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Der Pedlar

Otto Ruppius: Der Pedlar - Kapitel 17
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typefiction
authorOtto Ruppius
titleDer Pedlar
publisherHesse & Becker Verlag
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Vierzehntes Kapitel. Die Entscheidung

Der Morgen war bei Helmstedts Erwachen weiter vorgerückt, als es ihm lieb war. Er hatte gehofft, schon gleich nach dem Frühstück in Oaklea sein zu können, und jetzt konnte er Gefahr laufen, Elliot nicht mehr zu treffen. Sein Zimmer war wohltuend durchwärmt, und er warf sich rasch in die Kleider. Als er die Treppe hinabstieg, sah er die junge Hausherrin bereits fertig angezogen durch die »Halle« gehen, aber bei dem Klange seiner Tritte stehen bleiben und ihn erwarten. Mit einem Gesichte, dessen strahlender Ausdruck ihn lebhaft an das erste Zusammentreffen mit ihr in Neuyork erinnerte, faßte sie seinen Arm und führte ihn mit einem: »Kommen Sie, August!« nach einem der hinteren Zimmer. Die Tür öffnete sich, und von einem Stuhle am Kamin erhob sich eine schlanke Gestalt in blauem Reitkleide. Helmstedt sah in ein bleiches Gesicht, das sich soeben zu einem sonnigen Lächeln verklärte, sah in zwei große, dunkle Augen, die ihm wie in der vollen Befriedigung des Herzens entgegenblickten. – »Ellen!« rief er, und sie kam ihm, beide Arme ausgestreckt, entgegen. »Da bin ich, August!« sagte sie und blieb, seine Hände fassend, mit einem Blicke der vollen Hingebung vor ihm stehen. »Du sagtest, du wollest mich erringen, jetzt habe ich dich erringen müssen, und – ich gehe nun nicht wieder von dir!« schloß sie, während sie die überquellenden Augen auf seine Schultern legte. Er hatte sie umschlungen, er hatte seinen Mund auf ihren Nacken gedrückt und in der überwallenden Empfindung alle Besorgnisse und Bedenklichkeiten, die ihn gequält, vergessen, und als sie das nasse Gesicht lächelnd wieder zu ihm erhob, da fühlte er, daß ihm diesem gegenüber jede Kraft zum Widerstande fehlte. Er führte sie nach dem von ihr verlassenen Stuhle, zog sie dort auf seine Knie und sah ihr eine Minute schweigend in die feuchten Augen – eine Minute voller ungetrübter Seligkeit. »Und du sagst, nun willst du nicht wieder von mir gehen?« Sie schüttelte mit einem Lächeln voll Glück den Kopf. »Und was sagt dein Vater, Ellen?« Einen Augenblick nur zog es wie eine leichte Wolke über ihr Gesicht, dann lehnte sie wie in der Nacht, in der sie sich beide gefunden, ihre Stirn gegen die seine und legte ihre Arme um seinen Hals. »Du mußt jetzt nicht von meinem Vater sprechen, August«, sagte sie leise. »Als ich Nachricht von deinem Schicksale erhielt und von dem Zeugnisse, wodurch ich dich von einer ungerechten Verurteilung retten sollte, da wußte ich, daß ich nur eine Wahl hatte – zwischen dir und meinen Eltern; es gab nichts dazwischen, August. Aber«, fuhr sie fort und richtete den Kopf langsam auf, ihm mit voller Innigkeit in die Augen sehend, »das Weib soll Vater und Mutter verlassen, heißt's in der Schrift, und daß die Sorge meiner Eltern um mich nicht rechte Liebe war, hatten sie mir gezeigt, als