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Der Pfeiferkönig

Meinrad Lienert: Der Pfeiferkönig - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Pfeiferkönig
authorMeinrad Lienert
firstpub1909
year1909
publisherH. R. Sauerländer & Co.
addressAarau
titleDer Pfeiferkönig
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Zehntes Kapitel.

Die Rückkehr.

Das Bündnis zwischen der Stadt Zürich und dem Hause Österreich war, trotz allem Widerstand des Bürgermeisters Rudolf Meiß und seines Anhanges, zur Tatsache geworden.

Rudolf Stüssi und mit ihm die Zünfte und das Volk erhofften alles von diesem Bündnis. Es war für Ritter Meiß jeder Gang zum und vom Rathause eine Art Spießrutenlaufen. Man beschimpfte ihn und die eidgenössisch Gesinnten wo sie sich blicken ließen. Als vorläufige Voranzahlung mußte die Stadt ihre schöne, kurz vorher erworbene Grafschaft Kyburg an König Friedrich abtreten. Hiefür versprach er freilich, die Landschaft Toggenburg zurückzukaufen und sie dann an Zürich abzutreten.

Wie nun Herr Meiß sich erkühnte, im Rate mit grimmigem Spotte Österreich als den klugen Mann mit dem Spatz in der Hand und Zürich als die gläubige Einfalt mit der Taube auf dem Dach darzustellen, konnte er nur mit Not und Mühe dem erbosten Volke, das fortwährend die Ratssitzungen belagerte, durch die Ratsknechte entrissen werden.

Die Äbtissin am Fraumünster war tiefbetrübt über dieses Bündnis, sie fürchtete immer mehr, die Eidgenossen würden den zwei mächtigen Gegnern unterliegen. Zudem war sie nun zur Untätigkeit, zur Ohnmacht verurteilt, seit ihr sicherer Kundschafter, Ulmann, der Pfeiferkönig, nicht mehr in die Abtei zurückkam. Denn seit jener Nacht, als sie ihr Kind im Hause hatte, blieb er verschollen. Da erst merkte sie, wie unentbehrlich er ihr geworden war. Nur ihm konnte sie sich anvertrauen. Wie klug und wie verschwiegen war er gewesen! Sie vermochte sich nicht zu erklären, was ihn von der Abtei, von Zürich fernhielt. Sollte er sich doch fürchten, in die aufgeregte, ihr und ihm feindlicher als je gesinnte Stadt zu kommen? Wie sie auch heimlich nach ihm fragen und forschen ließ, der Pfeiferkönig kam nicht mehr und sie fing zu glauben an, er sei heimlich ermordet oder sonstwie beseitigt worden. »Ach,« seufzte sie oft, »meine Botschaften haben wohl einen Kopf, aber keinen Mund und keine Füße mehr.«

Ende Herbstmonat des Jahres 1442 zog dann König Friedrich III. von Österreich mit einem Schweif von Edelleuten, tausend Reitern und großem Gepränge in Zürich ein, behosiannt von der entzückten Stadt, auf's ehrfürchtigste empfangen vom Rate und der österreichischen, allmächtig gewordenen Partei Stüssis. Im großen Münster legte die Bürgerschaft dem König erst den Reichseid und darnach den Eid auf das mit dem Hause Österreich abgeschlossene ewige Bündnis ab.

Bürgermeister Rudolf Stüssi und mit ihm das Volk der ganzen Stadt, schwelgte in den ausschweifendsten Hoffnungen. Sie geberdeten sich alle, als lägen die Eidgenossen schon im Graben. Sie, die eben noch Eidgenossen waren, schmückten sich jetzt mit dem roten Kreuz und dem Pfauenschweif Österreichs und die Helme ihrer Herren strotzten von Pfauenfedern. Die ganze Stadt schwamm in einem tollen Freudentaumel. Denn nun behielten sie als Vertreter des österreichischen Herzogs den Markgrafen von Hochberg mit vielen Edlen und Reisigen in ihrer Mitte. Selbst die oberste Kriegsleitung legten sie in die Hände des österreichischen Grafen Thüring von Hallwil.

Die Eidgenossen gerieten hierüber in höchste Aufregung. Sie nannten das Bündnis einen schwarzen Verrat am eidgenössischen Bunde und als gar König Friedrich ihre Freiheiten nicht mehr bestätigte, war der Bruch mit ihm vollständig. Noch versuchten sie, die Zürcher mit wohlmeinenden und drohenden Vorstellungen aller Art zu veranlassen, vom Sonderbündnis mit Österreich zurückzutreten. Sie wurden hierin auf's kräftigste und furchtlos unterstützt von Bürgermeister Meiß, den die Äbtissin am Münster unablässig in Atem hielt.

Aber Rudolf Stüssi war allmächtig geworden und wurde nun zum Tyrannen, der nur noch seinen Willen gelten lassen wollte. Er verstand es, in der Stadt das Gerücht in Umgang zu bringen, Meiß beabsichtige eine Verschwörung, um die Österreicher aus der Stadt zu vertreiben, die österreichische Partei zu vernichten und mit den Eidgenossen einen schmählichen Frieden zu machen, aus dem dann die alte Geschlechterherrlichkeit, wenn nicht gar die Herrschaft der Fürstin von Zürich, in der Stadt aufgehen sollte.

Täglich lag Graf, der Stadtschreiber, Stüssi in den Ohren: Meiß müsse unschädlich gemacht werden, sonst falle man noch über seine langen Beine. Es tue jetzt aber not, alle Wege in der Stadt frei zu haben.

