Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Ruppius >

Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/ruppius/pedlar/pedlar.xml
typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130521
projectid18f56cfc
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel. Ein Gewitter im Winter

Silvesternachmittag war herangekommen. Helmstedt war schon eine Viertelstunde lang in seiner Stube auf und ab gegangen, hatte sich dazwischen auf einen Stuhl geworfen und zu lesen versucht, war ans Fenster getreten, hatte die eintönige Landschaft und den grauen Himmel betrachtet und dann wieder die Stube gemessen. Es lag ein drückendes Gefühl über ihm; er wußte nicht, sollte er es der eigentümlichen Luft, die sich schon seit zwei Tagen geltend machte, oder der ungewissen Spannung zuschreiben, in welcher er sich während Mittag befand. Dick war am Morgen weggefahren, um die Damen des Hauses heimzuholen, und Elliot hatte während des Mittagessens hingeworfen, wie er sich freue, einmal wieder einen belebten Abend haben zu können; Baker werde sich wahrscheinlich auch einstellen, um das neue Jahr in Gesellschaft der Familie zu erwarten. Helmstedt hatte dazu geschwiegen, war indessen den Nachmittag über bei jedem Geräusche, das in der Gegend des Hauses laut wurde, aufgefahren, ob es nicht durch die Ankunft des verhaßten Menschen verursacht werde. Er traute diesem recht wohl die Frechheit zu, seine Rolle in der Familie durchzuspielen, der zu gewinnende Preis war schon einiger Gefahr wert; welches Verhalten aber Helmstedt nach seiner Ankunft beobachten sollte, wußte er selbst noch nicht recht. – Er konnte von seinem Zimmer aus einen Teil der großen Straße jenseits der äußeren Einfriedigung sowie das Gattertor, welches den Eingang zu der Besitzung bildete, sehen, dorthin fiel bei seinem Gange durch die Stube jedesmal sein Blick, so oft er das Gesicht den Fenstern zukehrte, und dort gewahrte er endlich einen heranrollenden Wagen. Er trat rasch zum Fenster und sah scharf hinüber: er erkannte Elliots Kutsche mit den Damen, und das Blut schoß ihm nach dem Herzen, daß er genötigt war, die Hand darauf zu legen. Er hatte überdacht, daß er sich heute noch unter allen Umständen mit Ellen in Verbindung setzen mußte, wenn dem Mädchen eine Möglichkeit zur Wehr und Rettung bleiben sollte; war sie einmal mit Baker verlobt, so konnte dieser, als Elliots künftiger Schwiegersohn, auch ohne einen Cent in der Hand, leicht zu einer Besitzung gelangen und damit alle gegen ihn erhobenen Beschuldigungen niederschlagen. Auf welche Art Helmstedt jetzt an Ellen gelangen konnte, wußte er freilich nicht, keinesfalls sollte ihm aber irgendeine sich darbietende Gelegenheit entschlüpfen. Er warf einen Blick durchs Fenster – der Wagen war schon nahe dem Gattertore – er riß ein Blatt Papier aus seiner Brieftasche und schrieb mit flüchtiger Hand: »Mut, es wird alles gut werden, sobald ich Sie heute noch allein sprechen kann – wie? wo? muß ich Ihnen überlassen. Geben Sie mir Nachricht, ich werde stets soviel als möglich in Ihrer Nähe sein.« Er brach das Papier klein zusammen, nahm seinen Hut und eilte durch die Hintertür ins Freie, er umschritt das Haus, als führte ihn nur ein Zufall dem Wagen entgegen, und kam eben recht, um diesen heranrollen zu sehen. Dick sprang vom Bock und öffnete den Schlag. »Wo ist Sara?« rief Mrs. Elliot heraus. Helmstedt war wie der Wind an der Wagentür und bot der Dame seine Hand. »Ist denn sonst niemand hier?« sagte sie, erhob sich indessen und ließ sich seine Unterstützung beim Aussteigen gefallen. Ellen folgte, und Helmstedt faßte ohne weiteres ihre Hand. »Nehmen Sie und halten Sie fest!« sagte er rasch und eindringlich – eine Purpurröte überflog ihr Gesicht, dann aber war sie mit einem leichten Sprunge aus dem Wagen. »Ist denn gar niemand von all den Leuten da, der unsere Sachen nehmen kann?« rief die Hausherrin, ärgerlich nach dem Portico gehend. »'s ist der letzte freie Abend, Ma'am!« rief Dick lachend, »wir wollen aber die Sachen schon fortbringen.« Helmstedt hatte bereits ein leichtes Paket aus dem Wagen genommen, welches ihm Ellen abnahm, und als er das zweitemal mit einiger Mühe die stark gefüllte Reisetasche unter dem Sitze hervorgezogen hatte und sich herumwandte, begegnete er dem unruhigen Blicke des Mädchens, das soeben das erhaltene Papier in die Tasche ihres Kleides verschwinden ließ. Sie bog sich neben Helmstedt in den Wagen, als wollte sie untersuchen, ob nichts zurückgeblieben sei. »Sei'n Sie nachts spät, wenn alles schläft, unter meinem Fenster, das zweite links vom Hinteren portage (Pforte), ich kann jetzt nichts weiter sagen!« sprach sie in hörbarer Aufregung, drehte sich dann weg und folgte ihrer Mutter. Elliot, dem man es noch ansah, daß er sich mit Schlafen die Zeit vertrieben, trat jetzt aus dem Hause, bewillkommnete die Rückkehrenden und verschwand mit ihnen in der Halle. Dick trug das Gepäck nach und schimpfte in gutmütiger Laune auf »das schwarze faule Pack, das nicht arbeiten wolle und ihm alles überlasse«, und Helmstedt stand wieder allein. Er warf einen Blick auf den sich immer dunkler umziehenden Himmel und ging dann mit gesenktem Kopfe, aber mit einem Gesichte, in welchem sich die innerste Befriedigung spiegelte, nach seinem Zimmer zurück.

