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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 8
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Fünftes Kapitel. Schwüle Luft

Die Sonne stand schon tief, als Helmstedt bei Mortons Landhause wieder anlangte. Er ritt durch die Einzäunung nach dem Hause, band sein Pferd an einen Baum, und als er nirgends einen der Schwarzen entdecken konnte, der seine Anmeldung übernommen hätte, schritt er zögernd durch die offene Tür der eleganten »Halle«, in welche die übrigen Zimmer ausliefen. Es war ihm, nach der eigentümlichen Begegnung, die er am Abend zuvor mit »Mrs. Morton« gehabt, unangenehm, das Haus zu betreten, er war mit sich selbst in Zwiespalt, wie er sich ihrer sonderbaren Haltung gegenüber benehmen sollte, ob ebenso stolz und fremd wie sie, was ihm seinerseits ebenso unwahr als lächerlich erscheinen wollte – oder in leichtem Tone die alte Bekanntschaft geltend machend, was ihn jedoch, sollte sie diese von sich weisen, in eine ganz schiefe Stellung bringen konnte. Er pochte, da sich trotz seines festen Trittes auch in der Halle niemand sehen ließ, an eine der Frontparlortüren und trat endlich, als er keine Antwort erhielt, in das Zimmer. Es war leer; aber durch die Seitentür, die sich öffnete, eben als er wieder zurückgehen wollte, trat Mrs. Morton, in deren Gesichte die Farbe Wechselte, als sie den Besuchen erkannte.

»Ich kam nur, um Miß Elliot abzuholen!« begann Helmstedt Deutsch, sich freundlich verbeugend.

»Sie ist schon vor mehreren Stunden durch ihren Vater abgeholt worden!« war die leise, englische Antwort. – Helmstedt schwankte einen Augenblick, ob er nicht kalt und kurz seinen Abschied nehmen sollte, aber ein Gefühl, halb Neugierde, halb Teilnahme siegte darüber.

»Darf ich wohl fragen, Mrs. Morton, warum Sie so fremd und förmlich sind,« fuhr er Deutsch fort, »während ich mich doch so aufrichtig freue, Sie hier wiedergefunden, zu haben?«

Das Gesicht der vor ihm Stehenden wurde bleich, ihre Mienen wie ihr Auge nahmen eine starre Unbeweglichkeit an. »Ich glaube, Sir,« erwiderte sie, das Englisch beibehaltend, »wir haben keinen Berührungspunkt mehr gemein. Es tut mir leid, daß ich Ihnen das erst mit Worten sagen muß.«

Dem jungen Manne trat das Blut ins Gesicht, wie einem Schüler, der einen Verweis bekommt. »Wie Sie wünschen, Ma'am, meine Frage war von Herzen gut gemeint,« sagte er, »ich bitte um Entschuldigung!« und sich leicht, verbeugend verließ er das Zimmer. Er schwang sich auf sein Pferd und sprengte im Galopp der Straße zu; er ärgerte sich über das Wesen der frischgebackenen Dame, ärgerte sich über sich selbst, daß er ihr ein Wort gegönnt hätte, und erstmals er schon ein Stück seines Weges zurückgelegt, dachte er wieder an Ellen, und welcher Grund wohl Elliot bewogen, seine Tochter hier aufzusuchen.

Als die Hufschläge von Helmstedts Pferd laut geworden, war Pauline Peters, die jetzige Mrs. Morton, langsam zum Fenster getreten und hatte dem Reiter nachgesehen, bis er hinter den immergrünen Büschen verschwunden war. Dann fiel sie in einen der Diwans, drückte das Gesicht in die Seitenkissen und brach in ein krampfhaftes Weinen aus. Sie schien gewaltsam jeden Laut davon ersticken zu wollen, aber jedes Glied ihres Körpers bebte unter einem Schluchzen, in dem sich ihre ganze Seele entleeren zu wollen schien; lange lag sie so; als sie aber endlich in gewaltsamer Fassung den Kopf wieder von den Kissen erhob, legten sich zwei weiche Arme um ihren Nacken. »Pauline, Mütterchen, um Christi willen, was ist dir denn?« sagte eine Stimme, die in voller Teilnahme zitterte, und Pauline sah in ein Paar dunkle, melancholische Augen.

