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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 6
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Drittes Kapitel. Das Weihnachtsfest

Auf der Straße, welche von der Hauptstraße ab nach Oaklea führt, trabte am Mittag des ersten Christtages ein Reiter hin, hinter ihm drein ein Schwarzer im vollen Feststaate der modernen Welt. Hatte auch der »Ofenrohrhut« einige Beulen und wollte der glättenden Bürste nicht mehr gehorchen, so saß er doch so keck auf dem Wollkopfe wie der des ersten Neuyorker Herumtreibers. Standen auch die Vatermörder etwas zu weit über das rotseidene Halstuch hinaus, so daß die dicken Backenknochen darauf zu ruhen schienen, so war der Kontrast, den sie mit der schwarzen Haut bildeten, ein um so entschiedener, und das etwas zu viereckige Gesicht erhielt eine gewisse Abrundung; war auch der Rock etwas zu weit und nach irgendeinem antiken Muster geschnitten, so stand er in um so größerer Harmonie mit den etwas schweren Schuhen und großen Händen und gab der ganzen Gestalt einen Anstrich von Gediegenheit. Der Reiter vor ihm, der zwar einfach gekleidet war, aber in voller Eleganz zu Pferde saß und die freien Blicke ringsumher geworfen hatte, hielt jetzt an und ließ den Schwarzen herankommen. »Well, wie heißt Ihr?«

»Dick, Sir.«

»Well, Dick, Ihr könnt mich schwer verstehen?«

»'s geht schon, Master, mit einem bißchen Aufpassen!«

»Ihr müßt mir sagen, Dick, wo ich nicht recht spreche!«

Der Neger verzog das gutmütige Gesicht zu einem Grinsen. »Miß Ellen wird das besser können, oder Mister Elliot, Sir.«

»Wer ist Miß Ellen?«

»Ich meinte, Sie müßten sie kennen, da Sie in die Familie kommen; 's ist Miß Elliot, die Tochter von unserem Herren, sie ist so als kleines Mädchen zwischen uns aufgewachsen, daß die schwarzen Leute alle sie nur bei ihrem Vornamen nennen.«

Der weiße Reiter schwieg, aber trabte schärfer zu und ließ das Auge wieder über die Landschaft schweifen. Dick schlug sich auf seinen Hut, den der Wind eben wegtreiben wollte, und ließ sein Pferd gleichen Schritt mit dem anderen halten. Er schnitt ein paarmal Gesichter, als wolle er zum Sprechen ansetzen, wisse aber nie, wie. »Ich möchte Sie wohl was fragen, Master – ich habe Ihren Namen schon wieder vergessen, er ist so schwer zu merken –«

»Helmstedt heiße ich!« antwortete der andere.

»Mr. Helmstedt, Sie müssen's doch wissen, da Sie von Neuyork kommen,« fuhr der Schwarze fort, und sein ganzes Gesicht verwandelte sich in eine Miene von halber Verlegenheit und halber Neugierde – »ist es wahr, daß die Schwarzen dort alle Herren sind?«

»Well, sie sind frei, aber wenn sie nicht scharf arbeiten oder neben den vielen weißen Arbeitern, die's dort gibt, keine Arbeit bekommen, müssen sie Not leiden, so gut wie jeder andere. Ich habe schon manchen alten Schwarzen an den Ecken betteln sehen.«

Dick kratzte sich in den Haaren, daß ihm beinahe der Hut wieder vom Ohre flog. »Aber es soll doch Leute geben, die für die schwarzen Menschen sorgen, wenn sie hinkommen?«

»Weiß nichts davon, Dick, sie würden's doch wohl erst für ihre weißen Brüder tun, und unter denen ist bei manchem das Elend so groß, daß er sich aus Verzweiflung das Leben nimmt.«

Dick zog wieder ein paar Gesichter, deren Ausdruck wohl der größte Physiognom nicht hätte klassifizieren können, rückte bald vor-, bald rückwärts auf dem Sattel, sagte aber kein Wort, bis sich auf dem nächsten Hügel Oaklea vor ihnen zeigte. Einzelne Jauchzer wurden von dort hörbar und dann und wann trug auch der Wind Geigenklänge und helles Lachen herüber. »Das ist unser Haus, Sir!« sagte er, und seine Blicke schienen den Eindruck desselben in Helmstedts Gesicht zu beobachten, »'s ist jetzt lustige Zeit da.«

Helmstedt übersah mit glänzendem Auge die Landschaft, tat dann einen langen Atemzug und sprengte im Galopp dem Orte, von dem er eine neue Heimat erwartete, entgegen.

Die kurze Entfernung bis zum Landhause war bald zurückgelegt. An dem geschmackvollen weißen Stakete, das die Gartenanlagen, welche das Haus umgaben, von der übrigen Besitzung abschloß, sprang Dick vom Pferde und öffnete das Gattertor. Ein breiter Kiesweg führte von hier dem Hause zu, wo ein Mann, der in dem Portico aus und ab ging, die Ankommenden bereits zu erwarten schien.

»Freut mich, daß Sie da sind, Sir!« rief er mit einem kurzen, musternden Blicke, als Helmstedt vom Pferde stieg, und warf dem ihm nachgekommenen Schwarzen die Zügel desselben zu. »Ich heiße Elliot.«

Helmstedt verbeugte sich und drückte herzhaft die dargebotene Hand – die stattliche Gestalt und der freundliche, biedere Blick des Mannes hatten einen wohltuenden Eindruck auf ihn hervorgebracht.