 

Zwei Stunden später stand am Riverhause ein schwitzendes Pferd angebunden, das dann und wann unruhig den Kopf hob und in die Luft hineinschnaubte. In einem Hinterzimmer hatte sich Baker auf einen Stuhl geworfen und wischte sich den Schweiß von Kopf und Gesicht. Seifert saß, den Kopf in die Hand gestützt, an dem Tisch daneben. »Punkt elf Uhr also sind Sie am Platze!« begann der erstere, vorsichtig seine Stimme dämpfend, und warf sich den Hut auf den Kopf. »Sind Sie pünktlich, so ist ein Fehlschlag ganz unmöglich, es wird eine Nacht wie in einem Sacke. Der Kapitän ist benachrichtigt und wird von zwei Uhr bis zum Morgengrauen mit dem Boote harren. Ich denke, wir schlagen abzüglich der Unkosten unsere viertausend Dollars bei dem Geschäfte heraus, also um Gottes willen nichts versäumt. Lassen Sie sehen. Sie haben für alle Fälle Ihre Instruktionen, falls wir durch irgendeinen Umstand getrennt würden. Sobald Sie Savannah in Tennessee erreicht haben, verlassen Sie das Boot, nehmen mit Ihrer schwarzen Mannschaft die Postkutsche und gehen quer durch das Land bis Memphis. Das ist zugleich der sicherste Weg, jede mögliche Verfolgung abzuschneiden, die sich jedenfalls in der Richtung nach Illinois wenden würde. Für Memphis haben Sie zur schnellen Abwickelung des Geschäftes die nötige Adresse, unser späteres Rendezvous kennen Sie auch, und wenn Sie mir mit dem Anteile meines Nutzens etwa durchgehen wollten, so wissen Sie, daß die Hälfte des Betrages in Noten ausgestellt wird, die nicht an andere übertragbar sind und von einem von uns in Neuyork selbst präsentiert werden müssen. Ich würde also das Vergnügen haben können, Sie dort zu treffen, und Sie haben im umgekehrten Notfalle dieselbe Sicherheit gegen mich.«

Seifert nickte. »Sie scheinen recht schnell zu Ihrem Entschlusse gekommen zu sein,« sagte er mit einem Anfluge von Spott, »schneller, als es sich nach Ihren bisherigen Erfolgen erwarten ließ.«

»Ist es Ihnen nicht recht?«

»Vollkommen, es hat mich nur überrascht!«

»Well, Sir,« erwiderte Baker, sich langsam erhebend, »vielleicht war ich zu rasch – nach Neujahr aber, wo wieder eine strengere Beaufsichtigung der Neger eintritt, wäre das Unternehmen nur mit doppelter Schwierigkeit ausführbar gewesen. Meine anderweitigen Erfolge stehen noch genau so fest wie früher, aber ich habe seit einigen Tagen ein Gefühl, als habe der Teufel Unkraut unter meinen Weizen gesät; ich fühle meinen Boden nicht fest unter mir und weiß nicht, ob ich beim nächsten kecken Schritte sicheren Grund finde oder Sumpf, tief genug, um darin zu versinken. Ich habe gestern morgen ein Malheur gehabt, das mich meinen Revolver gekostet hat – mir ist es, als sei es eine Warnung gewesen – machen Sie nun daraus, was Sie wollen, aber sei'n Sie pünktlich auf dem Platze; ich will die übrigbleibende Zeit benutzen, um zu sehen, was sich noch zuletzt aus einem früheren Geschäft erzielen läßt. Good bye!« (Leben Sie wohl!) Er schritt durch die im Vorderhause befindliche »Grocery«, um ins Freie zu gelangen – in einer Ecke derselben saß Isaak, der Pedlar, neben seinem Kasten, augenscheinlich von einer beschwerlichen Wanderung ausruhend. Baker sah beim Hindurchgehen starr zur Tür hinaus, als wolle er keinem seiner Blicke begegnen, schwang sich auf sein Pferd und ritt in scharfem Trabe davon.

Es mochte gegen zehn Uhr abends sein, als er im langsamen Schritt von der Hauptstraße abbog und den Weg durch die dicke Finsternis nach Mortons Landhause einschlug. Er leitete sein Pferd vorsichtig durch die hereingebrochene Finsternis, bis sich ihm die weiße Masse des Landhauses bemerkbar machte. An der äußeren Einzäunung stieg er ab, befestigte den Zügel daran und schritt, jedes Geräusch vermeidend, dem Hause zu. Die Fenster waren geschlossen und dunkel, nur durch die Jalousien eines der Frontparlors stahl sich ein schwacher Lichtschein. Die »Hall«-Türe öffnete sich auf Bakers Druck, er schloß sie leise hinter sich und trat mit gleicher Vorsicht in das Zimmer, in welchem er Licht bemerkt hatte. Eine einzelne Kerze, auf einem der Seitentische stehend, erhellte schwach den weiten Raum und ließ eine weibliche Gestalt, welche in der entferntesten Ecke zusammengedrückt auf einem Stuhle saß, im Halbdunkel. Baker blieb an der Türe stehen. »Sind wir allein, Alice?« fragte er halblaut. Das Mädchen fuhr in die Höhe, als bemerke sie jetzt erst sein Eintreten, und sank dann wieder in sich zusammen. »Sie schlafen schon alle und haben Ruhe!« erwiderte sie eintönig.