»'s ist nichts, Alice!« erwiderte sie, sich zusammenraffend, und versuchte ein Lächeln, »das Weinen kommt mir wohl einmal ohne großen Grund, und da mache ich es gleich für drei Monate zusammen ab.«

Das bleiche Mädchen, das vor ihr stand und die Arme nicht von ihrem Nacken ließ, sah ihr tief in die nassen Augen und schüttelte langsam den Kopf. »Du verhöhnst dich selbst,« sagte sie, »nur um mir nicht dein Vertrauen zu schenken, und doch habe ich dich nie mehr geliebt als eben jetzt – ich weiß, wie das Unglück schluchzt, Paully. Als Vater mir dich als Mütterchen und als Schwesterchen mitbrachte, als du mich behandeltest wie ein krankes Kind, da hätte ich mich gar oft gern an deinem Halse ausgeweint, aber dein Gesicht war klar und froh, als hätte es noch keine Träne gesehen und dein Herz noch kein Unglück gekannt – ich weiß jetzt, Paully, daß auch ein lachendes Auge ein Leid verbergen kann.« Und als sie ihr trübe blickendes Auge in das ihrer jugendlichen Stiefmutter tauchte, brach deren errungene Fassung wieder zusammen, sie schlug ihre Arme um des Mädchens Hals, zog sie zu sich nieder und ließ den neu hervorbrechenden Tränen an ihrer Brust freien Lauf – aber es waren mildere Tränen, solche, die den Krampf der Seele lösen und das Herz freimachen.

»Und doch habe ich keine eigentliche Ursache, die mich hätte so außer mich bringen können,« sprach sie, sich nach einer, Weile ruhiger aufrichtend und sich die Augen trocknend, »und wenn ich dir auch alles mitteilen wollte, was in mir vorging, so würdest du mich doch nur für ein Kind halten, das noch einmal über ein liebes Spielzeug weint, das schon lange zerbrochen ist.«

»Komm, Paully, erzähle mir,« sagte Alice, und eine leichte Röte stahl sich über ihr Gesicht, »ich habe noch nie recht in dein Herz sehen können. Mache es frei und – mache mir Mut,« fuhr sie mit bebender Stimme fort, »daß ich bei dir eine Zuflucht suchen kann, wenn ich in meiner Einsamkeit verzweifeln will.«

Pauline sah sie mit aufglänzendem Auge an. »Soll ich wirklich deine Herzensfreundin werden? Du sollst mich kennen lernen ohne Rückhalt, mit allen meinen Kämpfen; dann aber mußt du auch mir einen Teil von dem geben, was dich drückt, damit ich dir tragen helfe.«

»Ich will, Paully, aber –« sagte das Mädchen mit einem tiefen Atemzuge, als wollte sie sich von einem beklemmenden Gefühle befreien, »aber jetzt nicht: Schlafe in meinem Zimmer heute nacht und laß uns sprechen, wenn es dunkel ist.«

Pauline küßte sie schweigend und erhob sich. – –

Helmstedt hätte die kurze Strecke bis Oaklea schnell zurückgelegt, und Dick, der ihm sein Pferd abnahm, wies ihn auf seine Frage nach Elliot nach der »Bibliothek«. Helmstedts Auge überflog die Fenster des Hauses, ob sich nicht Ellens Gesicht irgendwo zeige, aber ohne Erfolg. Es war ihm unbehaglich, schon den zweiten Tag nach seiner Ankunft ohne einen rechten Grund von morgens bis abends weggeblieben zu sein, und dabei konnte er die Ahnung von etwas Unangenehmem, das während seiner Abwesenheit passiert sei, nicht loswerden. Elliot saß am Feuer, in einem Buche blätternd, als der junge Mann in das bezeichnete Zimmer trat. »Well, Sir,« sagte er, nur einen Augenblick aufschauend, »haben Sie sich die Gegend angesehen?«

»Ich muß wirklich um Entschuldigung bitten, daß ich so lange ausgeblieben bin,« erwiderte Helmstedt, »ich bekam während meines Rittes mit Miß Ellen eine Nachricht, bei der sich vielleicht ein paar hundert Dollars verlorenes Geld wiedererlangen ließen, und ritt deshalb ohne Verzug nach der Stadt; ich bin freilich, wenigstens was das Geld anbetrifft, vergebens geritten.«

