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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 5
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Zweites Kapitel. Eine Spielhölle im Hinterwalde

Der Tennessee-River strömt während des kurzen Abstechers, den er nach Alabama macht, zwischen bewaldeten Höhen hin, die steil in das Flußbett abfallen und selbst für die Holzstationen der Dampfschiffe überall nur die schlechteste Bequemlichkeit bieten. Hier und da windet sich wohl ein Fußweg durch das Unterholz des Ufers hinauf, der aber eben nur von einzelnen Menschen erklommen werden kann. An einem dieser Anlegeplätze der Boote war indessen das Ufer nächst dem Flusse geebnet und mit einer Art hölzerner Plattform versehen und der aufwärts führende Weg in der Anhöhe so ausgestochen, daß er selbst in der Dunkelheit bei einiger Vorsicht nur wenige Schwierigkeiten bieten konnte. Auf dem Kamme des Ufers angelangt, wand er sich in den Wald hinein und lief eine halbe Meile weiter in eine ziemlich gut unterhaltene Straße, wie sie dort nach den landeinwärts liegenden Farmen führen. Hier stand, etwa hundert Schritt von dem ausmündenden Fußweg entfernt, eine wettergraue Tavern (Schenke), halb aus rohen Gebirgssteinen, halb aus Holz erbaut, aber augenscheinlich dicht und fest; an dem vorspringenden, unvermeidlichen Portico hing ein halb erloschenes Schild » Postoffice«, und ein Blick in die offene Haustür zeigte einen Ladentisch, hinter dem das mit Flaschen, Kasten und zehnerlei Allerhand besetzte Regal die » Grocery« (Schnapskneipe) verriet. Es war ein kühler Tag, und das Feuer von zwei halben Baumstämmen loderte in dem riesigen Kamin, vor dem zwei Männer saßen, die ihrer äußeren modernen Erscheinung nach durchaus nicht in ihre Umgebungen hineinpaßten. Der eine hatte sich drei Stühle zusammengerückt, wovon er zwei mit seinen Füßen bedeckte und, sich auf den dritten hinüberlegend, den Rauch einer Zigarre in die Luft blies. Der andere saß, den Kopf in beiden Händen auf die Knie gestützt, und sah ins Feuer.

»Gibt's was Neues?« begann der erste und stieß eine Rauchwolke vor sich. »Ich muß ehrlich gestehen, daß vorläufig das Leben hier verteufelt langweilig ist, und daß mir die Leidenschaftlichkeit der Leute durchaus nicht munden will. Der Gewinn steht in gar keinem Verhältnis zu der Gefahr. Wie stehen denn die übrigen Aktien?«

Der Angeredete richtete sich auf. »Nur Vorsicht und Geduld, Seifert!« sagte er mit gedämpfter Stimme und warf einen Blick durch den Raum. »Es geht alles in den Hauptsachen, wie es soll. Eine Geldquelle, auf die ich hier sicher rechnete, fängt freilich an zu versiegen – ich mag den Strick nicht zu arg spannen und das Mädchen zu einem Verzweiflungsschritte treiben, der mir das ganze Spiel verderben möchte – sobald wir aber hier Ade sagen, werde ich noch den letzten Rest heraushole», der dann gerade zur rechten Zeit kommt.«

»Ja, aber die Hauptsache?« wiederholte Seifert, sich nachlässig auf dem Stuhle schaukelnd.

Der andere reckte beide Arme von sich und sprang auf. »'s könnte alles beinahe in Ordnung sein,« sagte er dann, näher zu seinem Gefährten tretend, »die kleine schwarze Katze auf Elliots Farm habe ich am Faden, sie geht mit mir nach dem Norden, ich heirate sie dort, und sie wird Mistreß – und dreien von ihren Brüdern, straffe Jungens, die wenigstens ihre tausend Dollars jeder wert sind, hat sie schon so viel von den Herrlichkeiten Neuyorks, wo sie alle Herren sein werden, erzählt, daß die ebenfalls auf den ersten Pfiff bereit sind.«

Seifert hatte sich horchend vorwärts gebogen. »Und Mr. Baker heiratet die Schwarze, und sie glaubt das?« rief er jetzt, ein schallendes Gelächter ausschlagend.