Baker warf einen prüfenden Blick auf sie. »Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Bitte um eine Unterredung Gehör gegeben haben,« sagte er dann. »Sie sollen auch bald Ruhe haben, wenigstens vor mir. Ich gedenke morgen abzureisen; ich habe Ihre Briefe in meiner Tasche und werde sie Ihnen einhändigen, sobald Sie mir die Abreise möglich machen. Ich bin unglücklich im Spiel gewesen, Alice, und kann ohne Geld nicht weg – schaffen Sie mir das Notwendigste, um mich wieder flottzumachen, und ich gebe mit Auslieferung Ihrer Korrespondenz alle Macht über sie auf!«

Das Mädchen hatte sich, während er sprach, langsam aufgerichtet, ihr bleiches Gesicht sah in der matten Beleuchtung totenähnlich aus. »Zertreten Sie mich, Mann,« sagte sie, »ich will es dulden, wenn ich dadurch meine Schande mit mir begraben kann – aber fordern Sie keine Unmöglichkeit, kein Geld mehr von mir – Sie haben mich ausgepreßt wie den Schlauch, der den letzten Tropfen hergegeben, und der nur noch unter Ihren Händen zerreißen kann.«

»Haben Sie wirklich im Augenblicke kein Geld,« erwiderte Baker kalt, ihr näher tretend, »so besitzen Sie Schmuck. Überlegen Sie, daß ich Sie heute das letztemal sehe, wenn Sie mich auf irgendeine Weise befriedigen können. Ich will Ihnen nicht Ihren eigenen Reichtum an Kostbarkeiten vorzählen.«

»Es ist längst alles geopfert und veräußert, um Ihre Ansprüche zu befriedigen und mir eine kurze Ruhe zu erkaufen – ich bin seit Monaten nicht aus dem Hause gegangen, um nicht das Verschwinden selbst des letzten Stückes bemerkbar werden zu lassen.«

»Gut, Alice, ich komme aber ohne Geld nicht weg; soll ich den Wert Ihrer Briefe einem anderen verraten und mir darauf Geld leihen, damit dieser den Betrag später mit Zinsen wieder von Ihnen herauspresse?«

Die Augen des Mädchens erweiterten sich wie im Entsetzen. »Henry!« rief sie mit heiserer, unterdrückter Stimme, »was soll ich denn tun? Ich kann doch nicht morden und stehlen, um Sie zu befriedigen! Sei'n Sie barmherzig!« fuhr sie fort und stürzte verzweifelnd auf ihre Knie. »Geben Sie mir die Briefe, Henry!«

Baker kehrte sich ab und schritt durch das Zimmer. »Sie machen mir einmal wieder eine Szene, Alice, und wissen, wie ich dergleichen Auftritte hasse – ich werde ein andermal wiederkommen!« fuhr er fort, als er die Tür erreicht hatte – er öffnete sie –

»Henry! geben Sie mir die Briefe!« stöhnte das Mädchen, die Arme nach ihm ausstreckend, aber Baker hatte das Zimmer verlassen, durcheilte rasch den Raum bis zu seinem Pferde und ritt bald in das Dunkel hinein. Er hatte die Richtung nach Oaklea genommen und trabte eine kurze Strecke auf der Straße hin, bald aber nötigten ihn Löcher und Wurzeln im Wege, die nur durch das häufige Straucheln des Pferdes bemerkbar wurden, vorsichtig Schritt zu reiten.

Die Luft lag so bewegungslos über der Gegend, daß auch nicht das Rauschen eines einzigen Blattes hörbar wurde, und der Hufschlag klang weit über die Straße hin. Plötzlich hielt der Reiter an und horchte, als sei ihm ein ungewöhnliches Geräusch aufgefallen – aber ringsum war Totenstille. Er ritt weiter, bis zu einem schmalen Weg, der sich zwischen den eingezäunten Feldern von Oaklea nach der Rückseite der Besitzung hinunterzog, und bog hier ein. Wieder schien ihn irgendein befremdender Laut zum Halten zu bringen – er horchte aufmerksam und lange, aber in der schweren, stillen Luft war nicht das leiseste Geräusch zu hören. Vorsichtig ritt er weiter, er spähte hinüber nach Elliots Haus, konnte aber kein Licht mehr entdecken, und verfolgte nun rascher seinen Weg, bis zu dem Saum des Waldes, der einige Minuten hinter den Negerhütten seinen Anfang nahm. Hier unterbrach ein geschlossenes Torgatter die übrige Einfriedigung, und Baker sprang vom Pferde. Scharf spähte er umher und tat einen leisen Pfiff – ein ebenso leises Pfeifen antwortete ihm. Er band jetzt sein Pferd an und kletterte über die Umzäunung – in der Dunkelheit sah er aus den Gebüschen eine Gestalt auf sich zukommen. »Wer?« fragte er leise. » All right, Sir!« antwortete Seiferts Stimme und hinter ihm zeigten sich vier andere Gestalten. »Brav, Kinder!« sagte Baker herantretend, »habt ihr eure nötigsten Sachen bei euch? Gut, jetzt aber keinen Augenblick mehr verzögert; drei Stunden Marsch, bis wir den Fluß erreicht haben, das Dampfschiff wartet, und dann sind wir geborgen. Wer von Euch die Straße durch den Wald am besten weiß, geht mit diesem Gentleman hier voran, die anderen beiden folgen, und ich nehme Sara hinter mich aufs Pferd. Vorwärts nun!« Die schwarzen Gestalten schlüpften der Umzäunung zu, und eben wollte Baker ihnen folgen, als er einen krampfhaften Griff an seinem Arme fühlte; er wandte sich betroffen um – in demselben Augenblicke wurde urplötzlich die Gegend von einem Blitze erleuchtet, der den ganzen Himmel in Feuer zu setzen schien und ihm Alice Mortons geisterhaftes Gesicht an seiner Seite zeigte; ein, zwei, drei Donnerschläge folgten nach, unter denen die Erde zitterte, und deren Schall in den Bergen ringsum immer neue Donnerschläge zu gebären schien; eine volle Minute währte es, ehe das letzte Rollen sich in der Ferne verlief, und Baker hatte kaum sein Gehör wieder, als er Alice Mortons Stimme an seinem Ohre vernahm: »Henry, geben Sie mir meine Briefe wieder!« – »Sie muß wahnsinnig geworden sein!« rief er und suchte sich mit einer kräftigen Bewegung von ihr loszureißen, aber ihre Hand hielt seinen Arm wie mit eisernen Banden geschlossen. Seifert und die Schwarzen hatten bei dem plötzlichen Donnerschlage halt gemacht. »Geht voran, es ist keine Sekunde zu verlieren,« rief Baker, »das Gewitter könnte Tote wachrufen – ich bin im Augenblick nach – rasch, und keinen Augenblick Aufenthalt!« Die Schwarzen mit ihrem Führer verschwanden über die Einzäunung.