Elliot nickte, als denke er an etwas anderes. Brauchen Sie nur Ihre Zeit, wie Sie wollen, Sir,« sagte er nach einer Weile, »bis Neujahr sind Festtage, und Sie finden vielleicht in der Stadt einige Zerstreuung – ich habe Ihnen dort auf dem Tische eine Bankanweisung auf Ihr halbjährliches Gehalt hingelegt.« Helmstedt verbeugte sich dankend. »Haben Sie mir sonst irgend etwas zu sagen, Mr. Elliot?«

»Durchaus nichts, verfügen Sie ganz über sich!« erwiderte dieser, ohne von seinem Buche aufzusehen. Helmstedt ging; aber lag ihm auch keine Sorge über seine eigenmächtige Abwesenheit mehr auf dem Herzen, so bedrückte ihn jetzt Elliots kalter, nachlässiger Ton, der so sehr von seiner gestrigen Herzlichkeit abstach. Irgend etwas war in seiner Abwesenheit vorgegangen, und Baker, der bei seiner Begegnung mit ihm auf dem Wege nach Oaklea gewesen war, stand jedenfalls damit in Verbindung. Indessen hatte Helmstedt sein halbjährliches Gehalt in der Tasche, und Neujahr, wo er über Baker sprechen durfte, war nach fünf Tagen. Die Dinge konnten abgewartet werden. Er ging nach seiner Stube und begann seinen Koffer auszuleeren und seine Wäsche in der Kommode zu ordnen, bis es dunkel ward und ihm Sara meldete, daß der Tee bereit sei. Die Familie saß bereits, als er das Speisezimmer erreichte. Elliot lud ihn mit einer stummen Handbewegung ein, seinen Platz einzunehmen. Mrs. Elliot füllte schweigend seine Tasse, und Ellen sah nach kurzem Aufblicke wieder auf ihren Teller. Auch als Helmstedt sich gesetzt hatte, fiel von keiner Seite ein Wort, jedes schien mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt zu sein, und die allgemeine Schweigsamkeit brachte einen beengenden Eindruck auf den Eingetretenen hervor; es wurde ihm fast, wenn er an Elliots verändertem Ton gegen ihn dachte, als müsse die auffallende Stille direkten Bezug auf ihn haben.

»'s ist während der Feiertage ziemlich einsam und langweilig bei uns,« begann Elliot, als fühle er sich selbst unbehaglich; »unser Städtchen hat aber zu der Zeit desto mehr Leben, und so muß man sich dort helfen.«

»Ich hatte nicht daran gedacht, wieder nach der Stadt zu gehen,« erwiderte Helmstedt, »ich hatte mir vorgenommen, bis Neujahr Ihre Bücher und Rechnungen zu meiner Information durchzusehen und die Einrichtungen der Farm kennen zu lernen – zur Unterhaltung aber ist ja ein Piano, hier, und wenn Miß Ellen glaubt, von mir etwas profitieren zu können und nichts anderes vorhat, so ließe sich jetzt ein recht guter Anfang damit machen.«

Ellen warf rasch aufsehend ihm einen Blick zu, der sprechen zu wollen schien, sah dann seitwärts auf ihre Mutter und suchte wieder ihren Teller; Mrs. Elliot aber sagte kalt, ohne die Augen auszuschlagen: »Ich glaube kaum, daß meine Tochter hier sein wird!« und damit trat die vorherige Stille wieder ein, bis sich die Hausherrin erhob und mit Ellen das Zimmer verließ. Elliot setzte sich ans Feuer. »Nehmen Sie Platz, Sir!« sagte er und winkte Helmstedt, einen anderen Stuhl einzunehmen. »Es tut mir leid, Sir,« fuhr er fort, »daß Sie heute meiner Ellen wegen eine Unannehmlichkeit gehabt haben. Sie kannten natürlich den Gentleman nicht und Ellens Wesen auch noch nicht. Ich habe das Mädchen etwas verzogen, sie läßt ihren Einfällen mehr Gewalt über sich, als sie sollte, und so hat heute ihre Laune die Differenz herbeigeführt. Meine Frau ist etwas verstimmt darüber, wie Sie Wohl eben gesehen haben; sie gibt mir und meiner Erziehung die Schuld, und sie mag auch vielleicht recht haben.«

