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Der Pfeiferkönig

Meinrad Lienert: Der Pfeiferkönig - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Pfeiferkönig
authorMeinrad Lienert
firstpub1909
year1909
publisherH. R. Sauerländer & Co.
addressAarau
titleDer Pfeiferkönig
created20051017
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Viertes Kapitel.

In der Erkerstube der Äbtissin.

In der Erkerstube der Äbtissin, am offenen Fenster, saß am späten Vormittag Anna von Hewen, vor sich auf dem Gesimse eine silberne Platte mit einer leeren Milchtasse und einer angebrochenen Semmel.

»Um Gottes willen, Babeli,« sagte sie zu ihrer ältern Kammerfrau, die eben einen Staublappen in der Hand, auf eine im Hintergrunde des Gemaches stehende Staffelei zuschlurfte, »du wirst doch das Bild nicht abstauben wollen, es ist ja kaum trocken. Erst gestern malte der Meister zum letztenmal daran.«

»Nun ist's aber auch wie lebendig,« machte die alte Jungfer. »Wo man steht, bis in den hintersten Winkel, schauen einen Euerer Frauen Gnad gemalte Augen an.«

»Das kann nichts schaden,« sagte die Äbtissin. »Nimm das Bildnis und stell es hier auf das Fenstergesims!«

Die Kammerfrau trug das Ölgemälde der Äbtissin in die Fensternische und stellte es behutsam auf das Gesims. Durch ein rotes Butzenscheiblein spielte ein Sonnenstrahl um die Nase der ältlichen Kammerfrau.

»Aber Babeli,« machte die Äbtissin, »wie hast du doch heute eine rote Nase!«

Erschrocken äugelte die alte Jungfer nach ihrer Nasenspitze.

»Heilige sankt Regula!« ächzte sie entsetzt. »Wahrhaftig blutrot! O weh, was ist das?! Jetzt ist sie grasgrün, jetzt gar himmelblau. Ihr Heiligen der Abtei, ich bin verhext, ich bin verhext! Ach!« machte sie dann gedehnt, froh aufatmend den Augen der vergnügten Äbtissin folgend, »ach, die bunten Katzenscheiblein.«

»Rück' das Bild noch etwas mehr ans Licht! – So. Jetzt nimm das Zeug hier,« sie wies auf die silberne Platte »und geh'!«

»Au!«

Die Türe ging; fast hätte sie der aufkreischenden Kammerfrau das Geschirr aus den Händen gewischt. Ein schlanker, braunhaariger Bursche trat über die Schwelle und hinter ihm zeigte sich das rote Gesicht des Torwartes.

»Da wäre also der Spielmann!«

»Der Spielmann?« machte halblaut, die Augen sinnend auf ihr Bildnis gerichtet, Anna von Hewen.

»He ja, der Pfeiferkönig da. Ihr habt ihn ja herbefohlen.«

Jetzt sah sich die Äbtissin rasch um und den Burschen erkennend, sprach sie freundlich lächelnd: »Ei sieh da, unser Pfeiferkönig!«

Der Torwart machte die Türe zu und trollte davon.

»Gott grüß' Euer Frauen Gnad!« wünschte Ulmann, der Lützelpfeifer. »Ihr ließt mich rufen, just, als ich davon gehen wollte.«

»Ja,« sagte sie, sich erhebend, »ich muß dir doch danken für dein Ständchen, das dir so schwere Unbill einbrachte. Wie heißest du eigentlich, mein Freund?«

»Ulmann Meyer, der Lützelpfeifer.«

»Wessen Mann bist du?«

»Ich bin ein freier fahrender Mann des gnädigen Herrn von Einsiedeln, dessen Küche ich mit Fischen aushelfe und in dessen Kirche ich an hohen Festtagen mit meinem Spiel diene.«

»Wo hast du denn eine Heimstätte?«

»Ich wohne in dem zürcherischen Freiland der kleinen Insel Lützelau, in der Ruine des Frauenklösterleins.«

»Da hält also der Pfeiferkönig Hof und ersinnt die schalkhaften Liedlein, wovon du uns eines im Münsterhofe vorsangest und deren sich kein ritterlicher Minnesänger zu schämen brauchte, wie Herr Meiß meinte.«

Ulmann lächelte.

Ob er denn nicht lieber ein Hofschreiber geworden wäre, fragte sie ihn weiter.

Nein, gab er bescheiden, aber fest zurück, er hätte sich den hochmütigen Nasen nie unterbequemen können.