So kam es, daß man Meiß während einer flammenden Rede für Auflösung des entehrenden Bündnisses, in der Ratsstube ungestört verhaften und unter dem Beifall des aus dem Schneggen schauenden Markgrafen von Hochberg und unter dem Gejohle des Volkes, in den Turm in der Aa, in den Wellenberg abführen konnte.

Anna von Hewen war entsetzt, als ihr diese Kunde zukam. Obwohl sie Stüssi viel zutraute, an eine Einkerkerung des vormals mächtigsten Mannes, des Hauptes der alten Geschlechter, hatte sie nie ernstlich gedacht.

In grimmigem Schmerze versuchte sie alles, was dem Gefangenen den düsteren Kerker erleichtern und Aussicht auf Befreiung versprechen konnte. Wie betrübte es sie jetzt, ihren Kundschafter nicht zur Hand zu haben, denn trotz ihrer Liebe zu Ritter Meiß, konnte sie sich doch nicht dazu verstehen, seine Befreiung von Stüssi selbst zu erbitten. Endlich gelang es ihr doch, mit Hilfe der von ihr aufgestachelten eidgenössischen Partei, die Eidgenossen zu vermögen, daß sie auf Stüssi mit allen möglichen Mitteln drückten, bis er Meiß widerwillig freigab. Aber er schwor, daß er ihn zu günstigerer Zeit einmauern und verhungern lassen werde.

Halbverhungert, abgezehrt und auf den Tod krank, langte Bürgermeister Meiß in seinem Steinhaus an. Anna von Hewen sah ihn nie mehr. Er legte sich nieder und starb bald darnach aus Gram über die erlittene Schmach und Unbill und die Verkennung seines guteidgenössischen Sinnes, der Zürich nicht an Österreich ausliefern wollte.

Die Äbtissin aber ward jetzt immer mehr inne, welch ein starker Wall ihr Meiß gewesen, denn laut und leise hieß es auf den Trinkstuben der Stadt, die verräterische Frau an der Abtei werde nun bald Meißens steinernen Stuhl im Wellenberg abrutschen müssen, falls ihr nicht noch etwas schlimmeres begegne.

Da ward sie immer sorgenvoller und wäre gerne mit Glimpf aus der Stadt gekommen, denn nun waren beim Rate und beim Markgrafen von Hochberg auch die Kriegserklärungen von Schwyz, Uri, Unterwalden, Luzern, Zug, Glarus und Bern eingetroffen. Die Fürstin von Zürich kam sich vor wie eine Maus in der Falle, die zitternd schon den Schlüssel an der Speisekammertür drehen hört.

Die Feindseligkeiten begannen, besonders von schwyzerisch-eidgenössischer Seiten mit Raubzügen ins offene Land und gelegentlicher Belagerung fester Städtlein und Burgen, wobei sie, nach guter frommer Vätersitte, wie die eidgenössischen Anführer sagten, im offenen Felde keine Gefangenen machten, sondern gleich alles totschlugen. Zum ersten seien darnach ihrer weniger und zum andern habe man keine weitern Scherereien mit gefangenen Feinden.

Die Zürcher hatten, abgesehen von den kühnen Handstreichen der Gesellen zum Schneggen, bei ihren Streifzügen wenig Glück, besonders da sie sich mit den spärlich zugezogenen Österreichern nie recht einigen konnten und weil sie es auch mit den Eidgenossen noch nicht zum äußersten kommen lassen wollten. Als aber diese raubend und sengend in den zürcherischen Gebieten herumzogen, rafften sie sich auf. Und endlich vernahm die ängstlich nach Waffentaten lauschende Äbtissin am Fraumünster mit freudigem Erstaunen, daß es den Eidgenossen gelungen sei, die Verbündeten in einem großen Gefecht ob dem See am Hirzel zurückzuwerfen.

Das hob ihren stark gesunkenen Mut, obwohl die Zürcher darnach auf den Trinkstuben sagten, sie wollten mit den Eidgenossen schon fertig werden, selbst ohne Österreicher, wenn es diese Staudenläufer wagen sollten, mit ihnen eine Schlacht im offenen Gelände aufzunehmen.

Es war im Jahre 1443, Ende Heumonat, gegen Abend vor dem Maria Magdalenentage. Eine brütende Hitze lag über der Stadt.

Am Brunnen im Hofe der Abtei stand Verena von Monsax und ließ aus dem eben aufgedrehten und einwenig gehäldeten Eimer Wasser in den großen Henkelkrug der Äbtissin rinnen. Dann schwenkte sie ihn tüchtig aus und füllte ihn aus dem Eimer wieder an bis zum Rand.

Wie sie aber den Krug abstellte und sich, um selbst einen Trunk zu tun, durstig über den Eimer bog, erschrak sie. Ein Schatten legte sich über das Holzgefäß und aus dem spiegelklaren Wasser schauten sie zwei wohlbekannte braune Augen an.

Blitzgeschwind wandte sie sich, das Blut schoß in ihr schmales, bleiches Gesicht: Ulmann, der Pfeiferkönig, stand vor ihr und sagte herzlich: »Gott grüß Euch, gnädiges Fräulein! Dürfte ein armer Spielmann, der lange in der heißen Sonne wanderte, wohl einen Trunk Wasser aus dem Eimer eueres Brunnens tun?«

»Sei mir von Herzen willkommen!« machte Verena und hob sogleich in zitternder Verlegenheit den neben ihr stehenden Krug auf: »Hier trink, mein Freund!«

»Nein, aus diesem hoffärtigen Kruge nicht, doch gern, wenn Ihr's erlaubt, aus dem Eimer.«

»Nein, trink nur aus dem Kruge, ich werde ihn wieder frisch anfüllen. Es ist der Krug meiner gnädigen Frau Mutter.«

Sie sah ihn scharf an.