»Ihre beiden Koffer sind schon hier;« fuhr Elliot fort; »der Bursche, der sie holte, ist den kürzeren Weg durchs Holz gefahren und Ihnen zuvorgekommen; dem schwarzen Volke macht das Christfest alle Gelenke noch einmal so geschmeidig als sonst. 's ist Feuer in Ihrem Zimmer, und was sonst nötig ist, wenn Sie sich den Staub herunterschütteln wollen,« fuhr er fort, »und wenn Sie mit mir kommen wollen, zeige ich Ihnen den Weg.«

Der junge Mann folgte durch das Haus nach einem der Seitenflügel, wo Elliot eine Türe zu ebener Erde vor ihm öffnete. »Sie finden mich nachher im Parlor, Sir!« sagte er und ließ den Ankömmling allein.

Helmstedt trat ein, und ein wunderbar heimliches Gefühl überkam ihn. Das Zimmer war nur schlicht tapeziert, aber die durch die dichten Vorhänge gebrochene abendliche Helle warf in Verbindung mit dem Scheine des prasselnden Feuers ein warmes Kolorit über alle Gegenstände darin; ein dicker Fußteppich bedeckte den Boden, ein Bett mit weißer Überdecke nahm die eine Wand ein, während gegenüber zwischen den Fenstern ein geräumiger Waschtisch mit dem Spiegel darüber alle nötigen Bequemlichkeiten bot. Eine Kommode, ein großer Tisch an der dritten Wand und ein kleiner neben dem Bette, ein aus Rohr geflochtener Schaukelstuhl und drei andere, ähnliche Stühle vollendeten die einfache Ausstaffierung, und doch wollte es Helmstedt scheinen, als habe er noch nie ein wohnlicheres Zimmer gesehen, das so ganz von den Vorstellungen abwich, die er sich auf seiner Herreise gemacht hatte. Seine beiden Koffer, die in der Fenstervertiefung standen, grüßten ihn wie alte Bekannte, und mit einem Gefühle der Sicherheit, wie er es in Amerika noch nicht gehabt, öffnete er sie, entledigte sich dann der Reisekleider, wusch sich, und bald verließ er frisch und elegant das Zimmer wieder, um den Hausherrn aufzusuchen.

Elliot saß mit einem Zeitungsblatt am Fenster, als Helmstedt den Parlor betrat, und nicht weit von ihm in einem der Diwans eine ältliche Dame. »Kommen Sie näher, Sir, nehmen Sie Platz!« rief der erstere und zog den nächststehenden Stuhl herbei. »Das ist meine Frau – Mr. Helmstedt, unser neuer Hausgenosse!« fuhr er, beide einander vorstellend, fort. »Was sonst zum Hause gehört, werden Sie schon kennen lernen, und nun lassen Sie uns fürs erste eine halbe Stunde plaudern und selbst miteinander Bekanntschaft machen.« Die Frau hatte aufstehend mit einem: »Seien Sie uns willkommen!« dem jungen Manne die Hand gereicht, verließ aber jetzt das Zimmer.

»Well, Sir,« begann Elliot, als Helmstedt den angewiesenen Platz eingenommen, »was Sie bei uns sollen, wird Ihnen ja wohl bekannt sein, und ich denke, Sie werden sich auch bei uns gefallen, wir sind wenigstens keine bösen Leute, und von Ihnen habe ich auch nur das beste gehört.«

»Ich muß zuerst wegen meines unvollkommenen Englisch um Entschuldigung bitten,« begann Helmstedt, »ich hoffe aber, es soll mit jeder Woche besser werden; im übrigen weiß ich nur als einen Teil meiner Aufgabe, daß ich Ihre Bücher in Ordnung halten soll; das weitere – schrieb mir der Mann, der mir die Aufforderung zur Hierherreise und auch das Reisegeld sandte – würde ich von Ihnen selbst erfahren.«

»Das ist der alte Isaak; kennen Sie ihn oder seine Verhältnisse näher?«

»Isaak Hirsch unterzeichnete er sich, Sir, sonst habe ich ihn aber erst zweimal im Leben gesehen und weiß nur, daß ich durch seinen guten Rat aus der bittersten Lage meines Lebens kam und diesem vielleicht meine ganze Zukunft in Amerika verdanke.«

»So! Er muß Sie doch wohl näher gekannt haben oder irgendein Interesse an Ihnen nehmen. Er verbürgte sich freiwillig für Sie, obgleich das nicht einmal notwendig gewesen wäre.«

»Mag sein, daß er mich mehr kennt, als ich weiß, Sir; ich gestehe Ihnen ehrlich, daß er für mich eine rätselhafte Person ist. Er brachte mich, als ich durch einen erlittenen Diebstahl gänzlich hilflos dastand, vor vier Monaten in das Exportgeschäft eines seiner Bekannten, wenigstens nannte er den Besitzer so, damit ich dort für mein ferneres Fortkommen Geschäft und die Sprache lernen sollte; ich mußte ihm aber versprechen, sechs Monate auszuhalten – es war eine harte Schule für mich, das Verständnis jedes Wortes in meiner Umgebung und jedes Stück Kenntnis in dem neuen Fache mußte erst erarbeitet werden; ich wurde von früh bis abends nicht losgelassen und eine anderweite Abendbeschäftigung, die ich nebenbei übernommen, fand auch in einem amerikanischen Hause statt, so daß ich im ersten Monate oft in halber Verzweiflung nur um die allernotwendigste Konversation war; ich sah aber ein, daß es der einzige Weg zu meinem Heile war; ich hatte obendrein dem alten Manne mein Wort gegeben, und so blieb ich. Dort mag er mich vielleicht haben beobachten lassen – zu welchem Zwecke, kann ich freilich nicht erraten – und welches Interesse er an mir nehmen könnte, ist mir ebenfalls unbegreiflich – ich habe nicht einmal gewußt, daß sein eigentlicher Aufenthalt die hiesige Gegend ist, bis ich seinen Brief erhielt, mich bei Ihnen zu melden.«