Sie schaute ihn aufmerksam an. Solch eine hochfahrende Rede aus dem Munde eines fahrenden Gesellen war ihr ein ganz neues Erlebnis. Und wie bescheiden wieder und selbstverständlich er sie vorgebracht hatte.

»Du hättest dich vor sie hin in die Sonne gestellt,« sagte sie dann, »so aber verlierst du dich im Schatten.«

In seinen Augen war ein plötzliches Aufleuchten. »O, Euer Frauen Gnad, es ist schön im Schatten zu wandern und still hineinzuträumen in den sonnigen Himmel, es gibt kein größeres Glück auf Erden.«

Ihr Mund öffnete sich halbwegs zu einem lautlosen Lächeln und wie er in ihre blauen Augen blickte, war ihm, er schaue in die blaue Dämmerung eines Waldes hinein, wo hinter einem Waldkapellchen hervor ein splitternacktes, neugieriges Waldhexlein gucke und ihm leise winke. Jetzt wollte seine Seele auf Tod und Leben, alles vergessend, hinter dem Hexlein herlaufen, es zu haschen, da beschatteten der Äbtissin dunkle Wimpern das wunderliche Märlein. Errötend sah er zu Boden..

»Also auf der Lützelau wohnst du,« machte sie nachdenklich. Dann lachte sie auf. Es klang ihm wie den Kindern das Glöcklein, das zum Weihnachtsbaum läutet. »Was schaust du denn mein Bildnis so aufmerksam an? Gefällt es dir?« fragte sie.

Mit prüfenden Augen beschaute er der Äbtissin Brustbild.

»Es ist schön,« sagte er dann, »aber Euer Frauen Gnad ist es nicht.«

»Ja, wer ist's denn?« fragte sie, schier verwundert.

»Euer Schatten, wenn Ihr wollt.«

»Mein Schatten? – Ei du Schmeichler, du tust dem Meister unrecht.«

»Ich kann es nicht recht sagen, wo's fehlt,« machte er fast verlegen, »aber mir ist's, es fehle dem Bildnis das anmutige Lächeln, wie der Rose im Stubentopf das Leuchten und der Duft der taubenetzten Rose im Hag mangelt. Oder wie dem Federwämslein des gefangenen Vogels das farbige Gleißen des Waldvögleins fehlt. Ich kann es halt nicht sagen, aber ich glaube, so wie Ihr ausseht, könnte man Euer Gnad doch nicht malen.«

Jetzt lachte Anna von Hewen überlaut auf. Es bedünkte den Pfeiferkönig, er höre die Englein die silberne Himmelsstiege herunterspringen.

»Ei, was bist du für ein sonderbarer Bursche.« –

Sie sah ihn ein Weilchen mit lachenden, forschenden Augen an. Dann sagte sie plötzlich: »Sie nannten dich gestern höhnisch Hofpfeifer der Äbtissin. Sag an, hättest du wirklich Lust, mein Spielmann zu werden?«

Er konnte kein Wort hervorbringen, es war zu unverhofft gekommen. Mit strahlenden Augen schaute er sie an.

»Du sollst keinen Mangel leiden, auch wird dir die Welt deswegen nicht verschlossen, mich aber würdest du dankbar finden für den Nutzen und die Kurzweil, die du meinem Gotteshause und mir schafftest. Willst du?«

»Ja, Euer Frauen Gnad,« machte er jetzt, »ich will Euch dienen, was ich vermag.«

»Gut denn,« sagte sie kurz. »So begib dich jetzt einstweilen in die Torstube. Der Torwart und meine Stubenfrau sollen dir eine Dachkammer in meinem Gebäude anweisen. Das weitere wird sich finden. Ich werde dich rufen, bedarf ich deiner. Bis dahin magst du meine Kirchenmusikanten etwas hernehmen, sie haben es notwendig. Geh'!«

Als kurz nachher Bürgermeister Rudolf Meiß in die Erkerstube trat und fragte, was sie da für einen seltsamen Gast gehabt hätte, schlang sie die Arme um seinen Hals, küßte ihn und sagte lachend: »Der braune Bursche, der Pfeiferkönig? Ei, den habe ich soeben zu meinem Hofpfeifer ernannt; mir zu lieb und Stüssi und seinen gehorsamen Dienern zu leid.«