»Kennen Sie den Herrn genau, von dem Sie eben sprachen?« fragte Helmstedt. »Ich muß Ihnen ganz offen gestehen, daß ich vielleicht seiner Zudringlichkeit gegen Miß Elliot nicht so entgegengetreten wäre, wenn ich nicht den Mann für etwas anderes gehalten hätte, als er sich gibt –« »'s ist schon recht,« unterbrach ihn Elliot, »ich mache Ihnen auch keinen Vorwurf, ich bemerke es Ihnen nur, weil der Gentleman dann und wann unser Haus besucht und zu den genaueren Bekannten meiner Frau gehört – und«, fuhr er mit einem gutmütigen Lächeln fort, »wenn Sie in Amerika rasch fortkommen wollen, Sir, so müssen Sie es mit den Ladies nicht verderben.«

Helmstedt saß und schwankte, ob er die Familie in ihrer Sicherheit warnen sollte, aber jede unbestimmte Warnung hätte eine genauere Erklärung nach sich ziehen müssen, und er verwünschte die gegen Seifert eingegangene Bedingung. »Ich möchte von Herzen wünschen,« sagte er endlich, »daß ich heute im Unrecht gewesen wäre. Sie wissen gewiß am besten, wem Sie Ihre Familie öffnen.«

»Sicherlich, Sir!« erwiderte Elliot und hob langsam den Kopf; »eins nur möchte ich Ihnen noch freundlichst sagen. Unsere amerikanischen jungen Leute sind etwas rasch, besonders hier im Süden – lernen Sie Land und Menschen erst ruhig kennen, damit ein Urteil, das Sie fällen, Ihnen nicht vielleicht unerwartet schlimme Folgen einbringt!«

Helmstedt biß sich auf die Lippen, erwiderte aber nichts; er glaubte ein Stück des amerikanischen Stolzes vor sich zu haben, wie ihn Isaak angedeutet, und er fühlte beinahe eine Neigung, sich, wie es von ihm gewünscht wurde, gar nicht mehr um Baker zu bekümmern und seinen zu erwartenden Gaunerstreichen freien Spielraum zu lassen – wenn nur Ellen nicht vielleicht das Opfer derselben hätte werden können.

»Ich will Sie nicht länger belästigen,« sagte er aufstehend, »und wenn Sie mir erlauben, erbitte ich mir morgen früh Bücher und Rechnungen.« – »Wie Sie das halten wollen, Mr. Helmstedt!« nickte Elliot, und der junge Mann verließ das Zimmer. Als er die Tür zugedrückt hatte und an der erleuchteten Treppe, die ins obere Stockwerk führte, vorübergehen wollte, flatterte ein weißer Gegenstand vor ihm nieder. Er bückte sich danach – es war ein zusammengelegtes Papier. Helmstedt warf überrascht einen Blick nach oben; dort war aber weder etwas zu hören noch zu sehen, und mit einem sonderbaren Gefühle der Spannung betrat er sein Zimmer und brannte Licht an. Das Papier war ohne Adresse und enthielt nur die folgenden, mit Bleistift und augenscheinlich in Eile geschriebenen Zeilen:

»Mutter sagt mir jeden Augenblick, ich sei ein verzogenes Kind, und Vater mahnt mich, die Launen abzulegen; ich weiß aber, es geschieht nur wegen des Mannes, den ich nicht ansehen mag. Er hat sich bei der Mutter eingeschmeichelt, und Vater tut, worauf Mutter dringt. Ich höre aus jedem gesprochenen Worte, was beabsichtigt wird, und sehe keinen Weg, wie ich mir helfen soll; was Mutter will, setzt sie durch. Ich habe seit heute eine Angst im Herzen wie noch nie. Der Mann, den ich gar nicht nennen mag, muß Mr. Helmstedt verdächtigt haben, denn Mutter hat den Vater geplagt, mich bei Mortons zu suchen, damit ich nicht mit einem gestern hergekommenen Ausländer, den noch niemand kenne, wie sie sich ausgedrückt hat, den ganzen Tag allein in der Welt herumreite. Wenn etwas gegen den Mann aufgefunden werden kann, so muß es bald geschehen; mir ist es, als hätten sich heute die Fäden so fest um mich gezogen, daß ich nicht mehr heraus kann, oder als wäre ich heute in meiner Abwesenheit verkauft worden. Ich bin so allein in meiner Angst, daß, wenn diese Zeilen Sünden sind, mir sie Gott verzeihen wird. Ellen