»'s ist ein sonderbarer Mensch,« sagte Elliot kopfschüttelnd, »aber bei den vielerlei Arten von Geschäften, die er hier herum macht, hat sich noch niemand über ihn zu beklagen gehabt, und ich denke, so wird er auch in Ihnen jetzt den rechten Mann für uns besorgt haben. Sie sollen allerdings meine Bücher in Ordnung halten, das verlangt aber mehr Treue und Gewissenhaftigkeit als viele Arbeit; mir liegt vor allem daran, immer zu wissen, wie ich stehe, damit man nicht Extravaganzen in den Ausgaben begeht, die nur später Verlegenheiten hervorrufen. Wir sind alle in der hiesigen Nachbarschaft für reich verschrien, und seit unsere Kinder durchaus im Osten ausgebildet werden müssen, wenn die Mädchen einmal eine ordentliche Partie machen und die Jungen mit der jetzigen Welt fortkommen wollen, ist auch die östliche Fashion bei uns eingezogen, und wo unsere Väter keinen Gedanken an Ausgaben hatten und den Grund zu unserer Wohlhabenheit legten, da finden wir eine Menge Kosten für Dinge, angenommene Gewohnheiten und Moden, die einen Menschen ruinieren können, wenn er nicht scharf auf seiner Hut ist. Wir sind allerdings wohlhabend, das heißt an Eigentum und Negern, und doch fehlt oft das bare Geld, wo es am notwendigsten ist, weil es nebenbei für Badereisen und kostbare, aber unnütze Anschaffungen wegging, die niemals vorher kalkuliert wurden. So muß denn schon auf die nächste Ernte los geborgt werden, und wer nicht strebt, strenge Ordnung und Übersicht in seine Rechnungen zu bringen, der kann trotz aller Wohlhabenheit in wenigen Jahren zugrunde gehen, ehe er es nur weiß. Da haben Sie alles, was ich Ihnen darüber sagen wollte – die Notizen und Papiere, welche Sie brauchen, werden Sie von mir erhalten; nehmen Sie sich Zeit, und machen Sie sich erst mit unseren Verhältnissen ordentlich vertraut, dann aber handeln Sie in Regulierung der schriftlichen Sachen ganz nach Ihrem eigenen Ermessen. Das Pferd, welches Sie vorhin ritten, mögen Sie als zu Ihrem ausschließlichen Gebrauche betrachten, so erhält es doch wenigstens einen Nutzen – 's ist ein Teil von dem Unsinn, zu dem ich mich habe verleiten lassen, feine Pferde für den bloßen Luxus anzuschaffen. Wegen Ihrer Bezahlung, um das Nötige gleich vornherein zu erwähnen, will ich Ihnen das erste halbe Jahr Ihres Salärs in der County-Bank anweisen, Sie mögen es dann nach eigenem Gefallen ziehen. – So viel darüber. Ein anderer Hauptwunsch von mir aber,« fuhr Elliot fort und drückte die Augen einen Moment in die Hand, »war der, jemand von genug Bildung und Zuverlässigkeit als Gesellschafter für meine Frau und Tochter im Hause zu haben. Meine zwei Jungen sind auf dem Gymnasium, und so leben wir hier, wenn ich die einzelnen Besuche von Nachbarn nicht rechne, ziemlich einsam. Dann bin ich bisweilen gezwungen, des Nachts über in der Stadt zu bleiben und jede weiße männliche Aufsicht fehlt dann hier. Sie spielen Piano, wie mir der alte Isaak sagt, das gibt schon Abwechslung, und meine Ellen kann hierin, wie auch in ihren Schulstudien, von Ihnen profitieren; Sie aber lernen von den Frauenzimmern, was Ihnen noch in der Sprache fehlt – das, hoffe ich, wird sich alles ganz gut machen. – So, nun wissen Sie ungefähr, was ich von Ihnen wünsche, das übrige findet sich schon später, und wenn's Ihnen recht ist, machen wir, bis der Tee fertig ist, einen Spaziergang zu unsern Schwarzen, bei denen es heute hoch hergeht.«

Elliot nahm seinen Hut und erhob sich, und Helmstedt folgte ihm zur Tür hinaus, aber nicht mit halb so leichtem Herzen, als er den Parlor betreten hatte. Trotz der Leichtigkeit, mit welcher sein Prinzipal über die von ihm zu übernehmenden Geschäfte gesprochen hatte, war es doch über ihn gekommen, als solle ihm eine halbe Welt von Verantwortlichkeit auf die Schultern gelegt werden, und zwar für Dinge, von denen er nicht einmal einen rechten Begriff hatte. Was verstand er von dem Betrieb einer Pflanzung? Er wollte wohl Bücher führen – aus seinen früheren Studien in Deutschland hatte er die Kenntnis der Staatsbuchhaltung mitgebracht, und das Verständnis der englischen kaufmännischen Buchhaltung war ihm schon in den ersten Wochen seiner Handelskarriere in Neuyork vollkommen klar geworden – dazu hatte er eine oberflächliche Kenntnis der Baumwolle erhalten, da sie der Hauptexportartikel des Hauses, welches ihn beschäftigte, gewesen war – aber welchen Begriff hatte er denn von dem Wesen einer südlichen Pflanzung, von welcher ihm Isaak noch dazu geschrieben hatte, daß sie eine der bedeutendsten im nördlichen Alabama sei? Und die nachlässige Offenheit, mit welcher Elliot über seine Verhältnisse gesprochen und Helmstedts Kenntnissen und Selbständigkeit vertraut hatte, machte ihm das Herz noch schwerer. Ein lautes Lachen Elliots störte ihn aus seinen Gedanken auf und ließ ihn erst jetzt bemerken, daß er an dessen Seite bereits ein ganzes Stück im Freien hinter dem Hause zurückgelegt. Er durfte jetzt dem, was ihn beschwerte, keine Macht über sich gestatten, wenn er nicht gleich zu Anfange unbeholfen und linkisch auftreten wollte.