 

Es war wohl noch selten in Oaklea ein verdrießlicherer Silvester gefeiert worden als denselben Abend. Ellen hatte beim Einbruche der Dunkelheit erklärt, sie fühle sich so unwohl, daß sie sich niederlegen müsse, wogegen ihr Mrs. Elliot vorwarf, sie wolle nur wie ein verzogenes Kind Mr. Baker ausweichen und ihre Eltern bis zum letzten Augenblicke ärgern. Demungeachtet war Ellen in ihrem Zimmer unsichtbar geworden, und Elliot hatte Sara zu ihr geschickt, damit jemand zu ihrer Bedienung bei ihr sei. Das Abendbrot war, da Baker erwartet wurde, bis auf acht Uhr hinausgeschoben, Baker aber kam nicht, und Helmstedt, als er endlich zu Tische gerufen wurde, fand den Herrn und die Frau des Hauses in einer Stimmung, die ihm jede Anknüpfung eines Gespräches verbot. Er war auch eigentlich der einzige, welcher aß, und er beeilte sich, das Speisezimmer sobald als möglich wieder zu verlassen. – Kaum war es zehn Uhr, als auch schon im ganzen Hause kein Licht mehr brannte; selbst Helmstedt hatte der Vorsicht wegen das seinige ausgelöscht, hatte sich eine Zigarre angebrannt und saß, sich seinen aufgeregten Gedanken überlassend, in seinem Schaukelstuhle.

Es mochte gegen halb elf Uhr sein, als er sich erhob, das Ende seiner Zigarre in das niedergebrannte Feuer warf und leise das Zimmer verließ. Er hatte, um möglichst jedes Geräusch zu vermeiden, seine leichten Morgenschuhe angezogen. Er umging das Haus, spähte nach jedem Fenster, ob nicht irgendwo ein Verräter wache; aber das ganze Gebäude lag dunkel und stumm, und jetzt erst, an der Rückseite wieder angekommen, suchte er die ihm bezeichnete Stelle. Die Hintertür war durch einen auf vier Säulen ruhenden Portico überdacht, welcher sich bis zur Höhe des oberen Stockes erhob. Daneben, im unteren Geschosse, befanden sich zu beiden Seiten Vorratskammern, und nur die Zimmer darüber waren bewohnt. Helmstedt sah nach dem von Ellen angedeuteten Fenster, es war dunkel wie die übrigen. Nach kurzer Überlegung suchte er ein paar kleine Steinchen vom Boden und warf sie gegen die Scheiben. Sein Herz schlug heftig, als er sich jetzt dicht an eine Seitensäule des Portico stellte, um sich dadurch vor dem möglichen Blicke eines unberufenen Auges zu schützen; bald aber vernahm sein gespanntes Ohr das leise Geräusch des behutsam aufgeschobenen Fensters, und sein Blick unterschied in der Dunkelheit desselben den Schein eines Gewandes. »Es schläft alles!« sprach er halblaut hinauf. Er konnte jetzt einen sich scheu herausbiegenden Kopf erkennen. »Wo sind Sie?« klang es herab, aber so leise, daß es kaum vernehmbar war. Helmstedt trat von seinem Posten weg. »Können Sie mich deutlich genug verstehen, Miß?«

»Ich glaube – aber sprechen Sie nicht so laut, ich vergehe vor Angst, daß uns jemand hören könnte, und doch weiß ich nicht, was sonst zu tun?« – Helmstedt hatte die geflüsterten Worte mehr erraten als gehört; es wurde ihm klar, daß auf diese Weise eine Unterredung unmöglich war – und doch fühlte er, daß ihm ebensoviel daran lag, dem Mädchen Waffen gegen den aufgedrungenen Bräutigam in die Hände zu geben, als es nur bei ihr selbst der Fall sein konnte. »Ich werde suchen, Ihnen näher zu kommen!« rief er leise hinauf, nachdem er mit Auge und Gedächtnis sich die Form des Hauses vergegenwärtigt. – Kaum einen Fuß vom Portico entfernt, befand sich das erste Fenster des Erdgeschosses, das sich von den Stufen aus, welche zur Tür hinaufführten, leicht erreichen ließ; daneben wanden sich immergrüne Schlingpflanzen, von einzelnen Querleisten gehalten, die an der Mauer befestigt waren, empor, und setzte man vom Fenster aus den Fuß auf eine dieser Leisten, so erforderte es nur wenig Geschicklichkeit, um sich auf das Dach des Portico zu schwingen. Das war es, was sich Helmstedt in kurzer Überlegung zusammengestellt hatte, und was er jetzt ohne weiteres Zögern auszuführen versuchte. Er stand, sich an eine der Porticosäulen haltend, bald genug im Fenster, und ebenso schnell hatte sein Fuß den Halt an der Mauer gefunden, der ihm ohne besondere Anstrengung seinerseits zu der Höhe des Portico half; das einzige Hindernis, welches er hier traf, um zu einer sicheren Stellung zu gelangen, war die abschüssige, gefirnißte Fläche der Überdachung, die ihn jeden Augenblick in Gefahr brachte, herabzugleiten. Die Fenster des Erdgeschosses, welche bis zur Höhe des Porticodaches reichten, waren an ihren oberen Enden mit breit hervorspringenden Gesimsen als Verzierung versehen, und Helmstedts Fuß, welcher nach einem besseren Halte suchte, traf bald den ihm zunächst gelegenen Vorsprung, der ihm eine feste Stellung zu verheißen schien; er faßte mit den Händen in die darin befindliche Fensteröffnung des oberen Stockes, die nach ihrer Lage zu dem Treppenhause gehören mußte, und trat auf das Sims hinüber. Ellens Zimmer war jetzt nur eine Fensterbreite von ihm entfernt, und ein Verständnis war von hier aus leicht zu erzielen. »Können Sie mich jetzt genau verstehen, Miß?« begann er leise.