»Der Äbtissin?« fragte er mit aufleuchtenden Augen.

»Ja,« machte sie kaum hörbar und hob den Krug wieder. »Trink nur, du darfst es wohl wagen, denn seit Herrn Meißens Tod spricht sie recht oft von dir. Dein langes Wegbleiben hat ihr gewiß weh getan. Trink, trink!«

Er schüttelte den Kopf, beugte sich über den Eimer und trank in langen Zügen. Dann sagte er:

»Glaubt Ihr wirklich, daß meiner Frauen Gnad meine Abwesenheit nicht leicht nahm?«

»Sie hat fast täglich von dir gesprochen.«

Verena sagte es in einem Tone, der irgend ein bitteres Gefühl nur mühsam verbarg. Schier verwundert schaute sie Ulmann einen Augenblick an. »Sollte mir die gnädige Frau böse sein?«

»O nein,« machte Verena und ihre Stimme war wie die eines Kindes, in dessen Herz die traurige Seele schon zu weinen anfängt, wenn der Mund noch lächelt. Dann fragte sie mit schüchternem Zögern: »Sag' wo, ja sag', wo warst du denn so lange?«

Jetzt sah sie ihn an, mit zwei dunklen Augen, die ihm unverhüllt geoffenbart hätten, wo eine Seele im Fegfeuer einen Schatz für ihn bewache und sich glühend nach Erlösung sehne.

Aber der Pfeiferkönig schaute sinnend in den Eimer und antwortete trübe lächelnd: »Fragt lieber nicht, denn ich war bei den reichen Armen, bei den fahrenden Spielleuten.«

Er senkte das Haupt.

»Und nun bist du uns, gottlob, doch wieder gekommen. Ich,« sie ward blutrot, »meine gnädige Frau Mutter, wird sich freuen, denn eben war sie recht traurig, da hab' ich ihr zur Laute singen müssen.«

»Ja,« sagte er jetzt hastig. »Ich muß zu ihr, denn Euch darf ich's wohl sagen: Ich habe für sie eine wichtige Botschaft.«

»So komm'!« machte sie halblaut und griff nach dem Kruge. »Ich will ihr das Wasser bringen, so magst du mich ja begleiten.«

Sie wollte gehen.

»Nein,« bat er und griff nach dem Gefäß. »Laßt mich den Krug tragen!«

»Laß, laß!« sagte sie und wollte den Krug an sich ziehen. Aber er hatte ihn ebenfalls an einem Henkel gefaßt. »Er ist zu schwer für Euere zarte Hand.«

»Nein, nein, ich will ihn tragen; du bist ja totmüde, man sieht dir's an.«

So zogen sie hin und her und sie legte ihre warme Hand gar fest auf seine Hand und suchte ihm scherzend Finger um Finger vom Henkel zu lösen.

»Ei, ich trag' ihn ja gern,« sagte er, »ist es doch der Krug meiner Herrin.«

Da fiel ihre Hand matt herab; sie ließ ihm das Gefäß und schritt schweigend vor ihm her über den Hof und dann die lange Stiege hinauf zu der Frauen Gemächer.

Vor der Erkerstube blieb sie stehen und sagte, sich freundlich an Ulmann wendend: »So gib mir nun den Krug und sei bedankt!«

Er überreichte ihr den Doppelhenkel, wobei ihn ihr dunkles Auge unverwandt ansah.

»Nun laß uns eintreten!«

Die schwere Türe ging und sie traten, nicht ohne Befangenheit, in das Gemach.

Anna von Hewen saß in einer Fensternische und schaute mit krankhaften Augen über die Stadt hin.

»Frau Mutter, Euer Spielmann ist angekommen.«

»Spielmann?« machte traumversunken die Äbtissin. »Vrenlein, ich brauche keine Spielleute mehr . . .« Jetzt ersah sie den Ankömmling. Sogleich erhob sie sich.

»Du, wie, du bist's?!«

Freudig, voll herzlicher Wärme rief sie's.

»Ich glaubte dich tot und nun stehst du unerwartet vor mir, so wie du mich unerwartet verlassen hast. Nein, doch nicht so ganz,« machte sie, ihn lange und forschend anschauend. »Du bist reifer, mannlicher geworden, aber deine frischen, äpfelroten Wangen sind verschwunden.«

Verena von Monsax hatte den Wasserkrug auf das Fenstersims gestellt und wollte sich nun so leise als möglich davonschleichen.

»Vrenlein, wohin denn so eilig? Hast du unsern alten, lieben Freund schon bewillkommt?«

»Ja, Frau Mutter.«

»Gut denn, so geh'! Er soll bald wieder spielen. Ich will ihm die wohltönendste Fidel kaufen, die von hier bis nach Mailand aufzutreiben ist. Zwar nicht mir soll er spielen,« fügte sie trüb werdend bei, »ich habe keinen Grund zum tanzen, wohl aber dir, kleine Monsax,« wandte sie sich mit schalkhaften Augen an die Graubündnerin. »Denn du wirst doch auch hie und da an deinen Tänzer aus der Hofstube gedacht haben.«

»Mutter!« machte Verena in abwehrendem, schier ängstlichem Tone und ging hurtig, mit blutrotem Angesicht, davon.

Ulmann hatte unterdessen die Äbtissin mit heißen Augen betrachtet. Obwohl sie gealtert schien, bedünkte sie ihn doch begehrenswerter als jemals, denn sie war nur eine üppigere, eine vollerblühte, königliche Rose geworden.