»Vorsicht!« mahnte der erstere, mit der Hand winkend, »warum soll sie's nicht glauben? Ich habe noch nie elegantere und doch so volle Formen im Arme gehalten als die ihrigen, und sie weiß, was in ihr steckt. Sie kann ihre 1.5O0 Dollars beim Verkaufe einbringen.«

»Nun, und warum denn nicht vorwärts?«

»Erstens brauchen wir mehr Geld zur Ausführung, als wir jetzt haben, das erst zusammengebracht werden muß, und zweitens –« sagte Baker innehaltend, während ein Zug von niederer Begierde sich um seinen Mund legte, »zweitens möchte ich während der Zeit noch ein anderes Vögelchen kirre machen, das eben erst, so frisch wie aus dem Ei gekrochen, ins Nest geflogen ist.«

»Geldspekulation?«

»Glaube kaum; das Mädchen gehört zu einem anderen Schlage – sie ist noch so unberührt, so kräftig und doch so scheu, daß es mich in allen Gliedern gekitzelt hat, wenn ich ihr zu nahe kam. Ich wäre imstand, sie zu heiraten,« fuhr er fort und drückte die Hand vor die Augen, »wenn weiter nichts hülfe, und dann wollte ich Ihnen die Schwarze samt ihren drei Brüdern als Entschädigung gesetzlich zum Geschenk machen.«

»Schöner Plan!« erwiderte Seifert und warf sein Zigarrenende ins Feuer, »bewunderungswürdig sogar, wenn er gelänge, und ich wollte meine Bekanntschaft mit Ihnen und unsere Reise segnen. Sie jagen jetzt also schwarzes und weißes Wild in einem Reviere, wie es scheint, was wenigstens amüsanter ist als mein Herumstreichen, bald in dem Neste, das Stadt genannt wird, bald in allerhand verborgenen Winkeln, mit der Aussicht auf ein noch längeres Leben in dieser Art. Könnten Sie mich denn nicht, als Partner in dem Geschäft, auch der Abwechslung wegen, in eine oder die andere Familie hier in der Umgegend einführen?«

»Seien Sie einmal vernünftig, Seifert, wenn wir überhaupt miteinander weiterarbeiten wollen!« sagte Baker und zog die Augenbrauen zusammen. »Ich gelte hier als ein Pflanzer aus dem Süden des Staats; als solcher habe ich mich letzten Sommer in Saratoga an mehrere der hiesigen Familien, die dort waren, angeschlossen und, seit wir hierher gekommen sind, die Bekanntschaft erneuert. Niemand hat eine Idee, daß ich ein Mann aus dem Norden bin, oder daß ich zu Ihnen in irgendeiner Beziehung stehe, und so wird es allein möglich, daß wir ein profitables Spiel an einem Orte zusammenbringen; Sie halten Bank, und ich kann fette Leute herzuziehen, wenn es auch oft nur durch die hingeworfenen Worte, daß ich mir dort die Zeit vertreiben würde, geschieht – und daneben kann ich noch auf die unverdächtigste Weise den Hauptprofit aus den kleinen Kartenspielen machen – das einzige ›Poker‹ gestern abend ging bis auf 200 Dollars hinauf und in meine Tasche – wäre ich nicht eine ganz unverdächtige Person gewesen, hätte der Grünspecht niemals mit mir angeknüpft.«

»Weiß nicht, ob er nicht doch was merkte!« erwiderte Seifert, sich in den Haaren kratzend, »er tat wenigstens so ungebärdig und wütend nach seinem Verluste und ließ Worte fallen, wie sie sich im Osten kein anständiger Spieler erlauben würde.«