»Wo stehen Sie denn?« kam die ängstlich geflüsterte Frage zurück.

»Gleich hier auf dem Fenstervorsprung!«

»Um Christi willen, Sie müssen fallen, Mr. Helmstedt, Sie haben keinen Halt, und ich ängstige mich zu Tode, solange ich Sie in der Stellung weiß!«

Dem Deutschen begann es beinahe selbst zu scheinen, als werde er seinen Platz nicht lange behaupten können, er hatte seiner Stellung nur dadurch einige Festigkeit gegeben, daß er seinen rechten Arm fest in die Fensteröffnung, vor der er stand, gedrückt hatte; diese war aber so flach, daß es ihm war, als müsse jeden Augenblick sein Arm herausgleiten. »Miß Elliot, ich muß unter allen Umständen mit Ihnen reden,« sagte er und versuchte sich fester anzuklammern; »es ist die höchste Zeit dazu – wollen Sie mir erlauben, daß ich versuche, bis zu Ihnen zu kommen, ich glaube, ich kann den Schritt nach dem nächsten Sims mit Leichtigkeit tun!«

»Ich habe ja nichts dagegen, aber Sie werden gewiß dabei herunterstürzen, Sie können ja keinen Schritt weit vor sich sehen!«

»Bleiben Sie stehen wie jetzt, Miß, Ihre helle Kleidung gibt mir einen Punkt fürs Auge, im schlimmsten Falle ist die Höhe vom Boden nicht so ungeheuer!« Er schob sich vorsichtig bis zu dem Ende des Vorsprunges, klammerte sich mit der rechten Hand fest an die Fensterbekleidung, preßte sich platt an die Mauer und tat, mit ausgestrecktem linkem Arme, um sofort in Ellens Fenster fassen zu können, langsam einen weiten Schritt. Er fühlte die Ecke des nächsten Simses unter seinem Fuße, seine linke Hand hatte schon festen Halt gewonnen, als sein Schuh abglitt, und plötzlich die ganze Last seines Körpers an seinem Arme hing. Ein unterdrückter Schrei zeigte ihm, daß Ellen seinen Unfall wahrgenommen; er strebte vergebens sich so weit hinaufzuziehen, um mit dem Knie die Simsecke wieder zu erreichen; immer ging ihm die Kraft aus, ehe er so weit gelangt war; sein rechter Arm suchte vergebens an der glatten Mauer daneben einen Halt zur Unterstützung zu gewinnen und ließ eben die möglichen Folgen eines Falles durch seinen Kopf schießen, als er von oben seinen Rockkragen gefaßt fühlte. »Noch einmal!« hörte er Ellens aufgeregte Stimme; »versuchen Sie mit aller Macht jetzt, ich helfe!« Und die Kraft, mit der er sich gefaßt fühlte, überraschte ihn. Noch einmal nahm er alle seine Stärke zusammen, und mit einem Zuge hatte er das Sims unter dem Knie, seine rechte Hand faßte das Fenster und aufrecht stand er wieder – aber Ellens Hand zog noch immer; es kam Helmstedt vor, als halte sie sich wie in einem plötzlichen Krampfe an ihn, und keinem anderen Gedanken als einer über ihn kommenden Angst nachgebend, stieg er rasch durch das Fenster ins Zimmer. Ellen fiel bewußtlos in seine Arme.

Das Feuer im Kamin war niedergebrannt, aber die glimmenden Kohlen verbreiteten eine schwachrote Dämmerung im Zimmer, und nur einzelne hervorleckende Flammen schossen Streiflichter die Wände entlang. Helmstedt hielt das Mädchen, das, in ein leichtes, fesselloses Negligee gehüllt, an seinem Herzen ruhte, als berühre er ein Heiligtum, aber seine Pulse, schon in Aufregung durch das eben Erlebte, flogen fieberhaft. Einen Augenblick hatte er wohl daran gedacht, die Bewußtlose irgendwo niederzulegen oder etwas zu ihrer Wiederbelebung zu tun, er fühlte aber, daß sein nächster Schritt, sobald sie die Augen aufschlage, der wieder zum Fenster hinaus sein müsse – und jetzt durfte er sie doch noch in seinen Armen halten! Er sah in ihr matt beleuchtetes, erblichenes Gesicht, und es schien ihm fast noch schöner, als im Prangen der Jugendfrische; er neigte sich über sie – »einen Tropfen Seligkeit und dann ein ganzes Leben davon zehren!« war der Gedanke, der sich seiner bemächtigte; leise in zitternder Innigkeit drückte er seine Lippen auf die ihrigen; als er aber seinen Kopf wieder hob, schlug sie, wie durch ihn geweckt, voll und groß die Augen auf, sie sah ihn an und lächelte; im nächsten Augenblicke aber schien sie zum vollen Bewußtsein gelangt zu sein und schnellte erschreckt in die Höhe. Sie warf einen Blick um sich, einen zweiten auf ihn und eine glühende Röte übergoß sie. »Mr. Helmstedt – um Gottes willen –« stammelte sie und trat, wie in sich selbst zurückfliehend, einen Schritt von ihm.