»So und jetzt rück' aus, du Ungetreuer und beichte! Wo warst du denn so lange?«

»Ich war . . .«

»Doch nein,« unterbrach sie ihn rasch. »Jetzt will ich's noch nicht wissen; ein andermal dann. Zuerst möchte ich nun vernehmen,« machte sie ernst, fast streng werdend, »warum du mir so plötzlich wieder kommst. Es müssen wichtige Dinge sein, die dich herzwingen, sonst hätte man den König der Spielleute wohl kaum mehr an meinem Hofe gesehen.«

Es klang fast bitter, wie sie es sagte, und wie ermüdet ließ sie sich in ihren Lehnstuhl nieder.

»Ihr habt es erraten, gnädige Frau,« machte er. »Ich bringe dringende Botschaft. Ihr wißt, daß die Eidgenossen an der Letze am Hirzel jüngsthin Zürich samt seinen Österreichern blutig heimschickten. Aber Zürichs Übermut war darnach so groß als vorher und von einem Nachgeben keine Rede. Nun ist der Heuet vorüber; die heimgekehrten Eidgenossen sind wieder ausgerückt und . . .«

»Ziehen gen Zürich!« unterbrach ihn Anna von Hewen aufschießend.

»Ja,« sagte er. »Die Banner von Uri, Schwyz und Unterwalden, Zug, Luzern und Glarus ziehen schon dem Albis entlang und werden morgen nach kurzem Lager gegen die Stadt losbrechen.«

»Herr, mein Gott! Ihr lieben Heiligen der Abtei!« rief sie, hochrot vor freudiger Aufregung aus, »das ist mehr als ich zu hoffen wagte. Aber,« machte sie zweifelnd und ergriff ungestüm Ulmanns Hände. »Ist es auch die heilige Wahrheit?«

»So wahr mir Gott helfe! Ein Kriegsmann von Schwyz teilte mir die Absicht der Eidgenossen mit und hieß mich eilen, ich möchte davon der Fürstin von Zürich Kunde geben, denn sie werde sich auf das Nahen ihrer Befreier und Wiederhersteller gewiß freuen.«

Anna von Hewen konnte ein wildes Auflachen nicht verhalten. »Ha,« schrie sie, »jetzt, so Gott will, werdet ihr geschoren, ihr Feiler und Grobschmiede!«

Und ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, brach sie in ein nimmerendenwollendes Schluchzen aus.

»O Meiß,« rief sie dann, »o hättest du doch diese Botschaft erlebt! Die Eidgenossen kommen und meine guten Freunde, die Schwyzer. Endlich, endlich! Aber nun sollen sie die geschmähte und mit Kerker und Tod bedrohte Pfäffin an der Abtei von der Wetterseite kennen lernen,« machte sie wild und ihre Augen waren wie sturmgejagte Wellen, auf denen die Sternlein tanzen.

Schier erschrocken staunte er auf die aus Rand und Band geratene Frau. Sie faßte ihn an den Schultern.

»Ist es aber gewiß und heilig wahr, sag', sag'!«

»Bei meiner Mutter Seligkeit; die Eidgenossen kommen, um die Stadt einzunehmen.«

»O meine lieben Heiligen Felix und Regula!« machte sie, die Hände faltend, »so habe ich nicht umsonst vor euerm Altare gefleht, nicht umsonst meine Kapläne euch zu Hilfe rufen lassen. Gott sei Lob und Dank! Es möchte nun wohl werden,« halblaut, ingrimmig sagte sie's, – »daß ihr lieben Heiligen bald nicht mehr allein ohne Köpfe wäret. Meine guten, willfährigen Freunde, die Schwyzer kommen.«

Sie war wie von Sinnen. Lange sah sie, bald mit dräuhenden Augenbrauen, bald mit herrischem, gefährlichem Lächeln vor sich hin. Dann flüsterte sie: »Es wird ein gewaltiger Kampf werden, Bürgermeister Stüssis Kopf ist hart wie ein Fels. O, wer ihn mir so träfe, daß er am Boden aufschlüge, als hätte ihn Gottes Donner niedergeworfen und er für immer das Aufstehen vergäße! Den wollte ich wohl umhalsen, wie noch keiner gehalst und geherzt worden ist seit Adam. Zu meinem Trautgesell, zu meinem heimlichen Kämmerer wollte ich ihn machen und ihm williger dienen, als ein Ministrant dem Priester am Altare. Wer ihn mir träfe, wer das Herz dazu hätte!«

Ihr Auge streifte Ulmann flüchtig, blitzartig. Aber er hatte das Sternlein deutlich gesehen, das aus dem Gewitterblau dieses Auges, wie ein verlockender Irrwisch, und wieder wie ein winkendes Waldhexlein, aufsprang.

»Ach,« seufzte sie, »der zu mir stand, der mich nie verließ und alle meine Wünsche wußte, bevor er mich sah, er ist tot, hingemordet von diesem Luchse aus den Glarnerbergen und von dieser Giftkröte von Stockach. Drunten in m. L. Frauenkapelle zu den drei Königen, mir so nah und doch in ewiger Weite, liegt mein armer getreuer Freund im tiefen Grabe. Er hört mir wohl immer geduldig zu, wenn ich ihm klage, aber er antwortet mir nicht mehr. Niemand ist, der mich noch verstände, der meine Schmach, der meines Freundes Tod diesem Holofernes vergälte.«

Plötzlich fuhr sie auf, nahm Ulmanns Kopf zwischen beide Hände, zog ihn gegen ihr Angesicht und blickte ihm tief in die Augen. »Du warst mir ein treuer Kundschafter,« sagte sie und ihr warmer Atem hauchte an seine Wange: »Schau, ich möchte es dir lohnen.« Ihre Augen leuchteten und ein Lächeln geisterte um ihren Mund verheißungsvoll, wie ein heiterer Märzmorgen. »Aber sag', warum hast du mir das angetan und bist fortgegangen?«

Er senkte die Blicke und schwieg.