»Ich habe diesen Schlag lieber als die ewig Ruhigen,« sagte Baker, »denn die Zuschauer treten selten auf Seite des Spektakelmachers, während die Stillen, wenn sie verloren haben, mit halben Worten zu den Anwesenden den Spieler oft für den ganzen Abend verdächtigen können. Wie wir aber unsere Negerspekulation fertig bekommen wollen, wenn wir uns, um Verdacht zu vermeiden, nicht ganz fern voneinander halten, weiß ich auch nicht; wenigstens würde mein ganzer Kredit zum Henker sein, wenn ich Sie, den schon ziemlich bekannten Spieler, in Familien einführen wollte.«

»Ja, und wie lange soll denn Ihre neueste Spekulation währen? Mir scheint, wir sind lange genug in dieser Gegend, fast vier Monate, eine ungeheure Zeit für ein Inkognito, und ich habe ein eigentümliches Gefühl in mir, in Worte übersetzt: ›Mach' dich aus dem Staube!‹, das mich wenigstens früher niemals täuschte, wenn mir meine Gläubiger auf' der Spur waren.« Baker ging einmal rasch das Zimmer auf und ab. »Well«, sagte er dann, stehen bleibend, »ich habe selbst ein Gesicht bemerkt, das mir in der Gegend nicht gefällt. Bis zu Neujahr will ich sehen, ob ich meinen scheuen Vogel fangen kann – den Alten bekomme ich dann schon; ist es nichts, so gehen wir in der Neujahrsnacht an unser anderes Werk; das ist der letzte Feiertag der Schwarzen, wo das Verschwinden einiger derselben am wenigsten auffällt.«

Vor der Tür hielt ein Farmerswagen, der Fuhrmann trat ins Haus und zog sich einen Stuhl ans Feuer.

»Wir sehen uns heute abend!« sagte Baker und knöpfte seinen Rock zu, »ich mache noch einen Ritt zu ein paar Bekannten, ich denke, wir werden volle Gesellschaft bekommen.«

Seifert begleitete ihn zur Tür. »Haben Sie Ihren Revolver bei sich?« fragte er leise.

»Immer! Weshalb denn?«

»Ich fragte nur – mir gefällt meine Stimmung heute durchaus nicht.«

»Sie haben wahrscheinlich zu viel gegessen, das taugt in diesen Klimaten nichts; trinken Sie ein Glas heißen Whiskeypunsch, das bringt Sie in die Höhe.«

Seifert zuckte die Achseln, und beide trennten sich.

