Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Meinrad Lienert >

Der Pfeiferkönig

Meinrad Lienert: Der Pfeiferkönig - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Pfeiferkönig
authorMeinrad Lienert
firstpub1909
year1909
publisherH. R. Sauerländer & Co.
addressAarau
titleDer Pfeiferkönig
created20051017
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.

Das Ständchen.

Auf dem Hof, unter den Linden, dauerte das Festleben bis in den späten Nachmittag hinein. Dort hielten die Bogenschützen ihr gewohntes Jahrmarktschießen ab.

Eine bunte Gesellschaft fremden Volkes machte sich im Hofe zu schaffen. Es ging zu wie am St. Felix- und Regulatag. Lärmende Gaukler und fahrende Wunderdoktoren gaben sich redlich Mühe, die Leute der Stadt und von den Höfen am See auszubeuten, und äußerst offenherzige, toll herausgeputzte fahrende Frauen sahen sich, nicht erfolglos, nach fröhlichen Knaben um.

Aber vorne im Hofe, wo sich ein paar Büblein abarbeiteten, einen ungeheuerlichen Katzenkopf mit Rasenstücken und Steinen zu laden, war ein lebhaftes Armbrustschießen nach den Scheiben hinter den Tätschhäuschen in der Klostermatte am Ötenbach. Der Stubenknecht der Bogenschützengesellschaft sorgte nach bestem Vermögen dafür, daß niemand verdurstete, denn in einem ausgiebigen Fäßchen hatte er die Tranksame auf das Mäuerlein des Hofes postiert.

Auf den Dächern der gegenüberliegenden Häuser der mehrern Stadt und darüber, auf den grünen Halden des maiblustbestäubten Zürichberges und auf den rötlichen Riesenföhren am Höhenkamm, lag der warme, goldene Schein der Abendsonne.

Eben legte Hans Stüssi, des Bürgermeisters Sohn, einen Pfeil auf die gespannte Armbrust, da schlug es am nahen Wendelstein zu St. Peter dröhnend fünf Uhr.

»Feierabend!« rief der an der Armbrustwinde lehnende Meister der Gesellschaft.

»Den Pfeil schösse ich noch ab und wenn's von allen Kaminen und Bäumen der Stadt fünfe schlüge,« machte der junge Stüssi und drückte ab.

Da berührte eine Hand seine Schulter, und wie er sich fast unwillig wandte, denn er war in recht übler Laune, – stand der Untervogt im Kratz vor ihm und sagte lachend: »Lieber Junker, wenn Ihr nach dem Spiel Eueres Nebenbuhlers um der Maifrauen Kränzlein ein besonderes Gelüsten verspürt, so müßt Ihr jetzt laufen, sonst möchte es leicht zu spät sein. Er bringt eben meiner Frauen Gnad im Hofe der Abtei ein Ständchen.«

Hans Stüssi erbleichte.

»Gelt Hans, der wagt etwas!« neckte ihn des langen Schwenden Sohn. »Hat's ja freilich im Münsterhof vor allen gesagt, er werde der gnädigen Frau trotz dir den Dank noch abstatten. Siehst du's jetzt!«

Stüssi nagte, grimmig dreinschauend, an seinem Schnäuzchen.

»Was, das laßt Ihr Euch gefallen, Junker, daß Euch ein Landfahrer, ein Darmfidler verhöhnt!« rief Hans Asper, der oberste Ratsknecht, dem jungen Stüssi zu. »Ei, dem wollte ich fideln, daß er sich die Beine bis an den Kragen hinauf abtanzen müßte.«

»Wer kommt mit?!« überschrie sich Stüssi, auffahrend.

»Ich bin dabei,« lachte der junge Schwend, »wir wollen uns mit dem König der fahrenden Brettspieler und Darmsaitensäger einen fröhlichen Jahrmarktabend machen. Wer tut noch mit?«

»Wir kommen alle!« rief es unter den jüngern Bogenschützen ringsum. Und die schweren Armbrüste schulternd, verließen sie den Hof.

Auf dem Weg trieben sie's arg mit Lärmen und Lachen und hatten ihre grobkörnige Lustbarkeit mit einigen fahrenden, bunt aufgedonnerten Frauen, die der wohlgewachsenen Jungmannschaft emsig folgten.