sie mich zu einer Heirat zwingen wollten, von der mich doch eigentlich nur Gott gerettet. Ich bin, glaube ich, in der einen schlaflosen Nacht vor meiner Abreise hierher von all den Gedanken, die durch meinen Kopf gingen, um zehn Jahre älter geworden, und als ich meinen Vater hier so unerwartet traf, hatte ich, wenn mir das Herz auch noch so weh tat, als ich in sein starres Gesicht sah, doch Kraft genug, zu tun, was ich mußte. Ich bin, wie es Pauline wollte, gestern abend mit meinem Vater nach Oaklea gegangen. Ich saß neben ihm im Wagen, und Sara saß auf dem vordersten Sitz neben Dick, aber er sah starr in den Mondschein hinaus, und kein Wort fiel auf dem ganzen Wege. Als wir zu Hause ankamen, stieg er aus, als wäre er ganz allein, aber ich ging ihm nach in die Bibliothek. ›Vater,‹ sagte ich, ›willst du mir kein Wort geben?‹ Er sah mich groß an, als komme er erst jetzt aus seinen Gedanken zu sich. ›Hast du mir denn ein Wort gegeben, als du dich heute vor das Gericht und die Menschenmenge hinstelltest und nicht an deine Eltern, nicht an deine Ehre dachtest?‹ – ›Vater,‹ sagte ich, ›hättest du haben wollen, daß ich ihn verurteilen ließ, weil er meinen Ruf nicht opfern wollte, oder wolltest du lieber, ich wäre jetzt von Baker zur unglücklichsten Frau gemacht, vor dem er mich allein beschützt hat?‹ – Er antwortete nicht und sah, als wäre ich gar nicht da, ins Feuer. – ›Vater, willst du nicht mit mir reden?‹ fragte ich noch einmal, als er aber sein Gesicht nach der anderen Seite drehte, da faßte mich eine Regung, wie ich sie nie vorher gekannt, ein Gefühl von der Selbstsucht meiner Eltern, die mich Baker geopfert, die dich mit ruhigem Blute dem Gefängnis überantwortet hätte. ›Vater, willst du mich nicht mehr als Kind haben, so sage es!‹ rief ich, und die Tränen kamen mir in die Augen, ›ich habe recht getan vor Gott und meinem Gewissen, und meinst du, ich habe euch damit Schande gemacht, weil es nicht euer Weg war, so will ich die Folgen allein tragen.‹ Da drehte sich mein Vater um, er war blaß geworden, daß es mir trotz meiner Aufregung ins tiefste Herz schnitt. ›Es ist meine Strafe,‹ sagte er, ›gehe nur deinen Weg, trage die Folgen, aber sprich nicht mehr zu mir!‹ Und damit stand er auf und ging zur Tür hinaus. Ich weinte nicht, August, es war ein starkes Gefühl in mir, daß ich nicht anders gekonnt, und nur wenn ich an das Gefühl meines Vaters dachte, brannte es mir wie ein heißer Schmerz in meiner Seele. Als ich aus dem Zimmer trat, stand Sara noch, wie sie vom Wagen gestiegen, mit ihrem Päckchen in der Hand in der Halle und weinte bitterlich – niemand hatte ein Wort zu ihr gesprochen noch ihr einen Platz angewiesen; ich nahm sie mit nach meinem Zimmer, und sie schlief auf dem Fußteppich – mir war es, als sei mein Schicksal halb das ihre. Ich habe ruhig die Nacht geschlafen, ich habe alles gewußt, wie es kommen mußte, und als mir Dick früh sagte, daß Mr. Elliot schon einen Rundritt auf der Farm mache, da wußte ich, daß er mir aus dem Wege gegangen war, denn jetzt im Winter gibt's nichts zu übersehen; ich ließ mir das Pferd satteln – und hier bin ich, August.«