Es war gegen sieben Uhr abends, als sich die »Grocery« mit allerhand Gästen zu füllen begann. Einzelne Reiter kamen an, meist von der Seite der Straße, welche ins Innere des Countys (Kreis, Provinz) führte; aber auch auf dem Fußwege von der Flußseite schritten mehrere Männer der Taverne zu. Unten auf dem vom Monde beglänzten Wasser lag ein Boot ans Ufer gekettet. In der Grocery, die nur von dem prasselnden Feuer und einem Talglicht auf dem Ladentische erleuchtet war, saß schon ein Kreis von Männern schweigend um das Kamin, kaum daß hier und da eine kurze träge Frage und eine ebenso träge Antwort die Stille unterbrach, und nur der Tabakssaft, der in Zwischenräumen aus dem Munde der meisten ins Feuer gespritzt wurde, brachte ein regelmäßiges Geräusch hervor. Die Kleidung sämtlicher Anwesenden, bei der mehr die Bequemlichkeit als der Schnitt beobachtet worden, verriet die Landbewohner, doch mischten sich bei vielen auch Kleidungsstücke der modernen Welt in sonderbarer Zusammenstellung mit der Hinterwaldstracht – schwarzer Frack und in die Stiefel gesteckte grobe Hosen, hoher schwarzer Hut und Vatermörder über einem zerzausten blauwollenen Rocke; doch nahm die sichere, selbstbewußte Haltung jedes Lächerliche von ihrer Erscheinung. Dann und wann erhob sich einer der Anwesenden und verschwand durch eine Seitentür, dem nach kurzen Zwischenräumen ein anderer folgte, doch wurden die leer gewordenen Plätze immer bald wieder durch neue Ankömmlinge eingenommen. In einer Ecke im Halbdunkel hatte ein Mann mit grauem Barte Platz genommen und ließ die kleinen Augen unter den grauen buschigen Augenbrauen hervor über die Anwesenden laufen. Ein fadenscheiniges Kleidungsstück, halb Jacke, halb Rock, ein Paar grobe Leinwandhosen, schwere Schuhe und ein heller, aber abgetragener Filzhut mit breiter Krempe machten seinen Anzug aus; die breiten Schultern zeigten Kraft an, wollten aber nicht mit der gebückten Stellung, in welcher der Mann im Winkel saß, harmonieren. Neben sich hatte er einen Pedlarkasten mit Tragriemen und vielfachen Schubladen, wie sie im Westen gebräuchlich sind, und einen schweren Stock stehen. Er hatte noch nicht lange seinen Sitz eingenommen, als drei Männer laut sprechend zur Tür hereintraten und nach dem Ladentische gingen, »Whiskey!« rief der eine, anscheinend der Jüngste darunter, »das ist doch noch das Beste, was hier zu bekommen ist – ich könnte heute abend eine ganze Gallone vertilgen! Hallo, Gentlemen!« wandte er sich an die übrigen am Feuer, »Sie nehmen ein Glas mit?« Die meisten davon erhoben sich, und der Wirt hinter dem Tische schob Flasche und Gläser her. »Gutes Glück!« rief der erstere und stürzte ein volles Glas Branntwein hinunter; »und noch eins!« fuhr er fort, nach der Flasche greifend, aber eine Hand, welche ihm auf die Achsel klopfte, machte ihn innehalten. Er sah sich um und sah den Pedlar aus der Ecke hinter sich.

»Könnte ich nicht zwei Worte mit Ihnen reden, Sir?« fragte dieser.

»Jetzt, Mann?« erwiderte der andere, »die Zeit scheint mir nicht die beste – ist es so eilig?«

»Ich denke, Sir, nur zwei Minuten.«

»Well, so kommt!«

Beide gingen ins Freie. »Sie kommen hierher zum Spielen, Mr. Aston?« begann der Pedlar. »Ich möchte, Sie täten es heute nicht und gingen wieder nach Hause.«

»Beim Teufel, alter Schwerenöter, was habt Ihr Euch denn darum zu kümmern? Ist das alles, was Ihr mir sagen wolltet?«

»Noch ein paar Worte, Mr. Aston! Sie haben nächste Woche eine Neuyorker Note zu decken und beabsichtigen, sie nicht zu zahlen; Sie erwarten Ihre neuen Waren von Neu-York und gedenken dann einen vorteilhaften Bankrott zu machen – dahin hat Sie bloß das Spiel gebracht!«

»Halt an, Ihr lügt, alter Halunke!« sagte der andere, bleich geworden, mit gedämpfter Stimme und fuhr mit der Hand nach seiner Brusttasche, aber ein eiserner Griff des Pedlars, dem er sich umsonst zu entziehen suchte, hielt diese fest.

»Hören Sie nur noch zwei Worte, Mr. Aston! Ihr Revolver würde Sie unnötig zum Mörder machen. Ihre Neuyorker Waren werden nicht kommen – darin haben Sie sich verrechnet« – der Widerstand gegen die Hand des Pedlars erstarb – »ich bin Ihr Freund, folgen Sie mir und lassen Sie das Spiel; Sie haben gestern viel verloren, würden aber heute noch mehr verlieren; bei ordentlicher Anstrengung können Sie jetzt noch das Geld für die Note auftreiben – bezahlen Sie und bleiben Sie ein ehrlicher Mann, dann kann sich auch Ihr Kredit im Osten wiederherstellen.«