»Sehen Sie dort, Sir, ob Sie schon so was gesehen haben!« rief Elliot, von neuem lachend. Sie standen am Anfange der Senkung, auf welcher die Negerhütten zerstreut umherlagen. Unten im Tale, über das sich bereits dunkle Abendschatten gesenkt hatten, war ein großes Viereck mit Brettern belegt, das von tanzenden Schwarzen bedeckt war. Auf zwei Fässern standen zwei schwarze Violinkünstler, beide mit den Füßen den Takt zu ihrer Musik stampfend, während der eine die Touren einer eben aufgeführten Quadrille mit heiser geschriener Stimme ausrief. Ringsumher trieben sich Gruppen anderer Schwarzen, Mädchen und Männer, lachend und tollend durcheinander. Der Tanzplatz selbst aber bot eine treue Nachahmung fashionabler Manieren. Die Tänzer, trotz des kalten Abends meist in weißen Hosen, viele in alten Fracks und steifen Vatermördern, einige der größten Stutzer darunter sogar mit abgetragenen Glacéhandschuhen, bestrebten sich, ihre Tänzerinnen mit so viel Grazie zu führen, als sich nur durch Kopfwerfen und Beinverdrehen erzielen ließ, während die Stillstehenden mit süßzärtlich gezogenem Gesichte sich zu ihren Schönen bogen; die Humoristen unter der Gesellschaft aber tanzten mit einem virtuosenmäßigen Fußtrommeln und Händeschnippen, denen die groteskesten Sprünge folgten, Solo. – Mit jedem Schritte, den Helmstedt näher herantrat, bot sich ihm ein neues Bild seltsamer Lustigkeit und karikierten modernen Lebens. Bald standen sie mitten unter der schwarzen Gesellschaft, und die ihnen Nahestehenden rissen mit gutmütig grinsender Höflichkeit die Hüte vom Kopfe.

»Sind denn die Neger hier sämtlich Ihr Eigentum?« fragte Helmstedt.

»I, durchaus nicht,« lachte Elliot, »aber meine Leute geben heute abend den Schwarzen von der Nachbarfarm einen Ball, morgen sind sie wahrscheinlich selbst wo andershin eingeladen – das geht fort im Tanzen und Lustigmachen bis Neujahr; was sie sich das Jahr über erspart haben – und das ist oft nicht unbedeutend, weil jede Negerfamilie aus ihrer eigenen Hühner- oder Schweinezucht oder dergleichen so viel machen darf, als sie kann – das geht bei den meisten am Christtage wieder fort. Die Sorge für den morgenden Tag kennt freilich keiner von ihnen.«

Beide waren auf den gedielten Tanzplatz getreten, wo eben ein Dutzend heller Papierlaternen an die ringsum stehenden Bäume gehangen wurden, die das ganze Schauspiel nur um so grotesker machten, und sahen sich das Treiben der Negergesellschaft, die sich in keiner Bewegung durch die Anwesenheit der neuen Gäste stören ließ, in der Nähe an – da tauchte nahe vor Helmstedt, wie ein Sonnenblick zwischen dunkeln Gewitterwolken, ein weißes, lachendes Mädchengesicht aus der schwarzen Menge auf, das vor Helmstedts überraschtem Blick leicht errötete, dann sich aber nach dem herzutretenden Elliot wandte. »Meine Tochter Ellen,« sagte dieser, sie dem jungen Mann leichthin vorstellend, »und das,« wandte er sich zu ihr, »ist Mr. Helmstedt, der euch Frauenzimmern helfen wird, den Winter hinzubringen!« Ein Blick, halb Scheu, halb Neugierde, aber voll wunderbarer Klarheit, traf den Ankömmling, und er wollte eben einige höfliche Worte sagen, als ein zweites jugendliches Gesicht neben dem ersten erschien, bei dessen Anblick ihm die Rede im Munde erstarb. »Mistreß Morton, unsere freundliche, Nachbarin!« fuhr Elliot in seiner Vorstellung fort. »Wenn Sie uns recht fleißig besuchen, Ma'am, können Sie auch etwas von unserem neuen Freunde abhaben.« Die Dame verbeugte sich steif, Helmstedt aber wußte nicht, ob ihn ein Phantasiebild äffe, oder ob seine Augen trübe waren; das war Pauline Peters, wohl etwas bleicher, als er sie zuletzt gesehen, und wenn auch nicht ein einziger Blick von ihr verriet, daß sie ihn kenne, so lag doch derselbe weiche Zug um ihren Mund, den er schon als Kind an ihr gekannt, und selbst die Mantille, welche sie trug, war dieselbe, in der er sie zuerst in Neuyork gesehen. Mrs. Morton! Das war derselbe Name, mit dem sie den ältlichen Herrn bezeichnet hatte, den sie »Onkel« nannte, und von dem sie abhing – der Mann war aus Alabama – es war schon richtig.

»Es wird so kalt, daß ich besser tue, ich fahre nach Hause,« sagte sie, sich an ihre junge Gefährtin wendend, »Mr. Morton ist ohnedies abends nicht gern ohne mich.«

Der Hausherr warf zwar lachend ein, sie solle ihren Mann nicht verwöhnen, und es sei unrecht, wenn sie den Abend nicht mit ihnen zubringen wolle; sie aber zog ihren Überwurf höher und sagte mit einem Anflug der schelmischen Miene, welche Helmstedt die ganze Szene im City Hall-Park wieder vor Augen führte: niemand habe eine Vorstellung, was ihr Mann für ein Bär sei; dann nahm sie Ellens Arm, winkte einer Mulattin, die beiseite stand, ihr zu folgen, und, sich leicht, aber vollkommen fremd gegen Helmstedt verbeugend, gingen die beiden schlanken Gestalten dem Hause zu.