In diesem »hier bin ich« aber klang ein Ton, welcher dem jungen Manne durch alle Nerven schauerte – es war das gänzliche Aufgeben ihrer selbst, das Versprechen eines Himmels voll Seligkeit für ihn, und doch auch die Mahnung an eine Verantwortlichkeit, für die er noch nicht vorbereitet war. Er nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte die zwei einsamen Tränen hinweg, die noch an ihren Wimpern hingen. »Aber, Ellen, süßes Leben, weißt du denn wohl, daß ich arm, wirklich arm bin?« begann er dann.

Sie nickte, ihm tief in die Augen sehend. »Ich hätte dich wohl außerdem nie hier bei uns zu sehen bekommen!« sagte sie.

»Daß ich – gestern aus dem Gefängnisse gekommen, wo meine letzte Wohnung war – kein Dach habe, das ich dir anbieten könnte, daß ich noch keine Stellung besitze, um auch nur das Notwendigste für uns zu erwerben?«

Sie nickte mit einem stillen Lächeln von neuem. »Und was hindert dich denn, die Hand auszustrecken und dir zu verschaffen, was nötig ist?« sagte sie dann. »Was hindert dich denn, Geld, viel Geld zu verdienen, wenn du auch keine Farm hast? Bist du denn nicht reicher, so arm du auch tust, als alle unsere jungen Leute in der Nachbarschaft zusammengenommen?« Es war ein wunderbares Gemisch, halb Laune, halb Innigkeit, was aus des Mädchens Gesicht strahlte; durch Helmstedts Kopf aber schossen zehn verschiedene Gedanken, um den Sinn ihrer Worte zu ergründen, daß sie vor dem eigentümlichen Ausdruck seines Gesichtes plötzlich in ein helles, glückliches Lachen ausbrach und von seinem Knie aufsprang. »Nicht wahr, August, ich bin noch ein leichtsinniges Kind?« sagte sie, seine Hände fassend. »Aber kann ich denn anders, wenn jemand wie vor lauter Rätseln steht, wo keine sind? Hast du denn nicht Kenntnisse, die in unserer Gegend mit Gold aufgewogen werden möchten, daß jeder uns um dich beneidet hat? Halte mich nicht für leichtsinnig,« fuhr sie fort, an seiner Seite niederkniend und den Ellbogen auf seine Knie stützend. »Ich wußte, was mein Vater meinte, als er sagte: ›Nimm die Folgen‹, aber ich wußte auch besser als er, was er an dir verloren, und der Folgen wegen störte kein einziger böser Gedanke meinen Schlaf. Ich will gar nicht davon reden, daß du ebenso bald eine Stellung als Hauptclerk oder Buchhalter bekommen könntest wie viele andere, die verheiratet sind – aber du spielst ja gut Piano, du sprichst Französisch, und die Familien in der ganzen Umgegend, die ihre Töchter nicht zur Erziehung weit fortgeben wollen, griffen mit beiden Händen nach einem Lehrer in den Branchen, wenn sie ihn nur haben können. Sage ein Wort, und du hast mehr Schülerinnen, als du brauchen kannst, und verdienst so viel Geld, als du nur selbst willst. Und wolltest du nichts mit Privatfamilien zu tun haben, so gibt es zwei Akademien in der Nähe der Stadt – ich kenne sie und auch die Not um Musik und Sprachen darin, welche die besten Schülerinnen von dort weg und nach dem Osten treibt – bis jetzt haben selbst glänzende Anerbietungen, wie es heißt, keinen guten Lehrer nach unseren Hinterwaldtälern locken können. Wolle nur, August, und du hast eine Stellung, in welcher jedes Mädchen stolz darauf sein kann, deine Frau zu heißen«, fuhr sie fort und sprang auf. »Du bist so reich und weißt es selbst nicht.«

Helmstedt sah in ihr erregtes Gesicht, das, von Verstand durchstrahlt, in diesem Augenblicke schöner war als je, und zog sie wieder auf sein Knie. »Ich bin so reich und weiß es selbst nicht!« sagte er, sie anblickend, als wolle er sich ganz in ihr Anschauen versenken, bis sie ihm mit beiden Händen die Augen zuhielt. »So habe ich es nicht gemeint, und du weißt es!« rief sie. »Gibt es aber jetzt noch immer Rätsel für dich?«

Er nahm ihre Hände in die seinen und sagte, ernst werdend: »Betrügst du dich denn nicht vielleicht selbst mit glänzenderen Hoffnungen, als sie sich verwirklichen können? Ich habe gestern abend mit Mortons über meine Zukunft Rat gepflogen, und niemand wußte wirklichen Rat –«

»Weil Mr. Morton ein alter Mann ist und Pauline die Gesellschaft hier noch zu wenig kennt«, unterbrach sie ihn. »Und doch wird selbst der alte Herr mir recht geben, sobald ihm nur der Gedanke vor die Augen gebracht wird. Verlangst du denn noch eine größere Sicherheit, als daß ich alles Elend, das daraus entspringen mag, mit dir tragen will? Entscheide dich nur, ob du hier auf dem Lande bleiben oder in die Stadt gehen willst, und es wird wenig Worte kosten, um deine ganze Stellung geordnet zu haben.«

Helmstedt sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder. »Laß uns mit Mr. Morton reden,« sagte er dann; »ich werde ihn jedenfalls bedürfen, um mir an den nötigen Orten den ersten Eintritt zu verschaffen. Wenn er aber mit dir in der Ansicht der Dinge übereinstimmt,« fuhr er dann fort, »dann, meine Ellen, gehe ich zur Mittagszeit nach Oaklea zu deinem Vater – ich will nichts verstohlen tun, ich will mich ihm gegenüberstellen wie der Mann dem Manne.«

Die Röte der Erregung wich aus Ellens Wangen, sie erhob sich. »Tue es, ich will stolz darauf sein,« sagte sie; »aber denke daran, daß mein Vater Gewalt über mich hat, solange ich nicht durch das Gesetz dein bin, und daß, wenn er mich auch jetzt wie ein trotziges Kind hat gehen lassen, sich doch der Sinn der Menschen ändert, wie sich der Wind dreht!«

Helmstedt sah rasch auf in ihr dunkles, ernst gewordenes Auge, und es überkam ihn, als stände er vor dem Scheidepunkte seines ganzen künftigen Lebens. Er drückte einen Moment die Hand vor die Stirn. »Laß uns mit Mortons reden,« sagte er aufspringend; »und dann mag uns das Schicksal führen, wie es will!« Er nahm sie in seine Arme, sah ihr in die Augen und küßte sie, küßte sie zum zweiten Male – es war ihm, als wisse er nicht, sei es der Brautkuß oder der letzte Kuß vor der Trennung. »Komm!« sagte er dann und führte sie nach dem Parlor.