Der junge Mann starrte den Alten einen Augenblick mit großen, halbentsetzten Augen an, dann aber schien er sich gewaltsam zu fassen, »Und woher habt Ihr denn die merkwürdigen Neuigkeiten?« sagte er mit einem halben Lachen voll erzwungenen Hohnes, »oder was kennt Ihr denn von meinen Gedanken, von denen ich selber nichts weiß? Wißt Ihr wohl, verdammter Jude,« fuhr er mit aufsteigendem Ingrimme fort, »daß ich Euch niederschießen sollte wie einen Hund für solche Verleumdungen, die einen Geschäftsmann zugrunde richten müssen?« Er wollte mit einem Ruck seine Hand aus der des Gegners reißen, aber wie ein Schraubstock lag der Griff des Pedlars um sein Handgelenk.

»Sei'n Sie zwei Minuten ruhig, Sir!« sagte der Alte, »der Revolver hilft Ihnen nicht vom Untergange, wenn Sie's nicht tun. Ich weiß nicht mehr, als was Ihre Geschäftsfreunde im Osten auch wissen, daß Sie spielen, daß Sie im unglücklichen Falle in einer Nacht ruiniert sind. Alles in der Welt wirft Schatten, auch die Gedanken eines Menschen werfen ihren Schatten über sein Tun und Treiben, der zum Verräter wird, wenn er sich auch noch so geheim hält. Ihre Neuyorker Freunde kennen Ihre geheimen Absichten, das ist alles, was ich sagen kann; gehen Sie heim, Mr. Aston, machen Sie mich und die Männer im Osten zu Lügnern, reißen Sie den Strick entzwei, an dem Sie die Hölle hier hält, und Sie können sich noch retten. So, das ist alles, tun Sie nun, was Sie wollen – und wenn Sie meinen Rat mit einem Schusse bezahlen wollen, so mögen Sie's auch tun.« Damit ließ er die Hand des anderen los und ging nach der Türe des Hauses; der Zurückbleibende aber stand mit bleichem Gesichte und zusammengekniffenen Lippen noch eine Weile auf derselben Stelle, ohne ein Glied zu rühren. »Mag's ihm der Teufel selber entdeckt haben, und ich werde es noch ausfinden – so hat er recht!« murmelte er endlich zwischen den Zähnen. »Erst aber mein Geld von den Halunken, und dann nicht wieder!« Er strich langsam mit der Hand über sein Gesicht und folgte dem Pedlar ins Haus. Die früheren Gäste waren dort meist alle verschwunden. Ohne sich indessen umzuschauen, winkte er dem Wirte, ihm die Whiskeyflasche zu reichen, stürzte ein großes volles Glas davon hinunter und ging dann zu derselben Seitentüre hinaus, durch die sich die übrigen entfernt hatten. Im Umdrehen warf er noch einen flüchtigen Blick nach der Stelle, wo der Pedlar gesessen, doch dieser samt seinem Kasten war verschwunden.

Im oberen Stockwerke hatten sich in einer kahlen, weiß angestrichenen Stube sechzehn bis zwanzig Männer versammelt. Hinter einem langen Tische, auf welchem drei Talglichte nur die nötigste Helle verbreiteten, stand Seifert und ließ soeben ein neues Spiel Karten, das er aus dem Papier genommen, durch die Hände gleiten. »Machen Sie Ihr Spiel, Gentlemen!« rief er und nahm aus seinem Taschenbuche ein Paket Banknoten, die er nach ihrem verschiedenen Werte ordnete und in einzelnen Haufen dicht vor sich hinlegte. Ein Teil der Anwesenden begann sich langsam vor dem Tische zu gruppieren, und bald nahm eine Art vereinfachtes Pharo in einzelnen Aufsätzen von ein bis zwei Dollars seinen Anfang, dem sich aber bald die meisten der Umstehenden anschlossen. – Seitwärts standen zwei kleinere Tische, jeder nur mit einem Talglichte versehen. An dem einen hatte sich Baker nachlässig auf einen Stuhl niedergelassen, rauchte eine Zigarre und schien die verschiedenen Glückswendungen am Pharotische zu beobachten. Bald hatte sich einer von den müßigen Gästen zu ihm gesetzt.