Helmstedt las das Papier zweimal, dreimal über, dann warf er sich auf einen Stuhl, drückte die Hände vor die Augen und wollte überlegen – aber er sah nur Ellen mit ihrer kindlichen Naivität, mit ihrem klaren Auge, in dem sich noch kein Gedanke, der des Schleiers bedurfte, gespiegelt haben konnte, vor sich; sah jetzt den Ausdruck, den ihre Zeilen bekundeten, über ihre Züge gebreitet – er fuhr rasch mit der Hand über das Gesicht, sprang auf und ging die Stube auf und ab. Was sollte er tun? Jede Warnung seinerseits ohne Beweise war, wie die Sachen jetzt standen, vollkommen unsinnig; die wenigen Tage bis Neujahr mußten aber vergehen, und dann durfte nur an Baker die Aufgabe gestellt werden, die Nachweise seines Besitzes im Süden oder seines Vermögens zu schaffen, um den Menschen zu entlarven: Das Erste und Notwendigste blieb jetzt, dem Mädchen den Mut wiederzugeben, um für jeden möglichen Fall bis dahin Widerstand zu leisten; morgen, meinte Helmstedt, werde er jedenfalls eine Gelegenheit herbeiführen können, um ihr das Nötige zu sagen. Er nahm das Papier wieder zur Hand, sah auf die zierlichen, flüchtigen Schriftzüge und machte eine Bewegung, als wolle er es zu seinem Munde führen, hielt aber auf halbem Wege inne. »Sei kein Narr, August!« sagte er, »hier ist kein Feld, wo dir Rosen blühen können.« Er legte das Papier langsam zusammen und öffnete dann seinen Koffer. »Aber ich kann sie doch in der Seele tragen, selbst wenn sie es nicht wissen darf!« fuhr er innehaltend fort und drückte das Papier an seine Lippen. »Gute Nacht, Ellen, und rechne auf mich!«

Als Helmstedt am anderen Morgen erwachte, war es ihm, als müsse er einen wunderschönen Traum gehabt haben, bis ihm plötzlich die Erinnerung das Bild des vergangenen Abends vor die Seele führte. Er sprang rasch auf und warf sich in die Kleider, damit er bei der Hand sei, falls sich Ellen vor dem Frühstück allein sehen lasse, um ihr wenigstens ein paar Worte zu sagen.

Eine trübe, warme Luft empfing ihn, als er seine Stube verlassen hatte und durch die hintere Tür ins Freie trat; einer jener schnellen Temperaturwechsel war eingetreten, wie er eine Eigentümlichkeit Amerikas ist. Die Bäume und Sträuche, die in zwei Tagen ihre Blätter verloren hatten, waren von Nebel umsponnen, und Helmstedt fühlte einen unangenehmen Einfluß, den die veränderte Luft und das trübselige Aussehen der Landschaft auf seine kaum noch so klare Stimmung ausübte. Er umschritt langsam das Haus und überdachte das sonderbare Verhältnis, in welches er geraten war. Die Hausherrin, die das innere Regiment allein zu führen schien, war bereits gegen den »Ausländer« eingenommen – in welchem Grade, wußte er noch nicht einmal; Elliot, bei aller äußerlichen Gutmütigkeit ihn doch nur als Mietling betrachtend – und dazwischen Ellen, die sich an ihn anklammerte und auf Schutz gegen ihre Eltern rechnete. Und brachte er es auch dahin, Bakers Gaunereien offenzulegen, so mußte von dem Augenblicke an sein Verhältnis zu Ellen ein schiefes, wo nicht gar beargwöhntes, und seine Stellung in der Familie eine durchaus unhaltbare werden. Mochte es aber auch – er war ja im höchsten Notfalle nicht hier gebunden und konnte dann wenigstens eine süße Erinnerung mit sich forttragen.

Als er um das Haus bog, sah er eine angespannte Kutsche an der Vordertür halten, Dick auf dem Bocke und Sara an dem geöffneten Schlage – eben trat Elliot mit Frau und Tochter vom Portico herab, hob beide in den Wagen, winkte ihnen noch ein » good bye« zu, und fort rollten sie. Helmstedt ging in sein Zimmer zurück, er hatte nicht einmal Ellens Gesicht gesehen, und als er sich mit einem Mißmute, von dem er sich selber keine Rechenschaft gab, auf einen Stuhl warf, kam ein Gefühl des Alleinstehens über ihn, wie er es selbst in Amerika noch niemals gekannt. – Sara rief zum Frühstück, wo ihm Elliot von einer Einladung erzählte, welche die Ladies erhalten – wann sie zurückkehren würden, sagte er nicht, und Helmstedt durfte nicht danach fragen.