Aber als er wieder aufsah, schaute sie ihn immer noch mit dem gleichen bezaubernden Lächeln an und zupfte ihn am Ohrläppchen. Doch alsbald wurden ihre Augen kalt, wie die Berge, auf denen eben das Abendrot erloschen ist und ernst, fast flehentlich redete sie: »Verlass' mich jetzt nicht mehr, mein Freund, jetzt nicht. Siehe, in deine Hände lege ich die mörderischen Steine, die Rudolf Stüssi nach meinem Haus und nach meinem Herzen geworfen hat. In deine Hände lege ich sie. Hilf mir, Lieber, hilf mir!« schrie sie auf. Und so nahe, daß ihre Lippen fast sein Ohr berührten, raunte sie ihm zu: »Wer weiß, ob nicht ein sonniger Herbst vor der Türe wartet, der mir den Schoß voll Goldäpfel schüttelt, die so süß schmecken, wenn sie zwei zusammen essen.«

»O meine Frau!« machte Ulmann bebend, mit heißen Augen, »o meine gütigste Frau!«

»Pst, still!« warnte sie, »ich höre die Töchter kommen.« Und ruhig wehrte sie ihn ab. »Sie kommen, mich zum Abendbrot abzuholen. Geh', mein Lieber, erlabe dich, denn du bist müde. Dann, es wird bald dunkeln, – geh' in der Stadt herum und sieh' zu, was sie jetzt reden und treiben. Es kann für unsere Freunde und für uns wichtig sein. Jetzt heißt es alles dransetzen: Die Schwyzer, meine Helfer, und ihre Eidgenossen kommen! Geh' aber nicht aus, bevor es dunkel wird. Das Volk ist wegen seiner Mißerfolge erregt und du weißt, wie sie uns anschauen. Behüt dich Gott, denk an mich und komm bald wieder, mein lieber, lieber Freund!«

Anna von Hewen begleitete Ulmann bis zur Türe. Dort langte sie ins Weihwasserkesselchen und machte ihm feierlich über Stirne, Mund und Brust das Zeichen des Kreuzes.

Eben sprang die Türe auf und fast wäre die jüngere Elsbeth dem Spielmann in die Arme gesunken. »Au!« schrie sie auf.

Ulmann aber ging rasch, ohne eine der Tischtöchter anzusehen, davon.

»Wenn ich gewußt hätte, daß der schöne Pfeiferkönig wieder mit uns ›Fang mich!‹ spielen will, hätte ich dich vorausgehen lassen,« sagte Elsbeth auflachend zu Verena von Monsax.

Verena hörte sie nicht. Sie stand immer noch im Gang, die Hand auf dem wild pochenden Herzen und schaute Ulmann nach bis er über die Stiege verschwand.

»Kommt, Kinder, wir wollen sogleich in die Kirche gehen!« gebot die Äbtissin. »Beeilt euch und betet recht andächtig! Es ist endlich ein großes Glück für mein Haus im Anzug. Betet, daß es der Herr nicht vorüber gehen lasse. Kommt!«

Nun begab sich die Äbtissin, gefolgt von ihren Tischtöchtern, in den Chor des Münsters, um vor den Reliquien der Heiligen Felix und Regula zu beten. Ihre Augen glänzten und ihr Gang war der Judiths, die, das Haupt des Holofernes im Sacke, gen Jerusalem hinaufsteigt.

Ulmann aber gedachte nicht mehr der Warnung Anna von Hewens, nicht vor der Dunkelheit in die Stadt zu gehen. Es tobte in seinem Kopfe und auf der blutroten Stirne perlte der Schweiß. Das Lächeln der Äbtissin lag noch wie Sonnenschein auf seinem Angesichte und um seine Wange duftete der Hauch ihres Mundes. Ein Sturm leidenschaftlicher Gefühle machte ihn fast wahnsinnig. Und immer mehr verdüsterten sich seine Augen. Er begann über der Frauen Rede zu brüten, die ihm so deutlich wie ein Wegweiser ein bestimmtes Ziel zeigte. Er knirschte vor wilder Entschlossenheit. Und obwohl seine Augenbrauen finster dräuhten, war doch in seinem tiefsten Herzen ein übertolles Jauchzen. Er sah nur noch das Gleißen der Goldäpfel im Baumgarten der Äbtissin.

Also lief er in den äußern Hof. Dort stand der Markstaller, ein verschwitztes Pferd tränkend und Freiherr Friedrich von Hewen, der Äbtissin Bruder, der eben abgestiegen war, schritt, Ulmann flüchtig und freundlich zunickend, dem innern Hofe zu. Er kam von Wyl hergeritten, in dieser gefährlichen Zeit nach seiner Schwester zu sehen.

Ulmann hatte ihn kaum beachtet. Wie ein Traumwandler lief er aus der Abtei und am Münster vorbei, aus dem, wie aus weiter Ferne, ein Orgeln kam, schwermütig wie die ewige Anbetung der armen Seelen.

In einen Wirrwarr von Gedanken versunken, schlenderte der Pfeiferkönig der Limmat entlang langsam nach dem Platz der Weinleute. Dort aber erwachte er auf einmal und schaute sich schier befremdet um. Nun fiel ihm auch die Warnung der gnädigen Frau ein. Doch jetzt war er schon mitten in der Stadt und bald mußte es ja dämmern.

Um das Rathaus blitzte es von Taubenflügeln und ob den Türmen des großen Münsters war der Himmel ein einziges rotes Geleuchte, duftig wie der rosige Hauch auf dem Wänglein eines einschlummernden Kindes.