»Sie spielen nicht, Sir?«

»Well, ich mache mir eben nicht viel daraus,« erwiderte Baker, »ich gehe nur dann und wann hierher der Abwechslung wegen, indessen stehe ich Ihnen gerne zu einer Partie Poker, oder was Sie sonst wünschen, zu Diensten. Ein Spiel neue Karten!« rief er einem halbwüchsigen Schwarzen zu, welcher in der Ecke saß, und eben hatten sich die beiden zum Spiel zurechtgesetzt, als Aston zur Tür hereintrat. Er warf einen raschen Blick durch das Zimmer und schritt dann auf Baker los. »Pardon, Sir!« sagte er zu dessen Gegner; »nehmen Sie vielleicht jemand anders an Stelle dieses Herrn hier an? Er ist mir Revanche von gestern abend schuldig.« Der Angeredete war höflich aufgestanden. »Ich schaffe Ihnen sogleich einen ehrlichen, anständigen Jungen«, fuhr Aston fort und winkte mit dem Kopfe einem der beiden Männer, die seine Begleiter beim Eintritt in das Haus gewesen waren, und der jetzt zuschauend unter der übrigen Menge stand, herbei. »Sie werden bei dem Tausche unter keinen Umständen etwas verlieren, Sir!«

Baker hatte bei der Unterbrechung keine Miene verzogen, aber sich langsam zurückgelehnt und den Neueingetretenen kalt fixiert. »Sie wollen mit mir spielen?« sagte er, als Astons Gefährte herantrat. »Ich stehe Ihnen jederzeit zu Diensten, aber ich wollte, Sie täten es nicht; Sie haben zu wenig Glück und sind durch Ihre Hitze einem kalten Spieler gegenüber zu sehr im Nachteil!«

»Das ist wohl meine Sache allein, Sir!« erwiderte Aston, dessen Gesicht ein leichtes Rot überflog; »es fragt sich nur, ob Sie mir die Revanche verweigern wollen!«

»Durchaus nicht, ich gestehe Ihnen aber offen, daß ich mich nicht gerne für blinde Glücksfälle verantwortlich gemacht sehe, wie es beinahe gestern abend von Ihnen geschah – die Herren hier mögen Zeuge sein, daß ich nur, weil Sie es durchaus wünschen, Ihre Aufforderung annehme.«

»Hat nichts zu sagen!« erwiderte Aston. Baker zuckte kalt die Achseln und schob seinem Gegner das noch unangerührte Spiel Karten hin. Dieser öffnete es, ließ die Blätter prüfend durch die Finger laufen und gab dann.

Das Gespräch hatte wohl die Aufmerksamkeit einzelner Pharospieler erregt, die sich aber, als das Spiel der Sprechenden ruhig seinen Anfang nahm, schnell wieder ihrem eigenen Interesse zuwandte. Nur der eine von Astons früheren Begleitern hatte sich als Zuschauer neben sie gestellt, der andere hatte mit Bakers vorigem Gegner den zweiten Spieltisch eingenommen.

Das Glück schien sich auf Seite Astons zu neigen; das erste und zweite Spiel waren sein, und dreißig Dollars gewonnenes Geld lagen vor ihm. Er hatte beim dritten Spiele zu geben. Baker übersah seine Karten und sagte: »Fünfundzwanzig Dollars, wenn's Ihnen recht ist! Ich muß suchen, die Sache wieder auszugleichen.«

»Dreißig, Sir!« erwiderte Aston, sein Geld vorschiebend.

»Auch recht – drei Damen und ein As!« rief Baker und legte seine Karten auf.

