid still!« gebot jetzt der Glückhütlein. »Oder wollt ihr die hilfreichen Geister verscheuchen?«

»Dieser glatzköpfige Posaunenengel,« brummte der Torwart, »hat mich . . .«

»Wenn ihr nicht Ruhe gebt, kehr' ich wieder in die Torstube zurück,« schimpfte flüsternd der Glückhütlein, »dann zaubert, wenn ihr's könnt. Jetzt heißt's das Maul bezapfen, der Teufel ist um den Weg mit hunderttausend Legionen Helfershelfern. Er möchte uns beim Schatzheben ein Bein stellen, weil wir eine arme Seele erlösen wollen. Also still, mäusleinstill!« gebot er mit warnend erhobenem Finger. »Und jetzt kommt einmal!«

Der Sodbrunnen mit Drehwinde und Wassereimer befand sich mitten im Garten.

»Pst!« machte der Glückhütlein, als sie am Brunnen anlangten. »Nun muß es um den Brunnen so still sein, wie um das Grab eines armen Teufels. Stellt euch an die Winde und tut was ich euch sage!«

Die zwei andern Schatzgräber und der Torwart machten sich in feierlichem Schweigen an die Winde. Der Kratzschreiber aber setzte sich, sinnlos betrunken, in sich hineinkichernd, zwischen die Grabsteine.

»Laßt den Eimer hinunter!« befahl der Glückhütlein.

Der Eimer verschwand in der Brunnenstube.

Nun begann der buckelige Glückhütlein einen tollen Hockuspockus mit wunderlichen Sprüchen und Gebärden. Er verwarf die Arme nach allen Himmelsrichtungen und murmelte unablässig Beschwörungen in den Brunnen hinein.

»Ich sehe ihn schon glänzen,« flüsterte der Torwart, der sich neugierig über das Drehrad gebeugt hatte.

Jetzt schlug es zu St. Peter Zwölfe.

»Dreht, dreht!« machte hastig der Glückhütlein, »der Schatz schwappelt schon im Eimer, ich höre es deutlich. Dreht, dreht!«

Da schafften sie gewaltig an der Winde und nun ächzte der grobhölzige Eimer, schwer, als wäre er mit Goldpflaster beladen, herauf an das Dämmerlicht des Mondes.

Gierig fuhren sie darauf los. Aber im Eimer schwappelte nur kühles, durchsichtiges Brunnenwasser und auf seinem Rande hockte ein schöngesprenkeltes Krötlein in der ansehnlichen Größe eines landesüblichen Holzerhandschuhes.

Paff vor Überraschung und Enttäuschung glotzten alle auf das feuchtglänzende, rostbraune Tierlein.

»Was?!« machte entrüstet der Torwart, »ist das der ganze Zauber, dieses Brunnenkrötlein? – Ja, mein lieber Hexenmeister, das hätte ich auch herausgefischt und zwar ohne deswegen einen solchen Narrentanz um den Brunnen aufführen zu müssen. Ei, du verlogener . . .«

»Pst! Still! So schweig doch ins Henkers Namen!« fauchte ihn der Glückhütlein in höchster Aufregung an. »Wo hast du denn deine Sinne?! Merkst du denn nicht, daß das eine verhexte Kröte ist und daß in ihr die verwunschene Äbtissin Anastasia steckt und auf Erlösung wartet. Das ist doch so klar und windheiter wie eine Föhnnacht. Als häßliche Kröte muß sie den Römerschatz hüten, weil sie einst so hoffärtig war und wer sie dreimal küßt, der erlöst sie und erhält den vergrabenen Schatz.«

»Potz Blut und Blitz!« brummte der Torwart und wischte mit dem Ärmel den Mund. »Ich küsse keine Kröte und wenn sie zehnmal die verhexte Äbtissin Anastasia und über und über, wie ein Meßkelch, vergoldet wäre.«

»Ich beim Eid auch nicht,« machte der Lumpenhütlein. »Wenn denn um's Kuckucks willen eine Äbtissin geküßt sein muß, um den Schatz zu heben, so will ich lieber die gegenwärtige küssen als die vergangene.«

»Wäre das Krötlein in einem Legel Kometenwein gelegen, statt in einer Brunnenstube voll Wasser, tät ich den Kuß wagen,« meinte der Lamphütlein.