»Well, Sir, ich denke, unser Tee wird fertig sein, und wir machen uns ebenfalls wieder zurück, wenn Sie sonst nicht noch hier bleiben wollen«, sagte Elliot, und für Helmstedt, dem jetzt mit einem Male das ganze Schauspiel vor ihm langweilig, wenn nicht widerwärtig erschien, hätte keine willkommenere Aufforderung stattfinden können. Sie folgten langsam den Damen, Elliot einzelne Anekdoten von den Eigentümlichkeiten der Schwarzen erzählend, die er an das eben verlassene Fest anknüpfte, zu denen aber Helmstedt immer nur das Gesicht verzog, wenn er seinen Begleiter darüber lachen hörte, denn er selbst hatte vor allerhand eigenen Gedanken, die ihm durch den Kopf fuhren, das wenigste davon gehört – und beide kamen beim Hause an, als eben der Besuch sich der Frau vom Hause empfahl, von Ellen Elliot zum Abschied geküßt wurde und dann in die bereitstehende zweisitzige Kutsche sprang, wo schon die Mulattin, Zügel und Peitsche regierend, saß. Helmstedt fing, nahe dabei stehend, noch einen ihrer letzten Blicke auf, aber keine Miene oder auch nur der leiseste Farbenwechsel deutete auf eine innere Bewegung; das Pferd zog an, und der Wagen rollte der Straße zu; die Familie wandte sich nach dem Hause, wo Sara meldete, daß das Abendbrot bereit sei, und den eintretenden Helmstedt mit großen, neugierigen Augen musterte.

»Well, Sir, wir sind heute allein und müssen uns den ersten Christtag selbst so angenehm als möglich machen,« sagte Elliot, als er dem jungen Manne seinen Platz am Teetische, Ellen gegenüber, anwies, »Sie werden aber müde sein, sonst hätten Sie uns heute noch etwas spielen und singen müssen; ich verstehe zwar nicht viel von der Kunst, wie Ellen sagt, 's ist aber was Hübsches um die Musik bei geschlossenen Fensterläden und einem hellbrennenden Feuer.«

»Woran man gewöhnlich süß einschläft!« fiel Ellen lachend ein, wurde aber auch zugleich mit einer hellen Röte übergossen, als habe sie sich zu weit gehen lassen.

»Well, warum nicht?« sagte Elliot launig. »Das ist eben die Macht der Musik, oder auch vielleicht nur deiner Musik, 's kommt eben auf die Probe an, wenn ich etwas anderes zu hören bekomme. – Übrigens hast du jetzt einen so großen Bewunderer an Mrs. Morton, daß du mich wohl ruhig schlafen lassen kannst.«

»Ist Mrs. Morton aus dem Osten?« begann Helmstedt. »Mir ist es, als hätte ich sie schon in Neuyork gesehen.« »Ich glaube, sie ist eine Neuyorkerin«, erwiderte Elliot, »jedenfalls kann sich aber Morton zu dem Frauchen gratulieren, wenn sie auch wirklich arm sein soll, wie es heißt. Seine Tochter ist durch ihre Erziehung und die alljährlichen Badereisen so fashionabel geworden, daß sie sich hier auf dem Lande unglücklich fühlt und, anstatt das Haus heiter zu machen, einen verdrießlichen, schwermütigen Nebel über alles wirft.«

»Vater,« sagte Ellen mit einem Vorwurfe im Gesichte, der ihrem kleinen Munde wunderhübsch stand, »du redest so hart und kennst Alice gar nicht, 's ist kaum erst sechs oder acht Monate her, daß sie so ist, aber es liegt ihr etwas auf dem Herzen, das sie drückt – sie war früher nie froher, als wenn sie aus dem Osten wieder nach Hause kam.«

»Du bist falsch, Kind«, sagte der Alte mit einem halb sarkastischen Gesichtsausdrucke. »Herz ist nicht mehr fashionabel, die Nerven sind jetzt bei den Damen nur noch in der Mode, also hat sie ein Nervenleiden, das klingt gleich ganz anders.«

»Vater, du bist unausstehlich und tust Alice Morton unrecht.«

»Gut also, ich tue ihr unrecht, ich kann aber diese Gesichter, die immer aussehen wie Regen und zusammenzucken, wenn jemand ins Zimmer tritt, als wären sie keinen Augenblick sicher vor einem Überfall, nicht leiden.«

Ellen nickte wie ein halbtrotziges Kind und sah vor sich auf ihren Teller, Mistreß Elliot aber strich ihr mit einem kleinen Lächeln das Haar. »Weißt ja, Vater spricht schlimmer, als er's meint!« sagte sie; »morgen macht jedenfalls Mr. Baker einen Besuch, da kannst du dich rächen und deinen Zorn an ihm wieder auslassen.«

Das Mädchen sah langsam auf, und um ihren Mund lagerte sich ein unbeschreiblicher Zug von Widerwillen. »Ich kann ihm nicht wehren, zu kommen; wär' er aber ein Gentleman, so wär' er längst weggeblieben nach dem, was ich ihm gesagt,« erwiderte sie; »mich soll er wenigstens nicht wieder treffen, entweder bin ich morgen krank, oder ich reise irgendwohin zu Besuch.«

Elliot strich sich lächelnd das Kinn. »Du tust ihm unrecht, du kennst ihn gar nicht!« sagte er.

Das Mädchen sah ihm rasch ins Gesicht. »O, das ist Revanche, aber mich fängst du nicht so, pah!« rief sie und vor dem aufsteigenden Mutwillen schwand jede Spur des Unwillens aus ihrem Gesichte. »Ich reite morgen aus.«

»Dick ist zur Partie geladen und kann dich nicht begleiten!«

»Well, – vielleicht will sich Mr. Helmstedt einmal die Gegend ansehen«, erwiderte sie zögernd mit einem fragenden Blick auf diesen.