Aber als die übermütigen Burschen die hübschen Dirnen sogar in ihre Mitte nahmen, verging den aus ihren Häusern guckenden Leuten das Lachen, wenigstens die Töchter der Stadt und noch vielmehr ihre Mütter, ärgerten sich nicht wenig.

Im Münsterhofe wurden die Burschen ruhiger und wie sie beim Werkhof durch das Kilchtor in den äußern Hof der Abtei traten, die fahrenden Fräulein immer in der Mitte, hörte man nichts mehr als ihre gedämpften Schritte und das kichernde Getuschel der Weibsbilder.

Erstaunt fuhren der Torwart und der Kratzschreiber, der Schreiber der Armenpflege im Kratz, die eben einen reichlichen Abendschoppen auf einem Bänklein hinter der Tormauer vertilgten, auf und sahen mit blöden Augen dem seltsamen Zug der Bogenschützen und der fahrenden Weiber nach.

»Jetzt weiß ich nicht, bin ich besoffen oder träume ich,« machte der Torwart. »Bringen uns diese heillosen Bogenschützen ein ganzes Rudel landfahrender Weibsbilder ins Kloster, als wäre hier ein Frauenhaus, und ziehen an mir vorbei, als wäre ich von Stein, wie der König aus dem Karlsturm! Potz Blitz und Blut, was suchen denn die in der Abtei?«

»Ei,« sagte mit weinheiserer Stimme das schäbig aussehende Kratzschreiberlein, »diese Jungfern werden alles Maria Magdalenen sein und im Kloster von unserer lieben, gnädigen Frau Äbtissin das Bußetun und Kasteien lernen wollen.«

»Halt den Schnabel, du ausgetrockneter, siebenfacher Familienkater – Vater, wollt' ich sagen, oder ich lasse dich nicht mehr in die Abtei, dann mußt du elend verdursten. Ei, du verdammter Spielmannstag, wen jagst du uns noch in die Küche? Eben ließ ich auf sein bittliches Anhalten hin den fahrenden Pfeiferkönig in den Hof der Äbtissin, da er ihr ein Dankspiel fideln wolle, und nun bringt mir dieser ausgeblasene Hoffartsgockel, der junge Stüssi, gar alle Flüchtlinge von Sodom und Gomorrah ins Haus. Komm', Kratzschreiber, wir wollen ihnen nach!«

Aber wie machten sie große Augen, als sie den Hof der Äbtissin voll von Leuten sahen!

In den offenen Fenstern des Hauses der Äbtissin lagen Anna von Hewen und ihre Tischtöchter und schauten wohlgefällig in den Hof hinunter. Der Äbtissin Arme ruhten auf einem buntgestickten Gesimsteppich.

Im Hofe aber, umgeben von Gotteshausleuten, Beamteten, Knechten und Mägden, stand Ulmann, der Lützelpfeifer und spielte auf seiner Fidel.

Es war trotz der vielen Leute zwischen den Mauern stiller als in der Kirche. Man vermeinte, zum übermütigen Tänzchen, das Ulmann eben mit fliegender Hand fidelte, die Geisterfüßchen der Elfen tanzen zu hören.

Jetzt aber schaute die Äbtissin verwundert nach dem Tore ihres Hofes, aus dem ein Haufe jugendlicher Bogenschützen durch die zurückweichenden Gotteshausleute nach dem in sein Spiel versunkenen Lützelpfeifer hindrängte.

Sprachlos vor Erstaunen erhob sie sich. Was wollten diese Burschen und was sollten gar die Weibsbilder bedeuten, die sie mit sich führten? –

Anna v. Hewen besah sich die Eindringlinge genauer und sie erkannte Hans Stüssi, des Bürgermeisters Sohn. Sie erbleichte.

Auf einmal, wie auf ein Zeichen, brachen die Bogenschützen in ein gewaltiges Gelächter aus und lärmte einer mit schriller, nachgemachter Fistelstimme: »Lang lebe meiner Frauen schöner Hofpfeifer!«

Wiederum wiederhallte es im Hofe von einem rohen Auflachen.

Anna v. Hewen mußte sich am Fensterpfosten halten, denn sie glaubte jeden Augenblick umzusinken. Es war ja schon oft laut und lärmend in ihrer Abtei zugegangen, aber so etwas hatte sie noch nie erlebt. Wie besinnungslos starrte sie auf die tolle Szene hinab.