»Daß dich der Gockel picke!« zischte jetzt unwirsch der Glückhütlein. »Wenn niemand die verwunschene Kröte küssen will, so könnt ihr dem Schatz pfeifen. Ich tät's wohl, wenn ich dürfte, doch das wäre wider die Beschwörung.«

»So soll sie der Kratzschreiber küssen,« meinte jetzt der Lumpenhütlein. »Hat er's gewagt, seine Alte ein halbes Jahrhundert lang auf ihren dornenreichen Rosenmund zu küssen, so wird er's diesem schöngesprenkelten, frischgewaschenen Krötlein auch einmal tun dürfen, besonders wenn er die Augen zumacht und denkt, es sei der Geist der lustigen Äbtissin Anastasia.«

»Ja beim Strahl,« machte der Torwart, »der Kratzschreiber soll die Kröte küssen. So alt er ist, hängt er sich doch immer noch allen Weibsbildern an die Röcke, auch wenn die Röcke von nichts weniger als von Seide und Sammet sind. Da kann er sich einmal an einer sattküssen, ohne daß sie ihn auf's Maul schlägt. Wo steckt er denn?«

Der Kratzschreiber saß aber immer noch zwischen den Grabsteinen und guckte, in sich hineinkichernd und schwatzend, mit glänzenden Froschäuglein zu den Sternen auf, als sähe er dort die Engel Ringelreihen tanzen.

Da umstanden ihn die Schatzgräber.

»Beim ewigen Hagel, er ist voll wie ein Wassereimer,« machte der Torwart, »wenn wir ihn hälden, so überläuft er.«

»Steh' auf, Bruder!« raunte der Lumpenhütlein dem blöd lächelnden Schreiberlein zu. »Steh' auf und komm'! Es gibt eine Äbtissin zu küssen. Einen wahren Heiligtagkuß darfst du tun im Vergleich mit den altbackenen Werktagsküssen deiner Kammergenossin. Dieser Kuß verschwägert dich mit allen verstorbenen adeligen Herren der Stadt Zürich. Steh' auf, steh' auf!«

»Hi hi hi, surge amica mea!« machte kichernd der Kratzschreiber. »Steh' auf, steh' auf, mein Schätzelein und laß mich durch dein Fensterlein! Die Nachtigallen schlagen. Was wollen sie denn sagen? Süß ist die Nacht im Maien, zu zweien, ja zu zweien! Hi hi hi.«

Der Lumpenhütlein lachte laut auf, aber der Glückhütlein zischte dem Schreiber ins Ohr: »Steh' doch auf, du vertrockneter Tintenfrosch! Eine junge Äbtissin sollst du küssen.«

»Juhuu!« krähte der Kratzschreiber heiser, daß alle zusammenfuhren. »Ja küssen. Ei, da bin ich auch dabei, Brüder, denn ich weiß was küssen heißt, ich.« Und überselig stotterte er: »Oscula summa dedi!«

»Er redt schon lateinisch,« sagte der Torwart, »jetzt ist er völlig besoffen. Nun schmatzt er uns die Kröte ab, als wär sie ein Maifräulein und hätte den Mund mit frischem Waldhonig bestrichen.«

»Faßt an, Gesellen!« gebot der Glückhütlein.

Und allsogleich erwischten sie das überglückliche Schreiberlein an den Henkeln und schleppten ihn zum Brunnen.

Sie meinten schon, sie hätten's gewonnen. Der Kratzschreiber begann unbewußt den welken Mund zu büscheln und es schien den Schatzgräbern, das dicke Krötlein auf dem Eimerrand äugle ihn recht begehrlich an, da stolperte er und stieß mit dem Arm heftig an den Eimer. Das aufgeschreckte Krötlein tat einen kecken Sprung und platschte in die Brunnenstube zurück.

Da standen sie nun, steif und starr wie Loths Weib und glotzten in den Brunnen hinunter.

»Potz Welt abeinander!« machte der Glückhütlein. »Jetzt ist die ganze Beschwörung für die Katz, die heillose Brunnenhexe ist uns entwischt. Ist aber auch niemand schuld als du,« fuhr er den kichernden Kratzschreiber an, »du mit deinem langsamen Enterichschnabel. In der Zeit wollte ich die eilftausend Jungfrauen abschmatzen.«

Mit weinseligen Äuglein guckte der Kratzschreiber um sich, wie ein Frosch im Teich, den ein Feuerbrand an die Oberfläche des Wassers lockt. Er wußte nicht wie ihm geschah. Die Welt kam ihm zu wunderlich vor, er ward immer feuchtfröhlicher gestimmt.