»Den fahrenden Pfeifer?«

»Sieh' mich doch nicht so ernsthaft an, Ruodi,« sagte sie, »es ist mal so. Du bist doch schon recht alt,« sie zupfte ihn am Bart, »man müßte dir den Bart bald ganz ausrupfen, mein Herzensgockelchen, wollte man dir alle grauen Haare ausziehen. Da wirst du's doch verstehen, daß ich mich beizeiten nach einem andern Zeitvertreib ausschaue.«

»Ja,« meinte Herr Meiß, der ungewöhnlich ernst gestimmt war, »es täte mich wahrlich nicht wundern, wenn du mir einen Jungen vorzögest, denn wahr ist's leider, ich werde älter.«

»Aber nicht kälter,« lachte sie auf und verschloß ihm den Mund mit Küssen. Ob er denn glaube, sie wisse nicht, daß er der schönste Mann im Stadtring und darüber hinaus sei und ob er denn nicht an ihr liebes Knäblein denke, das sie für alle Ewigkeit zusammenbinde? Sie habe es jetzt einer treuen Amme in Frauenfeld anvertraut und er könne nicht glauben, wie sie sich darnach sehne, ihm das Kind eines Abends heimlich zeigen zu dürfen, da es gar ein feines sei und ihm und ihr auf's Haar gleiche.

»Uns beiden?« machte er verwundert.

»Gewiß, mein Lieber. Wenn du's anschaust, gleicht es mir, und wenn ich's anschaue, gleicht es dir.«

In stillem Glück hörte Herr Meiß der schönen Frau zu. Jetzt erblickte er aber ihr Gemälde in der Fensternische.

»Sieh da, so ist der langweilige Maler endlich zu Ende gekommen,« machte er erfreut und stellte sich neugierig vor das Bildnis.

»Wie gefällt es dir?«

»Gut, meine Liebe, recht gut. Der Meister hat deine Art wohl erfaßt und sie treulich wiederzugeben versucht. Ist ihm auch so ziemlich gelungen. Die zwei Seelen in einer Brust: Die hochmögende Königin . . .«

»Ei, ei, Herr Ritter!«

»Und das schalkhafte, verliebte Klosterkätzchen . . .«

»Es wird immer besser.«

»Sind recht gut getroffen. Ich hätte mir die Augenbrauen etwas strenger gewünscht, damit jedermann gleich deutlich geworden wäre: Dort in den hochgeschwungenen Buschrändern sind die kleinen bösen Gewitter verborgen, die so unerwartet in die blauen Augen hineinblitzen können.«

»Du schlimmer, du böser alter Zauberer!« schmollte die Äbtissin und zupfte Herrn Meiß am Bart.

Jetzt begann die große Glocke der Probstei zum großen Münster zu läuten.

Anna von Hewen horchte auf. »Was hat das zu bedeuten?«

»Ja, richtig,« machte er, und seine offene Stirne verdüsterte sich, »es wird ein feierliches Requiem für den Toggenburger im großen Münster abgehalten. Ich komme eben vom Rathaus.«

Die Äbtissin sah ihn forschend an. »Vom Rathaus? Habt ihr dort etwa schon über des Grafen Tod und seine Hinterlassenschaft verhandelt?«

Der Bürgermeister ließ sich in der Äbtissin Lehnstuhl, ihrem Bild gegenüber, nieder und sie lehnte sich neben ihm ans Fenstergesimse an.

»Erzähl', erzähl'!« drängte sie.

»Bürgermeister Rudolf Stüssi war schon zu Beginn der Sitzung auffallend erregt und als nun ein Bote die Meldung brachte, die Schwyzer hätten schon die ihnen verschriebene Marchlandschaft samt der Feste Grinau besetzt, ward er sehr aufgebracht und drängte den Rat, er solle nun sofort mit allem Eifer Zürichs Ansprüche auf des Toggenburgers hinterlassene Länder geltend zu machen suchen. Ihr älteres Burgrecht mit dem Grafen habe ja vor dem Schwyzer Landrecht den Vorrang. Es würde das beste sein, er könnte nächster Tage in des Grafen Landen selbst zum rechten sehen. Es sei schon übel genug, daß die Schwyzer ohne weiteres die March besetzt hätten. Seine Rede gegen Schwyz wurde immer drohender; sie ward wie ein Schwert, das zum Kriege winkt.

Als ich dann anriet, in Ruhe mit den natürlichen Erben und Schwyz, mit dem der Graf nun einmal doch verlandrechtet sei, sich auseinanderzusetzen, wurde ich nur ungern angehört, obwohl ich beifügte, daß gewiß auch Österreich seine verpfändeten Länder zurückhaben wolle und man im Falle eines Streites die übrigen Eidgenossen als Schiedsrichter anrufen könne und solle.