»Ich gehe schon, Miß,« erwiderte er und bemühte sich, die Bewegung in seiner Stimme zu unterdrücken; »ich sah Sie ohnmächtig werden, und die Besorgnis hat mich hereingetrieben.«

Er wandte sich nach dem Fenster. »Aber nicht wieder da hinaus!« rief sie auffahrend und griff nach seinem Arme, als trete erst jetzt die klare Erinnerung wieder vor sie. Beider Blicke trafen sich und blieben ineinander hängen; Helmstedt hatte ihre Hand, die ihn zurückgehalten, gefaßt, sein Herz war ihm voll zum Zerspringen. »Ellen!« sagte er leise – er zog sie näher – da warf sie sich, als werde mit einem Male ihr ganzes Gefühl entfesselt, an seine Brust, wo sie vorher geruht, Helmstedts Arme empfingen sie, eine Sekunde lang fühlte er ihre warmen Lippen auf den seinigen; in der nächsten aber hatte sie sich wieder losgerissen, fiel in einen Stuhl und schlug die Hände vor das Gesicht.

Helmstedt trat ihr langsam näher und kniete an ihrem Sitze nieder. »Ellen, Leben meiner Seele!«, sagte er im vollen Ausdruck seiner Empfindung. »Ich will dich erringen oder selbst dabei zugrunde gehen – ich habe gestrebt, meine Leidenschaft in mich zu verschließen, aber das Schicksal wollte es anders – sieh mich an!« Er zog ihr sanft die Hände herab und blickte in ein Auge, in dem sich Scham und Liebe stritten – ein wundersames Gemisch von Innigkeit und halber Scheu lag in ihren Zügen, und Helmstedt mußte an die frisch aufgebrochene Rose denken, die zum ersten Male von dem Strahle des Tages berührt wird. »Ellen,« fuhr er fort, »hast du nicht ein Wort für mich?«

Sie, hob langsam den Blick zu ihm, und über ihr Gesicht verbreitete sich das Lächeln, das Helmstedt so gut kannte. »Und ich weiß noch nicht einmal Ihren vollen Namen!« sagte sie.

»Augustus heiße ich, aber sprich den Namen aus wie in meiner Muttersprache, sage: August, und ich will denken, ich habe Heimat und alles Verlorene in dir wiedergefunden.«

»August«, wiederholte sie halblaut und sah ihm tief ins Auge. Dann lehnte sie ihre Stirne gegen die seinige. »August, ich glaube, mir hat es geahnt, daß es so kommen mußte, daß ich durch Sie vor dem Menschen Baker gerettet werden würde –«

Ein blendender Blitz, der für einen Augenblick Tageshelle in dem Zimmer schuf, ein Donnerschlag, der die Fenster klirren machte, schreckten beide auseinander, und kaum war das letzte Rollen in den Bergen verhallt, als sich ein Geräusch wie starkes Pochen gegen die Vordertür des Hauses hören ließ. »Was ist das?« flüsterte Ellen ängstlich. Helmstedt horchte gespannt. Ein neues und lauteres Pochen wurde hörbar, dem in kurzer Zeit das Klappen einzelner Türen im Hause folgte; Männerstimmen wurden in hastiger, eifriger Sprache laut. »Da ist etwas passiert, mag es sein, was es will, und ich muß hinaus auf irgendeine Art!« sagte Helmstedt leise. »Ich muß bei der Hand sein, falls Mr. Elliot nach mir verlangt.« Er näherte sich dem Fenster. »Nicht da hinaus!« flehte Ellen, ihn festhaltend. »Aber das Haus ist wach,« flüsterte er zurück, »ich muß auf jedem anderen Wege entdeckt werden, und das hieße, unser junges Glück mit einem Schlage vernichten.«

In diesem Augenblicke fiel der Schein einer Laterne über den Platz hinter dem Hause, und Dicks Stimme wurde vernehmbar: »Ich bin schon hier, Master!« Zugleich unterschied Helmstedt die Sprache dreier anderer Personen, welche eben um das Haus zu biegen schienen. »Da ist Pa!« flüsterte Ellen an seiner Seite. Sie eilte nach der Stubentür und horchte, dann öffnete sie diese behutsam und sah hinaus. »Alles ist ruhig!« rief sie leise zurück. Helmstedt trat auf den Zehen heran – kein Laut war von außen vernehmbar. »Gute Nacht, Ellen, träume von mir!« Einen Moment noch hing sie an seinem Halse, dann drängte sie ihn aus dem Zimmer.

Vorsichtig ging er einige Schritte, bis er das Treppengeländer fühlte, und schlüpfte dann geräuschlos hinab.