Ulmann, der Lützelpfeifer, der sich auf das Gelächter hin überrascht umgewandt hatte, merkte gleich, daß man sich über die Äbtissin auf seine Kosten lustig machen und für den Schimpf, den sie Stüssi und seinen Leuten angetan, rächen wollte. Er nahm seine Fidel unter den Arm und wollte sich flink davon machen. Aber die Bogenschützen, die sich, die Weiber nachziehend, durch die Klosterleute drängten, verlegten ihm den Weg. Ein grobschlächtiger Bursche packte ihn am Wams und stellte ihn vor den jungen Stüssi.

»Wohin so hurtig, königlicher Herr?« redete ihn dieser, boshaft lächelnd, an. »Seht,« sagte er, auf die kichernden Weiber zeigend, »wir haben Euch hier Euere weiblichen Untertanen mitgebracht; sie sterben vor Sehnsucht nach ihrem König. Wollt Ihr Euch nicht gleich ein Leibschätzlein auslesen oder meinetwegen zwei; im Pfeiferkönigreich wird viel geliebt, man nimmt's da nicht so genau. Schaut Euch die Tauben an, edler Herr! Ist keine darunter, die Euch nicht das Futter aus der Hand pickt, Ihr braucht bloß zu locken.«

Ein tolles Auflachen verschlang seine weitere Rede. Ulmann mühte sich gewaltig, wegzukommen, doch einige eiserne Griffe hielten ihn fest.

Droben hörte man die Äbtissin nach ihren Kammerfrauen rufen: »Babeli, Agnes!«

Jetzt raunte der junge Stüssi dem Pfeifer, der umsonst von seinen Peinigern abzukommen suchte, ins Ohr: »Was wollt Ihr denn nach dieser hochnäsigen Fürstin ausschauen, hoher Herr, wo doch so viele willige Mägdlein auf Euch warten; sie hat ja schon einen lustigen Friedel.« Und ganz leise, die Hand an den Mund haltend, fügte er bei: »Wollt Ihr denn auf Euern königlichen Armen Meißens Kindlein wiegen?«

»Elender Hoffartsgockel!« schrie der Pfeiferkönig auf.

Da packten ihn Stüssi und einige andere und einer lärmte: »Kommt, wir wollen ihm im Niederwasser das Maul waschen!«

»Ja, fort mit dem Stirnstößel!« brüllte ein anderer, »fort mit ihm ins Fischerhüttlein auf der niedern Brücke, dort soll er wie ein Dieb ins Wasser tanzen.«

»Laßt mich!« machte ergrimmt, ein verstecktes Weinen in der Stimme, der Lützelpfeifer und sah flüchtig, verzweifelnde Scham in den Augen, zu den Fenstern der Abtei empor, denn die wilden Bursche versuchten ihn fortzuschleppen.

Die Äbtissin mit ihren Frauen war nicht mehr dort.

Aber jetzt war Hundegebell in den Klostergängen und auf einmal sprangen zwei gewaltige Rüden aus der Seitentüre der Abtei. Die Klostermägde fuhren aufkreischend auseinander. Ein gellender Pfiff, die Hunde blieben drohend stehen.

Nun eilte ein dunkelhaariges Mägdlein über die Schwelle, hielt mit hochroten Wangen einen Augenblick an und rief in den Gang zurück: »Eilt, eilt, Herr Spichwart, sie wollen ihn fortschleppen!«

Es war die kleine Monsax, die graubündnerische Tischtochter der Äbtissin.

Jetzt kamen raschen Schrittes Herr Edlibach, des Gotteshauses Ammann, mit dem gelbnasigen Hofschreiber und dem breitschultrigen Zoller aus der Türe.

»Wer wagt es, also den Klosterfrieden zu verbrüllen?!« donnerte der Ammann.

Aber drüben durch das Hoftor machten sich die Bogenschützen mit Hans Stüssi, schadenfroh lachend, davon, den fluchenden Torwart und den schlotternden Kratzschreiber, die im Torbogen standen, also an die Mauern werfend, daß es ihnen einen Moment war, sie wären in Jericho und die Mauern stürzten mit Posaunenschall über sie zusammen.