»Ich stehe mit allen meinen Kräften zu Befehl, Miß!« sagte Helmstedt, den bei der durchgespielten Familienszene ein vollkommen heimisches Gefühl überkommen hatte, »wenn Mr. Elliot nicht anders über mich bestimmt.«

»Ja, vor dem neuen Jahre, wo alles erst wieder in Ordnung kommt, werden wir freilich an keine andere Arbeit gehen können, als uns mit den Weiberlaunen herumzuschlagen,« erwiderte dieser; »jetzt aber wollen wir Sie nicht länger bei uns halten, Sie sind gewiß von der Reise müder, als wir berücksichtigt haben!« fuhr er fort und erhob sich vom Tische.

»Und wann soll ich morgen zu Diensten stehen, Miß?« fragte Helmstedt.

»Ich bin fertig, sobald Sie ordentlich ausgeschlafen haben«, erwiderte sie in voller Zutraulichkeit und ließ ihn ruhig in ihr helles Auge sehen.

Helmstedt saß in seinem Zimmer auf dem Schaukelstuhle am Feuer und überließ sich seinen verschiedenartigen Gefühlen. Bald war ihm, wenn er den Familienkreis, in den er getreten, und das Entgegenkommen seines Prinzipals überdachte, als habe ihm das Schicksal einen Weihnachtsbaum mit tausend Lichtern angebrannt, bald aber legte sich die Sorge, wie es möglich sei, den Hauptteil seiner Stellung auszufüllen, wie eine finstere Wolke darüber; daraus aber tauchte Ellens helles Gesicht hervor, wie aus der Masse der schwarzen Gesellschaft, bis Pauline Peters sich mit ihr vor seinen Geist stellte, das Mädchen, das sich vor kaum vier Monaten in voller Liebe an seinen Hals gehangen und jetzt, in Kälte eingehüllt, ihn von oben herab ansah. Die Wärme des Feuers hatte bald seine Wirkung ausgeübt, die Bilder verwirrten sich, und bald war er eingeschlafen. Wie lange er so zugebracht, wußte er nicht, aber ein leises, wiederholtes Pochen an eines der Fenster weckte ihn; er horchte, das Pochen wiederholte sich. Er öffnete den geschlossenen Fensterladen und sah hinaus. Draußen stand der Pedlar.

»Machen Sie mir die Tür gleich im Gange neben Ihrer Stubentür auf,« sagte er leise, »ich möchte einiges mit Ihnen reden und mag nicht das ganze Haus wieder aufwecken – die Nigger schlafen fest wie die Ratten.«

Helmstedt, wenn auch etwas überrascht, befolgte die Weisung, und bald trat der alte Mann mit leisem Schritte ins Zimmer.

»Sie müssen es mir nicht übelnehmen, wenn ich Sie noch so spät aufwecke,« sagte er und zog sich einen Stuhl ans Feuer, »aber ich gehe morgen für eine Woche oder zwei weiter südlich und möchte Sie Ihrer selbst wegen vorher sprechen. Sie machen sich doch nichts draus, wenn Sie eine halbe Stunde Schlaf verlieren?«

»Ich spreche mit Ihnen die ganze Nacht, wenn Sie's verlangen, geben Sie mir nur erst Ihre Hand,« erwiderte Helmstedt. »Ich habe schon lange gewünscht, Sie wiederzusehen und Ihnen meinen Dank auszusprechen.«

Isaak nickte still mit dem Kopfe und reichte ihm seine Hand zu einem kurzen Drucke hin; »'s ist schon recht mit dem Danke,« sagte er, »aber Sie haben's mir früher selbst einmal auf die Zunge gelegt, der Jud' tut nichts ohne Profit und mit dem bloßen Danke ist nichts zu verdienen. Werden's erleben, ob bei Ihnen mehr dahinter steckt als Worte!«

»Haben Sie irgend etwas auf dem Herzen, so kommen Sie heraus damit!« entgegnete Helmstedt und nahm seinen früheren Platz wieder ein; »was sich mit eines Menschen Ehre verträgt, können Sie von mir verlangen.«

»Wird sich alles ausweisen; jetzt wollt' ich von was anderem reden. Hat Mr. Elliot schon über Ihr Geschäft mit Ihnen gesprochen?«

»Ja, ich weiß aber, ehrlich gestanden, noch nicht, wie ich damit durchkommen soll; mir sind die Verhältnisse hier so vollkommen fremd, daß es mir wie ein Stein auf dem Herzen liegt, wenn ich nur daran denke.«