Aber der Rat bevollmächtigte Stüssi, sofort ins Gaster und die andern, der Stadt zugesicherten Herrschaften des seligen Grafen und wenn tunlich, auch zur Gräfin, als ihrer Bürgerin, zu reiten und alles ihm gutscheinende, zur Wahrung der zürcherischen Ansprüche vorzukehren.

Es tat mir leid, daß sie nicht wenigstens zuerst des Grafen natürliche Erben sich hören lassen wollten. Aber der Stadtschreiber, der Graf, ward spitzig und rief mir, unter dem Beifall der andern, zu, ob wir denn warten wollen, bis andere dem großen Hafen die goldenen Ostereier aus dem Neste genommen hätten.«

Anna von Hewen war allmählich ganz still geworden. Dann frug sie auf einmal den sinnend auf das Gemälde blickenden Bürgermeister, wann Stüssi reiten wolle. Er glaube in den nächsten Tagen, beschied Herr Meiß. Da müßte sie sich sputen, meinte sie nun, denn sie beabsichtige auch eine Kondolenzfahrt zur Gräfin und möchte nur ungern mit diesem, mit städtischen Würden aufgeputzten Bauern zusammentreffen.

Ja, antwortete er, es dürfte auch klüger sein, wenn sie ihn jetzt vermiede. Er sei wütend über ihr böses Spiel mit seinem vielgeliebten Sohne im Münsterhof. Es habe dies von ihr unbesonnen, aber mit gewohnter Entschiedenheit verursachte Aufsehen, seine Abneigung gegen sie und ihn in tiefen Haß verwandelt, der ihnen noch gefährlich werden könnte. Er solle gestern Abend auf der Trinkstube zum Schneggen, da er etwas angetrunken war, gesagt haben: Er werde nicht ruhen, bis der ganze See zürcherisch, die Straße ins Bündnerland und bis ins Welschland offen sei, und bis die Macht der hochnasigen Geschlechter und der Päbstin von Zürich vollständig gebrochen sei. Es liege in den alten Namen immer noch eine Kraft, die ihm widerstrebe. Auch müsse diese Abtei nun einmal aufhören, die Hochburg des gesamten schwäbischen Adels in der Eidgenossenschaft zu sein. Er werde sie zum leeren Schneckenhaus machen, trotzdem die Äbtissin, wie er wohl wisse, die abgeblaßte Herrlichkeit ihres Hauses wieder frisch vergolden möchte.

Erbleichend hatte Anna von Hewen zugehört. Nun sagte sie, seltsam lächelnd, den Bürgermeister bei der Hand fassend: »Ich weiß, daß du nicht so denkst. Aber sag', mein Lieber, würdest du einer wiedererstandenen Fürstin von Zürich die Hand als ihr getreuer Untertan küssen?«

»Die fürstliche Hand mit tausend Freuden,« gab er ernst zurück, »den fürstlichen Siegelring nie.« Jene Zeit sei für immer vorüber, fuhr er dann fort, er fürchte, es gebe zu wehren genug, wenn man für die alten Geschlechter den Schein und für die Abtei den Rest der verflogenen Herrlichkeit gegen die alles vermögenden Zünfte und den hinter ihnen stehenden Volkswillen behaupten wolle. Rudolf Stüssi habe den Willen, mit allen Vorrechten der Geschlechter aufzuräumen, freilich mit dem wohl zu merkenden Hintergedanken, den Rücken des Volkes als Steigesel für seinen unbändigen Ehrgeiz und die eigenen Herrschergelüste zu gebrauchen.

Um das Volk ganz zu gewinnen, werde er nun trachten, ihm vom Toggenburger Totenmahlkuchen ein recht großes Stück heimbringen zu können. Er und sein listiger Stadtschreiber werden daher mit allen Mitteln sich an des Toggenburgers Tisch setzen wollen und müßten sie darum sein Haus und die ganze Eidgenossenschaft in Kriegsbrand stecken. Stüssi sei jetzt wie ein Vollblutpferd, das nach der fetten Weide zittere und der Stadtschreiber sei der Nachtmahr, der es reite.

»Ja, ist denn niemand unter euch, der es versteht und wagt, diesem wilden Draufgänger einen Zaum anzulegen?« unterbrach die Äbtissin unwillig den Bürgermeister.