Im Fenster stand Pauline, die sich bei ihrem Eintritte herumdrehte und sie mit einem stillen Lächeln empfing – aber ihre Augen schienen verweint, und jetzt ging es durch Helmstedts Kopf, ein fremdartiges Gefühl in ihm erregend, daß sie ihn doch zu Ellen geführt und er nicht einmal wußte, zu welcher Zeit sie das Zimmer wieder verlassen hatte. Aber es blieb ihm nicht lange Zeit, seinen Erinnerungen nachzuhängen, denn von einem Diwan, nahe dem Feuer, erhob sich Morton und schritt auf sie mit der Frage zu, wieweit sie miteinander gekommen seien.

»Ich möchte mit Ihnen ein paar Minuten beratschlagen, vielleicht auch Ihre Hilfe erbitten«, sagte der junge Mann. »Lassen wir die Ladies so lange allein!«

Morton nickte schweigend, faßte ihn beim Arme und führte ihn zur Tür hinaus nach einem Hinterzimmer. »Hier setzen Sie sich!« sagte er, auf einen Armstuhl deutend, »und nun machen Sie Ihr Herz frei!«

Helmstedt teilte ihm in kurzen Worten mit, was sich zwischen Ellen und ihrem Vater zugetragen, und gab ihm deren Ideen und Hoffnungen für seine Zukunft. Morton hatte, ohne ihn mit einem Worte zu unterbrechen, zugehört. »Well, Sir,« erwiderte er dann, »ich will Ihnen zweierlei sagen. Das Kind ist klüger als wir alle zusammen, das mag aber ihre Liebe tun, die ihr die Augen geschärft hat. Sagen Sie, Sie wollen Pianolehrer werden, so will ich Ihnen mit irgendeiner Summe Ihren Erfolg garantieren – dumm genug, daß wir nicht selbst darauf gekommen sind, da doch in unserem ganzen Süden nichts mehr gesucht ist als Männer mit solchen Kenntnissen. Morgen, wenn Sie wollen, will ich mit Ihnen nach beiden Akademien gehen, Sie können ein Wohltäter für die meisten Familien in unserer ganzen Gegend werden, die jetzt das teuere Geld für ihre Töchter nach dem Osten schicken. Wollen Sie aber unter allen Umständen Glück machen, Sir, so müssen Sie eine Frau haben; die meisten der jungen Ladies, die Ihnen anvertraut werden sollen, sind zwar in vieler Beziehung noch Kinder, aber doch oft sechzehn, siebzehn Jahre alt – und darum sage ich Ihnen zweitens, gehen Sie vom Platze weg mit Ellen zum Friedensrichter; ich werde dafür sorgen, daß Ihnen kein Hindernis dort in den Weg tritt – das gibt erstens ein Punktum als Schluß zu Ihrem Prozesse, der Ihnen das volle Vertrauen und die allgemeine Teilnahme sichert; zweitens aber wissen Sie nicht, was Elliot tun mag, wenn er mittags nach Haus kommt und sein Mädchen ausgeflogen findet – er mag vielleicht nicht an die Energie des Kindes geglaubt haben – und, Sir, aufrichtig gesprochen, Sie sind es Ellen schuldig! Wollen Sie zu ihrem Vater gehen, wie Sie gestern abend meinten, so gehen Sie, wenn nichts mehr zu ändern ist!«

Helmstedt stand langsam von seinem Stuhle auf, das Blut war ihm hell ins Gesicht gestiegen. »Raten Sie mir den Schritt an, Mr. Morton, als Mann, der die Verhältnisse hier kennt, der weiß, was Ehre verlangt«, sagte er. »Würden Sie ihn selbst verzeihlich finden, wenn Sie als Vater dabei beteiligt wären?«

»Ich rate Ihnen dazu als ehrlicher Mann,« war die ernste Antwort, »der mit unparteiischerem Auge die Sachen ansieht, als es ein Vater könnte – rate es Ihnen Ihres eigenen und des Mädchens Besten wegen, die Ihnen ihren Ruf geopfert hat, den Sie ihr wiederherstellen müßten, wenn Sie auch nicht einmal an ihr übriges Glück denken wollten –«