Isaak nickte wieder mit dem Kopfe. »Wenn Sie sie nicht kennen, weiß ich Bescheid,« sagte er, »und Sie sollen schnell genug darin zu Hause sein – hab keine Angst bei Ihnen; das hat aber Zeit, bis ich wiederkomme. Sehen Sie sich nur vorläufig die Bücher und Papiere durch, damit Sie eine deutliche Vorstellung bekommen, was und wo's bei Ihnen fehlt; nachher sprechen wir weiter. Jetzt möchte ich Ihnen nur ein paar Worte über allgemeine Verhältnisse sagen und dann eine Meinung von Ihnen hören.« Er strich sich mit der Hand langsam über das hagere Gesicht und machte eine Pause, als überlege er, wie anzufangen. »Sie haben wohl schon gehört,« begann er endlich, »daß der Platz, wo der ganze Handel Amerikas zusammenkommt, Neuyork ist; Neuyork versorgt das Land mit allem, was von auswärts eingeführt wird, und von dort bezieht hauptsächlich der Süden auch alle seine Bedürfnisse an Schuhen und Kleidern wie an Möbeln, Haus- und Feldgerät, die in unserem Norden fabriziert werden. Was aber hiergegen der Süden an Baumwolle, Tabak und anderen Produkten erzeugt, davon geht wieder der größte Teil zum Verkauf oder zur Spedition nach Neuyork, und der doppelte Handel mit dem großen Süden hat fast allein Neuyork zu dem gemacht, was es ist. So weit wäre die Sache gut, es gibt aber in diesem Verhältnis auch große Gefahren und Schattenseiten. Der Süden ist weit weg von Neuyork, und es kann nur durch langen Kredit mit den Kaufleuten hier unten gearbeitet werden; es ist aber schwer, einen richtigen Nachweis über den Stand der Handelshäuser zu bekommen; die Menschen hier sind an kostspielige Lebensart und allerhand Ausschweifungen gewöhnt; und mancher, der zu einer Zeit für sicher galt, war drei Monate später ruiniert, ohne daß seine Leute in Neuyork, durch deren Kredit er sich nur noch hielt, eine Ahnung davon hatten. Summen sind schon in den südlichen und südwestlichen Staaten verloren worden, die, wenn die Verluste nicht verteilt gewesen wären, manches große Haus zum Wanken gebracht hätten. Ich hatte einen Schwager in Neuyork, der sich gegen meinen Rat mit mehreren Kaufleuten hier unten einließ, mein eigenes sauer erarbeitetes Geld steckte im Geschäft, und ein Jahr darauf waren wir zusammengebrochen. Mein Schwager nahm sich die Geschichte so zu Herzen, daß er sich hinlegte und starb; seine Tochter mußte nach einem anderen Unterkommen suchen, fiel aber in schlechte Hände und nahm sich, als sie die Folgen an sich spürte, das Leben; meines Schwagers kleinen Jungen, denselben, den Sie in Neuyork gesehen, nahm ich zu mir, und ich selber fing wieder an wie vor zwanzig Jahren: ich hausierte. Davon aber«, fuhr er fort, sich wieder langsam über das Gesicht streichend, »wollte ich eigentlich nicht reden. Sie werden es wohl selbst natürlich finden, daß die Neuyorker endlich Versuche machten, sich gegen solche Verluste, die oft selbst bei der größten Vorsicht nicht ausblieben, zu schützen und Maßregeln zu treffen, um in immerwährender Kenntnis von dem Stande und dem Tun ihrer alten Kunden zu bleiben sowie sichere Nachrichten über neue zu bekommen; es sollte eine Beaufsichtigung durch den ganzen Süden und Südwesten errichtet werden, natürlich im geheimsten, wenn es etwas fruchten sollte – und mag einer die Sache ansehen, wie er will, so bleibt sie nichts anderes als eine gebotene Notwehr. Soviel ich weiß, sind von mehreren bedeutenden Neuyorker Häusern schon Schritte zur Ausführung getan, und für einen gescheiten, zuverlässigen Mann, der als Agent der Gesellschaft in einem Teile des Landes arbeiten will, der die Augen überall offen haben kann, gibt es keine bessere Gelegenheit, um seine Zukunft zu sichern, als diese. Er kommt mit den ersten Kaufleuten im Osten in genaue Verbindung, er kann, wenn er sich nach einiger Zeit Übersicht der Verhältnisse genug erworben, ein eigenes Geschäft aufrichten, was sogar für seine Stellung notwendig sein müßte, und an den nötigen Unterweisungen für den Anfang würde es nicht fehlen.«

Helmstedt hatte bei der letzten Wendung, die die Rede nahm, den Kopf erhoben. »Nun?« sagte er, als der Pedlar innehielt.

»Nun, ich möchte wohl Ihre Meinung hören, was Sie von der Sache denken.«

»Das heißt also, der gescheite und zuverlässige Mann soll ich sein?«

»Sie könnten es werden, von sollen ist keine Rede.« Helmstedt rieb sich die Stirne. »Ich wollte, Sie sprächen geradezu mit mir, Isaak,« sagte er nach kurzem Nachdenken, »sprächen: ich habe gemeint, in Ihnen ein Werkzeug für uns ziehen zu können, habe Ihnen deshalb aus der Not geholfen, aber eben nur so weit, daß sich erkennen ließ, was an Ihnen ist – habe Sie deshalb, als Sie das Nötigste gelernt hatten, hierher nach dem Süden in eine Stellung gebracht, in der Sie sich, ohne Verdacht zu erregen, mit allen Verhältnissen vertraut machen können, und jetzt setze ich voraus, daß Sie nun auch meine Erwartung erfüllen.«

»Richtig, lieber Herr,« nickte der Pedlar, »und wenn's nun auch so wäre? Ich freue mich über Ihren Scharfblick und möchte nur noch hinzusetzen, daß Sie mit Ihrem vornehmen Wesen gerade wie für die Südländer gemacht sind, und Ihrem Charakter nach, auf den man sich auch in unangenehmen Lagen verlassen kann, sind Sie der Mann für uns. Das Geschäft mag Ihnen vielleicht jetzt unangenehm vorkommen; jeder aber, der es führt, wird es zu dem machen, was er selber ist. Der gemeine Mensch wird ein Spionierwesen daraus bilden – ein anderer aber mag der stille Verbesserer aller Handelsverhältnisse in seinem Umkreise werden, mag wie der Gärtner die wilden Zweige abschneiden, daß die guten desto mehr Kraft gewinnen –«

»Isaak,« unterbrach ihn Helmstedt, langsam mit dem Kopfe schüttelnd, »'s mag sein, daß Sie's gut meinen, aber ich fürchte, Sie haben sich in mir geirrt. Verlangen Sie, ich soll noch ein ganzes Jahr um das nackte Leben arbeiten, und ich will es tun, wenn Ihnen ein Gefallen damit geschieht; aber für ein Geschäft, wie das angebotene, bin ich nicht gemacht, meine ganze Natur sträubt sich dagegen.«