Er habe bisher sein möglichstes getan, entgegnete Herr Meiß, Stüssi und seine Parteigänger im Zaum zu halten und er werde mit seinen meist treulich zu ihm stehenden Leuten von der Konstafel auch jetzt wieder alles dransetzen, den ungestümen Mann und seinen allzuwilligen Anhang von gefährlichen Abenteuern zurückzuhalten. Aber er habe die Mehrheit nun nicht mehr für sich, denn er könne den Räten kein Bergspieglein vorhalten wie Stüssi, das so verlockende Aussichten auf schöne Erbländer zeige. Damit vermöge der jetzt so ziemlich alles. Seine Macht wachse wie eine Lawine und eine Lawine in den Zaum zu nehmen, sei schwierig. Er sehe es kommen. Erlange der Bürgermeister das Erbe nicht friedlich, so werde er darum mit Schwyz und aller Welt streiten, und wie er Rudolf Stüssi und das Haupt der Schwyzer, den ältern Itel Reding kenne, werden da zwei Herrenbauernschädel arg zusammenkrachen, bis einer breche.

»Ich würde nicht zu sehr trauern,« sagte jetzt die Äbtissin, »wenn dieser Stüssi eine Schlappe erlitte, also daß das toggenburgische Erbe samt und sonders der Stadt entginge. Der Adel im Aargau, Thurgau und im ganzen Schwabenlande würde aufatmen.«

Einen raschen lauernden Blick tat sie nach dem Bürgermeister.

Aber schier entrüstet antwortete Herr Meiß: »Nein, meine liebe Freundin, den Schaden der Stadt möchte ich denn doch nicht wünschen. Läßt er sich auf rechten Wegen erreichen, bedeutet der Zuwachs doch eine Stärkung unserer schönen Stadt. Dein Wunsch,« setzte er seltsam bei, »riecht ein bißchen stark nach Landesverrat, um so mehr, als du Rat und Kapitel bei deiner Wahl durch Bischof Otto von Konstanz beurkundetest, nichts gegen sie zu unternehmen.«

Lächelnd fuhr sie ihm über's Haar. »Runzle doch die Stirne nicht so sehr, es macht dich um zehn Jahre älter, du gutmütiger Ruodi! Bedenkst du denn so wenig, daß uns das Volk auch unserer Rechtsamen beraubt und daß seiner Führer Niedergang unser Aufgang wäre.«

Meiß lächelte halbwegs und drohte ihr mit dem Finger.

»Anna, ich kenne dich so ziemlich,« machte er, »oder ich meinte es doch. Aber jetzt geht mir etwas auf, was ich lieber nicht glauben möchte. Du bist ehrgeizig, regierst gern, das weiß ich. Solltest du am Ende wirklich, wie Bürgermeister Stüssi vermutet, nach der Wiederaufrichtung des fürstäbtlichen Stuhles von Zürich trachten?«

Mit großen, streng fragenden Augen schaute er sie an.

»O du Schalksnärrchen,« machte sie lachend, ihm mit der Hand die Augen bedeckend, »mach' doch nicht Augen wie Daumeuschrauben. Ich bin ja zufrieden, wenn ich dich, den vornehmsten Mann in Zürich, beherrschen kann.«

»Das dachte ich doch,« sagte er nun beruhigter, »daß eine so kluge Frau wie du, nicht solch müßigen Träumereien nachhängt, denn das muß ja ein Kind einsehen, daß es mit der ausschließlichen Fürstinnenherrschaft in dieser aufstrebenden Volksstadt für immer zu Ende ist. Und nun lebwohl, meine Liebe!« machte er dann. »Ich muß mich sputen. Es würde mir übel ausgelegt, erschiene ich nicht im Totenamt; zu spät bin ich schon, es dürfte bald zur Wandlung läuten.«

Sie umarmten sich. Dann gab die Äbtissin ihrem Freunde das Geleite bis in ihren Baumgarten hinunter, durch dessen Tor er in die Abtei zu kommen pflegte.

Kaum hatten die Äbtissin und der Bürgermeister die Erkerstube verlassen, ging die Türe knarrend wieder auf und über die Schwelle trampten, mit dem Torwart, die drei Spielleute von Einsiedeln, der Glückhütlein, der Lamphütlein und der Lumpenhütlein.