 

Als Baker spät am Nachmittage das Riverhaus verlassen, hatte sich der Pedlar, der in der Ecke saß, in seiner vollen Höhe aufgerichtet und zeigte eine so kräftige Formung der Glieder, wie sie ihm bei seinem gewöhnlichen gebückten Gange niemand angesehen hätte. Das alte Gesicht schien von einem erregenden Gedanken belebt, und das Auge blitzte in vollem Feuer unter den buschigen Brauen hervor. »Entweder jetzt oder niemals!« murmelte er, hob seinen Kasten auf und stellte ihn hinter den Ladentisch, ergriff seinen Stock und ging zur Tür hinaus. Mit weiten, kräftigen Schritten verfolgte er dieselbe Straße, auf welcher Baker davongetrabt war; als sich diese aber im weiten Bogen links in die Ebene hineinzog, schlug er einen schmalen Waldweg zur Rechten ein und schritt hier, unbekümmert um die Unebenheiten und Hindernisse, die Wurzeln und umgestürzte Baumstämme boten, scharf darauf los. Nach einer Weile zog er, ohne seinen Gang zu unterbrechen, eine dicke silberne Uhr hervor – sie zeigte fast auf sechs. »Es wird zehn Uhr, ehe ich bis zu Mortons komme,« brummte er vor sich hin; »er geht aber auch dahin, ich kenne das Geschäft, das er noch abzumachen gedenkt; werde ich dort nicht aufgehalten, so kann das ganze Nest in Oaklea abgefangen werden, ehe die Vögel ausgeflogen sind, und ich habe ihn endlich, wo ich ihn lange gewünscht!« Er schritt wie in erhöhter Aufregung rascher vorwärts. »Ich hätte früher kommen müssen, um genauere Kenntnis zu bekommen,« fuhr er nach einer Weile fort, »aber der Mensch kann einmal nicht allgegenwärtig sein, und ich glaube, ich werde alt. Jetzt weiß ich nicht einmal die genaue Stunde – aber Cäsar wird wissen, wann es losgehen soll!« Er schritt weiter, ohne rechts oder links zu sehen, dunkle Dämmerung fing an hereinzubrechen, der in schnellem Übergange bald die Nacht folgte. Der Alte schien aber vollkommen mit seinem Wege vertraut zu sein und verfolgte ohne Stocken oder Zaudern die verschiedenen Windungen. So mochte er mehrere Stunden gegangen sein, als der Wald endete und in der Ebene vor ihm sich einzelne Lichter zeigten. Bald gelangte er zu einer Feldumzäunung; er überkletterte sie und sah nach kurzem Gange durch hoch aufgeschossenes Unkraut die dunkeln Umrisse zerstreut liegender Negerhütten vor sich. Er war auf Mortons Besitztum. »Guten Abend, Onkel; ist Cäsar zu Hause?« fragte er, als ein alter, eisgrauer Neger das Fenster aufschob.

»Er muß gleich wieder hier sein, Sir, er ist nur noch einmal nach dem Stalle, wir haben ein krankes Pferd«, war die Antwort. »Wollen Sie nicht so lange hereinkommen?«

Der Pedlar hielt die Uhr gegen das herausscheinende Licht – es war zehn vorüber. Er sah einen Augenblick sinnend in die dunkeln Wolken. »Wenn sie noch in der Nacht den Fluß erreichen wollen,« brummte er, »so müssen sie spätestens um elf Uhr aufbrechen, und ich kann mich hier nicht aufhalten. – Ich werde lieber selbst nach dem Stalle gehen!« fuhr er fort und wandte sich, durch die Dunkelheit seinen Weg suchend, Mortons Landhause zu. Er erreichte das weitläufige Stallgebäude, sah in alle Abteilungen hinein, aber nirgends war ein Mensch zu sehen. »Jedenfalls auf dem Wege verfehlt!«, brummte er wieder, »und ich weiß nicht einmal den Ort, wo sie sich treffen wollen; ich kann nicht allein gehen!« Er nahm in Hast seinen Weg wieder zurück nach den Negerhütten, und eben als er das früher verlassene Haus erreichte, trat der Gesuchte aus der Tür. »Hallo, Cäsar, vorwärts, oder wir kommen zu spät!« Er zog von neuem seine Uhr – es war fast halb elf. »Ich habe schon lange auf Sie gewartet, Sir!« sagte der Schwarze, »sie wollen um elf zusammen aufbrechen!«

»Dann los, was die Beine hergeben wollen,« rief der Pedlar, »ich mußte erst, der Gewißheit wegen, die ganze Schufterei aus dem Munde des Menschen selbst hören, und das hat mich aufgehalten!« Der Alte schritt durch die Felder, als hätten seine Beine doppelte Länge erhalten, und Cäsar hatte Mühe, gleichen Schritt zu halten.

»Haben Sie etwas Neues gehört, Sir?« fragte der Schwarze.

»Lauf jetzt und schwatze nicht,« erwiderte der Alte, »oder deine schöne Sara geht auf Nimmerwiedersehen davon und wird durch die Spitzbuben nach den Zuckerplantagen in Louisiana verkauft. Weißt du den Ort genau, wo sie zusammentreffen wollen?«

» Yes, Sir

»Gut!«

Der Schwarze war fast außer Atem, als sie Elliots Haus durch die Dunkelheit schimmern sahen; der Pedlar aber schien trotz seines langen Marsches gegen jede Ermüdung gestählt zu sein; sein langer, gleichförmiger Schritt hatte noch keinen Zoll eingebüßt. Eben öffnete er das Gattertor an dem Platze vor dem Hause, als ein blendender Blitz und ein krachender Donnerschlag eine Sekunde lang seine Schritte hemmte. »Well, Cäsar, das wird sie wohl aufwecken und uns langes Pochen ersparen!« sagte er, sich nach dem Schwarzen umsehend. »Die Spitzbuben haben eine schlechte Nacht getroffen, denn bei dem einen Schusse wird es nicht bleiben.« Er wandte sich nach der Seite des Hauses und klopfte an Helmstedts Fenster – er klopfte zum zweiten Male, und stärker, als keine Antwort erfolgte, aber mit ebensowenig Erfolg. Kopfschüttelnd wandte er sich nach kurzem Zögern der Vordertür zu und begann hier sein Pochen von neuem.