Nach beendigtem Mahle erbat sich Helmstedt Elliots Rechnungsbücher; er wollte scharf arbeiten, um sich alle lästigen Gedanken vorläufig aus dem Kopfe zu schaffen und sich zugleich bis zur Rückkunft des Pedlars Klarheit über das zu verschaffen, was ihm fehle – und bald saß er mit einem Haufen ungeordneter Papiere in seinem Zimmer. Er begann zu sortieren, durchlas Briefe und Rechnungen, um soviel als möglich erst die Weise des Betriebs kennen zu lernen, aber er las oft eine Sache dreimal über und wußte doch nicht, wovon die Rede war. Seine Gedanken waren überall, nur nicht bei seiner Beschäftigung, und je mehr er sich zur Aufmerksamkeit zwingen wollte, desto mehr bemächtigte sich eine unbestimmte Unruhe seiner, die ihn endlich vom Stuhle auftrieb. Er öffnete seinen Koffer und holte Ellens Zeilen hervor – aber ehe er sie entfaltete, legte er sie wieder zurück. »Öl ins Feuer!« murmelte er; er setzte sich wieder an seinen Arbeitstisch und stützte den Kopf in die Hand, sinnend und sich in seine Gedanken verlierend. Erst nach einer langen Weile erhob er sich wieder. »So wird das nichts heute!« sagte er und rieb sich die Stirne. Er nahm seinen Hut, ging nach dem Stalle und sattelte sein Pferd; er wollte einen Rundritt durch die Farm machen, aber als er sich nach einer Weile nach seinem Wege umsah, befand er sich auf derselben Straße, die er tags zuvor mit Ellen zurückgelegt. Er ritt weiter und sah bald in der Ferne Mortons Wohnhaus durch die neblige Luft leuchten, aber die Gedanken an die jetzige Mrs. Morton, welche der Anblick in ihm hervorrief, waren wenig geeignet, seine Stimmung zu erheitern. Er ritt von der Straße ab, quer durch ein offenes Stück Waldland; eine neue Straße tat sich hier auf, in welche sein Pferd ungeleitet einbog und erst, als es vor einem geschlossenen Gattertor stehenblieb, merkte Helmstedt auffahrend, daß er weder auf die Straße noch auf das Pferd geachtet. Er blickte um sich und sah nichts als Wald und eingezäunte Felder. Unwillig über sich selbst, trabte er zurück; nach kurzem Ritte aber teilte sich die Straße in drei verschiedenen Richtungen, und Helmstedt hielt an, ungewiß, welche zu wählen. »Irgendwohin komme ich jedenfalls!« murmelte er nach kurzem Nachdenken und schlug die Straße ein, welche der Richtung nach Oaklea am nächsten zu sein schien.

Eine Meile mochte er, aufmerksam die Gegend musternd, fortgeritten sein, als ihm endlich ein Neger zu Pferde begegnete, bei dem er sich nach dem rechten Wege erkundigte.

»Well, Sir, Sie drehen Oaklea beinahe den Rücken zu,« erwiderte dieser; »wollen Sie hier mit mir quer durch den Busch reiten, bis auf die andere Straße jenseits, so kann ich Ihnen den Weg beschreiben.« Helmstedt folgte dem Führer, dessen höfliche Bereitwilligkeit ihn wohltuend berührte, und horchte, wieder im Freien angekommen, einer verwickelten Beschreibung von Wegen. Nachdem er den Schwarzen mit einem kleinen Geschenke entlassen, machte er sich auf den Heimweg, der seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es war fast Mittag, als er Oaklea erreichte, aber das kleine Ereignis hatte ihm seine Kontrolle über sich selbst wiedergegeben; er war ruhig geworden und konnte sich nachmittags mit Ernst an die morgens unterbrochene Arbeit machen.