»Es ist genug, Mr. Morton, ich danke Ihnen,« unterbrach ihn Helmstedt, seine Hand ergreifend, und atmete auf wie nach dem Abwerfen einer Bürde. »Geben Sie mir die nötigsten Anweisungen über wo und wie, und wenn Ellen bereit ist, so tue ich jetzt sogleich die nötigen Schritte. Wenn wir aber zurückkommen, muß ich Sie dann um Obdach für uns bitten, bis meine übrigen Verhältnisse geordnet sind.«

»Well, Sir, das ist doch endlich ein vernünftiges Wort«, sagte Morton, seine Hand schüttelnd. »Ich schreibe ein paar Zeilen an einen Freund von mir, der Friedensrichter ist und keine Umstände mit Ihnen machen wird, und schicke, um jede Zögerung zu vermeiden, den Cäsar damit nach der Stadt voraus – in einer halben Stunde sollen Sie die kleine zweisitzige Kutsche haben, und dann gehen Sie los. Jetzt lassen Sie aber unser Kind nicht länger warten.«

Helmstedt verließ mit Morton, der nach der Hintertür des Hauses ging, das Zimmer zu gleicher Zeit; als er aber am Eingange zum Parlor angelangt war, blieb er stehen und drückte die Hand gegen die Stirn; er fühlte sich wie im Traume. Durch die Tür drang Ellens Stimme, derselbe klare, weiche Ton, der ihm tags zuvor im Gerichtssaale wie Rettung ins Ohr geklungen – »Ich komme, ich folge deinem Sterne, wohin er auch führen mag!« sagte er halblaut und öffnete die Tür.

Im Diwan, nahe dem Fenster, saß Ellen, den Kopf in die Hand gestützt, und ein leichtes Rot schoß in ihr bleiches Gesicht, als der junge Mann eintrat. An einem Seitentische stand Pauline und schien in den dort liegenden Büchern zu blättern, aber Helmstedt bemerkte sie nicht. Er ging auf das Mädchen los und kniete schweigend vor ihr nieder. »Willst du mich denn annehmen, wie ich bin?« sagte er. »Willst du dich denn an mich ketten und mit mir tragen, was da kommt, Leid und Freude, Sonnenschein und Sturm?« Sie bog sich zu ihm nieder, umschlang seinen Nacken und legte den Kopf gegen den seinigen. »Warum fragst du denn noch, August? Habe ich dir denn nicht gesagt, daß ich nicht wieder von dir gehe?«

Die Tür klappte leise, Pauline hatte das Zimmer verlassen, aber die beiden Glücklichen hörten es nicht.

Die kurze Abenddämmerung desselben Tages ging bereits in Dunkelheit über, als Helmstedt, aus der Stadt zurückkehrend, das Gattertor an Mortons Besitzung öffnete und bei dem Hause wieder vorfuhr. Morton schien nach den Ankommenden ausgesehen zu haben und trat in den Portico heraus, eben als Helmstedt die weibliche Gestalt, die den Sitz mit ihm geteilt, aus dem Wagen hob. »Alles in Ordnung?« fragte der alte Pflanzer. »Das ist meine Frau!« sagte der Angekommene und schlug den Schleier von Ellens errötendem Gesichte. Morton bog sich zu ihr hinab und küßte sie. »Denke, es sei der Kuß deines Vaters, Kind,« sagte er, »wenn der auch jetzt noch zu hartköpfig dazu ist, und Gott gebe euch beiden seinen reichsten Segen! – Er ist hier gewesen, der Alte,« fuhr er fort; »ich ahnte doch schon heute morgen das Rechte; geht jetzt nur zuerst nach dem Parlor, dort liegt ein Brief von ihm, nachher sprechen wir weiter!«

Als sie die Halle betraten, schritt aus einem Winkel eine dunkle Gestalt hervor, die Ellens Hand faßte und sie gegen ihre Lippen führte. »Sara!« rief diese überrascht, »was tust du denn hier?« und die Schwarze brach in ein halbunterdrücktes Schluchzen aus. – »'s ist schon recht, Kinder, werdet alles verstehen«, sagte Morton. »Geh jetzt nach der Küche, Mädchen, und das übrige wird sich finden.«

Der erleuchtete Parlor war leer, auf dem Mitteltische aber lag in die Augen fallend ein dicker Brief. Helmstedt half erst seiner jungen Frau aus den Hüllen, dann griff er, während sie ihre Hände auf seinen Schultern ruhen ließ, nach dem Schreiben und öffnete es mit gespannter Seele. Es war an ihn gerichtet und enthielt als Beilage ein kleines Buch. Der Inhalt desselben lautete:

»Sir!