Auf der niedren Brücke ging es zu wie am Kirchweihmarkte. Und doch war das Bild heute ein ganz anderes. Stadtknechte mit Sturmhauben und langen Lanzen und Edelleute der verbündeten österreichischen Vorlande, mit wallenden Pfauenfederbüschen, zogen zu Fuß und zu Pferd, in buntem Wechsel über die Brücke. Den vierröhrigen Brunnen umstanden schwatzend und lachend, mit ihren Holzgelten die Mägde.

Auf einmal gab es beim Schergaden unter dem Hause zum roten Schwert ein fürchterliches, betäubendes Geschrei und Gejohl. Eine Schar splitternackte Knaben und Mägdlein tanzten unter dem glitzernden Bartbecken des Schergadens einen wilden Ringelreihen. Es hatte soeben ein Knabe, auf eines andern Rücken hockend, eine tote Ratte, die nun munter hin- und herpendelte, an das Becken gehängt.

Plötzlich stob die mutwillige Schar auseinander. Der erboste Scherer sprang mit gezücktem Seifenpinsel unter sie, ihre Milchbärte gehörig einzuseifen. Aber er purzelte in der Hast über den vor dem Gaden stehenden Schleifstein und so fanden die Buben und Mägdlein schön Zeit, sich flink über das Brückengeländer zu schwingen und kopfüber in den Fluß zu springen.

Von dort aus bedachten sie den wütenden, auf sie hinunterschimpfenden Scherer mit einem vielgestaltigen Spiel ihrer Zungen und Nasen.

Ulmann machte sich hurtig über die Brücke und schritt um die Gäden unter dem Schneggen auf den Fischmarkt.

Im Schneggen polterten die Schildner ein Kriegslied und im goldenen Engel, auf der Schiffleute Trinkstube, war ebenfalls ein Becherlupfen und lachender Lärm, als gäbe es gar keine Eidgenossen. Vom Karlsturm der Probstei tönte jetzt die Abendglocke und in das Läuten mischte sich übermütiges Gelächter von der Chorherren Trinklaube.

Da hielt er an. Wußte nicht, sollte er vorwärts gehen oder umkehren.

Auf der obern Brücke bis in die Halle des Helmhauses vor der Wasserkirche staute sich ein mit Kriegsleuten vermischter Volkshaufe und aus der Halle selbst kam jetzt ein fürchterliches Tuten, schnarrendes Pfeifen und brummendes Kratzen und ein tolles wildes Gelächter, als stünden eine Allmend voll Pferde wiehernd gegeneinander auf.

Ulmann kam es doch etwas unheimlich vor, sich an den lärmenden Haufen zu wagen. Aber da es immer dunkler ward, schritt er vorwärts. Vielleicht gab es da etwas zu sehen, das er seiner gnädigen Frau zu berichten hatte.

Er begab sich mutig unter das lärmende Volk.

Was er nun sah, jagte ihm das Blut in den Kopf und krampfte seine Fäuste zusammen.

In der offenen Halle vor der Wasserkirche drängte sich ein Haufe roher Weiber und Männer, unter ihnen österreichische Troßbuben und Stadtknechte und zu allervorderst Knaben und Mägdlein mit Wickelkindern auf den Armen.

In ihrer Mitte aber, im offenen Kreise, spielten die drei Schatzgräber von Einsiedeln, der Glückhütlein, der Lamphütlein und der Lumpenhütlein, im bloßen Hemde, bleich vor Scham und zitternd vor Übermüdung, einer tollen Schar Veitstänzer zum Tanze auf.

Heini Schwend, der Feldhauptmann, mit einer Anzahl Schwertler z. Schneggen, hatte die drei Spielleute bei einem Handstreich in Wyl aufgeschnappt und sie der Kurzweil wegen mit anderer Beute in die Stadt geschleppt. Vor dem Rathause hatte er sie laufen lassen. Doch gerieten sie einer Anzahl Stadtknechte und österreichischer Söldner in die Hände, die sie bis auf's Hemd auszogen und sich nun mit ihnen und den erfreuten, wie gewöhnlich vor der Wasserkirche versammelten Veitstänzern der Stadt einen billigen, lustigen Abend zu schaffen gedachten.

Eben machten sie, totmatt, eine Pause und als einen Augenblick alles ermüdet schwieg, fragte ein kleines Mägdlein laut sein größeres Brüderchen: »Hansheini sag, weswegen gehen denn die drei Tanzaufspieler nicht ins Bett, wo sie doch schon im bloßen Hemd sind?«

Ein rohes, aufjauchzendes Gelächter. Und ein wildblickender Zuzüger vom See gab dem Lamphütlein einen Stoß und brüllte ihn an: »He da, du Faß, kratz drauf los! Ihr heillosen Stirnstößel sollt uns aufspielen bis euch die Arme abfallen. Habt ihr den eidgenössischen Landnarren zum Tanz aufgespielt, so sollt ihr's nun auch unsern Stadtnarren tun.«

»Dir wird der Teufel einmal aufgeigen,« knurrte ächzend der Lamphütlein, »du Seekalb, wenn du mit seiner Großmutter auf dem glühenden Rost tanzest.«

Er jammerte laut auf, eine Faust hatte ihn ins Gesicht getroffen.

Jetzt drang Ulmann durch die schadenfreudig aufjubelnden Leute und rief zornbebend: »Laßt diese alten Bursche im Frieden! Es sind harmlose fahrende Spielleute und stehen unter dem Schirm der Stadt.«

Staunend, stumm vor Überraschung, glotzten alle auf den kecken Redner.