Wie der Spichwart mit seinen Leuten und der voraneilenden Verena v. Monsax ans Tor kamen, verschwand eben der letzte der unerwünschten Besucher, Herrn Edlibach eine lange Nase machend, im äußern Hof.

An der Mauer aber lehnte wie betäubt, Ulmann der Lützelpfeifer und wischte sich das Blut von der Wange, das aus einer kleinen Kopfwunde rann.

»Wahrhaftig,« schimpfte der Ammann, »die jungen Herren dieser neuen Regentensippe erlauben sich immer mehr. Geht's so fort, so müssen wir noch Feldschlangen und Katzenköpfe an die Tore stellen. Was hast du, Pfeifer, haben sie dich etwas zerzaust?«

Ulmann antwortete nicht, er war plötzlich wie in Glut getaucht, denn aus der Seitentüre der Abtei kam jetzt raschen Schrittes, gefolgt von ihren Frauen, die Äbtissin.

»Ei,« machte sie, als sie bei ihm ankam, »die bösen Buben haben dir übel mitgespielt, mein Spielmann. Tut dir etwas weh?«

Er schüttelte lächelnd den Kopf.

Verena v. Monsax tupfte ihm mit ihrem seidenen Mailänder Nastüchlein, das ihr die Äbtissin von den welschen Kaufleuten eben gekauft hatte, sorglich das Blut von der Stirne.

»Führe ihn zum Brunnen im äußern Hof, Vrenlein!« gebot sie, »und wasch ihm das Blut weg. Herr Edlibach hat dann die Güte, den Burschen irgendwo in meinem Hause unterzubringen. Er soll vorläufig dableiben, jetzt erst recht,« machte sie kurz.

Mit einem wohlwollenden und doch scharf prüfenden Blick schaute sie Ulmann nochmals an, dann wandte sie sich zum gehen. »Gott zum Gruß, Herr Edlibach! Kommt!«

Ruhigen Schrittes kehrte sie mit ihren Frauen, samt Hofschreiber und Zoller, in das Abteigebäude zurück. Auch ihre übrigen Dienstleute hatten sich vor ihrem strengen Blick nach und nach im Kloster verloren.

Als Ulmann mit dem Spichwart und Verena von Monsax am Brunnen war, nötigte sie ihn auf den Brunnenrand zu sitzen und wusch ihm dann mit einem grobleinenen Waschtüchlein, das eine Magd aus dem Hause der Jungfrauen hergetragen hatte, die Stirne behutsam rein, wobei sie's mit dem besten Willen nicht verhindern konnte, daß ihm hin und wieder eine ihrer schwarzen Locken um die Wangen spielte. »Tut's weh?« fragte sie wohl dutzendmal, ihn mit besorgten Augen ansehend.

Zuletzt wand sie ihm auf's sorgfältigste ihr rotgetupftes, weißseidenes Sacktüchlein um den Kopf. Er bedankte sich vielmal und dann ging das Fräulein davon.

Am Eingang zum innern Hofe schaute sie sich mit einem langen Blick um. Der Pfeiferkönig schritt ruhig, ohne sich umzusehen, mit dem Spichwart in die Gebäude.

Da errötete Verena v. Monsax und verschwand im Torbogen.

»Ich werde dich in das Schlafstüblein der »Freiheit« bringen. Dort magst du nächtigen; das weitere wird meiner Frauen Gnad anordnen. Aber eines rate ich dir, Bursche: Kehr du sobald als möglich auf dein Eiland, die Lützelau, zurück und laß deine Ständchen vor Herrenhäusern bleiben. So gut sie gemeint sind, du bist kein Graf, sondern bloß der Pfeiferkönig. Nimm mir's nicht übel. Statt den Nymphen der Frauenklosterbrunnen die Fidel zu spielen, locke lieber die derben, bubensüchtigen Nixlein um den See. Die geraten dir, Zug um Zug, ins Netz, winkst du ihnen mit deiner beinlüpfigen Fidel. Doch da sind wir ja. Geh' jetzt in deine Kammer und darnach magst du dich zu einem Vesperbrot in der Dienstleute Stube begeben. Behüt dich Gott!«

Bedächtig stieg Herr Edlibach eine schmale Schneckenstiege zu des Ammanns Stube hinauf, während Ulmann, der Pfeiferkönig, in die angewiesene Kammer trat, leise die Türe hinter sich schließend.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.