Meine Tochter hat den von ihr eingeschlagenen Weg weiter verfolgt, und ich komme zu spät, um sie vor einem unausbleiblichen trüben Geschicke zu bewahren. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe, denn kaum weiß ich, wie Sie nach dem Vorgefallenen anders hätten handeln können; ich will Ihnen auch zugestehen, daß ich bei der geringen Zeit und Gelegenheit, welche Sie in meinem Hause hatten, nicht an eine vorsätzlich gesponnene Intrige Ihrerseits glaube – ich mache auch meiner Tochter keine Vorwürfe, diese fallen alle auf mich selbst und die Art, wie ich mein gewesenes Kind erzog, zurück. Bei alledem werden Sie einsehen, daß Ihr heute getaner Schritt Ellen für alle Zeit aus ihrer Familie ausschließen muß, und ich kann deshalb nichts weiter tun, als Gott bitten, daß er sie vor zu großem Unglück bewahre, wie ich für jeden Fremden beten würde, und ihr beigehend das ihr gehörende Eigentum zu übersenden. Dahin gehört die Überbringerin: Sara; ein Bankbuch, worin der aufgesammelte Betrag des für Ellens Nutzniesung bestimmt gewesenen Stückes Farm in den einzelnen Depositen verzeichnet ist und zu ihrer Verfügung steht, zusammen 1125 Dollars. Sollte sich noch Eigentum von ihr im Verwahr der abwesenden Mutter befinden, so hat diese heute Auftrag erhalten, es sofort an Mr. Morton für sie abzusenden. Das ihr zugehörige Pferd hat sie bereits heute morgen an sich genommen, ich füge aber hierzu noch das von Ihnen selbst, Sir, gerittene, da ich dieses Ihnen, wenn auch unter anderen Umständen, überlassen hatte. Jeden Versuch zu einer Kommunikation mit mir oder Ellens Mutter wollen Sie gefälligst unterlassen, da uns keiner Ihrer Briefe erreichen würde. Möge Ellen ihre zu früh gewonnene Selbständigkeit nicht zu früh zu bereuen haben.

Elliot

Helmstedt sah noch, nachdem er ausgelesen, einen Augenblick wortlos auf die Zeilen; er hatte anderes, Schlimmeres erwartet. Als er aber den Blick in das Gesicht seiner schweigenden jungen Frau warf, sah er ihre Augen in hellen Tränen glänzen. »Es wird gewiß noch alles ganz gut werden, August«, sagte sie leise. »Ich kannte meinen Vater, und wenn er sich auch jetzt zwingt, hart zu sprechen, so kann er sein Herz doch nicht ganz von mir reißen. Jetzt haben wir doch schon einen Anfang und brauchen keine Hilfe von anderen Leuten, und laß nur eine Zeit verstreichen, bis er dich ganz hat kennen lernen, und es wird alles vergessen und vergeben sein!«

Es klang so wunderhübsch in dem Munde dieses jungen, verwöhnten Kindes: »Wir haben doch schon einen Anfang!« daß Helmstedts ganze Seele hätte lachen mögen. »Halte fest an mir, du mein ganzes Glück,« sagte er und drückte sie an sich, »und ich will dich tragen, daß kein Stein deinen Fuß berühren soll, solange ich selbst noch aufrecht stehe!«

Sie wurden durch Mortons Eintritt unterbrochen. »Ich störe euch, Kinder,« sagte er, »aber das wird euch wohl noch oft in euren glücklichsten Lebensstunden passieren – Glück und Trauer liegen oft kaum einen Schritt voneinander. Wir müssen einen Besuch beim alten Isaak machen, Mr. Helmstedt, es wird aber wohl unser letzter sein – kommen Sie!«

»Ist er so krank geworden, oder ist sonst etwas mit ihm vorgegangen?« rief der junge Mann besorgt; Morton aber antwortete nicht, öffnete die Tür und schritt den beiden die Treppe hinan nach dem Zimmer voraus, in welchem Helmstedt den Pedlar am Abend vorher verlassen.

Der alte Mann lag mit geschlossenen Augen in seinem Bette – die weiße Decke, die ihn einhüllte, war mit Blut gefärbt. Seine abgemagerte Hand ruhte neben einem offenen Notizbuche vor ihm; zur Seite des Lagers stand ein Arzt, dem chirurgischen Bestecke nach zu urteilen, das er eben zusammenwickelte, und am Fuße des Bettes lehnte Pauline, die indessen beim Eintritte der jungen Leute das Zimmer verließ. Helmstedt war rasch bis zum Lager vorgegangen, warf einen Blick auf die Umgebungen und dann in das bleiche, unbewegliche Gesicht des Daliegenden.