Zwei einförmige Tage waren vergangen – Ellen und ihre Mutter waren noch nicht zurückgekehrt; Elliot schien sich in seiner Bibliothek abgeschlossen zu halten, und Helmstedt beschloß am dritten, nach der Stadt zu reiten und seine Bankanweisung zu versilbern und womöglich Seifert noch einmal zu sprechen. Es war der Tag vor Silvester, Helmstedt war eben im Stalle beschäftigt, sein Pferd zu satteln, als sich vorsichtig ein schwarzes Gesicht hereinbog und mit den Augen den Stall durchlief. – »Well, Sara,« begann Helmstedt, »etwas Neues?«

Die Schwarze huschte herein. »Ist es wohl wahr, Sir,« begann sie vorsichtig, »daß Mr. Baker und Miß Ellen Neujahr miteinander versprochen werden sollen?«

Helmstedt fühlte, daß er kalt wurde. »Neujahr? Dazu wird's, glaub' ich, noch nicht kommen,« sagte er nach kurzer Pause; »woher weißt du das?«

»Well, Mr. Elliot spaßt manchmal mit mir und meinte heute morgen, es sei das beste, wenn ich jetzt noch Mortons Cäsar nehme, mit dem ich einmal ein Verhältnis gehabt, den ich aber nicht mag, dann könnte 's bald zwei Hochzeiten geben, und Dick hat gehört, wie Mistreß Elliot gesagt, Mr. Baker müsse gleich nach Neujahr abreisen, und die Sache könne an dem Tage wenigstens vorläufig abgemacht werden. Dick ist bestellt, morgen die Ladies wieder heimzuholen.«

»Ich glaube nicht, Sara, daß Mr. Baker daran denken wird.«

»Glauben Sie wirklich nicht, Sir?«

»Wenn du Angst wegen Cäsar hast, so will ich dir sogar bestimmt versichern, daß niemand an die Sache denken wird.«

Saras Gesicht begann sich aufzuklären. »Dank Ihnen, Sir, ich konnte mir's auch denken!« sagte sie und verschwand.

Helmstedt zog eilig sein Pferd heraus, nahm die Reitpeitsche und schwang sich auf. Die Sache wurde Ernst – er mußte Seifert finden und ihm womöglich einen Tag abhandeln. Im scharfen Trabe ritt er die Straße hin, er erreichte die Waldecke, wo er mit Ellen auf Baker getroffen, und fast auf derselben Stelle parierte er sein Pferd. Keine hundert Schritte vor ihm kam Baker ihm wieder entgegengetrabt.

Helmstedt, die zusammengezogenen Augen auf den Herankommenden gerichtet, schien einen Augenblick unschlüssig, was zu tun; dann aber, wie von einem hellen Gedanken belebt, ritt er langsam weiter. Baker trabte herbei, den Kopf hoch und das Gesicht den Feldern zugekehrt, als denke er gar nicht daran, von der Begegnung Notiz zu nehmen; als er aber nahe genug heran war, trieb Helmstedt sein Pferd quer über des anderen Weg, daß dieser genötigt war, die Zügel anzuziehen. Die Augen der beiden Männer trafen sich und wurzelten eine Sekunde lang miteinander. »Was soll das?« brach Baker los. »Geben Sie Raum, Sir!«

»Ich habe Ihnen ein paar Worte zu sagen, die Sie anhören werden!«, entgegnete Helmstedt ruhig, aber mit fest auf ihn gerichtetem Blicke.

»Habe nichts mit Ihnen zu reden – geben Sie freien Weg, oder ich verschaffe mir ihn!«

»Vielleicht sind Sie mir dankbar, daß ich Sie angehalten, und reiten von selbst nicht weiter. Ein verständiger Mann hört doch erst.«

Bakers Blick schien einen Augenblick das ernste Gesicht seines Gegners durchdringen zu wollen. »Was ist es? Machen Sie es kurz!«

»Kaum ein paar Worte, Sir! Ich möchte Ihnen nur mitteilen, daß ziemlich genaue Nachrichten über Sie selbst und Ihren Grundbesitz eingelaufen sind, die hämischerweise benutzt werden sollen, um Sie am Tage Ihrer Verlobung mit Miß Elliot als Schwindler festnehmen zu lassen. Sie müssen selbst am besten wissen, was Sie zu befürchten haben, und ich mache Ihnen die Mitteilung nur, um vielleicht der Familie Elliot einen öffentlichen Skandal zu ersparen. Das ist alles, Sir!«