Endlich ermannte sich ein Stadtknecht und herrschte Ulmann an: »Was kümmert's dich, du Grünschnabel! Bist du denn der Meister dieser drei überzeitigen Waldkäuze von Einsiedeln?«

»Ei freilich,« lärmte jetzt ein anderer Stadtknecht. »Kennt ihr denn diesen frechen Hund nicht mehr? Das ist ja der Pfeiferkönig, meiner gnädigen Frau Hoffidler und Kundschafter.«

Ein toller Lärm ging in der Halle um.

»Der Pfeiferkönig, der Pfeiferkönig!«

»Ja,« rief Ulmann mutig, »es ist wahr, die Stadt hat mich in allen Ehren zum Herrn der fahrenden Spielleute erwählt und sie alle, auch diese drei armen alten Knaben, unter ihren und meinen Schutz gestellt. Bedenkt das und laßt doch die Alten in Ruh', sie sind ja zum sterben müde.«

»Sag', Gesell, wo hast du deiner Frauen Kränzlein?« brüllte ihn einer aus dem niedern Volk an, »hast du's etwa mit andern Mägdlein deiner fahrenden Bruderschaft auf deinen Verräterfahrten vertändelt?«

Doch ein hochgewachsener Stadtknecht lärmte gebieterisch ins wilde Gelächter: »So laßt denn die drei alten Lumpen laufen, aber der Gilerkönig soll mit auf den Schneggen. Herr Bürgermeister Stüssi und die Schwertler hat es schon längst darnach gelüstet, sich das königliche fahrende Bürschlein einmal rundum anzusehen.«

Sogleich wurde der Pfeiferkönig im Haar gepackt und aus der Vorhalle der Wasserkirche gerissen.

»Fort mit ihm zum Schneggen!«

Man schleppte ihn gegen das Rathaus.

Es war mittlerweile ganz dunkel geworden. Um den Röhrenbrunnen am Fischmarkt kochten österreichische Herrenknechte einen Kessel voll Fleisch, andere hockten am Boden herum und würfelten auf Trommeln. Und in ihrer Nähe lagen an der Limmat ein paar bewaffnete Bauern vom See bäuchlings am Boden und sogen an der ergiebigen Zitze eines Weinfäßchens. Einige rauchende Fakeln warfen einen tänzelnden Schein auf den ruhig ziehenden Fluß. Sah aus, als stünden im Wasser gewundene, flittergoldene Pfähle. Auch auf dem Rüden ging's hoch her. Doch waren an den offenen Fenstern nur österreichische Gäste zu sehen, nebst einigen widerwillig mit ihnen pokulierenden Parteifreunden Rudolf Stüssis. Die alten Geschlechter von der Konstafel oder Junkerpartei besuchten seit dem österreichischen Bündnis ihre Trinkstube wenig mehr.

Vor der Brotlaube, unter dem Rathause, standen neugierig der Reihe nach die Brotfeiler und die Leute aus den Gäden und sahen schmunzelnd zu, wie man den Pfeiferkönig an seinen braunen Locken vorbeischleppte.

Im Anbau des Rathauses, auf der Trinkstube der Schildner oder Schwertler zum Schneggen, wo sich mit dieser Auslese aller städtischen Haudegenschaft auch die Staatslenker und sonstigen Volkshäupter als Stubenhitzer zu einem währschaften Abendtrunke säßhaft zu machen pflegten, ging's laut her. Die verschiedenen kleinen Schlappen, die sie im Felde erlitten, ja selbst der siegreiche Hau der Eidgenossen am Hirzel hatte dem Mut der Schwertler nicht im mindesten geschadet. Die Eidgenossen scheuten auch niemand mehr, als diese kleine, tollkühne Gesellschaft der Schwertler, die ihnen mit verwegenen und listigen Handstreichen großen Abbruch taten.

Eben als man Ulmann gegen die steinerne Vortreppe des Schneggen zehrte, ging dort ein Gesang los, davon die papierenen Scheiben zitterten. Dröhnend schallte es in die dunkeln Gassen hinaus:

Der Stier von Uri lud zum Tanz
All seine Eidgenossen.
Hob auch die Kuh von Schwyz den Schwanz.
Das hat uns bas verdrossen.

Wer lüftet denn sein Feldpanier?
Die Schilderschaft zum Schnecken.
Tat Kuh und Kalb samt Uristier
Bis daß sie brüllten, necken.

Langheini Schwend, der Feldhauptmann,
Stand auf und sprach. Potz Hagel!
Heut heißt es einen Hau getan,
Auf, auf . . .

Die Türe der Trinkstube sprang auf und von kräftigen Armen geschleudert, fuhr Ulmann am aufschreckenden Stubenknecht vorbei, über die Schwelle und zu Boden.

Jetzt verstummte der lärmende Gesang.

Unter ihren Wappenschildern, an fünf runden Tischen, becherten die Schildner mit den Regenten der Stadt. Saßen an jedem Tische ihrer wohl ein gutes Bauerndutzend. Vor einem mächtigen Kachelofen, mit turmartigem, gekröntem Aufsatz, saß, den Humpen in der Faust, der breitschulterige, wildbärtige Bürgermeister Rudolf Stüssi und um ihn seine Vertrauten, der Stadtschreiber Graf, Joggi Schwarzmurer, die beiden Schwenden, Götz Escher und Schultheiß Uli von Lommos, nebst einigen österreichischen Herren.

»Wer fährt uns denn da wie eine Wildsau in die Stube?!« donnerte der lange Heini Schwend.

»Der Singvogel unserer lieben gnädigen Frau an der Abtei!« rief lachend eine kräftige Stimme aus dem hereindrängenden Haufen. »Der Pfeiferkönig!«

Jetzt rauschte ein Lachen um die Tische.