»'s ist schon so, wie ich mir's ungefähr dachte,« sagte der Alte, »aber ich meine, Sie haben zu viel Verstand, als daß Ihr Widerwille anhalten sollte, und ich möchte, daß Sie die Sache ordentlich überlegten, bis ich wiederkomme. Damit Ihnen aber kein Punkt dazu fehle, will ich Ihnen noch ein paar Worte sagen. Sie sind hier so freundlich aufgenommen worden, daß Sie mehr als zufrieden sind. In jeder anderen Familie der ganzen Umgegend wäre Ihnen dasselbe begegnet, denn es gibt auf der Welt nirgends Leute, die gegen jeden so viel äußerliche biedere Höflichkeit zeigen als die reichen Pflanzer und Kaufleute der südlichen Staaten, und darum lebt sich 's auch nirgends besser als unter diesen Leuten. Mit der äußeren Freundlichkeit hat aber auch die Sache gegen den Geringeren, oder wen sie dafür ansehen, ihr Ende, und wer auf Herzlichkeit oder allgemeine Teilnahme dahinter rechnet, betrügt sich bitterlich. Lassen Sie heute merken, daß Sie der Mann nicht sind, für den Sie gehalten worden, so sind Sie morgen brotlos und für diese Leute gar nicht mehr in der Welt – was aus Ihnen wird, ist Ihre Sorge; – mögen Sie bei einer Stellung wie Ihre jetzige in einer Familie scheinbar mit den übrigen auch auf ganz gleichem Fuße stehen, und Sie ließen sich auf einem vertrauteren Tone gegen eine der Töchter ertappen, sei es auch nur so weit, wie es sich die jungen Amerikaner in der Nachbarschaft jeden Tag erlauben, so würde Ihnen geschwind genug der ungeheure Unterschied zwischen Ihnen, der nichts hat und nicht einmal Amerikaner ist, und den übrigen jungen Leuten klargemacht werden. Verstehen Sie mich wohl, ich sage Ihnen dies alles nur, damit Sie den Boden kennen lernen, auf dem Sie hier stehen, und sich nicht zu Ihrem eigenen Schaden falsche Vorspiegelungen machen.«

»Und wenn ich trotzdem nein sagte, was dann?«

»Legen Sie sich ins Bett, schlafen Sie und sehen Sie sich morgen die Sache bei Sonnenlicht an –«

»Warten Sie, Isaak, wollen Sie mich durch die Drohung zur Annahme zwingen, daß ich am Ende hier als unbrauchbar entlassen würde, daß ich durch mein blindes Vertrauen hier im fremden Lande ohne jeden Bekannten rat- und hilflos dastehen müßte?«

»Sie erhitzen sich, lieber Herr, und das taugt nichts für eine ruhige Unterredung«, sagte der Alte und erhob sich langsam. »Denken Sie bei meiner Zurückkunft noch immer so wie heute, so habe ich Ihnen zu viel Einsicht und Unternehmungsgeist, um einmal Ihr Glück in Amerika zu machen, zugetraut, und wir sind geschiedene Leute; wollen Sie dann wieder nach Neuyork zurück, so sollen Sie dazu in den Stand gesetzt werden; das, denke ich, wird Sie wenigstens über jede Zwangsdrohung beruhigen. Gute Nacht.«

»Isaak, Sie sind mir böse,« sagte Helmstedt aufstehend, »ich kann Ihnen aber versichern –«

»'s ist besser, Sie lassen die Redensarten, bei denen ebensowenig herauskommt wie beim Danksagen,« erwiderte der Pedlar, nach der Tür gehend, »überlegen Sie morgen ruhig – Schwindelei und halben Diebstahl zu verhindern, ist, glaub ich, gegen keines Menschen Ehre – und nach Neujahr frage ich noch einmal zu.« Damit öffnete er die Tür, und der Zurückbleibende hörte bald darauf seine Schritte außerhalb des Hauses. Helmstedt ging nach, um die ins Freie führende Tür wieder zu verriegeln, und suchte dann sein Bett. Lange währte es aber, ehe er einschlafen konnte. Daß der Alte sich nicht aus reiner Menschenliebe in Neuyork um ihn bekümmert, ihm sodann die jetzige Stellung verschafft und auch noch das nicht unbedeutende Reisegeld dazu gesandt, hatte ihm schon längst scheinen wollen; er war sogar auf irgendeinen Anspruch desselben vorbereitet und entschlossen gewesen, seine Verpflichtung gegen ihn nach Kräften und auf irgendeine Weise abzutragen – aber sich als Spion zu verkaufen!? Und mochte er auch die Sache im besten Lichte betrachten, mochte er sich sagen, daß zehn andere die Gelegenheit ohne zu große Skrupel ergriffen hätten, um sich eine Zukunft zu gründen – die Grundbedingung des Geschäftes, die Spionage, blieb immer stehen, und er fühlte, daß er eher zugrunde gehen könne, als danach zu greifen. Mochte auch der Jude, der seinen Widerwillen nicht verstehen konnte, ihn in seiner Unkenntnis der Verhältnisse ohne Rat lassen, er wollte sein Bestes versuchen, um auf irgendeinem Wege die übernommene Aufgabe durchzuführen, und das übrige dem Schicksale überlassen. Es wurde ihm leichter, als er zu diesem Entschlusse gelangt war. Er dachte an Isaaks Bemerkungen über den Charakter der südlichen Amerikaner, Ellens frisches, süßes Gesicht trat vor ihn, wie sie in voller Zutraulichkeit ihn angelächelt und ihn zu einem Morgenritte aufgefordert – war das wirklich nur ein Sichgehenlassen, weil er in den Augen der Familie so tief stand, daß bei ihm keine Gefahr vorhanden und keine Zurückhaltung erforderlich war? Er vergegenwärtigte sich ihre klaren, dunkeln Augen, um den Ausdruck darin wiederzufinden, der ihm so wohlgetan; sie standen noch vor ihm, während er einschlief, und folgten ihm in seine Träume.

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