Ein Fenster im oberen Stocke öffnete sich: »Ist jemand hier?« fragte Elliots Stimme.

»Isaak, Sir!« antwortete der Alte. »Kommen Sie herunter, der Wolf ist unter Ihren schwarzen Schafen – Sara und ihre drei Brüder sind eben daran, auf und davon zu gehen!«

Elliot stieß einen unverständlichen Laut aus und verschwand vom Fenster. Nach kurzer Zeit erschien er, notdürftig angekleidet, in der geöffneten Haustür. »Ihr seid's, Isaak? Wer ist auf und davon?«

»Sara und ihre drei Brüder, Sir, doch wenn wir rasch sind, können wir sie samt dem weißen Wolfe wohl noch fassen.«

»'s ist aber doch fast unmöglich, Mann!« rief Elliot, wie in Verwirrung; »habt Ihr Euch nicht täuschen lassen? Sara hat heute abend erst Erlaubnis erhalten, zu einem Negerballe zu gehen.«

»Halt, Sir!« rief der Alte und faßte Elliots Arm. »Hier heißt's handeln und sich nicht lange besinnen. Merken Sie auf: der Mann, der Ihre Schwarzen stiehlt, heißt Baker – ich bin seiner Fährte nachgegangen, solange er hier in der Gegend ist, denn wo er hinkommt, läßt er Unheil zurück; ich habe ihn belauscht in seinem verborgenen Quartiere im Riverhause, konnte aber nur aus einzelnen Worten erraten, was er im Werke hatte; da half mir Cäsar hier zufällig aus die Spur, der in seiner Eifersucht bald ausgefunden hatte, wer ihm seine Sara abwendig gemacht; – Well, Sir, ich habe ihn angestellt, um unter den Schwarzen selbst dem Plan des Spitzbuben auf die Fährte zu kommen; fragen Sie ihn jetzt, was er weiß – ich habe erst vor ein paar Stunden genug aus dieses Mr. Bakers eigenem Munde gehört, um Ihnen zu sagen, daß jetzt, in diesem Augenblicke, Ihre Schwarzen entführt, nachher aber im Süden wiederverkauft werden sollen.«

»Baker?« sagte Elliot und fuhr mit der Hand nach dem Kopfe. »Baker?«

»Wenn Sie entschuldigen wollen, Master,« begann Cäsar unruhig, »Mr. Baker hat Sara und die anderen wirklich um elf Uhr in den Busch an das hintere Torgatter bestellt; sie haben geglaubt, ich ginge auch mit – und es muß schon elf vorbei sein!«

»Baker – wir werden sehen!« sagte Elliot, wie plötzlich zu einem Entschlusse gelangt. »Geh, Cäsar, und rufe Dick, er soll schnell kommen!« Dann trat er rasch vom Portico herunter und schritt nach der hinteren Seite des Hauses. »Das beste wird sein, wir ziehen die Pferde heraus; kommt her, Isaak!«

»Lassen Sie ruhig die Tiere, wo sie sind,« erwiderte der Pedlar; »die Spitzbuben haben jedenfalls den Waldweg eingeschlagen, wo nachts kein Pferd sicher treten kann, und wenn wir ihnen auf der großen Straße auch zuvorkommen wollten, so kann doch bei dieser Finsternis dort niemand scharf reiten, ohne den Hals zu wagen.«

Eben erschien Dick mit der Laterne. »Lassen Sie uns den eigenen Füßen vertrauen, und ich führe Sie!« fuhr der Alte fort. »Pochen Sie Helmstedt heraus und ziehen Sie dann rasch Ihre Stiefeln an; ich werde mit den beiden Schwarzen für alle Fälle Ihre Büchsen aus der Bibliothek holen und laden, und in fünf Minuten können wir auf dem Wege sein!«

»Ihr mögt recht haben!« erwiderte Elliot; »besorgt das Notwendige, und ich werde mit Helmstedt sogleich wieder bei der Hand sein.« Er eilte nach dem Hause zurück – der Pedlar störte das Licht in der Laterne heller auf und folgte mit den Negern. Als sie die Halle erreicht und den Seitengang nach der Bibliothek einschlagen wollten, kam ihnen Elliot aus dem entgegengesetzten, der nach Helmstedts Zimmer führte, schon wieder entgegen. »Der Deutsche ist nicht da!« rief er. »Sein Zimmer ist offen, aber sein Bett noch unberührt – leuchtet einen Augenblick mit der Laterne her!«

»Er muß noch irgendwo auswärts sein«, sagte Isaak, als sich das leere Zimmer zeigte und das Bett nur einen Eindruck von Elliots Hand verriet. »Ich pochte schon vorher vergebens an seine Fensterladen; aber lassen Sie uns nicht dabei aufhalten; es wäre gut, wenn er da wäre, es muß aber auch so gehen, vorwärts!«

Sie trennten sich in Eile, als aber der Schein der Laterne verschwunden war, kam Helmstedt hinter einem Tragepfeiler der Treppe hervor, wohin ihn bei seiner Flucht aus Ellens Zimmer Elliots Eintritt ins Haus getrieben hatte. Hastig trat er in seine Stube, suchte im Finstern die Stiefel und Kopfbedeckung und machte sich dann durch die Hintertür ins Freie; er wollte sich, um jeden Verdacht zu vermeiden, den Anschein geben, als komme er wirklich erst nach Hause; eben setzte ein neuer Blitz den Himmel in Feuer, Donnerschlag auf Donnerschlag erfolgte, und einzelne schwere Tropfen begannen zu fallen; – als er das Haus umschritten hatte, hörte er wieder Elliots Stimme, und die möglichst unbefangene Miene annehmend, eilte er durch die offene Vordertür ins Haus.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.