»Drei Könige und ein As!« war Astons Antwort, dessen Stimme seine wachsende Aufregung kundgab.

Der andere zog einen Bündel Banknoten aus einer Seitentasche, warf ruhig dreißig Dollars auf den Tisch und begann zu geben. Aston blickte in seine Karten, und ein merkbares Rot überzog sein Gesicht. »Sechzig Dollars, Sir!« sagte er.

Baker schien zu überlegen. »Sie scheinen mich durch Überrumpelung fangen zu wollen,« sagte er, »aber Ihr Glück kann nicht immer so dauern. Ich wage es. Hundert Dollars!« Und damit legte er wie im raschen Entschlusse zwei Fünfzigdollarsbanknoten auf den Tisch. Das Gesicht Astons färbte sich höher, er sah nochmals in seine Karten, warf einen prüfenden Blick auf seinen Gegner und überlegte einen Augenblick. »Hundertundfünfzig!« sagte er dann.

»Zweihundert, wenn Sie wollen!« erwiderte Baker kalt und legte neue hundert Dollars zu seinem Aussatze.

»Es gilt!« Aston zog mit einem leisen Beben der Aufregung sein Taschenbuch hervor und zählte das nötige Geld ab. Nur ein geringer Rest schien sich außerdem darin noch zu befinden. »Wieder drei Könige und ein As!« sagte er, seine Karten auflegend.

»Reicht diesmal nicht aus, Sir! Hier sind drei As und ein König!« Wie zu Stein verwandelt blickte der junge Mann einen Augenblick die offenen Karten seines Gegners an, aber mit einem »Halt!« sprang er dann plötzlich auf, beide Hände Bakers fassend, die soeben die Banknoten auf dem Tische einstrichen. »Sir, erst eine Erklärung!« rief er. »Sie haben drei As und ich eins, und doch sah ich zufällig, daß das Herz-As die unterste Karte war, als Sie, gaben – wie kommen Sie dazu – oder gibt's im Spiel zwei Herz-As?«

Baker sah ohne Zucken in das Gesicht vor sich, hinter dem ein ganzer Sturm mühsam zurückgehalten schien, das aber dabei bleich war wie die Wand. »Wollen Sie zuerst Ihre Hände von den meinigen tun, Sir?« entgegnete er scharf.

»Nicht eher, als bis ich mich überzeugt habe!« war die Antwort, bei welcher die Lippen des Sprechenden bebten. »John, wende die Karten um!« Astons Begleiter, der dem Spiel mit unverrückter Aufmerksamkeit gefolgt war, hatte auch schon das ungebrauchte Pack der Karten auf die Rückseite gelegt – eine Zehn lag zu unterst. Aston warf nur einen Blick darauf. »Jetzt, Sir,« sagte er mit heiserer Stimme und umfaßte krampfhaft Bakers Hände, »nur ein Wort: wollen Sie mir die zweihundert Dollars, die Sie mir gestern abnahmen, ohne weiteres zurückzahlen und liegen lassen, was hier auf dem Tische ist?!«

»Sie sind ein Narr, lieber Herr!« entgegnete Baker mit eisiger Kälte, »ich habe Sie vorher gewarnt und frage Sie zum letzten Male, wollen Sie Ihre Hände wegtun?«