»So, hier wartet ihr auf meine Frau,« brummte der Torwart. »Und daß sich keiner untersteht – sakerlot!« machte er und schaute schier scheu nach der Äbtissin Gemälde in der Fensternische, »jetzt hab' ich beim Eid Hagel gemeint, sie sitze dort auf dem Fenstersims. Also daß sich keiner untersteht, sag' ich, meiner Frauen Gnad mit seinem übelriechenden Äpfelmosttrichter zu nahe zu kommen. Ich hätte euch eigentlich nicht zu ihr hinauf führen sollen.«

Einer um den andern hatten die drei Spielleute in das Weihwasserkesselchen gelangt und sich bekreuzt und eben war der Lamphütlein daran, den armen Seelen zu spritzen.

»Stubenvater,« sagte er unwirsch, »du brauchst uns das Schinnenzeug nicht zu putzen, wir sind auch schon mit Herren zusammengetroffen und hatten alle Torwärter, die höflicher waren als du. Was machst du denn wie ein alter angriffiger Bär Männchen vor uns? Es fürchtet uns vor dir ja doch nicht, du zweiseitiger Brummbaß! Und was das Übelriechen anbelangt, so ist es gewiß auch noch keinem Mägdlein eingefallen, dich im Wonnemonat Mai für ein Veilchen zu halten. Wohl, du mußt uns Lebensart predigen, Leuten, die in der halben Welt herumkommen, während du tagaus tagein in deiner Torklause liegst und brummst und saufst. Trost den armen Seelen im Fegfeuer!« machte er, andächtig den Boden mit Weihwasser besprengend.

»Du hast immer noch das gleiche böse Maul,« schimpfte der Torwart, »nimmt mich Wunder, wenn das einmal einrostet.«

»Ei, so lang es noch ein Weinkännlein in unserer lieben Eidgenossenschaft gibt,« entgegnete der Lamphütlein, »hat es keine Not. Ich will das Mundwerk damit fleißiger einölen, als ein sündhaftes Klosterfräulein sein Türenbeschläg.«

Brummend machte sich der Torwart davon; ein Gelächter schallte ihm nach.

»Wir werden ihm heut doch noch um ein Trünklein an die Türe klopfen,« sagte der Lamphütlein, »so Gott und meiner Frauen Gnad bei Laune sind.«

Der Glückhütlein hatte sich unterdessen, wie ein Kater, der mit aufgestelltem Buckel eine Taube beschleicht, näher ans Bildnis der Äbtissin herangemacht.

»Bei unserm Landespatron sankt Meinrad,« machte er halblaut, »es ist die Fürstin, wie sie Gott und ihr Leibschneider ins Leben gestellt haben. Es hängt gar noch ein Tautröpflein an der Rose, die sie in der Hand hält. Ist doch ein heillos schönes Weib.«

»Freilich,« meinte jetzt der Lumpenhütlein, der nun mit den andern, das Gemälde kritisch beaugenscheinigend, davor getreten war, »ja freilich, ein sündhaft schönes Weib. Der stiegen nicht bloß zwei Richter, sondern gleich das ganze Stadtgericht über die Mauer, täte sie in der Limmat vor dem Rathause baden. Ei, der Gauch, mit der wollt' ich willig Kirschen vom Baume lesen, auch wenn es ein Apfelbaum wäre. Und eine gescheite Hexe muß das sein, daß sie sich jung malen läßt und nicht wie's Brauch ist, erst wenn man ihre und ihrer Ahnen ganze Lebensgeschichte aus den Runen ihres Gesichtes deutlicher als aus einem Beichtspiegel ablesen kann. So bleibt sie ewig jung.«

»Sie hat wohl ein scharfes Gesicht,« meinte jetzt der Glückhütlein »und ein kühn geschwungenes Bogennäschen, aber jetzt sieht man das mit tausend Augen nicht. Ihr Gesicht ist jetzt wie eine Felsennase im Morgensonnenschein, eitel Duft und Glanz.«

»Wart' nur bis die Haselnüsse wieder zehn Jahre lang reif geworden sind,« sagte der Lumpenhütlein, »dann schaut dir das nämliche Gesicht aus wie eine Felsennase in der Abenddämmerung, unbestimmt, um die Augen einen blauen Nebel, aber doch noch schön, etwa wie Maria Magdalena kurz bevor sie das Bußetun anfing.«

»Ja,« machte der Lamphütlein, »und dann wartet bis die Haselnüsse noch zehn weitere Jahre reif geworden sind; dann macht sie ein Gesicht, wie eine Felsennase im heitern Mittag, scharfkantig wie ein Lämmergeierschnabel.«

Ein fröhliches Auflachen hallte in die Erkerstube. Anna von Hewen, die still durch eine Seitentüre schaute und das Ende des kritischen Gesprächs noch so ziemlich erlauscht hatte, trat nun in die Stube.