»Ist er tot?!« sagte er nach augenblicklicher Pause mit erschütternder Stimme.

»Das Leben scheint ihn schon seit länger als zwölf Stunden verlassen zu haben«, erwiderte der Doktor. »Er hat augenscheinlich während der Nacht einen Blutsturz bekommen – wie lange er aber nachher noch gelebt, läßt sich nicht bestimmen; jedenfalls scheint er schon vorher eine Ahnung von seinem Ende gehabt zu haben, nach der Art von Testament zu schließen, welches sich hier in seinem Notizbuche findet.«

»Ja, er ist tot, der alte Kamerad!« sagte Morton und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Er hat ausgewandert, und sein Kasten wird ihn nicht mehr drücken – möchten wir nur alle so leicht aus dem Leben gehen, wie er es getan.«

Helmstedt faßte die kalte Hand des Toten. »Aber um Gottes willen,« rief er, »ich habe doch letzte Nacht ein langes Gespräch mit ihm gehabt, und es war heute fast Mittag, als ich wegfuhr, und auch da schien noch niemand etwas zu wissen.«

»Sehen Sie ihn nur an, ob er nicht aussieht, als schliefe er in voller Harmlosigkeit,« sagte Morton; »so fand ihn Cäsar, als er heute morgen ins Zimmer sah, und ging zurück, um ihn nicht zu stören; so ließ sich dieser das zweitemal, kurz vor Mittag, täuschen, und erst als ich nachmittags selbst mit heraufging, um nach dem alten Manne zu sehen, wurde das Blut auf dem Bette wahrgenommen, und wir merkten, wie die Sachen standen. Ich schickte nach dem Doktor hin, um nichts zu verabsäumen; aber, wie er sagt, der Tod hat wahrscheinlich schon während der Nacht stattgefunden. – Da sind seine letzten Zeilen, die er für Sie aufgeschrieben hat,« fuhr Morton fort und reichte dem jungen Manne das Notizbuch vom Bette. »Lesen Sie vorläufig – ich denke, der Coroner, nach dem ich aller Vorsicht wegen geschickt habe, muß in einer halben Stunde hier sein, und dann mögen Sie das Buch ganz an sich nehmen.«

Auf einem ausgerissenen Blatte standen mit sicheren englischen Schriftzügen die nachfolgenden mit Bleistift geschriebenen Zeilen:

»Ich weiß nicht, ob mir nicht während der Nacht etwas Menschliches zustoßen kann, ich habe schon den ganzen Abend Blutgeschmack im Munde und ein sonderbares Gefühl in der Brust; sollte es sein, so bedauere ich es nicht, denn ich habe jetzt nicht viel mehr in der Welt zu tun, und ich bitte nur Mr. Helmstedt, sich meiner Papiere anzunehmen, welche sich in der Tasche dieses Buches befinden. Es sind die Depositenscheine meiner Ersparnisse, welche nach meinem Tode meinem Schwestersohne gehören sollen. Alle die hierfür nötigen Nachweisungen sind auf dem ersten Blatte dieses Buches verzeichnet. – Mr. Helmstedt bitte ich ferner, da ihm sein Stolz doch nicht erlauben würde, etwas von mir anzunehmen, den alten Isaak nicht ganz zu vergessen – sollte aber eine Zeit kommen, wo er doch noch die ihm gemachten Vorschläge annehmen wollte, so bedarf es nur eines Briefes von ihm an das Haus in Neuyork, in welchem er das kaufmännische Geschäft gelernt hat, und er wird offene Aufnahme finden. Im Riverhause befindet sich mein Pedlarkasten im Verwahrsam des Wirtes. Alle Waren darin sollen Cäsar gehören, dem ich manchen Dank schuldig bin; er mag sein Glück noch einmal damit bei Sara versuchen. – Mit meinem Leibe mag geschehen, was da wolle, und meine Seele wird ihren Weg finden ohne menschliches Zutun.

Isaak Hirsch

Das Schriftstück war bis auf die Namensunterschrift mit fester Hand geschrieben und mußte zeitig in der Nacht angefertigt worden sein. – Helmstedt schloß das Buch, legte es unter die Hand des Toten und drückte diese leise.

»Lassen Sie uns jetzt gehen«, sagte Morton nach einer kurzen Stille, »'s ist noch etwas anderes, was ich mit Ihnen ordnen möchte, Mr. Helmstedt; dem Toten mußte zuerst sein Recht werden, doch das Leben hat an Sie heute mehr Anspruch als an irgendeinem anderen Tage. Kommen Sie mit hinunter.