»Sir, Sie sind ein falscher Spieler, ein Schuft und ein Lügner!« brach es jetzt aus Astons Munde und schlug in die Ohren der übrigen Anwesenden, daß diese von ihrem Spiele herumfuhren – mit einem Ruck aber hatte Baker seine Hände losgerissen und seine Faust traf Astons Gesicht, daß dieser zurücktaumelte; im nächsten Augenblick indessen, und ehe die aufgeschreckte übrige Gesellschaft nur wußte, um was es sich handele, hatten beide schon ihre Revolvers gezogen, zwei Schüsse knallten fast zu gleicher Zeit, Baker wankte, blieb aber stehen, Aston jedoch brach in den neben ihm stehenden Stuhl zusammen. Baker, leichenblaß, aber ruhig, zog seine von der Kugel des Gegners zerschmetterte Uhr aus der Tasche. »Gentlemen,« sagte er, »Sie sehen, daß ich vor den Folgen dieses unvernünftigen Angriffs nur durch das sichtbare Walten der Vorsehung beschützt worden bin. Ich habe diesen jungen Mann gewarnt, nicht zu spielen; hier sind Herren, die es bezeugen werden; ich habe nur nachgegeben, weil er es zur Ehrensache machte, und wer von Ihnen eine Anschuldigung wie die, welche Sie gehört haben, mit kaltem Blut hingenommen hätte, der mag zuerst seine Hand an mich legen.« Noch während er sprach, war der Wirt eingetreten, ein Blick hatte ihn wohl von dem Tatbestande genügend unterrichtet, denn er begann ohne weitere Frage die Kleider des Verwundeten, der völlig bewußtlos schien, zu öffnen, unterstützt von dessen Gefährten, und dorthin wendete sich jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit.

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« hörte Baker Seiferts Stimme in sein Ohr zischeln; »jetzt ist die rechte Zeit.«

»Daß ich mich ruinieren soll?« erwiderte jener halblaut und strich die umhergestreuten Banknoten auf dem Tische zusammen. »Reden Sie nicht mit mir und bleiben Sie ruhig bei Ihrem Spiele.«

»'s ist eine Wunde in der Seite, aber ich kann nicht bestimmen, wie gefährlich sie ist,« sprach der Wirt, der eben ein Stück Leinwand, mit Wasser getränkt, als Verband zurechtmachte, »jedenfalls ist es das beste für ihn und für uns alle, daß die Herren von über dem River ihn sofort nach Hause nehmen und ärztliche Hilfe holen – meine beiden Schwarzen mögen zur Vorsorge bis ans andere Ufer mitgehen – so entsteht auch das wenigste Aufsehen bei der Sache.«

»Ich werde die Herren selbst begleiten,« sagte jetzt Baker, »ich habe das Unglück angerichtet, aber Gott helfe mir, ich konnte nicht anders, und niemand kann betrübter darüber sein als ich selbst. Aber wir dürfen nicht zögern. Unten im Hofe habe ich eine kurze Leiter bemerkt. Wir legen Betten darauf und binden Mr. Aston mit den Bettüchern hinein, so liegt er bequem und sicher und kann selbst das Ufer hinab leicht getragen werden.«

Der Wirt nickte und verließ das Zimmer; den meisten in der Gesellschaft aber schien bei diesem bequemen Auskunftswege eine unangenehme Last von der Seele zu gehen; es bildeten sich wieder einzelne Gruppen, und die peinliche Stille während der Untersuchung der Wunde ging in halblaute Gespräche über. Bald waren die Vorbereitungen zum Transport getroffen, und auf der improvisierten Tragbahre ward der noch immer besinnungslose Verwundete hinweggeschafft.

»Gentlemen,« sagte Baker, die Tür in die Hand nehmend, »ich verlasse mich auf Ihre Ehre, daß das unglückliche Ereignis unter uns bleibt!« und damit folgte er den übrigen.

In der Grocery saß der Pedlar wieder in seinem Winkel, als der Zug hindurchging, und Bakers Auge traf aufschauend den starren Blick, den jener auf ihn geheftet hielt. Einen Augenblick nur schien er davon betroffen zu sein, wandte aber im nächsten schon das Auge wieder zur Tür hinaus.

»Sonderbar,« brummte der Alte und stützte die Stirn in die Hand, »die eine Frucht fällt beim ersten Herbstwehen, und die andere reift so langsam, daß sie gebrochen werden muß. Aber die Zeit dazu wird auch kommen.«

Vom oberen Zimmer wurde nach Whiskeypunsch gerufen und bald war das Spiel dort flotter im Gange als zuvor.

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