»Sieh da die Spielleute von Einsiedeln!« machte sie gutgelaunt. »Was bringt ihr mir, ihr alten Knaben?«

Verblüfft, dumm dreinschauend, standen die drei Alten da.

»O, ich hab' es wohl gehört,« sagte sie jetzt, mit lachenden Augen vor die überraschten und sich allmählich sammelnden Spielleute hintretend, »zu alt darf ich nicht werden, sonst gefalle ich euch nicht mehr. Aber,« setzte sie schalkhaft bei, »ihr scheint mir auch nicht ewig jung zu bleiben, denn seit ihr mir zur Verherrlichung meiner Erhebung zur Äbtissin, vor nicht allzu langer Zeit, im Hofe spieltet, seid ihr alle schon recht grau geworden.«

»Freilich,« sagte nun der Lamphütlein, der zuerst wieder Haltung gewann, »wir sind bald silbergrauer als frischgeschloffene Weidenkätzchen. Das kann aber für kein Wunder gelten, wenn man so oft verschneit wird und keinen Unterstand findet.«

»Und nun, was wünschet ihr denn von mir?«

»Euer Frauen Gnad, wir wünschen uns unter Euern besondern Schirm zu stellen,« machte der Lamphütlein. »Man hat uns im blauen Esel, wo wir sonst alleweil übernachteten, schnöde hinausgeworfen. Und in der Herberge zum Affenwagen brachte man uns auf der zügigen Winde unter, als wären wir bresthafte Stühle oder Bildnisse schon beerbter alter Tanten und Vettern. Und das alles nur, weil wir des Abtes von Einsiedeln Leute seien, obwohl wir doch gewiß nichts dafür können, daß der Graf von Toggenburg noch andere Leute und gar den Stand Schwyz statt einzig und allein die Stadt Zürich zum Erben einsetzte. Ich habe bisher das Erben für die leichteste und angenehmste Arbeit gehalten, sehe aber jetzt ein, daß es sogar großen Herren und einer ganzen Stadt Alpdrücken machen kann.«

»Ja, seid nur froh, daß ihr nicht mitzuerben braucht,« machte schier ernsthaft die Äbtissin. »Übrigens,« fügte sie lachend bei, »haben es ja Leute, die, wie ihr, allerorten die Schätze nur so aus dem steinharten Boden zu zaubern vermöchten, nicht nötig. Und nun begebt euch zum Torwart in die Torstube und erholt euch dort von den Unbilden und Mühsalen, die man euch in unserer Stadt verursachte. Der Torwart soll euch bis morgen Unterschlupf gewähren. Geht mit Gott!«

Dankend zogen die drei Gesellen ab. »Gott und seine Doppelheiligen sankt Felix und Regula mögen es Euch vergelten!« riefen sie im Abziehen.

Wie ihre Schritte in den Gängen verhallten, ließ sich die Äbtissin, die mit halblächelndem Munde nach der Türe geträumt hatte, in den Lehnstuhl nieder und schaute nachdenklich vor sich hin.

Es war gekommen wie sie's erwartet hatte. Meiß war zu gerade, ihm durfte sie ihre Absichten jetzt nicht anvertrauen, er würde auf ihre Pläne nicht eingehen. Zwar war er gescheiter als die andern alle, aber auch besser; zu gut für einen der widerstehen und gar drauflos soll. Er mußte erst gehärtet werden, die Ereignisse, ihre Feinde würden ihr dazu behilflich sein. Dann vermöchte sie ihn, ohne daß er's merkte, dahin zu führen, wo sie ihn haben wollte, wo er ihren Absichten selbst wider Willen dienlich sein konnte. Wie einfach, wie geradewegs ihr Geliebter zu seinem Ziele, zur Bändigung Rudolf Stüssis zu kommen glaubte. – Sie mußte lächeln. Wie wenig kannte der offene, vornehm ruhige Meiß den gewalttätigen, bauernschlauen Glarner und wie unterschätzte er die Triebkraft des Ehrgeizes, die auch sie an sich erfuhr. Landesverrat? Hatte Meiß nicht von Landesverrat gesprochen. – Dies Wort mochte vielleicht für ihn einen Sinn haben, niemals für die Nachfolgerin der rechtmäßigen, von Gott und den römischen Königen eingesetzten Herrin von Zürich. Warum sollte sie nicht die gleiche Herrlichkeit ausüben wie ihre Vorgängerinnen und wie die Fürst-Äbte von St. Gallen und anderwärts! War es nicht betrübend und bedrückend genug, daß sich ihre Vorgängerinnen allmählich bevogten und ein Herrscherrecht um das andere hatten entreißen lassen. Bald verblieb ihr nicht viel mehr als das Recht der Begnadigung, Zoll und Münz. Diese städtische Vormundschaft, auch in scheinbar dienender Form, war ihr eine peinvolle Fessel und sie mußte, wie sie bedünkte, unerträglich werden, kämen ein siegreicher Stüssi und sein Anhang dazu, die Nasen in ihre letzten Heimlichkeiten zu stecken. Aber nun war die Gelegenheit da, es vielleicht zu wandeln. Sie wollte ihren Vorteil wahrnehmen und alles versuchen, sich ihrem Ziele, der Wiederherstellung des Fürstenthrones von Zürich, näher zu bringen. Es galt den Kampf mit dem emporgekommenen Volke der Stadt. In seinem Haupt, in Bürgermeister Stüssi, wollte sie es mit aller Frauenlist niederzwingen und wieder zu bändigen suchen.