Er öffnete die Tür, ließ die Anwesenden hinausgehen und verschloß sie sodann. Der Arzt verabschiedete sich, sobald sie die Halle erreicht hatten, Morton aber ging nach dem Speisezimmer voraus, wo bereits das Abendessen aufgetragen war und Pauline wartend stand. Sie streckte Helmstedts Frau die Hand entgegen und küßte sie schweigend, als diese sich in ihre Arme warf; dann reichte sie dem jungen Manne die Hand. »Sei'n Sie glücklich, August!« sagte sie in deutscher Sprache, daß diesem bei dem ungewohnten Klange das Herz weich wurde, und ließ ihn eine Sekunde in ein Auge sehen, das lächeln wollte und doch vor Weh nicht zu können schien. Helmstedt drückte ihre Hand in einem Gefühle, das ihm selbst nicht klar war; sie aber zog sie leise hinweg und ging nach ihrem Platze am Tische, wo der singende Teekessel auf sie wartete.

»Einen Augenblick noch, Paully, ehe wir uns niedersetzen!« sagte Morton, »dann sind wir mit allem fertig. Ich möchte heute gern noch einen Menschen glücklich machen, das ist Cäsar, der ganz verdreht tut, seit Sara wieder zurückgekommen ist – und ich glaube, soviel ich heute gesehen, wird ihn das Mädchen nicht wieder fortstoßen. Ist es nicht so, Mary?« rief er der beiseite stehenden Schwarzen zu, und diese ließ ein kicherndes: »Ich glaube selbst, Sir!« hören. »Sara ist jetzt euer Eigentum, Kinder,« fuhr er fort, »und Ellen, die von Jugend auf an sie gewöhnt ist, wird sie schwer entbehren können, darum tut mir die Liebe, nehmt Cäsar zu euch und laßt die beiden miteinander wirtschaften – betrachtet den schwarzen Burschen als eine kleine Gabe zu eurer Hochzeit, und wenn ihr meint, er sei zu viel fressendes Kapital für euere jetzigen Verhältnisse, so vermietet ihn an ihn selbst; er ist ein tüchtiger Zimmermann, der so viel verdienen kann, als er nur will. Wenn er euch auch eine ordentliche Miete für sich zahlt, so wird er doch noch Geld genug überlegen können, um selbst ein kleines Vermögen zu sammeln, und niemand wird glücklicher dabei sein als er selber. Abgemacht, wie?«

»Ich kann doch nichts dagegen sagen, wenn heute noch jemand glücklich gemacht werden soll?« erwiderte Helmstedt, seine Hand in die Mortons legend; »im übrigen aber unterwerfe ich mich allem, was meine kleine Frau über Verhältnisse der Art beschließen wird; ich habe auch wohl noch nicht die Spur von Kenntnis darin – und auch wohl kein eigentliches Recht!«

»Das wird sich alles später finden und ordnen. Heute abend scheint Mistreß Helmstedt noch nicht viel von dem eigenen Rechte wissen zu wollen!« lachte Morton und warf einen Blick voll Laune auf die junge Frau, die still an Helmstedts Arme hing. »Geh, Mary,« rief er der Schwarzen zu, »und sage den beiden, wie es steht, ich werde nachher selbst kommen und ihnen eine Predigt halten. Und nun zu Tische, Kinder.«

Eine halbe Stunde später geleitete Morton das junge Paar nach dem Hinterzimmer, in welchem Helmstedt am Morgen desselben Tages Ellen getroffen, und das vorläufig zur Wohnung für beide eingerichtet worden war. Er schüttelte Helmstedt derb die Hand, küßte Ellen auf die Stirn – und die Tür schloß sich hinter beiden. Morton ging nach einem der hinteren Flügel des Hauses, wo sich die Küche befand, aus welcher sich dann und wann das eigentümliche Lachen fröhlicher Schwarzen hören ließ.

Pauline hatte, schon als sich das Abendessen seinem Ende zuneigte, still das Speisezimmer verlassen und im Dunkeln ihr Schlafzimmer gesucht. Da kniete sie vor ihrem Bette nieder und drückte den Kopf in die Kissen. Lange blieb sie so, und nur ein zeitweiliges Zusammenzucken ihres ganzen Körpers ließ auf den Zustand ihres Innern schließen. Als sie sich endlich erhob, verriet nichts als noch ein unwillkürliches Schluchzen die überwundene Aufregung. Sie tauchte ein Tuch in das Wasser auf dem Waschtische und preßte es gegen die Augen; dann ging sie ruhig nach dem Parlor, um dort Mortons Rückkehr abzuwarten.

 

Druck von Hesse & Becker in Leipzig

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