»Ich sehe die Kröte noch im Brunnen herumschwappeln,« machte der Torwart. »Hat sie der Schreiber hinuntergescheucht, so soll er sie auch wieder herauf holen. Kratzschreiber, du mußt das Krötlein aus dem Brunnen fischen!«

»He,« stotterte der Kratzschreiber, »bin ich denn ein Fischreiher geworden?«

»Freilich,« sagte der Lumpenhütlein, »und was für einer. Lang nur an den Schnabel!«

»Ei, du wirst Augen machen,« raunte ihm der Glückhütlein zu, »wenn du den Römerschatz im Kübel hast, auf lauter lötigem Gold hockst und wie der Blitz, reicher als die Königin von Saba, wieder herauffährst.«

Ehe der Kratzschreiber bei sich so recht ins Klare kam, ob er eigentlich ein Mensch sei oder ein Fischreiher, hoben ihn die Schatzgräber auf und setzten ihn, hin- und hertaumelnd, im Schweiße ihres Angesichts, auf den Eimer.

Da kauerte er nun, wie ein Kind auf dem Häfelein und lallte kichernd, mit dem Eimer hin und herschaukelnd: »Schatz, das Türlein aufgemacht! Amor vugi-vagi-vigilat, die Liebe wacht, die ganze Nacht, hihi, die ganze Nacht.«

»Dreht, Gesellen, dreht!« machte hastig der Glückhütlein.

So fuhr denn der Kratzschreiber in die Brunnenstube hinunter, wie seinerzeit der keusche Josef von Ägypten.

Aber auf einmal war im Brunnen ein Geschwappel und Gezappel, als müßte der Kratzschreiber mit der verwunschenen Äbtissin Anastasia wettschwingen, als schlügen die Brunnenjungfern Purzelbäume um ihn herum.

»Zieht, zieht!« tönte es dumpf aus dem Loch herauf, »zieht, ich ersauf'!«

Jetzt drehten die andern aus Leibeskräften und der Kratzschreiber flog geschwinder herauf als ein mit Salomonis Schlüssel beschworener Geist.

»Hilfio!« lärmte er stotternd, »helft, ihr Christen, man bringt mich um, man ersäuft mich wie eine junge Katz. Hilfio, Hilfio!«

Da kauerte er nun im überfließenden, lebhaft hin- und herpendelnden Wassereimer und seine schlotternden Beine gingen wie Brunnenröhren.

»Schweig doch, du Schlotterweide!« herrschte ihn der Torwart an. »Du weckst ja den ganzen Konvent auf. Wo hast du die Kröte?«

»Domine Deus!« lärmte der Kratzschreiber. »Angeli et archangeli venite venite!«

»Potz Heiland!« schimpfte der Torwart. »Nun fängt er gar noch die Psalmen zu singen an. So gib doch einmal Ruh', du lateinisches Feuerhorn!« Jetzt schallte ein gewaltiges Gelächter in das Kreuzgärtlein herab und wie die Schatzgräber verwundert aufschauten, sahen sie in allen Fenstern und Gucklöchern des Kapitelhauses, auf allen Seiten ringsum, behaubte und bezipfelkappte Köpfe. Und im Hause der Jungfrauen war ein überlustiges Zischeln, Kichern und Auflachen, denn die Pflegetöchter der Abtei sowohl als auch die Mägde hatten dem kurzweiligen Schatzgraben schon eine Zeitlang heimlich zugesehen.

Aber als sich nun die Schatzgräber hurtig daran machten, den Kratzschreiber von seiner nassen Schaukel herabzuheben, überkam diesen das trunkene Elend und er begann bitterlich zu weinen.

»Oh, oh!« wehklagte er schluchzend, »sie haben mich in einen Fischreiher verzaubert. Die Beine gehen mir bis in den Brunnen hinunter. Audi me, sancte Felix! Miserere mei, sanctissima Regula! In einen Fischreiher, oh, oh!«

»Das ist jetzt eine saubere Geschichte,« machte boshaft der Lamphütlein. »Jetzt hat dich deine Alte bis heute immer für einen Klapperstorch gehalten.«

Der Lumpenhütlein wollte laut auflachen, aber es blieb ihm im Halse stecken, denn nun kamen des Klosters Hofschreiber, der Zoller und meiner Frauen Gnad Pelzmacher halbbekleidet und die weißen Zipfelhauben noch auf den Köpfen, gegen den Brunnen.