Zuerst mußte sie jetzt Stüssis Absichten auf des Toggenburgers Nachlassenschaft, von deren Verwirklichung er Allmacht erhoffte, durchkreuzen können. Das weitere würde sich finden. Zu diesem Zwecke würde sie sich aber mit dem eifersüchtigen Schwyz, auch mit den adeligen Verwandten des Toggenburgers und allen Herren, die Zürich abhold waren, in enge Verbindung setzen müssen. Da war nun vor allem ein kluger, treuer Kundschafter notwendig, der ihr die gefährlichen schriftlichen und mündlichen Botschaften vermitteln würde. Sie hatte im Geiste alle ihre dienstbaren Leute, geistliche und weltliche, an sich vorbeiziehen lassen, aber schien ihr der eine treu genug, so bedünkte er sie wieder nicht klug genug und umgekehrt. So lag sie noch am frühen Morgen, hierüber grübelnd, im Bette und konnte zu keinem Ende kommen. Da war ihr mit einemmale der Pfeiferkönig eingefallen. Er hatte bei seinem Ständchen im Hofe so andächtig zu ihr aufgeschaut. Und heute nun, wie er demütigen und willigen Herzens, wie ein Bräutlein vor dem Himmelbett, vor ihr stand und sie doch wieder ansah mit stolzen, strahlenden Augen, wie ein gefallener Engel, ward es in ihrer Seele fest beschlossen, er müsse ihr Kundschafter werden und kein anderer. So einen brauchte sie, einen hochmütigen Bettlerkönig.

Mit einemmale schoß die Äbtissin aus ihrem Sinnen auf. »Ei,« sagte sie laut, »alles will erben, alles läuft nach Schätzen, selbst die drei alten Käuze aus dem finstern Wald. Nun denn, da lauf ich auch mit, sonst sackt dieser Bauer auf dem Bürgermeisterthron die ganze Welt ein. Bis jetzt war ich die geliebkoste Magd der Stadt, aber mich gelüstet nach ihrem verlorenen Fürstenkrönlein. Ich werde es suchen. So darf es nicht weitergehen. Kann man's ändern, ich will es ändern. Babeli!« rief sie in den Gang hinaus.

»Ja, Herrin?« kam eine ferne Stimme aus den Gängen zurück.

»Der bestellte Rennbote soll sogleich kommen.«

»Da bin ich schon.«

Ein hochgewachsener Klosterknecht trat ins Gemach und blieb neben der Türe stehen.

Anna von Hewen ging zu einer großen, reich mit Schnitzereien verzierten Truhe, klappte den Deckel auf und entnahm ihr ein sorgfältig zusammengerolltes Schriftstück. Sie legte sein schweres Wachssigel aus die Hand und betrachtete sinnend das Sternlein ihres Wappens ob den zwei, ihre Köpfe unter dem Arm tragenden Stadtheiligen Felix und Regula.

»Lieber wollt' ich den Kopf auch unter dem Arm tragen wie diese Heiligen, als länger auf dem Halse ohne Fürstenkrone,« flüsterte sie vor sich hin. »Nun geh' auf, mein Stern!«

Dann gab sie die Schriftrolle ihrem Gotteshausknecht in Verwahrung und hieß ihn eilen.

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