Aber Bürgermeister Stüssi schaute mit finstern Augen nach Ulmann, der sich flink erhoben hatte und nun, brennend vor Scham, gesenkten Hauptes dastand.

»Also das ist der Vogel, der die Stimme unserer zukünftigen Fürstin von Zürich so gut nachzuahmen versteht und sie über alle Berge und an alle Burg- und Herrenbauernhöfe unsern Feinden ins Ohr trägt,« rief Joggi Schwarzmurer.

»Ja, ja, er ist's!« lärmte es aus dem Volkshaufen, der die Türe füllte. »Der Frauen Kundschafter ist's!« Und ein schielender Brotfeiler fügte bei: »Er war wohl eine Zeitlang fort. Da nun aber Herr Meiß tot ist, braucht sie einen Tröster, der ihr was vorfidelt.«

Ein übertolles Gelächter erstickte den zornigen Aufschrei des Spielmanns.

Jetzt kamen gegen die Trinkstube eilige, dröhnende Schritte, es polterte die Stiege herauf, die Leute in der Türe wurden mit Faustschlägen auseinandergetrieben und auf einmal drängte sich der junge Hans Stüssi mit einer Schar seiner Freunde in die Stube. Sie hatten, von ihrem Umgang nach dem Niederdorftor zurückkehrend, Kunde von der Festnahme des Pfeiferkönigs erhalten.

»Da ist er!« rief ein vorauseilender Knabe.

Hans Stüssi atmete einen Augenblick schwer auf. Dann packte er den Pfeiferkönig im Haar, schüttelte ihn wütend und lärmte: »So, du frecher Hund, du wagst es doch wieder in unserer Stadt umzugehen! Aber du kommst mir wie gerufen, ich paßte schon lange umsonst auf dich. Nun wollen wir abrechnen.«

Rasch riß er einem ihm zunächst stehenden Stadtpfeifer die Schwegelpfeife aus der Hand, hielt sie Ulmann vor's Gesicht und fuhr ihn an: »Schau dir dies Pfeiflein an, Pfeiferkönig! Mit dem spielst du jetzt deinem Bürgermeister und den Herren der Stadt sogleich zum Tanze auf. Hast lange genug unserer schönen, hochwohlmögenden,« er verbeugte sich tief, »Fürstäbtissin am Fraumünster die Fidel gestrichen.«

Er drückte ihm, unter einem polternden Auflachen der Tischrunden und des Volkshaufens die Schwegelpfeife in die Hand.

Aber Ulmann tat keinen Ruck.

»Ei, seht den Bettlerkönig, wie er groß tut!« lärmte der junge Stüssi. »Das hat er seiner schönen, insonderheitlich,« er verbeugte sich wieder fast bis zum Boden, – »hochwohlgeborenen Königin von Zürich abgeguckt. Pfeif, du Hund!« schnörrzte er wütend.

Ulmann regte keinen Finger.

Da entriß ihm Hans Stüssi das Pfeiflein wieder, spuckte drauf und warf es ihm ins Gesicht.

»So laß es bleiben, du Fetzelkönig! Kommt, Bursche, wir wollen ihn durch den Krüppelwald jagen!«

Mit zitternden Fingern las Ulmann das zu Boden gefallene Pfeiflein auf und barg es im Wams.

»Heja, fitzt ihn nur zur Stadt hinaus!« rief mit quikendem, dünnem Stimmlein der Stadtschreiber Graf und seine schlauen Äuglein funkelten: »Meiner lieben Frauen Gnad wird ja wohl einen frischen Hofpfeifer finden. Soviel ich weiß, läßt sie die Semmeln und die Mannsleute in ihrem Hause nicht gerne altbacken werden.«

Ein rasendes Gelächter allerseits.

Und jetzt donnerte plötzlich Bürgermeister Stüssis Stimme durch die Trinkstube: »Genug des Spiels! Fort mit dem Kerl! Zieht ihm die Hosen ab und jagt ihn zum Rennwegtor hinaus!«

Strahlend vor grimmiger Freude packten Hans Stüssi und seine Genossen den Pfeiferkönig und fuhren mit ihm durch die aufschreienden Weiber und Kinder zur Türe hinaus und die Treppe hinunter.

Als die Nachglocke erklang, wurde Ulmann mit gebundenen Händen auf die niedere Brücke zum Brunnen geführt. Dort wurde ihm von einem Stadtknecht der Kopf dreimal fast bis zum ersticken in eine volle Wassergelte gedrückt. »Es ist heiß,« sagte er lachend. »Wir wollen den Stubenhitzer der Äbtissin ein bischen abkühlen.«

Dann trieb man den Spielmann die Strehlgasse hinauf in den Rennweg. Bei dem Eimer am Brunnenrand gab es einen zweiten Halt. Und als Ulmann meinte, den Geist aufgeben zu müssen vor Elend und Scham, jagte man ihn durch eine Gasse roher Stadtknechte, die mit Fäusten und Schuhen nach ihm schlugen, zum Rennwegtor hinaus.

»Nun, Zaunköniglein, habe ich dir deine Unverschämtheiten redlich bezahlt!« lärmte in jauchzendem Haß der junge Stüssi. »Nun muß ich mit deiner Frau Königin noch auf gleich kommen.«

Jetzt polterte aus dem Torturm der Fallgatter herunter. Der Volkshaufe verlief sich schnell und Hans Stüssi machte sich mit seinen Gefährten lachend und scherzend, durch den Rennweg zurück.

Ulmann aber schleppte sich vor der Stadtmauer stöhnend, zerschlagen und blutüberströmt bis zur Klose an der Stephanskirche, wo er zusammenbrach.

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