»Potz Kreuzsternenhagel!« knurrte keuchend der Torwart. »Nun hat uns dieser lateinische Jammerheilige richtig die ganze Abtei aus den Betten geheult. Da hockst!«

Damit setzte er mit den andern den hilflosen, triefenden und schluchzenden Schreiber zwischen die Grabsteine auf den Boden.

»Ja, um's Himmels willen, was ist denn das für ein Geheul und Geplärre da im Kreuzgärtlein mitten in der Nacht?!« fuhr jetzt der Hofschreiber wütend gegen den Brunnen. »Es tönt ja grad, als hätte man da in der Brunnenstube ein Sonderfegfeuer für die Abtei eingerichtet. Wäre aber auch kein Wunder,« herrschte er jetzt den Torwart an, »es geht nachts in diesem Hofe von liederlichen Leuten aus und ein, ärger als in der stillen Woche im Beichthaus. Ich wollte lieber die Metze von Jericho ans Tor setzen, als dich, alten faulen Brummbär. Aber eben, seit wir soviel leichtes Geflügel im Hause haben, ist auch der Hof immer voll Füchse,« machte er mit erhobener Stimme, zum Hause der Jungfrauen hinaufschielend.

»Oh, oh!« ächzte der Kratzschreiber, seine nassen Beine betastend, »ein Fischreiher, ein Fischreiher!«

»Und ihr, landfahrende Spitzbuben,« wandte sich der Hofschreiber an die Schatzgräber, »wie konntet ihr mit diesem trunkenelendigen Waschlappen da so ein Spiel aufführen und wer hat euch überhaupt geheißen, im Kreuzgärtlein meiner Frauen Gnad nach Schätzen zu graben?«

»He,« machte der Lumpenhütlein, »es ist uns ergangen wie jenem Altmättler Mägdlein, das seinem Gesellen das Fensterlein aufmachte, der Torwart hat uns mit Güte dazu gezwungen.«

»Was schwatzest du, du Hansnarr! Wie kann er euch denn mit Güte gezwungen haben?«

»Ei,« gab der Lumpenhütlein zurück, »er tischte uns ein paar Krüge süßen Elsäßers auf.«

Jetzt war rings an den Klosterwänden wieder ein tolles Auflachen. Aber der Torwart und die Schatzgräber hoben unterdessen den Kratzschreiber mit Ach und Krach aus den Grabmälern auf und machten sich mit ihm, zwischen den Denksteinen hin- und hertorkelnd, davon, denn ihre Beine hatten ärgere Gewichte angehängt, als Galeerensklaven.

»Und daß du mir morgen die fahrenden Weintrichter fortschickst, du versoffene Nachtkappe!« schallte ihnen des Hofschreibers spitzige Stimme nach.

»Wir gehen schon, Herr Hofkanzler,« machte gekränkt der Glückhütlein. »Es gibt gottlob anderwärts auch noch Schätze zu heben, sind noch lange nicht alle Schätze hütenden Jungfrauen erlöst.«

Aber der Lamphütlein brummte vor sich hin:

»Wenn nur die ganze Brunnenstube voll rabenschwarzer, haberbreidicker Tinte wäre und diese ausgehonigte, vertrocknete Hofschreiberseele als Gänsefeder bis zum Nachglockenläuten am jüngsten Tage darin stecken müßte! Ich wollte mir dafür gerne zwanzig Jahre von meinem vergangenen sündhaften Leben abziehen lassen.«

»Ach, wie seid ihr kleinmütig und unzufrieden,« lachte, mit dem Kratzschreiber einen unfreiwilligen Ruck in die Grabsteine tuend, der Lumpenhütlein. »Laßt uns den Herrn loben und ihm inbrünstig danken, daß wir jetzt mit diesem lateinischen Kratzschreiber nicht zu einer zürichdeutschen Kratzschreiberin und sieben Kratzkindern heimkehren müssen. Es ist, meiner Seel, kein Gang zum Tanz. Juhuu, hoch der ledige Stand!«

»Et flore-florebit in aeternum!« stotterte schluchzend der Kratzschreiber.

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