»Halt an!« rief Baker, sich verfärbend, als Helmstedt jetzt sein Pferd zurückziehen wollte. »Sie scheinen es darauf abgesehen zu haben, mir bei jeder Begegnung Beleidigungen ins Gesicht zu werfen; Sie kommen aber, bei Gott, diesmal nicht so davon. Sprechen Sie deutlich und geben Sie Rechenschaft von Ihren halben Worten, oder ich schieße Sie nieder wie einen Hund!« Die Hand des Sprechenden fuhr nach der Brusttasche. In Helmstedts Gesicht trat ein leichtes Rot, er faßte die Reitpeitsche in der Mitte, das dicke Ende mit dem schweren Bleiknopfe nach oben gekehrt. »Ich habe mich eigentlich zur Verschwiegenheit bis Neujahr verpflichtet,« sagte er, scharf jede Bewegung des Gegners bewachend, »auf Sie selbst, der Sie Ihre eigenen Verhältnisse jedenfalls besser kennen als ich, kann das aber natürlich keine Anwendung finden. Die Sache ist die, Sir, daß Sie weder Pflanzer noch ein Mann von Alabama sind, sondern ein Spieler von Profession und ein Neuyorker Industrieritter, der sich jetzt hier festen Boden unter die Füße schaffen will, und daß Sie am besten tun, sich davonzumachen, wenn Sie Ihre Lügen nicht aufgedeckt sehen wollen!« Helmstedt sah, wie, während er sprach, sich Bakers Hand in der Brusttasche ballte, wie dessen Auge einen Ausdruck gleich dem einer lauernden Katze annahm; kaum hatte er aber das Wort »Lügen« ausgesprochen, als auch jener mit einem wilden » God –!« seinen Revolver hervorriß. Helmstedt war darauf vorbereitet gewesen, und fast im gleichen Augenblicke traf ein Hieb des schweren Endes seiner Reitpeitsche Bakers Hand, daß die Waffe über die nächste Einzäunung in die dichten Brombeer- und Schwarzbeerbüsche flog. Des Amerikaners Pferd tat erschreckt einen Satz zur Seite, daß der Reiter fast aus dem Sattel geworfen wurde, und sprengte davon; Helmstedt zügelte sein eigenes unruhig gewordenes Tier und blieb dann, die Reitpeitsche in der Hand wiegend, in der Mitte der Straße halten, bis Baker wieder Macht über sein Pferd gewonnen hatte, es herumwarf und zurückkam. Zwei Schritte vor dem Deutschen hielt er still. »Ich bin augenblicklich waffenlos,« rief er ihm mit dem vollen Ausdruck des Ingrimms zu, »sei'n Sie aber versichert, daß ich mir für allen erlittenen Schimpf volle Genugtuung verschaffen werde – ich behalte dies als Memorandum!« Er zeigte einen kleinen Messingknopf, welcher bei dem Schlage von der Reitpeitsche abgesprungen war und sich in seinen Kleidern verfangen haben mußte.

»Ziehen Sie sich beizeiten zurück, Sir!« erwiderte Helmstedt, als jener sein Pferd drehte, »Sie haben bis übermorgen Zeit, es ohne öffentliche Schande zu tun; was später erfolgt, mögen Sie sich selbst zuschreiben!« Baker warf ihm nur noch einen Blick zu, der ohne Worte sprach, und trabte sodann davon. Helmstedts Auge suchte nach dem Revolver, der aber in den dornigen Gesträuchen und dem buschigen Unkraut so verborgen lag, daß sein Auffinden mehr als Schwierigkeit erfordert haben würde, und ritt dann seines Weges weiter. Es war ihm zumute wie einem jungen Feldherrn, der seine erste Schlacht gewonnen hat.

Erst spät nachmittags kam er aus der Stadt zurück. Er hatte sein Geld in der Bank erhalten, aber Seifert trotz längeren Wartens und Suchens nicht getroffen. Als er hinter dem Wohnhause vom Pferde stieg, sah er Sara neben den Ställen vorüberschlüpfen und rief ihr zu. Die Schwarze kam langsam heran.

»Hast du Mr. Baker gesehen, während ich weg war?« fragte er halblaut. Das Mädchen sah ihn an wie in plötzlicher Betroffenheit. »Mr. Baker?« wiederholte sie zögernd.

»Ich meine, ob er hier gewesen und mit Mr. Elliot geredet hat?«

» No, Sir!« rief sie, als fasse sie jetzt erst seinen Gedanken, »Mr. Elliot ist vormittag ins Land geritten und jetzt noch nicht wieder zurück.« Helmstedt nickte befriedigt und brachte sein Pferd in den Stall.

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