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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 2
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authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
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Otto Ruppius' Leben und Werke

Von Dr. L. Fürstenwerth.

Es ist leider oder Gott sei Dank noch heute so wie vor fünfzig Jahren in Deutschland und wohl auch in anderen Kulturländern. Die große Menge des nicht nur genießenden, sondern arbeitenden Volkes sucht nach wie vor in dem was sie liest, Abspannung, interessante und leichte, nicht seichte Unterhaltung. Sie kann die steilen Höhen streng klassischer Kunst nicht erklimmen, oder wenn sie es vermag, will sie nicht ständig dort verweilen, noch weniger aber will sie ständig in den Tiefen weilen, welche die fortgesetzt wechselnden Experimente moderner und modernster Kunst mit fabelhaftem Geschick zu schildern und auszuwählen verstehen. Diese neue Kunst hat es unter anderem auch verstanden, die alten Erzähler, welche, ohne höhere Kunst, als vortreffliche Fabulierer die Familie erfreuten, vollständig in Acht und Bann zu tun; in die heiligen Hallen der Literaturgeschichte sind sie ja überhaupt nur selten und vereinzelt gelangt. Aber gestorben sind sie doch nicht, sie leben noch in der Erinnerung vieler, wenn »man« auch nicht gern von ihnen spricht, ja sie werden sogar neben dem Neuen und Neuesten wieder gelesen. Zu diesen von dem Volke noch nicht Vergessenen gehört auch Ruppius.

Otto Ruppius, der Deutschamerikaner, hat kein hohes Alter erreicht. Er wurde am 6. Februar 1819 zu Glauchau in Sachsen geboren und starb bereits, noch nicht 45 Jahre alt, am 25. Januar 1864 in Berlin. Aber sein Leben war abwechselnd und reich genug, seine Schicksale und Erfahrungen boten Ruppius Stoff zu einer beträchtlichen Unzahl von Schöpfungen, die in weiten Kreisen des Volkes dankbare Ausnahme fanden. – Seine Schulausbildung erhielt der Sohn des Beamten in Langensalza und lernte dann Kaufmann in Erfurt. Ein unruhiger Geist und der Wunsch, schneller vorwärts zu kommen, zogen ihn 1838 zum Militär – er brachte es auch glücklich bis zum Regimentsschreiber – aber auch hier behagte es ihm nicht: er ging nach Langensalza zurück, um den Buchhandel zu erlernen, 1845 siedelte er nach Berlin über und hier entdeckte er schnell seinen Beruf als Volksschriftsteller, gründete den Norddeutschen Volksschriftenverein und schrieb für dessen Volksbibliothek sein »Bilderbuch der Frau«, seine »Ernsthaften und kurzweiligen Geschichten« usw. Seine erste schriftstellerische Tat geht übrigens auf seine Soldatenzeit zurück, wo er ein Taschenbuch für den preußischen Infanteristen herausgab.

Das »tolle Jahr« 1848 wurde auch für ihn zum Wendepunkte seines Lebens. Ein mit neun Monate Festung honorierter Artikel in der »Bürger- und Bauernzeitung« über die Auflösung der preußischen Nationalversammlung trieb ihn – wohl zu seinem Glücke – in ein ungewisses Geschick nach Amerika.

Hier sammelte er in einem romanhaften Leben dank seiner scharfen Beobachtungsgabe in überreicher Fülle die Eindrücke und Erfahrungen, die er später in seinen Romanen und Erzählungen verwertete. Dem unbemittelten Grünhorn gelang es, als Musiklehrer ein Vermögen zu erwerben, er war in Nashville Professor der Musik – sogar als Orchesterdirigent erwarb er Anerkennungen – aber sein Besitztum wurde durch einen Brand vernichtet. Eine Erzählung »Die Waldspinne« verschafft ihm einen Ruf an die Redaktion der Neuyorker Staatszeitung, in St. Louis gründet er 1859 die »Westlichen Blätter«. Aber die Wirrungen des beginnenden Sezessionskrieges und die 1861 in Preußen erlassene Amnestie zogen ihn im gleichen Jahre nach der Heimat zurück. Er trat in Verbindung mit der Gartenlaube, deren treuer und erfolgreicher Mitarbeiter er bis zu seinem allzufrühen Ende blieb, und begründete in Berlin das »Sonntagsblatt«.

Überraschend schnell folgte jetzt Werk auf Werk. Nicht alle gleichmäßig gut, aber die meisten ausgezeichnet durch die Fülle höchsten stofflichen Interesses, glückliche Erfindung und gewandte Darstellung, treffliche Charakteristik der Personen, überzeugende Schilderung der Landschaft, gute Sprache und diejenige Reinheit, die für die Volkserzählung unentbehrlich ist. Was die packende Wirkung anbelangt, kann Ruppins, soweit seine Romane und Genrebilder amerikanische Zustände behandeln, getrost mit Gerstäcker und auch mit Sealsfield auf eine Linie gestellt werden. Als die besten seiner Schöpfungen sind von größeren Werken wohl allgemein anerkannt die Romane: »Der Pedlar« – ein jüdischer Hausierer ist der eigentliche Held –, »Des Pedlars Vermächtnis« und »Ein Deutscher«. Hier ist es Ruppius gelungen, merkwürdige amerikanische Zustände und eigene Erlebnisse in geschlossener Komposition zu noch heute ebenso lehrreichen wie fesselnden Zeitausschnitten zu vereinigen. Doch bieten auch die kleineren Erzählungen, selbst wo sie skizzenhaft gehalten sind und mit kräftigeren Mitteln arbeiten, reichlich viel Schönes und Interessantes, z. B. »Im Westen« (darin Mary Kreuzer, Aus Regierungslande usw.), »Südwest« (darin »Eine Spekulation«) und »Genrebilder« (darin »Eine Karriere in Amerika«, »Der erste Ball in Milwaukee«). Unter diesen kleinen Genrebildern sind manche, die für eine unverdorbene Jugend und das »einfache« Volk gerade heute von hohem Werte sind, weil der Erzähler den stets interessanten, ja abenteuerlichen Stoff durch Darstellung und Sprache vollständig beherrscht, wirklich volkstümlich, d. h. gut zu erzählen versteht. Deutsche Verhältnisse schildert Ruppius in den Erzählungen »Aus dem deutschen Volksleben«, 1862 in Leipzig erschienen. Fehlt hier auch die glückliche Verbindung von »Zwei Welten«, des Deutschtums in Amerika, sowie das aufregende Exotische der im Auslande spielenden Romane, so beweisen doch auch diese Bilder, daß Ruppius mit scharfem Blicke wichtige Probleme herauszuholen, mit vorzüglicher Beobachtungsgabe und trefflicher Erzählerkunst das Wesentliche darzustellen vermag.

Fontane zitiert in einem Briefe vom 12. Febr. 1895 Goethe, der gesagt haben soll: »Ein Roman ist alles, worin einem was Nettes und Interessantes nett und interessant erzählt wird«, und fügt hinzu: »Sehr fein, sehr richtig. Von ›Form‹ ist gar keine Rede darin. In unserem Gefühl muß gesprochen werden, im übrigen kann es drüber und drunter gehen.« Diese Forderung hat Ruppius erfüllt. Er war kein großer Künstler und Dichter im strengen Sinne des Wortes, aber ein Mann nach dem Herzen des Volkes, der stets »Nettes und Interessantes nett und interessant« erzählte.

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